Armes Deutschland

6 07 2009

Deutschland ging es gut. Die Versandhäuser schliefen in ihren Katalogen, das Wochenende stand vor der Tür, die Gewitter hielten sich an die Hausordnung und donnerten nur leise, um den Büroschlaf in der Anstalten nicht mehr als nötig zu stören. Das Sommertheater summte Pausenzeichen, die Sauen, die man noch kurz zuvor durchs Dorf getrieben hatte, ruhten sich in der Kühltheke aus und markierten staatstreue Schnitzel. Nichts ging mehr. Deutschland träumte. Ganz Deutschland?

Scharfe Kritik übte der Berliner FDP-Spitzenkandidaten Martin Lindner an den bestehenden Zuständen. Firmenpleiten, steigende Arbeitslosenzahlen und eine Rekordverschuldung – taumelte Deutschland in eine Inflation? Der Kandidat schlug vor, die Regelsätze der Hartz-IV-Empfänger um 30 Prozent zu kürzen. Die Republik atmete auf. Endlich ein Zeichen. Endlich ein Ruck.

Hatte man zunächst mit harschen Protesten gerechnet, so fand der Vorstoß schon bald die ersten Befürworter. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Einzelhandel-Hauptverbandes, stellte sich demonstrativ hinter den Liberalen; Kaufkraft sei nicht alles, vor allem in strukturell benachteiligten Schichten müsse man sehr sorgfältig zwischen Angebot und Nachfrage abwägen. Es wäre ja nicht auszudenken, wenn die sozial Schwachen dem Mittelstand die letzten Konsumgüter vor der Nase wegkauften – noch dazu in einer Phase, in der die sinkende Produktion der Arbeitslosengesellschaft das Warenangebot immer mehr zu verringern drohe.

Philipp Mißfelder war zunächst zu einer Stellungnahme nicht zu erreichen.

DGB-Chef Michael Sommer schlug in dieselbe Kerbe. Genereller Wohlstand sei in diesem Land nicht zu machen, so der Gewerkschaftsgrande, man müsse sich mit der sozialen Schere arrangieren. Die Wiederannäherung der sozialliberalen Kräfte setzte zum großen Sprung an. Hier entstand Geschichte.

Lindner hatte es wohl zu deutlich gesagt. In einem Fernsehinterview fühlte er sich genötigt, seine Forderungen noch ein wenig unpräziser zu formulieren. Es sei wichtig, darauf zu achten, dass das Geld bei den Richtigen ankomme und nicht bei den Faulpelzen. Der Bundesfinanzminister murrte hörbar. So habe man nicht gewettet. Aber es war schon geschehen und stand nun Knopf auf Spitz.

Nicht nur Showgrößen aus dem Reichstag mengten ihre Stimmen in die Debatte, auch ernst zu nehmende Landsleute warfen ihr Wort in die Runde. Die Boulevard-Schlagzeile Das Volk der Fresssäcke animierte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, ein Machtwort zu sprechen: Schluss mit Fertigfritten, das Zeitalter der Gourmandise sei vorbei. Thilo Sarrazin empfahl, die kalte Küche für Leistungsverweigerer zur Pflicht zu machen. Warme Mahlzeiten, so der ehemalige Verwalter der Metropol-Finanzlöcher, seien ohnehin ein Zeichen von Verweichlichung. Sarah Wiener sprang in die Bresche und brachte schnell einige hippe Snacks für das Prekariat auf den Bildschirm. Sushi sei auch für Nichtstuer eine proteinreiche, ausgewogene Kaltkost, ja selbst die Perlhuhnbrust an Kurkuma-Kerbel-Jus läge im Niedrigtemperatursegment. Auch Schmarotzerpack dürfe nach Herzenslust schlemmen.

Weiterhin hielt sich Philipp Mißfelder bedeckt.

Da bekam der frei drehende Demokrat Angst vor der eigenen Courage. Hurtig wiegelte er ab, die Langzeitarbeitslosen zu bezahlter, gemeinnütziger Arbeit heranziehen zu wollen und ihnen erst dann die Stütze wegzuziehen. Allein er hatte die Rechung ohne die Textilwirtschaft gemacht. Aus dem Stall von Karl Lagerfeld drangen die ersten Skizzen der Trash-Kollektion, zerfetzte Nietenhosen, schweres Leder mit durchgescheuertem Ellenbogen, fransig hängende Business-Anzüge mit löcherigen Taschen. Wolfgang Joop konterte mit dem Cocktailkleid im Used-Look: handzerschlissene Maulbeerseide traf auf fadenscheinigen Samt. Die Industrie jauchzte. In wenigen Wochen entstanden Tausende Jobs, um die Stoffe manuell abzuwracken – in Bangladesch.

Lindner schwitzte. Alles sprach von seiner Idee, aber keiner von ihm. Er nahm einen weiteren Anlauf, die FDP wieder in die Nähe des gesunden Menschenverstandes zu bringen. Die soziale Sicherung könne man auch überdrehen; die Leute hätten keine Lust mehr, im Dienstleistungsgewerbe weniger als Hartz IV zu bekommen. Dies sei falsch. Die Sozialdemokraten warfen ihm vor, eine neue Neiddebatte zu führen. Die FDP distanzierte sich von ihrem Berliner Spitzenmann. Mindestlohn ja, aber nicht mit der populistischen Brechstange.

Die ersten Kundgebungen fanden statt. Unter dem Slogan Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen solidarisierte sich das Erwerbslosen Forum Deutschland mit den Textilarbeitern in Bangladesch. Einträchtig standen die Schwachen zusammen, die globale Perspektive für ein höheres Ziel im Auge behaltend.

Der medienpolitischer Sprecher hatte die Macht seiner Worte unterschätzt. Die nächtlichen Anrufe rissen nicht ab. Anonyme E-Mails verstopften sein Postfach. Als ihm Heimkinder auf offener Straße ein Ständchen sangen, brach er zusammen und flüchtete in den Angriff. Es gehe ihm nicht um ältere Menschen oder Alleinerziehende, sagte er in einem Interview. Wer jung, gesund und nicht zur Sorge für andere verpflichtet sei, solle die Chance auf Beschäftigung im kommunalen Dienst erhalten.

Man raunte sich zu, Martin Lindner habe dem öffentlichen Druck nicht standhalten können. Er sei bis zur Wahl im Sanatorium. Doch man wusste nichts Genaues. Philipp Mißfelder schwieg.


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