Die kritische Masse

7 07 2009

Die letzten beiden Tage waren in gespannter Ruhe verlaufen. Noch am Abend des 6. Oktober verkündete die Aktuelle Kamera, die Freie Deutsche Jugend bereite tatkräftig die Feier zum 60. Jahrestag der Staatsgründung vor. Mit weicher Stimme kommentierte die alternde Angelika Unterlauf die Bilder der begeisterten Pioniere, die die Strecke zwischen Brandenburger Tor und Marx-Engels-Platz für den Fackelzug von Papierresten und spärlichem Laub befreiten. Ein Einspieler zeigte das Grußwort Karl-Eduard von Schnitzlers; der schwarze Kanalarbeiter war dement, er berichtete vom Frühstück mit seinem Zimmernachbarn Lenin, doch das fiel nicht weiter auf. Man war gewohnt, dass die Fernsehsendungen inzwischen komplett synchronisiert wurden.

Jubelnde Menschenmassen säumten die Straßen der Hauptstadt, als Sahra Wagenknecht die Militärparade abnahm. Die Staatsratsvorsitzende winkte neben dem Ehrengast Kim Jong-il den Resten der Nationalen Volksarmee zu, die die Allee hinunterrasselten. Einige Dutzend Panzer und Raketenwerfer, größtenteils Dauerleihgaben der Demokratischen Volksrepublik Korea, fuhren im Kreis um das Staatsratsgebäude, um für die Abendnachrichten eine nicht endende Kette an Waffenfahrzeugen zu simulieren. Starr blickten die Offiziere des MfS in der zweiten Reihe; es gab keine Verschnaufpause, das Volk musste jauchzen und strahlen.

Aber das Volk strahlte nicht. Es gab in diesem Jahr wieder Kartoffeln und die Lieferzeit für den Trabant 613 betrug im Durchschnitt nur noch 37 Jahre. In den Seitenstraßen braute sich etwas zusammen. Wer an diesem Montag Westfernsehen empfing, der sah, wie eine Magazinsendung die im Internet kursierenden Videos kommentierte. Hacker hatten den Server des MfS geknackt. Alles war auf einmal verfügbar. Allerdings nicht für die DDR. Netzanschlüsse gab es ebenso wenig wie Mobilfunk oder Computer.

Schon nachmittags kamen die ersten Menschen zusammen. Während die Elite sich nach Wandlitz zurückgezogen hatte und bei Wachtelbrüstchen an Blattgoldrisotto die Diktatur des Proletariats hochleben ließ, marschierten sie durch die Innenstädte. Die Volkspolizei stellte keinen ernsthaften Widerstand dar. Munition gab es schon seit Monaten nicht mehr.

Bundeskanzler Wolfgang Schäuble hatte die Nachricht als erster bekommen. Das Kabinett trat eilig zusammen und beratschlagte. Man wollte abwarten, wie sich die Situation entwickeln würde. Immerhin hatten die östlichen EU-Nachbarn Polen und Tschechien ihre Zusammenarbeit auf allen Gebieten zugesagt. Man war bereit, auch in einer heiklen Situation schnell zu handeln. Die ersten Bundeswehrverbände wurden unauffällig an der innerdeutschen Grenze zusammengezogen. Für die nächsten Stunden herrschte wachsame Stille.

Dann zerstreuten sich die Kundgebungen. Das Politbüro atmete auf. Wagenknecht haspelte einige ihrer alten Sprüche im Staatsfernsehen ab – „Den Stalinismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“ – und bereitete sich auf die Prunksitzung der Volkskammer vor. Reden wollten geschwungen, Phrasen gedroschen werden. Das Volk würde die seit Monaten versprochene Ketwurst essen. Danach wäre Ruhe. Doch sie hatten sich alle getäuscht.

Immer mehr geheime Bilder tauchten auf. Die Sekretärin für Agitation und Propaganda der FDJ Angela Merkel versuchte, die Proteste abzuwiegeln; sie bezeichnete die Videos als systemkapitalistische Hypnoseversuche, die von Konterrevolutionären ins Weltnetz eingespeist worden waren. Sie mahnte zur Geschlossenheit. Allein ihr Appell fruchtete nicht, denn keiner hatte mehr als Bruchstücke gesehen. Sie wollten die ganze Wahrheit. Sie hatten genug von den Lügen und der Maskerade.

Hunderttausende kamen, Millionen. Über Buch und Schmöckwitz betraten sie die Stadt, vom Dom und vom Spittelmarkt brachen sie herein, die Massen vom Alexanderplatz drängten zur Mauer. Der Kanzler war konfus. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die kritische Masse sich so rasch hatte bilden können. In fieberhafter Eile spielten sie die Szenarien durch: Zerstörung des Schutzwalls, Evakuierung der Bundeshauptstadt, Einrichten eines Kriegsgefangenenlagers für die alte DDR-Regierung. Wie sollte man den Ostdeutschen begegnen? Was wollten sie? Brot oder die CDU? Es gab viele Fragen und keine Antworten.

Bundesjustizminister Wiefelspütz kam eilends aus dem Ministerium. In einem Vieraugengespräch gab er dem Regierungschef die erlösende Auskunft. Eine Tötung würde nicht als Verletzung des entsprechenden Artikels betrachtet, wenn sie durch eine Gewaltanwendung verursacht würde, die unbedingt erforderlich sei, um einen Aufruhr oder Aufstand rechtmäßig niederzuschlagen. Die Verfassung der EU gab also grünes Licht, um die SED-Bonzen legal aus dem Weg zu räumen – oder wen auch immer. Nun konnte man die Menge schon vom Großen Stern aus hören. Die Stimmen schwollen zu einem machtvollen Chor, der rhythmisch die Losung des Volksaufstandes skandierte: „Wir wollen freies Internet, wir wollen Bürgerrechte!“ Die Mauer bröckelte. Die ersten Plattenteile wankten, ein Segment nach dem anderen begann zu kippen.

Der Kanzler gab Schießbefehl.

Unterdessen war Kim Jong-il leicht verärgert, dass er keine Wachtelbrüstchen mehr bekam. Um diplomatische Verwicklungen zu vermeiden, ging man zu den sautierten Jakobsmuscheln in getrüffeltem Rieslingschaum über.


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4 Antworten

7 07 2009
VEB wortfeile

cleveres gedankenspiel mit zeit und personal. mir kommt es manchmal vor, als hätte das eiserne, einseitige denken manche gehirne hinter beiden vorhängen nie verlassen. eine schier unüberwindliche gedankenschlucht. ich stimme jedenfalls auch für reisefreiheit im kopf und im internet. das blaue abendkleid von angie in der oper war wohl doch nur ein aufgepptes blauhemdchen. schon sehr merkwürdig, wie wenig die meisten zensurgeschädigten ostdeutschen gegen die einschränkung der meinungsfreiheit unternehmen. mein kopf gehört mir.

7 07 2009
bee

Ja, manchmal (also: ganz manchmal) habe ich auch den Eindruck, diese gute alte Zeit war für viele besser. Man hatte seine Feindbilder, hüben und drüben konnte man noch fleißig Sonntagsreden halten für ein Ziel, das sowieso unerreichbar bliebe – und dann passierte das mit der Maueröffnung. Das Schlimmste war, man konnte den Revolutionären (auf deutschem Boden, was für eine Frechheit! in einem Land, über dem das unsichtbare Schild Rasen betreten strengstens verboten schwebt!) nicht einmal etwas vorwerfen. Sie waren das Volk. Dumm gelaufen.

Heute sagen sie das, was sie schon immer gesagt haben: dass sie es schon immer gesagt hatten.

Das alles ist eine Folge von Lügen und Propaganda auf beiden Seiten, die bisher nicht aufgehört hat. Weil Denken zu schwer ist.

7 07 2009
VEB wortfeile

oh ja, im vorwerfen waren wir auch schon immer gut. nur nicht im fehler zugeben und verantwortung tragen. wenn man sich die threads zu ost-west-themen durchliest, stößt man schnell auf betonartige klischees. so flexibel, wie die menschen oft vorgeben zu sein, sind sie lange nicht.

8 07 2009
bee

Die Mauer ist ein seltsam Ding. Es erinnert mich gerade an den Bericht eines Bekannten (ein gebürtiger Hamburger, aufgewachsen in Kiel), der nach Leipzig übergesiedelt ist und dort seit fast zehn Jahren mit seiner Familie lebt. Pikanterweise sagte ein Berliner (kurz nach der Wende von Ost nach West gewechselt) mal zu ihm: „Ja, Ihr Scheißossis – nix gelernt und jetzt die Klappe aufreißen!“ Dies Ost-West-Konstrukt scheint für unsere Gesellschaft derart konstituierend zu sein, dass man es ins Nationalbewusstsein aufnimmt wie eine konfessionelle Unterscheidung.

Ich hoffe auf die Generation, die dieses ganze deutsch-deutsche Ding nur aus dem Geschichtsunterricht kennt; ich hoffe aber auch auf Geschichtsbücher, die frei von Vorurteilen sind, was die Mauer in den Köpfen angeht.

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