Zugedröhnt

14 07 2009

„La-laa-laa-lallalalla-laaaa… Elvira España… la-lalla… hups! lallla… lala… Elvira… hick!“ „Sagen Sie mal, was hat denn der Kerl bloß intus? Der ist ja voll wie eine Haubitze!“ In der Tat erweckte der Proband den Eindruck, als sei er kurz nach dem Verlust der Muttersprache auch schon völlig im Eimer. Der junge Mann torkelte wie besinnungslos durch den Versuchsraum, wobei er zielsicher in die Stapelstühle lief. Seine Beine stotterten. Er hielt sich mühsam aufrecht und vollführte mit den Armen grobmotorische Gestik. Professor Geelhaar betrachtete es mit der akribisch-mitleidlosen Kälte des Wissenschaftlers. Es störte ihn durchaus nicht, dass sich der jugendliche Delinquent gerade das Nasenbein empfindlich an der Trennscheibe eingedellt und den Steiß an einem der Holzhocker angehauen hatte. „Sie erleben hier eine Sensation“, erläuterte der Psychologe, „die Drogenforschung steht vor einem entscheidenden Durchbruch.“

Man hatte den armen Kerl offensichtlich mit Fusel betankt und dann in den Raum gesperrt. „Aber nein! Sehen Sie die Nasenstöpsel?“ In der Tat, der Saufkopf hatte zwei weißliche – sie waren einmal weiß gewesen, jetzt spielte die Farbe eher in einen Grünton – Pfröpfe in den Nasenlöchern. Was hatte das zu bedeuten? „Wir verabreichen ihm die Substanz durch die Nasenschleimhaut.“ Also hatte der hier eine halbe Schnapsfabrik geschnieft?

Kevin Koczanowski, das Versuchskaninchen mit dem Druckpegel in der Blutbahn, hatte keinen Korn in der Nase. „Es handelt sich um neuartige Substanzen, die sich sehr genau dosieren lassen. Wir arbeiten noch an den Nebenwirkungen. Aber es lässt sich schon gut einsetzen.“ „Das ist unverantwortlich, Herr Professor“, wandte ich ein, „morgen wird er einen ungeheuren Brummschädel haben, wenn er diese Alkoholvergiftung überhaupt übersteht!“ „Es ist aber gar kein Alkohol! Es ist ein Surrogat. Wir testen in dieser Versuchsreihe, wie die Drogen in der jeweiligen Dosierung und mit ihren entsprechenden Zusatzstoffen wirken. Besser als eine klinische Studie mit Ethanol intravenös. Und viel exakter.“ „Und was hat er sich nun in die Nase gepfiffen?“ „Industriealkohol, Würfelzucker, Konservierungsmittel und künstliche Farbstoffe, vermischt mit naturidentischen Aromastoffen.“ „Sie meinen Sangria?“ Geelhaar nickte. „Sie beginnen langsam zu begreifen, mein Lieber.“

Wir wanderten ein Fensterchen weiter. Von fern hörte man die Schnapsdrossel herumkrakeelen, er musste bereits eine Blutalkoholkonzentration haben wie ein Maurer nach drei Tagen Ballermann ohne feste Nahrung. „Achten Sie auf die Artikulation des Probanden.“ Der Mann mit der Vogelnestfrisur schwatzte ununterbrochen. „Wir können die bereits im letzten Quartal optimierte Positionierung der Me-too-Streichwurstprodukte konsolidieren, indem wir den Double Insight des Mainstream-Consumers über ein Sound Branding tangieren.“ Es kam mir seltsam bekannt vor, aber ich schwieg. Zu peinlich war die Situation. „Wenn wir jetzt in Time-to-market den Target des integrierten globalen Marketing erreichen, können wir aktiv daran arbeiten, die zielgerichtete Qualität von integrierter Markenweltkommunikation mit strategischen Innovationen zu synchronisieren. Der Reason-Why kann uns helfen, die Synergien von Penetration und engpasskonzentrierten Szenarien zu dynamisieren!“ Mich fröstelte. Was hatte man dem Ärmsten bloß gegeben? „Gar nichts. Als wir anfangen wollten, haben wir festgestellt, dass er bereits völlig zugekokst war.“

Die nächste Kandidatin schlief fast im Stehen ein. Mit herabhängenden Mundwinkeln leierte sie eine fade Litanei herunter. „Aber auch von innen ist die Europäische Union ein wunderbares Haus.“ Ihre Augen klappten zu. Ruckartig riss sie sich in die Höhe. „Es ist die Toleranz. Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz.“ „Was haben Sie denn mit der gemacht?“ „Sie werden es nicht für möglich halten: Chloroform! Unglaublich, was sie alles verträgt. Wir haben es in sie reingepumpt wie in einen Schwamm, und sie steht immer noch – naja, Stehen… also so halbwegs – und seiert ihren Sums herunter.“ „Ja, meine Damen und Herren, die Toleranz ist eine anspruchsvolle Tugend. Sie braucht das Herz und die Vernunft. Sie verlangt uns etwas ab. Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz. Toleranz. Toleranztoleranz. Toleranz. Ranz. Anzanz. Anz.“ Erschüttert ging ich hinaus.

Das Männchen geiferte und kreischte. Es schüttelte drohend mit der Faust. „Deshalb ist es, auch im juristischen Sinn, eine verleumderische Behauptung, ich hätte serienweise Gesetze vorgelegt, die vom Verfassungsgericht kassiert worden sind! Das trifft auf Gesetze früherer Regierungen und auf Ländergesetze zu! Von mir gibt es kein Gesetz, das von Karlsruhe kassiert werden musste!“ Ich fühlte ein Würgen in meiner Kehle aufsteigen, doch Professor Geelhaar legte mir besänftigend die Hand auf die Schulter. „Ich bin für die Achtung der Verfassung in der Bundesregierung zuständig!“ „Nun, nun! Sie müssen nichts fürchten. Erstens kommt er sowieso nicht aus dem Rollstuhl, und zweitens ist das hier Sicherheitsglas.“ Das Männlein schrie und spie. Speichelfäden rannen von seinen Mundwinkeln. „Ich rate jedem, mich nicht als permanenten Verfassungsbrecher zu verleumden!“ „Sagen Sie mal“, fragte ich, „was haben Sie dem denn gegeben? Heroin? Ketamin? LSD?“ Der Psychologe blickte mich erstaunt an. „Gegeben? Wir haben doch bloß seine Medikamente abgesetzt!“


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2 Antworten

17 07 2009
Morla

Herrlich! Ich konnte endlich wieder richtig lachen – auch und obwohl es ein trauerspiel ist. Danke vielmals1

17 07 2009
bee

Das ist vermutlich Teil der Strategie: das Volk darf nicht zu viel Pillen werfen, damit für die anderen noch genug übrig bleibt…

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