Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVIII): Klassentreffen

18 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Mensch wird, in Ketten geboren oder wenigstens in Familienverhältnissen, die nicht sehr viel mehr Hoffnung erzeugen, irgendwann den grandiosen Moment verspüren, in dem er seine Reise ins Licht antritt. Schulschluss. Freiheit. Keine Turnstunde mehr, keine Klassenarbeiten, vor allem: endlich nicht mehr diese Schicksalsgemeinschaft aus Gesichtsübungsfeldern und Körpergeruch, die einem jeden Tag die Frage ins Hirn zwingt, warum vorsätzliche Raumkrümmung keine Straftat ist. Endlich die ganze Brut mit einem Knopfdruck entsorgt, auf Nimmerwiedersehen abgehakt, das Leben beginnt und die gesammelten Hohlkörper bleiben da, wo sie auf dem Feldweg festgewachsen sind. Das Leben ist eine Herausforderung, und es riecht nach Abenteuer. Beispielsweise dann, wenn der Postbote nach gefühlten achtzig Jahren eine grellbunt aufgemotzte Drucksache in den Briefschlitz stopft, die mit drittklassigem Gereime zur Wiedervorlage des Honkrudels auffordert. Die reitenden Leichen kehren zurück, und sie haben das Klassentreffen im Gepäck.

Klassentreffen, das ist der Augenblick, wo man sich entscheidet, widerliche Infektionskrankheiten als Teil des Daseins ganz einfach anzunehmen, wenn man dafür das Haus nicht verlassen kann – oder aber robuste Stabilisierungsmaßnahmen zu erproben, um durch teilnehmende Beobachtung zu erforschen, ob die Unterseite des Durchschnitts inzwischen gelernt hat, sich zwei Atemzüge lang im aufrechten Gang zu bewegen. Man kann ihnen auf Dauer nicht ausweichen, das Gezücht wächst irgendwann unter der Tür durch – und irgendwann findet man sich in einem aufreizend überflüssig dekorierten Festsaal, umgeben von Halb- und Volleulen, die alle direkt aus der Schule mit der großen Uhr hereingekrochen sein müssen.

Zunächst sortiert der prüfende Blick die anwesenden Beknackten in mehrere Kategorien, deren größte die Insassen des Bildungsbiedertums darstellen: Schubladendenker aus der Klemmklasse mit deutlicher Haftkraft an der Talsohle des Elans. Sind sie über längere Zeit hinweg gröberen Schmerzreizen ausgesetzt, so geben sie die ersten deutlichen Lebenszeichen von sich, meistens Schnappatmung, Jasagen und Nacherzählen doofer Häschenwitze aus dem Erdmittelalter. Rücksicht ist hier fehl am Platze, das Ableben dieser Langweiler ist weder an Hautfarbe noch Reaktionszeit sichtbar, da beides bereits kurz nach Einsetzen der Pubertät den Attributen fortgeschrittener Verwesung ähnelt.

Das andere Extrem, die als verhaltensindividuell ins Langzeitgedächtnis eingeeiterten Rambazamba-Maulwürfe, haben sich an der fortschreitenden Realität meist inzwischen deutlich abgeschliffen. Damals noch Lederjackenträger, Kloraucher und Frauenaufreißer, sind sie inzwischen zu Helden ohne Geschäftsbereich mutiert, können sich nicht einmal Bausparverträge wie die Schnarchsäcke leisten und brechen sich inzwischen die Finger in der Nase ab, um ihr spannendes Leben als Teilzeit-Pokerprofis und Gesichtsmarodeure vollinhaltlich auf die Reihe zu kriegen. Zwischenzeitlich hat kurz der Bildungsnachschub zum Dr. Arbeitslos geführt, bis kurzfristig der alte Rebellengeist sich wieder aus den Knopflöchern durchwurmte und den Typen für alles außer Tiernahrung ungeeignet erscheinen ließ, mehreren Personalchefs wenigstens.

Zwischen Ökofuzzis und Denkamöben fallen vor allem die Unauffälligen auf, die seinerzeit im Höchstfall tangential an einem vorbei existiert haben und allenfalls Laut gaben, um vor der ersten Stunde Mathe, Latein und Deutsch abzupinnen. Unangenehmerweise machen sie hier auf klebrige Kumpeligkeit, waren schon immer die besten Freunde und sonnen sich im Glanze niemals da gewesener Freundschaften; im Grunde hat man die ganzen Jammerlappen, die jetzt Reklame für Apathie und Torschlusspanik laufen, schon immer mit Vollignoranz bedacht und wundert sich, dass sie trotz ihrer Attitüde als glücklich-scheißerfolgreiche Selbstbelüger um Anerkennung betteln und nicht einmal davor zurückschrecken, Telefonnummern zuzustecken, als wären sie auf dem Ball der einsamen Herzen in die Resterunde katapultiert worden. So viel Flauenpower zu entkommen ist mühselig, verbessert aber die Überlebenschancen. Denn es ist verhältnismäßig egal, was das Schicksal in seiner breiten Auswahl an Schlägen für einen bereithält, diesen Bevölkerungsausschnitt mit dem IQ eines mittelgroßen Rasenstücks braucht keiner, der einmal den Weg ins Freie gefunden hat, schon gar nicht im engeren Freundeskreis.

Inzwischen jubelt es einem sogar das Internet schon unter: eine Verbrecherkartei, in der man sich registriert, um spätestens zum Silbernen Abitur in die Sammelstelle für angehende Karnevalsprinzen zurückgestopft zu werden, der man einst mit fliegenden Fahnen entkommen war. Mutmaßlich ist dies die Geschäftsidee bekennender Realsadisten – sie haben es nicht geschafft, also sollen wir in derselben Grütze verdümpeln. Dann doch lieber die schmerzfreie Variante. So eine Briefdrucksache ist schnell in den Container geschoben. Und die Bescheuerten bleiben unter sich.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVII): Postmoderne Inneneinrichtung

11 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Draußen, das ist da, wo die ganzen Spacken herumtapern, sich zielgerichtet vor einem an der Supermarktkasse aufbauen, durch derart garstige Kleidung auffallen, dass es ihres Körpergeruchs eigentlich gar nicht bedürfte, um in unangenehmer Erinnerung zu bleiben, oder aber sich von hinten nahen, um einem voll in die Hacken reinzumöllern und dann auch noch pampig zu werden, als seien sie Gesichtsschmerzfetischisten auf Prügelentzug. Draußen, das ist da, wo alles, was nicht als existent nachgewiesen ist, aber immerhin denkbar wäre, einem ab einer gewissen Luftfeuchtigkeit, Uhrzeit oder Adrenalinmenge schon einmal prophylaktisch am Arsch lecken könnte, bevor es den Zustand des Seienden beglaubigt betreten hat. Das Gegenteil von Draußen ist Drinnen: der Rückzugsraum ins Eigentliche, wo Kollegen, Kanzlerette und Konsumjunkies nichts zu suchen haben und erst recht nichts zu melden. Es sei denn, man muss nach draußen, um anderer Leute Häuser zu ertragen.

Schon Søren Kierkegaard, der komplett ohne Designermöbelkatalog, Farbberatung und Feng-Shui-Seminar erkannte, dass das Bewusstsein, von Flachmaten mit Vollmeise umgeben zu sein, ein furchtbares Gefühl von Einsamkeit erzeugt, ließ keinen Zweifel daran, dass Innerlichkeit zugleich ein Symptom für die Endlichkeit ist – wo Wände im Weg stehen, kann man sich die Flucht schon mal in die Haare schmieren. Nichts ist mit Sportschau, Nachmittagskaffee oder einfach mal Fressehalten, wenn Ästhetikterroristen aus der Nachbarschaft einem den Fluchtweg mit Minimalismus in Buche geflammt versperren. Zu Gast bei Freunden lässt man die Fleischersatz gewordene Profilneurose ohne nennenswerten Widerstand über sich ergehen und sagt auch nichts, wenn der Schmadder vor lauter Scheußlichkeit detoniert und an den Tapeten des Universums klebt. Man bleibt äußerlich, und das ist gemäß Kierkegaard eh ohne Bedeutung.

Der Magen des postmodernen Menschen hält eine Menge aus; je nach Altersklasse hat er sich im Eltern- oder Großelternhaushalt vom Brunftschrei des schlechten Geschmacks in den furnierten Hallkorridoren der Adenauer-Ära die Trommelfelle eindrücken lassen, röhrendes Rotwild, neckische Nöcke und Leda mit dem sterbenden Schwan in Öl auf Pressspanplatte haben seinen Ekel trainiert, die blubbernden Farborgien des Flokati-Dezenniums und die aseptische Heimeligkeit des Wohnklo-mit-OP-Trakt-auf-Krankenschein durchzustehen, bevor das Behausungsbrauchtum endgültig die komplett geräumte Dachgeschossbude zum Status quo und den Horror vacui zum No-Go erklärte: wer die Hose so dick hat, dass seine Klöten eine eigene Postleitzahl brauchen, schreddert Schrankwand und Ledersofas und deklariert die dadurch entstehende Öde zum Nonplusultra, das bei Gelsenkirchener Barock und ähnlichen Verwirrungen hilft. Ob der Beknackte nun in Stammheim, Neukölln oder auf der Veddel vegetiert, Hipness definiert sich aus dem Verhältnis von Mobiliar zu Grundfläche. Weniger ist mehr, noch weniger ist leer.

Man muss keine Geheimdienstausbildung genossen haben, um zu sehen, wie verbissen die Konsumopfer Margarine in die Luftlöcher von Graubrotscheiben kratzen, damit sie sich zum Jahresende den Stahlrohrhocker eines bulgarischen In-Designers leisten können – alles, was kein Einzelstück ist, würde die sorgfältig arrangierte Asymmetrie des Raums zerstören – neben dem eine billige Tàpies-Reproduktion im Heimwerkermarkt-Hinterglasrahmen die Peinlichkeit zu vertuschen sucht, die ein affektiert vor sich hin welkendes Anthurium ins Zimmer zaubert. So wohnlich ist es, dass keiner weiß, wo man die Champagnerflöte parken könnte – aber bestimmt saugen sich die Schöngeisterbahnfiguren die Snob-Brause aus der Pulle rein oder bieten gleich eine Nase Neuschnee an, falls sich Besuch in die Gegend verlaufen sollte.

Das verschwiemelte Wirrwarr auf abgehobelten Dielen demonstriert vordergründig, dass der Bonze von Besitzer eigentlich viel zu wichtig ist, um einer Bleibe überhaupt Beachtung zu schenken; möglich, dass er den kranken Gedanken nährt, wer so wenig Tisch und Stuhl besäße, könnte sich dafür auch mehrere Wohnungen leisten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Bekloppte im Wahn lustloser Tristesse inszeniert ein Eindruck-to-go um sich herum, damit auch ja keine Sau merkt, wie in der aufgebrezelten Kulisse ein sozialamputierter Jammerlappen vor sich hin leidet, weil ihn das Vorrücken der Scham an die tragenden Wände drückt, die er mit Regalen und Beistelltischchen zu verstellen vergessen hat. Da hockt er, winselt mit dem Stylisten um die Wette und hat nicht einmal eine Schublade, um den Neun-Millimeter-Schläfenlocher fürs Finale aufzuheben. Die Beziehung zur Außenwelt lässt selbst den Zahnbelag früher oder später absterben, und wer noch eine eigene Hütte hat, tritt rechtzeitig den Rückzug aus der Parkettsteppe an, bevor Trübsal in die eigenen Synapsen bläst. Lasst die Bescheuerten auf Kacheln kuscheln, wenn die Nacht hereinbricht. Das Mitgefühl setzt ein, sobald die gute, alte Reihenhausnormalität dafür wieder Platz lässt. Denn Drinnen ist das neue Draußen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVI): Jahresrückblicke

4 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Auch der Herbst kann noch schöne Tage haben; zumindest wäre das erträglich, was nach Abzug von Nieselregenwetter, Grippeepidemien, klitschigem Laub unter den Schuhsohlen und dauerdudelndem Weihnachtsliedergeseier in der Discounterhölle davon übrig bliebe, wüsste man nicht spätestens nach einmal Rundherum im Jahrkreis, dass auch die anderen drei Viertel durch saisonalen Vollschrott unangenehm aufzufallen bemüht sind. Mit Heuschnupfen und Sonnenstich liegen sie schon ganz gut im Rennen, doch den Garaus macht der von Beknackten erdachte Versuch, die komplette Grütze von zwölf Monaten in anderthalb Stunden Mageninhalt beim fröhlichen Wiedersehen zu pferchen – den TV-Jahresrückblick.

Während sich das gemeine Volk aus purer Verzweiflung die Birne mit Glühwein aus billigem Pinselreiniger und Mähdrescheröl ostbulgarischer Herkunft wegschießt, um auf die Schnelle alle zur Erinnerung notwendigen Synapsen wegzumarmeln, suhlt sich eine Herde entmenschter Intensivtäter im Faulschlamm der Vergessenheit. Vier Quartale lang rotten Medienkadaver unter Luftabschluss vor sich hin, jetzt füttern sie das wehrlose Publikum mit den Wiedergängern aus dem Massengrab der Sinn- und Geschmacksverwesung. Der Krempel, der ohnehin nur durch Heißlufteinsatz schlagzeilentauglich wurde, darf hier noch mal Dampf ablassen.

Als hätte man das Geplänkel des politischen und gesellschaftlichen Kroppzeugs noch nicht zu den unverdaulichen Resten gekotzt, hier ringelt sich der Matsch mit neuer Kraft aus den Sielen. Abgesägte Minister, verdrängte Singsang-, Darstell-, Hupf- oder sonstige Bohlendohlen röcheln noch einmal aus dem Abfluss, bevor die Spülung sie entweder über den Umweg Dschungelcamp in Madennähe bringt oder sie im Direktzug erledigt. Der untere Rand der Cervelatprominenz, den noch vor sechs Monaten keiner kannte und dessen Name bereits seit einem Vierteljahr gründlich verdrängt wird, hier hopsen die Koordinationsversager, die sonst in der Suppenumrührsondersendung verkocht werden, auf den Schwingen verschwiemelten Faselschwalls in die Arena und verfehlen die Falltür zur Ewigkeit nur knapp. Es gäbe Schlimmeres als ihren gewaltsamen Abgang; ihre Auferstehung nämlich.

Dazu selbstverständlich die Riege derer, die weg sind vom Fenster, größtenteils tot und in fast allen diesen Fällen auch ordnungsgemäß begraben, die von verhaltensgestörten Redaktösen nochmals exhumiert werden und in den Szenen auftreten dürfen, in denen sie dem Zuschauer zwischen den Werbepausen nicht übermäßig auf die Plomben gehen. Es funktioniert wie die übliche PR-Rotation, hat aber den Vorteil, dass man den Aufmarsch der Jammerlappen nicht mehr im Original erdulden muss. Die einzig legitime Zwischenposition nimmt Johannes Heesters ein; der ist zwar inzwischen auch schon abgeschrammt, weiß es aber nicht und geht immer noch fröhlich dem Heer der Nachgeburten auf den Sack.

Die Königsdisziplin jedoch stellt die Weiterentwicklung des Katastrophentourismus mit anderen Mitteln dar. Jede Massenkarambolage, jedes Blutbad, jeder Flugzeugabsturz über dem Atlantik wird noch einmal auf die Tränendrüsen gequetscht für die Nacht der aus dem Schimmel reitenden Leichen, präsentiert von den blödesten Klugscheißern der Nation. Ob Buschfeuer oder Seebeben, detonierte Züge oder füsilierte Kinder, das Sabberpack mit dem angewachsenen Mikrofon hechelt sich zur besten Sendezeit die widerlichsten Obszönitäten für professionelle Opferspanner aus dem Schritt – da wird Fernsehen vor der Glotze zum Ekeltraining und hinter der Kamera zum Leistungssport, den kein Brezelbieger ungedopt absolviert. Ein Esslöffel Mehlwürmer hat mehr Hirnzellen als die Fehlinkarnationen mit dem IQ von Quallenfutter, und sie stilisieren sich als Ikonen unter den Hohlpfosten.

Doch nicht das ist das Unerträgliche an den Best-of-Ballerspielen. Wirklich widerwärtig ist die Bande der Winseltuten, die den Mist ins Programm schleppen. Kerner, Jauch und Gottschalk, allesamt skrupellos dabei, wenn es gilt, die Zeugen des Sofas ins Unbehagen zu zwingen. Und selbst hier gibt es Abstufungen. Ist der Banküberfall- und Bettnässer-Wiederkäuer durchschnittlich von der Ausstrahlung einer Waschbetonmauer und so attraktiv wie eine Wanne voll Pudelamputat, die volle Punktzahl für klinisch relevante Hirnkaries schießt der unvermeidliche Beckmann ab, der Paradedepp des Gebührenverheizerfernsehens, der mit der komplett merkbefreiten Frage Waren Sie traurig, als Ihre Mutter starb? Maßstäbe gesetzt hat fürs Einstellungsgespräch als Gehwegplatte im Mainzer Rotlichtviertel. Jede Dumpfnulpe dieses Formats gehört mit den Genitalien an einem ukrainischen Rübenvollernter getackert, den religiöse Fanatiker zur Tilgung ihrer dreckigen Wunschvorstellungen unterbrechungsfrei über die Schotterpiste möllern. Tagelang. Bis tief aus den Erinnerungslücken Susan Stahnkes Darmspiegelung aufblubbert – Kinder, werden die Deppen sagen, damals gab’s noch echte Kultur im Fernsehen!





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXV): Experten

27 11 2009
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die großen Gestalten der Gymnasialzeit, wer würde sie heute ohne den wohligen Rückenschauer sehen, welche dem durchschnittlichen Deppen ihre Gelehrsamkeit über den Rücken jagt: Leibniz, Leonardo, as-Suyūtī, die Polyhistoren ihrer Zeit, als der Schulabschluss zwar noch nicht flächendeckend verbreitet war, aber im Falle seiner Anwesenheit durchaus die Spreu vom Weizen trennte. Viel billiger Fusel sickerte seither in studierende Hirne, die Wissenschaften wurden erfunden und zerstritten sich – wer heute Fixsterne auf universitärem Niveau auseinanderhalten können will, sollte besser darauf verzichten, Geburtshoroskope für die Kollegen zu basteln – und zeugten Mathematik, Soziologie und das Fachidiotentum, in dem ein paar Idioten vom Fach über immer weniger immer mehr zu wissen vortäuschen, bis sie schließlich alles über nichts mehr wissen. Es kroch hervor der Experte.

Blödmänner, die eine Drehleiter bräuchten, um Einstein an den Knöchel zu pinkeln, glotzen dumpf aus der Mattscheibe und erklären stammelnd, wie ein Atomkraftwerk funktioniert. Bauchbinden und Briefköpfe titulieren alte Männer mit miserabel gebundenen Krawatten zur besten Sendezeit als Experten für Festkörperphysik, die alles, aber auch alles erklären können, ausgenommen Fahrräder, Konservendosen sowie gewisse Sexualpraktiken, die zum Widerwärtigsten gehören, was Westfalen je erdacht hat. Mit ihrer Deutungshoheit werden auch arische Physik oder Kreationismus fernsehtauglich abgesegnet – die Schnapsidee trägt ihren Adel vor sich her, sobald ein Experte die Gesichtsimitation dafür hergibt.

Experten sind schnell in die Welt gesetzt. Es reicht, wenn der abgebrochene Jurist, der eigentlich hätte Klempner werden sollen, mit einer Halma-Ausrüstung abgelichtet wird, um im Folgejahr als Killerspiel-Experte die Massenmedien mit seinen Ergüssen über Gruppenprozesse zu verstopfen, während ihn der Moderator – eigentlich der Gehilfe des Mülleimerleerers, aber zur rechten Zeit in Mainz mit einem Parteibuch ausgezeichnet – mit dem Dinosaurierspezialisten verwechselt und ihn als Swasilands bislang unbekanntesten Trompeter ankündigt. Als Kapazität zählt, wer nicht auf den ersten Blick dümmer ist als eine Tüte Sägemehl. Jeder Sender, jedes Anzeigenblatt, jeder als Partei verkleidete Steuerhinterziehungsverein hält sich inzwischen ein Rudel Koryphäen, das als Terrorexperten erratische Satzmuster in den Äther schwiemeln darf. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Denn der Experte an sich ist zu schnell aus fertig angelieferten Zutaten zusammengeklatscht. Bedeutungszusammenhänge sind ihm so fremd wie die Latten am Zaun: was nicht passt, wird passend gemacht. So schwallt das kognitiv angestrengte Hohlmaterial krude Mixturen grenzdebilen Gefasels in die Birne des Bekloppten, um ihm das Nachplappern zu erleichtern, und so greift das Bildungsideal der Jetztzeit um sich wie ein Junkie in der Krankenhausapotheke: jeder kann alles wissen. In zwölf leicht fasslichen Lektionen von der Nulldiät für Gehirnfresser zum Thermodynamiker der Zukunft. Eben noch Jammerlappen ohne Hausaufgaben, nach Genuss von zehn Minuten Wikipedia Grundsatzkommissionäre für Wirtschaftsfragen, wenn die Behämmerten fragen, sind sie zur Stelle: international gefragte Könner der Heißluftdistribution, Keuchkünstler und Hechelheroen, Professoren und Minister, Institutsleiter und Schnittbroterfinder, denen nur im Moment die Gebrauchsanweisung zum Einatmen entfallen war. Nirgends werden Versager derart schnell mit akademischen Abschlüssen behängt wie im Expertentum – die Visitenkarte, die nicht mit einem überflüssigen Doppeldoktor in angewandter Verdummungswissenschaft aufwartet, muss erst noch aus dem Automaten gezogen werden. Allenfalls da, wo die Bescheuerten unter sich sind, an den Stammtischen und in Internetforen, gerne unter gleich gelagertem Inkarnationsmaterial, gelangt der Doofe schneller zu Amt und Würden. Und keine Sau merkt’s.

Mittlerweile wehrt sich eine Volksbewegung gegen die Expertenbrut; weder dem Bundeskabinett noch den Wirtschaftsweisen wagt sich einer in die Quere, nicht einmal mit einem Beratervertrag wird das Bildungsprekariat noch ausgestattet, wenn er den Denkstil seiner Aussichtsplattform auf dem Elfenbeinturm breit walzt. Und schon begreift die Masse der Grützbirnen ihr Scheitern wiederum als Chance und verkrümelt sich in ad hoc gegründete Interessenverbände, die mit imposanten Gremien und ständigen Forschungsstäben den Trotteln der Nation neue Wichtigkeit verleiht. Nationale Faselvereinigung zur Förderung des Dummschnacks – staatstragender geht es nicht, und so hört es sich in den Abendnachrichten auch an. Erfreuen wir uns der Knalltüten, auch sie haben historische Vorbilder, ebenjene, die mit wissenschaftlichem Anspruch die Existenz von Hexen nachwiesen und ihre Flugkünste erklärten. Was braucht man mehr, um dieser Gesellschaft ein nützliches Mitglied zu sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXIV): Dichterlesungen

20 11 2009
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Diese unsere Schriftkultur zeigt mehrere Arten, das inhaltlich Fixierte dem unschuldigen Konsumenten zur Aneignung zu überlassen; ungebrochen in neutralem Druckbild, gebrochen in neueren Formen wie dem Hörbuch, brechend in allerlei theatröse Formgebilde inszeniert, bei denen lediglich herauskommt, dass die Beschäftigung mit dem Text für die Regiebirne zu schwierig war. Schlimm wird es, wenn alle Sicherheitsmaßnahmen versagen und die Mutter aller Katastrophen zuschlägt: der Autor lebt, ist noch nicht dement und hat sich – mit oder ohne Drogen, Bares oder die Aussicht auf ein baldiges, gewaltsames Ableben – herbeigelassen, die Erzeugnisse seines literarischen Getues in Anwesenheit mehrerer Bekloppter vernehmlich vorzutragen. Im Anfang war das Wort, und der Schrott, der daraus entstand, vernichtet alles, was nur halbwegs nach Hoffnung aussieht.

Die Dichterlesung räumt auf. Was gerade eben noch an ekstatischen Kunstgenuss gegrenzt hatte, läutet nun die banale Phase der Restexistenz ein, prickelnd vor Langeweile, bis sich der Rahmen verzieht – Literatur, egal ob halbwegs gelungenes Gedicht oder Erzählprosa von der Resterampe für Nichtleser, kleckert wie vorgekautes Verbalgemüse in den sauerstoffarmen Raum; nasse, zumindest nicht trockene Sozialpädagogenoberbekleidung schlurrt auf wackeligem Klappgestühl, das nur dem Einpferchen wehrloser Gelegenheitskonsumenten in heimtückisch zu Verhörzimmern umfunktionierten Buchhandlungen dient; Zwiebelmett, Rheumasalbe und krankhafter Fußschweiß amalgamieren sich zu einem Odeur von so unvergesslicher Intensität, dass selbst die Bücherregale osteuropäischer Provenienz dagegen fast erträglich anmuten. Doch alles das schafft auch ein billiges Vorstadtkino, alles das zwingt auch ein Elternabend in die trübe Realität. Den entscheidenden Unterschied macht der Autor.

Hatte die praktische Vernunft beim Lesen der verschwiemelten Adverbakrobatik noch die Stimme ihres Herrn imaginiert, so schrammt der Glaube an das Gute beim Auftritt des Urhebers unvermittelt ab. In graumäusigem Polyesterverschnitt hockt eine Patzfratze hinter dem Campingtisch und sondert erratische Wortspenden ab; was als Hörbuch noch einen gewissen Unterhaltungswert besessen hatte, wird in den Artikulationsversuchen des Satzbauers zur ganzheitlichen Folter. Bar jeglicher Kurzweil gniedelt sich die aufreizend monotone, jede Betonung einzeln versemmelnde Poetenstimme durch Absatzschwierigkeiten, wirft sich keuchend von einer Hypotaxe zur anderen und lässt den also Belesenen mit einem Gefühl jäh einsetzender Nüchternheit zurück: das ist ein Dichter, so sieht der Reimschmied aus, dessen Phänotyp noch vereinzelt Sympathiepunkte durch die optische Nähe zum Etagennachbarn – Balkan-Smoking mit Badeschlappletten – gutmachen konnte, der aber ansonsten spannend wie ein leerer Pappkarton ist und jeden Abend in den Gipfelpunkt des zweckfreien Wartens auf etwas anderes verwandelt. Dem Schriftsteller, eben noch Objekt höchster Verehrung, da er scheinbar absichtslos jede Menge Kohle einstreicht, Frauen abgreift und seine besonnte Physiognomie in den Klatschspalten der von Bescheuerten goutierten Totholzmedien breit macht, drischt die Spontanentzauberung das Dauerlächeln aus der Fresse und katapultiert ihn vom drohenden Nobelpreis augenblicklich ins gesellschaftliche Apogalaktikum. Wer nun vergeblich die vom Puschenkino gewohnte Stummtaste sucht, um das ganze Geplapper körperlich unversehrt zu überleben, statt zum frühestmöglichen Zeitpunkt ins Eigenheim oder wenigstens zur nächsten Bratwurstbude zu fliehen, der zeigt, dass er eine wesentliche Prämisse dieser raumgekrümmten Daseinsform nicht kapiert hat: die Hölle, das sind die anderen. Und sie sind es.

Kaum tupft sich der zitternde Vertreter der Verlegenheitsprominenz nach stattgehabter Laberei den Angstschweiß von der Stelle, an der andere ihre unveränderlichen Merkmale aufbewahren, da schlägt das Heer der Beknackten zu. Gestählt im jahrelangen Training mit anatolischer Liebeslyrik zu Nasenflötenbegleitung wringt sich der literarisch unbedarfte Grützkopf Fragen aus dem Synapsenkonvolut, die selbst gelangweilte Gewebelose zu selbstzerstörerischer Aggression brächten. Wer noch rätselt, was der Dichter sagen wollte, legt seinen intellektuellen Offenbarungseid gleich an Ort und Stelle ab. Weder Geschmacks- noch Gefühlsbildung sind die Motivation des Behämmerten, sich in das Gemeinschaftserlebnis Literatur zu fügen; es ist das kollektive Ungewusste und damit das solidarische Fremdschämen, das die kognitiv Suboptimierten in die Stuhlkreise treibt: hier ist der Minderbemittelte unter seinesgleichen und braucht sich nicht zu verstellen. Damit der Bekloppte einmal ungestört seine Blödheit heraushängen lassen kann, ist er sogar dazu bereit, ein kulturelles Rahmenprogramm über sich ergehen zu lassen. Womit jetzt auch geklärt wäre, wozu Ärztekongresse abgehalten werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXIII): Elternprojektionen

13 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war nichts komplizierter als die Logik, die dem Leben innewohnt: Väter sterben, Söhne erben, der Betrieb bleibt in der Familie. Das Nötige, das es für den Seifensieder, Schmierbrenner oder Leichenwäscher zu wissen gilt, wird von einer Generation zur nächsten vererbt. Selbst der unterste Rand, der höchstens ab und an als US-Präsident in den Arbeitsmarkt reingereicht wird, überfordert sich nicht mit der billigen Faustregel: wenn Du bei einer Sache zusehen kannst, ohne Dich ernsthaft zu verletzen, dann behaupte, Du habest es sowieso schon gekonnt. Ein Großteil der Nieten im System wird über diesen Selektionsprozess installiert.

Vereinzelt bedroht etwas das Gequirle in der Existenzbrühe; Elektrizität, Relativitätstheorie und Nanotechnologie versuchen mit Innovation die abgestandenen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, doch gelingt ihnen selten mehr, als eine neue Gewerkschaft zu gründen. Fundamentale Sprünge lehnt der Behämmerte kategorisch ab, er lässt sich nicht vom Baum noch aus der Höhle prügeln. Seine Begeisterung für steigende Lebensqualität durch minimale Veränderungen ist eher eingebildet als vorhanden, denn er lehnt Veränderungen, so minimal sie auch sein mögen, ab. Etwaigen Wellen begegnet der geistige Nichtschwimmer mit radikaler Verleugnung, der Inszenierung eines Weltkriegs oder vorzeitigem Gesprächsabbruch.

Doch der Bekloppte wäre nicht bekloppt, besäße er nicht schließlich und endlich die Fähigkeit, vollkommen gegen legitime Ziele wie Arterhaltung, Lebenszeitverlängerung und Wohlstand zu arbeiten und sein Recht auf Frustration, Krieg und seelische Verrohung mit der Kraft der Hohlbirne zu verteidigen. Er entwickelt Ehrgeiz; allerdings wirft er den Nachbrenner erst dann an, wenn er mit der Stirn vor dem benzingetränkten Bretterzaun klebt. Sein Motiv: der Generationskonflikt, aber so, wie er ihn versteht.

Der grauenhafte Prototyp dieses einseitigen Ausstiegs aus der Zivilisation ist die Eislaufmutti; das Gesichtsübungsfeld auf welkfleischigen Rumpfresten lümmelt sich an der Bande zum Kunsteis, riecht penetrant nach billigem Parfüm, kann einen Salchow nicht von einem Wadenkrampf unterscheiden und verleiht dem Begriff der Peinlichkeit eine ungeahnt kategoriale Tiefe, ohne es doch selbst zu begreifen. Mittlerweile hobelt es in runderneuerter Form als Tennisvater über die Kanten des Erträglichen oder schleppt als Stage Mum die überwiegend weibliche Brut in Beauty-, Ballett- und Blödblunzenbewerbungen, obwohl sie selbst bei der Aufnahmeprüfung in den Zoo als Plumplori-Ersatz durchgefallen war.

Fehlgeleitete Gutmenschen, die dreimal im Jahr unbezahlten Urlaub nehmen, um suizidgefährdete Investmentbanker wieder ins Meer zurück zu schleppen, interpretieren diese narzisstische Spielart des Machtanspruchs als reinen Sadismus; statt die Abkömmlinge im Machwahn zu Geigenspiel, Eisschnelllauf, ja Wirtschaftschinesisch zu drängen, könnte man ihnen in einem Anfall von Ehrlichkeit gleich eins in die Fresse zimmern. Dem Hass auf die Jugend wäre Genüge getan, das Kind müsste nicht länger als Stellvertreter der volljährigen Flachbratze seinem Missbrauch als Placebo beiwohnen und leistete durch seine Abwesenheit in der Kompensation klebrigen Selbstmitleids einen erheblichen Beitrag zur seelischen Gesundheit – seiner eigenen, auf die es hier eher ankommt als auf den Synapsenkasper eines Abflussschnorchlers, der einmal zu oft gegen die Kacheln gepaddelt ist. Selbstbetrug atmet die ganze Konstruktion, denn welches Blag würde nach mühevollem Aufstieg am Sportler- und Intellektuellenhimmel konstant mit dem Finger auf den Verursacher zeigen? Damit der Betrieb in der Familie bliebt, wenn Söhne erben, muss Pappi ja erst mal unter die Grasnarbe.

Schmerzhafter noch ist der Alltag, wo die Vollbrezel sich einbildet, die Frucht seiner Lenden gehöre zu den an jeder Straßenecke auftretenden, da weltexklusiven Hochbegabten. In verschwiemelter Rückwärtslogik tritt die Vermutung, der Erzeuger des Stammhalters verfüge über eine Anzahl von Hirnzellen im hohen, fast schon zweistelligen Bereich, schwerpunktmäßig unter egozentrischen Dumpfblähern auf, die den bisherigen Gasaustausch vorwiegend dazu genutzt haben, sich zum Prädikatsdeppen zu machen. Sie gieren nach Anbetung, weil sie selbst eine nicht nennenswert verlaufende Kindheit überlebt haben – und rächen sich für ihre intellektuellen Rasenlöcher an dem Jahrgang, der ihretwegen gar nicht erst ein eigenes Selbstwertgefühl entwickelt. Einen Zeugungsakt später geht die Grütze wieder von vorne los.

Es besteht keine Hoffnung, dass sich etwas ändert; in viehischen Phantasmagorien sieht man, wie der Große Depp durch Traumwälder torkelt, er ist der ontologischste aller Transzendentalbeweise, denn etwas derart Bescheuertes kann sich kein Mensch ausdenken. Er nagt noch einmal am geräucherten Vater, stößt sich gewaltig die Birne und lallt also: „Wenn ich in Rente gehe und Euer Erbe versaufe, dann wird das alles hier einmal Euch gehören!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXII): Selbstverwirklichung

6 11 2009
Gernulf Olzheimer

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Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zwei Dinge sind es, welche die Grenzen der Menschheit im Wesentlichen abstecken: einerseits die Endlichkeit des Möglichen, andererseits die Notwendigkeit, mit dem Gegebenen zu leben. Alle, ob Chefarzt, Bordellpianist oder aus Düsseldorf gebürtig, sind darin gleich, dass sie Bedürfnisse und Wertvorstellungen in Einklang zu bringen haben: erst kommt das Poppen, dann kommt die Moral. Allseits beschränkt wurstelt sich der Primatenkönig durchs Dasein, und als wäre Gleichheit innerhalb der Demarkationslinie nicht schon übel genug, verfällt der Nappel auf den hirnrissigen Gedanken, sich in der Spanne zwischen Presswehen und Madenbrunch eine Art Individualität zu basteln. Dazu bedarf es einiger geistiger Basics; wie es der Zufall will, strebt gerade die Vollbrezel unter den Inkarnationsmustern dies Ziel an.

Der Behämmerte gerät alsbald zwischen die Fronten, wenn sich sein übersteigerter Egoismus und eine Selbstüberschätzung von psychiatrisch interessantem Ausmaß brüderlich die Hand reichen. Meistens geht die Sache gut aus; zahlreiche Honks verlassen den Genpool mit Hilfe trendgerechter Sportgeräte, klatschen an senkrechte Felswände oder auf horizontal angebrachten Waschbeton und treten ab, bevor sie ihrer Umwelt über Gebühr auf die Plomben gehen konnten. Bisweilen jedoch, vor allem dann, wenn der Trottel sich Talent zumisst, wird die Sache unangenehm. Der Bekloppte wähnt sich schon in höheren Sphären, glaubt sich mit Charisma ausgestattet und belästigt ganze Scharen argloser Artgenossen mit eigenwilliger Auslegung dessen, was ausschließlich er selbst für Gesang, Tanz oder ästhetisch vertretbaren Körperwuchs hält. Davon leben ganze Fernsehsender.

Wäre dies noch zu ertragen, da man den intellektuellen Zahnbelag auf Mattscheiben und Zeitschriftentiteln schmerzfrei ausblenden kann, der entfesselte Egoismus zeigt noch weit widerlichere Formen, wenn er sich mit gefährlicherem Wahn paart: mit der absurden Vorstellung, die Historie dieses beschissenen Planeten sei auf das Auftreten dieses einen Nudelbiegers zurechtgeschwiemelt. Der Beknackte entdeckt eines Tages in sich die fixe Idee, im höheren Auftrage zu handeln, und beschließt folgerichtig, Politiker zu werden.

In jener Larve torkelt der Grützkopf quer durch die Gesellschaft, salbadert krude Thesen zur Weltrettung oder sondert gefährlichen Schwachsinn ab, nur um sein Gesichtsübungsfeld irgendwann auf Wahlplakaten mit Schuhbürstenbärtchen verziert zu entdecken. Mag er für die Machtübernahme oder die Ausrottung der internationalen Arbeiterschaft angetreten sein, immer verwechselt er seine rücksichtslose Ichliebe mit der Mission, die die Stimmen in seinen Hohlschädel schwafeln – eine unangenehme Erkrankung, die ihm doch jederzeit erlaubt, Ziele und Mittel auszutauschen, um sich bei den Mitdeppen kuschelig anzuwanzen.

Die reinste Form sinnbefreiten Handelns jedoch fördert das Gute, wenn es in falsche Hände gerät; aus der Existenzenge eines Hauptschulpädagogen oder anderswie lebensqualitativ Herausgeforderten führt ihn das Wirken im höheren Auftrage des ethisch Notwendigen. Exemplare von zarterer Raumkrümmung unter der Kalotte bevorzugen Bürgerinitiativen zur Rettung des Trauersteinschmätzers gegen den Individualverkehr. Wer’s robuster braucht, lebt als Gegenpol zur Sinnlosigkeit des Menschseins Mülltrennung als Religionsersatz aus. Hauptsache, man kann den Schmadder als Rationalisierung benutzen, und wenn es schief geht, gibt es immer noch die örtliche Selbsthilfegruppe für Betroffenheitsartikulation.

Manchmal bedarf es nicht einmal wirklicher Herausforderungen, um die Seele zu finden. Um nicht gleich Heim und Kinder zu verlassen, greift vorwiegend die Querköpfin auf das inzwischen industriell vorgefertigte Sortiment an Sedierungen zurück, welche die Talentsuche als Weg zum Ziel feilbieten: meditatives Makramee, therapeutisches Tantratöpfern und ganzheitliches Gabelhäkeln als angstfreie Alternativen zur Hirnbenutzung, gerne verbunden mit dem solidarischen Verscherbeln repressionsfrei geklöppelter Freundschaftsbänder auf dem Gutmenschenbasar im Frauenzentrum, damit ein paar afrikanische Militärdiktatoren mit dem Ausbau der Konzentrationslager schneller vorankommen und sich vom Rest der Kohle die Enddarmöffnung pudern können, statt sie für Schulen und Infrastruktur zu verbraten. Der Rest endet als Tussen vor dem Zerrspiegel, aufgerieben zwischen netzhautschädigendem Styling und dem dazu erforderlichen Powerkonsum an Kosmetik und Klamotten. Allein hier ist der Grad des Möglichen beliebig viel größer bemessen, als es die selbsteste Verwirklichung je erfordern könnte, und so sieht es auch aus: feudal getünchtes Elend, ein Brechmittel für die Betrachter des Bescheuerten.

Alles das, vom Modeopfer über den Moralisten bis hinab zur Ministerette, ließe sich bereits mit halbwegs von Vernunft getragener Berufswahl plus einem sinnvollen Hobby erledigen, wozu der Trottel tief in sein Inneres lauschen müsste. Doch wo nichts ist, was sollte da je werden?





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXI): Comedians

30 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Nicht allen ist es gegeben, die Wonnen der Muße in Genügsamkeit auszukosten; während der eine stille Freude empfängt bei der Betrachtung eines Grashalms, stolpert der andere bereits in eine existenzielle Krise beim Malen nach Zahlen, weil er sich die Reihenfolge zehn komplexer Krickel seit dem Schulabbruch nie hat einprägen können. Wo Heiterkeit übergangslos in Spaß mündet, sind doch noch Menschen, die fidel Skat spielen, verbissen Picassos Guernica im Originalformat aus handgeknüpften Knoten benutzter Zahnseide nachempfinden, Minigolf spielen. Suum quique. Von den Abhängen der Allotria nun klatscht der Beknackte in die Schlucht der passiven Bespaßung, die ihm Fun verschafft – die Gefilde des Amorphen bleiben aus guten Gründen so ungefeudelt wie das Herrenklo einer Autobahnraststätte, deren Odeur nur mit Hilfe einer Abrissbirne zu begegnen ist.

Als Prototyp der Bespaßungsspezies hat sich der Animateur als Berufsbild für den Vollkontakt mit Minderbemittelten herausgemendelt. Wer mühelos lebergeschädigte Grützbirnen mit Männertitten dazu bringt, sich gegenseitig rhythmisch auf die Gesäßmuskulatur zu schlagen, ohne homophobe Panikattacken in ihnen auszulösen, hält sich im Geschäft. Die erfolgreichsten Arbeitnehmer dieser Branche profitieren davon, dass sie der Mischpoke aus Besoffenen und Beschränkten intellektuell durchaus das Wasser reichen kann, wenngleich von ganz weit unten. Manche entfliehen nicht und scheitern sich langsam, aber todsicher in den noch erbärmlicheren Aggregatzustand rein, der die Nahrungskette im Boden verankert: Comedians.

Was so harmlos, beinahe ulkig klingt, ist nichts anderes als die Stellenbeschreibung für Pfleger, die denselben Dachschaden haben wie ihre Patienten. Abend für Abend verrenken zappelnde Zombies ihre Resthirnwindungen, um mit Brachialgewalt die Debilitätsgrenze im Zuschauerraum auszuleiern. Bietet Malen nach Zahlen dem naiven Pinsler, dem jegliche Vorstellungskraft abgeht, noch das Staunen bei der mählichen Genese von Blumenstillleben, so ist die Symbiose von Bühnenbrülltüte und die Sessel einnässendem Klatschvieh bis tief in die niedermolekulare Ebene von Überraschungen frei – die Parkettparasiten reagieren mit stumpfer Ablehnung auf jeglichen Ansatz einer Pointe im engeren Sinne, weil ihre Zwerchfellresonanz nur bei sorgfältig ins Stammhirn eingefrästen Reizen die Arbeit aufnimmt. Witze, die man erklären muss, sind per se scheiße, und der Begriffsstutzige braucht eine Menge Erklärungen.

So hampeln flächendeckend die Statisten des Humorrecycling an die Rampe, ohne Beipackzettel direkt ins Programm der Unterschichtensender geschwiemelt, um Besucher der Hirnrückgabestelle zu beglücken, die Atze Barths und Ingo Mittermeiers dieser Republik, die mit jedem mühsam unterkellerten Scherz zwanghaft zeigen, dass sie nicht alle Rillen auf der Erbse haben, Eigenwitzlacher, denen kein Gag zu platt und kein Schelmerei zu müffelig ist, als dass sie ihn nicht zur lustigen Leichenschändung ausbuddelten.

Was da als Zotenwiederaufbereitungsanlage über die Bretter humpelt und dem Betrachter seine eigene Hirnverdübelung vorturnt, genießt bisweilen Kultstatus – Säle und Stadien voll sabbernden Gesocks, prustende Prolls goutieren konvulsivische Auswürfe von Gossenvokabular, das die widerliche Wirklichkeit ihrer verpfuschten Lebensentwürfe abbildet. Antiproportional zur Bodenhaftung, die der immerwährende Niveaulimbo rausmöllert, steigt das Ansehen der Schwachstromclowns, die für ihren gesellschaftlichen Selbstmord auf der Mattscheibe immense Summen an Schmerzensgeld kassieren; jeder abgekupferte Unflat, jeder in Verwesung übergehende Schülerulk wird für die Spezialisten der Zasterfahndung nutzbar gemacht, bis in die Niederungen des Sekundärschmonzes, wenn Olli seine jeweilige Bettunterlage noch einmal für die Galerie pochert.

Längst bezahlen die Ratten ihren Fängern vergoldete Flöten, schärfen den Kosaken des Klamauks die rostigen Schwerter. Längst wird auch das kollektive Ablachen zu auswendig gelernten Witzmustern eine quasi-rituelle Handlung, die Identität stiftet, wo vorher nur Satzkonstruktionen aus der Arbeiterfachpresse an den Innenseiten des Zwischenohrhohlraums sich ansaugen konnten. Was an Intelligenz beim Empfänger nicht vorausgesetzt werden kann, vergrößert den Resonanzraum, der über das Reizleitungssystem in direktem Kontakt mit dem Beckenboden steht. Sie zahlen, damit man ihnen auf die Eier geht.

Und doch haben diese Jammerlappen eine reinigende Wirkung. Wie die Losung des sanften Rindes myriadenweise Schmeißfliegen anlockt und hält, die ansonsten ihre Kackstelzen in harmloser Leute Heißgetränk tunken, so hält der geistlose Saukram die Rüpelgarde wenigstens davon ab, Streichquartettabende, griechische Tragödie und Tanzkunst mit ihrer Anwesenheit zu beleidigen. Tiefer Trost wohnt dieser Vorstellung inne. Wie unerträglich peinlich müsste es sein, würden die Volltrottel dabei an der falschen Stelle lachen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXX): Mobile Gesellschaft

23 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war es einfacher. In Ermangelung eines Hahns auf der Biomassedeponie hinter dem Carport rasselte der Wecker, der Bürger begab sich in die Vertikale, markierte Körperpflege, schmierte sich Ei in den Bart und bestieg den Vorortzug, um in der Kreisstadt acht Stunden lang Formularvordrucke zu lochen. Telefone klingelten noch, hatten Schnüre, die direkt in der braungrauen Tapete verschwanden und als obskure Stolperfallen über Perserbrücken mäanderten. Die Welt war so unhektisch wie eine Betriebsbesichtigung in der Leichenkühlkammer.

Doch was ist schon für die Ewigkeit, abgesehen von Wahlversprechen, Vorurteilen und Johannes Heesters; die Postmoderne bietet dem Stiesel jede Möglichkeit, sich zum Vollhorst zu machen in einer Gesellschaft auf Speed. Er stolpert multitaskend durchs verschwiemelte Dasein, wie im Wahn, drei Sachen synchron in die Grütze zu reiten, während er sonst schon damit überfordert scheint, zeitgleich Glotze und Großhirn anzuknipsen. Getrieben vom Drang zur draht- und nahtlosen Erreichbarkeit legt er Schwafelspuren quer durch alle zivilisatorisch eroberten Gebiete; mobiles Telefonieren, mobiles Internet machen es möglich, dass der Bescheuerte schon auf dem Weg ins Office dreimal pro Minute checkt, ob ihm eine Torfnase etwas auf die Mailbox gerülpst hat. Indessen lässt er sich die Synapsen vom Reklameschotter zermarmeln, der ihn aus der Medienlandschaft anspringt.

Wäre es nur das. Er will Lebenszeit sparen. Also schlürft er Koffeinplempe-to-go auf dem Fahrrad, während er auf dem Bahnsteig die Börsenkurse kontrolliert und die Gastritis mit ersten Fast-Food-Dosen anstachelt. Bald schon werden Beknackte auf Kickboards durch die Schnellbahn trudeln, um außen an der Relativitätstheorie vorbei noch zehn Sekunden eher ans Ziel zu gelangen. Sie werden sich auf dem Weg rasieren und sich beim Laufen die Schuhe zubinden. Demnächst wird beim Speed-Dating auch an Ort und Stelle das Paarungsmaterial angetestet und, der Behämmerte will ja die Mittelschicht nicht sterben lassen, gleich zur Fötenfertigung in die Horizontale geschlenzt: fünf Minuten mehr Nettoexistenz. Hurra.

Was bleibt, ist neben den Kaffeeflecken auf der Bundfaltenhose die lästige Sinnfrage – wozu tobt dieser Gesichtsschnitzelverein den Gewaltexzess am eigenen Leben aus? Die Antwort liegt tief verborgen in dem Schrott, den die Evolution als Genom des Homo sapiens zusammengehäkelt hat; was die Erbmasse nicht versaut hat, versagt im Verhalten – der Krieg wird zum Lebensmodell, der Angriff verteidigt den Knalldeppen gegen die Welt an sich. Heimat- und konturlos, aber offensiv paddeln quallengleiche Populationsdarsteller durch das feindliche Konstrukt namens Realität, um sich im amorphen Geblubber des Jetzt eine Barriere gegen das Andere zu schaffen; hat sich der Haufen aus Knochen und Gammelfleisch erst einmal als Ego definiert, hockt in der Limousine, da kehrt auch schon die kampferprobte Aggression des Höhlenmenschen zurück, der freie Fahrt für freie Würger fordert. Sie schlagen sich die Fresse ein, wenn der Vordermann Sekunden zu lange die Rotphase ausdehnt, das Kapitalverbrechen besteht darin, den Trottel in der Blechkarre ganz hinten für die Dauer eines Wimpernschlages länger an der gelebten Mobilität zu hindern und ihn so bis zum Stehkragen mit Adrenalin zu füllen; der Begriff Bewegungsdichte bekommt da eine ganz andere Bedeutung. Längst erlebt der Auto-Pilot Stresszustände, die frühere Generationen nur aus der Kanzel des Kampfjets kannten.

Es liegt in der Natur des Bescheuerten. Der erste Halbaffe, der auszog, bessere Jagdgründe zu orten, war evolutionär im Vorteil – und fing sich den Schlamassel ein, die Arschkrampen wegbeißen zu müssen, die ihm nachrannten. Statt die Nachteile des widersinnigen Gehetzes zu sehen, schwindelt sich der Mobilkasper die groß- und überholspurige Lebensweise auch noch als jung, dynamisch und endflexibel schön. Brüder, zur Sonne, zur Freizeit – bloß, dass Latte-macchiato-People das Ausspannen gar nicht mehr kennen, weil sie sich ihre Plörre im virtuellen Shop ertwittern müssen, denn sie haben keine Zeit mehr, eine Milchbude anzusteuern. Sie haben Navigationsgeräte, um die Banalisierung der Kontinente wie einen Fetisch auszukosten, aber sie sind zu behämmert, um die Bremsspur zu finden, die sie aus den Kampfhandlungen führt.

Hat sich der Bekloppte in der Welt eingerichtet, die ihm nach einem Arbeitstag im Kreisverkehr per Pizzaservice die Kalorien ranmobilisiert, bemerkt er gar nicht mehr, dass seine ständige Jagd umsonst ist. Dank moderner Kommunikationselektronik wäre er bereits jetzt in der Lage, die Schutzhöhle nicht mehr zu verlassen, Arbeit und Versorgung vom Bett aus zu erledigen und einen Fixpunkt zum Annageln von Hutablage und Charakter zu finden.

Endpunkt: das mobile Grab. Schießen wir den Krempel möglicht linear an der Sonne vorbei. Dann nervt das Zeug nicht mehr im Orbit und etwaiges intelligentes Leben ist gewarnt, diesen Planeten mit seiner deutlich zu hohen Bescheuertendichte besser in Ruhe zu lassen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIX): Verpackungen

16 10 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Vernunft ist ein kostbar Ding; bisweilen so kostbar, dass der Dauerdemente sie gleich nach dem Betreten der Außenwelt an der Garderobe abgibt. Ohne Widerspruch lässt er sich aus Handteller und Kaffeesatz den größten Stuss vorlesen und nickt mit hohlem Kopf dazu. Dass der Mond aus grünem Käse sei, glaubt er eher als dem Schild Frisch gestrichen an der Holzbank. Schwappt dies Gewitter aus Form, Farbe und Lautstärke über den Eichstrich, so setzt beim Beknackten schlagartig Unzurechnungsfähigkeit ein.

Dass Intelligenz ein evolutionärer Irrweg ist, zeigt der Synapsennachzügler an Verpackungen. Im Normalzustand erscheint die Regalkulisse eines Supermarktes nur als Anhäufung beliebiger Waren, doch unter Drogen oder ohne geistige Gegenwehr wird die Umgebung zu einem bunten Paradies der falschen Vorspiegelungen. Im Großraumsarg lauert der tiefgekühlte Pigmentsurrealismus. Besäße der Debile Zeit, Hirn und Geschmacksnerven, um sich das auf Plastefolie vierfarbig aufgemöllerte Gemüse zuzubereiten, das ihm der Serviervorschlaghammer in die Netzhaut dengelt, müsste er nicht die Floradarsteller mampfen. Boden- und Zahnpflege unterscheiden sich lediglich durch Konsistenz und Geruch. Wer unter lebensbedrohlicher Paprika-Allergie leidet, greift zu Brotaufstrichen, die das Nachtschattengewächs auf dem Deckel abgebildet haben; es dient unzweideutig als Beweis, dass die Schmiere unter Abwesenheit von Paprika in den Behälter gesuppt war. In analoger Manier werden auch Erdbeerjoghurt, Schokoladenkekse sowie lachshaltiges Tierfutter gefertigt. Im Güterverkehr existiert der Begriff der Betrugsabsicht nicht. Erst wenn das überteuerte Erdnusstütchen im Billigflieger vor Erdnüssen an der Innenseite warnt, weiß der Passagier, dass es Lebensformen gibt, bei denen noch ein paar mehr Schrauben locker sitzen.

Wer im Vollbesitz seiner semantischen Kräfte die Hygienebatterie betritt und auf einer Papierware den Ausdruck samtstark entdeckt, sei sich Mitleids gewiss. Dergestalt angemeiert zu werden ist sich der kaufende Knalldepp schon nicht mehr bewusst, wenn er ein als kakaohaltig tituliertes Getränkepulver – hieße in etwa: Inhalt besteht nicht ausschließlich aus Rübenzucker und künstlichen Farbstoffen – mit dem Aufdruck „extra schokoladig“ verziert sieht. Ist die Plörre mit nennenswertem Anteil an Kakao gepanscht und also derart kakaoig, als wäre an ihrer Statt Kakao drinnen (dann könnte man wenigstens einen der beiden Inhaltsirrläufer einsparen), oder hat Doktor Mabuse bloß beim Zusammenrühren eine Tafel Vollmilch durchs Labor geschmissen? Tragödien lauern im brauen Sud, bevor man ihn in den Drahtkorb gehebelt hat.

Ein weites Feld stecken Light-Lebensmittel ab; im Gegensatz zu ihrer Bezeichnung führen sie zu schweren Ausfallerscheinungen, wenn im Stauraum zwischen den Ohren die letzte Birne ausgeknipst wird. In Ermangelung organischer Konservierungsstoffe und Geschmacksträger wie Fett und Zucker, die der Behämmerte für die Erfindung außerirdischer Invasoren hält, werden Light-Käse, Light-Quark und sonstige Light-Wesen auf niedermolekularer Ebene mit Substanzen verdrillt, die in anderen Haushalten die Scheiben abdichten oder das Kleinkraftrad hurtig über den Schotter knüppeln lassen; folgerichtig protzt die Geschmacksangabe Natur auf dem Schmierkäse, der unter unsäglichen Mühen auf den Geschmack von Westwind im Ostharz getrimmt wurde – Wunder der modernen Chemie. Ein Kohlenstoffring mehr, und es wäre ein Kautschukeimer geworden.

Die Entfremdung schreitet wacker fort. Längst gebiert der Schlaf der Wirklichkeit Dinge, die an Unmögliches grenzen: Landjoghurt aus industrieller Massenproduktion, sahnelosen Sahnepudding, sensitive Seife (die vermutlich den Kontext lernt, während man sie auf die Flossen schwiemelt) und Fruchtsaft mit Zusatznutzen (das Fallobst wird im Nadeldrucker unter Kohlepapier zermatscht). Das Leben ist eine große Mogelpackung. Wer sich im Handbuch der Knochenfische bereits nach dem Laichgebiet der Seelachse totgesucht hat, gewinnt eine Instant-Beerdigung in der endzeitlichen Vorderschinken-Dose: maschinell zerfetzt wie die Formsau aus der Designerschnitzelanlage. Büchse und Aufschrift neigen zu dialektischem Verhältnis, und gerade der Bescheuerte aus dem Land von Goethe, Kleist und Westerwelle fühlt sich an selige Zeiten erinnert, als noch der Schutzwall das einig Vaterland spaltete. Das historisch bedeutendste Schwindelgebinde war doch die DDR, denn sie war weder deutsch – vielmehr internationalistisch, schließlich hatte der Russe auch keine Apfelsinen – noch demokratisch, von der Republik mal ganz zu schweigen. Aber schön war’s doch. Denn das Kaufhallensortiment war so hässlich, dahinter konnte sich nur Ehrlichkeit verbergen.