Gesichtsverlust

13 03 2013

„Gute Idee, das trage ich gleich mal weiter. Damit könnten wir wahrscheinlich auch das Budget im Rahmen halten. Der Raab ist auf dem absteigenden Ast, der macht uns das für trocken Brot.

Politisch? Ach so. Konnte ich ja nicht ahnen, dass Sie eine politische Sendung machen wollen. Dann können Sie den Raab natürlich vergessen, der ist ja überhaupt nicht für solche Sachen – mit Moderation? Das ist nicht das Problem, das Problem ist, dass er zwischendurch redet. Ja, ganz schrecklich. Ich wusste, dass wir damit kein Format für die Öffentlich-Rechtlichen hinkriegen. Da müssen die richtigen Fachleute ran. Jauch zum Beispiel. Den können Sie über alles aus der Politik fragen. Ernsthaft, der hat von nichts Ahnung und zu allem eine Meinung. Der ist wirklich gut.

Naja, nicht für die ganze Familie. Nehmen Sie Gottschalk? Ja, wir hatten den im preiswerten – das mit dem Niedriglohnsektor haben Sie gesagt. Nicht ich. Aber es ist richtig, wir vermieten ihn jetzt gerne mal für die etwas einfacheren Formate, bevor wir seine alte Sendung einschläfern. Lanz? Nee, bloß nicht. Mit dem können Sie höchstens kleine Kinder erschrecken. Oder wollten Sie jetzt tatsächlich eine richtige Familienshow? Dann müssen wir eine Kamera verstecken, und Hape Kerkeling macht irgendwas. Also irgendwas halt. Seien Sie nicht anspruchsvoll, es ist immerhin Hape Kerkeling.

Der Yogeshwar macht doch diese Sendungen immer so schön. Dieses unglaubliche Dings der Dingsshows. Oder der Hirschhausen. Das ist doch genau die richtige Besetzung für Ihre – wie, was ist denn dann Bildung? Wollten Sie Schulfernsehen? Meine Güte, wir können doch nicht die ganze Zeit so tun, als wären wir intellektuell. Wollen Sie denn 24 Stunden am Tag Literarisches Quartett? Gut, wir könnten Ihnen Biolek vorbeischicken, aber der bleibt nie lange.

Also doch etwas Witziges. Wie witzig, wenn ich fragen darf? Naja, wir haben mehrere Kategorien. Es gibt witziges Sachen, solche, die witzig sind, die Sachen mit Witz, dann haben wir Witzsendungen – also mit Humor. Und welcher Art? Doch, das ist ein Unterschied. Es gibt die Sachen mit Humor, die humorvollen Sendungen, die etwas mit Humor zu tun haben, und dann – also Humor. Gut. Das hat ja mit Fernsehen nicht wirklich etwas zu tun. Wir könnten die Sendung natürlich durch ein paar Stargäste auflockern, die Witze erzählen, aber dann brauche wir den Rest nicht. Nehmen Sie doch Satire, da haben Sie Humor, und es ist etwas für die Bildung, und vielleicht Politik – nicht gut? Ich weiß, wir sind das im Regierungsfernsehen gewohnt.

Dann machen Sie doch Action. Friedman interviewt den Sarrazin, und Dobrindt kriegt von Joko und Klaas eins auf die Fresse. Warten Sie mal, mit etwas Glück haben wir die Rechte am letzten FDP-Parteitag, da ging’s ja richtig zur Sache.

Sport, klar. Sport ist immer gut. Formel 1, oder meinetwegen Fußball, das wird ja immer wieder gern genommen. Wir lassen dann den Hartmann kommentieren, und vielleicht kommen auch ein paar Sportler vorbei, wenn Sie Pech haben. Wenn Sie richtig Pech haben, kommt auch noch der Beckmann vorbei. Und wenn alles schiefläuft, auch noch der Kerner. Ja, ich weiß, wir sind nicht so wie früher. Uns kommen die Gesichter abhanden. Das ist irgendwie symptomatisch im Fernsehen. Permanenter Gesichtsverlust.

Dann machen Sie doch eine Tiersendung. Da können Sie auch irgendwie Umweltschutz und die Tourismusbranche und vielleicht wird es witzig und Sie haben etwas für Familie und – Wirtschaft? Mein Gott, was denn mit Wirtschaft!? Wir können doch diese ganzen Sozialreportagen schon gar nicht mehr senden! Entweder die DAX-Konzerne beschweren sich am nächsten Tag, dass wir zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt haben, oder wir haben Stress mit den Sozialverbänden, dass wir ständig turbokapitalistische Propaganda senden würden. Und dann die Werbung. Glauben Sie, wir machen uns bei den Unternehmen unbeliebt, wenn wir Sponsoren für Krimis und Fußball suchen?

Wie wäre es mit Feature? Sie können ja gerne eine Check-Sendung über Geflügelmastbetriebe machen, das ist auch politisch und mit Tieren, und Stargäste rein, und dann gewinnt ein Anrufer ein Cabrio, und dann – natürlich ist das für die ganze Familie. Aber dann kriegen wir vielleicht wieder Ärger mit den Umweltverbänden, weil wir die größten Schweinereien nicht gezeigt haben.

Dann lassen Sie Biolek eine kulturell wertvolle politische Show über Erstklässlerwissen produzieren, Gottschalk und Jauch moderieren um die Wette, Raab kriegt von Joko und Klaas aufs Maul, Deppendorf erzählt Witze, Co-Moderation Olli Kahn, und wenn Sie ganz genau hinschauen, dann sehen Sie, dass die Sendung von dem Geflügelmastbetrieb bezahlt wurde. Inklusive Cabrio.

Will er nicht. Ich weiß nicht, was mit den Leuten heutzutage los ist. Woher haben die bloß diese Ansprüche?“





Schlag den Kanzler

26 02 2013

„Das ist doch geschmacklos!“ „Ist das Politik nicht grundsätzlich?“ „Übertreiben Sie doch nicht immer so!“ „Und was tun Sie da gerade?“ „Ich finde das einfach geschmacklos! Das ist unter aller Kanone – Stefan Raab moderiert ein Kanzlerduell, das ist ja ekelhaft!“ „Meine Güte, regen Sie sich mal ab. Das ist schließlich der einzige Weg, überhaupt jemanden für diese Wahl zu begeistern.“

„Man hätte doch wenigstens einen politisch engagierten Journalisten dafür nehmen können.“ „Ich weiß gerade nicht, ob ich wegen ‚politisch‘ kichern oder wegen ‚engagiert‘ kotzen soll.“ „Von Beckmann hat ja auch keiner gesprochen.“ „Da hätte ich schon Einwände bei ‚Journalist‘ gehabt.“ „Ja, ja. Aber Sie sehen es doch selbst, dies Programm zielt bloß darauf ab, eine Rampensau gegen zwei Kanzlerkandidaten antreten zu lassen.“ „Ist doch klasse. Meinung muss sich wieder…“ „Sie brauchen gar keine Tricks zu versuchen, ich merke das.“ „Sorry, ich meinte natürlich: Leistung muss sich wieder lohnen. Wir haben schließlich die Auswahl zwischen einer streng neoliberalen Kanzlerkandidatin und einem streng neoliberalen Kanzlerkandidaten, die unterschreiben das sofort.“ „Und worin liegt nun die Leistung?“ „Eine Sendung mit Stefan Raab ohne Hirnembolie zu überstehen. Wenn Sie danach nicht eins an der Marmel haben, dann Hut ab.“

„Jetzt stellen Sie sich mal vor, der Raab macht diese Sendung tatsächlich und…“ „Ist ja nicht ausgeschlossen.“ „… die Kandidaten müssen aufs Eis und…“ „Wo sind sie denn sonst?“ „… irgendwelche blöden Verrenkungen machen und…“ „Meine Güte, erzählen Sie doch mal was Neues! Ein drittklassiger Hanswurst bringt Politiker dazu, Unsinn abzusondern – das haben wir jeden Sonntag nach zehn, das haut keinen mehr vom Hocker.“ „Aber ich sehe es kommen, sie werden da Spielchen machen.“ „Passiert in Berlin auch.“ „Unwürdige Spielchen!“ „Ach was.“ „Mit Schlamm und Ungeziefer!“ „Womit verwechseln Sie das gerade, mit dem Dschungelcamp oder mit dem CSU-Parteitag?“ „Das wird eine Herabwürdigung des Wählers!“ „Die sehen Sie derzeit schon, wenn Sie das anschalten, was als Bundestagsdebatte verkauft wird.“ „Billiger Nervenkitzel!“ „Lassen Sie bitte die FDP aus dem Spiel.“ „Und Steinbrück!“ „Stimmt. Das ist echt eine Zumutung.“

„Ich meine ja nicht Steinbrück, sondern…“ „Nämlich?“ „… die Art, wie er sich gegen diese Sendung sträubt.“ „Gegen die Sendung?“ „Ich weiß nicht, aber zumindest fand er Stefan Raab auch nicht passend.“ „Er sucht also eine Ausrede, nicht gegen die Kanzlerin antreten zu müssen.“ „Das hat er gar nicht gesagt.“ „Hätte mich auch sehr gewundert.“ „Sie sind sich sicher, dass er kneift?“ „Alles andere würde sich schlecht in seinem Lebenslauf machen.“

„Politik ist eben keine Unterhaltungssendung, sondern…“ „… was? Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass dieser Klamauk ernsthaft etwas mit Unterhaltung zu tun hätte?“ „Womit denn dann?“ „Eher mit Politik. Was man bereits am gleichbleibend verheerenden Niveau bemerkt haben sollte.“ „Stefan Raab meint jedenfalls, er sei der Sache intellektuell gewachsen.“ „Die Kanzlerin sollte das als persönliche Beleidigung auffassen.“ „Und diese Gametalkshow oder Talkgameshow oder…“ „Was denn nun?“ „Dieses Gelaber halt, das kommt doch völlig ohne Inhalte aus.“ „Meinung muss sich wieder lohnen.“ „Eben.“ „Aber er hat doch keine!“ „Eben.“ „Und kassiert trotzdem… ach so, verstehe. Verstehe.“

„Werden Sie doch mal geschmeidig, es könnte schlimmer kommen.“ „Mit Stoiber als Moderator?“ „Sie haben ja vielleicht eine schräge Fantasie – Komödienstammel, was?“ „Ich muss doch sehr…“ „Regen Sie sich ab, es könnte wirklich schlimmer kommen. Stellen Sie sich mal eine Samstagabend-Show vor.“ „Schlag den Kanzler?“ „Zum Beispiel.“ „Und die Kandidaten müssen aus dem hohlen Bauch nachprüfbare Fakten zur Staatsverschuldung kommentieren?“ „Beispielsweise.“ „Und Fragen beantworten zur Methode, nach der die deutsche Arbeitslosenstatistik und der Armutsbericht geschönt werden?“ „Könnte man machen.“ „Mit Bogenschießen für den Bildungsetat und Faustkampf um ALG-II-Sätze?“ „Verlockende Vorschläge.“ „Ich bitte Sie, das will doch keiner im Fernsehnen haben.“ „Nicht? warum denn nicht? Den Grimme-Preis bekommt doch heutzutage auch jeder Scheißdreck.“ „Aber da weiß man wenigstens vorher, dass es sich um Trash handelt.“

„Wenn ich ehrlich bin, ich hätte wenigstens ein zünftiges Wok-Rennen erwartet.“ „Natürlich, Ihnen ist ja vor nichts eklig.“ „Oder Bauchklatschen.“ „Sie meinen Turmspringen?“ „Mir doch egal, wie das Gehampel heißt.“ „Sie sind auch schon von diesem TV-Totalitarismus vereinnahmt, oder?“ „Wie kommen Sie denn darauf?“ „Am liebsten wäre Ihnen doch eine permanente Comedy ohne Rücksicht auf Geschmack und Moral.“ „Das würde sicher am besten passen.“ „Fraglich.“ „Wieso fraglich?“ „Falls wir eigene Personalvorstellungen haben sollten.“ „Zu Stefan Raab?“ „Ach was, den nehmen wir. Nur…“ „Was denn?“ „Er behält sich die Entscheidung vor, wer als Kanzlerkandidat antreten darf.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXIII): TV-Sadismus

8 02 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Jede Gesellschaft hat ihre eigene Art, das Volk zu belustigen, manchmal mehr, manchmal weniger durchgreifend. Wo im antiken Rom Gladiatoren einander die Rübe eindellten, kämpften präkolumbianische Indigene mit Hilfe eines Balls gegen das Los, als Menschenopfer zu dienen. Im Blutrausch, in Grausamkeit und Überhebung über die vermeintlich minderwertige Kreatur ereignet sich eine Wohltat für die Nutznießer der Barbarei: sie haben das Gemetzel unbeschadet hinter sich gebracht, müssen also moralisch erhaben sein. Jedes Schimmelhirn schwiemelt sich im Schwall der Endorphine derlei Gekasper zurecht, erstaunlich ist jedoch, wie viel davon auch bei genauerem Hinsehen noch bleibt. Erstaunlicher noch, wie das Medium Bewegtbild sich der Herabsetzung des Menschen zum Zweck der sozialen Kontrolle bedient und aus der Not trällernde Tugend macht. Es lebe der TV-Sadismus.

Der Hexenwahn hat nachgelassen, sei es aus mangelndem Nachschub oder wegen des längst durchgreifenden Pragmatismus, kein Brennholz in öffentliche Spektakel zu investieren. Aus größerer Distanz bekäme man fast den Eindruck, es handele sich um einen aufgeklärten Stamm – Wasserspülung an jeder Straßenecke, Parlamentarismus und eine gemeinhin akzeptierte Mehrwertsteuer, die nicht zu größeren Revolutionen führt. Doch bei näherem Hingucken wandelt sich das Bild, denn die Randbereiche, das Arme, Kranke, Unterjochte, ist noch immer höchst tauglich, auf dem Jahrmarkt der Scheußlichkeiten Gaukelei zu betreiben. Freilich nicht allein aus Lust am Ekel, wie man beim Anblick pickeliger Gesichtsversuche möchte glauben wollen, sondern aus purer Dringlichkeit, dass der herrschende Staatsbürger die Nase rümpft über den Sott auf dem Fernsehschirm.

Mittelmäßig unbegabte Knalldeppen tanzen, obwohl sie es nicht können, und singen, wenngleich sie es besser hätten lassen sollen. Die Ergebnisse der Krachveranstaltung hängen ein gutes Jahrzehnt luftdicht verschlossen ab und werden dann zur Exkrementalverkostung in den Urwald gekarrt. Was dort übrig ist, schleift sich durch Talkshows und trifft auf den Abhub, der eine Tür weiter im Sozialporno die Protagonisten gibt. Nach planmäßig erfolgtem Augenausfall gewöhnt sich die Generation mit der Magenschleimhaut aus Gusseisen an den Hautgout des Verrotteten und feiert fröhlich den Abstieg ins Untergeschoss der soziokulturellen Exklusion. Sie reagieren richtig. Schließlich war es so gedacht, dass nicht der Masochismus das Programm bestimmt, sondern der Grenznutzen für die Quälenden.

Wer sich als verwahrloste Mehrfachmutter im kakerlakenverseuchten Plattenbau vor der Linse zum Fallobst macht, erfüllt seinen Zweck. Der Bescheuerte von der unteren Mittelschicht aufwärts erwartet das Einverständnis der Ausgebeuteten, sich für ein paar Scheinchen zum Aufstocken derart zu prostituieren, vulgo: im Überbau kracht’s nicht so laut im Gebälk, wenn man unten noch ein paar Hunde vom Hof jagen kann. Frauen werden in Patchworkfamilien getauscht, verzogene Rotzgören dürfen im Spießerumfeld spacken, der Mensch in Bestiengestalt erniedrigt sich, erniedrigt zu werden. Die Demütigung vor klatschenden Zuschauern ist nicht weniger als der Ausdruck einer neoliberalen Zwangsgesellschaft, denn er setzt die Freiwilligkeit des Opfers ebenso voraus wie den Moraldefekt des zuschauenden Täters.

Mit der Proletarisierung des Durchschnitts ist die stete Drohung verbunden, die Pseudoeliten könnten ihre Untertanenmentalität bis zum bitteren Ende an den Untergebenen abreagieren. Diese Not bricht sich Bahn als chronische Angst vor der strukturelle Vernichtung, oft unter dem Mantel des Legalen, noch öfter unter Nationalflagge und Religiotentum. Die Unterwerfung hat Methode. Sie spiegelt den sozialen Druck unter einer feudalistischen Ideologie wider: wer sich nicht überangepasst verhält, fliegt raus. Wer sich anpasst und trotzdem rausfliegt, hat die Gründe gefälligst bei sich selbst zu suchen. In der Buschlandschaft gesottenes Genital zu fressen ist weniger eine Kapitulation vor der Restwürde als ein Akt der Selbstentfremdung. Denn der Opfer-Abonnent ist Hilfsmittel bei der Konditionierung der relevanten Zielgruppe: der Zuschauer wird eingebunden und darf seine eigenen Erniedrigungsfantasien ausleben, wie eben jede hierarchische und repressive Gesellschaft nur dann funktionieren kann, wenn die Unterdrückten stets den Wunsch in sich wachhalten, zum Unterdrücker zu werden. Das Lächerlichmachen der Schwachen ist die Versicherung gegen die eigene Schwäche. Die Beknackten, die im Rudelkoma den Bodensatz des Geistes feststampfen, meinen dabei, ihren eigenen Weg zu ebnen; sie täuschen sich.

Die Verrohung schreitet fort, und sie bedient sich aus reiner Gewohnheit der einfachsten Mittel wie auch der besten Technik. Wie gut, dass wir es zu diesem Wohlstand gebracht haben, wenigstens in Einzelteilen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXX): Mehrzweckmoderatoren

18 01 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wozu die Ausbildung eines Arztes gut ist, weiß der ausgebildete Koch meistens dann genau, wenn er sich bei der Zerkleinerung des Schnittlauchs die Flossen püriert. Wäre der Mediziner nun Glaser geworden, hätte er den Wunsch, trotz Famulatur und Doktor sich hauptberuflich der Philatelie zu verschreiben, keiner würde dem Küchenchef die Kuppen kurieren. Es braucht diese Zuständigkeiten, die dem Leben Sicherheit verleihen: der Fischer fischt, der Taxifahrer fährt Taxi, der Müllmann übermannt den Müll. Was sollte ein Rollentausch, bei dem der Arzt im Müll fischt, der Fischer das Taxi kocht und der Koch aus der Haut fährt? Je mehr man will, desto mehr Grenzen sind da, sich daran zu stoßen.

Doch in der Glotze, scheint’s, funktioniert das alles reibungslos. Alternde Eislaufseppel turnen die Angstmachersendung mit dem Aktenzeichen vor, abgehalfterte Quasselkasper egomanieren in der Samstagabend-Show, wie sie sinnloser nicht sein könnte, und als Bonus plagt ein Kochformat zur Einschlafuhrzeit die peristaltische Ruhe des halb Verdauten. Wer eben noch als Trantüte des Fußballs das Niveau an der Grasnarbe fest schwiemelte, darf jetzt schon mit einer Auswahl an Besserwissern und drittklassigen Witzerzählern auf die Bühne stolpern und seinen Nachruhm bereits zu Lebzeiten aus der Existenz trampeln. Den Mehrzweckmoderatoren gehört die Macht über die Mattscheibe, den in Neutralseife gespülten Unterdurchschnittsbratzen, die bei der Selbstzerfleischung des deutschen TV-Unwesens willige Hilfskräfte spielen. Ihre Kernkompetenz beschränkt sich darauf, die Fresse in die Kamera zu halten.

Überhaupt, Kompetenz. Wer sich mit einer Sache nicht auskennt, kennt sich auch mit mehreren Sachen simultan nicht aus und gerät damit flugs zur Idealbesetzung deutscher Programmpopler. Wo nur Flexibilität gilt, der einzige natürliche Feind des funktionsfähigen Rückgrats, da lässt sich mit Hilfe eines beliebigen etatmäßigen Pausenclowns jedes Sendekonzept schnell und unbürokratisch über die Wupper bringen. Gerüchteweise wird die Mehrheit der Rampenstrampler eigens dazu herangezüchtet, zu gut laufenden Glotzgehalt von der Mattscheibe zu feudeln – Geld ist genug da, spätestens seit der Datenschutzgulag GEZ, dessen integraler Bestandteil die Sendeanstalten des öffentlichen Unrechts längst sind, sich für jeden Hirnschrott im Mitklatschformat Beträge auszahlen lässt, mit denen man in Entwicklungsländern den kompletten Militärhaushalt bestreiten könnte. Rücksichtlose Planierwirtschaft überrollt das Angebot, jede Art von Kontur wird gnadenfrei geplättet, auf dass die angeblichen Quotenschlager dermaleinst kurz nach dem Einschalten ein flächendeckendes Vollkoma induzieren und nach dem immer gleichen Vorspann neunzig Minuten Testbild ausreichen.

Die große Unterhaltungssendung ist längst dem perennierenden Quiz gewichen, in dem A- bis F-Prominenz – teilweise sind sie bekannt dafür, berühmt zu sein, teilweise auch umgekehrt – sich zu grenzdebilen Ratespielchen treiben lassen, vom Schauspieler herab bis zur Bundesministerin, allesamt von PR-Agenturen auf intellektuell niederschwellige Angebote getrimmt und jederzeit bereit, sich in diesem visuellen Kaugummi nicht durch individualistische Präsenz zu zermarmeln. Inmitten dieser Überflüssigkeit par excellence, in der die Hauptstadt von Peru und die Summenformel von Leitungswasser als Herrschaftswissen gehandelt werden, rotiert eine allseitig abwaschbare Multifunktionsabbelkrampe um die eigene Achse des Blöden, und was könnte einem aus Eitelkeit und Wichtighuberei bestehenden Panel besser die Rosette vergolden als der Mann mit dem gewissen Garnichts, ein sprechender Polyesteranzug mit Aushilfsfrisur und dem Charisma einer Tüte Streusand. Meist ist dies die Endstation Sendsucht, bevor die letzte MAZ aus der Röhre sickert und der Intendant das Formular für den Gnadenschuss unterschreibt. Die Delinquenten versenden sich dann noch ein paar Tage, bis sie frisch geliftet in einem Privatsender aus der Luke kriechen.

Ein nicht rühmliches, aber unter systematischen Gesichtspunkten einzusehendes Gegenbeispiel sind die sogenannt volkstümlichen Musiksendungen, in denen Jodeln jenseits der Schmerzschwelle und manisches Geschunkel frisch aus der geschlossenen Abteilung zum gerontopsychiatrischen Normalfall der westlichen Industrienationen verklärt werden. Der schmale Grat, wenn ein Krachlederdepp mit einer Dirndlprolette zivilisatorische Aussetzer zelebriert, ließe sich nicht ohne größere Schäden auf Wintersport, Börsennachrichten oder eine der pseudopolitischen Ringelpiezsimulationen pfropfen, ohne nachhaltige Verstörung in der Kernzielgruppe auszulösen. Alpengetöse in der Presseschau, das bleibt dem Zuschauer erspart.

Es kommt der Tag, da schießen Telepathologen aller Anstalten das Allerheiligste sturmreif. Die aus Wetterkarte, Landfunk und Ratgebersendungen zusammengefegten Bügelfaltengesichter werden ins laue Stahlbad der Metaphern gestopft und dürfen dann, aus der Tiefe des Raumes, dem deutschen Fußball ihre dünn gerührte Brühe ins Ohr plempern. An Tagen wie diesen wird man sich das keimfreie Geseier der heutigen Dumpfdüsen wünschen, die einen Strafstoß von einem Spucknapf unterscheiden und die Abseitsregel ohne rhythmische Schläge auf den Hinterkopf replizieren können. Ungehindert deliriert dann kognitiv naturbelassenes Mittelmaß über die Monitore, und keinem der Funktionäre wird es auffallen, weil die Sprechpuppen längst nicht mehr merken, ob sie beim Staatsakt oder beim Landerspiel hocken, ihr Schnappatmungsgeplapper bleibt sich gleich. Wahrscheinlich ist das alles eine Prüfung, Kerner, Jauch und Beckmann, und wir haben durch den Schmadder, den wir seit Anbeginn ertragen, längst eine Bonität an Karmapunkten ersessen, für die man Lanz mit einem stumpfen Käsehobel bei lebendigem Leib häuten und anschließend in seinem eigenen Quark ersäufen könnte. Wir wären erlöst, allesamt, und es wäre bitter nötig. Denn in der Hölle moderiert er auch noch das Sportstudio.





Hart, aber fair

15 01 2013

„Für einen Altmaier kriegt man aber schon zwei Kubickis.“ „Da kommt ja auch nur Heißluft.“ „Dann schon lieber Gröhe.“ „Da kommt ja nicht mal Heißluft.“ „Leute, so kriegen wir das doch nie fertig!“ „Und welcher Sender kauft uns das ab?“ „Ist doch Banane. Hauptsache, wir haben die Leute hier am Haken.“

„Die Redaktion will Konzepte sehen.“ „Hatte ich mir gedacht.“ „Weil sie selbst keine mehr haben?“ „Man könnte doch mal…“ „Au nee!“ „Bloß nicht!“ „Hören Sie auf, das kauft keiner!“ „Aber Sie wissen doch noch gar nicht, was ich vorschlagen wollte.“ „Sie wollten was vorschlagen, das reicht.“ „Das will keiner.“ „Die wollen Personal mit möglichst viel Musik drin.“ „Musik?“ „Naja, die sollen sich nicht gleich an die Kehle gehen, aber für eine Runde Beleidigungen muss es schon reichen.“ „Und das kaufen die einfach so?“ „Was sonst? Aus mehr besteht doch eine Talkshow nicht.“

„Haben wir jemanden für…“ „Erstmal nicht, haben wir ein Thema für Bosbach?“ „Wieso werden die Themen jetzt schon für die Gäste ausgesucht?“ „Raten Sie mal.“ „Dann schlagen die Ihnen die Themen vor und werden dann eingeladen, wenn es passt?“ „Sie haben das offensichtlich noch nicht so ganz kapiert.“ „Die geben Ihnen die Themen vor und sagen, wenn Sie Zeit haben?“ „Waren Sie schon mal beim Fernsehen?“ „Ich bin vom Bundesrechnungshof, ich…“ „Ach Gottchen, das ist ja putzig!“ „Sagt ihm bloß nicht, was hier ein Intendant verdient.“ „Wir sagen ihm, was die anderen Arbeitskräfte bekommen, dann ist er wieder zufrieden.“ „Was schlagen Sie denn den Gästen jetzt vor?“ „Nichts.“ „Nichts?“ „Nichts. Wir sagen ihnen, was sie hier zu tun haben.“ „Und das lassen die einfach so mit sich machen?“ „Mann, was haben Sie denn gedacht?“ „Aber das sind doch Politiker?“ „Und? Was hatten Sie gedacht, wie Lobbyismus funktioniert?“ „Klingt hart.“ „Aber fair.“

„Bundespolitik für übernächsten Monat?“ „Rente.“ „Hier steht was mit Arbeitsmarkt und Energiewende.“ „Brüderle.“ „Okay, der kann alles nicht.“ „Und weshalb laden Sie ihn dann ein?“ „Weil wir die Roth schon drin haben.“ „Hat die nicht mit Lafontaine getauscht?“ „Nur einmal, aber dafür muss die Wagenknecht zu Lanz.“

„Wir brauchen eine Betroffenheitssendung.“ „Was bitte ist eine Betroffenheitssendung?“ „Ist die Käßmann schon wieder auf dem Markt?“ „Und dann noch irgendeinen Schlauschwätzer.“ „Der Yogeshwar macht doch diesen ganzen Müll.“ „Was ist eine Betroffenheitssendung?“ „Oder Heiner Geißler.“ „Meine Güte noch mal, was ist eine Betroffenheitssendung!?“ „Ja, nach irgendeiner Katastrophe halt.“ „Der Geißler guckt aber so schön philosophisch.“ „Der ist einfach nur alt.“ „Aber philosophisch.“ „„Was ist betroffen an dieser Betroffenheitssendung, kann mir das mal bitte einer erklären?“ „Ja, Katastrophen halt. Erdbeben, Zug entgleist, so Sachen halt.“ „Oder Amoklauf.“ „Nee, Amok macht der Innenminister.“ „Dann kommt aber Geißler nicht.“ „Eben, deshalb machen wir bei Amok auch keine Betroffenheitssendung.“ „Und die Leute heulen da öffentlich herum?“ „Sie suchen irgendeine Erklärung.“ „Oder rechtfertigen sich.“ „Aber für ein Erdbeben gibt es doch keine Rechtfertigung.“ „Deshalb sitzen da auch so Leute wie die Käßmann.“

„Dieser Programmpuffer…“ „Die Neubauer macht ja auch alles mit.“ „Kann man die Ferres nicht auch wieder mal einplanen?“ „Nur im Abstand von zwei Wochen zu der Ex von Wulff.“ „Das pufft ja auch schon ganz gut.“ „Soll aber puffern.“ „Also dieses ‚Hilfe, mein Hamster bohnert‘, oder was?“ „So ähnlich.“ „Zwei Politiker, zwei aus der Wirtschaft, ein Künstler, und ein Typ, von dem keiner weiß, wer den immer einlädt.“ „Das wäre das Ding von der Wulff?“ „Oder eben von der Ferres.“ „Können wir Nahles und Söder?“ „Hm, lieber Dobrindt und Leutheusser-Schnarrenberger.“ „Ich wäre ja für Gottschalk.“ „Als Künstler?“ „Nee, hat jetzt ja eher mit Wirtschaft zu tun.“ „Plus Ilse Aigner.“ „Nicht ausgewogen“ „Ist die auch aus den USA?“ „Aus Bayern sind die doch.“ „Stimmt, die reden ja auch beide so einen Schmarrn.“ „Oder Seehofer.“ „Weil der auch aus Bayern kommt?“ „Weil der auch einen Schmarrn redet.“ „Und dazu die Katzenberger.“ „Das gibt ein Niveaugefälle!“ „Dann erklären wir Seehofer am Anfang alles ganz langsam.“ „Westerwelle und Bushido?“ „Igitt!“ „Nee, dieses asoziale Schwein will doch keiner mehr sehen.“ „Aber…“ „Nix, diesen widerlichen Populismus kann er sich sonst wo reinstecken.“ „Bescheuerte Idee, so ein Profilneurotiker.“ „Äh, Bushido und Gabriel?“ „Na also, geht doch!“

„Und das Terrorspecial?“ „Können wir das noch näher an die Wahl heranrücken?“ „Bloß nicht!“ „Wieso denn nicht?“ „Mensch, sind Sie denn des Wahnsinns?“ „Man muss doch die Zuschauer warnen, wenn es eine…“ „Eben nicht!“ „Aber warum heißt das Ding dann Terrorspecial?“ „Rahmenvertrag.“ „Rahmenvertrag?“ „Die Gäste unterschreiben einen Rahmenvertrag, dass sie einmal im Jahr eine Sendung abdrehen müssen, in der sie nichts als die Wahrheit sagen.“ „Wie, die Wahrheit? Und das wird dann gesendet?“ „Eben nicht. Sonst hätte man ja nichts gegen sie in die Hand. Und wo bekäme man sonst Talkgäste her?“





Ego-Shooter

18 12 2012

„Wie können wir uns jetzt vor denen schützen?“ „Vor wem?“ „Diese Presseberichte nach Newtown, Sie wissen schon.“ „Ja, ich verstehe. Wir sollten sie loswerden, so schnell wie möglich.“ „Wen meinen Sie?“ „Diese Schmierenjournalisten, wen sonst?“

„Man muss doch diese Debatte öffentlich führen dürfen.“ „Sie haben vergessen, sich zu bemitleiden, weil Sie unter Denkverboten zu leiden hätten.“ „Diese Krankheiten sind viel zu wenig erforscht, als dass man jetzt schon sagen könnte, dass sie nicht gefährlich sein könnten.“ „Und weil die Neurologie noch nicht ausreichend über das Asperger-Syndrom herausgefunden hat, können Sie jetzt schon sagen, was am Ende rauskommt?“ „Es ist doch wenigstens denkbar.“ „Wie kommen Sie überhaupt dazu, Autismus als Krankheit zu bezeichnen?“ „Die Presse sagt es doch auch.“ „Und das halten Sie für eine unumstößliche Wahrheit?“ „Immerhin ist es doch nicht ausgeschlossen.“

„Haben Sie sich eigentlich jemals mit Autismus auseinandergesetzt?“ „Man kann doch nicht ausschließen, dass einer von diesen Menschen mal durchdreht und sich eine Waffe besorgt.“ „Lassen Sie uns über Waffen sprechen, das scheint Sie nicht zu überfordern.“ „Wenn ich es richtig verstanden habe, dann können wir und ja gar nicht vorstellen, was in einem Autisten alles vorgeht.“ „Interessant, erzählen Sie.“ „Die sollen ja teilweise grundlos aggressiv sein.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Und dann haben sie depressive Schübe, völlig grundlos.“ „Es wäre Ihnen also lieber, wenn sie ihre Depressionen vorher anmelden, richtig?“ „Man weiß überhaupt nicht, in welcher Welt diese Menschen leben.“ „Deshalb können Sie sie beurteilen.“ „Die haben zur Außenwelt überhaupt keinen Bezug, dass muss man sich doch mal vorstellen. Das ist doch nicht normal, das ist doch gefährlich! Da muss man doch etwas unternehmen können!“ „Gemäß Ihrer Diagnosekriterien könnte man im Handumdrehen jedes Demenzpflegeheim in ein Terrorcamp umdefinieren und dem Erdboden gleichmachen.“

„Wir stehen doch gerade erst am Anfang, da muss man jede Möglichkeit nutzen.“ „Das geschieht auch, nur etwas anders, als Sie es gerade bemerken.“ „Wenn diese Gewalttaten immer wieder an Schulen stattfinden, ist es doch ein eindeutiges Anzeichen, dass die Attentäter dort eine Kränkung erfahren haben.“ „Großartig, in Ihnen schlummert ein sozialpädagogisches Talent. Dann verbieten wir doch am besten Gerichtsurteile, damit sich kein verurteilter Straftäter mehr an Justizbeamten rächen will.“ „Das meine ich doch gar nicht.“ „Und jeder spielt die Hauptrolle in einem Hollywood-Streifen, falls er mal in einem Kino herumballern will. Noch irgendwelche Ideen, falls der nächste Amoklauf in einem Busbahnhof stattfinden sollte?“ „Es steht doch fest, dass die Täter immer gesellschaftliche Außenseiter gewesen sind.“ „Bisher hat sich die Diskussion an Computerspielen festgebissen, wie kommen Sie jetzt auf soziale Randgruppen?“ „Die wollen sich doch immer an der Mehrheit rächen.“ „Dafür, dass die Gesellschaft Menschen mit Beeinträchtigungen ausgrenzt? Dann würde es mich interessieren, von wem hier die Gewalt ausgeht.“

„Der Aufhänger war unglücklich, trotzdem sollten wir als Gesellschaft uns mit den Autisten mehr beschäftigen.“ „Um sie als Gefahrenquelle einzugrenzen?“ „Man wird zumindest ein bisschen sensibler.“ „Sie wünschen sich ein Merkmal mehr auf der Lochkarte. Es ist erst der Anfang, aber sie wollen alle Möglichkeiten nutzen.“ „Wovon reden Sie?“ „Von dem, was Sie mitspielen, weil Sie es nicht verstehen. Von Othering.“ „Aber diese Leute sind doch anders.“ „Und genau das ist es, was Sie denken sollen. Demnächst gelten Rot-Grün-Blinde, Gehörlose und Epileptiker als Terrorverdächtige. Die sind anders, das reicht.“

„Wer hätte denn ein Interesse daran, Menschen auszugrenzen? Das geht doch gar nicht mehr.“ „Dann ist es sicher auch nur Zufall, dass man in der Hauptstadt im Wahn, vor Terroranschlägen warnen zu können, gezielte Denunziationen fördert.“ „Wen will man da fangen? Vor wem wird da gewarnt?“ „Bärtige Männer, die der deutschen Sprache nur mangelhaft mächtig sind und wirre religiöse Vorstellungen haben.“ „Ah, Wolfgang Thierse?“ „Lassen Sie den Quatsch. Erst sind es Bärtige, dann Ausländer, Neger, Arbeitsscheue, Alleinerziehende, Arme, Frauen.“ „Unsinn.“ „Die Presse hatte nichts Besseres über den Attentäter von Aurora zu melden als seine Haarfarbe. Für eine Hexenverbrennung hätte das gereicht.“ „Wir leben nicht mehr im Mittelalter.“ „Der Hexenwahn war keine Sache des Mittelalters. In einer Epoche mit beschränktem, aber konsistentem Weltbild braucht man keine Wahnvorstellungen. Die Hexenjagd setzte ein, als die Reformation und die Kopernikanische Wende die Machtverhältnisse in Frage stellten.“

„Sollen wir denn jetzt unsere Gesellschaft als Rohmaterial zur generellen Rasterfahndung sehen?“ „Es gibt Kreise, die Sie nicht daran hindern werden.“ „Sie meinen wirklich, es ist eine soziale Trainingsmaßnahme?“ „Da Sie es noch nicht herausgefunden haben, sollten Sie es auch nicht ausschließen.“ „Warum reagiert denn die Presse nicht darauf?“ „Haben Sie sich deren Zustand nicht angeschaut?“ „Wie würden Sie den denn sehen?“ „Als hochgradig autistisch.“





Nur Mut

8 11 2012

Verbissen tippte der Mann auf dem kleinen Bildschirm herum, so verbissen, dass er nicht merkte, wie der Kameramann immer nähr kam. „Großaufnahme“, flüsterte Siebels heiser. Immer hektischer fummelte der Mann am Automaten, doch wieder ertönte das hämische Piepsen, bevor die Maschine ein rotes Warnschild anzeigte. Er ballte die Fäuste. „Wunderbar“, kicherte Siebels. „Wirklich großartig. Damit haben wir eine ganze Staffel sicher.“

Ich schlürfte von dem Kaffee, der sich an die Spielregeln hielt; er schmeckte nach lauwarmem Plastik. „Sie drehen das ohne Schnitt?“ Der große TV-Erfinder nickte befriedigt. „Eine der letzten Herausforderungen für einen wirklich guten Film. Sechs bis acht Minuten Material ohne Schnitt, ein grandioses Crescendo der Verzweiflung, ein Document humain, das seinesgleichen sucht. Und wir brauchen nur draufzuhalten.“ Tatsächlich mühte sich der arme Kerl ab. Schon wieder ertönte das Piepsen; er stöhnte und blickte angestrengt auf die Liste, suchte irgendwo zwischen A001 und FII/b22 einen Tarifzonencode und die dazu passende Karte. „Er macht seine Sache gut“, sagte Siebels. „Und ich muss sagen, es ist schon verdammt mutig, dass er sich das vor so vielen Zuschauern zutraut – in einer Woche dürfte seine Karriere ihren vorläufigen Endpunkt erreicht haben.“ Ich war verwundert. „Aber Sie sagten doch, es würde sich um eine Mutprobe handeln?“ „Das ist richtig“, gab Siebels zurück, aber…“

In diesem Moment leuchtete das Lämpchen auf dem Funkgerät. Wir schlichen uns still fort und standen schon hinter der verhängten Glasscheibe, hinter der der Verwaltungsangestellte saß. Ein rasch improvisiertes Büro aus Schreibtisch, Drehstuhl und Telefon, ein paar Aktenordnern und einem Kugelschreiber verbreitete amtliche Atmosphäre. Nervös rutschte er auf dem Sessel hin und her. „Sie müssen mir doch erst einmal den Vordruck schicken, damit ich ihn ausfüllen kann!“ Er drehte den Stift zwischen seinen Fingern und suchte einen Block zum Schreiben. „Nicht so schnell“, rief er in den Hörer, „Sie haben mich doch noch gar nicht nach den Innenmaßen gefragt – wie wollen Sie denn die Grundfläche ohne die Innenmaße berechnen?“ Siebels winkte mir stumm zu; wir schritten wieder zurück zum Fahrkartenautomaten; keine Sekunde zu früh, wie wir bemerkten.

Der Mann sah mit stierem Blick auf die Tarifliste. Inzwischen war seine Verzweiflung einer energischen Wut gewichen, er versuchte der Reihe nach sämtliche Tasten zu drücken, vielmehr: er hämmerte manisch auf den Knöpfen herum und bekam nach jeweils zwei bis drei Versuchen eine neue Fehlermeldung. „Sie wollen mir verraten, warum das für ihn so…“ „Warten Sie“, fiel mir Siebels ins Wort. „Jetzt wird’s wirklich spannend.“ Der Mann knirschte vor Wut mit den Zähnen. „Das wird jetzt die Schlüsselszene. Passen Sie gut auf!“

Er hämmerte auf den Automaten ein. Wäre der Kasten nicht gründlich im Boden verankert gewesen, er hätte versucht, ihn herauszureißen. „Jetzt“, schnappte Siebels atemlos, „jetzt kommt das große Finale!“ Unter einem Feuerwerk von Flüchen hieb der Ärmste seine Fäuste gegen das Display, trat gegen die Verkleidung zückte seinen Schlüssel, um die Tasten herauszustochern. „Draufhalten“, befahl der Regisseur. „Ich will die ganze Szene hinterher im Abendprogramm haben, die komplette Szene in einem Take. Einfach nur draufhalten.“ „Sie wollten mir noch sagen“, brachte ich mich in Erinnerung, „warum Sie die Mutprobe für so gefährlich…“ „Wir müssen!“ Schon sprang er wieder auf, schon war er fort. Ich konnte ihm gerade eben noch folgen.

Der Verwaltungsangestellte war inzwischen nicht untätig geblieben. Die Überreste eines Schreibblocks übersäten sein Büro, der Kugelschreiber lag zerknickt in der Ecke. „Sie müssen die Innenmaße für die Bewilligung aufnehmen“, röhrte er ins Telefon, „die Innenmaße, verdammt noch mal! Außerdem erteilen nicht Sie die Genehmigung, sondern die Genehmigung wird Ihnen erteilt von der Abteilung IIIa!“ Siebels nickte. „Läuft. Läuft!“

Einen Sprung zurück kündigte sich bereits die Apokalypse an. Der Mann kauerte zusammengesunken vor dem Fahrkartenkasten. „Sehr gut“, lobte Siebels. „Was meinen Sie? Können wir das so senden? Oder ist das am Ende doch zu bösartig?“ „Sie müssen mir jetzt endlich mal erklären, warum der Mann ein Risiko eingeht mit diesem Film. Er blamiert sich, aber sonst?“ „Das ist nicht nur eine Mutprobe.“ Siebels knüllte seinen Becher gekonnt zusammen und schnippte ihn in den Papierkorb. „Er ist Angestellter der Verkehrsbetriebe, genauer gesagt: verantwortlich für diese Fahrkartenautomaten. Und er sollte einen Fahrausweis für drei Tarifzonen vom Hauptbahnhof zum Stadion ziehen. Rückfahrkarte.“ Der Nahverkehrskasper lag röchelnd auf dem Boden. Der Kameramann half ihm auf. „Und der andere, der…“ Ein splitterndes Geräusch unterbrach mich. Der Telefonhörer flog durch die Bahnhofshalle, gefolgt von den Überresten des Drehsessels. „Er ist Verwaltungsangestellter“, informierte mich Siebels, „und sollte von seinen Kollegen einen Bauantrag für eine Trennwand in seinem Geräteschuppen einholen. Aber genug davon, wir sind noch nicht fertig.“ Er erhob sich. „Gehen wir ein paar Schritte, das wird uns gut tun. Das ist Herr Schnehling, der lässt sich gleich die Haare so schneiden, wie er das für richtig hält.“ Ich pfiff anerkennend durch die Zähne. „Donnerwetter, das ist mal eine Mutprobe! Und das traut er sich zu?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Das ist ja nicht für ihn. Das ist für den Friseur.“





À la carte

29 10 2012

„Bitte nicht länger als eine halbe Minute, das wirkt sonst zu aufdringlich. Es reicht ja schon, wenn Sie die Frau Bundeskanzlerin in den entscheidenden Passagen zeigen, immer zweidrei Sekunden Rede, dann zehn Sekunden Applaus. Schneiden Sie am besten vom letzten Bundesparteitag rein. Liefern wir Ihnen, ja. Soll ja eine gute Nachrichtensendung werden.

Sie können nebenbei auch kleine Sequenzen von Schäuble reinschneiden, der kommt dann ja im nächsten – nicht? Warum kommt da im nächsten Beitrag nicht Schäuble? Wir hatten das doch so ausgemacht? War unser Regierungssprecher nicht deutlich? Wieso ist Schäuble nicht im nächsten Beitrag? Ach so, ja. Wirtschaft. Aber da müssen Sie dann auch darauf achten, dass die europäischen – China? Wer hat Ihnen erlaubt, über China zu berichten? Weil das alle machen? Das ist doch nicht relevant für Sie. In den deutschen Nachrichten wird gesagt, was die deutsche Regierung angeht. Und uns geht das an, was sich die Regierungsparteien wünschen. Was haben Sie daran nicht verstanden? Untergrundjournalismus machen Sie gefälligst in China, klar!?

Oder nein, nicht: Regierungsparteien. Bitte die Sendung nicht zu sehr mit der FDP belasten. Ja, ich weiß selbst, wo die in den Umfragen stehen, aber erstens sind das nicht unsere Umfragen, und wenn die FDP auch mal Fernsehnachrichten haben will, dann soll sie die selbst kaufen. Geld genug haben die ja. Nein, Sie machen mir den Wirtschaftsbeitrag nicht mit Brüderle – die Frau Bundeskanzlerin will das nicht. Warum nicht? Sie will das eben nicht, und das muss reichen. Es reicht, wenn einer die Wirtschaft erledigt, das brauchen Sie nicht auch noch zu zeigen.

Den Bericht über die Arbeitsmarktzahlen dürfen Sie so übernehmen. Ist egal. Ja, ist uns echt egal. Nein, nicht die Zahlen. Die Arbeitslosen. Ob wir da jetzt auch noch einen O-Ton von der Bundesuschi drankleben, das interessiert doch keinen Menschen. Senden Sie das ruhig. Danach die Präsidentenwahl in den USA, das hat ja auch keinen Einfluss auf die Bundesregierung.

Und dann nichts über den Schuldenschnitt für Griechenland. Sie haben da keine Information. Nein, Sie haben kein Information zu haben. Wir sagen Ihnen, was Sie zu wissen haben, verlassen Sie sich darauf. Die Troika hat sich noch nicht festgelegt, aber die Frau Bundeskanzlerin hat noch keine Ahnung, was sie denkt, bevor sie gehört hat, was sie dazu sagt. Deshalb wollen wir auf den Bericht vorerst verzichten. Sie müssen dann eben eine Güterabwägung vornehmen – wenn Sie nicht für uns sind, sind Sie gegen uns. Und das wollen wir doch nicht, oder?

Zwanzig Sekunden für die Klimakonferenz? Ist das nicht ein bisschen wenig? Wo doch die Frau Bundeskanzlerin sich ausdrücklich für die Ziele der proaktiven Klimapolitik ausspricht? Da wollen wir mehr Bilder. Interview. Schicken Sie da einen Korrespondenten hin, der soll vor Ort ein Interview mit dem deutschen Vertreter machen, und dann haben wir – Altmaier!? Sie sind wohl vom wilden Mann gebissen, Sie können doch nicht den Altmaier da interviewen! Der Mann redet doch Grütze, sobald er den – nein! Das senden Sie nicht, verstanden? Sie werden keine Sekunde davon senden. Wenn Sie unbedingt jemanden wollen, der von jeder Sachkenntnis ungetrübtes Gelaber absondert, dann fragen Sie Rösler irgendwas über Wirtschaft. Ja, weiß ich – aber hier dürfen Sie auch mal über die FDP berichten. Das stört die Frau Bundeskanzlerin nicht so. Hauptsache, Sie lassen uns in diesem Zusammenhang aus dem Spiel.

Und wenn Sie da das Internet zensieren? Oder müssen wir das selber machen? Nein, das ist wegen Steinbrück. Der ist ja immer in den Medien, und wenn Sie nichts über ihn bringen, dann müssten wir uns mal überlegen, was Sie da unternehmen. Weil da ja im Internet immer alle alles machen können, und wenn wir da nichts machen, also Sie, wenn Sie nichts machen, dann sind da ja noch Informationen, und dann können die da alles nachgucken – ich meine, wie ist das technisch geregelt? Können Sie nur auf Ihrer eigenen Seite die Informationen rausnehmen, und können Sie das bei den anderen erst beantragen? Oder müssen wir uns da erst einen Vorwand für ein neues Gesetz ausdenken? Ich kläre das ab. Machen Sie erstmal nichts über die SPD.

Sie sehen, es hat auch seine Vorteile, wenn man die Regierungssprecher aus Ihrem Haus holt oder hinterher bei Springer entsorgt. Die Synergieeffekte sind nicht zu leugnen. Öffentlich-rechtliche Sender stehen in der Verantwortung der Gesellschaft und der Politik und werden sich davon auch nicht völlig lösen können. Jedenfalls nicht, solange wir nicht den Befehl dazu gegeben haben.

Mit der CSU seien Sie bitte vorsichtig, wenn Sie denen eine – nein, das war gar nicht als Drohung gemeint! Wir sind schließlich nicht die CSU. Aber da müssen Sie immer damit rechnen, dass da so komische, wie soll ich sagen – da sind Journalisten unterwegs. Investigative Journalisten. Die werden Sie so einfach wieder los wie Streptokokken.

Feindsender? Dann sorgen Sie eben dafür, dass das nicht bei den Privaten auftaucht. Und lassen Sie Ihre internationalen Kontakte spielen. Wofür bezahlen wir Sie überhaupt?

Ach ja, das Wetter. Müssen wir da einen Antrag stellen, dass die Vorhersage am Wahlsonntag gut ist, oder erledigen Sie das?“





TV total

4 10 2012

„… sei der Aufbau einer weiteren Datenbank für die GEZ nicht notwendig. Dennoch könne jetzt noch nicht abgeschätzt werden, welche Chancen sich aus einem zentralen Melderegister ergeben könnten, so dass die Datei, die beispielsweise auch für die Gebühreneinzugszentrale nutzbar…“

„… habe sich das Verzeichnis bereits mehr als amortisiert. Zwar müsse wegen der Kosten des Zentralregisters die Gebühr erheblich angehoben werden, doch werde dies als alternativlose…“

„… nur zufällig bemerkt, dass die An- und Abschaltzeiten der Geräte sowie die Nutzungsdauer der empfangenen Programme aufgezeichnet würden. Die GEZ habe dies nicht dementiert, wohl aber in Abrede gestellt, dass die danach für mehrere Jahre gespeicherten Daten auch ausgewertet…“

„… müsse sichergestellt werden, dass genügend Zuschauer das gebührenfinanzierte Programm sähen. Es lasse sich daher nicht vermeiden, dass bei starker Unterschreitung vertraglich zugesicherter Einschaltquoten eine zentrale Anpassung der …“

„… seien auch Arbeitslose verpflichtet, täglich zehn Stunden vor dem Fernseher zu verbringen. Sie hätten so noch weniger Zeit zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt, was von der Leyen als eine gute, stabilisierende Wirkung auf die Wirtschaft…“

„… ein gutes Finanzpolster geschaffen worden. Um die Beiträge in den kommenden Jahren nur wenig mehr als bisher angekündigt erhöhen zu müssen, wolle man die Adressen der Zuschauer an interessierte…“

„… fühle sich die Bevölkerung in den neuen Bundesländern stark an vergangene Zeiten erinnert, da ihre Kinder in der Schule jeden Morgen befragt würden, ob denn am Abend zuvor im Fernseher…“

„… erfordere es laut Staatsvertrag eine sekundengenaue Abrechnung des TV-Konsums, da sonst eine Pauschale nur schwer festzusetzen…“

„… sei es laut IM Friedrich technisch gar nicht möglich, aus Fernsehgewohnheiten Rückschlüsse zu ziehen, die in die Neonazidatei eingepflegt werden könnten. Auch der Verfassungsschutz habe dies mehrmals auf Nachfrage bestritten. Davon unberührt sei ein Projekt, die linksradikalen…“

„… stehe im Verdacht, heimlich Drehbücher von Fernsehserien und Krimis zu verteilen. Zahlreiche Zuschauer hätten bereits vor der Ausstrahlung an Befragungen teilgenommen und eine Folge der Telenovela Sturm der Liebesrosen auf dem Traumschiff im Schwarzwald vollständig und fehlerfrei…“

„… mit dem Argument eingerichtet worden, es würden mehrere hundert Arbeitsplätze entstehen. Nach Auskunft der Meldestelle sei immerhin kein Arbeitnehmer entlassen worden oder in die…“

„… juristisch geklärt werden solle, ob das böswillige Verlassen des Fernsehsessels während der Werbeunterbrechungen eine Betrugsabsicht darstelle. Die Kommission empfehle dagegen viel kürzere Blöcke von je einem einzigen Werbespot, die allerdings im Abstand von maximal anderthalb Minuten…“

„… seien die ersten Inhaltsangaben der Sendereihe Das Vollweib über Tauschbörsen im Internet verbreitet worden. Das Bundeskriminalamt schließe jedoch nicht aus, dass die Hauptdarstellerin Christine Neubauer selbst…“

„… habe der Medien- und Internetexperte der CSU Hans-Peter Uhl gefordert, aus Gründen der Wettbewerbsneutralität ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage einzuführen, da nur dadurch eine genaue Kontrolle des Konsums an Zeitungen…“

„… ersten Strafverfahren. Die Beschuldigten, die offensichtlich in Besitz eines empfangsbereiten Fernsehgerätes seien, weigerten sich trotz korrekter Zahlung der Pauschale, das vorhandene Programm auch zu konsumieren. Man habe in ihrer Wohnung Bücher, einen Schmalfilmprojektor sowie das…“

„… sei ein mehrmaliges Lesen von Zeitungsartikeln bei nur einmaliger Zahlung der staatlichen Pauschale widerrechtlich. Ebenso müsse der Gesetzgeber nun verhindern, dass ständig wiederholte Inhalte wie Indiana Jones oder Stirb langsam weiterhin von der Kostenloskultur der GEZ-Zuschauer…“

„… durch eine Zufallsstichprobe eruiert, ob die Bürger ihrer Verpflichtung nachkämen. Immer mehr Zuschauer würden heimlich auf dem Fernsehsessel schlafen, Zeitschriften lesen oder sich…“

„… könne die Schule vereinfacht werden, wenn Prüfungen vermehrt darauf abzielten, Inhalte zuvor gesehener Fernsehprogramme so nachzuerzählen, dass sie für den…“

„… zunächst nur eine freiwillige Maßnahme. Die Brille, die der Zuschauer vor dem Bildschirm aufsetzen müsse, übertrage neben Augenbewegung und Körperposition auch die Umgebung und die übrigen Personen im Raum, die durch eine aktuelle Kamera in den…“

„… nach Aussage eines ehemaligen V-Mannes, der ein Freund der Familie gewesen sein solle. Er habe beobachtet, wie sich das Paar mit seinen beiden Töchtern auf der Sitzgruppe vor dem TV-Gerät unterhalten habe, was eindeutig gegen die…“

„… sei das Argument, der Angeklagte habe zur Tatzeit ferngesehen, auch dann nicht zwingend stichhaltig, wenn vorausgesetzt werden könne, dass er einen Fernseher besitzen müsse, da er die Haushaltspauschale bezahle. Vielmehr sei aus der Qualität des Programms leicht abzuleiten, dass er gar keinen Fernseher…“

„… ergebe sich für den einzelnen Bürger kein Nachteil. Die Datenbank umfasse sämtliche in Deutschland ansässigen Personen, so dass ein anlassloser Generalverdacht alle Betroffenen gleichmäßig…“

„… fasse es Döpfner als Kriegserklärung auf, dass Anonymedia unmittelbar nach ihrem Erscheinen komplette Tageszeitungen als Podcast anböten. Es müsse verhindert werden, dass Konsumenten bestimmen könnten, wann, wo und wie sie den Content rezipierten, so der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, da sonst der Verlust der Demokratie und anderer relevanter Größen auf dem Aktienmarkt…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXVII): Voyeur-TV

28 09 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es gab eine Zeit, in der die Gesellschaft sich äußerlich wohlanständig zeigte. Man betete, zahlte seine Steuern und kippte die Jauche in Nachbars Garten, doch jeder hielt an der Sittlichkeit fest. Zur Unterhaltung freilich trug dies nicht bei, und seit jeher war der Beknackte willens, bei weniger Beleuchtung und mehr Suff die Grenzen des guten Geschmacks und der humanen Gesinnung nach Kräften auszuleiern. Im kulturbeflissenen Venedig und im Paris der absolutistischen Könige ließ sich die Hautevolee für ihre Freakshow kleinwüchsige Menschen auf die Tische stellen, siamesische Zwillinge und ähnliche Wesen, die sich der Ausbeutung nicht zu erwehren wussten. Den Hohlpflöcken war die ethische Minderwertigkeit ihres Hirnschrotts wohl bewusst; was sonst wäre der Kitzel, der ihnen aus der gierigen Betrachtung benachteiligter geraten könnte? Allenfalls die von Herrenmoral gepfropfte Hybris, mehr wert zu sein als die Krüppel, die ihr Leid schon verdient haben würden. Eine archaische Vorstellung, fürwahr – und derart archaisch, dass sie niedermolekular verzahnt mit der Grundausstattung mancher Charaktere harmoniert, wie sie sich über alle Zeiten hinweg im Bodensatz der Behämmerten zeigt. Heute ist das überwunden. Aber heute haben wir ja auch das Fernsehprogramm für die Geschmacksverkalkten, ein zielgruppenspezifisch für Voyeure gefrästes TV-Programm, das keinen Brechreiz ausspart.

Zunächst ist es der billig zusammengehämmerte Sozialporno, der die Hasenhirne vor der Glotze zusammentreibt. Wirre Skripte kollidieren mit dünn angerührtem Inhalt, kostenfreies Personal lärmt in gossenkompatiblem Jargon sein von Gewalt, Libido und Konsum verkorkstes Dasein in die wehrlose Welt, während sich der geistig noch gesunde Durchschnitt vor Fremdscham die Fingernägel abnagt. Von Körpergeruch bis Sperrmüll wird alles in ein Format geschwiemelt, was den Pharisäer in seiner Überheblichkeit stärkt, aus gutem Grunde weniger im Brackwasser der Masse zu dümpeln, ja auserwählt zu sein, auf welcher Seite der sozialen Distinktion er herumlümmelt. Nichts hat sich geändert, noch immer steht die Dame ohne Unterleib auf dreckiger Bühne. Die Masse gafft.

Dass die Gesellschaft nicht nur ihre angeblichen Ränder mit der Kohlenzange kneift, zeigt die allfällig auftretende Aversion gegen Messies, Mietnomaden und schmarotzende Erwerbslose. Sie werden erst durch gezieltes Eindreschen dem öffentlichen Bewusstsein als Feindbild empfohlen – die Väter des Billigfernsehens, jener Pest der Kohlära, sind die Missgeburtshelfer der geistig-unmoralischen Wende, die einen domestizierten Rassismus hegt, mit dem sich der Terror der Masse nach Belieben regulieren lässt.

Jener wohlige Ekel, den man sonst nur mit einer klinischen Affektstörung entschuldigen könnte, wird zur Grundhaltung eines Sinn und Verstand verachtenden Medienschnellverbrauchs, der die Abrissbirne als einziges funktionierendes Werkzeug übriglässt für die Auseinandersetzung mit den anderen Bekloppten. Erworbene Verhaltensweisen wie Respekt wären in einer Schamkultur intakt; gut, dass wir nie eine waren. In der Schuldkultur aber, die sich eine verinnerlichte Autorität züchtet, bedarf es lediglich einer kleinen Definitionsverschiebung, um Menschen auszugrenzen. Praktischerweise sind sie auch selbst für ihre Diskriminierung zur Verantwortung zu ziehen – was muss das Pack auch ohne Arme zur Welt kommen?

Wie sehr sich die Verdeppung der Glotzisten bereits in der Alltagsdemenz festgefressen hat, zeigt die ständig schneller quirlende Dreckzentrifuge der Unterschichtunterhalter. Waren es vor zehn Jahren noch chronisch verstrahlte Weichstapler, die vor der Kamera garantiert keinen geraden Satz herausbekamen, so wurden es Bauern und andere Schwiegertöchter, und heute ist sind wir endlich bei den Wehrlosen angekommen. Putzige Adipöse und schüchterne Querkämmer holpern zum Auftakt über den Bildschirm, der nach Recht und Gesetz Blasen werfen sollte; inzwischen sind auch die Zwerge der Renaissance zurück, Menschen mit Behinderungen werden schmerzfrei auf die Mattscheibe geknüppelt und dem Pöbel zum Fraß vorgeworfen. Wen kümmert da Würde.

So hat der Plebejer, bevor er wieder an einem Aufstand plant, wenigstens schimmeliges Brot beim falschen Spiel. Bald werden sie Lenz eine dufte Spielshow mit Wachkomapatienten machen lassen, Beckmann moderiert den Talk der Moribunden, und was niemand wird mehr für wahres Entertainment sorgen. Die Perlen der Fernsehunterhaltung sind doch jene sanfte Parabel, die der Kasten bescheibt, wenn man ihn mit Schmackes aus dem Fenster schlenzt, und jenes satte Geklirr und Geklicker, mit dem sich im Vollbesitz der Bodenhaftung detonierte Einzelteile durch die Landschaft bewegen, Dann erst entsteht ein Bild, das man nie vergisst, einer der durchschlagenden Momente der TV-Unterhaltung, wie sie selten erreicht werden. Man sollte sie öfter zelebrieren. Man hätte sie schon öfter zelebrieren sollen. Statt eines Zombies aus Oggersheim, der uns die Sache eingebrockt hat.








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 4.830 Followern an