Schizovision

22 05 2012

Siebels fuhr sich nervös durch die Haare. „Ich konnte nicht anders“, sagte er und zog hastig an seiner Zigarette. „Es ging nicht – mit Maske und Beleuchtung hätte er seit einer halben Stunde da sein müssen.“ Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Das kriegen wir hin. Wer bin ich eigentlich?“

Der TV-Macher war völlig aufgelöst. „Er hat nicht einmal abgesagt! Wir können doch so diese Sendung nicht – senden, das geht doch…“ „Es ist eine Talkshow“, sprach ich auf ihn ein, „nichts als eine Talkshow, die sich vermutlich versendet, wenn Sie nicht so ein Aufhebens darum machen würden.“ Siebels war noch immer nicht bei sich. „Er hätte ja wenigstens absagen können – er hat nicht einmal abgesagt!“ „Das hatten Sie schon gesagt“, gab ich zurück. „Jetzt erklären Sie mir freundlicherweise noch, worum es geht und für wen ich mich in dieser Sendung ausgeben soll.“ Er hielt mir ein Papier hin. „Kenne ich nicht.“ Siebels stöhnte auf. „Hätte ich mir ja denken können! Diese Partei hat nicht einmal genug Personal, um die Kernthemen zu beackern! Ich kenne den übriges auch nicht, scheint ein Hinterbänkler zu sein. Also Sie gehören zum liberalen Flügel der Liberalen, damit Sie Bescheid wissen. Die anderen Gäste sind Denkmann – ja, der Denkmann.“ Ich rümpfte die Nase. „Sie stimmen ihm teilweise zu, manchmal allerdings nur unter Vorbehalt.“ „Hümpel“, stieß ich angewidert hervor, „Kardinal Hümpel. Was macht dieser Drecksack in einer Talkshow? Und was mache ich in einer Show, in der so einer sitzt!?“ Siebels winkte lässig ab. „Sie werden schon mit ihm zurechtkommen. Er ist schwerer Trinker, homosexuell, und hat eine Vorstrafe wegen Scheckbetrugs.“ „Warum sollte ich mit ihm fertig werden?“ „Er weiß, dass Sie das wissen.“

Die Titelmusik verklang, während Nöllmeyer, der langweiligste Fernsehsandmann aller Zeiten, ansatzlos zur Sache kam: die Gesellschaft ist am Ende, denn die Steuern sind zu hoch, das Land ist von einer schweren Identitätskrise bedroht, da nicht mehr genug geglaubt und zu viel nachgedacht wird. Mein Nebenmann, Wirtschaftswissenschaftler oder anderweitig als Kabarettist tätig, krümelte ein Pfund Allgemeinplätzchen hervor. Ich wurde schläfrig. Das war nicht angenehm.

„Und wie würden Sie die gegenwärtige Lage in Europa beschreiben?“ Ich schrak auf. Hastig suchte ich die Kamera. Nöllmeyer musterte mich genervt. „Was Herr Denkmann sagt“, stammelte ich. Der riss empört die Augen auf. „Aber ich hatte doch noch gar nicht…“ „Wir müssen unbedingt in dieser Lage, die ich übrigens aus mehreren Gründen – ich komme noch darauf zu sprechen – und wenn ich sie schon als eine ernste Situation, die wir alle hier innerhalb und außerhalb, das sollte uns hier und heute nicht auseinanderdividieren, jedenfalls kommen wir mit Lösungen aus dem 20. Jahrhundert nicht sehr viel weiter, und gerade das ist etwas, was wir verinnerlichen müssen. Die Regierung sollte hier endlich mal klar Stellung beziehen!“ Täuschte ich mich, oder war der Kameramann gerade ein bisschen zusammengezuckt?

Der Kardinal schwadronierte ein bisschen über die Verantwortung der Kirche, die sicher innerhalb kommender Generationen praktische Auswirkungen haben dürfte (Denkmann popelte sich unterdessen zwischen den Fingern herum), da fiel ich ihm ins Wort. „Sie können stolz sein auf Ihre Haltung“, pfiff ich den Gottesmann an, „Drei Jahre Diskussion…“ „Fünf Jahre“, unterbrach er mich mit hoch erhobener Nase, „und das wissen Sie.“ „Umso schlimmer“, höhnte ich, „fünf Jahre lang leere Versprechungen, und dann kommen Sie mir hier mit einer Selbstverpflichtung, die noch nicht mal in Ihrem Laden gilt? Lächerlich!“ Kardinal Hümpel wurde aschfahl, was ich durchaus verstand, desgleichen erblich Nöllmeyer zusehends.

„Psst!“ Siebels hatte sich auf allen Vieren quer durch die Kulisse unter meinen Stuhl gerobbt und stecke mir einen Kassiber zu. Ich wurde also laut Bauchbinde als Mitglied der Konservativen geführt. „Machen Sie was“, flehte er mich an. „Sie sorgen noch für eine Regierungskrise!“ Warum eigentlich nicht? Ich zwinkerte Siebels zu. Jetzt oder nie.

„Was wir brauchen“, röhrte ich, „ist eine entschlossene und handlungsbereite Regierung! Wir sollten uns nicht länger auf ideologische – lassen Sie mich ausreden! Eine nachhaltige Politik, auch unter dem Gesichtspunkt einer sozialen und in der Wirtschaft verbindlichen…“ „Sie haben ja gar kein Recht, das zu sagen!“ Der Kardinal ballte vor Wut die Faust. „Aber Sie“, antwortete ich scharf, „in welches Amt waren Sie noch mal gewählt worden? Beteiligen Sie sich mit konstruktiven Vorschlägen an der Diskussion oder halten Sie einfach die Klappe!“ „Wir lassen uns das nicht bieten“, krähte Denkmann, „das wird ein Nachspiel haben!“ Mit glasigen Augen starrte Siebels aus den Aufbauten. „Ein Nachspiel wird das haben! Ich werde…“ „Verschonen Sie mich doch mit Ihrem rhetorischen Tischfeuerwerk“, wies ich Denkmann zurück. „Das parteipolitische Geplänkel muss einmal ein Ende haben, wenn die Lage ernst wird, und sie ist ernst! Wir dürfen über die Fehler und Versäumnisse dieser Regierung nicht länger…“ „Sie werden jetzt auf der Stelle…“ Nöllmeyer sah aus, als wollte er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Nur Siebels war bester Laune.

Der Geistliche hatte sich in eine Abseite verkrümelt und kippte hastig den Inhalt einer Taschenflasche in sich hinein. Kameramann und Beleuchter kümmerten sich nicht mehr um uns. Siebels rieb sich die Hände. „Großartig!“ Ich nickte geschmeichelt. „Man muss ja auch mal eine Politik mit menschlichem Antlitz zeigen. Wenn alles gut läuft, springe ich beim nächsten Interview für die Kanzlerin ein.“





GEZemane

5 04 2012

„Fernsehen? als Ersatzreligion!?“ „Jetzt lesen Sie den Antrag halt mal gescheit. Das steht da gar nicht drin.“ „Aber Sie wollen doch das Fernsehen als Glaubensgemeinschaft anerkennen lassen.“ „Ja, nur nicht als Ersatzreligion. Als echte.“

„Was würden Sie denn als Glaubensinhalt Ihrer Körperschaft definieren?“ „Irgendwas halt. Nicht so wichtig.“ „Sie können doch nicht eine Religion ins Leben rufen und dann überhaupt keinen Glauben haben?“ „Ist die CDU etwa christlich? Na!?“ „Lenken Sie nicht ab, das lässt sich überhaupt nicht vergleichen.“ „Aber sicher doch – hier geht es eben darum, etwas zu praktizieren.“ „Aber dazu braucht man doch Inhalte.“ „Wieso? Dann dürfte es die FDP gar nicht geben.“ „Ersparen Sie mir bitte Ihre dummen Vergleiche, dazu ist die Sache zu ernst.“ „Aber ich bitte Sie, das wird schließlich umfassend praktiziert. Fast dreieinhalb Stunden Fernsehen gucken die Leute hier. Täglich.“ „Das mag ja sein, aber…“ „Und in Sachsen-Anhalt sehen sie sogar über vier Stunden!“ „Ja, da mag ja alles zutreffend sein. Aber was hat das bitte damit zu tun, dass Sie Fernsehen unbedingt als Religion anerkennen lassen wollen?“ „Es wird praktiziert! Die Menschen hocken vor der Glotze! Sie schauen gebannt in ihre Geräte! Und sie gucken nicht weg!“ „Das heißt, Sie haben einen pragmatischen Ansatz von Religion.“ „Fragen Sie mal einen Kleinstadtpfarrer, der wird sich nicht für religiöse Dogmen interessieren oder ob wie seine Gemeinde sich zur potenziellen Christusgläubigkeit innerhalb der Gnadenlehre verhält. Der ist froh, wenn seine Schäfchen nicht vor der Kollekte wegpennen.“

„Ich verstehe, Sie sind also ein Verein, der auf die Vermittlung von Inhalten setzt.“ „Jetzt werden Sie mal nicht komisch.“ „Also auf die, wie soll ich sagen…“ „Wir liefern den Menschen eine fest strukturierte Lebenswirklichkeit durch rituelle Handlungsmuster.“ „Wie meinen Sie denn das jetzt wieder?“ „Sonntags ist Tatort, um acht gibt’s Tagesschau, und als Bußübung hauen wir Ihnen jeden Tag eine Talkshow rein.“ „Sie betonen jetzt aber das aufklärerische Element der Theologie nicht genügend.“ „Haben Sie Läuse im Schädel? Das können Sie sich schenken, wir gehen einen anderen Weg. Religion ist für uns ein Erweckungserlebnis – wie ein Holzhammer.“

„Haben Sie sich schon einmal Gedanken über die Finanzierung Ihrer Glaubensgemeinschaft gemacht?“ „Wir dachten an einen automatischen Einzug der Gebühren bei Mitgliedern und solchen, die es möglicherweise werden wollen könnten.“ „Moment, Sie können doch die Kirchensteuer nicht einfach auf die ausdehnen, die…“ „Doch.“ „Wie, doch?“ „Die anderen lassen ihre Intendanten, oder wie das heißt…“ „Bischöfe?“ „… oder Bischöfe, ja, die werden eben über Steuern bezahlt. Warum sollten wir das nicht auch?“ „Weil es ungerecht ist.“ „Das ist ein Grund, aber kein Hindernis. Es käme uns zudem sehr gelegen, wenn wir die Inkasso-Abteilung des Staates dazu bekämen. Kostenfrei natürlich.“ „Sonst haben Sie keine Sorgen?“ „Wo Sie es sagen: doch. Ja. Wir sollten Anstrengungen unternehmen, unsere Weltanschauung strafrechtlich schützen zu lassen. Das hat sich seit der Erfindung des bürgerlichen Rechts sehr bewährt.“

„Was Sie da übrigens sagten, die Deutschen könnten nicht wegschauen – meinen Sie das ernst?“ „Sicher.“ „Dann wird es schwierig. Artikel 4 des Grundgesetzes besagt, dass Sie nicht einfach zur Religionsausübung zwingen dürfen.“ „Noch wird unsere Gebühr ja auch gar nicht so erhoben, wie wir uns das wünschen.“ „Sie halten es für rechtens, dass Sie als Einheitsorganisation die…“ „Schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Selbstverständlich werden wir in zwei Konfessionen vertreten sein, ARD und ZDF. Damit haben wir nie eine Monopolstellung.“ „Aber Sie dominieren doch den Markt in einer Art, die man nur als…“ „Natürlich werden wir niemals fusionieren. Aber in den großen Sonntagsreden kann man ja mal die Gemeinsamkeiten betonen und ein bisschen weniger den anderen für den Verfall der Medienlandschaft verantwortlich machen und Versöhnlichkeit antäuschen.“ „Und sonst?“ „Den Rest erledigen unsere Rechtsabteilungen.“

„Haben Sie irgendwelche Zentralfiguren, die besondere Verehrung genießen?“ „Warten Sie mal, wie hieß noch gleich dieser Depp, der immer den Jahresrückblick aus Afghanistan moderiert?“ „Der Papst?“ „Nein, der lebt ja noch.“ „Der Papst lebt nicht mehr?“ „Ach, vergessen Sie’s einfach.“

„Mysterien? Geheimnisse des Glaubens?“ „Was fragen Sie mich?“ „Sie werden doch keine ganze Religion darauf aufbauen können, dass sich die Leute fragen, wohin Ihre Gebühren versickern.“ „Das können sich alle so zurechtlegen, wie sie es wollen. Wir halten uns da bedeckt.“ „Mit welcher Begründung?“ „Tradition. Wir haben eine alte Tradition der Intransparenz. Und mit dieser Begründung, dass es immer schon so war, werden wir jede rationale Erklärung im Keim ersticken.“ „Feiertage?“ „Reicht Ihnen das Frühlingsfest der Volksmusik etwa noch nicht?“ „Warum nennen Sie gerade das?“ „Religionen sollen schließlich vor allem bei Senioren gut ankommen. Man weiß ja nie so richtig, was passiert, wenn es plötzlich dunkel wird.“ „Dann bieten Sie eine echte metaphysische Hoffnung?“ „Sie meinen so eine mit Tod und Auferstehung? Gekreuzigt, verbuddelt und wieder im Programm?“ „Ja? und!?“ „Freuet Euch – Thomas Gottschalk kommt wieder!“ „Halleluja!“





Vollkommen unauffällig

14 03 2012

Sonnenbrille, Skimütze, zerknautschter Trenchcoat. Niemand hätte Kunstmann erkannt. „Passen Sie ein bisschen auf ihn auf“, hatte Siebels gesagt und mir den Serienstar unter den Arm geklemmt. „Wir werden die Probeaufnahmen auf den Nachmittag verschieben, also müssen Sie ihn nur ein paar Stunden unterhalten. Und dann sind Sie ihn auch schon wieder los. Hoffentlich.“ Was leichter gesagt war als getan. Harald Kunstmann, der große Schauspieler, bestand auf absolute Diskretion.

„Ich brauche unbedingt ein paar Handschuhe“, flüsterte er. Hastig blickte er um sich, zog die Mütze tiefer ins Gesicht und duckte sich, als wir den Fahrstuhl verließen. „Ich habe meine zu Hause vergessen, aber ich bekomme so schnell kalte Finger. Sie kennen sich doch in der Stadt aus?“ „Natürlich“, beruhigte ich ihn. „Sie können mir auch ihre Größe nennen, dann besorge ich Ihnen ein Paar.“ Er schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen, das muss ich persönlich machen. Sonst passen sie mir am Ende nicht.“ „Nur ein paar Schritte nach links“, teilte ich ihm mit. „Das Warenhaus ist gleich dort in der Marktgasse.“

Kunstmann verhielt sich wirklich mustergültig, wenngleich mustergültig für jemanden, der unter allen Umständen auffallen will. „Heben Sie die Schultern an“, zischte ich. „Und drücken Sie sich nicht wie ein Polizist an der Wand lang.“ „Das habe ich als Inspektor Clarke auch immer so gemacht.“ „Kunstmann“, wie ich ihn zurecht. „Sie sind hier aber nicht im Fernsehen. Verhalten Sie sich normal und hören Sie auf zu schleichen.“ Schon hatten wir das Portal erreicht und betraten das Geschäft. „Aber ich lasse die Brille auf“, verkündete er trotzig. „Ich möchte nämlich nicht, dass mich einer erkennt.“

„Strickwaren: erster Stock“, teilte der Portier uns mit. Kunstmann suchte nach der Rolltreppe. „Ich hoffe, dass hier nicht so ein Gedränge herrscht wie sonst.“ „Aber ich bitte Sie“, warf ich ein, „es ist werktags, kurz vor zehn, da werden Sie doch nicht mit einem vollen Geschäft rechnen.“ „Man kann nie wissen“, antwortet er ängstlich und drehte sich um. Da hatten wir das Geschoss erreicht. Eine ganze Stellage voller Handschuhe, Schals und Mützen lag vor uns. Kaum standen wir vor den Textilien, als der Verkäufer mich ansprach. „Wenn ich Ihnen vielleicht behilflich sein dürfte?“ „Handschuhe“, flüsterte Kunstmann. „Ein Paar Strickhandschuhe, nach Möglichkeit schwarz oder wenigstens sehr dunkel. Sie sollten zum Anzug passen, wenn ich mal wieder…“ „Größe 9“, unterbrach ihn der Angestellte. „Ich schaue mal, was ich da habe.“ „Vorsicht bitte.“ Kunstmann knetete seine Finger. „Ich sehe schon“, sagte der Verkäufer mit einem bedauernden Unterton, „Sie haben sich in den Finger geschnitten.“ „Am Papier“, verkündete der Bildschirmheld, „wenn man so viele Drehbücher liest wie ich, dann passiert das beim Umblättern immer mal wieder. Verstehen Sie, was ich meine?“ Der junge Mann nickte. „Ja, ich habe das auch schon gehabt, wenn ich die Kassenrolle wechsle.“

„Wie finden Sie die hier?“ Ich hielt ein paar blaue Wollhandschuhe mit Lederbesatz hoch. „Hm“, machte er. „Die werden gerne genommen“, informierte der Verkäufer uns, „leicht zu reinigen, perfekte Passform.“ „Als Graf Schnuppsdorff in Das Haus am Ende der Straße habe ich immer solche Handschuhe getragen.“ „Sie können die aber auch in Schwarz bekommen oder Mokka oder Grün. Dunkelgrün.“ Kunstmann ließ nicht locker. „Obwohl das eher zum typisch englischen Tweedanzug passen würde.“ Er beäugte die Finger und spielte am Strickbündchen. „So einer, wie ihn Inspektor Clarke trägt. Sie sind doch ein Kenner, junger Freund?“ Er griff nach einem Paar schwarzer Fäustlinge. „Die hätte doch ein brillanter Denker wie Inspektor Douglas Clarke nie getragen.“ „Ausgezeichnete Wahl“, bestätigte der Verkäufer, „passen immer wie angegossen und sind leicht zu reinigen.“

Da näherte sich eine junge Dame und bat Kunstmann um ein Autogramm. „Wie haben Sie mich bloß erkannt“, nuschelte er, „wussten Sie etwa, dass ich komme?“ „Ich weiß nicht mal, wer Sie sind.“ Sie steckte die Karte mit dem hastig hingeworfenen Schriftzug in ihre Handtasche. „Aber Sie sehen so komisch aus, Sie müssen wohl prominent sein.“

„Wenn Sie vielleicht diese mal anprobieren möchten“, brachte sich der Verkäufer in Erinnerung mit einem Paar nachtblauer Fingerhandschuhe. „Passend zur Mütze, sie sitzen wie angegossen, und sie sind wirklich pflegeleicht.“ „Haben Sie sie erkannt“, stieß Kunstmann hervor. „Haben Sie die Mütze erkannt aus dem letzten Teil von Die Toten kamen im Tiefschnee?“ „Bedaure“, stammelte der Junge, „ich weiß gar nicht, was Sie meinen.“ „Oder Letzte Liebe der Rosen im Sturm der Fackeln der Leidenschaft, haben Sie den nicht gesehen?“ Er klammerte sich an den Handschuhen fest. „Es tut mir Leid, aber ich habe keinen Fernseher.“ „Keinen Fernseher“, kreischte der Vorabendheld, „Sie sollten mich kennen – Sie müssen mich kennen! Jeder kennt mich! Ich bin Kunstmann! Harald Kunstmann, Hauptdarsteller in Serien wie Mordsache XY oder Inspektor Clarke ermittelt!“ „Inspektor Clarke“, echote er – da erhellte sich unversehens sein Gesicht. Rasch drehte er sich um und rief seinen Kollegen heran: „Hümpel, Sie glauben ja nicht, wer gerade hier ist – der Typ, wegen dem Sie immer die Glotze ausschalten!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLI): Call-In-Shows

9 03 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Abend ist vorgerückt, die Dämchen auf dem Schmuddelsender haben sich bereits ausgezogen, da tönt das Signal zum Abschalten der Großhirnrinde wie Vuvuzelas durch Bellevue: willkommen in der Geschmacksverkalkung, wir haben schon mal auf Null gedreht. Deppen raten um die Wette, wer den Preis als Müllbeutelimitat des Jahres mitnehmen darf. Die Rache des Glücksrads schlägt zu: die Call-In-Show, die Bodenplatte des Privatfernsehens.

Die Geschäftsidee ist denkbar einfach: man finde ein bis sieben netzhautverträglich aussehende Marionetten, die sich nicht verstellen müssen, wenn sie vor der TV-Kamera den Existenzlegasthenikern ein authentisches Ideal vorturnen müssen. Sodann bewaffne man die Armada der Fußföner mit Tafel und Filzstift – andere Instrumente führen bei allen Beteiligten zum intellektuellen Hinterwandinfarkt – und lasse sie Kindergeburtstag unter erschwerten Bedingungen nachspielen. Raterunde für Tröten, Beschäftigungstherapie für Beknackte, es zeitigt seinen Erfolg. Wer einmal im Netz zappelt, hat so gut wie keine Chance mehr.

Die Handlung spottet dem geistigen Horizont von Silberfischchen. Geschäftsfähige Bürger popeln sich Vokale vom _rdb__rkuch_n und beweisen, dass ihre Telefonrechnungen noch Luft nach oben haben. Ein munterer Aufguss an Vorschülerübungen schwallt durch die Arena, die bestmögliche Bühne für den Honk, um sich generationenübergreifend zu blamieren. Ist es die Lust an der eigenen Demütigung, die das Ratepersonal an die Fernsprechendgeräte drängt, oder versteht der vor dem Fernseher verschwiemelte Rezipient nicht, dass sich auch in den Schimmelrändern der Unterhaltung jene Marktmaxime mitwürgen lässt, die die Kostenlos-Kultur der verarmenden Milliardäre aus Verlagen und Belustigungskonzernen vor der prädebilen Endablagerung herbeiflennt: Heuschrecken zeigen, wie sie die niederschwelligen Bereiche dieser Gesellschaft in ihrem Niveau feststampfen – wenn sie auch nicht klar werden lassen, was sie von denen da unten trennt.

Die Call-In-Show, bei dem der Anrufer mitunter für Stunden in der Leitung hängt, weil er in seinen neoliberal wahnhaften Klimmzügen um den Hauptgewinn sämtliche Warnlampen durchglühen lässt, wäre das perfekte Demaskierungselement, hätte man es nicht perfide genug auf die Zielgruppe der Teilzeittölpel angesetzt, jene linke Annäherung der Intelligenz an die Asymptote, die unerbittlich in den Orkus zeigt. Auch ohne die Möglichkeit des Gewinnens bilden dieses Kasino-Surrogat den barrierefreien Zugang zum Abgrund, in den jeder tapert, der sich nicht rechtzeitig die Beine bricht.

Zugleich haben die Call-In-Sendungen etwas Mitreißendes, das alle Besitzer und Benutzer der handelsüblichen Synapsenausstattung über den Abgrund der Doofheit erhebt; nicht die Suche nach der Lösung des grenzdebilen Rätsels macht den Reiz der Veranstaltung aus, sondern die lückenlose Dokumentation des Umstands, dass manche Zeitgenossen bereits aus Zeitgründen aufgehört haben, sich die Hose mit der Kneifzange hochzuziehen. Nicht die Trennung der Mitmacher von ihren kaum klügeren Zuguckern macht das Konzept aus; es ist die Funktionalisierung der Benutzerschichten, die die Sendung mehrschichtig benutzbar macht. Während sich das Prekariat im seichten Sums abhampelt, guckt die verrohende Mittelschicht beim Salzgebäck und Bier den Freiübungen zu. Die Call-In-Show ist die Fortsetzung des Lotto mit massenmedialen Mitteln. Selbst wenn man betriebswirtschaftlich konzediert, dass sich eine Gewinnauszahlung nach längerem Rechtsstreit nicht vollständig vermeiden lässt, schleicht sich der objektivistische Gedanke in die funktionsfähigen Hirnregionen: wer derart blöd war, sich auf diesem Weg ausnehmen zu lassen, hat es nicht anders verdient. War nicht das Glücksspiel immer schon ein Zuchtinstrument der herrschenden Klasse? Und warum lässt man es heute – Gewinn, Risiko, Waffe und Munition, Aufgabe, soziales Ansehen – nur fragmentiert auf die Bürger los?

Findet sich also die Mehrheitsgesellschaft ab mit der sozialen Spaltung durch Fernsehformate vom Billigheimer? Angesichts der Modelle „Dreck fressen im Dschungel“ und „Öffentliches Hungern von Kleiderständern“ scheint die Vorführung regionaler Erheiterungskomparsen recht real, denn es muss doch Programmbestandteile geben, in denen nicht die vermeintliche Führungselite dieses Landes herumstolpert, um sich gegenseitig die Kohle zuzuschaufeln; die Verlierer haben aus der Untersuchung mit der Einsicht zu kommen, die Dramaturgie sehe vor, dass sie sich nicht aus eigener Kraft hocharbeiten können. Und da betrügt sich der ideologische Schmalz, der von den Glotzenproduzenten in die Welt hinausgespien wird, es gibt keine unbegrenzten Möglichkeiten, es gibt nicht einmal begrenzte. Was letztlich die Objektivisten glücklich machen würde, sähen sie einmal nachts ihre Kinder in der Glotze strampeln.





Schmale Kost

28 02 2012

„Entsetzlich!“ Siebels verdrehte die Augen. „In meinem ganzen Leben habe ich nicht so einen Deppen vor der Optik gehabt. Schauen Sie sich an, was der größenwahnsinnige Idiot für einen Lärm veranstaltet. Lächerlich!“ „Sie meinen diesen durchgeknallten Fernsehkoch?“ Der TV-Macher winkte ab. „Ich meine Steinmeier.“

Karl Korinth zerfledderte gerade einen Stapel Wahlprogramme. „Das ist ja gar nichts“, nörgelte der Gastrodarsteller, „das ist ja noch weniger – wer soll denn davon satt werden? Das ist doch wie aus der Dose aufgewärmt!“ Die Beleuchter hatten ihre Mühe, den wild gestikulierenden Mann vor der massigen Gestalt des ehemaligen Vizekanzlers noch im Bild zu halten. Der Tontechniker zischte den Mann am Mikrofongalgen an. „Nicht schwanken“, befahl er. „Und links bleiben, immer links!“ Siebels sah mich an. „Als ob ihn das jemals gekümmert hätte“, sagte er sarkastisch. Unterdessen hatte sich der Ex-Außenminister in Pose geworfen. Er ignorierte seinen Coach ganz offensichtlich. „Es hat sich bereits in der Vergangenheit vieles verändert“, schwafelte er. „Und wir gehen fest davon aus, dass die Zukunft nicht nur einfache Dinge mit sich bringt, sondern vielleicht auch Überraschungen, von denen wir heute noch nichts wissen.“ Dem Mann am Galgen wurden die Arme sichtlich schwer. „Aber ich sage mir, warten wir mal ab, was sich da tut.“ „Schön, dass er es sich selbst sagt“, höhnte Siebels, „er ist ja auch der einzige, der ihm zuhört.“

Der Küchenchef trommelte mit den Fingern auf die Stuhllehne. „Haben Sie die Sendung eigentlich mal gesehen?“ Siebels nippte an seinem Becher; angewidert stellte er ihn zu Boden. „Sie meinen Korinths Kaschemmen? Ich schaue mir das nicht mehr an. Es ist ja immer dasselbe.“ Ich roch an dem Inhalt. „Was ist denn das hier? Haben die Brühwürfel mit Limonade aufgegossen? Oder hat das eben gerade schon mal jemand getrunken?“ Siebels rümpfte die Nase. „Alkoholfreies Bier, körperwarm. Damit Sie nicht vergessen, dass wir hier bei der SPD sind.“

„Das sind doch alles Ausflüchte!“ Korinth zerpflückte die Argumente des Sozialdemokraten mit detailverliebter Gründlichkeit. „Sie haben ja gar nichts gegen Merkel auf der Speisekarte – so geht das doch gar nicht! So führt man doch heute keine erfolgreiche Partei!“ „Schnitt!“ Der Aufnahmeleiter winkte dazwischen, Siebels fuchtelte mit beiden Händen die Beleuchtung heran, und Steinmeier verschwand wortlos in der Maske. „Halbtotale mit Fahrt auf Karl, die Erste!“ „Ton!“ „Läuft!“ Der Koch hatte inzwischen die Krawatte zurechtgerückt und blickte plötzlich ganz entrüstet in die Kamera. Er sprach unmittelbar das Zuschauervolk an. „Wie wir sehen, ist der Kanzlerkandidat nicht bereit für einen Lagerwahlkampf – diese Strategie ist gar keine, sie wird nicht aufgehen, wir werden wieder eine Koalition von SPD und Union bekommen, auch wenn das jetzt noch von beiden heftig bestritten wird.“ „Was erzählt er da eigentlich“, sagte ich gelangweilt. „Jeder weiß es, weil es bisher um nichts anderes ging.“ Siebels nickte abwesend. „Richtig, aber es muss noch einmal wiederholt und zusammengefasst werden, und dann wird die Wiederholung zusammengefasst und dann die Zusammenfassung wiederholt. Die Zuschauer sind ja nicht nur dumm, sie müssen irgendwann auch mal an den Kühlschrank.“

In voller Größe hatte sich Frank-Walter mitsamt einer neuen Schicht Puder ins Scheinwerferlicht begeben. „So geht es täglich in diesem Kabinett zu“, schnarrte er in die Kamera, „und die Chefin dieses Kabinetts heißt Angela Merkel. Deshalb werden wir sie nicht verschonen können.“ Wie zufällig stand gerade in diesem Augenblick Karl Korinth hinter ihm, um ihm einen seiner weisen Ratschläge zu geben. „Machen Sie am besten das, was Sie für richtig halten.“ Er blähte im Brustton seiner Überzeugung die Nüstern auf. „Sie müssen jetzt auf sich selbst hören. Und natürlich ist das eine große Chance für Sie, wenn Sie erkennen, was sich mit diesen Veränderungen…“ Siebels stöhnte auf. „Ich hätte es mir denken können. Sie sehen sich zu ähnlich.“ Korinth monierte unterdessen die Szenenfolge. „Wir brauchen da noch eine richtige Katastrophe“, lamentierte er. „Die können wir dann ganz am Anfang reinschneiden, sehr gerne als Ausgangssituation – haben Sie die Nahles gerade nicht hier?“ Steinmeier schüttelte den Kopf. Der Aufnahmeleiter versuchte sich vorsichtig mit einem improvisierten Besuch bei Gabriel, doch der Topfgucker protestierte heftig. „Das können Sie vergessen, ab da wird’s unrealistisch. Immerhin kommen am Ende doch Szenen, in denen der Laden nach einer Stunde Arbeit wieder läuft.“

Der Beleuchter knipste die Lampen aus, der Tontechniker schraubte bereits die Mikrofone ab. Es war noch immer dieselbe SPD, von Steinmeier weit und breit keine Spur, während das Personal unmotiviert vor sich hinarbeitete. Mich überkamen doch leise Zweifel an dieser Kulisse. „Und das glauben die Zuschauer?“ „Die Zerlegung“, belehrte mich Siebels, „ist ja in Wahrheit gar nicht so sehr eine Frage der medialen Aufarbeitung. Die Politiker beschädigen sich viel effektiver selbst, wenn man nur die Kamera draufhält und abwartet, was sie von sich geben.“ Er schnüffelt noch einmal argwöhnisch an seinem Becher, bevor er ihn mit einem plötzlichen Schwung in den Papierkorb schleuderte. „Was übrigens auch auf andere zutrifft. Übrigens, haben Sie morgen schon etwas vor? Nachmittags erledigt Korinth die FDP.“





Gesprächstherapie

7 02 2012

„Was machen denn Sie hier?“ Angesichts der Tatsache, dass ich unter einem Frisierumgang in der Maske saß und abgepudert wurde, schien mir die Frage gar nicht einmal so unlogisch. „Ich warte auf den Sechs-Uhr-Zug“, teilte ich Kröllhuber mit, „das ist doch hier der Westbahnhof?“

Allerdings hatte ich wirklich nicht die leiseste Ahnung, wie ich hier hineingeraten war. „Kommen Sie Dienstag gegen drei, wir zeichnen die Sendung nämlich live auf.“ „Wer spricht“, fragte ich in den Hörer, „wo komme ich hin?“ „Sie stehen bei uns in der Kartei“, ließ mich die Dame am anderen Ende wissen. „Sie führen Sie als Experten in unserer Datenbank. Für Regionalküche, Wasserwirtschaft und Beethovens späte Streichquartette. Seien Sie pünktlich, es geht um die Zukunft der Demokratie.“

Mit Hannes Weißbrod, dem pointierten Kritiker von Windkraftanlagen im öffentlichen Raum, stand ich auf dem unbeheizten Flur zwischen Garderobe und Studio B. „Die wollten schon am Vormittag drehen, aber das kommt mir gar nicht in die Tüte!“ Der Atomlobbyist stopfte seine Fäuste tiefer in die Hosentaschen, um sein Zittern zu verbergen. „Und für eine Sendung über österreichische Lyrik – also bitte, da haben sie doch sonst genug Schauspieler und die FDP auf Lager! Wer guckt sich denn diesen Mist an?“ „Lyrik“, fragte ich entgeistert, „mir haben sie etwas von Politik erzählt!“ „Ist doch dasselbe“, winkte Weisbrod ab, „die nehmen sich irgendwas für die Programmzeitschriften – ‚Werden wir alle sterben?‘ – und dann geht’s doch wieder nur um die aktuelle Wahlprognose. Glauben Sie nicht, Sie könnten mir noch was vormachen, ich bin lange genug dabei!“ Eberhard Nölle, der nicht ganz so begabte Sportmoderator, dessen Fußballberichte regelmäßig für ansehnliche Abschaltquoten sorgten, stolperte den Gang entlang und trat umständlich eine Kippe aus. „’tschuldigung, wo ist hier die Zukunft der Demokratie?“ „Wenn Sie sie nicht haben“, knurrte ich, „ich habe sie auch nicht.“

Kröllhuber fand die Tatsache, mit dem Sprecher eines Energiekonzerns und einem verbeamteten Sportjournalisten zusammen Chancen und Risiken moderner Rapmusik zu diskutieren (wer auch immer ihn eingeladen haben musste, hatte einen gut funktionierenden Humor), wenigstens so gefährlich wie den Umstand, mit mir in einem Raum zu sitzen. „Sie arbeiten für Geld“, zischte er mir zu. Ich gab ihm mein Bedauern zum Ausdruck. „Zahlen Sie meine Steuern“, schlug ich ihm vor, „dann wollen wir gerne noch einmal darüber reden.“

„Das Publikum ist upgewarmet“, verkündete die Moderatorin. „Sie brauchen bloß ihrem Briefing zu folgen, aber Sie wissen das ja schon.“ „Action!“ Der Regisseur schnickste mit den Fingern und setzte die ganze Maschinerie in Gang. Auf dem Monitor vor uns sahen wir, wie unsere Gesichter eingeblendet wurden – erst jetzt wurde mir bewusst, dass dieses Foto von mir auf der Weihnachtsfeier nach dem Genuss etlicher Tassen Punsch gemacht worden sein musste – und hörten den Applaus der Studiogäste. „Herr Nölle“, wandte sich die Ankerfrau entschieden an den Sportkollegen, „steile Thesen – kann man das denn so sagen?“ „Ich denke“, dozierte der Angesprochene, „dass wir es hier mit einem Problem zu tun haben, das wir ohne eine wissenschaftliche Perspektive gar nicht werden lösen können. Überhaupt sollten wir uns einmal darüber im Klaren sein, dass wir diese Lage ganz anders sehen müssen als noch vor beispielsweise dreißig, vierzig oder hundert Jahren – allgemein ist der gesellschaftliche Fortschritt…“ „Keinesfalls“, unterbrach ihn Weißbrod. „Sie haben, ich verstehe das natürlich gut, die Perspektive eingenommen, die Ihnen als einem – lassen Sie mich das durchaus einmal so formulieren – spätbürgerlichen…“ „Ganz recht, krähte Kröllhuber. Doch die Moderatorin würgte ihn mit einer knappen Handbewegung ab. „Also, Herr Nölle: wie war noch mal die Frage?“ „Ich äääh…“ Der Produzent guckte gelangweilt aus der Kulisse. „Dasselbe gleich noch mal“, sagte er. „Das schneiden wir dann rein.“ „Wir sollten“, führte Weißbrod aus, „auf verfassungsrechtliche Implikationen achten – dieses unser Land ist doch erheblich mehr als eine…“ „Genau das wollte ich ja immer schon sagen!“ Kröllhuber stemmte sich im Sitz empor. Die Moderatorin guckte zur Seite. „Schneiden wir dann raus“, murmelte der Producer.

„Und Sie denken, man müsste die aktuelle Lage noch viel kritischer sehen?“ Ich fühlte die Augen wie Nadelstiche auf mir; das Blut schoss in meinen Kopf, aber ich bewahrte die Ruhe. „Es wäre ja ein Wunder, wenn irgendjemand zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch etwas Kritik formulieren würde“, schnappte ich zurück. „Offensichtlich ist es längst nicht mehr erwünscht, die aktuelle Lage als eine für Europa durchaus schwierige Entwicklung – und das sage ich hier auch explizit vor dem Hintergrund, dass es dieser Bundesregierung einfach an Fachkompetenz mangelt, das Problem nur halbwegs realistisch einzuschätzen!“ Applaus brandete auf. Weißbrod atmete tief ein, um mir ins Wort zu fallen, doch Kröllhuber war schneller. Zornesrot zappelte er in seinem Sesselchen herum und keifte los, als das Klatschen sich noch nicht ganz gelegt hatte. „Und natürlich haben wir es nicht nötig, dass diese Neger hier alles dürfen, wo sie noch nicht einmal anständig singen können!“ Das Lächeln der Moderatorin wurde unmerklich schmaler. „Wir besprechen die Rolle Afrikas als Rohstofflieferant der EU“, informierte sie den Innenpolitiker. „Aber auch an Sie die Frage: was sollte unsere Diskussion in den nächsten Jahren bestimmen?“ Kröllhuber giftete zu mir herüber. „Es gibt da eine Frage, die im Raume schwebt“, orakelte ich. „Wir sollten viel mehr über die Zukunft der Demokratie sprechen.“





Murmeltiertag

19 01 2012

„Danke, das war schon sehr schön, und den Teil mit den Arbeitslosenzahlen bitte gleich noch einmal, ja? Wenn Sie etwas mehr betonen könnten, dass wir endlich bald wieder über unsere Verhältnisse leben können, wenn wir noch niedrigere Löhne für…“ „Petzig, was veranstalten Sie hier wieder für einen Quatsch! Sie sollen sofort das Studio – Moment, das ist doch die Merkel?“ „Glückwunsch, Chef. Sie haben den Sehtest bestanden. Können wir dann jetzt vielleicht weitermachen?“ „Wie, weitermachen? womit denn?“ „Mit der Neujahrsansprache, Chef.“ „Welche Neujahrsansprache, Petzig?“ „Meine Güte, die Neujahrsansprache mit der Bundeskanzlerin.“ „Wieso mit der Bundeskanzlerin? Welche Kanzlerin denn?“ „Mit der Merkel. Oder sehen Sie hier noch eine im Studio?“

„Äh, guten Abend, Frau Merkel! Lassen Sie sich nicht stören.“ „Machen wir auch nicht. Und wenn Sie mich jetzt bitte meine Arbeit machen lassen würden, Chef?“ „Petzig, hören Sie mir gefälligst zu und hören Sie mit diesem Unsinn hier auf! Keiner wird hier eine Neujahrsansprache aufzeichnen, haben wir uns verstanden?“ „Wenn Sie das der Bundeskanzlerin freundlicherweise selbst mitteilen würden?“ „Wie, ich?“ „Ja, Sie. Und dann wünsche ich Ihnen schon mal alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg, Chef. Wird sicherlich hart, so ganz ohne Job.“ „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank, Petzig? Wollen Sie mir etwa drohen?“ „Keinesfalls, Chef. Aber da die Order direkt vom Intendanten kommt, wissen Sie ja, wer da am längeren Hebel sitzt.“

„Lassen Sie mal sehen – aber das ist ja ein Manuskript für Dezember 2012?“ „Was hatten Sie erwartet, dass wir die vom letzten Jahr noch einmal aufnehmen?“ „Aber wie können Sie denn jetzt schon die Neujahrsansprache für dieses Jahr – also eigentlich schon für das nächste, weil dieses ist ja das nächste Jahr, also wenn Sie jetzt das nächste aufnehmen, dann ist dieses, nein: im nächsten…“ „Jetzt stoibern Sie mal nicht herum, Chef, das hat schon seine Richtigkeit. – Momentchen noch, Frau Merkel. Wir sind gleich so weit. Sie können ja schon mal den Absatz über die Familienpolitik proben, okay?“ „Wieso Familienpolitik, was sagt sie denn da?“ „Dass sie sich wieder ein ganzes Jahr ernsthaft über Kinderbetreuungen gezankt haben, weil die Familienministerin außer inkompetentem Gefasel nichts von sich gegeben hat.“ „Mehr hat sie doch eh nie getan.“ „Und weshalb sollten wir dann mit der Ansprache noch ein ganzes Jahr warten?“

„Nein, Petzig – das kann ich so nicht zulassen, das bringen wir doch diesen Sender in Verruf.“ „Bei der Art, wie hier die Führungspositionen besetzt werden, ist da nicht mehr viel in Verruf zu bringen.“ „Petzig, hören Sie, das ist doch nicht vernünftig!“ „Das weiß ich selber. Sagen Sie das der Kanzlerin. Die dürfte es nicht stören.“ „Weil sie selten etwas Vernünftiges macht, ich weiß. Aber das hier ist doch gefährlich.“ „Momentchen noch, Frau Merkel. Lesen Sie doch gerade mal den Abschnitt über die Eurobonds nach und warum die Steuererhöhungen alternativlos sind.“ „Eurobonds? Alternativlos? und Steuererhöhungen!?“ „Lesen Sie das Manuskript.“ „Petzig, wenn Sie mich hier zum Narren halten wollen, ziehe ich Ihnen die Hammelbeine lang!“ „Netter Versuch, Chef. Aber das Skript ist mit der Kanzlerin abgestimmt. Und ich würde jetzt endlich mit der Aufnahme fortfahren können, wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Das ist doch alles Blödsinn – jetzt will sie auf einmal Eurobonds, aber die Krise ist noch nicht überwunden, obwohl die Wirtschaft unheimlich toll wächst, weil die Rezession einen Tick weniger stark ausgefallen ist als befürchtet, und da die Umfragewerte der FDP kaum noch fallen können, ist diese Koalition genauso toll und handlungsfähig wie immer? Was hat die Alte bloß geraucht?“ „Keine Ahnung, was Sie meinen. Es stimmt doch alles.“ „Das mit der FDP vielleicht, aber wie kommen Sie denn bitte auf Eurobonds? Die will die Merkel doch unbedingt vermeiden, und jetzt sagt sie, die seien alternativlos?“ „Haben Sie eventuell in den letzten sechs Jahren mal ihren Regierungsstil zur Kenntnis genommen?“ „Nein, warum? ist da etwas vorhanden, was man Regieren nennen kann?“ „Also haben Sie es doch gemerkt. Sie regiert nicht, und wenn, dann macht sie das, was sie vorher noch als völlig ausgeschlossen bezeichnet hat.“ „Und die Finanztransaktionssteuer?“ „Die Kanzlerin ist ja nicht die einzige, die in dieser Koalition umkippt.“

„Petzig, Sie werden mir diese Aufnahme jetzt schnell und unauffällig über die Bühne bringen, und dann will ich davon nichts mehr hören, ja?“ „Ich denke, das haben nicht Sie zu entscheiden, Chef.“ „Was soll das überhaupt, gucken Sie sich diese Rede doch mal an. Kein Wort zu Europa. Kein Wort zu den Sozialleistungen. Kein Wort zu Pflege und Mindestlohn und gerechter Einkommensverteilung und Bürgerrechten und Demokratie.“ „Hat das die Kanzlerin in den letzten Jahren jemals gejuckt?“ „Nein, aber wenn in diesem Jahr tatsächlich etwas Unvorhergesehenes passieren sollte, wie steht sie dann da? Sie geht doch auf nichts ein, das ist doch völlig egal, was sie da labert.“ „Chef, Sie haben’s endlich gecheckt: es ist die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin. Die ist wie das Murmeltier, jedes Jahr wieder. Immer dasselbe. Es ist egal, was sie sagt, und es ist auch egal, wann wir es aufzeichnen. Weil es letztlich völlig egal ist, wann es gesendet wird.“ „Machen Sie, Petzig. Machen Sie, was Sie wollen, ich wasche meine Hände in Unschuld. Und wahrscheinlich werden Sie als nächstes auch noch die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten aufzeichnen.“ „Haben wir schon, Chef. Alles längst im Kasten. Bis einschließlich 2014.“





Abfallmanagement

16 01 2012

„Hammer! Ganz ehrlich, das müssen Sie gesehen haben – echt der Hammer! Das holt Quoten, sage ich Ihnen, das holt die Kohle rein. Davon können die vom Dschungelcamp sich mal eine Scheibe abschneiden. Ein Geniestreich! Die ganze Blase eingesperrt auf Schloss Bellevue. Kein Entrinnen!

Offiziell läuft das natürlich als Klausurtagung. Die Regierungsparteien haben gerade ganz erstaunt festgestellt, dass sie die Regierung sind, und jetzt entdecken sie bestimmt demnächst auch noch, dass sie eigentlich auch mal regieren könnten, statt immer nur zu reagieren. Ein paar Journalisten im Garten, ein paar Demonstranten zeigen die neue Schuhkollektion, also alles so wie immer. Total unauffällig. Aber warten Sie mal ein paar Tage ab. Zu wenig Schlaf, die CSU-Fraktion kriegt keinen Alkohol und die FDP kein Kokain, die Kanzlerin muss sich jeden verdammten Tag die Visage von Westerwelle angucken, da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der erste die Nerven verliert und am Rad dreht. Was meinen Sie, wenn Seehofer durchknallt. Dann ist aber die Hölle los. Dann gibt der Sachen von sich, die sind selbst für seine Maßstäbe total beknackt. Friedrich ist schon fast am Ende. Der ist schon so weit unten, der hat sich aus Seife und leeren Klorollen ein Mikrofon gebastelt und interviewt sich selbst vor dem Spiegel. Warten Sie mal die nächsten Tage ab, dann erklärt er Russland den Krieg, um in die Nachrichten zu kommen.

Die größte Gemeinsamkeit dürfte das Setting sein. Der Zuschauer kennt das Konzept und will es einfach immer wieder sehen. Küblböck, Kot und Kakerlaken, das macht ihn glücklich. Die Leute wollen immer ganz kurz vor dem Brechreiz stehen. Die wollen den Ekel. Und mal ehrlich, wenn Sie Bouffier und Gröhe sehen, wie sie gemeinsam dem Präsidenten hinterherrutschen, dann wird Ihnen von selbst übel. Mit den Maden von RTL kriegen Sie das jedenfalls nicht hin.

Moderatoren? Kai Diekmann hatte offenbar Besseres zu tun. Hätte aber auch so nicht gepasst, von den Moderatoren erwartet man schließlich, dass sie das Restniveau der Sendung erzeugen. Und was soll da von Diekmann groß kommen.

Das Personal ist doch immer dasselbe. Bis auf Frauke Ludowig, die Präsidialblondine hat diesmal den Zuschlag gekriegt. Die nervt professioneller. Ob wir nun Ausschussware aus den Castingshows nehmen oder den Politabfall, das ist doch keine Frage der Moral. Hauptsache, von denen kommt keiner auf die Idee, Würde oder Anstand für sich zu reklamieren. Und ob Sie jemanden in eine Kiste voller Schlangen oder in den Bundesvorstand der CDU stopfen, das ist letztlich nur eine Frage des Abfallmanagements.

Es ist ja auch alles vorhanden, um einen zünftigen Zickenkrieg zu inszenieren. Aufgeblasene Schwätzer, einer so erfolglos wie der andere, Döring oder Dobrindt, und für beide ist natürlich das Schloss zu klein. Irgendeine Petitesse, wer rechts neben der Kanzlerin sitzen darf und die rote Schippe kriegt, und schon keifen die beiden sich an wie hysterische Waschweiber im Adrenalinschub. Dann ziehen sie sich an den Haaren, kratzen sich, und zum Schluss weint einer. Und dann ist alles wieder gut, weil ihnen sowieso keiner zuhört. Wer könnte das besser als Merkels Gurkentruppe?

Das mit dem Aufzug des Grauens hatten wir uns allerdings auch sehr viel einfacher vorgestellt. Gebe ich ja zu. Ursprünglich sollte der Bundespräsident zur Strafe die Treppe hoch laufen – wollte er nicht. Dann den Aufzug – wollte er nicht! Ist nicht zu machen mit dem Bundespräsidenten. Der macht das nicht selbst, der erwartet, dass man ihn automatisch höherstuft. Dafür war das mit dem Sarg aber ein voller Erfolg. Schönes Modell, sehr geräumig. Die komplette FDP passt da rein. Weil, ob Sie die jetzt schon verbuddeln oder später, wen interessiert das.

Dennoch haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Im Original fliegt die größte Heulsuse gleich zu Beginn raus, bei uns lässt er sich am Sitz festlöten und bleibt bis zum bitteren Ende. Und vergessen Sie nicht den Faktor Transparenz – hier sehen Sie jede Schweinerei in bester Beleuchtung. Keine Fragen offen. Die Kanzlerin kann zufrieden sein, sie hatte ja eigentlich ein ganzes Geschäftsjahr dafür eingeplant.

Richtig, Abfallmanagement hat ja auch immer etwas mit Recycling zu tun. Ob Sie da nun Schäuble oder irgendeinen anderen ausrangierten Schauspieler reinstecken, ist doch wurst. Die Leute wollen Dreck sehen, also kriegen sie Dreck zu sehen. Wo ist das Problem?

Warum das alles so erfolgreich ist? Es findet außerhalb der Zivilisation statt, in Australien wie in Bellevue. Es sind – sagen wir mal – Prominente, die sich wie Ungeziefer benehmen, weil die Äußerlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft hier nicht mehr gefragt sind. Hier können sie sich so benehmen, wie es ihrem eigentlichen Charakter entspricht. Als das asoziales Pack, das noch nicht kapiert hat, dass es vor dem Publikum kriechen müsste, das es trägt. Draußen am Fernseher oder als Souverän. Das sie jederzeit am Boden zertreten könnte. Wie Mehlwürmer.

Aber eins stimmt doch, ob Original oder Kopie: wer immer sich diesen aufwendig produzierten Unterschichtendreck anschaut, hat keinen Grund, sich zu beschweren. Jeder weiß, dass es niveaulos ist. Und jeder weiß, wofür man sich so weit erniedrigt. Alles eine Frage des Preises.“





Echt jetzt

20 12 2011

„Lass mich endlich in Ruhe, doofe Kuh!“ Die junge Mutter war außer sich vor Zorn „Leon-Balthasar“, fauchte sie, „wie oft habe ich Dir gesagt, dass Du Dein natriumarmes Wasser austrinken sollst! Wenn Du jetzt nicht artig bist, kommst Du nicht in den Golfverein und musst mit Kindern von Arbeitslosen spielen!“ Siebels nuckelte an seinem Plastikkaffee. „Großartig“, murmelte er. „Die Alte ist wirklich fantastisch. Das Scheißbalg auch. Großartig. Man möchte auf der Stelle kotzen.“

Die Maskenbildnerin puderte die Dreißigjährige ab und richtete ihr ein paar Stirnfransen mit einigen Stößen aus der Sprayflasche. Der Regieassistent gestikulierte wild. „So von hinten“, markierte er, „dann können Sie ihm den Arm auf den Rücken drehen. Das sieht unheimlich schmerzhaft aus, ist es aber nicht, wenn das Opfer eingeweiht ist.“ „Kenn ich“, brüstete sich das Kind. „Hatten wir in der letzten Serie. Da hab ich voll eins in die Fresse gekriegt von meiner Mutter. Die spielt heute hier die Jugendstaatsanwältin.“ Der Regieassistent blätterte unschlüssig das Skript durch. „Davon weiß ich gar nichts. Haben wir eventuell das Drehbuch für diese Folge geändert?“ Siebels war unbemerkt dazugetreten. „Die Staatsanwältin haben wir zur Vorsicht, und dann schauen wir mal, wie sich die Episode entwickelt. Wenn er in dem Konflikt mit seinem Vater wirklich gut rüberkommt, können wir ihn das Auto in die Luft jagen lassen. Da wäre dann automatisch die Polizei mit im Spiel, weil es einen schwerverletzten Passanten gibt, und dann wird er ins Erziehungsheim gesteckt.“

Und schon lief das muntere Treiben weiter. „Sagen Sie mal“, fragte ich den TV-Erfinder, „übertreiben Sie es nicht ein bisschen mit Ihrer geskripteten Realität?“ Er blickte mich mit einer Mischung aus Langeweile und Erstaunen an. „Ich verstehe Ihre Frage nicht ganz – war das etwa ernst gemeint?“ „Natürlich. Ein Drittel der Zuschauer ist der Überzeugung, dass es sich bei dem Schmodder um nichts als die abgefilmte Wahrheit handelt.“ Er grinste. „Sehr gut, zumindest für den Sender. Genau das Publikum ist doch das Rückgrat eines typischen Prekariatsprogramms. Wer diesen billig gestrickten Sozialporno für bare Münze nimmt, ist auch der ideale Werbekunde. Die fragen nicht nach, was die Werbung ihnen sagt, muss stimmen, sonst wäre es ja nicht im Fernsehen.“ „Das Medium ist die Botschaft“, seufzte ich. „Ganz recht“, tröstete er mich. „Aber nehmen Sie sich das nicht zu Herzen, es stimmt mehr, als Sie bisher angenommen hatten. Und es ist gar nicht einmal so schlecht.“

Die Mutter hatte nun Verstärkung von einem sichtlich genervten Gatten bekommen. Er war noch nicht ganz zur Tür herein und bekam schon einen Wutanfall. „Was heißt hier Sitzenbleiben“, tobte er. „Hast Du dem Anwalt schon gesagt, dass er den Klassenlehrer fertigmachen soll? und den Direktor? und das Schulamt weiß auch noch nicht Bescheid? Was mache ich hier eigentlich den ganzen Tag?“ „Du arbeitest“, versuchte es seine Frau schüchtern. Da explodierte er. „Richtig, ich arbeite!“ Fast fegte er mit seinem Gefuchtel die westafrikanischen Skulpturen (zweifelsohne billige Replikate, die Originale hätte man nach dem Diebstahl in einen Safe gepackt, aber sicher nicht in eine Bauhaus-Schrankwand mit Halogenstrahlern) „Ich arbeite, während Du Dir hier mit Deinem Sohn, dem Sitzenbleiber, einen schönen Tag machst! Wenn Du keine Lust mehr auf mein Geld hast, dann sag es doch einfach!“ „Echt jetzt, Ihr seid alle beide doof“, verkündete der Halbwüchsige, marschierte in die Küche und öffnete eine Limonadenflasche. „Leon-Balthasar“, ließ sich der hysterische Muttersopran vernehmen, „keine Limonade! Ich will nicht, dass Du Limonade trinkst!“ „Dann kauf das Scheißzeug doch nicht“, brüllte der Junge zurück. „Du trinkst nur Gin, weil der wie Mineralwasser aussieht, Papa trinkt nur Bier und Kaffee, um nicht mit einer Bierfahne ins Büro zu kommen, und Du schmeißt jede Limo weg, sobald ich sie angebrochen habe.“

„Lassen Sie mich raten.“ Siebels blickte mich belustigt an. „Was wollen Sie denn raten? Wer hier als erster die Nerven verliert?“ „Nein, ich frage mich nur nach Ihrer Intention.“ Der altgediente Fernsehmacher lächelte. „Was vermuten Sie denn? dass ich diese elitären Schnösel als Feindbild aufbaue?“ „So in etwa“, bestätigte ich. „Allerdings wüsste ich nicht, warum das nun sonderlich toll sein sollte. Was ist denn nun neu? Haben Sie etwa heimlich arbeitslose Kleindarsteller angeheuert, um dieses Millionärspack zu spielen?“ „Besser.“ Siebels grinste von einem Ohr zum anderen. „Viel besser. Es ist gar nicht gespielt. Es ist ein Skript, aber durchaus Realität.“ Die Mutter schwankte schon gefährlich. Der Regieassistent reichte ihr einen Flachmann. „Die säuft ja echt“, stieß ich hervor. Siebels kicherte. „Warum sollte sie auch nicht saufen, schließlich ist die Frau schwer alkoholabhängig. Nennen Sie’s Method Acting. Auf jeden Fall sind das drei stinkreiche Sozialfälle, die ihr beschissenes Leben vorführen. Die Politik, vor allem die Sozialpolitik entwirft ihre hirnrissigen Konzepte ja vorwiegend anhand dieser Sendungen, mehr sehen sie nicht von der Realität. Warum sollten sie also nicht auch mal über die sogenannte Elite aufgeklärt werden?“ „Man muss es glauben, und wenn man es besser wissen sollte, dann glaubt man es erst recht?“ Er nickte. „Und dafür sorgt das Format. Und da alles, was im Fernsehen ist, der Wahrheit entspricht…“ Er nippte am Kaffee. „Das Medium ist die Botschaft. Und jeder Widerstand ist zwecklos.“





Aktuelle Kamera

1 12 2011

Die Nachrichtensprecherin verzog keine Miene. Warum sollte sie auch. Es war ihr Job, keine Miene zu verziehen. Sie war halt Nachrichtensprecherin. „Sie hören die Wettervorhersage für Donnerstag, den 13. Juli 2017.“ Siebels grunzte befriedigt. „Sehr schön, das Mädel. Sie macht alles richtig.“ Ich schüttelte den Kopf. „Das verstehe ich nun wirklich nicht. Wie können Sie das nur als Aufzeichnung machen? Ist das nicht paradox?“ „Allerdings“, kicherte er. „Wegen der Planungssicherheit.“

Der TV-Macher hielt einen dicken Stapel Meldungen auf den Knien: Krieg gegen den Iran, Krieg gegen den Irak, Krieg gegen Pakistan, Krieg gegen Algerien, Krieg gegen die USA. „Man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein“, belehrte er mich, „es ist wie mit den Nachrufen: man darf sie nicht erst schreiben, wenn jemand schon tot ist, sonst sind sie nicht aktuell und viel zu gefühlvoll.“ Ich warf einen Blick auf die Pressetexte. „Und Sie finden es tatsächlich angebracht, eine ganze Serie Nachrichten lesen zu lassen, wie viele Meter Manhattan und die Malediven unter dem Meeresspiegel versinken, und gleichzeitig verkünden zu lassen, die Klimaerwärmung sei nur eine Propagandalüge?“ „Flexibilität ist das A und O in der Branche.“ Er tastete hektisch nach seinen Zigaretten, fand sie und lehnte sich zurück. „Wir produzieren hier den Großteil der aktuellen Nachrichten.“ „Aktuell?“ Siebels nickte. „Aktuell. Allerdings nicht in dem Maß aktuell, wie Sie das heute noch verstehen. Wir sind schon über die zeitgebundene Komponente hinausgewachsen und produzieren zeitlos aktuellen Content.“

Der Automatenkaffee verhielt sich vorschriftsmäßig: er schmeckte nach Plastik. Die graue Eminenz des deutschen Fernsehens paffte. „Schauen Sie sich die Konkurrenz an. Was Sie da im Unterschichtenfernsehen erdulden müssen, hat doch mit Nachrichten auch nur streckenweise zu tun.“ „Sie meinen diese ständigen Kinowerbungen und die aus dem Internet zusammengeklaubten Nebensächlichkeiten, die die Sendezeit fast zur Hälfte füllen?“ Er lächelte. „Allerdings. Und natürlich diese billige Meinungsmache, die sich in den Schrottkanälen gar nicht mehr verhindern lässt, weil sie eine eindeutige politische Agenda fahren.“ „Das wäre mir neu“, wandte ich ein. „Die politische Agenda?“ Siebels warf seine Zigarette fort. „Die Tatsache, dass sie nur in den Billigsendern das Programm bestimmen würden.“

Inzwischen hatte der Nachrichtensprecher seine Sicht der europäischen Lage heruntergeschnurrt. Polen, die Ukraine und Weißrussland gewannen, verloren und führten gegeneinander wirtschaftliche Auseinandersetzungen, Russland kündigte die Gaslieferungen, Litauen, Eritrea und San Marino fusionierten. „Man muss auf alles vorbereitet sein. Haben Sie noch im Gedächtnis, wie die Welt vor dreißig Jahren für Sie aussah? Was war denn Litauen für Sie?“ Er wartete meine Antwort gar nicht erst ab. „Natürlich haben Sie sich gar nicht damit beschäftigt. Es war ja alles so schön einfach, nicht wahr? Sie wollten glauben, alles bliebe wie immer. Aber dann hätten Sie ja auch Westfernsehen anknipsen können.“ „Entschuldigen Sie mal“, begehrte ich auf. „Ich bin gelernter Wessi.“ „Um so schlimmer“, antwortete Siebels schnippisch.

Der Kommentator breitete sich seit Minuten über die Krise der chinesischen Währung aus, die offensichtlich die Entwicklungsländer Schweden, Finnland und Deutschland voll erwischt hatte. Die Mehrzahl der Zulieferbetriebe in Hessen und Bayern, das nach einer Phase als ausländerfreie Zone zurückkehrte und den Länderfinanzausgleich zur Staatsreligion erklärte, wurde nur noch von Analphabeten bewirtschaftet, aber das war ja nichts Neues. „Ich weigere mich, das zu glauben.“ Doch Siebels zog nur mit angedeuteter Ironie eine Braue empor. „Keiner zwingt Sie. Und kommen Sie mir auch nicht an, wenn Sie wieder Nachrichten aus dem Innenministerium lesen, wo die eine Hälfte der Fachkräfte die andere bei Straftaten bespitzelt und danach die Aufzeichnungen aus Sicherheitsgründen in den Schredder stopft.“

Ich tupfte mir den Schweiß von der Stirn, während der Anchorman des Nachrichtenmagazins mit entschiedener Betroffenheit nachfragte, wie das nur hatte passieren können – man habe schließlich, und das sei auch im internationalen Vergleich, mit dem man nicht leichtfertig, sondern erst nach langen Beratungen und einer Abstimmung in den Resten des Deutschen Bundestages, der noch vom Verfassungsgericht als unverzichtbarer Bestandteil der von den Banken erlaubten, und auch das war nicht sicher. Mich fröstelte. Sicherlich war es nur die Klimaanlage.

„Machen Sie sich nichts daraus“, tröstete mich Siebels und reichte mir einen Becher der düsteren Plörre aus der Studiokantine. „Ich bin ja auch nicht sonderlich begeistert von dieser Entwicklung, aber es ist doch besser als gar nichts, finden Sie nicht auch?“ Ich war entsetzt, doch er wiegelte ab. „Sehen Sie es positiv: wenn sich diese neoliberale Führungsschicht durchgesetzt hätte, wäre dieser Sender längst privatisiert worden – längere Arbeitszeiten bei drastisch gekürztem Gehalt, nur noch aus Tageszeitungen abgeschrieben, die der Praktikant morgens aus der U-Bahn mitbringt, und dafür kassiert der Sender eine horrende Gebühr und verklagt jeden, der abgeschriebene Beiträge von ihm abschreibt.“ Ich nickte stumm. „Qualitätsjournalismus.“ Siebels gab dem Sprecher ein Zeichen. „Guten Abend, meine Damen und Herren. Der Weltuntergang kam pünktlich.“








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