Fehlerträchtig

9 12 2009

„So eine gottverdammte Schweinerei!“ Die junge Frau drosch mit der Tasche auf den Papierkorb ein. „Danke, gestorben!“ Siebels lehnte sich zurück und gab dem Kamerateam ein Handzeichen. „Und jetzt wieder Position B, bitte!“ Ich schlürfte vorsichtig am heißen Kaffee. „Ob das eine so brillante Idee war, den Sendeplatz direkt nach dem Original zu buchen?“ „Aber ja“, bekräftigte der TV-Produzent, „nur so haben wir auch eine reelle Chance, dem Zuschauer die Flöhe wieder aus dem Ohr zu holen.“

Unterdessen hatte sich die Blondine mit dem deutlich erkennbaren Babybauch wieder beruhigt und stapfte nach einer kurzen Absprache mit der Continuity aus dem Bild. „Wir machen dann den Innendreh mit ihr nächste Woche Montag um halb vier, vorher bekommt sie keinen Termin.“ „Kein Problem“, antwortete Siebels, „dann machen wir ihren Nervenzusammenbruch gleich in einem Aufwasch mit. Spart uns eine Stunde Drehzeit.“ „Sie entwickeln sich langsam zu einem richtigen Ekel“, bemerkte ich angewidert. Siebels zog eine Braue in die Höhe. „Nur, weil ich der Republik zeige, was passiert, wenn sie schwanger wird?“ „Sie scheinen sich sehr sicher zu sein, dass Sie mit Ihrem Sozialporno noch ankommen. Ich bezweifle, ob sich das Fernsehpublikum den galoppierenden Niveauverlust noch lange antun wird.“ „Was? Ich? Sozialporno?“ Er kicherte. „Wir zeigen die wirklich unappetitlichen Sachen, die niemand erträgt. Das, was das Unterschichtenfernsehen sich nicht zu zeigen traut – die Wirklichkeit.“

Inzwischen waren ein Sanitäter und der Beleuchter schon damit beschäftigt, die nächste Schwangere aufzurichten; sie hatte den Gegenwert eines Gebrauchtwagens investiert, um ihre Sterilisation wieder rückgängig zu machen, und erfuhr nun, dass ihre Krankenkasse die Kosten des Eingriffs nicht tragen würde. „Was soll ich jetzt machen“, heulte sie, „ich bin völlig überschuldet, wenn das Kind kommt!“ „Hervorragend“, lobte Siebels. „Das Bild ist wirklich gut gelungen. Dazu als Gegenschnitt eine der Wahlkampfreden von Westerwelle oder Merkel mit ihrem üblichen Familiengewäsch, und der Zuschauer weiß, was Phase ist. Großartig!“

Mesemann klopfte an die Tür des Trailers. „Ah, Sie sind’s!“ Siebels strahlte. „Schieben Sie die Aufnahme gleich rein. Wir wollen sehen, was wir für die erste Sendung verwenden können.“ Die Supermarktkassiererin, die bereits fünf Kinder von vier Männern hatte und sich neben ihrem Halbtagsjob größtenteils von Kindergeld ernährte, wurde gerade vom Personalchef angebrüllt. Ihre Schwangerschaft passte nicht ins Konzept des Gebietsleiters. „Damit haben wir dann auch Innenaufnahmen in der Sozialbehörde“, nickte Siebels tief befriedigt, „und können uns ansehen, wie sie jetzt ihr sechstes Blag füttert, wenn man ihr wegen der Hartz-IV-Leistungen das komplette Kindergeld streicht. Vielleicht begleiten wir sie sogar auf Wohnungssuche.“ Begeistert klatschte er in die Hände. „Arbeitslose Schwangere mit fünf verwahrlosten Kindern sucht eine Sozialwohnung – das klingt nach einer satten Einschaltquote!“

Ich blätterte die Unterlagen durch. „Das Ding sieht mir sowieso aus wie eine Dauerwerbesendung für künstliche Befruchtung.“ Siebels nickte. „Das kommt noch dazu. Aber das ist es nicht. Haben Sie schon die gynäkologischen Befunde gelesen?“ Ich verneinte. „Ein bunter Reigen. Die Mittvierzigerin mit psychotischem Kinderwunsch trifft auf die Risikopatientin, die mit einer Schwangerschaft ihr Leben aufs Spiel setzt. Allesamt bekloppt.“ „Und die Sendung zeigt das, um den Kinderwunsch beim Zuschauer durch eine Art Trotzreaktion zu verstärken?“ „Genau, wenn Sie das sehen, wissen Sie: jeder Depp kann ein Kind kriegen. Jeder noch so absurde Kinderwunsch, wenn Sie beispielsweise HIV-positiv und hoch verschuldet sind, schon ein halbes Dutzend Kinder haben, die Ihnen das Jugendamt regelmäßig wegnimmt oder die mit Ihnen nichts mehr zu tun haben wollen – jeder Kinderwunsch ist grundsätzlich legitim. Gesunder Menschenverstand nicht.“

Die nächste Kandidatin hätte die Tochter des geistig völlig überforderten Vaters sein können; tatsächlich war sie die Mutter seiner Kinder. „Da kleben wir dann Wurfprämien-Gefasel von der Ex-Familienministerin rein und als Gegenschnitt die kinderfeindliche Politik, die sie jetzt als Arbeitsministerin betreibt.“ „Also wollen Sie aufklären, dass die Gesellschaft kinderfeindlich ist?“ „Mitnichten“, winkte Siebels ab, „ich zeige, dass das Unterschichtenfernsehen das irrationale, da die Realität ignorierende Diktat der Lebensentwürfe kopiert und sich zum willfährigen Sprachrohr einer Politik macht, die das NS-Repertoire abkupfert und die Wirkung durch neoliberales Klientelgeschleime gleich wieder zerstört.“ „NS-Politik?“ „Was dachten denn Sie, woher die Perfektionierung der Malthus-Theoreme kam? Beine breit für den Führer! Bisschen BDM-Charme, gebärfreudige Vaterlandsliebe, das wird doch gerne gepredigt in Parteien mit christlichem Anstrich. Fragen Sie mal einen katholischen Priester in Paderborn, was er von muslimischen Säuglingen hält. Der entdeckt ganz neue Toleranzen, wenn’s um Abtreibung geht.“ Ich war entsetzt. „Und diese psychotischen Ideen treffen auf die Wirklichkeit.“ „Die auch nicht viel besser ist“, bestätigte Siebels. „Aber wir kriegen das schon hin. Der Sendeplatz stimmt. Schwangere gibt es in Deutschland auch genug. Und Eva Herman ist froh, endlich mal wieder im Fernsehen zu sein.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVI): Jahresrückblicke

4 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Auch der Herbst kann noch schöne Tage haben; zumindest wäre das erträglich, was nach Abzug von Nieselregenwetter, Grippeepidemien, klitschigem Laub unter den Schuhsohlen und dauerdudelndem Weihnachtsliedergeseier in der Discounterhölle davon übrig bliebe, wüsste man nicht spätestens nach einmal Rundherum im Jahrkreis, dass auch die anderen drei Viertel durch saisonalen Vollschrott unangenehm aufzufallen bemüht sind. Mit Heuschnupfen und Sonnenstich liegen sie schon ganz gut im Rennen, doch den Garaus macht der von Beknackten erdachte Versuch, die komplette Grütze von zwölf Monaten in anderthalb Stunden Mageninhalt beim fröhlichen Wiedersehen zu pferchen – den TV-Jahresrückblick.

Während sich das gemeine Volk aus purer Verzweiflung die Birne mit Glühwein aus billigem Pinselreiniger und Mähdrescheröl ostbulgarischer Herkunft wegschießt, um auf die Schnelle alle zur Erinnerung notwendigen Synapsen wegzumarmeln, suhlt sich eine Herde entmenschter Intensivtäter im Faulschlamm der Vergessenheit. Vier Quartale lang rotten Medienkadaver unter Luftabschluss vor sich hin, jetzt füttern sie das wehrlose Publikum mit den Wiedergängern aus dem Massengrab der Sinn- und Geschmacksverwesung. Der Krempel, der ohnehin nur durch Heißlufteinsatz schlagzeilentauglich wurde, darf hier noch mal Dampf ablassen.

Als hätte man das Geplänkel des politischen und gesellschaftlichen Kroppzeugs noch nicht zu den unverdaulichen Resten gekotzt, hier ringelt sich der Matsch mit neuer Kraft aus den Sielen. Abgesägte Minister, verdrängte Singsang-, Darstell-, Hupf- oder sonstige Bohlendohlen röcheln noch einmal aus dem Abfluss, bevor die Spülung sie entweder über den Umweg Dschungelcamp in Madennähe bringt oder sie im Direktzug erledigt. Der untere Rand der Cervelatprominenz, den noch vor sechs Monaten keiner kannte und dessen Name bereits seit einem Vierteljahr gründlich verdrängt wird, hier hopsen die Koordinationsversager, die sonst in der Suppenumrührsondersendung verkocht werden, auf den Schwingen verschwiemelten Faselschwalls in die Arena und verfehlen die Falltür zur Ewigkeit nur knapp. Es gäbe Schlimmeres als ihren gewaltsamen Abgang; ihre Auferstehung nämlich.

Dazu selbstverständlich die Riege derer, die weg sind vom Fenster, größtenteils tot und in fast allen diesen Fällen auch ordnungsgemäß begraben, die von verhaltensgestörten Redaktösen nochmals exhumiert werden und in den Szenen auftreten dürfen, in denen sie dem Zuschauer zwischen den Werbepausen nicht übermäßig auf die Plomben gehen. Es funktioniert wie die übliche PR-Rotation, hat aber den Vorteil, dass man den Aufmarsch der Jammerlappen nicht mehr im Original erdulden muss. Die einzig legitime Zwischenposition nimmt Johannes Heesters ein; der ist zwar inzwischen auch schon abgeschrammt, weiß es aber nicht und geht immer noch fröhlich dem Heer der Nachgeburten auf den Sack.

Die Königsdisziplin jedoch stellt die Weiterentwicklung des Katastrophentourismus mit anderen Mitteln dar. Jede Massenkarambolage, jedes Blutbad, jeder Flugzeugabsturz über dem Atlantik wird noch einmal auf die Tränendrüsen gequetscht für die Nacht der aus dem Schimmel reitenden Leichen, präsentiert von den blödesten Klugscheißern der Nation. Ob Buschfeuer oder Seebeben, detonierte Züge oder füsilierte Kinder, das Sabberpack mit dem angewachsenen Mikrofon hechelt sich zur besten Sendezeit die widerlichsten Obszönitäten für professionelle Opferspanner aus dem Schritt – da wird Fernsehen vor der Glotze zum Ekeltraining und hinter der Kamera zum Leistungssport, den kein Brezelbieger ungedopt absolviert. Ein Esslöffel Mehlwürmer hat mehr Hirnzellen als die Fehlinkarnationen mit dem IQ von Quallenfutter, und sie stilisieren sich als Ikonen unter den Hohlpfosten.

Doch nicht das ist das Unerträgliche an den Best-of-Ballerspielen. Wirklich widerwärtig ist die Bande der Winseltuten, die den Mist ins Programm schleppen. Kerner, Jauch und Gottschalk, allesamt skrupellos dabei, wenn es gilt, die Zeugen des Sofas ins Unbehagen zu zwingen. Und selbst hier gibt es Abstufungen. Ist der Banküberfall- und Bettnässer-Wiederkäuer durchschnittlich von der Ausstrahlung einer Waschbetonmauer und so attraktiv wie eine Wanne voll Pudelamputat, die volle Punktzahl für klinisch relevante Hirnkaries schießt der unvermeidliche Beckmann ab, der Paradedepp des Gebührenverheizerfernsehens, der mit der komplett merkbefreiten Frage Waren Sie traurig, als Ihre Mutter starb? Maßstäbe gesetzt hat fürs Einstellungsgespräch als Gehwegplatte im Mainzer Rotlichtviertel. Jede Dumpfnulpe dieses Formats gehört mit den Genitalien an einem ukrainischen Rübenvollernter getackert, den religiöse Fanatiker zur Tilgung ihrer dreckigen Wunschvorstellungen unterbrechungsfrei über die Schotterpiste möllern. Tagelang. Bis tief aus den Erinnerungslücken Susan Stahnkes Darmspiegelung aufblubbert – Kinder, werden die Deppen sagen, damals gab’s noch echte Kultur im Fernsehen!





Deal or No Deal

17 11 2009

„Das ist ja sowieso alles ein Wahnsinn! Das zahlt doch kein Mensch! Ja, wusstest Du etwa, dass diese ganze Krise länger als ein paar Wochen… Woher? Dein Investmentbanker hat sich abgesetzt? Na und? Machen die das nicht irgendwann alle?

Wir haben den Werbemarkt vielleicht ein ganz kleines bisschen falsch eingeschätzt. Das heißt, eigentlich waren das gar nicht wir. Sondern diese Zuschauer. Die Deppen! Wir konnten ja nicht ahnen, dass die Zielgruppe für Mittagstalkshows nicht in den einkommensstärksten Haushalten liegt. Dann hätten wir natürlich nicht ganz so viel Luxusprodukte beworben. Ja, nicht wahr? Ich war völlig fertig, als ich das hörte. Musste mit Monique erst mal zwei Wochen auf die Seychellen, um das zu verdauen.

Spätestens 2015, aber das ist dann auch die zweite Rate. Vielleicht müssen wir bis dahin doch noch abstoßen. Fusion? Glaube ich nicht, wir sind doch bereits fusioniert. Selbstverständlich, super Sache, das – wir haben dabei auch nicht ganz so viel an Wert verloren, wie unser Finanzcontrolling vorausgesehen hatte. Natürlich erst mal die Korken knallen lassen. Martinique, sehr nett um diese Jahreszeit. Schwötzer war mit. Und Tatjana, oder wie die hieß.

Das kannst Du Dir abschminken, das läuft ja gar nicht. Keine Chance, Alter. Wir wollten das Hollywood-Programm ja etwas liften. Also nicht die ganzen Filme nur einmal im Jahr zeigen, den Zyklus hätte man vielleicht um das Zweifache, maximal Dreifache straffen können. Ja und? Ob die Leute jetzt Stirb langsam nur an Ostern sehen oder auch noch an Weihnachten, Pfingsten und in der Sommerpause, das ist doch völlig wurst. Interessiert doch keine Sau. Jetzt komm, das muss ich Dir doch wohl nicht erklären – was kümmert uns bei einem Fernsehsender denn das Programm?

Ach was, kein Pay-TV. Um Gottes Willen! Die Leute würden doch für so einen Quark wie Barbara Salesch nicht auch noch Geld bezahlen, vor allem: wovon? Ja, hatten wir probiert. Echt? Das hätte ich wissen müssen – unser Justiziar meinte, wir hätten genauso Anrecht auf Staatsknete, weil der Sender von Helmut Kohl als CDU-Arschkriechorgan ins Leben gerufen worden war. Schwarzer Kanal, hähä!

Bei aller Liebe, so gut kenne ich den Pofalla nun auch wieder nicht. Dass die unseretwegen die Hartz-IV-Sätze erhöhen, damit sich die Penner ihre Dauerberieselung noch leisten können, das glaube ich ja wohl nicht. Obwohl sie uns schon etwas von den staatlichen Rundfunkgebühren abgeben sollten. Wer macht denn immer so schön Werbung für die Kanzlerin und ihren Klammeraffen?

Lizenzentzug, das halte ich doch für zu starken Tobak. Die anderen dürfen doch auch immer noch senden. Da kannst Du mal sehen, wie man mit dem ganzen Mist aus der Resttonne noch immer als Vollprogramm durchgeht. Frühstücksfernsehen, dann ein paar aufgerüschte Agenturmeldungen, die man kostenlos aus dem Internet lutscht, und einmal wöchentlich eine Magazinsendung, das reicht dann an Information. Die übrige Zeit können wir mit ermittelnden Anwälten, gestörten Jugendlichen und Oliver Pocher zuklatschen. Lass die Öffentlich-Rechtlichen die Nachrichten machen, was müssen wir uns da einmischen. Hauptsache, wir kriegen das irgendwie finanziert.

Drogen? Wer redet denn von Drogen? Jetzt krieg Dich mal wieder ein, Alter! Das geht hier nicht um den schnellen Euro, wir brauchen 3,4 Milliarden. Jawoll. Da kriegst Du mit ein paar Nutten auf dem Berliner Straßenstrich nicht viel hin. Vor allem dürfte die Gefahr groß sein, dass Du in dem Gewerbe Deinen Investoren auch noch zur Konkurrenz wirst.

Nein, wir werden einfach die Sparte ändern. Sport? Nö, viel zu teuer. Wer will sich das auch noch antun, es ist doch sowieso immer dasselbe. Nein, wir gehen auf eine ganz andere Schiene. Total anderes Format. Letzte Woche schon besprochen mit Sabrina. Jamaika, sehr schön. Musst Du auch mal hin. Unbedingt! Gar nicht erst auf die Koalition dazu warten, hähä!

Also so als Dauerwerbesendung hatten wir uns das gedacht. Aber jetzt nicht shoppingkanalmäßig, da wird ja der stärkste Arbeitslose depressiv. Eher als Dauerwerbefilmsendung. Klar, wir müssten auch ein bisschen darauf achten, dass wir nicht die ganze Schaltzeit für Luxuswhisky und Autos verballern. Vielleicht machen wir einen Joint-Venture mit einem Discounter – täglich die neuen Sonderangebote, Kochsendung mit Billigzutaten, dann das technische Kaufhaus mit Angeboten über 24 Monatsraten, Du wirst sehen, das poppt mehr als die scheiß Filmfilmfilme mit Jeanette Biedermann.

So eine Art Werbeagentur, die uns die ganzen Spots produziert, wäre ganz gut. Die könnten wir dann übrigens outsourcen – mal sehen, dass wir das an der Steuer vorbei hinkriegen, notfalls muss ich mit dem Westerwelle auch noch mal ein Wörtchen reden wegen der Unternehmensbesteuerung. Der Mann möchte ja höchstwahrscheinlich noch mal wiedergewählt werden.

Ist doch klasse! Volle Möhre Reklame im Prekariatsstyle, und wir sind in drei Jährchen raus aus der Nummer, meinst Du nicht? Ach komm, das ist mir auch egal. Am Ende des Tages habe ich immer noch das Häuschen auf den Bahamas für mich und Jacqueline. Wenn’s mal in die Hose gehen sollte. Aber sonst? Notfalls haben wir immer noch 9Live im Portfolio. Da können wir die ganze Suppe noch mal recyceln. Präsentiert von unserem Lieblingsbier, hähä!“





Der V-Effekt

19 10 2009

„Ich habe ja schon viel Mist gesehen“, sprach der Mann in die Kamera, „aber das hier ist die Härte.“ Ich staunte. „Mensch, Siebels – wie haben Sie das bloß geschafft? Das ist ja fantastisch!“ Der TV-Macher lächelte geschmeichelt. „Ach, das war ganz leicht. Wir waren als Beobachter zugelassen, und Peter Zwegat war froh, in Berlin zu arbeiten.“ Dass er aber den Schuldnerberater gleich in die Koalitionsverhandlungen eingeschleust hatte – alle Achtung!

Seltsam, wie lethargisch man mit einem Kugelschreiber erregt herumfuchteln kann; doch der Kanzlerin gelang dies Kunststück mühelos. „Wenn wir den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes Steuererleichterungen versprochen haben“, skandierte sie, „dann werden wir das auch durchsetzen!“ Guido Westerwelle kannte es schon und nickte apathisch. „Wenn es denn nicht geht, dann können wir das nicht machen.“ Zwegat schlug mit der flachen Hand auf den Verhandlungstisch. „Also was nun, ja oder ja? Können Sie sich endlich mal entscheiden?“ Merkel war sofort bei ihm. „Wir werden die Bürgerinnen und Bürger dieses…“ „Ja, wir haben es jetzt gehört. Substanz, bitte. Wie wollen Sie das finanzieren?“ „Also 20 Milliarden wären ja doch noch da“, nuschelte der Chefliberale, „wir müssen dann sehen, ob wir das Drittel, mit dem wir Deutschland zum Bildungsland Nummer eins machen werden, nicht auch zur Entlastung der Leistungsträger besser verwenden können.“ Die Kanzlerin fing den neoliberalen Spielball auf. „Das wäre sofort ein Anreiz, private Investitionen in die Bildung zu tätigen. Schließlich ist ja das Geld dafür wieder verfügbar.“ „Angela, lass uns doch lieber dies Studienförderungsprogramm wieder streichen. Und dann können wir die Studiengebühren…“ „Vergessen Sie’s“, schaltete sich Zwegat ein. „Das ist Ländersache.“ Die Kanzlerin mopste sich. „Das sieht aber auf dem Papier sehr hübsch aus.“ „Und bringt nichts.“ „Das ist doch schon mal etwas.“

Siebels gab dem Schuldnerberater Anweisung, schärfer ranzugehen. „Wir müssen dem Zuschauer auch vermitteln, wer hier für Kompetenz steht.“ Ich blieb skeptisch. „Sie wollen also vor laufender Kamera die Koalitionäre auseinandernehmen? Wird das nicht das politische Klima empfindlich treffen?“ „Sie sehen mich als Brunnenvergifter?“ Der Produzent zog die Augenbrauen hoch. „Na, da sind Sie ja in guter Gesellschaft. Auch die CDU fällt schon über ihre Vorsitzende her.“

Drinnen hatten die Rechenschüler immer neue Szenarien aufgetan. „Wir werden vorrangig an die Konsolidierung des Haushaltes denken“, gab die Kanzlerin zum Besten, „damit wir die eingesparten Gelder zur Entlastung der Wirtschaft bereitstellen können.“ Peter Zwegat ließ sich nicht beirren. „Wie soll das funktionieren?“ „Was wie?“ „Wie was?“ „Woher wollen Sie die Kohle nehmen?“ Die Kanzlerin stotterte. „Wenn der Aufschwung wieder kommt, dann sagt uns Guttenberg schon viel geringere Verluste voraus, als wir bisher vermutet hatten.“ „Also alles auf Pump.“ „Nein, wir sind uns völlig sicher, dass das funktioniert.“ „Und wenn wir mit den privaten Investitionen eventuell unsere Produktivität steigern können, dann…“ „Aber wir haben bereits Produktivität – Herr Westerwelle, war Ihnen eventuell einmal aufgefallen, dass trotz des erheblich steigenden Bruttoinlandsprodukts massiv Arbeitsplätze abgebaut werden?“ „Herr Zwegat, kümmern Sie sich um unsere Schulden, ich kümmere mich dann um die Arbeitsplätze, ja?“

Im Innenhof sah man, wie Zwegat sich bereits die nächste Zigarette anzündete. Das Mikrofon war offen. „Diese Pinocchio-Nummer zieht bei mir nicht. Ich werde ihnen jetzt auf den Zahn fühlen, wo überhaupt Einsparpotenziale vorhanden sind.“ „Also doch ein Streichkonzert“, kommentierte ich, „ich hatte auch nichts anderes erwartet.“ „Sie täuschen sich“. Siebels blieb merkwürdig gelassen. „Vergessen Sie doch für einen Augenblick mal Details, Budgets, Zielvorgaben. Schauen Sie auf den Gang der Handlung, sehen Sie es als episches Theater.“ „Ein V-Effekt?“ „Warten Sie nur ab.“

Der Berater klatschte einen Aktenordner auf den Tisch. „Jetzt mal Tacheles. Wo kann man sparen?“ Die Kanzlerin blätterte in den Papieren, die sie von Peer Steinbrück übernommen hatte. „Wenn wir die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung jetzt doch noch anheben und die Krankenkassenbeiträge für die Rentner, dann müssten wir ja parallel die Hartz-IV-Regelsätze senken – da ließe sich eine Menge rausholen.“ „Mit unserem Bürgergeld könnte man da – Angela, unterbrich mich nicht! – auch etwas herausholen. Natürlich schrittweise absenken, dann den Heizkostenzuschuss ab 2011 auf Null, und wenn wir parallel die Studienförderung auf ein Volldarlehen umstellen, hätten wir das Problem mit der Bildung nicht mehr.“ „Nee, dann doch lieber BAföG weg und Studiengebühren besteuern. Und die Mehrwertsteuer hoch und kein Bürgergeld.“ „Aber ich will mein Bürgergeld und ich will es senken! Ich will meine 35 Milliarden! Ich will! 35 Milliarden, oder ich werde nicht Außenminister!“ Merkel drehte sich in Zeitlupe zu ihrem Vize. „Ich würde Dir 50 Milliarden geben, wenn Du es nicht würdest.“

„Jetzt passen Sie auf!“ Siebels hatte den Kopfhörer abgeworfen und sprang erregt auf. „Das ist die entscheidende Phase!“ Auf dem Monitor sah ich, wie die Kanzlerin dem Kassensturz auf der Wandtafel folgte. Zwegat schmierte das Flipchart mit einer endlosen Kolonne roter Milliarden voll. Nichts blieb. „Und ich hatte es mir so schön ausgerechnet“, jammerte der Unionshosenanzug, „alles im Eimer!“ Guido plusterte sich auf. „Du hast Dir das höchstens schön gerechnet, Aus ist geschenkt!“ „Ich wollte das wie der Schröder machen, überall Haushaltslöcher entdecken und dann die Schuldenbremse anziehen. Mein schöner Plan!“ „Der Unterschied ist, dass Du nicht Schröder bist und nie einen Plan hattest. Du kannst doch nur planlos.“ „Und jetzt?“ Sie schauten sich wie begossene Pudel an. Der Finanzerzieher steckte die Hände in die Hosentaschen. „Tja, was wollen Sie jetzt der Presse verkünden? Die perfekt geplante Planlosigkeit hat den Wahlkampf überdauert?“

„Und schon haben sie gemeinsam die frohe Botschaft der Stabilität aus dem Hut gezaubert“, frohlockte der TV-Macher. „Siebels, wovon reden Sie da eigentlich? Deutschland ist bankrott und wird zu Tode gespart. Haben Sie denn so gar nichts von dieser Verhandlung mitgekriegt?“ Doch er war gar nicht mehr zu halten. „Morgenluft“, trällerte er, „ich wittere Morgenluft!“ „Höchstens Morgenthau, wenn das so weitergeht“, gab ich trocken zurück. „Aber das ist doch das Wichtigste – sie werden nur eine Lösung finden. Sie werden sich zum kompromisslosen Weiter so durchringen und damit ein Signal der Stabilität aussenden. Da, es passiert! Der V-Effekt!“ Tatsächlich waren die Verhandler vor die Tür getreten. Guido Westerwelle spreizte die Finger zum Siegenszeichen. „Die Koalitionsverhandlungen haben heute einen große Durchbruch erzielt! Wir sind auf einem guten Weg!“





Schlossallee

8 10 2009

Ich fand Siebels hinten im Transporter, den man zu einem Regiewagen umgebaut hatte. Er reichte mir einen Kopfhörer und einen Becher Kaffee. Ich zog den Kopf ein und krabbelte auf den Sitz neben ihm. „Unsere Begleiterin, Frau Bornekamp-Wienstroth, Sie haben sich sicher bei der Vorbesprechung kennen gelernt.“ Auf dem Monitor verfolgte ich, wie die junge Sozialpädagogin durch die Gänge einer Einkaufspassage irrte. Ein Kamerateam begleitete sie und ihren Schützling unauffällig.

„Und jetzt Halbtotale“, befahl der TV-Macher. Die Kamera zoomte heran und ich sah, wie ein junger Mann in abgetragener Jeansjacke aus dem Geschäft kam. Was Marcel Möhrlich – die eingesuperte Bauchbinde teilte mir nicht nur seinen Namen mit, sondern auch die Tatsache, dass er Investmentbanker war – nicht bemerkte, waren die Verkäuferinnen, die ihn argwöhnisch, aber sehr dezent bis knapp vor die Ladentür begleitet hatten. Bornekamp-Wienstroth nahm ihn in Empfang. „Was meinen Sie“, schnöselte der Kohlearbeiter, „kleines Schampüsschen? Ich lade Sie ein. Sollen ja auch nicht leben wie eine Beamtin.“ „Ich dachte, Sie setzen hier Manager und Anwälte und Bänker auf Hartz IV?“ „Genau das“, bestätigte Siebels, „sie bekommen den Regelsatz und sollen sehen, wie sie fertig werden.“ Möhrlich ließ an der Fressgasse die Korken knallen. Die Bedienung blickte etwas pikiert, servierte aber anstandslos zwei Gläser Schaumwein. Nur das übrige Publikum, Anzüge in der Mittagspause, drehte sich angewidert um. „Und wie bezahlt dieser Schmierlappen Champagner von seinem Regelsatz?“ „Das ist nicht mein Problem“, kicherte der Regisseur, „er hätte eben besser aufpassen müssen. Wir haben ihm gesagt, dass er mit dem Geld einen ganzen Monat lang überleben soll. Wenn er es in einer Stunde verprasst, hat er halt Pech gehabt.“

Das zweite Team fing eben den CEO eines Großhandelskonzerns ein, der sich der nächsten Pflichtaufgabe stellen musste. Er sollte den Wocheneinkauf für eine dreiköpfige Familie erledigen. Geduldig nahm ihm der Coach Pfifferlinge und tiefgekühlte Wachtelbrüstchen wieder aus dem Wagen. „Und das soll zeigen, dass diese Großverdiener kein Verhältnis mehr zum Preisgefüge haben?“ „Das soll zeigen, dass sie die Bodenhaftung verloren haben“, replizierte Siebels trocken. „Ein Kilo Pfifferlinge für drei Personen – er wird die Hälfte wegwerfen müssen, und diese Standpauke wird ihm die Hauswirtschaftslehrerin am Ausgang halten.“

Inzwischen hatte Möhrlich die Blicke um ihn und auf ihn bemerkt. Er wollte den letzten Rest des Regelsatzes in ein italienisches Edeljackett anlegen. Bornekamp-Wienstroth seufzte. Sie erklärte ihm nochmals die Spielregeln, aber der Geldverbrater hörte ihr einfach nicht zu. „Sie meinen also, das sei besonders einfallsreich?“ Siebels stutzte. „Warum denn nicht? Wir haben selten ein derart simples Format produziert. Es ist derart durchsichtig, dass man sich schon fast schämen muss. Jeder kapiert es. Nun ja, fast jeder. Die Hauptdarsteller nicht.“ „Sie schleppen Banker und Manager“, sagte ich, „die sich sonst mit einem 500-Euro Schein den Hintern abwischen, für einen Tag lang in die Welt eines sozial Benachteiligten, und machen ihn damit zum Gespött, weil solche Leute die Bodenhaftung verloren haben. Was, Siebels, ist daran neu?“ „Dass diese Typen das Geld ausgeben, als wenn es nachwüchse, das erwartet der Zuschauer ohnehin“, antwortete er, „das haben wir noch nicht einmal berücksichtigt. Es trägt die Storyline ein bisschen weiter, aber erheblich ist es nicht. Viel wichtiger ist der Umstand, wie sie es tun. Sie bekommen das Geld anderer Menschen in die Finger und verjuxen es sofort. Sie schmeißen es einfach weg. Es ist ein Spiel, verstehen Sie?“ Ich sah ihn bitter an. „Um das herauszufinden, müssen Sie diese Sendung produzieren? Das hätte ich Ihnen vorher sagen können.“ „Schauen Sie, es geht auf.“

In der Tat hatte Möhrlich einfach weiter in der Luxusboutique herumgesucht und allerlei an die Kasse mitgenommen, Schuhe, eine Seidenkrawatte, einen Schlangenledergürtel, Manschettenknöpfe, einen Mantel, einen sandfarbenen Kaschmirschal. Er ließ die irritierte Verkäuferin alles abziehen und verwies dann auf die Sozialkindergärtnerin. Doch die weigerte sich einfach. „Sehen Sie genau zu. Er wird aggressiv. Es ist ein Spiel, aber er hat die Regeln nicht begriffen. Und jetzt will er sie nach seinen Vorstellungen ändern.“ „Siebels, Sie wissen so gut wie ich, dass das ganze Experiment in ein paar Minuten vorbei ist. Er hat die Kohle verprasst und sich ein bisschen blamiert, aber das wär’s für ihn dann auch gewesen. Wo bleibt die Moral?“

Er lehnte sich zurück und betrachtete ganz genüsslich, wie Bornekamp-Wienstroth den sauren Geldhai aus dem Laden führte. „Der pädagogische Effekt setzt ein, wenn man die Geschichte vom Ende her betrachtet.“ „Sie meinen, der Zuschauer würde erst jetzt…“ „Ach was“, unterbrach er mich, „was hat denn der Zuschauer damit zu tun?“ Die Sozialnanny zog ein Papier aus der Tasche und gab es Möhrlich. Der lachte und versuchte einen Witz. Dann erstarb sein schmieriges Grinsen. Er zitterte. Schließlich brach er in Tränen aus. „Was hat das zu bedeuten?“ „Der pädagogische Effekt, wie ich Ihnen bereits sagte. Hier sehen Sie ihn.“ „Das war nicht das Ende?“ „Wie man’s nimmt“, lächelte Siebels und gab dem Kameramann ein Zeichen, „wie man’s nimmt. Er hat soeben seine fristlose Kündigung bekommen.“





Pulp Fiction

16 09 2009

Siebels kam mir im leeren Studio entgegen. „Ach, ich muss um Entschuldigung bitten! Ich hätte Ihnen natürlich sagen müssen, dass wir nicht hier drehen. Kommen Sie mit nach oben, ich zeige Ihnen das Team.“ Der Fahrstuhl brachte uns in den sechsten Stock. Ein Großraumbüro voller konzentriert auf die Flachbildschirme starrender Arbeiter dehnte sich vor meinen Augen aus. Wie die Hühner auf der Stange saßen die jungen Leute und bewegten bunte Drahtgerüste mit der Maus hin und her. Sie zogen farbige Flächen über die Umrisse, ließen Objekte an Pfaden entlang kreiseln und fliegen, rotierten die Perspektive und fügten Soundeffekte ein. „Wir haben die ganze Sache aufgeteilt“, erläuterte der TV-Produzent, „es ist ganz leicht, wenn man alles modularisiert. Innerhalb eines einzigen Tages ist eine komplette Folge im Kasten. Wollen Sie mal sehen?“ Er richtete die Fernbedienung auf den Beamer. Das Licht fuhr automatisch herunter. Leise ertönte die Kunststoffmusik, über der die Stimme eines angejahrten Engels akustischen Süßstoff auskippte. „Das ist doch…“, japste ich, „das muss an die dreißig Jahre her sein!“ Siebels schmunzelte. „Eben. Und dennoch haben Sie Captain Future sofort wiedererkannt.“

Bonbonfarbene Blasen, die sich als Raumschiffe herausstellten, blubberten durch die Weiten der Mangagalaxien. Laserblitze zuckten. Roboter und Androiden bewegten sich so natürlich unnatürlich, dass sie unnatürlich natürlich aussahen. Ich stutzte. „Sagen Sie mal, Siebels, das ist doch…“ Er nickte. Der Held, der durch die Weiten des Alls fetzte, trug das Antlitz des Kanzlerkandidaten. Frank-Walter Steinmeier auf dem Weg zum Wahlsieg. „Und das halten Sie für gelungen?“ „Aber ja! Warten Sie ab, bis Sie die erste Folge gesehen haben.“

Präsident Cashew sah Horst Köhler verdammt ähnlich. Bis auf das grobschlächtige Gorillagesicht. „Die Rückverwandlungskrankheit, verstehen Sie? Sie sind alle von den Neoliberalen von Megara infiziert worden, sämtliche Erdlinge werden zu kapitalistischen Affen.“ Schon nahte der Supersozi und kämpfte entschlossen gegen den skrupellosen Vul Kuolun, ein Pickelgesicht, das verdammt nach Westerwelle aussah. „Großartig, nicht wahr? Und jetzt schauen Sie mal.“ Siebels schaltete in den Edit-Modus um und drehte den lieblosen Liberalen um sämtliche Achsen. „Er ist von innen hohl. Also die Figur, verstehen Sie? Er kann sich in alle Richtungen verbiegen, wie eine Marionette. Die perfekte Illusion.“ „Warum Illusion“, sagte ich trocken, „der Echte ist ja auch nicht besser.“ „Aber der hier hat ein mehrdimensionales Profil. Das dürfte bei Westerwelle schwerlich zu finden sein.“

Auf der Suche nach der Quelle der Arbeitsplätze zischte Frank-Walter durch sämtliche Sternbilder. Auf der Leier saß der verwirrte Osqaru und drosch Phrasen. Der Große Bär, die alte Tante SPD, knipste das Licht aus und plumpste ins Himmelbett. Auf der Waage thronte Joan Merkel, die amtierende Prinzessin, sie schaukelte hin und her, was von außen den Eindruck von Bewegung erweckte – tatsächlich aber war sie nur um Ausgleich bemüht, um nicht herunter zu fallen, während sie den Kometen auswich, die um sie herum pfiffen.

„Das ist der Arbeitgeber-Nebel, und jetzt taucht Captain Steinmeier in die Zone des Mindestlohns ein, wo die gefährlichen Hartz-IV-Strahlen die Luft verpesten.“ Otto, der Androide, wechselte gerade einmal wieder seine Hülle. Eben noch gaukelte er einen smarten Cem Özdemir vor, jetzt beschloss er als Anja Hajduk, eine Kohlendioxidschleuder in Hamburg-Moorburg zu bauen.

„Als Parodie ist das ja einigermaßen erträglich“, wandte ich ein, „aber glauben Sie, dass das die Kinder überhaupt verstehen?“ Siebels schaute mich aus großen Augen an. „Kinder? Sie haben offenbar die Zielgruppe völlig falsch eingeschätzt. Das hier ist Edutainment. Wir wollen die Nichtwähler erreichen.“ Die Nichtwähler? „Selbstverständlich. Man muss doch die Leute auf dem Niveau abholen, das sie selbst von ihrer Rezeptionsfähigkeit noch erreichen. Glauben Sie ernsthaft, dass man die aus dem politischen Diskurs herausbröckelnde Schicht noch mit durchsichtigen pädagogischen Konzepten wieder sozialisieren kann? Die Leute sind, ich bitte um Entschuldigung, völlig verblödet. Die denken, sie wählen den Bundeskanzler. Die wollen Arbeit und wählen die FDP, damit die CDU an die Macht kommt. Haben Sie eine Vorstellung von der Blödheit dieser Leute?“ Ich verneinte. „Eben. Wir können sie lediglich mit einem Anime drankriegen. Politische Zusammenhänge, Grundbegriffe von Staatswesen und Demokratie, das ist eine völlig neuartige Form von Erwachsenenbildung.“ Und warum dann als Zeichentrick? „Weil die Leute es gewohnt sind. Weil sie die Schablone brauchen – im realen Kontext zu denken überfordert sie. Das Unterschichtenfernsehen und sein matschiges Konglomerat aus Stereotypen, Emotion und brutaler Vereinfachung, das ist ihre Welt. Damit machen wir sie gesellschaftsfähig.“

Grag Müntefering, so kraftvoll wie beschränkt, ruckelte durchs Raumschiff. „Ich bin nicht sicher, dass wir gewinnen“, schnarrte der Parteiroboter, „aber wir haben das Potenzial.“ Draußen ging irgendeine Sonne auf, verkrümelte sich in einer Spiralgalaxie und warf ein letztes trübes Licht auf den schwarzen Planeten, der auf Kollisionskurs war. Captain Future krallte sich den Steuerknüppel und ließ die Raketen aufheulen. „Alles klar zum Angriff! Noch vier Millionen!“ „Arbeitsplätze?“ „Nein, Lichtjahre bis dahin!“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXIV): Krawalltalkshows

11 09 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Tatort: eine beliebige Kneipe nach Einbruch der Dunkelheit, randvoll mit Randvollen. Angeheizt vom Doppelkorn lallen sich die Angehörigen des Bildungs- und Geschmacksprekariats die Reste ihres verkorksten Lebens zwischen Arge und Abtreibungsberatung in die blutenden Ohren, bis das letzte Sprachzentrum unter dem Druck des Dummfugs implodiert und Platz schafft für noch mehr Stroh unter der Fontanelle. Szenenwechsel. In der Selbsthilfegruppe bekennt der Bodensatz der von Hirnzellenatrophie befallenen Patienten, dass nach der jahrelang betriebenen Schädelentkernung alles im Arsch ist. Schemenhaft schwiemelt sich die Erinnerung an bessere Tage durch die Dachkammer, der Neuroblaster will zu gerne in die Welt aus Bier, Stütze und Barbara Salesch zurück, die ihm schon Minuten nach dem Tagesanbruch um die späte Mittagszeit ein strukturiertes Taumeln in den Abgrund ermöglichte.

Beides zu finden, die tägliche Scheiße zu leben und sie in einem immerwährenden Sprechdurchfall auf die anderen Behämmerten loszulassen, dieser sadomasochistische Seligkeitszustand gelang dem gemeinen Torfschädel in der kongenialen Synthese des Daily Talk, wo sich die Unterschicht wie im Schminkspiegel beim Verblöden zusah und nicht bemerken musste, dass sie selbst den letzten Anflug von Einsicht für kurzfristige Gesichtsprominenz hingab. Als hätte sich Rilke eine Klappstulle aus Welt und Gegenbild geschmiert, so molekular verzahnt pappte beides aufeinander und gab dem Bekloppten das gnädige Gefühl von Sicherheit.

Das Dysfunktionale, hier wird’s Ereignis. Wusste der durchschnittliche Vollspaten bisher noch nicht, dass die Mehrheit der Bundesbürger den optischen Körpergeruch zur Kunstform erhebt, hier erfährt’s der arbeitslose Unterstützer der Brauerei- und Zigarettenbranche dinglich, BILD-haft gar. Als litte der Schwachmat mit den IQ knapp unterhalb dem einer ausgestopften Bartagame unter einer schweren Vernunftallergie, so wird er von den Medizinmännern desensibilisiert: wenn die 20-jährige Mandy aus Kötzschenbroda nach fünf erfolgreich absolvierten Schwangerschaften endlich in der Lage ist, den sechsten Stecher per DNA-Test dingfest zu machen, beim Lügendetektortest aber weinend zusammenklappt, weil der Samenspender sich als Angehöriger eines feindlichen Volksstamms herausstellt – er geht bereits seit Jahren einer sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit nach – dann hat sich der Empfang der Flachmannwellen gelohnt. Tränen lügen nicht, Rotz, Eiter und Blut werden rausgewienert vom zwischengeschalteten Waschmittel-Commercial, und das nächste Blödmanns-Quiz folgt auf dem Fuße: 500 Euro für die Frage, ob ein Jahr zwölf oder vierzehn Monate hat. Da könnte man schon mal ans Denken kommen, wären die letzten Synapsen nicht frisch verlötet.

Die Zementierung der Klassengesellschaft in Treue fest wird von den Blödblunzen bezahlt, als gäb’s einen Hauptschulabschluss zum Ausmalen in der ersten Gewinnklasse. In der Unterbrechung der Werbepausen verfolgt das Unbildungsbürgertum das große Andere beim Ausleiern der Reizspirale, stellvertretend repräsentiert von bunt angemalten Blondgeschossen. Bad Britt löst unter eleganten Titeln wie Fettmagnet – An dir bleibt jede Pommes kleben oder 90–60–90 – Wozu brauche ich Abitur? die letzten Geheimnisse der aussterbenden Menschheit und klärt letzthinnig auf, warum man im Postkapitalismus als Teil der Ausschussware besser poppt und die Wurfprämie für die anwachsende Mobilfunkrechnung einsetzt. Dergestalt instruiert lehnt sich der Sedierte im Müll zurück und genießt die Selbstbespiegelung des Asozialen wie einen Themenwanderweg durch den Modder seines beschissenen Daseins: die Pappnase vor der Mattscheibe wird Konsument des eigenen Lebens und darf sich, als Ressourcen schonendes Recycling, von dem Brei ernähren, den sie auskotzt.

Doch damit ist Schluss. Die Sender säubern ihre Müllschlucker und sortieren das Trashangebot neu. Ab jetzt wird nur noch Qualitätsabfall in den Äther gehauen. Die Bescheuerten müssen ab sofort ohne Sozialporno als Masturbationshilfe für Eunuchen ihre Desolationshaft erdulden. Vorbei die Zeiten, in denen Andreas Türck, Arabella Kiesbauer, Bärbel Schäfer und Hans Meiser in die Verwahrlosung gekrochen kamen und Lebenshilfe bis zum Suizid gaben. Das Affektfernsehen hat ausgedient, nicht einmal Oliver Geissen hält es in den Tiefen des Triviallala, und hoffen wir, dass die Freakshows besser zwischengelagert werden als in der Asse, bevor 9Live den Dreck aufs Neue hochspült.

Allein der Brittstift klebt als letzte Bastion der geistigen Verelendung an der Restquote. Bald ist auch sie vom Radar verschwunden, sie werden ihre Visage entsorgen wie ein benutztes Kranichtütchen, und das Format aus Bescheuerten für Bekloppte wird vergessen. Was bleibt, wird der dauerblaue Couchhocker sein, festgewachsen im fleckigen Feinripp, urteilsfähig wie ein Reststoffsack und mit den Körperformen von Vera Int-Veen.





Zwergenaufstand

13 08 2009

Der kleine Dieter konnte einfach nicht brav sein. Schon wieder wollte er die Schublade durchwühlen, in der seine große Schwester Ulla ihre Tagebücher aufbewahrt. „Gaga, Gogo, Tralafitti“, plärrte er und steckte der Mutter die Zunge heraus. Katharina Saalfrank zog eine Augenbraue in die Höhe. „Das Aggressionspotenzial finde ich schon auch ziemlich bedenklich. Da müssen wir mal etwas ändern.“

Der Lärmpegel in der Altbauwohnung war beträchtlich. Hier schmierte die kleine Ursula Popel auf die Küchenbank, dort schmiss der renitente Wolfgang alles in den Mülleimer. „Ich weiß auch nicht, von wem er das hat“, jammerte die Mutter, „von mir jedenfalls nicht! Er erkennt einen ja kaum noch und Respekt hat er vor mir schon gleich gar nicht mehr.“ „Ich kenne und respektiere sie“, zischelte der kleine Wolfgang, „aber wir müssen auch sehen, dass dieser Schutz in der Alltagswirklichkeit praktikabel bleibt. Verbrecher und Terroristen sind klug genug, so etwas auszunutzen. Die tarnen ihre Informationen dann zum Beispiel als Tagebucheintrag.“ Und er stopfte Ullas Tagebuch zurück in den Müll, wo schon das Grundgesetz lag. Die Super-Nanny war ratlos.

Manchmal war die kleine Ursula direkt ein Lichtblick für ihre stressgeplagte Mutter. „Sie ist so ordentlich und fleißig“, lobte sie ihr Teekind, „aber sie hat einfach einen Tick: sie macht immer alles schmutzig, damit sie Lob bekommt, wenn sie es wieder wegputzt.“ Ihr Blick fiel auf die bepopelten Polster. „Da, schon wieder! So ein Schweinkram! Verstehen Sie jetzt, was ich meine?“ Die Pädagogin nickte verständnisvoll. „Das ist jetzt natürlich sehr schwierig. Wenn sie immer wieder gelobt wird, hat sie auch immer wieder eine Motivation, alles zu verdrecken. Da müssen wir wohl ansetzen.“ Und sie nahm der kleinen Ursula, die mit einem Topf voll Blumenerde und einem Handfeger in die Küche getreten war, beides wieder weg. „Ursula“, sprach Saalfrank auf das Mädchen mit den blonden Zöpfen ein, „das verstehe ich ja, aber…“ „Das sagen Sie aus der Perspektive derjenigen, die eine gewisse technische Kompetenz haben“, gab das Engelchen spitzig zurück und griff schon wieder nach dem Besen. „Schau mal, wenn Du nicht immer alles so furchtbar dreckig machst, dann musst Du auch nicht putzen und hast viel mehr Zeit für die anderen schönen Sachen. Möchtest Du nicht mal etwas ganz Neues lernen? Zum Beispiel Blockflöte?“ Doch die Pubertierende langte noch immer nach Schrubber und Topf. „Dass das der Einstieg zu mehr ist, empfinde ich persönlich auch als eine Behauptung, weil ich immer noch weiß, wie im Rechtsstaat Gesetze gemacht werden müssen.“

Unterdessen hatte der unartige Dieter schon wieder den Nachbarn die Post geklaut. Er blätterte die Kontoauszüge durch. Die Mutter wollte es verbieten, doch der kleine Wolfgang ließ sie gar nicht erst ins Wohnzimmer hinein. „Wenn es darum geht, gezielte Informationen zur Terrorabwehr zu gewinnen, sollten die Geheimdienste direkt auf Buchungsdaten zugreifen können“, krähte Dieter und riss einen Umschlag nach dem anderen auf. Die Blagenbändigerin stemmte die Tür auf und setzte den kleinen Dickkopf einfach beiseite. „Das geht so aber nicht, Dieterle“, ermahnte sie den Rechthaber, „das kann doch nicht die Lösung sein!“ Schon wieder hatte sich Wolfgang in alles eingemischt und gab wie immer ungefragt seine altklugen Sprüche dazu: „Diejenigen, die sagen, das ist nicht die richtige Lösung, müssen bereit sein, darüber nachzudenken, was die bessere Lösung ist, denn allein mit der Kritik ist kein Problem gelöst.“ Saalfrank tupfte sich den Schweiß ab. Noch immer lamentierte die Mutter, denn jetzt hatte Ursula ihre kleinen Geschwister in der Waschküche eingesperrt, wo sie sie mit bigotten Bibelsprüchen traktierte. „So selbstverständlich, wie wir den Kindern die Muttersprache mitgeben, müssen wir ihnen Religion mitgeben.“ „Und dabei will sie doch mal Lehrerin werden“, ächzte die Mutter, „wenn das bloß gut geht!“

Inzwischen hatten sich Dieter und Wolfgang in die Haare gekriegt. Der eine stopfte den halben Hausrat in den Kehricht, der andere zerrte die Brocken wieder aus dem Ascheimer heraus. Sie balgten sich um die Kontoauszüge des Nachbarn. Der Erziehungshelferin standen die Haare zu Berge. Sie war vollkommen machtlos. Dieter fuchtelte mit einem Hockeyschläger vor ihrer Nase herum. „Sie werden hinnehmen müssen“, kreischte er, „dass der Gesetzgeber in Sachen Vorratsdatenspeicherung anderer Meinung ist als Sie! Vorratsdatenspeicherung hat mit Terrorismusbekämpfung relativ wenig zu tun! Ich wäre für die Vorratsdatenspeicherung auch dann, wenn es überhaupt keinen Terrorismus gäbe!“ Welche Korrekturmaßnahme sollte hier noch greifen? Die Knirpse tanzten der Mutter auf der Nase herum. Längst hatten sie das Regiment übernommen und probten den Zwergenaufstand. Die Erziehungsberechtigte hatte sich schon auf eine Tasse Kaffee und einen ordentlichen Schnaps zum Nachbarn geflüchtet; der nette Herr Voigt, bei dem zuweilen die Polizei zu Besuch kam, störte sich nicht am Lärm der verzogenen Rasselbande. Nur die kleine Ursula hatte nichts Besseres zu tun, als sich im Rücken der Krippenschwester aufzubauen und scheinheilig zu tun. „Jetzt droht diese großartige Familie ein rechtsfreier Chaosraum zu werden, in dem man hemmungslos mobben, beleidigen und betrügen kann!“

Da riss der Super-Nanny der Geduldsfaden. An den Ohren zog sie die kreischende Ursula auf ihr Zimmer und sperrte die Tür hinter ihr zu. Dieterle drohte mit dem Briefdolch. Sie wand ihm das Messer aus den Fingern. Wolfgang, der ihr dabei gegen die Schienbeine trat, bekam von ihr eine Ohrfeige, dass er durch die halbe Küche flog. Schwer atmend ging sie zur Tür, wo die Mutter erstaunt den Kopf hineinsteckte. „Noch ein guter Tipp für Sie“, keuchte Katharina Saalfrank, „bringen Sie die ganze Brut in die Klapsmühle. Und setzen Sie gefälligst nie wieder solche Blagen in die Welt!“





Alles wird gut

6 08 2009

„Und da haben wir auch schon unsere nächste Anruferin in der Leitung… hallo, mit wem spreche ich?“ Ein knapp hörbares Knacken unterbrach die Verbindung. Doremirl Schöberle-Duddemann war konsterniert. Der Regisseur winkte. Die Aufzeichnung wurde unterbrochen. Fünf Minuten Pause. Siebels zog einen Klappstuhl zu mir herüber und stellte seinen Kaffee auf den Boden. „Ich sag’s Ihnen, das Format im Unterschichten-TV, und die Öffentlich-Rechtlichen können ihre komplette Ratgeberschiene einstampfen.“

Während die dickliche Brillenträgerin in Braun mit karierten Kniestrümpfen abgepudert wurde, bespaßte eine Stefan-Raab-Kopie zwei sichtlich genervte Assistenten. Wie ich dem Skript entnahm, hatte Michael Törksen den Comedy-Wettbewerb eines Regionalsenders mit dem vierten Platz verlassen und bot sich nun sämtlichen Medien als Witzbeilage an. „Die übliche Qualität“, grummelte der Fernsehmann, „eine Null unter vielen, er zappelt und plappert, bevor man ihn vergisst. Als Sidekick für eine Sozialpädagogin aus Oberbayern genau die richtige Besetzung.“ „Und warum macht er das dann mit?“ „Sie wissen doch, was beim Verheizen rauskommt: Asche. Ah, es geht weiter!“

Der nächste Anrufer war am Boden zerstört. Man hatte bei ihm einen Pankreastumor entdeckt, die Bauchspeicheldrüse war schon zerfressen, die Leber verweigerte den Dienst. Die Trostspenderin salbte den Gebrochenen ein. „Das Leben als solches ist ja endlich“, schwurbelte sie milde, „und es ist doch auch eine Gewissheit, wie wir Endlichkeit als Chance begreifen können, um daraus den Wert des einzelnen Tages zu erfahren.“ Offensichtlich hatte sie sich längere Zeit mit Theologie beschäftigt, im Nebenfach oder als Parkstudium. Da schnappte sich der Comedian das Mikro. „Krebs! Krebs mit 32! Wie geil ist das denn!“ Aus den Studiolautsprechern quoll Lachkonserve. „Sie haben doch die schönsten Jahre noch vor sich – also eher das schönste, hehehe!“ Wieder schallendes Gelächter. „Sie könnten jetzt beispielsweise zu rauchen anfangen. Wenn eh alles im Arsch ist, müssen Sie sich um die Spätschäden auch keinen Kopf mehr machen!“ Mutter Teresa aus dem Loisachtal blickte verzweifelt in Richtung Regie.

Mir schlug diese Geschmacklosigkeit auf den Magen. „Wie“, fragte ich den Formaterfinder, „sind Sie bloß auf diese unsinnige Mixtur verfallen?“ „Ratgebersendungen haben mitnichten den Sinn, Rat zu erteilen“, dozierte Siebels, „schon gar keinen guten, wie Sie denken. Es ist ein Quasselformat, in dem Mühselige und Beladene anderen Beladenen und Mühseligen zuhören, wie die Steuerschulden, Plattfüße und Beziehungsmüll ausplaudern und sich coram publico zum Deppen machen – schon geht’s den anderen wieder gut, wenn sie die Nichtigkeit ihrer Probleme erkennen. Denn Sie werden diesen Unfug, den Jürgen Fliege und der ganze Rest des Schwätzerschwarms in die heiße Luft sirren, doch wohl nicht als Lebenshilfe bezeichnen wollen.“ Leicht irritiert fragte ich den Produzenten, wozu denn Kummerkastentanten in erheblicher Zahl seit jeher Zeitungen, Radio und Fernsehen mit ihrer Linderung für jede denkbare Ausweglosigkeit überzögen. „Bestimmt nicht, um mit individueller Hilfe von der Stange das Schlimme dieser Welt wieder in die Tube zurückzudrücken. Früher ging man zum Priester, um sich seine Ängste von der Seele zu reden; seit der Gesundheitsreform hat nicht einmal der Arzt Zeit, seelische Zipperlein zu diagnostizieren. Jeder ist eingepfercht in die eigene Krise, hat sie sozial kompatibel zu lösen und weiß doch nicht, wie. Da braucht’s nun Schwätzer, die Pflaster auf die Wunden salbadern und einen als geheilt entlassen. Das Ergebnis entscheidet.“

Das Knallbonbon verarschte schon den nächsten Ratsucher. „Totgeburten! Zwei Stück! Na klasse, sag ich da!“ Die Kicherkulisse brodelte. „Lassen Sie sich eine Macke attestieren, damit kommen Sie in jede Talkshow. Und wenn Sie wirklich einen therapieresistenten Dachschaden haben, werden Sie einfach Bundesfamilienministerin!“ Die Anruferin schluchzte konvulsivisch. „Sie können nach vorne schauen“, stotterte die Sozialmutti, „Trauerarbeit mit anderen Betroffenen gibt Ihnen wieder Kraft, ein anderes Kind anzunehmen.“ „Aber hallo“, warf der Spaßbold dazwischen, „Selbsthilfegruppe ist doch eine super Idee. Oder wollen Sie sich jetzt etwa jeden Abend alleine die Birne wegsaufen?“

Ich hielt es nicht mehr aus. „Warum nur dieses rücksichtslose, bösartige Gequatsche? Wollen Sie die Menschen demoralisieren?“ „Sie sehen nicht“, antwortete Siebels, „dass der Adressat auch hier das Publikum ist. Sie sind ein Versager, lebensuntüchtig und dumm, faul und hässlich? Wer Ihnen einredet, Ihre Hautfarbe oder Nationalität sei privilegiert, der baut Sie auf. Todsicher. Oder glauben Sie, Dieter Bohlen und Heidi Klum suchten Talente? Sie suchen das Publikum, das der Demütigung Applaus spendet. Mobbing als Show. Solidarität ist out.“

Doremirl Schöberle-Duddemann tastete nach Ihrem Ohrknopf. „Mit wem spreche ich da jetzt?“ Die Stimme am anderen Ende stockte. „Ich bin Politiker und sitze im Deutschen Bundestag. Es ist alles so sinnlos. Ich kann einfach nicht mehr.“ Wohlig lehnte sich Siebels in seinem Sitz zurück. „Ich glaube, wir werden langsam massentauglich.“





Codename: Tortilla Flat (IV)

22 07 2009

„Also jetzt noch mal langsam, Minnie: er häckselt da unten vergifteten Mais?“ Senior Special Agent Jeremiah Tipps hatte einige Dinge noch nicht ganz begriffen. Hermina Castafiore erklärte es ihm ganz langsam. „Er hackt Teile des Gencodes von Vögeln in eine Maschine“, erläuterte sie, „und baut daraus künstliche Maispflanzen. Sie dienen der indischen Terrorgruppe Chapati Freedom zur Koordination.“ „Und was wollen diese Typen?“ „Sie sind extremistische Hindus, die den Verzehr von Rindfleisch stoppen wollen. Also baut Cuthbert Suyabaram in die Maispflanze auch Vogelcode ein, damit…“ „Vogelkot?“ „Code, Tipps, Code. Er löst allergische Reaktionen aus, so dass die Tiere auf den südamerikanischen Zuchtfarmen sterben. Es wird keine Hamburger mehr geben. Keine Steaks. Und dann kann diese Bande die ganze Welt platt machen wie ein Fladenbrot, da sie den Weizenpreis kontrollieren. Nur eins verstehe ich noch nicht – warum muss man alle Rinder töten, um sie zu retten?“ „Religiöse Fundamentalisten gehen weder logisch vor noch nehmen sie Rücksicht“, antwortete Tipps, „für sie gibt es nur eine Macht: Geld.“

„Nimmermehr!“ Der ganze Raum war von unzähligen Vogelkäfigen umsäumt. Opalracke und Dollarvogel, Schwarzrückenschwalm und Zwergflamingo, Wundersylphe, Bountyscharbe und ein glänzend schwarzer Kolkrabe flatterten, keckerten, hockten in den Volieren. Er gab den Ton an. „Nimmermehr!“ „Noch ein Ton von dieser Nervensäge, und ich drehe ihm den Hals um!“ Officer Zina Davidowa war sichtlich angespannt. „Ruhig“, flüsterte Francesco DiNatro, „wir müssen zuerst Suyabaram ausschalten, bevor wir etwas unternehmen.“ Mit gezogenen Waffen schlichen sie die oberste der vier Emporen entlang, an denen die Drahtverschläge lagen.

„Frank!“ Charles McBoo flüsterte aus dem Knopf im Ohr des Agents. „Ihr müsst vorsichtig sein – er hat ein Sicherungssystem eingebaut, das alle 24 Stunden betätigt werden muss.“ „Und was passiert sonst, Bambino?“ „Er wird eine Explosion auslösen, die den Planeten erschüttert.“ „Geht’s nicht eine Nummer kleiner, McWeltuntergang?“ „Frank, hör zu: Ihr befindet Euch da, wo die Nordamerikanische und die Eurasische Platte zusammenstoßen, genauer: über der Bruchzone des Mittelatlantischen Rückens. Eine Vulkanzone, falls Du es vergessen haben solltest. Wenn Lystigarður Akureyrar in die Luft fliegt, werden wir es merken, weil kurze Zeit später ein Tsunami die Vereinigten Staaten von Amerika überrollt.“ Frank schluckte.

„Was machen Sie hier?“ Cuthbert Suyabaram wartete die Antwort gar nicht erst ab; er rannte in Richtung Einstiegsluke. Doch er hatte nicht mit Zina gerechnet, die ihm den Weg abschnitt. „Bleiben Sie stehen! Es hat keinen Zweck.“ Der Inder hatte die Wendeltreppe fast erreicht, als ihn Davidowa mit einem gezielten Handkantenschlag außer Gefecht setzte. Er brach zusammen.

Die Käfigtüren öffneten sich. Ein Gewirr von Vögeln schwirrte in den Raum, während sich ein Gitter über das Schaltpult der Maschine schob. „Hervorragend“, ätzte Frank, „er ist bewusstlos und wir haben noch genau drei Minuten Zeit, die Welt zu retten.“ „Glaubst Du, Du schaffst es noch rechtzeitig?“ „Nimmermehr!“ Der Rabe stolzierte um den Kasten und hob neugierig den Kopf. „Ach, halt doch den Schnabel!“ DiNatro suchte die Empore ab. „Wir importieren die Vögel aus Indien.“ „Was redest Du da?“ „Alfred Hitchcock, Die Vögel. Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Rod Taylor. Jetzt sag nicht, dass Du diesen Klassiker nicht kennst!“ „Offensichtlich hat er hier mit Maispflanzen experimentiert.“ Zina lachte bitter. „Ein Säckchen Saatgut. Wenn das hier in die Luft geht, haben wir wenigstens in der letzten Sekunde noch genug Popcorn, um…“ „Halt! Sagtest Du: Popcorn?“ Frank hatte die rettende Idee. Er griff in den Sack und angelte sich eine Handvoll Körner, die er durch die Gitterstäbe schnippte. Sie landeten zielgenau vor dem Raben, der sie sofort aufpickte. „Wo hast Du das so gut gelernt?“ „Beim Profi-Basketball, Zina.“ Sie blickte ihn erstaunt an. „Du hast mal in der Profiliga gespielt? Wow, das wusste ich nicht!“ „Genauer gesagt, ich habe mit Popcorn auf den Papierkorb gezielt, wenn mir langweilig war. Dabei lief dann meistens Basketball im Fernsehen.“

Der Rabe folgte der Maisspur. Er flatterte auf den Sessel, auf das Pult, und als Frank ein Maiskorn direkt auf den rot leuchtenden Taster schnellte, hackte der Raubvogel darauf. Das Aggregat fuhr herunter. „Boss? Wir haben das Ding gestoppt. Zina hat Suyabaram erledigt. Aber wir wissen noch nicht, wie wir an die Maschine rankommen sollen. Hier muss irgendwo ein Hebel sein oder eine Fernbedienung oder…“ „Such weiter.“ Das Licht flackerte auf und verlosch. Die Gittertüren der Käfige schlossen sich scheppernd. Der Schutzrost fuhr zurück. „Was zum…“ „Darf ich den Notausknopf drücken“, fragte Zina trocken, „oder verstößt das gegen die Vorschrift?“

„Glückwunsch, Frank. Gut gemacht, Zina. Ich erwarte Euch heute noch zurück. Und ich hoffe, Ihr bringt uns ein bisschen Popcorn mit.“ Minnie drängte Tipps beiseite. „Ein sprechender Rabe? Cool! Ihr müsst den für mich… ich meine, er ist ein Beweismittel und ich will ihn sofort hier in meinem Labor haben, Special Agent DiNatro!“ Der Rabe hüpfte auf das Notebook und pickte nach der Kamera. „Nimmermehr!“

Teil I

Teil II

Teil III