Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVIII): Klassentreffen

18 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Mensch wird, in Ketten geboren oder wenigstens in Familienverhältnissen, die nicht sehr viel mehr Hoffnung erzeugen, irgendwann den grandiosen Moment verspüren, in dem er seine Reise ins Licht antritt. Schulschluss. Freiheit. Keine Turnstunde mehr, keine Klassenarbeiten, vor allem: endlich nicht mehr diese Schicksalsgemeinschaft aus Gesichtsübungsfeldern und Körpergeruch, die einem jeden Tag die Frage ins Hirn zwingt, warum vorsätzliche Raumkrümmung keine Straftat ist. Endlich die ganze Brut mit einem Knopfdruck entsorgt, auf Nimmerwiedersehen abgehakt, das Leben beginnt und die gesammelten Hohlkörper bleiben da, wo sie auf dem Feldweg festgewachsen sind. Das Leben ist eine Herausforderung, und es riecht nach Abenteuer. Beispielsweise dann, wenn der Postbote nach gefühlten achtzig Jahren eine grellbunt aufgemotzte Drucksache in den Briefschlitz stopft, die mit drittklassigem Gereime zur Wiedervorlage des Honkrudels auffordert. Die reitenden Leichen kehren zurück, und sie haben das Klassentreffen im Gepäck.

Klassentreffen, das ist der Augenblick, wo man sich entscheidet, widerliche Infektionskrankheiten als Teil des Daseins ganz einfach anzunehmen, wenn man dafür das Haus nicht verlassen kann – oder aber robuste Stabilisierungsmaßnahmen zu erproben, um durch teilnehmende Beobachtung zu erforschen, ob die Unterseite des Durchschnitts inzwischen gelernt hat, sich zwei Atemzüge lang im aufrechten Gang zu bewegen. Man kann ihnen auf Dauer nicht ausweichen, das Gezücht wächst irgendwann unter der Tür durch – und irgendwann findet man sich in einem aufreizend überflüssig dekorierten Festsaal, umgeben von Halb- und Volleulen, die alle direkt aus der Schule mit der großen Uhr hereingekrochen sein müssen.

Zunächst sortiert der prüfende Blick die anwesenden Beknackten in mehrere Kategorien, deren größte die Insassen des Bildungsbiedertums darstellen: Schubladendenker aus der Klemmklasse mit deutlicher Haftkraft an der Talsohle des Elans. Sind sie über längere Zeit hinweg gröberen Schmerzreizen ausgesetzt, so geben sie die ersten deutlichen Lebenszeichen von sich, meistens Schnappatmung, Jasagen und Nacherzählen doofer Häschenwitze aus dem Erdmittelalter. Rücksicht ist hier fehl am Platze, das Ableben dieser Langweiler ist weder an Hautfarbe noch Reaktionszeit sichtbar, da beides bereits kurz nach Einsetzen der Pubertät den Attributen fortgeschrittener Verwesung ähnelt.

Das andere Extrem, die als verhaltensindividuell ins Langzeitgedächtnis eingeeiterten Rambazamba-Maulwürfe, haben sich an der fortschreitenden Realität meist inzwischen deutlich abgeschliffen. Damals noch Lederjackenträger, Kloraucher und Frauenaufreißer, sind sie inzwischen zu Helden ohne Geschäftsbereich mutiert, können sich nicht einmal Bausparverträge wie die Schnarchsäcke leisten und brechen sich inzwischen die Finger in der Nase ab, um ihr spannendes Leben als Teilzeit-Pokerprofis und Gesichtsmarodeure vollinhaltlich auf die Reihe zu kriegen. Zwischenzeitlich hat kurz der Bildungsnachschub zum Dr. Arbeitslos geführt, bis kurzfristig der alte Rebellengeist sich wieder aus den Knopflöchern durchwurmte und den Typen für alles außer Tiernahrung ungeeignet erscheinen ließ, mehreren Personalchefs wenigstens.

Zwischen Ökofuzzis und Denkamöben fallen vor allem die Unauffälligen auf, die seinerzeit im Höchstfall tangential an einem vorbei existiert haben und allenfalls Laut gaben, um vor der ersten Stunde Mathe, Latein und Deutsch abzupinnen. Unangenehmerweise machen sie hier auf klebrige Kumpeligkeit, waren schon immer die besten Freunde und sonnen sich im Glanze niemals da gewesener Freundschaften; im Grunde hat man die ganzen Jammerlappen, die jetzt Reklame für Apathie und Torschlusspanik laufen, schon immer mit Vollignoranz bedacht und wundert sich, dass sie trotz ihrer Attitüde als glücklich-scheißerfolgreiche Selbstbelüger um Anerkennung betteln und nicht einmal davor zurückschrecken, Telefonnummern zuzustecken, als wären sie auf dem Ball der einsamen Herzen in die Resterunde katapultiert worden. So viel Flauenpower zu entkommen ist mühselig, verbessert aber die Überlebenschancen. Denn es ist verhältnismäßig egal, was das Schicksal in seiner breiten Auswahl an Schlägen für einen bereithält, diesen Bevölkerungsausschnitt mit dem IQ eines mittelgroßen Rasenstücks braucht keiner, der einmal den Weg ins Freie gefunden hat, schon gar nicht im engeren Freundeskreis.

Inzwischen jubelt es einem sogar das Internet schon unter: eine Verbrecherkartei, in der man sich registriert, um spätestens zum Silbernen Abitur in die Sammelstelle für angehende Karnevalsprinzen zurückgestopft zu werden, der man einst mit fliegenden Fahnen entkommen war. Mutmaßlich ist dies die Geschäftsidee bekennender Realsadisten – sie haben es nicht geschafft, also sollen wir in derselben Grütze verdümpeln. Dann doch lieber die schmerzfreie Variante. So eine Briefdrucksache ist schnell in den Container geschoben. Und die Bescheuerten bleiben unter sich.





Erfassungsschmutz

17 12 2009

„Und was soll das bringen?“ „Wir müssen damit so früh wie möglich anfangen. Schließlich kann man die Terrorwarnungen nicht ignorieren oder einfach so zusehen, wie sie unser Land möglicherweise bedrohen wollen. Wir haben da fürchterliche Vorahnungen, dass wir eventuell an Dinge denken könnten, die dann unter Umständen…“ „Aber entschuldigen Sie, das ist doch alles Unsinn – was soll denn das jetzt bringen?“ „Deutschland ist in höchster Gefahr, haben Sie das denn noch nicht gemerkt? Wir stehen vor einer ganz wichtigen Entscheidung! Da müssen wir jetzt alle an einem Strang ziehen und die Elemente, die die deutsche Demokratie…“ „Was faseln Sie da eigentlich? Hat man Ihnen etwas in den Tee gekippt?“ „Jetzt werden Sie mal nicht komisch hier – sind Sie am Ende auch so einer, der terroristische Ziele verfolgt oder zumindest nicht ausschließt, dass es Subjekte gibt, die es getan haben oder noch tun könnten?“

„Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt. Dieses ganze Gequassel um die Vorratsdatenspeicherung ist doch nur ein läppischer Vorwand dafür, dass Sie ein Spielzeug in die Hand bekommen, mit dem Sie nach Belieben die Bürger ausschnüffeln können.“ „Ich verbitte mir die Unterstellungen! Deutschland ist in höchster Gefahr – vielleicht passiert morgen schon ein Sprengstoffanschlag auf den Kölner Dom und wir können die muslimischen Terroristen nicht rechtzeitig genug orten.“ „Moment mal – warum sind die Terroristen in Ihrer Theorie ausgerechnet Muslime?“ „Weil doch alle Muslime… nein, umgekehrt.“ „Und wenn Sie sie orten müssen, wozu brauchen Sie dann die Daten der vergangenen sechs Monate?“ „Sie werden mich nicht hinters Licht führen mit Ihrer Propaganda! Sie nicht!“

„Fakt ist ja nun mal, dass die Verbindungsdaten nur helfen, wenn Ihr ominöser Anschlag bereits passiert ist. Wozu übrigens Ihre Handy-Ortung gar nicht zählt.“ „Die Grundrechte haben bei der Gesetzgebung von vornherein eine zentrale Rolle gespielt! Und wir sehen es als unser Grundrecht an, unser Vaterland zu schützen!“ „Wir auch – aber vor Ihnen.“ „Ach was! Sie wollen sich doch bloß dem Zugriff der Strafverfolgungsbehörden entziehen! Sind Sie am Ende auch so einer, der mit Kinderpornografie auf nordkoreanischen Servern seine schmutzigen Milliardengewinne macht?“ „Was haben denn Einzelverbindungsnachweise mit Ihren Sperrlisten zu tun? Sollten Sie hier etwa eine Verbindung sehen, die Sie bisher immer hartnäckig geleugnet haben?“ „Es sind doch immer dieselben, die hier auffallen. Lesen Sie doch mal die Kriminalstatistik, dann werden Sie das schon sehen. Oder wollen Sie das etwa leugnen?“ „Also sind wir jetzt auf dem Niveau von ‚Wer lügt, stiehlt auch‘? Das erklären Sie dem Bundesverfassungsgericht bitte selbst.“ „Werden Sie nicht frech!“ „Und deshalb sagt das Bundeskriminalamt, dass die Aufklärung maximal um 0,006 Prozentpunkte steigt?“ „Wir brauchen in diesem Land viel mehr Anstand und Gehorsam! Konsequente Erziehung zur Staatstreue – wer Nachbarn nicht grüßt, baut auch Terrorausbildungslager!“ „Es haben einige zehntausend Menschen gegen Ihr Gesetz geklagt.“ „Vaterlandsverräter! Die sollen doch nach drüben…“ „Tut mir Leid, aber das gibt es nicht mehr.“ „Wieder so eine rhetorische Spitzfindigkeit, diese Haarspalterei werden wir Ihnen austreiben, wenn wir…“ „Das Bundesverfassungsgericht hatte Zweifel an der Vorratsdatenspeicherung.“ „Sind Sie am Ende auch so einer, der aus dem Internet einen rechtsfreien Raum machen will, in dem es alle nur denkbaren Scheußlichkeiten gibt? Videos von bestialischer Folter? Atombombenbauanleitungen? Wenn beim nächsten Amoklauf an einer deutschen Bildungseinrichtung die Täter, durch Killerspiele, laute Musik und Turnschuhe verroht, nukleare Sprengsätze aus dem Internet werfen und Tausende von unschuldigen Kindern sterben?“

„Erlauben Sie mal, es wird langsam lächerlich. Mit diesem Aufwand speichern Sie jeden Hauch in Deutschland und wundern sich, wenn…“ „Das ist Verfassungsschutz!“ „Das ist Erfassungsschmutz.“ „Sie hinterlassen doch die ganze Zeit die Daten – dann dürfen Sie eben nicht mehr telefonieren und nicht mehr…“ „Atmen?“ „Blödsinn! Wir würden beispielsweise Ihre Daten nie länger als sechs Monate speichern. Da halten wir uns ganz genau an das Gesetz.“ „Und wenn Sie nach sieben Monaten bemerken, dass Sie mit einem Gesprächsnachweis eine Straftat aufklären könnten?“ „Dann würden wir in diesem einen Fall, aber auch nur für diese eine Ausnahme einmal die Daten zur Aufklärung heranziehen.“ „Und wie soll das gehen?“ „Wie soll was gehen?“ „Dass Sie die Daten, die nach sechs Monaten gelöscht werden, nach sieben Monaten verwenden?“ „Sie verdrehen die Fakten! Aber das sind wir von Ihresgleichen ja gewohnt.“

„Warum verbieten Sie nicht Bleistifte?“ „Warum sollten wir Bleistifte verbieten?“ „Damit Ihre Terrorverdächtigen nicht mehr auf Zettelchen ausweichen können und weiterhin über das Festnetz miteinander kommunizieren müssen. Dann haben Sie für sechs Monate alles unter Kontrolle und müssen sich auch nicht containerweise durch Papierschnitzel wühlen.“ „Sie sind doch krank!“ „Und auf dem Niveau soll ich mit Ihnen diskutieren?“ „Sie sind am Ende auch so einer, der mit dem Tausch urheberrechtlich geschützter Inhalte ein stalinistisches Unrechtsregime etablieren will!“ „So, und jetzt ist hier mal Schluss! Danke für den Besuch, er bekommt jetzt seine 120 Milligramm, danach kommt gleich das Abendessen, und dann ist Bettruhe.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXVII): Postmoderne Inneneinrichtung

11 12 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Draußen, das ist da, wo die ganzen Spacken herumtapern, sich zielgerichtet vor einem an der Supermarktkasse aufbauen, durch derart garstige Kleidung auffallen, dass es ihres Körpergeruchs eigentlich gar nicht bedürfte, um in unangenehmer Erinnerung zu bleiben, oder aber sich von hinten nahen, um einem voll in die Hacken reinzumöllern und dann auch noch pampig zu werden, als seien sie Gesichtsschmerzfetischisten auf Prügelentzug. Draußen, das ist da, wo alles, was nicht als existent nachgewiesen ist, aber immerhin denkbar wäre, einem ab einer gewissen Luftfeuchtigkeit, Uhrzeit oder Adrenalinmenge schon einmal prophylaktisch am Arsch lecken könnte, bevor es den Zustand des Seienden beglaubigt betreten hat. Das Gegenteil von Draußen ist Drinnen: der Rückzugsraum ins Eigentliche, wo Kollegen, Kanzlerette und Konsumjunkies nichts zu suchen haben und erst recht nichts zu melden. Es sei denn, man muss nach draußen, um anderer Leute Häuser zu ertragen.

Schon Søren Kierkegaard, der komplett ohne Designermöbelkatalog, Farbberatung und Feng-Shui-Seminar erkannte, dass das Bewusstsein, von Flachmaten mit Vollmeise umgeben zu sein, ein furchtbares Gefühl von Einsamkeit erzeugt, ließ keinen Zweifel daran, dass Innerlichkeit zugleich ein Symptom für die Endlichkeit ist – wo Wände im Weg stehen, kann man sich die Flucht schon mal in die Haare schmieren. Nichts ist mit Sportschau, Nachmittagskaffee oder einfach mal Fressehalten, wenn Ästhetikterroristen aus der Nachbarschaft einem den Fluchtweg mit Minimalismus in Buche geflammt versperren. Zu Gast bei Freunden lässt man die Fleischersatz gewordene Profilneurose ohne nennenswerten Widerstand über sich ergehen und sagt auch nichts, wenn der Schmadder vor lauter Scheußlichkeit detoniert und an den Tapeten des Universums klebt. Man bleibt äußerlich, und das ist gemäß Kierkegaard eh ohne Bedeutung.

Der Magen des postmodernen Menschen hält eine Menge aus; je nach Altersklasse hat er sich im Eltern- oder Großelternhaushalt vom Brunftschrei des schlechten Geschmacks in den furnierten Hallkorridoren der Adenauer-Ära die Trommelfelle eindrücken lassen, röhrendes Rotwild, neckische Nöcke und Leda mit dem sterbenden Schwan in Öl auf Pressspanplatte haben seinen Ekel trainiert, die blubbernden Farborgien des Flokati-Dezenniums und die aseptische Heimeligkeit des Wohnklo-mit-OP-Trakt-auf-Krankenschein durchzustehen, bevor das Behausungsbrauchtum endgültig die komplett geräumte Dachgeschossbude zum Status quo und den Horror vacui zum No-Go erklärte: wer die Hose so dick hat, dass seine Klöten eine eigene Postleitzahl brauchen, schreddert Schrankwand und Ledersofas und deklariert die dadurch entstehende Öde zum Nonplusultra, das bei Gelsenkirchener Barock und ähnlichen Verwirrungen hilft. Ob der Beknackte nun in Stammheim, Neukölln oder auf der Veddel vegetiert, Hipness definiert sich aus dem Verhältnis von Mobiliar zu Grundfläche. Weniger ist mehr, noch weniger ist leer.

Man muss keine Geheimdienstausbildung genossen haben, um zu sehen, wie verbissen die Konsumopfer Margarine in die Luftlöcher von Graubrotscheiben kratzen, damit sie sich zum Jahresende den Stahlrohrhocker eines bulgarischen In-Designers leisten können – alles, was kein Einzelstück ist, würde die sorgfältig arrangierte Asymmetrie des Raums zerstören – neben dem eine billige Tàpies-Reproduktion im Heimwerkermarkt-Hinterglasrahmen die Peinlichkeit zu vertuschen sucht, die ein affektiert vor sich hin welkendes Anthurium ins Zimmer zaubert. So wohnlich ist es, dass keiner weiß, wo man die Champagnerflöte parken könnte – aber bestimmt saugen sich die Schöngeisterbahnfiguren die Snob-Brause aus der Pulle rein oder bieten gleich eine Nase Neuschnee an, falls sich Besuch in die Gegend verlaufen sollte.

Das verschwiemelte Wirrwarr auf abgehobelten Dielen demonstriert vordergründig, dass der Bonze von Besitzer eigentlich viel zu wichtig ist, um einer Bleibe überhaupt Beachtung zu schenken; möglich, dass er den kranken Gedanken nährt, wer so wenig Tisch und Stuhl besäße, könnte sich dafür auch mehrere Wohnungen leisten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Bekloppte im Wahn lustloser Tristesse inszeniert ein Eindruck-to-go um sich herum, damit auch ja keine Sau merkt, wie in der aufgebrezelten Kulisse ein sozialamputierter Jammerlappen vor sich hin leidet, weil ihn das Vorrücken der Scham an die tragenden Wände drückt, die er mit Regalen und Beistelltischchen zu verstellen vergessen hat. Da hockt er, winselt mit dem Stylisten um die Wette und hat nicht einmal eine Schublade, um den Neun-Millimeter-Schläfenlocher fürs Finale aufzuheben. Die Beziehung zur Außenwelt lässt selbst den Zahnbelag früher oder später absterben, und wer noch eine eigene Hütte hat, tritt rechtzeitig den Rückzug aus der Parkettsteppe an, bevor Trübsal in die eigenen Synapsen bläst. Lasst die Bescheuerten auf Kacheln kuscheln, wenn die Nacht hereinbricht. Das Mitgefühl setzt ein, sobald die gute, alte Reihenhausnormalität dafür wieder Platz lässt. Denn Drinnen ist das neue Draußen.





Staats-Sicherheit

10 12 2009

Herchenkötter kam gründlich zu spät. Verzweifelt klopfte er an die Tür des Computerfachgeschäfts. Ich sprach den pensionierten Kriminalbeamten an. „Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“ Er winkte ab. „Das glaube ich kaum. Diesmal haben sie es geschafft. Ich werde das Ding wohl am besten wegschmeißen.“ Und er machte bereits Anstalten, sein so gut wie neues Notebook in den Schlitz des Papiercontainers zu schieben.

„Was haben Sie denn mit dem Gerät gemacht?“ Umgehend brauste Herchenkötter auf. „Gar nichts“, gab er verbittert zurück, „diese Kiste zeigt ständig obskure Fehlermeldungen und weist mich zurecht. Ich lasse mir das nicht mehr länger gefallen!“ Beruhigend fasste ich ihn an der Schulter. „Zeigen Sie mal her. Vielleicht lässt sich das Problem ja mit einfachen Mitteln an Ort und Stelle lösen. Oftmals ist es gar nicht so schlimm, wie…“ „Ihr Computer ist infiziert“, teilte mir der infizierte Computer mit. „Sehen Sie“, jammerte Herchenkötter, es geht schon die ganze Zeit so! Seit gestern! Immer, wenn ich die Fehlermeldungen wegklicke, kommt diese Zurechtweisung.“ Welche Zurechtweisung denn? „Warten Sie einen Augenblick, es geht gleich los.“ In einem kleinen Fensterchen erschien ein bedrohlich aussehendes Gesicht. „Sie gefährden die Sicherheit des Staates“, schnarrte die Stimme, „deshalb werden wir dieses Gerät sperren, wenn Sie nicht unverzüglich die Daten entfernen, die den Fortbestand unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der… Scheißendreckterrorarsch, weisstu konkret Bescheid, Du Opfa, isch mach Disch Arbeitslager!“ „Hoppala, da muss ich wohl wieder an die Sprachoptionen gekommen sein.“ Er lächelte säuerlich. „Ja, ich weiß. Aber in der Home-Version wird das Betriebssystem automatisch mit Bad Simple German ausgeliefert.“

„Gut, lassen Sie uns methodisch vorgehen.“ Ich versuchte, den Virenscanner aufzurufen. „Das ist nicht möglich“, informierte mich Herchenkötter, „er hat sich bereits selbst als Schadsoftware geortet.“ „Also ein Autoimmundefekt“, seufzte ich. „Was kann man da noch machen?“ „Eigentlich müsste jeden Augenblick der Anruf des Support-Teams kommen. Sie sagten vor drei Wochen, sie würden heute im Laufe des Abends anrufen.“ Das klingelte auch schon sein Mobiltelefon. „Gehen Sie dran“, bat er mich. „Ich habe schon beim letzten Versuch nichts als Bahnhof verstanden. Vielleicht haben Sie ja mehr Glück.“

„Sie haben Virenbefall auf Ihrem Computer“, teilte mir der Callboy am anderen Ende der Strippe mit. „Haben Sie denn schon die Maßnahmen zur oberflächlichen Schadensbekämpfung aus dem Internet durchgeführt, Herr Herchenkötter?“ „Wie soll das funktionieren, wenn Sie mich vorher vom Netz abklemmen?“ „Woher soll ich das wissen? Ich sitze hier in einem Raum mit neununddreißig anderen Studenten.“ „Sehr professionell“, höhnte ich. „Haben Sie etwa Urheberrechtsverletzungen begangen? Man weiß das ja nie.“ „Was eine Urheberrechtsverletzung ist?“ „Was gerade als Urheberrechtsverletzung gilt. Entschuldigung, ich kenne mich doch nicht aus mit Computern!“

Wir sahen einander entgeistert an. „So ein Vollidiot“, knurrte Herchenkötter. „Wozu zahlt man seine Steuern als gesetzestreuer Bürger, wenn man dann…“ „Soll ich Ihnen vielleicht die Broschüre Sicherheit im Internet – ein praktischer Leitfaden für Virenopfer schicken? Sie müssten mir dann nur noch Ihre Kontonummer nennen, damit ich eine Bankeinzugsermächtigung einrichten kann.“ „Sind Sie noch ganz bei Trost?“ „Jetzt werden Sie mal nicht pampig hier. Sie gefährden die Sicherheit, und zwar in erheblichem Maße! Sie sind ein Risiko für Millionen unbescholtener Staatsbürger, die gegen Sicherheitsrisiken wie Sie sind!“ Langsam wurde ich wütend. „Was schwafeln Sie da eigentlich für einen Unfug?“ „Sie gefährden mit Ihrem Computer die vielen unschuldigen Internet-Benutzer, die sich gegen die Viren von Ihrem Computer gar nicht wehren können, weil Sie mit Ihren Viren deren Sicherheitsmaßnahmen unterlaufen!“ „Hm. Sie behaupten also, ich sei ein Sicherheitsrisiko?“ „Eben. Wie ein Auto, das mit defekten Bremsen auf der Autobahn fährt.“ „Nur mit dem Unterschied, dass andere Nutzer, die den Virenschutz nach den nationalen Sicherheitsrichtlinien installiert haben, sich eigentlich gar nicht infizieren dürften – es sei denn, Ihr Virenschutz wäre durchlässig. Also gefährdet derjenige, der sich ohne Virenschutz im Netz bewegt, nur diejenigen, die sich ebenfalls ohne Virenschutz im Netz bewegen und andere gefährden, die sich ohne Virenschutz im Netz bewegen. Können Sie mir das mit der Fahrlässigkeit noch mal genau erklären?“

Eine Viertelstunde später saß Herchenkötter in meinem Arbeitszimmer. „Wir booten das Ding vom USB-Stick“, verkündete ich. „Und dann?“ „Lassen Sie mich mal machen.“ Endlose Kolonnen von Dateien rasselten herunter. Dann hatten wir plötzlich den Bösewicht. „Herchenkötter, darauf hätten Sie aber auch von selbst kommen können.“ Mit tadelndem Blick zeigte ich auf den Monitor. „Wer bewahrt denn nach der Bundestagswahl auch den Koalitionsvertrag auf?“





Alle Jahre wieder

8 12 2009

17:03 – Nachdem einige Praktikanten bereits am Vormittag das Konferenzzimmer der Heimle & Söhne GmbH leergeräumt haben, dekorieren die Schreibkräfte Roswitha D. (44) und Monika F. (46) den Saal mit den Überbleibseln der Faschingsfeier; die alljährliche Weihnachtsfeier steht an und der Vorstand lässt sich, guter Tradition folgend, nicht lumpen.

17:05 – Der Lampion, die Papiergirlande sowie das Fähnchen mit dem Firmenlogo sind angebracht. Die restliche Zeit bis zum Eintreffen der Kollegen nutzen die beiden Mitarbeiterinnen zu einer ausführlichen ästhetischen Würdigung des Raums. D. löst dabei heimlich das Nylonband, das die Girlande an den Deckenbeleuchtungskörpern befestigt.

17:30 – Außendienstmitarbeiter Helmut T. (35), der an sich nicht zu den geladenen Gästen gehört, begutachtet die Auswahl an Spirituosen in der Teeküche der Versandabteilung. Er lässt jeweils einen Karton Cognac und Amaretto von dienstbaren Geistern in den Kofferraum seines Kombis laden, bevor er selbst Hand anlegt. Die Weihnachtsfeier wird ohne Krimsekt auskommen müssen.

17:39 – Lagerist Timo P. (34) schafft die Getränke in den ersten Stock. Er belässt die Flaschen in den zugehörigen Kartons. So wird denn auch ein ganzes Dutzend Pfefferminzlikörflaschen ein Opfer der Schwerkraft. Während P. noch überlegt, ob der Hausmeister ihm das Sandstrahlgebläse zur Reinigung überließe, erscheint Abteilungsleiter Marko R. (28). Er weist P. an, die Sauerei im Treppenaufgang unverzüglich zu beseitigen.

17:50 – Das Treppenhaus verströmt den anheimelnden Geruch von Salmiakgeist. P., der ohnehin bereits Dienstschluss hat, entsorgt den Wischeimer im Herren-WC direkt hinter der Tür.

18:01 – Die ersten Angestellten erscheinen. Zwar beschränken sich die als Verpflegung deklarierten Waren auf zwei Familienpackungen Salzgebäck, deren eine Personalchef Harro W. (55) mit Beschlag belegt, doch ist die Stimmung angesichts von Riesling, Bordeaux und diversen Bieren in üppiger Menge und bester Qualität rasch auf annehmbarem Niveau angekommen.

18:09 – Mit dem launigen Ausruf „So jung kommen wir nie wieder zusammen!“ köpft Jens H. (45) die erste Bouteille Champagner. Der körperwarme Schaumwein, der drei Tage lang neben der Heizung gestanden hatte, verteilt sich gleichmäßig über den Kollegen aus dem Einkauf.

18:23 – Die ersten Speisen werden angeliefert. Gastronomin Isolde A. (67) wird dabei tatkräftig von ihrem Lebensgefährten Karl-Heinz G. (42) unterstützt, der allein zwei große Behälter mit Schnitzel Wiener Art und Kartoffelkroketten in den Raum verlastet. Lasagne, Erbsen mit Möhren sowie eine braungraue, breiige Masse mit hellen Schlieren komplettieren das festliche Menü.

18:24 – Just in dem Moment, da sich einige Mitarbeiter aus der Produktion mit dem Bockbier zu befassen beginnen, steckt Christian Heimle (37) den Kopf in den Festsaal. Entsetzt informiert der Sohn des Firmengründers seinen Bruder Peter (35), dass die Mitarbeiter die Alkoholika konsumieren, die für die Aufnahme des gemeinsamen Freundes Dieter M. (34) in den CDU-Ortsverein gedacht waren. Hektisch ruft Peter Chantal S. (62) an; die Besitzerin der Venus-Bar verspricht, Proviant bis zum anderen Tag zu besorgen.

18:40 – Unter allgemeinem Applaus betritt Theodor Heimle (73) das Konferenzzimmer. Er hält sich nicht lange mit Präliminarien auf und knipst sogleich das Licht aus, um seine alljährliche Rede zum Ende des Geschäftsjahres zu halten.

18:55 – Heimle hat die aktuelle Entwicklung der Weltwirtschaft – die Verschärfung des Nahostkonflikts bis zur Wiederholung des Sechstagekrieges sowie eine daraus resultierende Ölkrise – umrissen und entfaltet ein wahres Horrorszenario: drohende Massenarbeitslosigkeit und die Umstellung der Computer auf ein neues Betriebssystem. Niemand folgt der Rede, deren erstes Blatt offensichtlich aus einem ganz anderen Stapel stammte.

19:03 – Im Schutz der Dunkelheit knüpft Marko R. zarte Bande zu Annette V. (19). Die Azubine hält die Hand, die sich an ihr zu schaffen macht, für diejenige eines jüngeren Heimles und schlägt ihm vor, die Situation schnell und unauffällig zu verlassen. Sie gleiten gemeinsam unter den Tisch.

19:04 – Die beiden Ausreißer haben das Ende des Tisches erreicht und sitzen direkt vor der Holzvertäfelung. In diesem Augenblick beendet der Patron seinen Redebeitrag und eröffnet das Festessen. Innerhalb weniger Augenblicke sind die Liebenden nachhaltig eingekeilt; jede Flucht ist unmöglich.

19:10 – In der Annahme, es handle sich um Schwarzsauer, häuft sich Monika F. eine Portion der braunen Gallerte auf einen tiefen Teller. Roswitha D. lässt es sich nicht nehmen, über ihre Kollegin herzuziehen, die statt der warmen Speisen das Menü mit Schokoladenpudding beginnt.

19:12 – Produktionschef Lothar N. (41), der neben einer größeren Menge Wodka bereits ausgiebig dem Weißwein zugesprochen hat, entschließt sich zu einem eigenen Grußwort an die Mitarbeiter. Man freue sich angesichts der derzeitigen Umsätze vor allem darauf, die Zweigstelle in Diyarbakır einzuweihen, „sobald die Kuffnucken da unten lesen und schreiben könnten“, so N. in seinem heiteren Vortrag. Die Frauenbeauftragte Yeşim Ü. (22) weist ihn mit scharfen Worten zurück.

19:20 – N. hat inzwischen, einige Gläser Wodka später, den Unterschied zwischen der Holzschraube HS23 und Vergleichsprodukten anderer Hersteller im Schengener Raum hinreichend deutlich gemacht und kehrt wieder zur Expansion der Firma zurück. Er lädt die Belegschaft ein, „einen zu kippen auf das Wohl der Kümmeltürken“. Ü. verlässt wutentbrannt den Raum.

19:32 – Um die Stimmung vor dem Abflauen zu retten, schaltet Jens H. den mitgeführten Radiorekorder ein. Das Henkelgerät schafft unmittelbare Fröhlichkeit, da Roy & The Supersingers wahre Perlen internationaler Schlagkunst wie Heiße Nächte in Bad Sooden-Allendorf sowie Du bist die Schönste in der ganzen Hochhaussiedelung, Heidelinde zu Gehör bringen. H. verspricht, die Kassette mit den Probeaufnahmen seiner Feierabendcombo für die Arbeitskameraden mehrfach zu überspielen.

19:33 – Der Wodka geht zur Neige. Mit Hilfe einer schwarzen Olive als Schnauzbartersatz gibt N. eine mäßig erfolgreiche Hitler-Parodie. Der Beifall hält sich in Grenzen.

19:45 – Ein heftiger Streit entbrennt über die braune Masse. Während Verfahrenstechniker Detlef K. (39) eine Mousse au Chocolat durchaus für denkbar hält, plädiert Materialprüferin Sabine E. (33) dem Augenschein folgend auf eingekochte und teilweise ausgehärtete Erbswurst. Martin J. (43), Fachmann für Verbundwerkstoffe, löst das Geheimnis, indem er mit einem Schraubenschlüssel in die unterste Schicht der Therme fährt und gelblich verseifte Fettrückstände zutage fördert: es handelt sich um Grünkohleintopf.

19:49 – Obzwar auf den Tischen Stumpenkerzen brennen, hält es Lothar N. nicht mehr auf dem Teppich. Er besteigt die mit Papierdecken ausgekleideten Konferenztische, um mit einer ausgelassenen Tanzeinlage den Zusammenhalt innerhalb der Belegschaft zu fördern. Allerdings scheint er von der Schrittfolge des Kasatschok überfordert; bei einem Tritt in den Kartoffelsalat büßt er empfindlich an Gleichgewicht ein und hält sich an der Girlande fest, die mit ihm in die Tiefe sinkt. Die Kerzenbeleuchtung tut das Ihre.

19:50 – Eine Schrecksekunde später greift Buchhalter Rüdiger Z. (56) zum Feuerlöscher, um die Stichflamme zu ersticken. Martin J. sekundiert tatkräftig, indem er Bier in die Verteilersteckdose gießt; da Notbeleuchtung und Musik ausfallen, nutzen die beiden Gefangenen den Tumult, um ins Herren-WC zu entweichen. Beim Schließen der Tür stößt Marko R. versehentlich den mit Likörresten angefüllten Putzeimer um. Dem Erguss der zuckerhaltigen Flüssigkeit auf die Fliesen der Nasszelle schenkt er keine Aufmerksamkeit.

20:02 – Versandmitarbeiterin Marion St. (24) hat in der Zwischenzeit einen Satz Batterien aus dem Vorzimmer des Chefs organisiert. Mit Hilfe der kleinen Stromspender kann sie nun endlich ihre Lieblingskassette abspielen. Die Festgemeinde schließt sich zunächst nur zögerlich der Polonäse an, Detlef K. jedoch lockert die Laune in erheblichem Maße auf, indem er der einen oder anderen Teilnehmerin von hinten an die Schulter packt. Juchzen schallt aus dem Westflügel.

20:21 – Harro W. macht sich mit zwei Kollegen auf, die Teeküche des Versands einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Im Schein mehrerer Taschenlampen und Feuerzeuge finden sie mehrere Schachteln vor, deren Aufdruck in chinesischen Schriftzeichen sie geradezu zwingt, sie zu öffnen. Der Hinweis Alle Wenig füer dem außßen Einsaz! aufpuffen! lässt sie den Inhalt der Pappbehälter als Zimmerfeuerwerk deklarieren. Im Triumphzug trägt das Triumvirat die Knallkörper zur Jahresabschlussparty. W. serviert zudem eine Literpackung Frostmann’s Vanille-Traum mit 0,2‰ naturidentischen Aromaauszügen, die wegen mangelnder Kühlmöglichkeit mählich vom zarten Schmelz in flüssigen Aggregatzustand übergeht.

20:34 – Eine leichte Unpässlichkeit, die dem abwechselnden Genuss von Lasagne, Doppelkorn und Kokosmakronen (Mindesthaltbarkeitsdatum August 1997) geschuldet sein mag, bringt Christian Heimle dazu, das Büro seines Vaters aufzusuchen. Angesichts schwieriger Beleuchtungsverhältnisse hält ihn Yeşim Ü. für den Kontrahenten aus der Produktion. Mit wenigen Handgriffen hat sie den Schlüssel gedreht und ihn dann unter Zuhilfenahme eines Möbelstücks im Schloss abgebrochen. Der Junior sitzt in der Falle.

20:38 – Erstickte Lustschreie dringen aus dem Herren-WC. Allerdings stößt die Geräuschkulisse auf wenig Interesse, da sich ein Teil der männlichen Belegschaft aus anatomischen Gründen bereits in Blumenkübel und Papierkörbe erleichtert, um die Nachschubzufuhr zu vereinfachen. Allein Entwicklungsingenieur Fridomar H. (38) gibt anderthalb Pfund Grünkohl-Erbswurst-Mousse körperwarm in ein All-in-one-Device ab, das bis zu diesem Augenblick drucken, faxen und kopieren konnte.

20:59 – Timo P. war beim Ausräumen der Küche gründlich vorgegangen; so hatte er nicht nur die Getränke, sondern auch mehrere Kisten mit Putzmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs in den Konferenzraum geschafft. Rüdiger Z. erinnert sich eines Fruchtnektars, den er am frühen Abend konsumiert hatte, und weist Fahrdienstleiter Patrick L. (34) an, mehrere Flaschen aus den Kartons mit der gelben Banderole zu holen. Großzügig über den Resten der unterdessen zu Vanillesauce geschmolzenen Süßspeise verteilt entsteht ein durchaus süffiger Cocktail, dem es allerdings deutlich an fruchtiger Note mangelt; der technische Alkohol, den L. tapfer für Reisstrohschnaps hält, beschleunigt die Unempfindlichkeit zusehends.

21:03 – Der Juniorchef hat das Bewusstsein wieder erlangt und hämmert gegen die Tür. Niemand hört ihn. Die Telefonanlage ist kurzschlussbedingt nicht zum Absetzen eines Notrufs geeignet.

21:05 – Detlef K. und Jens H. wollen auch in diesem Jahr nicht auf das obligate Flaschendrehen verzichten, das das Betriebsklima geschmeidig hält. Nach zwei Versuchen finden sie ein bereits angebrochenes Behältnis. Es ist der abrupt einsetzenden Rotationsbewegung anzurechnen, dass die Flasche einen Liter zur Scheibenreinigung bestimmtes Ethanol zentrifugal auf dem Laminat verteilt.

21:09 – Es mag an Magnesiummangel oder einem gestörten Kochsalzverhältnis liegen, der auf dem gefliesten Boden der Herrentoilette kniende Marko R. erleidet einen Wadenkrampf. Schmerzenslaute dringen durchs Dunkel. Verzweifelt versucht Annette V., den vermeintlichen Betriebsleiter nach kräftezehrendem Liebesspiel wieder aufzurichten, doch die Substanz erweist sich als tückisch. R. klebt mitsamt heruntergelassener Hose im getrockneten Pfefferminzlikör fest.

21:21 – Der Juniorchef hat mit Hilfe eines Briefbeschwerers das abgeschlossene Fenster geöffnet. Obzwar die ausgeschaltete Elektrik das Anspringen der Alarmanlage verhindert, fällt den Werkschutzmännern Tiberiu A. (44) und Mircea E. (45) die Geräuschentwicklung auf; sie sorgen mit dem Schnellfeuergewehr für Ruhe und Ordnung.

21:28 – Zwei der unzähligen von Harro W. in Reih und Glied angeordneten Kleinknallfrösche reichen aus, um eine Verpuffung auszulösen, die die restlichen Feuerwerkskörper in Richtung des gelben Behälters drückt; an der chinesischen Kartonage züngeln schon die Flammen, als die Metallwerker eilends den Raum verlassen.

21:29 – Unter dem Widerhall der Kanonenschläge steigert sich Annette V. in einen hysterischen Anfall hinein. Sie heult panisch hinter der Tür des Herren-WCs und kann nur durch Zuspruch ihrer Kollegen beruhigt werden. Nach dem Entriegeln der Klotür stellt sich heraus, dass der Pfefferminzlikör auch die Tür nahezu hermetisch verklebt hat. Der Sauerstoff geht zur Neige. Die Lage ist ernst.

21:36 – Lothar N. kämpft inzwischen einen Zweifrontenkrieg gegen Eierlikör und aufsteigende Übelkeit. Mit dem Stoßseufzer „Wenn das der Föhrer wösste!“ meldet er sich von der Weihnachtsfeier ab und torkelt ins Treppenhaus, wo er mit dem linken Knie und dem rechten Ellenbogen am ausgelaufenen Pfefferminzlikör festklebt und in dieser bizarren Position einschläft.

21:42 – Rüdiger Z. und einige beherzte Männer haben den Fotokopierer durchs gesamte Stockwerk geschoben; unter vollem Körpereinsatz benutzen sie das Vervielfältigungsgerät als Rammbock – tatsächlich dröhnt schon nach wenigen Stößen ein Knirschen und Splittern durch den Flur, das allerdings nicht von der Tür des Herren-Klosetts herrührt.

21:44 – Für den Bruchteil einer Sekunde schweigt das Fauchen der Flammen, bevor ein Dutzend Polenböller das Ethanolgebinde auf ein Vielfaches seines Rauminhalts bringt; die komplette Fassade des fünfstöckigen Gebäudes wird nicht lotrecht, aber in beachtlicher Beschleunigung abgesprengt. Die beiden vor dem Bau parkenden Sattelschlepper mit der Aufschrift Treu und Glauben mit Heimles Schrauben sind kurz danach nur noch anhand der blass bläulichen Schattierungen auf dem Asphalt zu erkennen. Trümmerteile tilgen die Eisenbahnunterführung, eine Lagerhalle und das Stadion des TuS 1888 aus dem Weichbild des Industrievororts. So endet der Abend in einem Familienunternehmen, dessen Mitarbeiter in der Adventszeit einfach nur ein paar besinnliche Stunden verleben wollten.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXV): Experten

27 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die großen Gestalten der Gymnasialzeit, wer würde sie heute ohne den wohligen Rückenschauer sehen, welche dem durchschnittlichen Deppen ihre Gelehrsamkeit über den Rücken jagt: Leibniz, Leonardo, as-Suyūtī, die Polyhistoren ihrer Zeit, als der Schulabschluss zwar noch nicht flächendeckend verbreitet war, aber im Falle seiner Anwesenheit durchaus die Spreu vom Weizen trennte. Viel billiger Fusel sickerte seither in studierende Hirne, die Wissenschaften wurden erfunden und zerstritten sich – wer heute Fixsterne auf universitärem Niveau auseinanderhalten können will, sollte besser darauf verzichten, Geburtshoroskope für die Kollegen zu basteln – und zeugten Mathematik, Soziologie und das Fachidiotentum, in dem ein paar Idioten vom Fach über immer weniger immer mehr zu wissen vortäuschen, bis sie schließlich alles über nichts mehr wissen. Es kroch hervor der Experte.

Blödmänner, die eine Drehleiter bräuchten, um Einstein an den Knöchel zu pinkeln, glotzen dumpf aus der Mattscheibe und erklären stammelnd, wie ein Atomkraftwerk funktioniert. Bauchbinden und Briefköpfe titulieren alte Männer mit miserabel gebundenen Krawatten zur besten Sendezeit als Experten für Festkörperphysik, die alles, aber auch alles erklären können, ausgenommen Fahrräder, Konservendosen sowie gewisse Sexualpraktiken, die zum Widerwärtigsten gehören, was Westfalen je erdacht hat. Mit ihrer Deutungshoheit werden auch arische Physik oder Kreationismus fernsehtauglich abgesegnet – die Schnapsidee trägt ihren Adel vor sich her, sobald ein Experte die Gesichtsimitation dafür hergibt.

Experten sind schnell in die Welt gesetzt. Es reicht, wenn der abgebrochene Jurist, der eigentlich hätte Klempner werden sollen, mit einer Halma-Ausrüstung abgelichtet wird, um im Folgejahr als Killerspiel-Experte die Massenmedien mit seinen Ergüssen über Gruppenprozesse zu verstopfen, während ihn der Moderator – eigentlich der Gehilfe des Mülleimerleerers, aber zur rechten Zeit in Mainz mit einem Parteibuch ausgezeichnet – mit dem Dinosaurierspezialisten verwechselt und ihn als Swasilands bislang unbekanntesten Trompeter ankündigt. Als Kapazität zählt, wer nicht auf den ersten Blick dümmer ist als eine Tüte Sägemehl. Jeder Sender, jedes Anzeigenblatt, jeder als Partei verkleidete Steuerhinterziehungsverein hält sich inzwischen ein Rudel Koryphäen, das als Terrorexperten erratische Satzmuster in den Äther schwiemeln darf. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Denn der Experte an sich ist zu schnell aus fertig angelieferten Zutaten zusammengeklatscht. Bedeutungszusammenhänge sind ihm so fremd wie die Latten am Zaun: was nicht passt, wird passend gemacht. So schwallt das kognitiv angestrengte Hohlmaterial krude Mixturen grenzdebilen Gefasels in die Birne des Bekloppten, um ihm das Nachplappern zu erleichtern, und so greift das Bildungsideal der Jetztzeit um sich wie ein Junkie in der Krankenhausapotheke: jeder kann alles wissen. In zwölf leicht fasslichen Lektionen von der Nulldiät für Gehirnfresser zum Thermodynamiker der Zukunft. Eben noch Jammerlappen ohne Hausaufgaben, nach Genuss von zehn Minuten Wikipedia Grundsatzkommissionäre für Wirtschaftsfragen, wenn die Behämmerten fragen, sind sie zur Stelle: international gefragte Könner der Heißluftdistribution, Keuchkünstler und Hechelheroen, Professoren und Minister, Institutsleiter und Schnittbroterfinder, denen nur im Moment die Gebrauchsanweisung zum Einatmen entfallen war. Nirgends werden Versager derart schnell mit akademischen Abschlüssen behängt wie im Expertentum – die Visitenkarte, die nicht mit einem überflüssigen Doppeldoktor in angewandter Verdummungswissenschaft aufwartet, muss erst noch aus dem Automaten gezogen werden. Allenfalls da, wo die Bescheuerten unter sich sind, an den Stammtischen und in Internetforen, gerne unter gleich gelagertem Inkarnationsmaterial, gelangt der Doofe schneller zu Amt und Würden. Und keine Sau merkt’s.

Mittlerweile wehrt sich eine Volksbewegung gegen die Expertenbrut; weder dem Bundeskabinett noch den Wirtschaftsweisen wagt sich einer in die Quere, nicht einmal mit einem Beratervertrag wird das Bildungsprekariat noch ausgestattet, wenn er den Denkstil seiner Aussichtsplattform auf dem Elfenbeinturm breit walzt. Und schon begreift die Masse der Grützbirnen ihr Scheitern wiederum als Chance und verkrümelt sich in ad hoc gegründete Interessenverbände, die mit imposanten Gremien und ständigen Forschungsstäben den Trotteln der Nation neue Wichtigkeit verleiht. Nationale Faselvereinigung zur Förderung des Dummschnacks – staatstragender geht es nicht, und so hört es sich in den Abendnachrichten auch an. Erfreuen wir uns der Knalltüten, auch sie haben historische Vorbilder, ebenjene, die mit wissenschaftlichem Anspruch die Existenz von Hexen nachwiesen und ihre Flugkünste erklärten. Was braucht man mehr, um dieser Gesellschaft ein nützliches Mitglied zu sein.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXIV): Dichterlesungen

20 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Diese unsere Schriftkultur zeigt mehrere Arten, das inhaltlich Fixierte dem unschuldigen Konsumenten zur Aneignung zu überlassen; ungebrochen in neutralem Druckbild, gebrochen in neueren Formen wie dem Hörbuch, brechend in allerlei theatröse Formgebilde inszeniert, bei denen lediglich herauskommt, dass die Beschäftigung mit dem Text für die Regiebirne zu schwierig war. Schlimm wird es, wenn alle Sicherheitsmaßnahmen versagen und die Mutter aller Katastrophen zuschlägt: der Autor lebt, ist noch nicht dement und hat sich – mit oder ohne Drogen, Bares oder die Aussicht auf ein baldiges, gewaltsames Ableben – herbeigelassen, die Erzeugnisse seines literarischen Getues in Anwesenheit mehrerer Bekloppter vernehmlich vorzutragen. Im Anfang war das Wort, und der Schrott, der daraus entstand, vernichtet alles, was nur halbwegs nach Hoffnung aussieht.

Die Dichterlesung räumt auf. Was gerade eben noch an ekstatischen Kunstgenuss gegrenzt hatte, läutet nun die banale Phase der Restexistenz ein, prickelnd vor Langeweile, bis sich der Rahmen verzieht – Literatur, egal ob halbwegs gelungenes Gedicht oder Erzählprosa von der Resterampe für Nichtleser, kleckert wie vorgekautes Verbalgemüse in den sauerstoffarmen Raum; nasse, zumindest nicht trockene Sozialpädagogenoberbekleidung schlurrt auf wackeligem Klappgestühl, das nur dem Einpferchen wehrloser Gelegenheitskonsumenten in heimtückisch zu Verhörzimmern umfunktionierten Buchhandlungen dient; Zwiebelmett, Rheumasalbe und krankhafter Fußschweiß amalgamieren sich zu einem Odeur von so unvergesslicher Intensität, dass selbst die Bücherregale osteuropäischer Provenienz dagegen fast erträglich anmuten. Doch alles das schafft auch ein billiges Vorstadtkino, alles das zwingt auch ein Elternabend in die trübe Realität. Den entscheidenden Unterschied macht der Autor.

Hatte die praktische Vernunft beim Lesen der verschwiemelten Adverbakrobatik noch die Stimme ihres Herrn imaginiert, so schrammt der Glaube an das Gute beim Auftritt des Urhebers unvermittelt ab. In graumäusigem Polyesterverschnitt hockt eine Patzfratze hinter dem Campingtisch und sondert erratische Wortspenden ab; was als Hörbuch noch einen gewissen Unterhaltungswert besessen hatte, wird in den Artikulationsversuchen des Satzbauers zur ganzheitlichen Folter. Bar jeglicher Kurzweil gniedelt sich die aufreizend monotone, jede Betonung einzeln versemmelnde Poetenstimme durch Absatzschwierigkeiten, wirft sich keuchend von einer Hypotaxe zur anderen und lässt den also Belesenen mit einem Gefühl jäh einsetzender Nüchternheit zurück: das ist ein Dichter, so sieht der Reimschmied aus, dessen Phänotyp noch vereinzelt Sympathiepunkte durch die optische Nähe zum Etagennachbarn – Balkan-Smoking mit Badeschlappletten – gutmachen konnte, der aber ansonsten spannend wie ein leerer Pappkarton ist und jeden Abend in den Gipfelpunkt des zweckfreien Wartens auf etwas anderes verwandelt. Dem Schriftsteller, eben noch Objekt höchster Verehrung, da er scheinbar absichtslos jede Menge Kohle einstreicht, Frauen abgreift und seine besonnte Physiognomie in den Klatschspalten der von Bescheuerten goutierten Totholzmedien breit macht, drischt die Spontanentzauberung das Dauerlächeln aus der Fresse und katapultiert ihn vom drohenden Nobelpreis augenblicklich ins gesellschaftliche Apogalaktikum. Wer nun vergeblich die vom Puschenkino gewohnte Stummtaste sucht, um das ganze Geplapper körperlich unversehrt zu überleben, statt zum frühestmöglichen Zeitpunkt ins Eigenheim oder wenigstens zur nächsten Bratwurstbude zu fliehen, der zeigt, dass er eine wesentliche Prämisse dieser raumgekrümmten Daseinsform nicht kapiert hat: die Hölle, das sind die anderen. Und sie sind es.

Kaum tupft sich der zitternde Vertreter der Verlegenheitsprominenz nach stattgehabter Laberei den Angstschweiß von der Stelle, an der andere ihre unveränderlichen Merkmale aufbewahren, da schlägt das Heer der Beknackten zu. Gestählt im jahrelangen Training mit anatolischer Liebeslyrik zu Nasenflötenbegleitung wringt sich der literarisch unbedarfte Grützkopf Fragen aus dem Synapsenkonvolut, die selbst gelangweilte Gewebelose zu selbstzerstörerischer Aggression brächten. Wer noch rätselt, was der Dichter sagen wollte, legt seinen intellektuellen Offenbarungseid gleich an Ort und Stelle ab. Weder Geschmacks- noch Gefühlsbildung sind die Motivation des Behämmerten, sich in das Gemeinschaftserlebnis Literatur zu fügen; es ist das kollektive Ungewusste und damit das solidarische Fremdschämen, das die kognitiv Suboptimierten in die Stuhlkreise treibt: hier ist der Minderbemittelte unter seinesgleichen und braucht sich nicht zu verstellen. Damit der Bekloppte einmal ungestört seine Blödheit heraushängen lassen kann, ist er sogar dazu bereit, ein kulturelles Rahmenprogramm über sich ergehen zu lassen. Womit jetzt auch geklärt wäre, wozu Ärztekongresse abgehalten werden.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XXXIII): Elternprojektionen

13 11 2009
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher war nichts komplizierter als die Logik, die dem Leben innewohnt: Väter sterben, Söhne erben, der Betrieb bleibt in der Familie. Das Nötige, das es für den Seifensieder, Schmierbrenner oder Leichenwäscher zu wissen gilt, wird von einer Generation zur nächsten vererbt. Selbst der unterste Rand, der höchstens ab und an als US-Präsident in den Arbeitsmarkt reingereicht wird, überfordert sich nicht mit der billigen Faustregel: wenn Du bei einer Sache zusehen kannst, ohne Dich ernsthaft zu verletzen, dann behaupte, Du habest es sowieso schon gekonnt. Ein Großteil der Nieten im System wird über diesen Selektionsprozess installiert.

Vereinzelt bedroht etwas das Gequirle in der Existenzbrühe; Elektrizität, Relativitätstheorie und Nanotechnologie versuchen mit Innovation die abgestandenen Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, doch gelingt ihnen selten mehr, als eine neue Gewerkschaft zu gründen. Fundamentale Sprünge lehnt der Behämmerte kategorisch ab, er lässt sich nicht vom Baum noch aus der Höhle prügeln. Seine Begeisterung für steigende Lebensqualität durch minimale Veränderungen ist eher eingebildet als vorhanden, denn er lehnt Veränderungen, so minimal sie auch sein mögen, ab. Etwaigen Wellen begegnet der geistige Nichtschwimmer mit radikaler Verleugnung, der Inszenierung eines Weltkriegs oder vorzeitigem Gesprächsabbruch.

Doch der Bekloppte wäre nicht bekloppt, besäße er nicht schließlich und endlich die Fähigkeit, vollkommen gegen legitime Ziele wie Arterhaltung, Lebenszeitverlängerung und Wohlstand zu arbeiten und sein Recht auf Frustration, Krieg und seelische Verrohung mit der Kraft der Hohlbirne zu verteidigen. Er entwickelt Ehrgeiz; allerdings wirft er den Nachbrenner erst dann an, wenn er mit der Stirn vor dem benzingetränkten Bretterzaun klebt. Sein Motiv: der Generationskonflikt, aber so, wie er ihn versteht.

Der grauenhafte Prototyp dieses einseitigen Ausstiegs aus der Zivilisation ist die Eislaufmutti; das Gesichtsübungsfeld auf welkfleischigen Rumpfresten lümmelt sich an der Bande zum Kunsteis, riecht penetrant nach billigem Parfüm, kann einen Salchow nicht von einem Wadenkrampf unterscheiden und verleiht dem Begriff der Peinlichkeit eine ungeahnt kategoriale Tiefe, ohne es doch selbst zu begreifen. Mittlerweile hobelt es in runderneuerter Form als Tennisvater über die Kanten des Erträglichen oder schleppt als Stage Mum die überwiegend weibliche Brut in Beauty-, Ballett- und Blödblunzenbewerbungen, obwohl sie selbst bei der Aufnahmeprüfung in den Zoo als Plumplori-Ersatz durchgefallen war.

Fehlgeleitete Gutmenschen, die dreimal im Jahr unbezahlten Urlaub nehmen, um suizidgefährdete Investmentbanker wieder ins Meer zurück zu schleppen, interpretieren diese narzisstische Spielart des Machtanspruchs als reinen Sadismus; statt die Abkömmlinge im Machwahn zu Geigenspiel, Eisschnelllauf, ja Wirtschaftschinesisch zu drängen, könnte man ihnen in einem Anfall von Ehrlichkeit gleich eins in die Fresse zimmern. Dem Hass auf die Jugend wäre Genüge getan, das Kind müsste nicht länger als Stellvertreter der volljährigen Flachbratze seinem Missbrauch als Placebo beiwohnen und leistete durch seine Abwesenheit in der Kompensation klebrigen Selbstmitleids einen erheblichen Beitrag zur seelischen Gesundheit – seiner eigenen, auf die es hier eher ankommt als auf den Synapsenkasper eines Abflussschnorchlers, der einmal zu oft gegen die Kacheln gepaddelt ist. Selbstbetrug atmet die ganze Konstruktion, denn welches Blag würde nach mühevollem Aufstieg am Sportler- und Intellektuellenhimmel konstant mit dem Finger auf den Verursacher zeigen? Damit der Betrieb in der Familie bliebt, wenn Söhne erben, muss Pappi ja erst mal unter die Grasnarbe.

Schmerzhafter noch ist der Alltag, wo die Vollbrezel sich einbildet, die Frucht seiner Lenden gehöre zu den an jeder Straßenecke auftretenden, da weltexklusiven Hochbegabten. In verschwiemelter Rückwärtslogik tritt die Vermutung, der Erzeuger des Stammhalters verfüge über eine Anzahl von Hirnzellen im hohen, fast schon zweistelligen Bereich, schwerpunktmäßig unter egozentrischen Dumpfblähern auf, die den bisherigen Gasaustausch vorwiegend dazu genutzt haben, sich zum Prädikatsdeppen zu machen. Sie gieren nach Anbetung, weil sie selbst eine nicht nennenswert verlaufende Kindheit überlebt haben – und rächen sich für ihre intellektuellen Rasenlöcher an dem Jahrgang, der ihretwegen gar nicht erst ein eigenes Selbstwertgefühl entwickelt. Einen Zeugungsakt später geht die Grütze wieder von vorne los.

Es besteht keine Hoffnung, dass sich etwas ändert; in viehischen Phantasmagorien sieht man, wie der Große Depp durch Traumwälder torkelt, er ist der ontologischste aller Transzendentalbeweise, denn etwas derart Bescheuertes kann sich kein Mensch ausdenken. Er nagt noch einmal am geräucherten Vater, stößt sich gewaltig die Birne und lallt also: „Wenn ich in Rente gehe und Euer Erbe versaufe, dann wird das alles hier einmal Euch gehören!“





Ärzte ohne Grenzen

11 11 2009

„Lassen Sie nur, er ist mein Begleiter.“ Der bullige Türsteher ließ uns passieren. „Jetzt ganz unauffällig dreinschauen“, wisperte Doktor Klengel mir zu, „und denken Sie daran: Sie sind Doktor Rübele aus Potsdam.“ Ich tastete nach dem Schildchen in der Anzugtasche. Nichts konnte mehr schief gehen. Ich war tatsächlich auf dem Ärztekongress.

Die Lachshäppchen waren angenehm groß, aber unangenehm trocken. Dafür mangelte es nicht an lauwarmem Champagner. Klengel stieß mich an. „Der Vortrag geht gleich los, kommen Sie.“ Der Saal füllte sich schnell. „Der erste Referent ist ein Seuchenspezialist“, informierte mein Hausarzt. Unter schütterem Applaus betrat der Pestilenz-Professor die Bühne. „Wir stehen vor einer gewaltigen Katastrophe“, hub er an, „vor einer entsetzlichen Tragödie von, lassen Sie es mich beim Namen nennen, biblischem Ausmaß!“ Ein Raunen schlich durch den Raum. „Die Schweinegrippe ist eine furchtbare Prüfung, eine Plage, die wir, lassen Sie mich das aussprechen, alle durchstehen müssen. Sie wird sehr viel Kraft, ja, lassen Sie…“ „Was redet der Mann da eigentlich“, flüsterte ich, „die Grippewelle hat doch noch nicht einmal begonnen.“ „Er ja auch noch nicht“, kicherte Klengel. Ich begriff, als der Redner endlich auf den Punkt kam. „Lassen Sie mich das Schreckliche in aller Deutlichkeit zur Sprache bringen – kein Mensch glaubt an die Schweinegrippe!“

Man meinte, die versammelte Ärzteschaft in namenloser Erschütterung zu erleben. Unaufhörlich bohrte der Virenapostel weiter in der Wunde. „Wir haben nur wenige Mittel, nur begrenzte Ressourcen, um dieser Lage Herr zu werden. Wir müssen die Menschen aufklären.“ Tosender Applaus erscholl. „Wir müssen den Patienten klarmachen, dass die Chance, an der Neuen Grippe zu versterben, so hoch ist, wie von einem Hund gebissen zu werden!“ Ich räusperte mich. „Das ist Unfug“, widersprach ich, „woher hat dieser Mann die Zahlen?“ Klengel belehrte mich umgehend; er hatte den Artikel in der Fachzeitschrift gelesen. „Statistik, mein Lieber, reine Statistik. Die Zahl der Schweinegrippetoten, hochgerechnet auf zehn Jahre, ist annähernd so groß wie die der Hundebissopfer in Hessen im dritten Quartal 1983.“ „Das ist doch Quacksalberei! Würden Sie das Ihren Patienten sagen?“ Er zuckte die Schultern. „Die meisten fragen ja nicht nach.“

Das Pandämonium ging weiter. „Mittlerweile ist es so weit, lassen Sie mich das so ausdrücken, dass die Menschen sich immer und überall die Hände waschen. Sie verwenden Desinfektionsmittel! Flüssige Seife!“ Das Stöhnen der Medizinmänner richtete meine Nackenhaare auf. „Papierhandtücher und Mundschutz“, fuhr der Infektionsprophet fort, „Körperhygiene – doch keiner weiß, ob es nicht wirklich alles noch viel schlimmer als schlimm sein wird oder vielleicht noch viel schlimmer! Die Menschen müssen endlich begreifen, dass diese abscheuliche Krankheit von derart exorbitanter Entsetzlichkeit sein könnte, dass in diesem Fall die Hygienemaßnahmen völlig überflüssig wären. Und da wir ja auf das Schlimmste vorbereitet sind…“ Der Rest ging in aufbrandendem Beifall unter.

„Sagen Sie mal“, wandte ich mich an Doktor Klengel, „wer bezahlt eigentlich dies pandemische Panoptikum? Die Krankenkassen oder der Ärztebund?“ „Wo denken Sie hin?“ Er fächelte sich mit dem Programmheft abgestandene Luft zu. „Die Pharmakonzerne natürlich.“ „Ich dachte, dies sei ein medizinischer Fachkongress?“ Klengel nickte. „Ist es ja auch.“ „Aber ich komme mir hier vor wie auf einer Kaffeefahrt mit Heizdeckenpropaganda.“ „Keinesfalls“, entgegnete er, „auf der Kaffeefahrt sollen Sie die Heizdecken kaufen, um keinen Ärger zu bekommen. Hier sollen Sie sie verkaufen.“ Ich schluckte trocken.

Der Grippegreifer holte zum entscheidenden Schlag aus. „Und deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen wir lückenlos, müssen wir umfassend, lassen Sie mich das jetzt hier in aller Entschiedenheit sagen, darum müssen wir die Verdachtsfälle schonungslos dokumentieren, um überall im Land das richtige Bewusstsein für ein sich entwickelndes Gefahrenpotenzial zu schaffen!“ „Ich begreife es nicht“, murmelte ich, „sie klatschen und merken nicht, dass eine Massenhysterie geplant werden soll.“ „Aber das ist doch nicht unser Part.“ Klengel stimmte in den Schlussapplaus ein. „Das richtete sich an die anwesenden Medienvertreter.“

Wir verließen den Saal. Noch immer klemmte das Schild, das mich als Doktor Gotthold Rübele auszeichnete, an meinem Revers. Hier und da traf mich ein freundliches Nicken. Offenbar war mein Name ein Begriff. Ich war irritiert. „Wer bin ich eigentlich?“ „Sie haben einige Sachen über den Rechtsschenkelblock publiziert“, belehrte mich der echte Arzt an meiner Seite, „und sind folglich ein Kardiologe.“ „Was ist das genau?“ „Ein kleiner Zacken, den man im Elektrokardiogramm sieht. Er tut nichts, oft ist keine Ursache festzustellen, und infolgedessen braucht man dafür keine Therapie. Eine nutzlose Krankheit, gewissermaßen.“ Ich blickte ihn bissig an. „Es klingt, als litte das Gesundheitswesen daran.“

„Mein lieber Rübele!“ Der Pharmarodeur eilte auf uns zu. Mir wurde schwarz vor Augen. „Ihre Abhandlung über arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie – fabelhaft! Sie sind ein großartiger Diagnostiker!“ Geschmeichelt schüttelte ich ihm die Hand. Doch da konnte ich nicht widerstehen. „Und, lassen Sie sich auch impfen?“ Er tippte sich an die Stirn. „Ich? Impfen? Bin ich denn bescheuert?“





Das Urteil

9 11 2009

Die Frau weinte und schrie. „Ich habe doch gar nichts gemacht! Sie können mich doch nicht einfach mitnehmen, ich habe doch gar nichts getan!“ „Das ist jetzt auch egal“, schnarrte der Polizist und stieß sie in den Transporter. Ich schlug den Mantelkragen hoch. Der Himmel über Berlin sah finster auf uns herab, der nächste Hagelschauer schien bloß noch eine Frage der Zeit zu sein.

„Das ist sehr interessant“, bemerkte Olbiński, „die Einsatzkräfte sind meines Wissens nach überhaupt nicht informiert.“ „Informiert worüber“, fragte ich. „Was man den Bürgern vorwirft. Das ist ein Novum; gestatten Sie mir die Bemerkung, ich muss ja unbeteiligt bleiben, dass dieses Verfahren, die Exekutive von der Rechtsprechung so völlig zu trennen, nicht mit dem herkömmlichen Begriff der Gewaltenteilung zu beschreiben ist.“ „Weil die Polizisten gar nicht wissen, weshalb sie jemanden verhaften?“ „Das auch, aber vielmehr, weil auch die Richter gar nicht wissen, weshalb sie jemanden verurteilen.“ Wir bogen auf den Schiffbauerdamm und gingen ein paar Schritte in den Westen. Trüb floss die Spree vor sich hin; es kümmerte sie durchaus nicht, man hätte hineinschmeißen können, was man gerade wollte.

Der UNO-Beobachter knetete seine klammen Finger. „Es war ja von Anfang an schwierig, dies Gesetzgebungsverfahren durch Ihr Parlament zu bringen. Sie haben aber auch keine Peinlichkeit ausgelassen.“ Ich begehrte auf. „Es gab hier Massendemonstrationen! Noch immer läuft eine Verfassungsklage, um das Gesetz zu stoppen!“ Olbiński kicherte. „Verfassungsklage, ja… Ihr Außenminister, diese Marionette, die sich so hübsch in Polen vorgestellt hat, klagt jetzt, obwohl er selbst für die Änderung Ihrer Verfassung gestimmt hat, um dies Gesetz überhaupt zu ermöglichen.“ „Das ist allerdings wahr.“ „Und es ist doch eine Ironie, dass weder Parlament noch Regierung wussten, was in dem Gesetz überhaupt stand – Geheime Verschlusssache, wie?“ Wieder kicherte er eine Spur zu wenig unbeteiligt. Ich schritt heftig voran.

Da zerrten drei Schutzleute einen Mann in grüner Schürze über die Promenade. Sein Gesicht war zerschlagen. Einer trat ihm von hinten in den Rücken. „Dir helf ich“, brüllte ein anderer, „faule Äpfel verkaufen zu wollen!“ Ich stellte mich in den Weg. „Platz da!“ Schon zog der Amtsträger seinen Knüppel, doch Olbiński streckte ihm seinen Diplomatenpass entgegen. „Was hat dieser Herr getan“, erkundigte ich mich, „dass Sie ihn so behandeln?“ „Es liegt Verdacht vor“, schnarrte der Ordnungshüter. „Dringend. Dreifach inzwischen, und wir holen ihn jetzt ab. Sonst noch was?“ Seine Stimme klang aggressiv. „Wessen wird der Herr beschuldigt?“ „Faule Äpfel. Es hat sich jemand beschwert, dass der Gauner Äpfel verkauft hat, und die sollen faul gewesen sein. Dreimal. Sonst noch was?“ „Das ist kein Grund, ihn zu schlagen.“ „Er hat es verdient“, kreischte der Wachmann, „sonst noch was?“

„Da sehen Sie es“, rief ich aus, „dreimal ein aus der Luft gegriffener Verdacht, und sie zerren diesen Bürger durch die Straßen wie ein Stück Vieh!“ „Ich bedaure, ich kann da nicht eingreifen. Three Strikes war Ihre Idee, nicht unsere. Solange es sich um geltendes Recht handelt, muss man das respektieren in einem Rechtsstaat.“ „Rechtsstaat?“ Ich war außer mir vor Wut. „Das nennen Sie einen Rechtsstaat? Dreimal kann irgendein Hampelmann einen Bürger bezichtigen, es gibt kein Ermittlungsverfahren, es gibt keine Beweise, kein Urteil, und die Menschen verschwinden im Gefängnis?“ „Wozu brauchen Sie denn Beweise? Vergessen Sie nicht, Sie haben die Beweislastumkehr eingeführt. Das ist jetzt so.“ „Eben deswegen – Sie beschuldigen jemanden dreimal einer Lappalie, und er wird abgeholt!“ „Es ist unschön“, bedauerte Olbiński, „wirklich sehr unschön. Es gibt ja auch keine Ärzte mehr.“ „Das liegt daran, dass sie sich alle gegenseitig des Pfuschs anschuldigen…“ „Was nicht aus der Luft gegriffen sein dürfte“, kicherte er. „Sie versuchen einander aus dem Weg zu räumen. Dieser ganze Staat gibt sich unverfroren dem Denunziantentum hin. Das ist das Ende der Gesellschaft!“

Wir hatten die Wilhelmstraße erreicht; Uniformen standen herum, kritische Blicke folgten uns. „Es wird doch irrwitzig. Sie haben die Post abgeschafft, weil die Kriminalitätsstatistik schon drei Erpresserbriefe verzeichnet in diesem Jahr. Wo soll das enden?“ „Ich verstehe Ihren Groll“, besänftigte er mich, „es ist ja auch absurd, dass man jemanden einsperrt, nur weil er dreimal falsch geparkt haben soll, obwohl er erwiesenermaßen weder ein Auto noch einen Führerschein besitzt.“ „Wir leben in einer faschistischen Operette! Und das alles, weil ein paar Kriminalisten unbedingt ein Gesetz zur Pauschalkriminalisierung aller Bürger brauchten!“ „Disney ist eben mächtiger als die Bundesregierung“, antwortete er, „aber sehen Sie es positiv: immerhin werden Sie jetzt nicht mehr von der Bundesregierung kriminalisiert, sondern von den Konzernen, die sich damit gut auskennen – Steuerhinterziehung, Erpressung, Unterschlagung.“

Wir liefen auf das Reichstagsufer zu, als der Tumult begann. Wer war diese Frau im Hosenanzug und warum prügelten die Schutzleute auf sie ein? Da knallte ein Schuss über die Spree. Ich packte Olbiński am Arm. „Das ist doch… das ist sie doch nicht?“ Ein Körper klatschte vom Ufer in den Fluss. „Sagen Sie, dass das nicht wahr ist!“ Doch er blieb teilnahmslos. „Sie hat gelogen. Und wie es scheint, nicht bloß einmal.“