Der Leierkastenmann

16 12 2009

„Freut Eu-heuch des Le-bens, weil no-hoch das Lä-hämp-chen glüht!“ Der dick vermummelte Mann stapfte von einem Fuß auf den anderen. Es war kalt in Tiergarten, von der Spree pfiff ein scharfer Wind herauf und zog unter den Mantel. Mich fröstelte. Der Alte lächelte sein verknittertes Lächeln und drehte emsig an der großen Kurbel. „Pflü-cke-het die Ro-se, eh’ sie-hie ver-blüht!“

Ich legte ein Geldstück in das kleine Körbchen auf der Drehorgel. „Bedanke mir“, dienerte der Musikant. „Wenn ick mir vorstellen dürfte: Aujust Knille is der Name, den mia meene Mutta jejehm hat, wie ick hochwohljeborn war in Moabit. Wenn’s um Musike jeht, denn is Knille Ihr staaka Partna! Sahrense ja nu in Mitte imma, ha’ck jeheert.“ Er steckte die Münze in seine Manteltasche. Und griente. „Von Knille beorjelt, det is fast so jut wie von Zille jemalt, wa?“ Ich lachte. „Und da stehen Sie hier den ganzen Tag am Reichpietschufer und kurbeln?“ „Det is wejen de nationale Stümmung.“ „Nationale Stimmung?“ Er blickte verschwörerisch. „Aa nich weitasahren!“ Und kam ganz dicht mit dem Gesicht an mein Ohr heran.

„Det is ja, weil Truppe nich uff Truppe schießen dhut. Im Jrunde jenomm. Da hamse aa in’n Bendlerblock ooch nüscht von jesacht, wie SA uffmarschiert is.“ „Sie meinen“, fragte ich skeptisch zurück, „dass hier im Bundesministerium dicke Luft sei?“ „Schönet Wetta heute.“ Knille knurrte mich an. Holte einen blau angelaufenen Flachmann aus dem Überzieher. „Ick wer ma alaum, wa?“ Und trank einen tiefen Zug aus dem Fläschchen.

„Hamse den ma jesehn, den Pomadenkalle? Det is ’ne Quetschvisage! So’n Spack! Un denn hatta nüscht wie Butta uffn Kopp.“ „Meinen Sie?“ „Sahrick doch, det is’n Erbbejräbnis. Un so alt wie der Jung aussa Wäsche kiekt…“ „Dann müsste er ja das Parlament belogen haben.“ „Schlümma! Schlümma, sahrick Ihn. Det Milletär.“ „Das Militär belogen?“ „Nich belohren – aa betuppt hatta! Der is doch anjebufft jewesen, sahrick Ihn!“ Und er schneuzte sich heftig in Richtung Spree.

„Na, nun sagen Sie mal: was ist denn hier im Ministerium eigentlich genau los? Warum dieser ganze Aufstand?“ „Det wer ick Ihn sahren: der Minista, der hat ja keene Ahnung vons Jeschäft. Det isn komischa Ssuch an ihn. Wie a inne Wüchtschaft is jesessn, wennse Ihn noch ainnern – aa inne Wüchtschaft isses ja nu nüscht, wennse nich inne FDP sinn, da wissense ooch nüscht, aa ditt is ja von keene so jroße Wichtigkeit, wa?“ „Kommen Sie mal zum Punkt, Knille!“ Mir wurde langsam auch ein bisschen kühl; der Himmel sah allgemein etwas ungemütlich aus. „Sie wollen mir doch jetzt nicht erzählen, man habe sich über den Herrn Minister beschwert, weil er keine Ahnung von der Verteidigungspolitik besäße? Das können Sie mir nicht weismachen – der Mann ist Unteroffizier der Reserve, der wird sich bei der Bundeswehr doch wohl auskennen.“ „Weeß ick“, antwortete der Alte, „weeß ick doch. Jebirgsjäjerbatalljong. Aa det is ja nich der Punkt.“ Und wieder genehmigte er sich einen der größeren Schlucke aus der Pulle.

„Det issn Hallodrikus. Schon, wie a inne Wüchtschaft is jesessn – det Famijenuntanehm, wo a sso lang jearbeet hat, det hats ja nie jejehm. Hats nie jejehm! Fürn Fuffsja Jrips, un denn hätta sich det Ding aus Lehm jebackn. Aa wenn eena etepetete is, denn denkta jar nich an.“ „Das war in der Tat unbedacht“, nickte ich. „Aber keine Ahnung vom Geschäft?“ „Ehmt. Aa wenna det richtig inne Jrütze kloppn will, denn machta det sso, als hätta würkich Ahnung vons Janze. Un denn jreifta voll danehm, weil a det eene Mal det Ding richtich drehn will.“ „Sie sprechen doch jetzt von dem Bericht, den er doch gelesen haben soll, obwohl er sich nicht daran erinnern kann.“ „Nee, det hatta ja zujejehm, wie det nich mehr ze vatuschn war.“ „Also von der Entlassung des Generalinspekteur? Knille, jetzt reden Sie doch nicht um den heißen Brei herum, davon wird’s doch nicht besser!“

Fast konspirativ sah der Orgeldreher mich an. „Er hat det bessa machn wolln, als wie det jedacht war. Könnse Ihn noch besinn, wie det anfing? ‚Ick sahre ma so‘, hatta doch jesacht jehabt, ‚det is ja keen Kriech, aa fürn nationalen Sprachjebrauch sahrick ma, det is eena.‘ Ham die doch jebrillt, det kanna nich sahrn, det is ja jar nich seine Befugnis, un mitten Jrundjesetz passt det ooch nich – jroßa Fehla.“ „Ja, das war nicht besonders elegant gelöst“, gab ich zu. „Man hätte das doch vorsichtiger machen können.“ „Sahrick doch. Aa war a uff’n Kien? Denn hatta de Malessen von wejen den Jeneral. Jrundlos kündijen hätta solln, aa mussta wieda Fisimatenten machn. Lästich!“ „Weil er das Dienstrecht missachtet hat, meinen Sie?“ „Ehmt. Nu denkense sich det ma inne Wüchtschaft. Sachta Kaiser: ‚Knille‘, sachta, ‚ick will Ihn nu nich länga hörn, un Ihr ff. Jeorjel könnse sich an’n Hut schraum. Jehnse mit Jott!‘ Kann ick nüscht untanehm.“ „Das ist eben so“, bestätigte ich ihm, „das gehört in einem demokratischen Staat dazu.“ „Un denn ssweetet Ssenarjo: wird der Kaiser ze Rumpelmann sahren, det ick ’n olla Stänkafritze wär. Sie, da klahre ick! Det darfa ja nich!“ „Und darüber soll der Freiherr stolpern? Über eine Lappalie?“ „So hätt ja keener wat jesacht. Aa wenn Truppe uff Truppe schießen dhut?“

Er schnalzte genüsslich mit der Zunge, während er wieder den Leierkasten ankurbelte. Und noch lange hörte ich, wie der alte Knille die Orgel tuten, pfeifen und quinquilieren ließ, während er mit rostiger Stimme sang: „Freut Eu-heuch des Le-bens, Groß-mut-ter wird mit der Sen-se ra-siert!“





Kehrt, marsch!

15 12 2009

„Momentchen noch, ich kriege eben die neuen Zahlen rein. Auweh… nein, so schlimm auch nicht. Es reicht halt nicht. Aber wir kriegen das in den Griff. Bestimmt. Ja, davon können Sie ausgehen. 2025 sollte sich etwas geändert haben, wenn nichts dazwischen kommt. Klar, das kann man nie wissen. Aber 2025 ist schon mal eine ganz gute Richtung. Länger wird die Merkel ja wohl nicht durchhalten.

Nein, das ist komplizierter, als wir glaubten. Wir haben ungefähr elf Prozent verloren, Die Linke und die Grünen davon die Hälfte gewonnen – bleiben fünfeinhalb. Piraten minus zwei, heißt also, dass wir immer noch dreieinhalb Prozent… Gut, die kann man jetzt auch als Fehlertoleranz rausrechnen, man sollte ja bei Fehlern auch mal tolerant sein. Ja, nicht wahr? Bei unseren eigenen sind wir immer tolerant, da haben Sie Recht. Auf jeden Fall sind also mal die Piraten Schuld, dass wir jetzt diese Regierung haben. Da beißt die Maus doch keinen Faden ab. Und wenn wir das beweisen können, werden wir es irgendwann auch. Klar.

Verschwörungstheorie? Ich bitte Sie, das meinen Sie doch nicht ernst! Natürlich waren es die Medien. Sie sehen es doch jetzt beim ZDF, dass die Unionsparteien ihren undemokratischen Einfluss auf die Massenmedien überall ausnutzen, um die Bevölkerung darüber hinwegzutäuschen, dass sie jetzt… Wahlkampf? welcher Wahlkampf? Ach so, bei der Bundestagswahl. Da werden sich unsere Experten erst ein Urteil erlauben können, wenn wir endgültige Ergebnisse haben. Vermutlich hat es etwas mit der Erderwärmung zu tun, dass an diesem Sonntag so viele Wähler zu Hause geblieben sind.

Warum wir das erst jetzt bemerkt haben? Es ist nämlich… sagen Sie’s nicht weiter, aber die SPD ist ja doch schon eine recht alte Partei, da dauert die Schrecksekunde eben etwas länger. Ja, das kann auch mal eine halbe Legislaturperiode sein. Oder eine ganze. Oder zwei, ja. Also bei der Agenda 2010 wollten wir ja noch warten. Schrittweise Absenken der Ignoranz, sagt der Parteivorstand. In drei Stufen, meinen die Berater. Sie wissen doch, jeder Arbeitsplatz hat ein Gesicht. Gut, bei Hartz würde ich es nicht direkt Gesicht nennen, aber…

Ausgeschlossen! Das ist mit uns nicht zu machen! Schon aus ethischen Gründen nicht! Wenn wir jetzt auch noch Lohndumping und Rente mit 67 als Fehler bezeichnen, dann treiben wir doch das Land in ein Stimmungstief, aus dem die Banken nie mehr… Die Industrie? Die sollen nicht jammern, für die Ein-Euro-Jobs hätten sie mehr Dankbarkeit zeigen sollen. Und wenn Sie erst mal begriffen haben, dass das, was für die Wirtschaft gut ist, auch sozial ist, dann werden Sie begreifen, dass es hier keinen Grund gibt, sich öffentlich zu entschuldigen. Ich höre es doch schon – am Ende würden Sie uns auch noch Heuchelei nachsagen! Unverschämtheit!

Allerdings, man kann das eine tun und braucht das andere dann nicht zu lassen. Deshalb ist das Wachstumsbeschleunigungsgesetz schlecht, obwohl die Abwrackprämie die Arbeitsplatzverluste in der Autoindustrie bestimmt verdoppeln wird. Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun? Das eine war eine Finanzspritze, die den Arbeitsmarkt aushöhlt, das andere… Nein, ist es nicht! Es macht die Länderfinanzen und die Bildung kaputt. Das ist ja wohl ein himmelweiter Unterschied!

Warum müssen wir denn für jede Kehrtwende eine Erklärung abliefern? Hören Sie mal, das war so nicht bestellt! Gucken Sie mal den Westerwelle an, heute so, morgen so, und damit wird der Mann noch Vize – ja, man muss doch flexibel sein heutzutage!

Lippenbekenntnisse? Sollen wir jetzt den Tauss zum Parteivorsitzenden machen? Nein, da braucht es sturmerprobte Kader. Alte Kämpen, verstehen Sie, die unsere Partei durch so manche Katastrophe gesteuert haben und auch vor der größten… Die Nahles? Klar, die macht’s. Aber erst mal verheizen wir den Gabriel, dann kommt Scholz dran und dann wollen wir mal sehen, ob der Schäfer-Gümbel noch in der Partei ist. Oder ob er noch lebt. In Hessen weiß man das ja nie so genau.

Gut, haben sie da eben einen Mindestlohn. Aber Polen ist eben nicht Deutschland. Als Opposition kennen wir eben auch nationale Verantwortung, wir können doch jetzt nicht die guten wirtschaftlichen Verflechtungen zu unseren EU-Nachbarn einfach so zerstören. Das wäre ja unverantwortlich.

Moment mal, das haben wir nicht gesagt! Das haben wir nie gesagt! Bleiben Sie bei der Wahrheit – wir sind gegen das Zugangserschwerungsgesetz, aber dass wir auch gegen Sperrung von anderen Inhalten wären, können Sie uns nicht unterstellen! Schließlich darf das kein rechtsfreier… Die Idee kam ja schließlich von uns, wir wollten sie damals… Sie sind wohl selbst ein Neonazi, was? Dann fragen Sie eben nicht so dumm. Na, einen Deckmantel braucht man eben, wenn man gegen die Verfassung… Ob wir in der Regierung wieder eine Internetzensur einführen? Sie glauben doch nicht, dass es noch ein Internet gibt, wenn die SPD je wieder an der Regierung ist! Opportunismus? Wo sehen Sie hier denn Opportunismus? Das machen wir wie die FDP. Die wahre Freiheitsstatue, der Hort der Bürgerrechtsbewegung, ist nämlich die Sozialdemokratie. Bis zur nächsten Wahl. Und dann sehen wir mal weiter.

Sie sollten das mal pragmatisch betrachten: Opposition ist zwar Mist, aber möchten Sie für Ihr Geld ständig arbeiten müssen?“





Fehlerträchtig

9 12 2009

„So eine gottverdammte Schweinerei!“ Die junge Frau drosch mit der Tasche auf den Papierkorb ein. „Danke, gestorben!“ Siebels lehnte sich zurück und gab dem Kamerateam ein Handzeichen. „Und jetzt wieder Position B, bitte!“ Ich schlürfte vorsichtig am heißen Kaffee. „Ob das eine so brillante Idee war, den Sendeplatz direkt nach dem Original zu buchen?“ „Aber ja“, bekräftigte der TV-Produzent, „nur so haben wir auch eine reelle Chance, dem Zuschauer die Flöhe wieder aus dem Ohr zu holen.“

Unterdessen hatte sich die Blondine mit dem deutlich erkennbaren Babybauch wieder beruhigt und stapfte nach einer kurzen Absprache mit der Continuity aus dem Bild. „Wir machen dann den Innendreh mit ihr nächste Woche Montag um halb vier, vorher bekommt sie keinen Termin.“ „Kein Problem“, antwortete Siebels, „dann machen wir ihren Nervenzusammenbruch gleich in einem Aufwasch mit. Spart uns eine Stunde Drehzeit.“ „Sie entwickeln sich langsam zu einem richtigen Ekel“, bemerkte ich angewidert. Siebels zog eine Braue in die Höhe. „Nur, weil ich der Republik zeige, was passiert, wenn sie schwanger wird?“ „Sie scheinen sich sehr sicher zu sein, dass Sie mit Ihrem Sozialporno noch ankommen. Ich bezweifle, ob sich das Fernsehpublikum den galoppierenden Niveauverlust noch lange antun wird.“ „Was? Ich? Sozialporno?“ Er kicherte. „Wir zeigen die wirklich unappetitlichen Sachen, die niemand erträgt. Das, was das Unterschichtenfernsehen sich nicht zu zeigen traut – die Wirklichkeit.“

Inzwischen waren ein Sanitäter und der Beleuchter schon damit beschäftigt, die nächste Schwangere aufzurichten; sie hatte den Gegenwert eines Gebrauchtwagens investiert, um ihre Sterilisation wieder rückgängig zu machen, und erfuhr nun, dass ihre Krankenkasse die Kosten des Eingriffs nicht tragen würde. „Was soll ich jetzt machen“, heulte sie, „ich bin völlig überschuldet, wenn das Kind kommt!“ „Hervorragend“, lobte Siebels. „Das Bild ist wirklich gut gelungen. Dazu als Gegenschnitt eine der Wahlkampfreden von Westerwelle oder Merkel mit ihrem üblichen Familiengewäsch, und der Zuschauer weiß, was Phase ist. Großartig!“

Mesemann klopfte an die Tür des Trailers. „Ah, Sie sind’s!“ Siebels strahlte. „Schieben Sie die Aufnahme gleich rein. Wir wollen sehen, was wir für die erste Sendung verwenden können.“ Die Supermarktkassiererin, die bereits fünf Kinder von vier Männern hatte und sich neben ihrem Halbtagsjob größtenteils von Kindergeld ernährte, wurde gerade vom Personalchef angebrüllt. Ihre Schwangerschaft passte nicht ins Konzept des Gebietsleiters. „Damit haben wir dann auch Innenaufnahmen in der Sozialbehörde“, nickte Siebels tief befriedigt, „und können uns ansehen, wie sie jetzt ihr sechstes Blag füttert, wenn man ihr wegen der Hartz-IV-Leistungen das komplette Kindergeld streicht. Vielleicht begleiten wir sie sogar auf Wohnungssuche.“ Begeistert klatschte er in die Hände. „Arbeitslose Schwangere mit fünf verwahrlosten Kindern sucht eine Sozialwohnung – das klingt nach einer satten Einschaltquote!“

Ich blätterte die Unterlagen durch. „Das Ding sieht mir sowieso aus wie eine Dauerwerbesendung für künstliche Befruchtung.“ Siebels nickte. „Das kommt noch dazu. Aber das ist es nicht. Haben Sie schon die gynäkologischen Befunde gelesen?“ Ich verneinte. „Ein bunter Reigen. Die Mittvierzigerin mit psychotischem Kinderwunsch trifft auf die Risikopatientin, die mit einer Schwangerschaft ihr Leben aufs Spiel setzt. Allesamt bekloppt.“ „Und die Sendung zeigt das, um den Kinderwunsch beim Zuschauer durch eine Art Trotzreaktion zu verstärken?“ „Genau, wenn Sie das sehen, wissen Sie: jeder Depp kann ein Kind kriegen. Jeder noch so absurde Kinderwunsch, wenn Sie beispielsweise HIV-positiv und hoch verschuldet sind, schon ein halbes Dutzend Kinder haben, die Ihnen das Jugendamt regelmäßig wegnimmt oder die mit Ihnen nichts mehr zu tun haben wollen – jeder Kinderwunsch ist grundsätzlich legitim. Gesunder Menschenverstand nicht.“

Die nächste Kandidatin hätte die Tochter des geistig völlig überforderten Vaters sein können; tatsächlich war sie die Mutter seiner Kinder. „Da kleben wir dann Wurfprämien-Gefasel von der Ex-Familienministerin rein und als Gegenschnitt die kinderfeindliche Politik, die sie jetzt als Arbeitsministerin betreibt.“ „Also wollen Sie aufklären, dass die Gesellschaft kinderfeindlich ist?“ „Mitnichten“, winkte Siebels ab, „ich zeige, dass das Unterschichtenfernsehen das irrationale, da die Realität ignorierende Diktat der Lebensentwürfe kopiert und sich zum willfährigen Sprachrohr einer Politik macht, die das NS-Repertoire abkupfert und die Wirkung durch neoliberales Klientelgeschleime gleich wieder zerstört.“ „NS-Politik?“ „Was dachten denn Sie, woher die Perfektionierung der Malthus-Theoreme kam? Beine breit für den Führer! Bisschen BDM-Charme, gebärfreudige Vaterlandsliebe, das wird doch gerne gepredigt in Parteien mit christlichem Anstrich. Fragen Sie mal einen katholischen Priester in Paderborn, was er von muslimischen Säuglingen hält. Der entdeckt ganz neue Toleranzen, wenn’s um Abtreibung geht.“ Ich war entsetzt. „Und diese psychotischen Ideen treffen auf die Wirklichkeit.“ „Die auch nicht viel besser ist“, bestätigte Siebels. „Aber wir kriegen das schon hin. Der Sendeplatz stimmt. Schwangere gibt es in Deutschland auch genug. Und Eva Herman ist froh, endlich mal wieder im Fernsehen zu sein.“





Willkommen in Münchhausen

7 12 2009

„Jawohl, Herr Schäuble. Selbstverständlich, Herr Schäuble. Sicher, Herr Schäuble. Natürlich, das war so angedacht, das wird jetzt auch so durchgezogen. Was das kostet, ist uns vollkommen egal. Aber echt vollkommen! Und was das bringt, ist auch einerlei, glauben Sie’s ruhig, Herr Schäuble!

Klar, wir haben uns das gut überlegt. Das ist erst der Anfang. Haben Sie das durchgerechnet? Ja, sehen wir auch so. Das mit dem Kindergeld sollte eigentlich gar nicht so sein, weil wir dann ja auch wieder mehr Kita-Plätze wegen der gestiegenen Geburtenrate, weil das… Wurfprämie? Nein, das müssen Sie nicht ernst nehmen, Herr Schäuble. Das kam aus dem Familienministerium.

Wegen der Gegenfinanzierung machen Sie sich mal keine Sorgen, die haben wir einkalkuliert. Also jetzt nicht direkt kalkuliert, Herr Schäuble – wir hatten da mal grob überschlagen., was das so in ungefähr kosten würde, wenn man… Selbstredend, Herr Schäuble. Das ist sogar sehr nachhaltig. Wir haben uns mit dem Wirtschaftsminister unterhalten. Der Herr Brüderle meinte, das sei nachhaltig, dann wird’s doch wohl stimmen? Aber wir müssen doch den Einzelhandel vor dem Hungertod bewahren! Und es ist doch auch nur vernünftig – schauen Sie, Herr Schäuble, das Geld, das wir heute einnehmen, das können wir auch nur heute ausgeben, oder? Wenn wir damit bis morgen warten, dann wird doch alles noch viel teurer!

Mit 20 Euro können Sie schon eine Menge anfangen, Herr Schäuble. Schauen Sie, deshalb sorgen wir ja dafür, dass diese verdammten Sozialschmarotzer das Geld gar nicht erst in die Finger kriegen. Wehret den Anfängen! Wenn Sie als Kleinkind für 20 Euro weniger zu fressen haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein Alter erreichen, in dem Sie für 20 Euro weniger rauchen und saufen, nicht wahr? Genau, Herr Schäuble. Da geben wir’s doch lieber gleich den Reichen.

In den Einzelhandel? Nicht, dass ich wüsste. Die sparen doch lieber, Herr Schäuble. Aber das hatten wir durchdacht. Wir müssen doch die nächste Finanzblase bei den Großbanken gegenfinanzieren, die dann 2014… Das wussten Sie nicht? Da hatten wir doch eine konzertierte Aktion, Herr Schäuble. Da waren Sie wirklich nicht dabei? Wirklich nicht? Das ist merkwürdig. Die Frau Bundeskanzlerin vertraut Ihnen doch sonst auch immer?

Dafür sind das aber auch Länderfinanzen, Herr Schäuble. Oder die Gemeinden. Deshalb müssen wir die Mittel ja auch nicht komplett aus dem Bundeshaushalt nehmen. Und deshalb wird das mit der Gegenfinanzierung auch so gut… Das entzieht sich jetzt meiner Kenntnis, Herr Schäuble. Sicher ist nur, dass die Liberalen auf kommunaler Ebene nichts zu melden haben in Deutschland. Auf Landesebene sieht es annähernd ähnlich aus. Da kann der Herr Westerwelle natürlich gut große Töne spucken, weil er es ja nicht abkriegt, wenn auf Kommunalebene an der Bildung gespart werden… Meinen Sie, Herr Schäuble? Na, wenn er dann auf Bundesebene abgestraft wird, das kommt doch der Union auch zugute, weil dann die Wähler nicht mehr FDP, sondern wieder direkt CDU wählen. Ja, nicht wahr? Stellen Sie sich vor, wenn alle die, die es dem Westerwelle jetzt übel nehmen, dass er das Volk so schamlos… Ach wo. Bei der CDU ist das nicht so schlimm. Das erwartet der Wähler.

Wir hatten das Problem schon erkannt, weil die Frau Bundeskanzlerin eine gemeinsame Lösung angemahnt hatte – aber machen Sie das mal, Herr Schäuble! Klar, das mit der Anrechnung auf die Transferleistungen ist natürlich eine tolle Sache, aber wie machen wir das bei denen, die immer noch nicht arbeitslos sind? Nein, Herr Schäuble, zu unsicher. Es gibt ja Leute, die haben gar kein Auto, wo wollen Sie denn da mit der Steuererhöhung ansetzen? Mehrwertsteuer? Die hatten wir doch schon einmal nicht erhöht?

Das mit dem eigenen Zopf – das soll angeblich doch möglich sein. Also physikalisch. Sagt die Frau Merkel. Und von Physik versteht sie ja doch eine ganze Menge. Sagt sie. Ja.

Das sagen Sie so einfach, Herr Schäuble. Fakt ist doch, dass die Hotelübernachtungen nur deshalb für Privatleute preiswerter werden können, weil die für Geschäftskunden nicht preiswerter werden. Nein, das stimmt. Da werden sie teurer, weil man jetzt bei gleichen Kosten weniger Mehrwertsteuer beim Vorabzug geltend machen kann. Man müsste da als Ergänzung zur Vereinfachung des ganzen Steuersystems natürlich noch eine Ausnahme im Steuerrecht einrichten – doch, Herr Schäuble, das geht. Natürlich geht das! Das Rechte-Tasche-rein-linke-Tasche-raus-Prinzip ist in der Fiskalpolitik durchaus gängige Praxis, warum sollte es nicht auch bei Verwaltungsmaßnahmen funktionieren? Ja, ich weiß ja, dass Sie das den Bürgerinnen und Bürgern nicht zutrauen, aber glauben Sie mir, Herr Schäuble, nicht jeder ist so lernunfähig wie Sie!

Wir könnten sagen, dass die Reform letztlich wegen der Ministerpräsidenten nichts geworden ist. Genau, Herr Schäuble, wegen der Opposition – welche Opposition? Na, die innerhalb der CDU. Das eine muss das andere mittlerweile ja nicht mehr ausschließen. Genau deshalb machen wir das doch auch mit den Betreuungsgutscheinen – das kostet und kostet, und ich gebe Ihnen da mein Ehrenwort, dass das nichts bringt, Herr Schäuble! Und dann denken Sie vier Jahre weiter – die Wirtschaft im Eimer, die nächste Schuldenblase ist am Platzen, zehn Millionen Arbeitslose. Das muss alles Rot-Rot-Grün ausbaden!“





Weihnachtsmanagement oder Globale Schlittenfahrt

6 12 2009

Jedes Jahr derselbe Zimt.
Schon seit zwanzig Jahren.
Dieses Jahr muss ich bestimmt
wieder Schlitten fahren.

Vollbepackt und aufgezurrt
werde ich’s versuchen.
Rentier mosert, flucht und murrt.
Pfeift auf Pfefferkuchen.

Herzlos bleibt das Personal.
Was solln ihm die Gaben?
Lieber möcht es auch einmal
frohe Weihnacht haben.

Apfel, Nuss und Mandelkern
sind dem Rentier wurst.
Darum wird es nah und fern
einfach outgesourct.

Ist jetzt Wichtels Konkurrent
und schaut blöde drein.
Glöcklein bimmelt, Kerze brennt.
Alles wieder fein.





Bunte Gaben

5 12 2009

Allmählich wird das Weltgetriebe
ganz still und stumm und winterlich.
So naht heran das Fest der Liebe.
Wie gern hätt’ man es hinter sich!
Trotz Flittergold sind Weihnachtstage
durchaus kein schöner Augenblick,
denn wieder kommt die alte Frage:
    Was schenkt man bloß der Republik?

Famos wär auf dem bunten Teller
dies edle Ding: ein Spürgerät,
das einfach und geschickt, nur schneller
als je zuvor Betrug erspäht
und den Halunken gleich vom Hof jagt,
der lügt und täuscht und Falsches spricht.
Doch schaut, ob auch der Nächste doof fragt.
    Den braucht sie nämlich wirklich nicht.

Wie schön ist’s auch, wenn zuverlässig
im Innern alles sauber blinkt,
und dort, wo man gewohnheitsmäßig
den Schmutz verstaut, die Rose winkt.
Beschenkt sie gut mit einem Lappen
fürs Innre. Reinheit bringt ihr Lohn.
Doch nicht mit einem feigen Schlappen,
    so einen hat sie nämlich schon.

Wie herzig wär ein neues Sparschwein!
gar angefüllt mit Hausverstand!
Lieb Mütterlein, das mag wohl klar sein,
spart darin sich’s fürs Vaterland.
Schenkt ihr gar zwei – die beiden Dinger,
für heut und morgen reicht es schon.
Schickt ihr nur keine Hammerschwinger.
    Sie hat gewiss zu viel davon.

Ja, schenkt Minister, Sekretäre,
das Zeug verschleißt, wird schnell ersetzt
und kostet kaum. So mancher schwere
Fauxpas versank – man sah entsetzt,
aus Franken und aus Hessen krauchte
verdeppter Schmock im Narrenzug.
Davon gibt’s mehr, als man je brauchte.
    Und davon hat sie nie genug.





Milchmädchen

2 12 2009

„Also jetzt hab Dich doch nicht so, das geht aber bestimmt. Natürlich geht das! Das ist doch noch immer… ja, das eine Mal, das war nicht einfach, aber jetzt ist ja sozusagen eine besondere Situation, oder? Na siehste. Da muss man auch mal sehen.

Ich brauche gar nicht so viel. Vielleicht fünfzig oder sechzig für die Hauptkasse. Na, ich muss doch ausgleichen, verstehst Du? Da kommt nämlich jetzt nicht mehr so viel rein, wegen dem… Habe ich Dir nichts gesagt? kein Wort? Na, aber das finde ich skandalös, da hättest Du mich doch mal erinnern müssen! Also echt, schändlich ist das! Wie konntest Du nur! Also fünfundsiebzig, mehr aber auf gar keinen Fall. Und da ist natürlich die Pacht für den Gemüsegarten schon drin. Na, das kleine Gärtchen in der Wilhelmstraße, Du weißt doch – haben jetzt aber alle, und da spart man im Jahr… aber höchstens zwanzig. Na gut, letzten Monat waren es fünfundzwanzig. Ja. Ja doch! Ich wollte es Dir ja auch sagen, aber dann habe ich es aus der Kleiderkasse genommen, die andere Hälfte ist aus dem Urlaubsgeld. Also jeweils dreißig, macht dann zusammen… nur im Mai einmal, und dann von Juni bis Februar, einschließlich, also so viel ist das gar nicht, warte mal eben, das sind… zehnmal fünfzig sind… warte…

Dafür gehe ich doch nicht ans Haushaltsgeld! Aber was denkst Du denn bloß von mir! Meine Güte, das würde ich doch nie machen! Die Kinder müssen ja schließlich satt werden. Bei Tante Klara? Wer? Die alte Bierbaum? Die wird sich wohl versehen haben, die ist doch auch schon… an der Haustür geklingelt? jeden Tag?

Soll ich denn die Kinder verhungern lassen? Eben, dann müssen sie auch… Aber natürlich jeden Tag – sie müssen doch jeden Tag etwas zu essen bekommen, wie stellst Du Dir das denn vor? Nur alle zwei Tage eine warme Mahlzeit? Na, Du bist mir ja ein Herzloser! Merkt man doch gleich, dass Du keine Kinder hast – Unverschämtheit, ich und meine Kinder hungern lassen! Warum gebe ich mich überhaupt ab mit einem solchen Sittenstrolch wie Dir? Das ist doch wohl die Höhe! Woher sollte ich denn bitte das Geld nehmen?

Na, fast geschenkt eben. Fast geschenkt! Hast Du eigentlich eine Ahnung, was so ein Pelzmantel sonst kosten würde? Na siehste – Du hast keine Ahnung, aber ich soll hier angeblich… aber ich bitte Dich, das ist doch aus der Luft gegriffen. Das sind ehrliche Leute, ich kenne doch die Nachbarn, die wohnen schon fast drei Wochen hier gegenüber, und noch nie ist die Polizei bei denen… Gut, aber das hat doch wohl nichts zu bedeuten.

Geh mir doch fort mit Kistlers! Die müssen doch nicht unbedingt… Aber ja doch, natürlich sind das wohlhabende Leute, Kistlers haben sich gerade erst eine neue Küche gekauft und ein neues Schlafzimmer und das Haus und im Urlaub waren sie doch auch. Im Süden, natürlich im Süden, was erzähle ich Dir das eigentlich, natürlich im Süden, man wird doch wohl noch fragen dürfen bei denen? Einer muss doch die Wirtschaft ankurbeln! Ich kann die doch nicht noch länger warten lassen auf die vierhundert – na gut, neunhundertachtzig, aber die Zinsen gehen bestimmt extra.

Ja, seriös! Da muss man auch durchaus ehrbar und gediegen auftreten, sonst verkaufen Sie einem so einen Wagen nie. Meine Güte, ich kann da doch nicht in Lumpen hingehen! Dreihundertdreißig. Aber dafür kann ich’s noch in die Oper tragen. Oder auf dem Ball. Oder in die Oper. Wenn Du mich mal einladen würdest. Aber dann bräuchte ich auch wieder jemanden für die Kinder. Oder wir gehen vielleicht im Winter in Paris, wenn wir sowieso…

Was, zu teuer? Na, wenn die Versicherung aber so viel Geld haben will? Ich kann doch mit dem Auto nicht ohne Versicherung… Davon hat mir der Händler auch kein Wort gesagt. Wie findest Du das? Ja, ich war ganz baff – muss man sich mal vorstellen, die verkaufen da den ganzen Tag lang diese teuren Autos, aber von den Versicherungen haben sie alle keine Ahnung. Darüber müssten die Zeitungen mal etwas schreiben!

Und ob ich gespart habe – da, sieh mal. Vorigen Monat für die Kegelkasse: siebenunddreißig. Diesen Monat nur noch elf. Gut, oder? Ja. Da habe ich natürlich sofort die vorletzte Rate, nein, die vorvorletzte Rate für die Schrankwand bezahlt, also die Rate von vorvorletzten Monat, also: die zwölfhundert, die seit vorvorletzten Monat noch fehlen. Von den siebenunddreißig minus elf, macht nach Adam Riese: dreisechzig. Also jetzt sei nicht pingelig! Bei dem Wetter, und dann trägt ja auch jeder jetzt diese Stiefelchen. Hilde meint, sie kriegt billiger. Und da habe ich drei Paar genommen.

Aber das hatten wir doch längst besprochen! Wenn nun die Kinder ganz unmusikalisch sind, da muss ich ihnen doch später kein Klavier kaufen. Und wenn sie nun gar nicht studieren wollen? Vielleicht können sie es sich ja auch gar nicht mehr leisten, bei den Gebühren im Moment – na, was soll ich dann mit dem ganzen Geld? Doch, das war eine todsichere Sache. Sagte Flädderer auch. Den haben sie aber nicht sofort mitgenommen, der war erst noch ein Vierteljahr beurlaubt. Seine Frau meint, wenn er sich gut aufführt, ist er in zwei Jahren wieder draußen, und wenn man ihm da nichts nachweisen kann, in spätestens sieben Jahren.

Ich mache Dir eben gerne mal eine Freude! Sag doch, wenn Du nichts zum Geburtstag haben willst. Dann schenke ich Dir nichts. Ja, sind wir denn bei armen Leuten? Was Du immer hast – Chaos, Chaos, ich will das hier nicht mehr hören! Wir sind doch nicht im Bundeshaushalt!“





Arbeits-Los

1 12 2009

Die Tür war verschlossen. Ich rüttelte und rüttelte, aber nichts tat sich. Nur die roten Stoppschilder grinsten hämisch von der Innenseite heraus. „Jetzt machen Sie schon auf“, rief ich, „oder glauben Sie, ich warte auf den Pförtner?“ Eine Ewigkeit verging; endlich öffnete Billerbeck. „Das muss bei der Übernahme passiert sein.“ Hastig zupfte er die Schilder von den Glastüren. „Die sollten eigentlich gar nicht hier hängen. Es ging alles so plötzlich, als Frau von der Leyen gestern kam.“

Billerbeck knüllte die Schilder zusammen, schloss die Türen hinter mir und führte mich durch die Vorhalle des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. „Wir haben ja gerade eben noch das Pieck-Zimmer vor ihr retten können“, teilte er mir mit. Interessiert betrachtete ich die Ahnengalerie; manch hübsches Porträt schmückte die Wand. „Da ist auch der Erfinder des Flecktarn – wir verwenden ihn auch heute noch recht gerne, wenn die neuen Arbeitslosenzahlen präsentiert werden.“ „Jaja“, antwortete ich spöttisch, „Amt Blank.“ Der Arbeiter im Blaumann drehte sich auf der Trittleiter um und spie sein Streichholz an uns vorbei. „Da jeht et nich weita“, sprach er mit lethargischer Stimme. „Nach rechts ha’ck keen Ssentimeta, wa? Da is nua noch Wand.“ „Dann bringen Sie Frau von der Leyen eben um die Ecke“, schimpfte Billerbeck. „Meine Güte, hängen Sie sie halt auf – ob hier oder da, das macht doch keinen großen Unterschied!“ Ich schaute an den Bildern entlang. „Wir ich hörte, soll sich Frau von der Leyen bereits wie zu Hause fühlen.“ „Durchaus“, nickte Billerbeck, „schließlich saß hier einst Goebbels’ Reichslügenministerium.“

Wir durchliefen den Ostflügel. Billerbeck betete ein bisschen aus dem Armutsbericht herunter, ich hörte mit halbem Ohr zu und stupste spielerisch an die Notrufknöpfe – zu meinem grenzenlosen Erstaunen sah ich, dass sie nur aufgemalt waren. „Also bitte“, empörte sich der Beamte, „die Farbe ist doch noch frisch!“ „Und was genau soll dieser Firlefanz bedeuten?“ „Die Gelder waren noch vom Internet-Alarm übrig, irgendjemand hatte dort ein paar Millionen Euro zur Verfügung gestellt, und da die Chefin nur Symbolgesetzgebung zu betreiben gedenkt…“ Ich begriff und wusch mir die Finger.

Hier und da schleppten Möbelpacker Tische und Lederdrehsessel die Treppenflucht hinunter. Türen standen sperrangelweit offen. Aktenrollschränke gähnten aktenlos in öde Korridore. „Ist das hier eine Demontage“, fragte ich bestürzt, „oder schon ein Teil der Schuldenfinanzierung?“ Billerbeck winkte ab. „Keins von beidem. Was Sie hier sehen, ist der Triumph der schwarz-gelben Bundesregierung: die Arbeitslosigkeit findet nicht mehr statt.“ „Und das Soziale?“ „Auch nicht.“

Er reichte mir wortlos den Aktionsplan zum sozialen Umbau. „Arbeitslosigkeit abschaffen – soziale Probleme lösen“, las ich, „das ist doch alles ausgelutscht! Ist hier auch irgendetwas Neues drin enthalten?“ „Lesen Sie mal das Internet-Kapitel“, riet mir Billerbeck. „Sie will die Jobbörse abschaffen? Wieso das denn?“ „Weil sich Arbeitslosigkeit durch das Internet verbreitet.“

Verdutzt blätterte ich den wirren Papierhaufen durch. „Das ist doch alles hirnverbrannter Unsinn! Das Arbeitslosengeld wird ab sofort nicht mehr ausgezahlt, die Ein-Euro-Jobs bekommen zur Steigerung des Leistungsanreizes eine 100%-ige Lohnkürzung. Was soll denn dieser Quark?“ „Denken Sie mal logisch“, erläuterte Billerbeck. „Dieser eine Euro ist zwar niederschwellig, aber durchaus eine Einstiegsdroge. Oder versetzen Sie sich einmal in die Lage eines Arbeitssuchenden – glauben Sie denn, die haben an einem Jobangebot genug? Die wollen immer mehr, die sind nie zu befriedigen!“ Er hatte sich in Rage geredet, ein irres Feuer glomm in Billerbecks Augen. „Das sind Zustände, die können Sie sich gar nicht vorstellen! Da werden Sie Scheußlichkeiten erleben…“ Ich klopfte ihm leicht auf den Hinterkopf, doch er schien es gar nicht zu bemerken. „Wir werden gar nicht mehr vermitteln – aber das brauchen wir auch gar nicht, weil es ja keine Arbeitslosen mehr gibt.“ „Das sah Ihre letzte Prognose aber noch ein wenig anders“, sagte ich schnippisch. „Nein! Wir nennen das jetzt einfach ‚Bundesbürger in undefinierten Umständen‘ – es sind ja immer höchst individuelle Einzelschicksale, sagt die Kanzlerin – und damit gibt es sie gar nicht mehr, die Arbeitslosen.“ Sein Grinsen wurde langsam debil. „Alles weg. Alles!“

Ich packte ihn am Kragen und schüttelte ihn durch. „Billerbeck“, brüllte ich, „sind Sie denn völlig chloroformiert?“ „Die Arbeitslosenindustrie ist an allem Schuld!“ Er ruderte wild mit den Armen umher. „Da werden jeden Monat Milliarden ausgegeben! Und das Arbeitsministerium darf kein rechtsfreier Raum mehr sein für die Alkohol- und Zigarettenindustrie!“ Er begann zu lallen. „Wurf… die Wurf… die Prämie, wenn Akademiker freiwillig arbeitslos bleiben…“ Da zerrte ich ihn in den Waschraum. Billerbeck wehrte sich heftig, aber ich bekam ihn unter den Wasserstrahl. Langsam wurde er wieder zurechnungsfähig. Wie ein begossener Pudel stand er vor mir, wrang seine Krawatte aus und putzte sich die nasse Brille. „Also, dass die Alte hier überhaupt noch als Ministerin arbeiten darf, Sie wissen schon, nach dem Herumgelüge vor der Wahl…“ „Was soll denn damit sein?“ Billerbeck versuchte ein Lächeln, was ihm aber nur höchst unbeholfen gelang. „Dass sie hier noch arbeitet, das grenzt doch schon an das Jobwunder.“





Und Friede auf Erden

30 11 2009

„Mir doch egal. Nun machen Sie hier keinen Aufstand, sonst werde ich nämlich mal… Was wollen Sie? sich beschweren? Bei Ihnen piept’s wohl! Glotterbeck, haben Sie das gehört? Er will sich beschweren! Sich beschweren! Na, da wollen wir doch mal sehen, ob wir nicht noch ein bisschen Spaß haben werden miteinander, Herr Minister…

Natürlich ist das unumgänglich. Ich bitte Sie, wir können doch hier keinen Terroristen mit Schnürsenkeln herumlaufen lassen. Wie bitte? Was sind Sie nicht? Ob Sie Bundesinnenminister sind oder der Kaiser von China, hier in Deutschland sind Sie erst mal Terrorist, Herr de Maizière. Und als solcher können Sie entweder kooperieren – dann sind wir möglicherweise auch nicht ganz so böse mit Ihnen – oder Sie kooperieren eben nicht. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben.

Also was, keine Schnürsenkel? Glotterbeck, ziehen Sie ihm die Hose herunter. Nun mal nicht so zaghaft, wenn er sich wehrt, dann weiß er ja, wozu das Gewaltmonopol des Staates da ist. Ach, das hatte Ihnen keiner gesagt? Doch, das gilt noch. Es gibt Dinge, die wir am Grundgesetz doch sehr zu schätzen gelernt haben, Herr de Maizière. Nur, wenn Sie nicht kooperieren, dann werden wir eben andere Saiten aufziehen müssen.

Was soll das denn bedeuten? wir machen Sie erst zum Terroristen? Na, das müssen Sie mir jetzt erklären. Wissen Sie, das alles hier ist doch eine ganz logische Folge aus Handlung und Reaktion. Die einen handeln – wir sind die Reaktion. Ist das denn so schwer zu begreifen? Ach, was sollen denn wieder diese Rechtfertigungsversuche – Sie wissen doch genau, dass das alles nichts bringt. Natürlich müssen wir die Verhältnismäßigkeit beachten. Aber dann gehen Sie mal so eine Straße in der Londoner Vorstadt herunter, da sind so unverhältnismäßig viele Ausländer, da muss man dann verhältnismäßig schnell handeln. Und wenn sich zum Beispiel die Festnahme von einem dieser Subjekte auch nicht vermeiden lässt, weil man seine DNA noch nicht hat… wieso Beweislastumkehr? Die DNA-Probe wird standardisiert bei der Festnahme entnommen, es sei denn, es ist schon eine vorhanden – deshalb muss man ja auch öfter mal einen von ihnen festnehmen, weil man ja einen festnehmen könnte, von dem man noch keine Probe hat, so dass man ihn festnehmen muss, um eine Probe von ihm zu haben, denn dann muss man ihn ja nicht mehr festnehmen, weil man dann eine Probe von ihm hat, wegen der man ihn vielleicht später mal festnehmen kann, verstehen Sie? Es dient alles dem inneren Frieden, Herr Minister. Und jetzt lassen Sie endlich das Gekasper mit dem Gürtel und ziehen Sie Ihre Hose aus.

Soso, ein Kontoauszug. Herr Minister trägt also einen Kontoauszug mit sich in der Hosentasche. Das ist ja mal interessant. Sie haben mit Kreditkarte gezahlt? Wohl, um keine Spuren zu hinterlassen, wie? Aber das wird Ihnen jetzt nichts mehr nützen, Sie sind ertappt. Fünfzig Euro für Süßwaren – Herr de Maizière, für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Das ist doch eine versteckte Terrorfinanzierung. Sie unterstützen doch al-Qaida. Machen Sie uns doch nichts vor. Uns doch nicht! Tja, das ist eben die Logik, die Sie in Ihrem Ministerium pflegen, Herr Innenminister. Je mehr Terror Sie um sich herum sehen, desto mehr Überwachung müssen Sie auch durchsetzen. Daran führt nun kein Weg vorbei. Glotterbeck, den Rest.

Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an, Herr Minister. Glauben Sie, unsereins hat noch nie einen nackten Mann gesehen? Entwürdigend? Ich bitte Sie, was gibt’s denn da noch groß zu entwürdigen. Sie sind für uns ein Terrorist, und fertig. Außerdem geschieht das hier alles nur zu Ihrem eigenen Schutz. Aber das wissen Sie ja sicher längst.

Natürlich wissen wir, wer Sie sind. Ja, machen Sie. Machen Sie nur, Herr Minister. Meinetwegen können Sie Bundespräsident werden, meinetwegen können Sie Finanzminister werden oder sonst was. Was man so wird, wenn man als Innenminister versagt hat. Beschweren Sie sich, wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient und dem inneren Frieden.

Sie sind kein Terrorist? Weil Sie Minister sind? Wer soll Ihnen denn den Quatsch glauben? und seit wann schließt das eine das andere aus? Ich bitte Sie, mit derlei Spitzfindigkeit können Sie vielleicht Ihre Parteifreunde beeindrucken. Ein Verfassungsrichter will da schon etwas mehr sehen.

Fünfzig Euro für Süßwaren. Meinetwegen, haben Sie halt für Ihre Vorzimmerdamen Konfekt gekauft, das ist uns doch wurst. Ihr Auto ist nur geleast. Sie haben sich ziemlich früh gegen die Schweinegrippe impfen lassen – auffällig früh. Darstellung und rechtliche Würdigung eines verborgenen Vorgehens – kommt Ihnen das bekannt vor? Geheimniskrämerei? Ach Gott, jetzt stellen Sie sich doch nicht dümmer an, als Sie sind. Natürlich ist das alles belanglos, unerheblich, völlig irrelevant. Nur wird der Staatsanwalt, der Sie vor Gericht hat, etwas anderes darin sehen: Puzzleteile in einem Indiziengebäude. Und wenn er dann erfährt, dass Sie ja schließlich schon einmal mit uns zu tun hatten – und man steht ja auch nie so ganz aus Versehen vor Gericht.

Wir haben das verstanden, Herr Innenminister. Wir handeln auch danach. Krieg? Das heißt doch jetzt Verteidigung. Stimmt, das ist das Gegenteil von Angriff. Und wenn Krieg gleich Verteidigung, dann ist Angriff… Sehen Sie, jetzt haben Sie’s auch kapiert. Die Sicherheitspolitik der Bundesregierung dient nur dem inneren Frieden.“





Spur der Scheine

26 11 2009

Bradlee atmete auf. Endlich hatte er in Erfahrung gebracht, woher die Heckdiffusoren im neuen Konkurrenzmodell kamen. Der Verwendungszweck auf dem Zahlbeleg deutete darauf hin, dass auch andere Karosserieteile aus der Fertigungsstätte bei Magdeburg stammen mussten; völlig überstürzt begab sich ein Spezialkommando der US-amerikanischen Wirtschaftsförderung nach Sachsen-Anhalt. Ein Flüchtigkeitsfehler ließ sie die Seiten auf der Umgebungskarte verwechseln, so dass sie sich an den ungeraden Hausnummern orientierten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sprach von einem feigen, unmenschlichen Akt der Barbarei, der das gesamte, teilweise recht, teilweise rechts denkende Volk zutiefst empörte; ein Jugendzentrum mit Napalm zu beschießen grenze schon fast an Unhöflichkeit.

Drei Tage lang betonte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in Interviews, Talkshow-Auftritten und Hearings zur Vorratsdatenspeicherung, sie wolle ihr politisches Schicksal von der SWIFT-Gesetzgebung der Europäischen Union abhängig machen. Danach rückten Sportberichte und die Wettervorhersage wieder in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Die Freidemokraten bemühten sich indes um Disziplin; während sie öffentlich dem Verhalten de Maizières attestierten, zu einer Störung des Koalitionsklimas beizutragen, schossen sie sich hinter den Kulissen darauf ein, Mieter- und Kündigungsschutz schnell und unbürokratisch zum Wohle des deutschen Volkes auszuhebeln.

Die Presse griff begierig den Fall des Hassan F. (22) auf. Der Student wurde von BILD beschuldigt, regelmäßige Geldzahlungen aus dem Ausland zu erhalten. Die verdachtsunabhängige Kontrolle seines Telefonanschlusses ergab, dass F. einen Telefonanschluss besaß – damit war alles möglich. BILD handelte umgehend.

Natürlich hob die FDP erneut hervor, dass sämtliche Bestrebungen, die Bürgerrechte in Deutschland zu verteidigen, auch und gerade unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten diskutiert werden müssten. Der Bundesaußenminister sah hier noch unerledigte Konten. Die Bundestagsfraktion sprach sich in einer nicht öffentlichen Sitzung für effektiven Rechtsschutz und klare Regeln zur Datenweitergabe an Drittstaaten aus; die Arbeiter und Angestellten müssten effektiver als je zuvor vor dem Recht geschützt werden, eine klare Regelung sei bereits erzielt: eine Datenweitergabe erfolge ab sofort ausschließlich an Drittstaaten.

Wie das Bundeskriminalamt ermittelte, erhielt F. seine Halbwaisenrente nach wie vor aus Österreich. Er schloss just das Grundstudium der evangelischen Theologie mit dem Graecum ab. Eine in seinem Wohnheimzimmer konfiszierte Grammatik des Hebräischen sowie die Seminararbeit über den Status constructus in den semitischen Sprachen führte dazu, dass die Boulevardzeitungen erneut das ungesunde Volksempfinden aufwiegelten. Es war Schlimmeres zu befürchten.

Das Gespräch zwischen Bradlee und Weissenburgh war geprägt vom Geist konstruktiver Zusammenarbeit. Die Wirtschaftsnation USA, so pragmatisch sie sich auch den Freunden im Nahen Osten schon gezeigt hatte, sah keinen anderen Ausweg, als die ganze Welt zu demokratischen Idealen zu befreien, notfalls mit Gewalt. Der hessische Landesverband der CDU stand unter Schock. Gleich ein Dutzend hochrangiger Politiker hatte man bei Fulda aus dem Gleisbett gekratzt. Die aus Wiesbaden, Pullach und Neugier herbeigeeilten Beamten analysierten die in englischer Sprache abgefassten Abschiedsbriefe und gaben bekannt, es müsse sich um islamistische Terroristen gehandelt haben, die bereits sehr lange als Schläfer gelebt haben dürften, da ihre Sprache gewisse Einflüsse des Amerikanischen zeigte. Das Briefpapier einer Hotelkette aus Colorado sei eine nicht geschickt genug inszenierte Täuschung gewesen.

Eine Resolution des EU-Parlaments stellte fest, dass die notwendigen Datenschutzgarantien im Zusammenhang mit der gemeinsamen Nutzung und Weitergabe von Daten zur Terrorismusbekämpfung nur noch auf dem Papier bestünden. Der Gesandte der USA beglückwünschte die Abgeordneten; er freute sich, dass die Volksvertreter so schnell ein Gespür für die Wirklichkeit entwickelt hätten.

Dessen ungeachtet titelte BILD bereits einen Tag später: Wovon zahlt so ein Mordgeselle eigentlich seine Luxusmiete? F.s Auto wurde in Brand gesetzt. Noch am selben Tag wurde er, trotz seines aus Kärnten stammenden Vaters deutscher Staatsangehöriger, als Risiko für die innere Sicherheit verhaftet. Der Brandanschlag hätte fast eine Litfaßsäule beschädigt.

Leutheusser-Schnarrenberger widersprach drei Tage lang heftig den Anschuldigungen, die Liberalen seien kurz nach der Bundestagswahl wieder umgefallen. In mehreren Interviews und Fernseherscheinungen pochte sie darauf, dass die FDP nie zuvor gerade gestanden habe.

Doch als am folgenden Tag ein Dutzend hochrangiger Bankvorstände erhängt in ihren Arbeitszimmern aufgefunden wurden, war sogar Washington nachhaltig verstört. Er habe das nicht in Auftrag gegeben, teilte Präsident Obama mit. Noch nicht.