Crashkurs

31 05 2012

„Lassen Sie es bitte wie einen Unfall aussehen. Das würde uns der Wähler noch am ehesten abnehmen. Einfach so ein – Sie wissen schon. Ein dummer Zufall. Verkettung unglücklicher Umstände. Das reine Pech. Unfall eben. Hauptsache, wir kriegen sie alle drei von der Backe, Steinmeier, Steinbrück und Gabriel. Sonst ist die SPD geliefert.

Nein, definitiv nicht. Wir wollen nicht Kanzler werden. Merkel macht das mit dem Euro gerade so schön, und alles außer Opposition ist doch Mist. Warum sollten wir jetzt wieder mit der Arbeit anfangen? Stellen Sie sich mal vor, der Kanzlerin würde kurz vor der Wahl ein Ziegelstein auf den Kopf fallen. Dann wäre die CDU geliefert. Die wären aber so was von am Ende – und wir erst!

Nein, lassen Sie es wie einen Unfall aussehen. Egal, was Sie machen, wir dürfen gar nicht erst in die Nähe der Kanzlerschaft kommen. Stellen Sie sich nur mal vor: das Gerede von Mindestlohn und Verbesserung des Arbeitslosengeldes und mehr Chancengleichheit für Frauen und Bildung und Kitaplätze und Energiewende und dann auch noch die Krankenkassen – sind wir denn bescheuert!? Das können Sie doch nicht ernsthaft wollen, dass wir diesen ganzen Kram, den wir seit drei Jahren verlangen, jetzt auch noch selbst machen würden?

Die letzte große Koalition hat doch schon ganz prima geklappt, da muss man doch nicht wieder das mit der Regierung anfangen. Wir sind doch inzwischen gut eingespielt – Gabriel macht den Umweltminister, Steinmeier darf Vize, das war ja ganz nett beim letzten Mal, und Steinbrück geben wir irgendwas, wo man nicht zu rechen braucht. Und schlimmer als dieser Saftladen mit der FDP kann’s doch gar nicht werden. Meinen Sie nicht?

Busunfall wäre vielleicht etwas. Wir machen so eine Troika-Tour, so wie damals mit Lafontaine und Scharping, die sind dann ja auch ziemlich schnell – nein, wir sollten sie diesmal gleich direkt erledigen. Großer Parteitagsauftritt, etwas durch die Provinz zotteln, und bäm! ist der Bus weg. Leitplanke, Geisterfahrer, Brandsatz. Gibt natürlich eine super Legende. Und eine astreine Verschwörungstheorie. Davon zehren wir dann für die nächsten – Sie meinen, der Mitleidseffekt könnte uns aus Versehen zum Sieg verhelfen? Au Backe!

Weil sie verbraucht sind? Meine Güte, seit wann ist das ein Kriterium? Die Merkel ist so verbraucht, die könnten Sie in der Asse einlagern. Deshalb wird die Frau trotzdem wiedergewählt. Und bevor wir die Nahles aufstellen, lösen wir die Partei lieber gleich auf.

Herzanfall? Gabriel ist zwar dick, aber gleich ein Herzanfall? Ach so. Ja, aber ich glaube nicht, dass er sich gleich so aufregt. Da müssten Sie schon andere Kaliber auffahren. Pofalla als persönlicher Referent. Oder Schröder als Kanzleramtsministerin. Dann haben Sie den innerhalb von drei Tagen in der Nähe einer Hirnembolie. Aber wir wollen ja, dass er gar nicht erst Kanzler wird.

Bei Steinmeier stelle ich mir das am leichtesten vor. Der ist momentan entschleunigt, der bleibt irgendwann ganz von selbst in der Gegend stehen. Dann sucht er in der Hosentasche nach einer Sonntagsrede, weil er sich immer noch für den Außenminister hält, und dann können Sie ihn einfach über irgendeine Brüstung kippen. Das kriegt der gar nicht mit. Der Mann ist trainiert, der ist alter Sozialdemokrat – der merkt keinen Aufprall mehr.

Steinbrück könnten Sie notfalls in irgendeiner Talkshow vergessen. Der sitzt da und wartet, bis er abgeholt wird. Andererseits, so als Opfer auf der Schlachtbank? Wir lassen ihn noch mal öffentlich seine Märchen über die Hypo Real Estate erzählen und dass Deutschland völlig immun sei gegen die Krise. Die Leute werden ihn hinrichten.

Das Problem ist ja nicht der Wähler. Ach was, der doch nicht! Die Leute können doch wählen, was sie wollen. Ist doch zumindest auch noch legal, oder habe ich etwas verpasst? Das Problem ist die Basis. Es ist ja okay, dass die Parteibasis der Führung absolute Inkompetenz attestiert und Verlogenheit und Intransparenz und Missachtung selbst geringster demokratischer Gepflogenheiten. Alles in Ordnung. Das machen die immer. Aber das geht doch erst, wenn die Wahl schon gelaufen ist! Wir können ja nicht schon vorher der Parteibasis klarmachen, dass sie uns vollkommen… Gut, wieso eigentlich nicht?

Die drei aufeinander loslassen? Hm, schwierig. Immerhin können sie nicht zusammenarbeiten, es sei denn, sie haben jemanden, der ihnen sagt, was sie zu tun haben – noch ein Grund für eine große Koalition.

Also ein Neuanfang? Was können wir denn da noch bieten? Es muss doch glaubwürdig sein und wenigstens halbwegs bodenständig. Wissen Sie, was ich meine? Und das ginge wirklich? Eine Frau, die bei der Basis über Rückhalt verfügt und nicht diese Machthaltung hat? So eine, die wirklich für die Partei steht und das beim Wähler auch noch glaubwürdig kommunizieren kann? Und dann auch diese Kombination aus Charisma und Kompetenz? Eine Kanzlerin, die zeigt, dass Sozialdemokratie mehr ist als diese joviale Arroganz der Herrenriege aus Wahlverlierern und Ex-Ministern? Das geht? Nahles!? Ich sagte doch, es soll nur wie ein Unfall aussehen!“





Energiewendehals

29 05 2012

„Nein, wir sind uns da ganz sicher. Wir ziehen das durch. Diesmal ziehen wir das aber auch ganz bestimmt durch! Weil die Merkel das nämlich so will. Oder weil sie es nicht will. Dann ziehen wir das nämlich erst recht durch. Wir sind jetzt gerade – also wir sind so gut wie zu allem, oder wenigstens zu den meisten Sachen sind wir doch ein Stück weit ganz entschlossen sind wir. So in etwa. Deshalb wollen wir auch die Energiewende.

Weil wir zur Kontinuität der CDU stehen. Die war schon immer so. So kontinuierlich. Zwar nicht immer durchgängig, auch nicht immer abwärts so wie jetzt, aber es ging immer irgendwie in die eine oder andere Richtung. Und wir haben unseren Partnern in der Wirtschaft immer eins versprochen: Kontinuität. Darum wäre es zu diesem Zeitpunkt in dieser Lage auch völlig verkehrt zu sagen: ja, wir wollen die Energiewende auf jeden Fall.

Das kostet nämlich auch alles. Haben Sie sich schon einmal ausgerechnet, was das alles kostet? Wir auch nicht. Das heißt, wir haben die Wirtschaft gefragt. Also wir haben nicht die Wirtschaft gefragt, aber die hat es uns gesagt. Dass das alles kostet. Und was das alles kostet. Das muss dann nämlich alles die Wirtschaft bezahlen, diese Energiewende. Im Gegensatz zu vorher – da war alles umgekehrt. Da gab’s keine Energiewende, und deshalb hätte das der Bürger bezahlt. Verstehen Sie das? Ich auch nicht. Und deshalb wollen wir die Energiewende.

Wir haben nicht rechtzeitig daran gedacht, die Stromnetze auszubauen. Die ganze Regierung hat geschlafen, das ist das Problem. Wir hatten halt gedacht, die Merkel hätte eine genügend lange Leitung. Sie hat jetzt ja beschlossen, dass die CDU das nicht beschließt, was sie mal zu beschließen beschlossen hatte. Und zum Ausgleich haben wir auch nicht beschlossen, dass wir noch irgendwas beschließen müssen wollen werden. Hätten wir das nämlich nicht jetzt beschlossen, dann hätten wir das mit den Stromnetzen nicht beschließen müssen, beziehungsweise man hätte jetzt beschlossen, es irgendwann mal zu beschließen. Das ist ganz und gar nicht beschlussfähig, und wir wollen darum eigentlich die Energiewende auch gar nicht.

Und schwebt da ein zweistufiges Modell vor – nein, das hat nichts mit Brückentechnologie zu tun. Auch nicht mit mehr Kohlekraftwerken. Stufe 1 wäre, dass wir herausfinden, worum es eigentlich geht. Das ist schon kompliziert genug. Der Röttgen hat es bis zum Schluss nicht herausgefunden, sein Nachfolger sucht noch nach einer Entschuldigung. Stufe 2 wäre dann der Grund, warum es, worum es geht, jetzt noch nicht oder doch nicht geht. Das ist die neue Flexibilität. Also diese neue Flexiquote, da entscheidet die Kanzlerin entweder, dass wir’s nicht machen, weil sie es kapiert hat, oder sie hat’s nicht verstanden, aber dann macht es die CDU. Dann ist sie nicht schuld. Oder die Merkel hat überhaupt keinen Plan, dann machen wir es natürlich alle zusammen. Wie zum Beispiel die Energiewende.

Ist natürlich auch nicht so ganz einfach. Die Merkel an sich, und dann auch noch die Probleme. Die, die wir ohne die Merkel nicht hätten. Und wegen der Energiewende. Und ohne sie. Weil jetzt nämlich immer mehr Solarstrom kommt, auch wenn wir den gar nicht wollten. Der Rösler hatte versprochen, ganz viele Arbeitsplätze aufzubauen – hat er ja dann auch gehalten, allerdings in China. Und die Merkel kriegt jetzt so einen – wegen der Energiewende nämlich. Energiewendehals. Nein, ist sie nicht! kriegt sie! Da kündigt man einmal etwas an und sagt, dass wir das auch ganz bestimmt, und möglicherweise nicht in dieser Legislaturperiode, und wahrscheinlich hält sie sogar ihr Versprechen – das ist doch unlauterer Wettbewerb! Das geht doch nicht! Ich meine, was soll da denn auf Dauer noch alles passieren? Wir müssen da sofort einschreiten, am wenigsten brauchen wir jetzt die Energiewende!

Weil wir nämlich eine konservative Partei sind. Wussten Sie wahrscheinlich. Deshalb haben wir uns auch entschlossen, Werte zu erhalten. Zum Beispiel die Zahlungen an die Energiekonzerne zum Erhalt der Stromnetze. Das geht schon seit 70 Jahren so, das kann nicht verkehrt sein, und es kostet ja auch nichts. Gut, es kostet den Verbraucher etwas, aber nicht uns. Und was nichts kostet, das ist ja auch nichts wert, und deshalb will die Merkel das auch erhalten. Verstehen Sie, das ist wie mit der GEMA. Sie zahlen Gebühren auf Festplatten, weil man da Sachen speichern könnte, und dann werden Sie verklagt, wenn Sie tatsächlich Sachen speichern, und das Geld, um Sie zu verklagen, das bezahlen Sie, indem Sie auf die Festplatten eine Gebühr – Sie haben das Prinzip verstanden? Ja, ist ja auch total logisch. Das gibt Rechtssicherheit, auch für die Zukunft. Darum brauchen wir ja auch unbedingt die Energiewende.

Wir haben nämlich die Zeichen der Zeit verstanden. Doch, haben wir. Ob die Merkel – nein, weiß ich gerade nicht. Aber wir haben das. Wegen der Arbeitsplätze und so. Wir setzen dabei ganz auf Bürgerbeteiligung. Und Transparenz. Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich an einer gemeinsamen Lösung auch beteiligen können wollen. Wie bei den Autofabriken. Da haben wir auch keine Arbeitsplätze gerettet, weil die Bürger in den Vorstandsetagen das ja auch selbst hätten machen können. Wir beteiligen die Bürger. Die können jetzt auch mal schön selbst zur Tankstelle fahren, da halten wir uns raus. Also aus den Kosten. Das ist nicht unser Problem. Weil, wir sind ja nicht verantwortlich für die Bürger. Deshalb ist ja diese Energiewende auch vollkommen überflüssig.

Ach ja, bevor ich’s vergesse: nächste Woche kommen die Eurobonds dran.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLI): Exotische Heimtiere

18 05 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das sanfte, großäugige Rind war eine der ersten Kreaturen, die sich in die Obhut des allmählich sesshaft werdenden Jungsteinzeitlers begaben. Es versorgte ihn mit Milch, Horn und Dung, weckte erstmals den Wunsch nach materiellem Besitz und Tauschwirtschaft – pecus, das Vieh, steckt schließlich in pecunia – und blieb ihm, ob es nun wollte oder nicht, treu. Schaf und Ziege, Huhn und Schwein folgten der Kuh, größtenteils als Proteinlieferanten, die nebenbei Wolle, Federn und Leder gaben, Gestank und Getöse. Mit Hund und Katze überschritt der Hominide eine Schwelle vom Haus- und Hof- zum Heimtier. Hielt er sich die Kleintiere doch nicht mehr ausschließlich als Schnitzelreservoir, sondern wegen ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten, dem Dieb die Gräten zu zermalmen, ob nun Mann oder Maus. Zum Dank beschenkten die Carnivoren ihn mit der Möglichkeit zur sozialen Symbiose, verteilten Haar auf Tisch und Bett und wurden unzertrennliche Gefährten. Doch der beste Freund des Menschen, sekundiert vom Stubentiger, er hat Konkurrenz jenseits von Kaninchen und Guppy. Das exotische Heimtier ist auf dem Vormarsch.

Zunächst ist der Exot auch nur ein ordinäres Statussymbol wie Goldkettchen und schräg in die Genetik gezüchtete Kampftölen. Der elitäre Pseudo lässt Warane in der Wanne paddeln, wer sich hart gibt, tut’s nicht unter einem Beutelteufel, Alligator oder einer Batterie Skorpione. Alle diese Arten haben eins gemeinsam, sie sind nicht für das fragile Ökosystem einer Einzimmerbutze im Obergeschoss eines Plattenbaus geeignet. Dass illegale Importe, die zum größten Teil auf dem Transportweg in die Biomasse wechseln, den Bestand im natürlichen Habitat dezimieren und unter handelsüblichen Bedingungen in Castrop-Rauxel nur wenige Wochen brauchen, um kompostierfertig zu werden, macht die Sache nicht angenehmer. Ein Tier aus den Tropen, so farbenfroh und bizarr es aussehen mag, ist vor allem als eines gut: als Tier in den Tropen. Weniger geeignet ist es für den Bekloppten, der nach einem Satz Springmäusen, einem Terrier und diversen Sittichen eine Tüte Taranteln kaputt spielt, wie er es schon als Arschlochkind krachend unter Beweis gestellt hatte. Artgerechte Tierhaltung ist ihm Schnickschnack, und er passt sich nahtlos in die Verdeppung der anderen ein, die aus Tradition den nachtaktivem Hamster im Laufrad in den Myokardinfarkt jagen. Hauptsache, ihr Spielzeug wummert von innen an die Gitterstäbe, da schmeckt die Freiheit für den Beknackten gleich doppelt süß.

Von einer Symbiose kann keine Rede sein. Schildkröten verbringen ihre teilweise erheblich lange Lebenszeit in aller Ruhe, sondern Faulgase ab und stoffwechseln reglos vor sich hin – was den Erlebnisfaktor angeht, wären Geranien für den Hobbyhohlrabi der schmerzfreiere Weg. Dumpf döst die Bartagame dem Nichts entgegen, reglos harrt das Chamäleon in seinem Glasknast, murkst sich ab und an zur Eigenbelustigung eine Mimese aus den Schuppen und rechnet nicht mehr mit dem Reptilienhimmel. Während verhandlungsfähige Kalkhirne den Absprung ins Bierdeckelsammeln schaffen, schwiemelt sich der Heimzoopopler seine eigene Rationalität zurecht. Hätte man nicht einen von den zehntausend zentralafrikanischen Nagern aus dem Container in die gute Stube gerettet, er wäre bei den Artgenossen in der Müllverbrennung gelandet. Welches fühlende Herz könnte das schon wollen? Andererseits, welcher Depp hielte sich einen potenziell depressiven Python in der Etagenwohnung, der sich bei normal arbeitenden Reflexen flugs über die Balkonbrüstung ins Straßenbegleitgrün abseilen würde, weil ihm der Besenginster-Beton-Mischmasch letztlich mehr Kuschelerlebnisse böte als glotzende Zweibeiner?

Das Geheimnis, warum sich Millionen geistig zurechnungsfähiger Steuerzahler einen Wauwau ins Wohnzimmer stellen, ist jenes Beziehungsgeflecht, das aus Spieltrieb und Freude auf beiden Seiten entsteht und nicht selten in der Vermenschlichung endet, an der Tierfutter- und Zubehörkonzerne eine Menge Kohle verdienen, ein frommer Betrug, der weder dem instinktgesteuerten Fressmechanismus schadet noch den Geschöpfen, die er sich hält. Nur, wie baut man eine persönliche Beziehung zu hüpfenden Insekten auf, die von ihrer Behausung nicht viel mehr als den Kalorienzugriff bemerken und einander anknabbern, wenn es sonst nichts zu tun gibt? Was tut man mit solchem Geziefer, als ihm beim Betreten und Verlassen dieses zweifelhaft beleumundeten Rotationsellipsoiden am Rande der Galaxie zuzusehen? Und was macht man, wenn die ganze Population simultan über die Wupper geht? Schabe fertig?

Trends bestimmen das Halten und Verhalten, war noch im letzten Sommer eine Strauchratte hip, so wird heute der Leasingleguan stracks auf dem Flohmarkt umgerubelt und in den Kaiman auf Kredit gepumpt. Wenn sich die Jüngste ein Pony wünscht, überlegte der Bekloppte früher kurz, wie man den Gaul im Garderobenschränkchen unterbringen könnte, und probiert es dann lieber mit einer Fußhupe. Zu normal, zu ordinär, der Proll aus dem Bausparerghetto kommt heute nicht mehr an und geht mit der Zeit. Wahrscheinlich wird er schon nächste Saison Quallenzucht in der Duschtasse betreiben. Hoffen wir, dass es die Reinkarnation tatsächlich gibt. Und wünschen wir ihm, dass er als Meerschweinchen wiederkommt. Immer wieder.





Brummschädel

17 05 2012

„Orrr, diese Schmerzen!“ „Ich hatte es Ihnen schon mal gesagt, man säuft sich nicht den Schädel voll vor dem Feiertag.“ „Aber am Wochenende haben wir doch auch…“ „Und dann kam das böse Erwachen. Pech.“ „Pech!? Das nennen Sie… orrr!“ „Beschweren Sie sich halt bei Merkel. Die ist komplett überraschungsfrei, bei der weiß man immer, wieso man rausfliegt.“

„Das waren die beiden Kästen Pschorr, und dann haben wir…“ „Hätten Sie sich denken können, dass Seehofer die Regie übernimmt.“ „Wieso Seehofer? das war doch als kleine Spende der nordrhein-westfälischen Parteifreunde… Jetzt geht mir ein Licht auf!“ „Prima, damit dürften Sie ihre geistige Zurechnungsfähigkeit ja wiedererlangt haben.“ „Hat denn die CSU inzwischen die Regie übernommen?“ „Haben Sie heute ein Dementi gegen das Betreuungsgeld gehört?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ „Jubelarien über den Rettungsschirm?“ „Das wäre mir aber aufgefallen.“ „Dann fragen Sie sich mal in einer stillen Stunde, warum Seehofer heute so entspannt in die Gegend schaut.“ „Sie meinen – nicht möglich!“ „Willkommen in der Wirklichkeit.“

„Warum gerade Röttgen?“ „Weil er seinem Nachruf nach alles richtig gemacht hat.“ „Aber er hat doch…“ „Die Energiewende angestoßen. Wie man gegen den Putzeimer trampelt. Als Physikerin dürfte Merkel die Folgen ausrechnen können.“ „Aber er war doch…“ „Merkels Klügster. Womit klar sein dürfte, was wir vom Rest dieses Kabinetts zu halten haben.“ „Aber der hatte doch…“ „Als Umweltminister die Verantwortung für den Dreck, den Merkel hinterlässt, wenn sie selbst sich auf niedermolekularer Ebene von diesem Planeten verabschiedet haben wird. Richtig. Da braucht mal halt Figuren, die nicht beim ersten Windhauch umkippen.“ „Aber die FDP hat doch gar nicht…“ „Unterbrechen Sie mich nicht. Da braucht mal Standfestigkeit! Durchhaltevermögen! Echte Männer!“ „Ah, verstehe. Warum hat sie nicht Guttenberg genommen?“

„Vor allem räumen Sie gefälligst mal diese ganzen leeren Flaschen da weg!“ „Orrr, nicht so laut! Mein Kopf!“ „Dann saufen Sie halt nicht so viel.“ „Wir hatten halt damit gerechnet, dass der nächste einer von der FDP ist.“ „Unmöglich.“ „Wieso unmöglich? Können die denn etwas?“ „Das nicht.“ „Und was die Justizministerin angeht, kann Friedrich etwas?“ „Wie gesagt, das ist nicht die Frage.“ „Sondern?“ „Ruhe.“ „Ruhe?“ „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.“ „Also Ruhe, bevor diese Koalition innerhalb der nächsten Wochen auch noch platzt?“ „Nein. Ruhe, bevor die Liberalen auch noch komplett durchdrehen.“ „Aber dafür kann doch Merkel nichts?“ „Eben.“

„Ich verstehe trotzdem nicht, wieso Merkel ausgerechnet Röttgen als erstes über die Wupper geschickt hat.“ „Das liegt am christdemokratischen Selbstverständnis.“ „Das mit dem Leben nach dem Tod? Ja, das hatte ich mir auch schon gedacht.“ „Unsinn, das ist das Anzeichen der CDU.“ „Sie meinen, das sei dialektisch gemeint? die bessere Idee wird durch eine noch bessere ersetzt?“ „Das ist ein Anzeichen der Partei von Merkel. Wer im falschen Augenblick Ideen hat, wird gefeuert.“ „Ich dachte, wer im falschen Augenblick keine Ideen hat?“ „Was soll das denn?“ „Ist es das Privileg der Kanzlerin, keine Ideen zu haben?“ „Röttgen hat es halt richtig gemacht.“ „Warum wird er dann so einfach gefeuert?“ „Muss das denn unbedingt als Strafe verstanden werden?“

„Gut, anders. Warum feuert die Kanzlerin den Mann, wo doch die Umweltpolitik so wichtig ist?“ „Weil die Umweltpolitik so wichtig ist.“ „Also weil die Grünen das nicht besser hinbekommen sollen?“ „Weil die Kanzlerin das selbst besser kann als die Grünen.“ „Deshalb ist die Klimapolitik so eine wichtige Sache?“ „Deshalb ist die Energiewende so eine enorm wichtige Sache und ureigenstes Gebiet der Kanzlerin.“ „Aber die kriegen doch in Bezug auf die Klimawende nichts gebacken.“ „Eben.“ „Und verlogen ist das obendrein.“ „Richtig.“ „Das stimmt doch hinten und vorne nicht – diese ganze Energiewende ist ein einziger lobbyistenverseuchter Sumpf, in dem sich ein Politiker nach dem anderen als komplett inkompetenter Idiot herausstellt.“ „Sie haben es verstanden. Klima ist Chefsache. Das erfordert eine Planung und eine Personalpolitik mit viel Fingerspitzengefühl.“

„Weiß denn Merkel überhaupt noch, was sie da tut?“ „Warum sollte sie sonst ihr Kabinett mit den besten parlamentarischen Mitarbeitern bestücken?“ „Ich meine, warum hat sie denn Röttgen vor die Tür gesetzt? Wenn ihr die Energiewende schon als wichtig erschien…“ „Korrekt. Und nun räumen Sie mal lieber die Luftschlangen hier ab. Sieht ja aus wie im Karneval.“ „Ist denn die Umweltpolitik ihr wichtig?“ „Sie sollen hier aufräumen! Das sieht aus wie im Schweinestall“ „Oder ist das Amt ganz einfach falsch besetzt?“ „Lenken Sie gefälligst nicht immer ab!“ „Und wenn das ein inhaltlicher Totalausfall war oder aber nicht wichtig für die Regierung, warum ist dann die Schröder noch im Amt?“ „Sie sollen diese verdammten Luftballons hier abhängen!“ „Oder von der Leyen?“ „Machen Sie gefälligst nicht so einen Lärm hier, in der CDU herrscht Zucht und Ordnung!“ „Oder Schavan?“ „Sie haben sich sicherlich um die Ziele der Christdemokratie verdient gemacht, Sie haben auch wichtige Dienste geleistet, um die geistig-politische Wende einzuleiten. Und jetzt raus hier!“





Über den Wolken

16 05 2012

„… sei mit einer Inbetriebnahme des Flughafens Berlin Brandenburg pünktlich zum August 2012 zu rechnen. Sämtliche Planungen hätten sich als solide und verlässlich erwiesen, so dass von einer Verschiebung nicht auszugehen…“

„… eine landesweite Konferenz gefordert. Eine Verschlechterung der Verkehrsinfrastruktur, so das Gremium sei nicht zu haben ohne eine gemeinsame Verschlechterung der Transportbedingungen sowie einen massiven Abbau der bisherigen…“

„… die Berliner Taxifahrer nicht mehr in der Lage, sich der Kampfradler zu erwehren. Die Mehrheit der Lohnchauffeure habe zwar von der Erscheinung nichts gewusst, wolle aber keine Gelegenheit auslassen, sich zu beschweren über…“

„… könne der Wartungshangar theoretisch zwar auch Großraumflugzeug vom Typ Airbus A340 aufnehmen, in der Praxis habe sich durch den Import nicht genormter Teile chinesischer Herkunft das Problem ergeben, dass die Halle nur eine Länge von 89,4% der im Bauplan vorgesehenen…“

„… habe man auf eine reibungslose Anbindung des Hauptbahnhofs an den U-Bahn-Verkehr gesetzt. Das Pilzkonzept habe sich allerdings als zu teure Schnapsidee…“

„… die elektrischen Installationen im Frachtgut-Bereich nicht absichtlich vergessen worden seien. Vielmehr habe man durch illegale Beschäftigung von Ein-Euro-Jobbern, deren Aufgabe laut Jobcenter eigentlich die Bedienung der automatischen Brandschutztüren…“

„… zuversichtlich, dass eine Angleichung der Verspätungen von S-Bahn und Flugverkehr rasch und bürokratiearm in die Wirklichkeit umgesetzt…“

„… habe es bei der Beschriftung diverse Pannen gegeben. Die Montage des Schildes WC oberhalb des Haupteingangs sei nur eine der zahlreichen…“

„… habe der Verband der Taxifahrer wegen der steigenden Kraftstoffpreise bereits eine Beförderungsgarantie für seine Mitglieder in Anspruch genommen. Würden die Fahrer wegen der ÖPNV-Anbindung des Flughafens nicht genügend ausgelastet, so stehe ein Generalstreik unmittelbar…“

„… habe sich das Konsortium ausnehmend positiv über den Luftverkehr geäußert. Nachdem BER aus den internationalen Flugrouten wieder gestrichen worden sei, habe sofort eine spürbare…“

„… die Deutsche Bahn eindeutig dafür aussprach. Nächtliche Leerflüge seien eine optimale Ergänzung zum nicht mehr stattfindenden ICE-Verkehr, der die gemeinsame überflüssige Planung mehr als…“

„… koste die Verlängerung des Vertrages die Stadt Berlin fast zwei Millionen Euro. Da das Personal das Unhöflichkeitstraining zur Anpassung an die lokalen Verhältnisse nicht rechtzeitig genug aufgenommen habe, müsse nun mit einer größeren Summe wieder für eine…“

„… BER als Güterverkehrsknotenpunkt in die weitere Wirtschaftsplanung der Bundesrepublik fest miteinbezogen. Einerseits stelle die mangelnde Planungssicherheit des Flughafens ein gewaltiges Risiko für die Exportwirtschaft dar, das sich aber durch die negativen Wirkungen des Flugverkehrs volkswirtschaftlich mehr als ausgleichend…“

„… sich bisher als nicht tauglich erwiesen, die Berliner mit Döner für 1,99 € anzulocken. Der Flugverkehr der Billigrouten sei zwar in demselben Preissegment beheimatet, doch sei ein Flug pro Mittagspause nicht mit den…“

„… seien unter anderem auch die Billigflüge für 9,99 € ein Problem der Planungssicherheit. Rösler schlug vor, die Lohnkosten nochmals extrem zu…“

„… habe das Sicherheitspersonal einen Vierfarbkugelschreiber gefunden. Das auf der Liste historischer Hieb- und Stichwaffen geführte Objekt sei dem CDU-Politiker zum Verhängnis …“

„… liege das Problem in den historischen Wurzeln. Berlin warte immer noch darauf, dass die technische und finanzielle Unterstützung der Westdeutschen dem Desaster alsbald ein Ende…“

„… mit der Wirtschaftskompetenz der Berliner zu lösen sei. Senatorin von Obernitz habe vorgeschlagen, dass bereits bei einer mittleren Auslastung von nur 450% der Flughafen genügend Rücklagen gesammelt habe, um pünktlich im Januar 2013 seine Eröffnung…“

„… sich Wowereit vom Flughafen Berlin Brandenburg deutlich distanziert haben solle. Eine regelmäßige Partyveranstaltung sei jedoch mit dem Zweck des Airports nur schwer zu…“

„… sei es richtig, dass weitere Kontrollräume unterhalb der Towerkanzel gebaut worden seien. Man habe allerdings aus Kostengründen auf die Fußböden verzichtet, da sich dadurch gleichzeitig eine Einsparung der Decken der darunter liegenden Räumlichkeiten…“

„…dass Hertha BSC nicht allein durch das Sponsoring der Deutschen Bahn so katastrophal…“

„… spreche für eine Einweihung im Jahr 2013, dass nur eine Start- und Landebahn betrieben werden könne, was angesichts der zu erwartenden Auslastung des Flughafens für eine geradezu visionäre Umweltkompetenz…“

„… die Provisorien eingeplant seien, bei einer zufälligen Annäherung der Nutzungszahlen an die prognostizierten Werte aber jederzeit neue vorübergehende Bereiche eröffnet werden könnten. Die Flughafenleitung plane derzeit eine Wartezone in Neukölln mit Raucherzone in Steglitz, die durch den S-Bahn-Verkehr noch innerhalb derselben Kalenderwoche angebunden…“

„… die Griffe an den Toilettentüren nach den neuesten ergonomischen Standards geformt seien. Ihr Design setze Maßstäbe und werde die Wahrnehmung des Flughafens entscheidend prägen. Mit der Lieferung sei im Sommer 2013 zu…“

„… die Abfertigungpavillons sicher bereits 2014 und damit wesentlich früher als die übrigen Zugänge fertiggestellt sein dürften. Mit der Übergabe der Zugangstunnel sei frühestens im März 2015 zu rechnen, doch sei dies nicht erheblich, da die Bestandteile ja flughafentypisch vor allem aus der Luft erreichbar…“

„… das Gepäckband nur aus ästhetischen Gründen rückwärts…“

„… sich die Tunnelgrabungen schwieriger gestalteten als angenommen. Die aus Stuttgart angereisten Experten hätten zunächst die Kosten…“

„… sei es zu dem peinlichen Zwischenfall gekommen, da der Pilot seine Landeerlaubnis an dem nicht existierenden Flughafen erhalten habe. Die Maschine mit Papst Benedikt XVI. sei im letzten Moment…“

„… stehe die Feldlerche nicht unter Naturschutz. Probleme bereite der Behörde aber die Ansiedlung des Juchtenkäfers, der seine Population auf der Startbahn mehr als doppelt so…“

„… sich in einem erneuten Machbarkeitstest an den acht Check-in-Inseln mit zusammen 94 Schaltern die Passagierdarsteller mehrere Zwischenfälle zutrugen. Zu den angenehmeren Ereignissen gehörte die Bekanntschaft von Janina P. (31) und Kai-Malte K. (32), die sich in der Warteschlange verlobten, heirateten und nach der Entbindung des Sohnes Kevin Leon Yves dessen Einschulung in die…“

„… als eine außergewöhnlich gute Idee, den neuen Hauptbahnhof unter dem Flughafen Berlin Brandenburg anzulegen. Mit knapper Mehrheit hatte das Abgeordnetenhaus verhindert, dass der Flughafen unter dem Berliner Hauptbahnhof…“

„… habe sich die Anton Schlecker e. K. bereiterklärt, das Objekt ab 2016 zu übernehmen. Die für einen symbolischen Euro gekaufte Bauruine biete dem Einzelhandelskonzern die idealen Voraussetzungen für einen Flagship Store auf…“

„… mit einer knappen Mehrheit für die Verlegung der Bundeshauptstadt nach Bonn ausgesprochen…“





Bedauerlicherweise

14 05 2012

„Ja, tut uns echt Leid. Da fühlen wir ganz mit Ihnen. Richte ich gerne aus. Grüße an die Frau Kanzlerin vielleicht noch, oder eine… Gut, keine. Bitte sehr um Verzeihung.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Sie haben Röttgen gewählt? Ach, das ist ja traurig. Also ich meine, das ist ja traurig, dass Sie ihn… Nein, ich hatte mich da nur falsch aus-… Das war doch jetzt gar nicht ironisch gemeint, ich wollte Sie bloß…

Das können Sie als Trauerbewältigungsarbeit verstehen. Wir sind für den Bürger da, der muss nun aufgefangen werden, weil die Leute den Wechsel in Nordrhein-Westfalen wollten, und dann hat’s eben nicht geklappt. Bedauerlicherweise. Da können wir jetzt sehen, wie wir damit fertig werden. Diese Demokratie, das ist ja einfach nichts. Und dann auch noch Sozialdemokratie, da kann man ja nur noch depressiv werden!

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Leider nein, das geht nicht automatisch. Als Bundesminister muss man extra zurücktreten, und ich wüsste auch nicht, wo wir so schnell die Doktorarbeit von Röttgen herbekommen sollten. Das müssen Sie schon im Präsidium zur Sprache bringen, Herr Pofalla. Ja, Sie mich auch. Auf Wiederhören.

Es ist schon eine Krux, dass nicht einmal die Partei selbst damit umgehen kann. Ich meine, wir haben doch alles getan, was wir nur konnten – beziehungsweise in dem Fall eben nicht, obwohl wir getan gehabt gekonnt gehaben hatten sollen können müssen! Da ist seit Wochen nichts mehr passiert, das Bundesamt für Naturschutz ist quasi schon im Weihnachtsurlaub, das Bundesamt für Strahlenschutz können Sie unter einer Staubschicht suchen, im Bundesamt geht gar nichts mehr. Hat sich die Frau Kanzlerin gesagt: machen wir kurz vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen keine Politik mehr, hat ja letztes Mal auch schon so toll geklappt. Guter Plan, da kann man dann wenigstens die Sozialdemokraten nach dem Wahlsieg dafür verantwortlich machen, dass hier jede Menge unerledigte Arbeit herumliegt. Sehr guter Plan.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für… Schreien Sie doch nicht so! Ja, wir sind natürlich auch ganz bestürzt. Furchtbar. So ein unglaublicher Dreck, eine Gemeinheit, solche Gerüchte über unseren geliebten Landespolitiker Röttgen, nein: Röttgers, halt: Rüttgers hieß der, Rüttgers. Ach so, Sie meinen das von uns? Nein, wir haben das gar nicht in die Welt gesetzt. Unglücklicherweise stimmte das ja auch gar nicht. Schlimm, oder? Ich bin untröstlich.

Also die Arbeit. Da war ja gar nichts mehr. Aber wir dürfen das auch nicht überbewerten, auf die Art hatte dann Rot-Grün auch viele Möglichkeiten, große Fehler zu machen. So theoretisch. Ich meine, diese Piraten hätten das damals nur kaputt gemacht. In den sechs Wochen hätten die ihre Mitglieder befragt und dann einfach irgendetwas gemacht. Die hätten da etwas entschieden! Politik! Ich meine, man geht doch nicht in die Politik, um einfach so mal etwas zu…

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Ja, es ist ein Jammer. Ich kann Ihren Schmerz nachfühlen. Das ist wirklich eine herbe Enttäuschung. Da hatten Sie sich in Berlin schon so sehr gefreut, und jetzt kommt der Röttgen einfach zurück. Tragisch, tragisch.

Ungünstigerweise kriegt er ja auch nie wieder eine Chance, noch irgendetwas zu machen. Der ist wie Atommüll: ob Sie den hierhin packen oder dorthin, egal, der bleibt da. Bis zum bitteren Ende. Das kriegen Sie nie wieder weg. Nicht mal als Kanzler. Erst recht nicht als Kanzler.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Mein Beileid! Das wollten wir wirklich nicht! Ach Gott, wie konnte das denn bloß – Ihre Frau Mutter hat gar nicht gewusst, dass Röttgen der Kandidat von uns ist? Die wusste gar nicht, wen sie diesmal wählen soll? Nervenzusammenbruch!? Und dann hat sie was gewählt? Tierschutzpartei? Na, ist ja wenigstens nicht im Gulli. Wie bei der FDP.

Aber eins müssen Sie Röttgen doch lassen, er hat wirklich ein Händchen für die richtigen Signale. Diese Landtagswahl zu stilisieren als ultimative Abstimmung über Merkels Krisenpolitik, das ist ja echt ein Coup. Wirklich schade, dass er letztlich auch noch Recht hatte.

Christdemokratische Seelsorge, was kann ich für Sie tun? Ja, das mit den 40 Prozent ist nichts geworden. So traurig. Ach, Sie meinten die SPD?

Das Problem war ja, dass die Bürger in Nordrhein-Westfalen sich das Gesicht von Röttgen gar nicht merken konnten. Als Landeschef war er so gut wie nie da, bei den Plakaten musste man automatisch weggucken – aber schade auch, dass er erst recht weg vom Fenster ist. Scheint einer von seinen Sparvorschlägen gewesen zu sein.

Christdemokratische Seelsorge, was… Frau Kanzlerin? Nein, keine Ahnung. Gestern war er noch hier. Also wir haben jetzt nicht noch einmal überall durchgesehen, aber hier ist er nicht. Denke ich. In Berlin ist er nicht angekommen? Haben Sie mal bei Koch geguckt? bei Wulff angerufen? bei von Beust oder Merz? Nicht? Schade eigentlich.“





Der große Flauschangriff

10 05 2012

„… sei das Wahlergebnis für die SPD ein enormer Erfolg gewesen. Man habe zwar die Marke von 40 Prozent um mehr als ein Viertel unterboten, sei nicht stärkste Kraft geworden und könne mit der gewünschten Koalition nicht regieren, dennoch sei dies als wichtiger Fortschritt zu…“

„… wolle sich die Partei nun jünger und dynamischer geben, um das Durchschnittsalter der Parteimitglieder auf 55 Jahre zu senken. Langfristig rechne man sogar damit, nicht nur den Verlust von Wählerstimmen abbremsen zu können, sondern auch neue Wählerschichten in die…“

„… könne man durch mehr Bürgernähe und mehr Transparenz einen besseren Stand bei den Wählern erreichen. Olaf Scholz schlug vor, die Postanschrift der Landesgeschäftsstellen jeweils in Fettschrift oder in Rot im Internet zu…“

„… sei es laut Steinmeier nicht das Problem, dass die Wähler mit den Sozialdemokraten keine Wertvorstellungen mehr verbinden könnten. Das große Problem sei es mittlerweile, dass die Wähler mit der SPD sehr wohl Wertvorstellungen verbänden und diese keinesfalls als…“

„… sich mit vielen Forderungen aus der Wählerschaft auseinanderzusetzen verspreche. Hubertus Heil kündigte an, die Sozialdemokraten würden sich vermehrt mit den Belangen der Bürger beschäftigen. Im Augenblick sei dies jedoch nicht möglich, da das E-Mail-Fach der Partei noch mit Sendungen aus dem Jahr 2010…“

„… der Einführung einer Sozialsprechstunde aufgeschlossen gegenüber. Schwesig unterstützte die bürgernahe Aktion, mit der die SPD…“

„… müsse man auch von den Piraten lernen. Wowereit kündigte an, man wolle vorwiegend im Internet Lösungen für die drängenden Fragen der demokratischen Gesellschaft finden. Bisher sei es ihm aber noch nicht gelungen, sie in eine Suchmaschine zu…“

„… habe Nahles vorgeschlagen, in Nordrhein-Westfalen gezielt Nichtwähler anzusprechen, um sie für die Sozialdemokraten zu gewinnen. Am besten könne man dies beim Verlassen der Wahllokale nach der anstehenden…“

„… die Sozialdemokratie wieder ins Bewusstsein der jüngeren Generation zu bringen. Wowereit habe als erster das Konzept eines großen Flauschangriffs zur Sprache gebracht, um mit den Mitteln der politischen Mitbewerber strategische Vorteile für einen bundesweiten…“

„… müsse die Partei insgesamt empathischer wirken. Gabriel nutzte die Gelegenheit, um vor der Bundespressekonferenz über einen grippalen Infekt zu berichten, der ihn seit drei Tagen…“

„… sehr transparent zu gestalten. Allerdings habe es kein Interesse gegeben, dass Nahles ihr Frühstück mit Instagram fotografiert und über Twitter in das…“

„… wolle man zwar auch die Kernwähler der Arbeitsgemeinschaft SPD 60 plus berücksichtigen, müsse aber erst in einer internen Arbeitsgruppe klären, wie man den Begriff ‚Flausch‘ in den parteipolitischen Diskurs…“

„… die Idee eines Sozialdemokraten-Stammtisches generell begrüßenswert. Um Bürokratie abzubauen wolle man diesen jedoch auf die Landesverbände beschränken und zu den einmal pro Quartal abgehaltenen Veranstaltungen nur Deligierte der Ortsgruppen…“

„… sei eine Änderung der Hartz-Gesetze derzeit kontraproduktiv. Man habe die Sozialsprechstunde schließlich nicht eingerichtet, wenn man den Bedarf an ihr gleich wieder…“

„… einer eigenen Facebook-Party generell aufgeschlossen gegenüberstünden. Aus Gründen der besseren Planbarkeit schlug Schily vor, nur mit einem polizeilichen Führungszeugnis eine Einladung zu…“

„… bei der Abfassung der Agenda 2030 zur Regulierung der Leiharbeit und zum Abbau des Sozialstaates, zur Finanzierung moderner Überwachungsmaßnahmen und zur Absenkung der Spitzensteuersätze auch auf Liquid Feedback zu setzen. Das Urteil der Bevölkerung sei zwar nicht bindend, im Zuge einer umfangreicher werdenden Diskussion um soziale Unruhen wolle man aber…“

„… eine Sonderrolle hinsichtlich der Haltung gegenüber dem bedingungslosen Grundeinkommen spiele. Man sei sich der Herausforderung der Gesellschaft im Zeitalter der schwindenden Erwerbsarbeit durchaus bewusst und wolle sich mit einem eigenen Modell durchsetzen, einem Grundeinkommen, das unter der Bedingung von Erwerbsarbeit gezahlt werde und in Höhe des…“

„… wolle man das Procedere vereinfachen. Die Einladungen zur Facebook-Party seien nun nicht nur per Post, sondern auch via kostenpflichtigem Faxabruf zu bestellen. Allerdings setze das Formblatt weiterhin voraus, dass eine durch Postident-Verfahren…“

„… für starkes Befremden, dass Kurt Beck im rheinland-pfälzischen Landtag als Rapper auftrete. Offenbar habe er die Rolle des Beauftragten für Popdiskurs der SPD völlig falsch…“

„… bisher noch uneins. Duisburg stehe jedoch als Veranstaltungsort der Facebook-Party nicht zur Verfügung, da…“

„… eine eigenwillige Vorstellung. Gabriel habe im orangefarbenen Pullover mit schwarzer Bandana auf der LAN-Party verkündet, er wolle sich da jetzt mal so voll easy reinsozialisieren und seine Vibes auf Transparenz schalten. Augenzeugenberichten zufolge hätten die Gäste bereits mit spontanem Brechreiz gekämpft, als der SPD-Vorsitzende sich für Abschaffung von…“

„… die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens allerdings auch nicht generell anzulehnen. Die SPD wolle es jedoch vorerst nur in Form von Diäten, Boni und…“

„… habe sich Steinmeier dafür entschieden, das im Internet geplante Fest aus Organisationsgründen gleich mit dem nächsten Bundesparteitag zusammen zu…“

„… sich auch ein klares Profil zu geben. So habe Steinbrück einigen Vorschlägen von der Basis eine harsche Absage erteilt. Der Ex-Finanzminister teilte mit, er werde auf keinen Fall Steuern senken, sozialdemokratische Politik betrieben oder dem…“





Leitungsschaden

9 05 2012

„Hallo? Sind Sie noch dran? Ja, ich bin noch da. So gerade eben noch. Viel ist ja von uns nicht mehr übrig seit unserem grandiosen Sieg in Kiel.

Hier ist nämlich in letzter Zeit ein bisschen viel kaputtgegangen. Wir haben ja auch kapiert, dass wir das schleunigst reparieren lassen sollten, aber Sie kennen das ja. Man möchte eigentlich viel lieber so weitermachen wie bisher. Möglichst nichts ändern. Schon gar nichts Neues. Und dann stellt man fest, die Sache ist im Eimer. Aber komplett. Können Sie nur noch in die Tonne treten. Alles. Es ist eigentlich nicht mehr die Frage, ob Sie das alles rausreißen, sondern nur noch, wann.

Prinzipiell stehen wir ja alle hinter dem Chef, aber… hallo? Was ist denn heute mit der Leitung los? Die Leitung ist ja wieder unter aller Sau! Hallo? Nein, ich meine Rösler. Wir stehen hinter ihm. Ist ja auch die beste Position für einen Überraschungsangriff, oder? Nein, wir sind nicht unkollegial. Noch nicht. Das dauert. Das dauert ja immer ein bisschen länger, bis wir auf Kritik reagieren.

Momentan machen wir gruppendynamische Sprechblasenübungen. Wachstum. Wachstum. Alle müssen es nachplappern, damit wir bis zur nächsten Bundestagswahl im Schlaf von Wachstum reden. Wachstum. Wachstum. Hallo? Was rauscht da? Sind Sie noch dran? Ja, fürchterlich. Ich kann’s auch nicht mehr hören. So eine miserable Qualität, da tun einem die Ohren weh.

Das ist hier ein bisschen wie in der CDU. Wenn alle Ihnen demonstrativ das Vertrauen aussprechen und ihnen auf die Schulter klopfen, können Sie sich eigentlich nur noch eine Kugel in den Kopf jagen. Barschel? Guttenberg? Und momentan sind sie mit Schavan ja auch alle höchst zufrieden. Gefährlich, sage ich Ihnen.

Niebel macht das nicht. Nein, absurd. Völlig ausgeschlossen. Der hätte auf einmal so viele alte Freunde, für die müssten wir glatt ein neues Ministerium aufmachen.

Doch, das klingt plausibel. Neulich hatte ich hier die Zahnärzte an der Strippe, oder waren es die Apotheker? jedenfalls ging es um eine Menge Geld, und da merkten die es auch. Die Kommunikation stimmt nicht mehr. Lästig, wirklich. Ich würde auf einen Leitungsschaden tippen. Das kann man ja flicken, aber langfristig können Sie den ganzen Kram nur noch wegschmeißen. Lohnt sich nicht mehr.

Wissen Sie, der Brüderle hat neulich sogar vor der Personaldebatte über Rösler gewarnt. Da wurde der richtig laut. Überall hat der gesagt, er wolle keine Debatte über Rösler. Im Parteivorstand: keine Debatte über Rösler. In der Fraktion: keine Debatte über Rösler. In NRW: keine Debatte über Rösler. Haben Sie auch gerade so ein Echo in der Leitung? Komisch. Und jetzt debattieren sie auch tatsächlich, dass es keine Debatte über Rösler geben darf. Das ist schon ein ehrenwerter Mann. Der Brüderle.

Meinen Sie, er macht’s? Ich finde das nicht richtig, denn schauen Sie mal: die in Schleswig-Holstein sagen, sie hätten den Wahlsieg, also die Halbierung der Stimmen, das hätten sie nur hingekriegt, weil sich Rösler nicht eingemischt hätte. Und wenn jetzt Lindner noch so einen katastrophalen Sieg holt, ohne das mit Rösler abzusprechen, dann… hallo? Frau Homburger, was machen Sie denn in der Leitung? Ich dachte, Sie seien längst raus aus der… hallo? Ja, komisch. Ich verstehe gar nicht, warum die hier mitreden will.

Lindner? Großartiger Plan. Warum nicht mal ’ne Heulsuse. Nee, lassen Sie mal stecken. Schönreden ist in Ordnung, aber alles hat seine Grenzen.

Die Verbindung ist ständig gestört. Seitdem wir dieses moderne Telekommunikationssystem haben – im Prospekt stand irgendwas mit mehr Freiheit, da haben die es natürlich sofort angeschafft, gab eine lange Diskussion mit dem Vorstand, vor allem wegen der Hörer, wissen Sie, und ich meine, wer will die denn ständig an der Backe… hallo? Es ist doch nicht zu fassen, jetzt fallen die auch noch aus! Das ist jetzt das zweite Mal, und immer liegt der Fehler im Generalsekretariat. Ja, das sind wir schon gewohnt. Ständig müssen Sie da die Basis suchen, es besteht so gut wie kein Kontakt mehr. Sie wollen eigentlich ganz normal mit jemandem reden, und plötzlich stellen Sie fest: weg. Aber endgültig.

Haben die eigentlich noch Garantie auf den? Ich meine, so alt ist der doch eigentlich gar nicht. Kam zwar nicht originalverpackt, aber wenn Sie sich den mal so anschauen, viel gebraucht war der ja vorher nicht. So gut wie nie im Einsatz. Stand immer nur so dekorativ in der Gegend herum und staubte etwas an. Wie kommen Sie jetzt auf Rösler, ist hier wieder Fiepen in der Strippe?

Man könnte ja taktisch vorgehen und warten, bis das Ding wirklich nicht mehr zu retten ist. Kubicki bleibt in Kiel, Lindner wird in Düsseldorf beerdigt, Bahr und Döring dürfen noch ein Jährchen in die Bedeutungslosigkeit hinüberdämmern, und dann sägen alle zusammen den Chef ab, wenn das mit Gauck gerade in Vergessenheit geraten ist. Nach guter neoliberaler Tradition ist er selbst schuld an seinem Scheitern, er darf dann als Bad Bank der Partei den Müll mit rausnehmen. Klingt doch pfiffig, oder? Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Was meinen Sie? Westerwelle? Hallo? Rösler war für den Übergang, Westerwelle macht jetzt den Unter… hallo? Hallo?

Tot. So was aber auch.“





Status? No

8 05 2012

Der Hammer lag gut in der Hand, leicht und formschön, mit einem glatten und einem genoppten Ende in glänzendem Gussstahl. „Ein Wiener Schnitzel“, versicherte Knöbel, „ist erst ein Wiener Schnitzel, wenn es mit einem richtigen Fleischklopfer bearbeitet wurde. Wir setzen da ganz auf Qualität – aber das wissen Sie ja.“ Sein Einrichtungs- und Haushaltswarengeschäft unterstrich den hohen Anspruch durchaus. Gediegenes Ambiente und Schönheit, wohin man nur sah. Sogar bei den Küchengeräten.

„Acht Euro neunzig“, verkündete Knöbel. „Dafür bekommen Sie das auch im Kaufhaus gegenüber. Aber bei mir ist die Beratung nun mal viel besser.“ Elegant wickelte er den Hammer in Packpapier, das er alsbald in eine bedruckte Papiertüte steckte. Sonst nichts stand auf dem Emblem, perlgrau auf eierschalenfarbenem Grund gedruckt, von Blütenranken umschnörkelt. „Wenn Sie gerade hier sind, schauen Sie doch mal, ob Sie nicht noch eine Kleinigkeit zum Schenken mitnehmen wollen. Wir sind gut sortiert.“ Der Schirmständer zu meiner Linken gefiel mir. „Gute Wahl“, bestätigte Knöbel, „Sie haben Geschmack. Wenn Sie einen Augenblick Geduld haben, suche ich Ihnen die dazu passenden Garderobenhaken aus Schmiedeeisen im Lager. Sehr rustikal, wertige Optik, und Sie können sie so gut wie überall anhängen. Wirklich ein Schmuckstück. Und viel günstiger, als Sie denken.“ „Was denke ich denn“, entgegnete ich. Er lächelte. „Sie denken, dass Qualität eben seinen Preis haben müsse – was ja stimmt. Wir haben da unseren eigenen Zugang.“

Der mittelalte Mann mit den etwas zu langen Haaren und der etwas zu breiten Krawatte spielte etwas zu nervös mit seiner etwas zu auffälligen Sonnenbrille. „Wenn ich Ihnen helfen darf“, grüßte Knöbel ihn mit einem etwas zu tiefen Diener. Der Besucher winkte gnädig ab. „Ich wollte mich nur einmal umsehen“, sprach er in halb gelangweiltem, halb hochnäsigem Ton, während er seinen Blick etwas zu hektisch über das Angebot schweifen ließ (worin sich auch zeigte, dass es sich bei ihm mit tödlicher Sicherheit um einen neureichen Trottel handeln musste, der sich mit der Unsicherheit eines Pinguins auf dem Festland durch die Gefahren des ganz normalen Daseins manövrieren musste), um dann energisch und etwas zu weich die Faust zu ballen. „Eigentlich wollte ich ja bei Ihnen Küchengeräte besichtigen, aber Sie sind wohl nicht so gut sortiert.“ Knöbel hielt ihm artig einen chromblitzenden Nussknacker unter die Nase. „Wenn Sie einen besonderen Wunsch haben, dann nur frei heraus. Wir richten uns da ganz nach Ihnen.“

Er zeigte mit dem Finger auf den Schirmständer. „Da“, befahl er, wenngleich nicht genau klar wurde, was dieser Einwurf nun eigentlich bedeuten sollte – vielleicht waren seine Ausdrucksmittel etwas beschränkt, vielleicht hatte er auch nur nach langer Zeit und vielen Schlägen auf den Hinterkopf in einem lichten Moment einen Schirmständer gesehen und sofort als solchen wiedererkannt, wer sollte und wer wollte das schon wissen. „Da“, insistierte der Mann und schüttelte den Zeigefinger in Richtung Eisengestell, „was kostet der?“ Knöbel runzelte die Stirn. „Bedaure, aber das Stück ist unverkäuflich.“ „Preis spielt keine Rolle“, schnarrte der Mann, „ich nehme den hier. Packen Sie gleich ein.“ Knöbel lehnte sich etwas über den Ladentisch. „Unverkäuflich bedeutet: unverkäuflich, was war daran denn so schwer zu verstehen?“ Der Mann schnaufte. „Sagen Sie schon, den Preis! was ist der Preis? Wie viel kostet das Teil?“

Jetzt begriff ich. Das also war das Konzept für diesen Laden. „Entschuldigen Sie“, fragte ich, „ich suche die Abteilung für Küchenzubehör.“ Knöbel verzog keine Miene. Mit einer schwungvollen Bewegung hatte er einen neuen Fleischklopfer aus der Schublade gezogen. „Der wird sehr gerne genommen in Buche mit ergonomisch geformtem Steady-grip-Stiel. Wenn Sie einmal versuchen möchten?“ Der Mann griff etwas zu grob nach dem Gerät und schwenkte es sinnlos durch die Gegend, imaginäre Schnitzel plättend. „Dieser Saltimbocca-Hammer wird mit zwei Molybdänstahl-Enden ausgeliefert. Selbstverständlich ist er gewichtet und ganz im kinetischen Drehimpulsgleichgewicht.“ Der Mann staunte. „Und was kostet der? Wie teuer? Der Preis!?“

Ich pfiff durch die Zähne. „Sechshundert für einen Fleischklopfer“, sagte ich anerkennend. Knöbel verbeugte sich. „Danke, aber ich habe noch nicht einmal alle Register gezogen. Der Preis war sein Auswahlkriterium, also habe ich ihn über den Preis gekriegt.“ „Haben Sie öfters solche Kunden?“ Er nickte. „Ja, es werden mehr. Wir müssen uns einfallen lassen, womit wir die Wünsche dieser neureichen Kunden nach Distinktion noch befriedigen können. Man kauft sich ja nicht jeden Tag eine goldene Uhr oder ein Segelboot – die meisten, die überhaupt nicht mehr wissen, was sie mit ihrem Geld noch anfangen sollen, haben längst aufgehört, nach vernünftigen Waren zu suchen. Sie kaufen alles, wenn es nur teuer ist. Und es muss nicht einmal mehr nach Luxus aussehen.“ „Sie setzen auf Understatement?“ „Sonst nichts.“ Er drehte einen Plastikkugelschreiber zwischen den Fingern. „Sie wollen Statussymbole. Es ist die Panik, sie könnten bei der Erosion unserer Gesellschaft verschlungen werden; so reich sind sie auch wieder nicht, aber sie wollen das bisschen Vermögen gerne deutlich zeigen. Und mein Laden ist ein Geheimtipp.“ Er grinste. „Das Design ist ziemlich ungewöhnlich, aber die Farbe fällt auf. Für einen Hunderter ist das Ihrer.“ „Danke“, winkte ich ab, „aber ich bevorzuge Kugelschreiber aus Metall. Und was wollen Sie machen, wenn einer Ihrer Kunden reklamiert?“ „Keine Sorge!“ Knöbel zeigte sich zuversichtlich. „Immerhin verkaufen wir Qualität.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLIX): Statistikgläubigkeit

4 05 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Da hockt Nggr am Feuer und überschlägt den Proteinverbrauch der Bedarfsgemeinschaft: gestern ein Drittel Mammut, heute ein Drittel Mammut, da bliebe der Rest für den folgenden Tag doch gerade im Rahmen. Wieder eine Erleichterung, die das Denken nicht immer erforderlich macht. Schnell entwickelt der Hominide aus den verfügbaren Mitteln eine Methode, sich nicht ständig mit dieser Wirklichkeit außerhalb der Höhle abzugeben: eine mehr oder weniger systematisch erscheinende Verbindung von Erfahrung und Theorie. Er nennt das Ding Statistik, und damit beginnt die Farce.

Statistik ist der Rückweg des Menschen in seine selbst verschuldete Unmündigkeit. Wir glauben mit Vorliebe das, was wir nicht sehen und nicht einmal ansatzweise begreifen, immer vorausgesetzt, man erklärt es uns so, dass wir es nicht einmal ansatzweise verstehen. Denn Erfahrung heißt nicht zwangsläufig, dass sie ohne die leichte Eintrübung des Denkapparates einherging. Wer nur sieht, was ihm sowieso in den Kram passt, der schwiemelt sich auch ohne Not das richtige Ergebnis zurecht. Und was heißt schon Theorie? Braucht eine Ideologie belastbare Nachweise, um Groupies in die erste Reihe der Verteidigung zu schubsen?

Bestünde die heutige Gesellschaft nur aus Milliardären und Obdachlosen, ihr sollte es im Durchschnitt gut gehen, da jeder ein annehmbares Sümmchen auf dem Konto hätte. Der Wasserstand sagt eben nichts aus, denn selbst bei Sturmflut hockt der Betrachter noch immer in Sicherheit auf seinem Kahn, sieht die Bordwand und stellt keinen Unterschied fest, weil es den Enten allenfalls bis an den Hintern reicht. Und so sind auch Fingerspiele mit Zahlen de facto purer Unsinn, auch und gerade dann, wenn die Zahlen es hergeben. Was an reiner Zahl in dieser Welt existiert, mag als Abstraktion taugen, als Beschreibung jedoch nicht, denn die Zahl erreicht einen Beigeschmack von Absolutheit, der als kreativer Umgang mit der Realität selten etwas mit dem Wachzustand gemein hat. Wer frisst und säuft, dem geht’s nicht nur pekuniär gut, er nippelt vermutlich auch signifikant früher ab. Was also beschreibt die Glückhaftigkeit des Nettoeinkommens weniger als der pure Phänotyp?

Wer dem Gefasel der Zahlen auf den Leim geht, hat meist den Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation eh nicht kapiert; wo die Wissenschaft die Storchenpopulation sieht, walkt der Boulevard sein Hirnmüsli durch und verkündet präpubertär die Bedingtheit zwischen Klappern und Kopulation. Käme er auf den Gedanken, dass beides sich in den Neubaugebieten auf renaturiertem Land zuträgt, er wüsste wohl, wo junge Grüne ihr Stückchen Wiese zubetonieren, um elitäres Familienleben zu spielen.

Wir glauben der Zahl blind, es interessieren nur die Prozente, nicht aber Verfahren und Volatilität der Werte, geschweige denn ihre Vergleichbarkeit und Einordnung in der tatsächlichen Welt. Wie viel Prozent aller Statistiken sind bloß hilfsverbale Absonderung von Volleulen, selbst wenn sie stimmten? Gaukeln nicht 54,4465% aller Statistiken eine Genauigkeit vor, die durch zu rechtfertigen ist? Wird nicht die Statistik, wenn sie an prominenter Stelle den Rückgang der Fahrraddiebstähle um 50% preist, herzlich witzlos, wenn es davon im letzten Jahrzehnt eh nur einen gab? Ist nicht das mathematische Kompetenzimitat gezuckerter Brei für die bürgerlichen Säuglinge, die besser schlafen sollen?

Der Fehler der Statistik ist die nur auf Empirie basierende Erkenntnis, die in der quasireligiösen Ausrichtung auf die Zukunft das Vergangene zementiert. Deutschlands Apfelesser verzehren pro Kopf und Tag ein Pfund Früchte? Flugs richtet sich der Ökobauer auf vermehrte Ernten ein, verklappt eine Extraschicht auf dem EU-Berg und wundert sich, dass die zeitweilige Mode des Apfelessens keinen Niederschlag in den folgenden Jahren findet, während der Konsument längst bei Birne und Kiwi angekommen ist. Das heitere Zahlenfeuerwerk projiziert seine Mutmaßungen in eine Zeit, die nicht lenkbar ist, weil die Wirklichkeit sich nicht an Statistiken hält – was wäre, wenn nur auf Grund des Geburtenanstiegs die entsetzte Generation von Eltern alsbald das Zweitkind aus der Planung striche, keiner mehr Kinder in die Welt setzte und damit die aktuelle Statistik in die Tonne träte? Nur ein Rückkoppelungseffekt, wer rechnet auch damit.

Und wie vermittelt man auf Niedrighirnniveau die Segnungen der arithmetischen Jonglage? Gibt man dem Chirurgen zu verstehen, dass zehn Prozent der Eingriffe in die Hose gehen, dann kneift er und lässt der Natur den Lauf. Teilt man ihm mit, dass die Operation zu 90% gut verläuft, greift er sofort nach Messer und Gabel. Was auch immer bedeutsam aussieht – wie gut verlaufen denn andere Eingriffe, und war nicht die Trefferquote vor einem Jahrzehnt noch besser? – muss noch lange keine Bedeutung haben für eine Welt, die nicht aus luftleeren Blasen besteht. Statistik ist, darin der Soziologie ähnlich, eine Terminologie, die nur dafür erfunden wurde, sich selbst zu erklären. Wenn überhaupt. Wir werden unsere 1,3 Kinder befragen und die 0,85 Hunde pro Haushalt.








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 4,485 other followers