In der Venusfalle

4 02 2013

Möglicherweise war die Sache von langer Hand geplant. Möglicherweise hatte sie sich aber auch erst in diesem Augenblick ergeben. Mit zitternden Fingern zog der alte Mann die Türkarte durch den Schlitz. Das Schloss sprang mit einem metallischen Knacksen auf. Die junge Journalistin trat in das Hotelzimmer ein und ließ die Strickjacke achtlos von den Schultern gleiten. Sie schritt direkt auf das Bad zu. „Momentchen noch“, gurrte sie, „ich will mich nur eben ein bisschen frisch machen.“

Sekunden später hatte er die Schuhe ausgezogen und die Hosen heruntergelassen. Er knotete mit schwitzigen Fingern die Krawatte auf, nestelte sich aus dem Hemd und schlug die Bettdecke zurück. Dann beugte er sich herunter, um die Socken abzustreifen, doch er hielt inne; er zog die Nachttischschublade auf und griff hastig nach dem Mundspray. In diesem Moment hörte er das Geräusch hinter sich. Instinktiv drehte er sich um, das Sprühfläschchen noch in der Hand.

Die Partei leugnete, er hätte die Bekanntschaft der Journalistin am Rande des Neujahrstreffens gemacht; sie sei ihm nicht auf sein Zimmer gefolgt, dort habe er sich lediglich mit ihr unterhalten, sei aber nicht fotografiert worden, und auf den Fotos wäre er nie unbekleidet zu sehen. Zu dieser Zeit jedoch hatte noch niemand ein Bild zu Gesicht bekommen, geschweige denn in Erfahrung bringen können, um wen es sich bei der Journalistin gehandelt hätte. Für eine feindliche Agentin gab es keinen Anhaltspunkt.

Die Schlagzeilen der Boulevardpresse nahmen sich der Sache schnell an. Der Nackte kann ohne und In der Venusfalle und Das füllt kein Dirndl aus titelten die Blätter. Meist waren die Bilder grob verpixelt, stark verwackelt und unscharf, zudem mit Balken über den Augen und anderen Körperstellen versehen. Die Partei schwieg, ihr hochrangiger Funktionär, ehemaliger Bundesminister und prominenter Talkshow-Gast jedoch nicht. Er sammelte um sich Unterstützer für die Gegenwehr. Ein wütender Anruf in der Chefredaktion des größten deutschen Unterschichtenblattes – in Abwesenheit des Chefredakteurs – sollte für klare Fronten sorgen. Das hätte er besser gelassen.

Nach einem Tag trügerischer Ruhe erschien das Blatt mit einer hochauflösenden Fotografie. Das Bild zeigte zunächst lediglich den Oberkörper des Ex-Ministers, wie dieser sich Pfefferminzaroma in den Rachen sprühte. Die Bildunterschrift argwöhnte bereits, ob es sich um eine neu entwickelte Art von Kreide handeln könnte – von Seiten der Partei hatte es keine Kritik an der Zeitung gegeben – oder um das sagenumwobene Nachfüllpack mit Heißluft, die der Fraktionsvorsitzende bei Parlamentsreden in großer Menge abzusondern gewohnt war. „Es ist“, folgerte eine nicht näher bekannte Person, hinter der sich wohl der Chefredakteur selbst befand, „der Alkohol, der ihm die charakteristische Fahne verschafft, ohne die er leicht verwechselt werden könnte.“ Ein Kommentar auf Seite drei befasste sich mit der Frage, ob er bewusst Sprühschnaps zu sich genommen hätte, um auf der Polizeiwache für unzurechnungsfähig erklärt zu werden, was ihm eine peinliche Untersuchung erspart hätte.

Erste Talkshows hatten den Stoff für sich entdeckt. Ein besonderes Augenmerk hatte der Moderator einer Sonntagabend-Sendung auf die Zusammenstellung der Diskussionsteilnehmer, die im Schnitt das Rentenalter aufwiesen. Thesen wie „Männer sind nun mal so“, „Wenn man sein Hotelzimmer betritt, zieht man sich eben aus“ oder „Die hat schuld, weil die ist eine Frau“ wurden eine gute Stunde lang gegeneinander abgewogen. Das brachte so gut wie keine Erkenntnisse, erforderte also eine sofortige Fortsetzung in zahlreichen anderen Gesprächsformaten.

Die Partei kochte vor Wut, konnte jedoch nichts unternehmen. Intern wurde berichtet, sie würde auf zukünftigen Parteitagen Journalistinnen der großen deutschen Boulevardzeitung nicht mehr zulassen. Diese konterte es am folgenden Tag mit einem ganzseitigen Farbfoto (volle Figur, frontal) und der Schlagzeile Da hängt sein Brüderle. Nicht weniger gut getroffen zeigte ein bekanntes Satiremagazin das ehemalige Regierungsmitglied. Wir zeigen ihn in Originalgröße erklärte das Titelblatt; als Gimmick lag der Ausgabe eine Lupe aus transparentem Plastik bei.

Erstmals meldeten sich Nachwuchskräfte der Partei zu Wort; sie verteidigten den Spitzenmann mit der ihnen geläufigen Art, die sie auch bei verurteilten Steuerhinterziehern zuwenden pflegten: die Tatsache, dass er sich der Journalistin unter Umständen habe unsittlich nähern wollen, ist noch nicht ehrenrührig, lediglich der Umstand, dass er sich habe erwischen lassen, spreche gegen ihn. Andere Meinungen ließ der Vorstand nicht gelten, nicht einmal außerhalb der Partei.

Die große deutsche Boulevardzeitung schien sich nicht daran zu kehren. In der Printausgabe vergoss der seit Jahren geübte Kolumnist, der über jedes Thema schreiben kann – wenn ihm das Thema ausgeht, schreibt er einfach weiter – heftige Tränen über die grassierende Unmoral, die vor allem auf Frauen zurückfalle, sie sich mit ihr nicht abzufinden bereit seien, während die Internetausgabe eine Klickstrecke halb nackter Prominenter zeigte, die ohne ihr Wissen abgelichtet worden waren.

Wenigstens zeigte sich die Partei einmal entschlussfreudig. Ab sofort wurde es ihren Vorstandsmitgliedern untersagt, Journalistinnen mit aufs Hotelzimmer zu nehmen. Stattdessen sollte das Führungspersonal mit zu den Journalistinnen gehen. Dann sei im Falle eines Übergriffs nicht der Politiker beschädigt, sondern die Journalistin. Die Partei stellte sich hinter ihren Spitzenkandidaten. Möglicherweise.





Auffangstation

21 01 2013

„Sind Sie da hinten, Rösler? Warten Sie noch einen Augenblick an der Kante. Ich bin gleich bei Ihnen. Nur einen kleinen Augenblick. Paar Sekunden, Rösler. Gleich. Dann können Sie springen.

Natürlich bin ich vom Kriseninterventionsteam. Oder hatten Sie gedacht, ich turne hier aus Jux und Tollerei auf dem Dach herum? Clown gefrühstückt, Rösler? Ja, so sehen Sie aus. Mein Ton? Was soll mit meinem Ton sein, Rösler? Haben Sie noch irgendwelche Sonderwünsche? Ich bin hier vom Sicherheitspersonal. Ich stelle sicher, dass Sie diesmal auch wirklich vom Dach hüpfen. Oder was hatten Sie sich vorgestellt? Dass Sie hier oben eine Runde schmollen können und wir irgendwann schon angelaufen kommen und betteln, dass Sie doch bitte herunterkommen? Geht’s noch!?

Ja sicher ist das hier roh. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, Rösler. Sie haben Nerven! Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, schon vergessen? Und wenn einer es nicht bringt, dann schmeißt man ihn weg. Nicht raus, Rösler. Die Zeiten sind vorbei. Weg. So ist das heute. Wer aus irgendeinem Grund nicht mehr gebaucht wird, zu alt, überqualifiziert, Fusion, der Firma geht’s zu gut – okay, trifft auf Sie alles nicht zu, aber egal – wer nicht gebraucht wird, den schmeißt man weg. Ab in die soziale Hängematte, ins Freizeitparadies Deutschland, wo man sich dann in spätrömischer Dekadenz wiederfindet. So hatten Sie sich das doch gedacht, oder? Na, dann denken Sie mal weiter.

Mitleid können Sie sich abschminken. Ich bin zwar vom offiziellen Kriseninterventionsteam, aber wir sind privatisiert worden. Nur noch Zeitverträge, 35-Stunden-Jobs, Schichtzuschläge weg, und das Gehalt ist seit sieben Jahren nicht erhöht worden. Ich mache hier nur noch Dienst nach Vorschrift. Rauf aufs Dach, anschnauzen, und wenn einer nicht freiwillig springt, gibt’s aufs Maul. Die unten in der Auffangstation hatten ja früher auch mal einen besseren Job, aber was soll’s. Wir sind hier nicht in einer sozialistischen Wohlfühloase, hier wird auf Kundenwunsch gearbeitet. Und was Ihre Partei mit Minderleistern macht, dürfte Ihnen bekannt sein.

Sie werden so behandelt, wie Sie die anderen behandelt haben. Ist doch nicht so schwer zu verstehen, oder? Jammern Sie nicht, Rösler. Erstens ändert es nichts an der Lage, und zweitens ist meine Zeit begrenzt. Das interessiert außerdem keine Sau mehr. Hier oben hört sie keiner. Und kommen Sie gar nicht erst auf den Gedanken, mit mir zu verhandeln. Ich kann nichts dafür, dass Sie in Ihrem Leben bisher nichts auf die Reihe gekriegt haben. Und außer Ihnen dürfte auch niemand dafür verantwortlich sein. Nein, ich will Ihre Kohle nicht. Und ich springe auch nicht für Sie da runter. Das ist mal wieder so typisch für Sie, Rösler. Geld in die Hand nehmen, das man nicht hat, um andere in die Scheiße zu reiten, nur damit man selbst nicht geradestehen muss für die Folgen seiner eigenen Dummheit. Großartig, Rösler. Ganz großartig.

Ich soll Ihnen Hoffnung machen? Prima Idee. Das ist ja für einen Bundesminister und Parteichef auch keine Sache, die man einfach mal selbst auf die Reihe kriegt. Schlage vor, wir machen das wie bei Ihrem Schleckerfrauen-Einsatz. Bestimmt gibt es für Sie eine Anschlussverwendung, Rösler. Der Bundestag ist ja groß, der hat siebenmal so viel Sitze wie FDP-Abgeordnete. Und wenn’s für den Bundesvorsitzenden nicht mehr reicht, dann tritt doch ganz bestimmt der Vorsitzende der FDP im Saarland für Sie zurück, nicht wahr? Ach was, Rösler, das schaffen Sie schon. Sie sind ja nur Nebenverdiener, richtig? Die Kohle bringt doch bei Ihnen auch die Frau ins Haus, stimmt’s?

Sie werden wohl wissen, was jetzt kommt. Beim letzten Durchgang waren Sie auf der anderen Seite. Und jetzt sind Sie dran, Rösler. Wir machen das so, wie Sie das von Westerwelle kennen. Bis Sonntag wurde Geschlossenheit geheuchelt und Loyalität markiert, und einen Tag danach wird dann mit Ihnen aufgeräumt. Bis gestern stand der ganze Laden noch hinter Ihnen und war wie besoffen von Ihren epochalen Leistungen als Wirtschaftsgenie, epochaler Vizekanzler und charismatischer Führer der einzig relevanten politischen Kraft der freien Welt. Ab heute sind sich alle einig, dass Sie ein peinlicher Popanz sind, Rösler. Ein Schnösel, der nicht einmal unfallfrei Arroganz spielen kann. Ein kleines, krähendes Milchbübchen. Sie werden so behandelt, wie Sie die anderen behandelt haben.

Extrawurst, was? Für Sie macht doch keiner einen Finger krumm. Die haben seit einem Jahr gesammelt, was die Presse über Sie schreibt. Vor lauter Loyalität und Siegesgewissheit konnte ja keiner ahnen, dass die Partei total im Eimer ist. Oder dass Sie daran schuld sein könnten, Rösler. Da war bis gestern keinem klar. Jetzt kriegen Sie den ganzen Sott eben ab. Aber trösten Sie sich, der Lindner hat Ihnen das alte Zeugs mitgebracht, das fühlt sich dann wenigstens ein wenig vertraut an. Dass er Westerwelle noch nie hat ausstehen können, dass Westerwelle ein Volldepp ist, dass man unter ihm nicht arbeiten konnte, weil der alles, was man in mühevoller Kleinarbeit aufbaut, sofort mit dem Hintern wieder einreißt – kennen Sie, oder? Das werden Sie jetzt auch hören. Die haben nur eben den Namen ersetzt. Aus reiner Höflichkeit.

Gut, dann wären wir so weit. Springen Sie, Rösler. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Sparen Sie sich die Volksreden, es glaubt Ihnen sowieso keiner mehr ein Wort. Einmal über die Brüstung, hopp, und weg. Los jetzt! Oder muss ich erst – gut so. Sehr gut. Schöner Aufschlag. Hallo, Kollegen? Der Nächste. Schickt mir Brüderle rauf.“





Dreikönigskläffen

7 01 2013

„Wer macht eigentlich den Vorsitzenden?“ „Aber wir haben doch jetzt…“ „Ich meine ja auch, wer kommt nach Brüderle.“

„Also jetzt mal langsam. Noch haben wir…“ „Eben. Noch.“ „Aber wenn…“ „Wird er aber nicht.“ „Und das wissen Sie genau?“ „Sie doch auch.“ „Ja, aber…“ „Dann sind wir uns ja einig. Und dann können wir schon mal sehen, wer nach Brüderle kommt.“ „Aber dazu müsste der doch auch erstmal den Vorsitzenden machen.“ „Macht er doch auch.“ „Er hat doch gesagt, er will nicht.“ „So deutlich hat er gesagt, dass er auf den Posten scharf ist?“ „Nein, er hat gesagt, dass er ganz loyal hinter Rösler…“ „Na, dann kann der ja schon mal einpacken.“ „Glauben Sie denn Brüderle nicht?“ „Sowieso nicht, aber wenn er schon derart deutlich zum Ausdruck bringt, dass sie Westerwelle…“ „Bitte!?“ „Pardon. Ich war im Jahr verrutscht.“

„Man muss doch diesen ganzen Nachfolgekram auch vernünftig regeln können.“ „Wie hatten Sie sich das gedacht? Dynastien? Erbfolge?“ „In der CDU beispielsweise…“ „Ach was. Da kommt’s doch nicht auf Politik an. Der breiteste Hintern gewinnt.“ „Klingt einleuchtend. Irgendwann landen die sowieso alle im Rollstuhl.“ „Eben. Und bei der SPD nehmen sie den, der am besten sämtliche sozialdemokratischen Ziele hintertreibt.“ „Dann geht das doch bei der FDP auch?“ „Was meinen Sie denn da genau?“ „In der FDP wird automatisch die dümmste Knallschote nach oben durchgereicht, ja?“ „Das wäre zu einfach. In der Geschäftsordnung ist ein ritueller Dolchstoß vorgesehen, ohne geht’s wirklich nicht. Tut mir leid.“

„Warum muss Rösler überhaupt weg?“ „Das ist eine Scherzfrage, oder?“ „Gar nicht. Ich würde nur gerne wissen, warum die bis jetzt gewartet haben.“ „Bis zum Parteitag?“ „Nein, überhaupt. Dass der Mann ein realitätsresistenter Pausenclown ist, dürfte doch seit zwanzig Jahren bekannt sein.“ „Hm. Da ist was dran.“ „Ob er zu ehrlich war?“ „Wie meinen Sie das?“ „Er hat gesagt, was Sache ist.“ „Sie meinen, als er gesagt hat, wir bräuchten noch mehr Ausbeutung, wir müssten das Tafelsilber verscheuern, und wer arbeitslos ist, soll sich einfach einen neuen Job suchen?“ „Richtig. Das geht doch nicht.“ „Das stimmt. In der FDP sagt man einfach nicht die Wahrheit.“ „Schon gar nicht, wenn die Wahlen kurz vor der Tür stehen.“ „Und weil er beschlossen hat, mit 45 aus der Politik auszusteigen.“ „Das geht auch nicht. Jetzt leistet er sich die Frühverrentung bei vollem Lohnausgleich.“ „Auch ungerecht. Die anderen müssen zusehen, dass die Wirtschaft so etwas wie sie überhaupt gebrauchen kann, und der kneift einfach den Schwanz ein.“ „Hoffen wir mal, dass er eine Anschlussverwendung bekommt.“ „Naja. Eher eine Abschussverwendung.“

„Und wenn Brüderle weg ist? Werden die alle in die Wirtschaft weitergereicht?“ „Zwangsläufig, das muss ja bis zur Bundestagswahl über die Bühne gehen.“ „Warum vorher?“ „So viele Pfeifen kriegen Sie im Wirtschaftsministerium nicht unauffällig eingestellt.“

„Dann bleiben jetzt: Niebel, Kubicki, Brüderle, Lindner.“ „Ah, Sie nehmen das sportlich?“ „Kann man sagen. Vierschranzentournee.“ „Den Lindner vergessen Sie mal wieder. Der tapst noch in seiner Eierschale herum.“ „Also Dreikönigskläffen.“ „Und wer macht das Rennen?“ „Viel wichtiger ist doch: wozu?“ „Für mehr Geschlossenheit in der Partei. Das sehen wir vor allem an den Landesverbänden.“ „Warum gerade da?“ „Weil die Landesverbände einen Sonderparteitag einberufen wollen.“ „Wenn Rösler zurücktritt?“ „Wenn er nicht zurücktritt.“ „Ich sehe schon, Sicherheit wird in der FDP wieder groß geschrieben.“ „Es ist wie auf dem freien Markt. Wobei die Regeln nur für die anderen gelten.“ „Und zum Schluss wird man gerettet.“ „Die Fallschirm-Mentalität.“ „So kenne ich den Laden.“

„Ein Problem könnte es noch geben.“ „Sie meinen, wenn Rösler bleibt?“ „So viel Sesselkleber hatte nicht mal Wulff unterm Hintern.“ „Dann könnte er jetzt bloß noch im Wahlkampf richtig am Rad drehen.“ „Eben. Die haben schon geschrieben, acht Prozent seien nicht der Meinung, dass Brüderle der bessere Parteivorsitzende sei.“ „Ist vertretbar. Wo wäre dann jetzt das Problem?“ „Stellen Sie sich das mal vor. Rösler hört ‚Acht Prozent‘ und…“ „Nee, schon klar.“

„Gut, dann lassen Sie uns jetzt mal Nägel mit Köpfen machen.“ „Passt irgendwie gar nicht zur FDP, oder?“ „Rösler bezeichnet alle Spekulationen über seinen Rücktritt als Hirngespinste.“ „Die FDP fliegt aus dem niedersächsischen Landtag.“ „Noch am Wahlabend macht Rösler die Unterwanderung Deutschlands durch stalinistische Arbeitsscheue für den Linksruck verantwortlich und lehnt jede persönliche Konsequenz ab.“ „Lindner nennt die Angriffe innerhalb der FDP blanken Rassismus wegen Röslers Migrationshintergrund.“ „Brüderle weist Gerüchte zurück, er wolle den Parteivorsitz beanspruchen, und stärkt Rösler demonstrativ den Rücken.“ „Niebel schließt sich Brüderle vollinhaltlich an.“ „Auf dem Sonderparteitag wird Rösler mit einer Stimme gegen den ganzen Rest als Vorsitzender abgewählt.“ „Brüderle wird Parteichef und verspricht ein grandioses Wahlergebnis von mehr als zwanzig Prozent.“ „Niebel schließt sich Brüderle vollinhaltlich an.“ „Lindner lässt in einer Pressemitteilung verlautbaren, er habe Rösler immer schon bekämpft, da dieser seine Vision von einem mitfühlenden Schmarotzerkapitalismus nicht in seine Parteitagsreden übernommen habe.“ „Niebel sagt, er sei kein Rassist, aber er freue sich darauf, seine Partei endlich ohne diese Fidschifresse regieren zu können.“ „Brüderle… ach, lassen wir das.“ „Die FDP versemmelt die Bundestagswahl.“ „Und dann?“ „Dann hat der Laden eine Niebelschlussleuchte.“





Dreimal schwarzer Kater

5 01 2012

„Nee, läuft gut bisher. Stühle da, Tische da, die Steckdosen funktionieren. Alles paletti. Echt. Läuft gut. Von der FDP ist ja noch keiner gekommen.

Wir machen hier ja sonst eher den gehobenen Kulturbetrieb. So Sachen, bei denen richtig Leute kommen. Volksmusik, Sitztanz, und 2011 hatten wir drei Katzenzuchtvereine. Solange man das alles wieder beseitigen kann, ist mir das völlig egal, was die hier so veranstalten. Ich sage immer, man kann über alles reden. Wenn Sie hier Schweinkram veranstalten, dann müssen Sie das eben auch wieder wegmachen. Oder wenn Sie Extras wollen, kein Problem. Wer zahlt, bestimmt die Musik. Das sollten die bei der FDP ja am besten wissen.

Man weiß ja immer nie, wer da was will. Der Rösler bestellt Wein, der Schäffler zahlt nur für Wasser, der Bahr zahlt gar nicht, der Westerwelle will noch Geld raushaben – es ist ja alles, Licht und Teppich, und dann brauchen die vielleicht noch mehr Stühle. Kostet alles Geld. Und das muss ich vorher organisieren. Man hat das hier aber auch schwer! Schauen Sie, bei der CDU ist das kein Problem, die Merkel bestellt, dann schickt man denen die Rechnung, die geht schnurstracks weiter an die Steuerzahler – das läuft. Aber hier? Wenn Sie bei der FDP einen fragen, dann können Sie sich ja nie sicher sein, wer da nach dem Parteitag noch im Vorstand hockt!

Allein die PR-Abteilung. Furchtbar, das mache ich garantiert nicht mehr wieder. Den Geburtstag des Unbekannten Tubisten, das Sommerfest der Deutschen Herzklappenschmuggler, alles. Aber nicht die PR für diesen Haufen. Sie verschicken die Einladungskarten an die Lokalpresse, und überall will der Kubicki noch seinen Senf dazugeben.

Lachshäppchen natürlich. Und Schaumwein. Also diese Zuckerplörre, die Sie beim Billigheimer bekommen. Sieht ja keiner. Wird auch keiner von denen zugeben – die süffeln das Zeug einfach weg, da wird keiner groß herumlamentieren, dass die Plempe nach Arsch und Friedrich schmeckt. Gibt ja auch keiner von denen zu, dass sie mit dem Rücken an der Wand stehen. Die feiern sich lieber noch eine Runde selbst. Und da sie danach eh Kopfschmerzen haben werden, spielt der Sekt auch keine Rolle.

Kater ja, aber dreimal? ohne Lindner? Sie, ich dachte erst, das sei wieder so ein Karnevalsverein! Wie die hier ankommen und einen auf dicke Hose machen – drei mal drei Käse hoch, aber die Nase in die Luft, der Saal ist denen gerade noch gut genug. Aber so sind die ja alle. Die sind es einfach nicht gewohnt, dass sie zwischendurch diese komischen Dreikönigskostüme ausziehen müssen. Oder eben dreimal schwarzer Kater.

Ein Zauberer wäre noch mit drin gewesen im Basispaket für kleinere Großveranstaltungen, aber den brauchen die wohl nicht. Wenn ich das richtig verstehe, hat die FDP nur einen Zaubertrick: einer von denen zieht Steuersenkungen aus dem Zylinder. Und der wird dann von einer Generation zur nächsten weitervererbt. Also der Trick.

Ich weiß ja auch nicht, was da passiert ist. Dass der Lindner aber auch so plötzlich gehen musste? Wissen Sie, der Rücktritt von dem war wie der Euro-Rettungsschirm. Es gibt einem ein paar Tage Zeit, verhindert aber nicht den großen Knall am Ende.

Die wollten doch echt Spezialeffekte haben. Spezialeffekte! Also für die paar Männerchen, was bieten Sie da an? Haben wir natürlich nachgefragt. Der Bahr wollte unbedingt Raketen und so was, ordentlich Knaller, aber zu dem Preis hätte ich denen nur noch ein Tischfeuerwerk wie Koch-Mehrin liefern können. Und dann kriegte ich den Rückruf, die Homburger sollte sich um den Kram kümmern. Naja, die ist eben mit allem überfordert, was komplizierter ist als eine Luftschlange.

Wissen Sie, was richtig nervt? wenn man für so einen Kunden die Sponsorenakquise machen muss. Da wünsche ich mir die Katzenzüchter zurück. Sie können doch schlecht jemanden anpumpen, wenn Sie dem sagen, für wen das ist. Sie gehen da hin und bitten um 5.000 Euro, damit die Firma im Programmheft steht, und die bieten Ihnen 50.000, damit Sie nicht im Zusammenhang mit der FDP genannt werden. So kann man doch nicht arbeiten!

Garderobenservice haben wir diesmal von einem leistungsbereiten Großbetrieb geordert. Wir rechnen da mit größten Herausforderungen. Das Wetter? nee, schneit ja gar nicht. Aber die werden da alle mit Paletot erscheinen, davon gehe ich aus. Und anziehen und ausziehen und abziehen und ausziehen – die müssen ja jederzeit ihr Mäntelchen nach dem Winde drehen können.

Wir wollten ja erst Sonderdeko anbieten, mit Samt, vorne alles schwarz ausgeschlagen, und links noch paar Engelchen. Ich dachte mir, nachdem der Rösler das mit der Abstimmung vergeigt hat, da hat die Partei ja ihr Urnenbegräbnis quasi schon hinter sich. Da können die schnell noch eine drittklassige Trauerfeier hinterherschieben, das fällt bei denen ja gar nicht auf. Das Drittklassige. Und dann können sie den Laden hier standesgemäß zumachen, wir hätten da noch einen Tag drangehängt, weil der Landesfußpflegerkongress ja jetzt ausfällt, da haben wir die Halle trotzdem voll.

Der Brüderle hat ja schon abgesagt – nein, nicht selbst. Der muss ja inzwischen ein ganz wichtiger Mann geworden sein. Der sagt seine Reden schon gar nicht mehr selbst ab. Der schickt seinen Chef vor für solche Kleinigkeiten.

Sehen Sie, geht schon los. Catering. Lindner bestellt, Rösler ändert, Bahr will’s nicht haben. Rösler meint, Lindner ist weg, dann hat Bahr auch nichts mehr zu melden. Bahr weiß nicht, worum es geht, weiß aber, dass Rösler Unrecht hat. Der eine tritt den anderen in die Hacken. Westerwelles Musterschüler. Wissen Sie was? Ab jetzt nur noch gegen Vorkasse.“





Die Nacht der langen Messer

5 01 2011

„Selbstverständlich ist niemand direkt schuld an dem Zustand.“ „Das hätte auch keiner erwartet. Die FDP ist ja nie an irgendwas schuld.“ „Nur werden solche flapsigen Parolen diesmal nicht helfen. Die Partei ist am Ende. Guido Westerwelle ist nur einen Schritt vom Abgrund entfernt.“ „Richtig. Und das Präsidium steht geschlossen hinter ihm.“

„Was soll denn die Partei jetzt noch machen?“ „Aufgeben?“ „Das ist keine Option. Sie erwarten doch wohl nicht im Ernst, dass sich der Laden jetzt auflöst.“ „Von sofortigem Vollzug war ja nicht die Rede. Es ist alles eine Frage des Termins.“ „Das grenzt an Selbstzerstörung, was die jetzt betreiben. Das macht doch kein normaler Mensch.“ „Trösten Sie sich, seit Möllemann ist das gute Tradition in der FDP.“ „Es wird sich alles ändern müssen, man kann doch so nicht weitermachen.“ „Was schlagen Sie vor, die Nummer mit den Bürgerrechten? oder die große Bildungstour?“ „Das wäre doch schon mal ein Ansatz.“ „Ach Gott… für Bildung fehlt in diesem Juristenhaufen jemand, der wüsste, worum es sich handelt und wie man das schreibt. Und Bürgerrechte – ein kleiner Haufen Blindgänger biedert sich auf einmal beim Wähler an, dem er nicht einmal das Wasser reichen kann? Wie putzig!“ „Was sollen sie denn sonst machen?“ „Nichts.“ „Gar nichts.“ „In Schönheit sterben scheint aber auch nicht gerade die Lösung zu sein.“ „Es wird nur nicht anders gehen. Sie haben den Ausstieg verpasst. Sie waren Hasardeure, Zocker, die alten Waghälse, die immer noch warten mussten, dass die Aktien steigen. Jetzt sind sie nicht nur gefallen, sie haben den Boden durchschlagen, und sie hatten nichts Besseres zu tun, als sich einen neuen Mythos aus den Rippen zu schnitzen: dass ihr Wert irgendwann wieder steigen könnte.“

„Sie werden also Westerwelle absetzen.“ „Sie gestatten, dass ich lache?“ „Was ist daran lachhaft, wenn man mal von Westerwelle absieht?“ „Ein Hochflieger, der sich auf dem Tiefpunkt seiner Karriere aus dem Staub macht.“ „Es weiß jeder, dass er dem Ansehen der Partei schweren Schaden zugefügt hat.“ „Es weiß momentan nur jeder, dass sich Rösler, Niebel und Karnevalströte Homburger beim Speichellecken gegenseitig in die Hacken treten.“ „Das müssen die doch. Wenn man Sie vor die Wahl stellt, ob Sie ihren Job loswerden oder vor dem Chef in die Knie gehen wollen, wie würden Sie sich entscheiden?“ „Das klingt ja einigermaßen logisch – wo doch um Niebel herum eine Horde von Deppen im Präsidium hockt, die in anderen Parteien höchstens Hausmeister geworden wäre.“

„Aber mit billiger Kampfrhetorik wird die FDP auch nicht gerettet. Den Schneid kauft einem keiner mehr ab.“ „Deshalb wird es die Nacht der langen Messer geben.“ „Die Nacht der langen Messer? Sie meinen, es wird…“ „Möglicherweise. Für billige Dramen waren sie immer schon zu haben.“ „Wie wollen sie das jetzt machen? Sie haben sich doch schon alle loyal gezeigt und solidarisch und unbestechlich.“ „So viel Unbestechlichkeit kostet halt ein bisschen.“ „Sie meinen die Zukunft der Partei?“ „Natürlich. Wäre die FDP mit ihrem Steuersenkungsgefasel auch nur einmal erfolgreich, sie hätte nie wieder ein Thema für den Wahlkampf. Das muss man auf lange Sicht bedenken. Und eine Null-Themen-Partei ist selbst für diese seekranken Leichtmatrosen nicht steuerbar.“

„Also muss Westerwelle doch weg.“ „Das hat auch keiner bestritten.“ „Meinten Sie nicht, man könne ihn nicht absetzen?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Es wäre doch Verrat.“ „Auch Verrat ist eine Frage des Termins. Man kann steht ja schon geschlossen hinter ihm.“ „Und das ist schon die Lösung?“ „Sie haben beschlossen, dass Westerwelle an den Ergebnissen der Landtagswahlen schuld ist.“ „Das ist doch Unsinn, wie soll das funktionieren?“ „Er wird eine großartige Rede halten, das Einfach-niedrig-und-gerecht-Gewölle auskotzen, bis der Dreikönigreichssaal sich zuckend windet, und dann wird er sein Fußvolk nachplappern lassen, dass nur die grandiosen Erfolge der Liberalen noch nicht laut genug im Volke widerhallen.“ „Es wird sich nichts ändern.“ „Richtig. Ein todsicherer Tipp, wenn man auf einen Totalzusammenbruch spekuliert.“ „Aber damit haben sie ein Argument in der Hand, ihn in die Wüste zu schicken.“ „Eben. Die Vorlage ist fertig, jetzt muss man nur noch warten, das eigene Gesicht zu wahren.“ „Warum das eigene Gesicht, warum nicht das von Westerwelle?“ „Wann hätte der je selbst Rücksicht genommen auf jemanden?“

„Gut, wir haben ein Opfer, wir haben einen Grund.“ „Nennen wir’s lieber einen Anlass, Gründe waren immer schon da.“ „Wer wird der Täter? Kubicki?“ „Ein alternder Gockel, der nur die Klappe aufreißt, weil er weiß, dass er nie wieder in eine verantwortungsvolle Position kommt.“ „Solms?“ „Jahrelang gedemütigt, weil er im Gegensatz zu Westerwelle etwas von Wirtschaft und Finanzen versteht und es den Schreihals auch wissen ließ. Jetzt ist er zu alt.“ „Homburger?“ „Die wird beim Dreikönigsschießen als erstes von der Stange geholt.“ „Brüderle?“ „Der wird höchstens Übergangs-Chef. Den Untergang besorgt Lindner.“ „Ein kleiner, farbloser Kläffer, der sich immer hinter seinem Chef versteckt hat? Dieser Versager, der außer zwei Firmenpleiten und etwas Haarausfall noch nichts geleistet hat, soll den Hampelmann der Eliten spielen?“ „Er ist die ideale Besetzung für einen Nachfolger: ein skrupelloser Feigling, der im letzten Augenblick kalte Füße kriegt, wenn man ihm den Dolch in die Hand drückt und ihn nach vorne schiebt.“ „Der soll gegen den Vorsitzenden rebellieren, wenn Westerwelle die FDP bei drei Prozent zementiert? Dieses Würstchen wird doch nicht einmal mit den Grünen fertig.“ „Eben. Sie werden sich einen halbgebildeten Schreihals leisten, das gehört in der FDP zum guten Ton, aber sie werden ihm von Anfang an klar machen, dass er nur zur Aufbauarbeit angestellt ist, nicht als Profilierungsneurotiker. Sie sind vorsichtig genug.“ „Und sie werden hinterher verbreiten, er sei ein ehrenwerter Mann gewesen, habe die Partei ja zu den größten Erfolgen geführt, er sei einer der ganz großen Staatsmänner gewesen, ein Vizekanzler, der sogar einmal ganz allein eine Kabinettssitzung hat leiten dürfen – wie passt das? Was werden sie daraus machen?“ „Was sie immer machen in Deutschland, wenn die Wahrheit zu unangenehm ist: eine Dolchstoßlegende.“





Saufschwung

13 09 2010

06:30 – Der Wecker intoniert die Liberalen-Hymne Hoch auf dem gelben Wagen. Rainer Brüderle richtet sich kerzengerade im Bett auf und beschließt, schwungvoll in den Tag zu starten.

06:50 – Auch mehrmaliges Betätigen der Schlummertaste hilft nichts, der Wirtschaftsminister muss aufstehen. Da seine Frau ihm die Bettdecke wegzieht und mit kaltem Wasser droht, erhebt sich das FDP-Urgestein. Er betont dabei, dass er aus freiem Entschluss die Schlafstatt verlässt, denn er sei sich seiner Verantwortung durchaus bewusst.

07:15 – Frau Brüderle hat mal wieder die Nase gestrichen voll. Sie wirft mit Schlappen nach der Schlafmütze, die schlaftrunken ins Bad wankt.

07:22 – Die ersten brillanten Ideen durchzucken Brüderles Geniehirn. Er steckt den Kopf zur Dusche heraus und brüllt seine Frau an, dass er sofort eine Standleitung zur Bundeskanzlerin brauche. Eine erhöhte Neuverschuldung sei ein innovatives Mittel, um die Wirtschaft wieder in den richtigen Marschtritt zu bekommen. Jubilierend entwickelt er den Gedanken weiter, blickt an sich herunter und beschließt, den Aufschwung vorerst nicht auf die Tagesordnung zu setzen. Vielleicht ist die Idee auch viel zu gut und man würde ihm den unausweichlichen Nobelpreis neiden.

08:13 – Zu einer Stippvisite beim Zweckverband der Energieerzeuger erscheint der Minister mit zwei Staatssekretären. Aus räumlichen Gründen sind nur die Kernkraftbetreiber geladen, mehr gibt das kleine Besprechungszimmer nicht her. Um einen weiterhin reibungslosen Ablauf der Energiepolitik ohne die störenden Einflüsse von Wirtschaftsaufsicht oder Umweltgesichtspunkten zu garantieren, schlagen die Atomkonzerne vor, nur absolut kompetente Top-Kräfte mit wirtschaftlichen Interessen zu betrauen. Brüderle unterschreibt das Papier; es sieht seine Laufzeitverlängerung bis 2011 vor sowie ein anschließendes Berufsverbot.

09:11 – Im ersten Interview des Tages wird Brüderle gefragt, was er bisher für die deutsche Wirtschaft getan habe. Er verweist auf die vielen Abmachungen, die schon im Koalitionsvertrag stehen. Auf den Einwand, er selbst habe aber zum Koalitionsvertrag nicht das Geringste beigetragen, erwidert der Liberale, genau das sei sein Verdienst.

09:54 – Beim Fototermin mit einer chilenischen Zeitschrift betont Brüderle, den deutschen Mega-Aufschwung eigenständig herbeigeredet zu haben. Dass zeitgleich die Kanzlerin vor einer schweren Krise warnt, sieht er als Bestätigung. „Wir arbeiten Hand in Hand“, erläutert er. „Sie hat Wirtschafts- und Politikkompetenz, ich bin Minister.“

10:08 – Das Forum deutscher Konsumenten lauscht dem Ökonomiepolitiker bei seiner Kanzelrede. Mit besonderem Interesse hören die Besucher, wie er den Atomdeal als eine revolutionäre Steigerung der Verbrauchersicherheit preist. Brüderle äußert laut und deutlich sein Verständnis dafür, wenn man ihn wegen dieses Geniestreichs mit dem Alternativen Nobelpreis auszeichnen sollte. „In einer sozial orientierten Gesellschaft“, verkündet er, „müssen wir auch Multimilliardäre und Großaktionäre als Verbraucher wahrnehmen, denn sie verbrauchen eine Menge – nicht zuletzt unsere Geduld. Darum ist es nur folgerichtig, ihr Vermögen dem Zugriff der Steuermafia zu entziehen.“

10:46 – Die Tagung der Winzervereinigung Berlin-Brandenburg wird von ihrem Ehrengast mit großem Hallo eröffnet. Die Führungspersonen, Wirtschafts- und PR-Verantwortliche sowie ein Weinhändler stellen sich zum Gruppenfoto auf. Brüderle sagt zu, die Milliardensubventionen für Weinproduzenten aus der Hauptstadtregion erneut anzuheben. Dass gar kein Wein angebaut werde, tue nichts zur Sache.

11:37 – Improvisierte Diskussionsrunde beim Panel der Rentenversicherer. Brüderle argumentiert für die Abschaffung der Rentengarantie. Als die ersten Proteste laut werden, beruhigt er die anwesenden Versicherungsvertreter. In Wahrheit sei damit eine Abschaffung der Renten gemeint, nicht aber eine Abschaffung der Rentenversicherungen. Das Geld, so der Herr der Volkswirte, könne man doch allenthalben sehr gut verwenden, um notleidende Industriezweige wieder aufzupäppeln. „Wer“, ruft Brüderle klagend in die Menge, „kauft denn heute eine Segeljacht oder ein Privatflugzeug? Es sind doch immer dieselben Leistungsträger, die für die Konsumverweigerungshaltung der Unterschichten aufkommen müssen!“ Tosender Applaus begleitet die Vorstellung.

11:57 – Auf einer Betriebsbesichtigung im Wedding wird der Ökonomiechef dem Personal vorgestellt. „Sie sehen matt aus“, ruft er dem Schichtführer zu, „abgearbeitet, müde, krank und verzweifelt. Prima! So wollen wir die deutschen Arbeitnehmer sehen!“ Auf die verdutzten Blicke von Betriebsrat und Belegschaft erläutert Brüderle die just entwickelte Theorie, dass zeitig ablebende Arbeitnehmer den Rentenkassen enorme Beträge sparen können. Die Stimmung kippt.

12:04 – Offensichtlich hat sich Brüderles Tross nur im Grundstück geirrt, denn die Besichtigung war für die benachbarte Firma geplant. Das Personal räumt die Produktionsstätten auf. Der Minister lobt Ordnungssinn und Pflichtbewusstsein der Arbeiter, als der Juniorchef ihm unwirsch erklärt, dass dieses Unternehmen gerade abgewickelt werde, weil die Branche durch Ein-Euro-Jobs zerstört wird. Der FDP-Vordenker ist begeistert. „Das ist ja fein“, klatscht er in die Hände. „Wenn wir alle Arbeiter rauswerfen, dann brauchen wir am Ende gar keine Lohnnebenkosten mehr zu zahlen, und mit den gesparten Kosten für die Rentenversicherung und den Krankenkassenbeiträgen sind das ganz tolle Ersparnisse für die Wirtschaft und wir können bald ganz viele Arbeitsplätze…“ Der Seniorchef tastet nach seiner Wehrmachtspistole.

12:39 – Hastig nimmt Brüderle eine Currywurst am Stehimbiss ein. Doch auch nach der zweiten Wurst und einer Portion Schaschlik will ihn kein Passant erkennen. Erst als er sich das Hemd mit Würztunke bekleckert und unflätig zu fluchen beginnt, reagiert die Ladenbesitzerin. „Komma nach vorne hin“, schreit sie ihrem Gatten in der Küche zu. „Der olle Gierschlund vonne FDP is hier! Der Niebel!“

13:01 – Im Thomas-Dehler-Haus verkündet Brüderle, ELENA solle nach dem Willen der FDP so schnell wie möglich den Betrieb aufnehmen. Dass die Datenschutzpartei die Interessen der Wirtschaft vertrete, sei kein Widerspruch, denn es gehe hier schließlich um Arbeitnehmerdaten, also quasi um unwichtiges Material.

13:20 – Bei der Vertragsunterzeichnung anlässlich der deutsch-ivorischen Konferenz zur Schaffung von Langzeitarbeitslosen in Afrika wird Brüderle von einer neuen, geradezu genialen Idee durchzuckt. Es dauert kaum eine Viertelstunde, bis genügend Reporter anwesend sind, um die tolle Botschaft aufzunehmen. „Wenn wir alle jetzt mehr arbeiten“, so der Minister, „dann gibt es gar keine Arbeitslosen mehr!“ Er ist begeistert. Man sieht es.

14:45 – Auf der Staatssekretärsrunde stellt der Bundeswirtschaftsminister sein Konzept zur Überwindung der Langzeitarbeitslosigkeit vor. Mit einem Begrüßungsgeld von bis zu 80 Millionen Euro sollen Gastarbeiter ins Land gelockt werden. „Dafür bekommt man schon einen Ackermann“, sinniert er.

15:09 – In einem Radiointerview wird Brüderle damit konfrontiert, dass unzufriedene Liberale mit der Parteiführung unzufrieden sind und eine neue Ausrichtung verlangen. Er bejaht die Dringlichkeit dieser Forderung. Vor allem eine starke Verjüngung müsse es geben, es solle mehr Sachverstand in den Vordergrund gerückt werden, die neue Leitfigur müsse kompetent und sexy sein. Er selbst sei sicher, diese Ansprüche trotz des vollen Einsatzes für einen Giga-Aufschwung leisten zu können.

15:55 – Der Wahlkampfslogan Mehr Netto vom Brutto scheint in Vergessenheit geraten zu sein; Minister Brüderle verhilft ihm beim Meeting mit den Steuersachverständigen zu neuem Glanz. Dabei setzt er zum dreistufigen Solms- und dem selbst entwickelten einstufigen Modell ein weiteres, an Kreativität nicht zu überbietendes System in die Welt: ein Einkommensteuermodell mit gar keiner Stufe. „Wir stufen nur ab, ob es für Sie als Steuerzahler in Frage kommt“, erläutert der Finanzfachmann. „Wenn Sie zu wenig Steuern zahlen, dann müssen Sie natürlich hinterher auch mehr zahlen, das ist eine Frage der Gerechtigkeit, aber wenn Sie viel zahlen, müssen Sie hinterher eben gar nichts mehr zahlen – so einfach ist das mit der FDP!“ Sicherheitsbeamten flüstern ihm zu, dass er der Bundeswirtschaftsminister sei und sich das Land nicht mehr im Wahlkampf befinde.

16:40 – Die Potsdamer Wirtschaftsakademie hat zum Vortrag geladen. Knapp hundert Koryphäen aus Journalismus, Politik, Showgeschäft und anderen Zweigen der Freizeitindustrie sind gekommen; der quotenmäßig zugesagte Wirtschaftswissenschaftler konnte in diesem Jahr nicht bezahlt werden. Deutschland befinde sich durch den XXXXL-Aufschwung in einem Investitionsrausch, der jederzeit in eine Innovationspychose abgleiten könne. Lohnzurückhaltung sei deshalb das Gebot der Stunde. Nur Lohnzurückhaltung für die nächsten acht bis vierzehn Legislaturen könne die Weltwirtschaft vor dem Ruin bewahren. Alles andere seien hirnverbrannte sozialistische Vorstellungen.

17:32 – Am Rande einer Tagung mittelständischer Kraftfahrzeughändler überrascht Brüderle die Welt mit seiner fiskalpolitischen Autorität. Schon wieder ereilte ihn eine überragende Erkenntnis, der er mit Nachdruck Nachdruck verleiht. „Wenn wir jetzt alle gar keine Steuern mehr zahlen“, philosophiert der Minister, „dann haben wir auf einmal so viel Geld, dass wir alle ganz viel Steuern zahlen können!“ Die gewisse Unlogik entdecken selbst die Autohändler, doch Brüderle wischt alle Zweifel vom Tisch. Man könne ja die Steuern bei den einen senken und bei anderen erhöhen, in einer sozialen Marktwirtschaft herrsche schließlich Gewaltenteilung.

18:09 – Die gewerkschaftsnahe Stiftung Arbeit erhebt sich, als Rainer Brüderle den Saal betritt. Er umreißt in seiner Rede kurz die Geschichte der Weltwirtschaft, dann schildert er die aktuelle Lage mit deutlichen Worten: Deutschland befinde sich derzeit in einer tiefen, völlig aussichtslosen Krise, die jederzeit in eine Krise münden könnte. Lohnzurückhaltung sei deshalb das Gebot der Stunde. Nur Lohnzurückhaltung für die nächsten acht bis vierzehn Legislaturen könne die Weltwirtschaft vor dem Ruin bewahren. Alles andere seien hirnverbrannte sozialistische Vorstellungen.

18:22 – Auf der Gala der Winzervereinigung Rheinhessen lässt sich Brüderle mit Weinkönigin Luisa-Jacqueline Szeczymiak ablichten. Nach dem Verkosten einer 2004-er Weikenheimer Rosshaut (Spätlese) berichtet er kurz über das aufregende Leben eines Bundesministers – verzückt lauscht man den Ausführungen über die Wiedervorlager des Planfeststellungsverfahrens 34 für die Stahl- und Aluminiumindustrie im Regierungsbezirk Detmold.

18:43 – Auch die Winzer Württembergs wollen ihren Weinminister gerne für ein paar kompetente Worte unter sich haben. Bei einem Mölshaller Sandtäschle (2008, Silvaner) und Weinprinzessin Janine Hubberts plaudert der liberale Schwerenöter noch einmal von den Zeiten, als er den Koalitions- und den Atomgeheimvertrag ganz alleine schrieb, während er mit der anderen Hand den Super-Mega-XXXXXXL-Aufschwung ankurbelte und dreißig neue Jobs im Entwicklungshilfeministerium schuf. Die Gäste sind begeistert. Minutenlang.

19:33 – Im trauten Einvernehmen mit den Winzern aus dem Anbaugebiet Mosel-Saar-Ruwer spricht der Steuersparminister zunächst über die enormen Sparzwänge wegen der gerade herrschenden Krise (Pollheimer Sonnenuhr), bevor er die gerade den tollen Superaufschwung fördernden Leistungsträger (Deibelshofener Arschwisch) mit zusätzlichen Subventionen (Kroneichacher Kotzbeutel) vor dem sicheren Ruin (Ahnsheimer Tretmine) wegen der anhaltenden Rezession (Margenbacher Reiherfeder) zu erretten schildert. Nicht wenige sind nachhaltig begeistert, mache sogar angetan.

19:40 – Die Sicherheitsbeamten werden nervös. Normalerweise beginnen spätestens um diese Zeit schwere Schübe, in denen Brüderle sich für Gott hält. Heute denkt er, er sei Guido Westerwelle.

19:56 – Schwer atmend steht Rainer Brüderle auf dem Podium der Arbeitgebervereinigung. Drei Redebeiträge haben das Publikum bereits darauf eingestimmt, was der Neoliberale den geplagten Wirtschaftsführern zu sagen hat: die Ökonomie stehe geradewegs vor dem Weltuntergang, denn noch immer verlange der Arbeitssklave Löhne, Gehälter und – hier heult das Auditorium auf – Sozialleistungen, Gelder, die der dekadente Pöbel sofort für Schleckeis und Kindersärge aus dem Fenster schmeiße, statt ihn in Hedgefonds oder ungedeckte Leerverkäufe zu investieren. Mit dem ihm eigenen Scharfsinn zieht Brüderle den Schluss und präsentiert eine neue visionäre Vorstellung; man müsse an den Personalkosten ansetzen, um die Volkswirtschaft wieder gesunden zu lassen. „Wenn wir alle Löhne abschaffen“, doziert er, „dann haben wir zusammen mit Rente und dem ganzen anderen da, wie hieß das noch, so viel gespart, dass wir dann alle Löhne bezahlen können für die, wie heißen die, die sind da immer so im Weg.“ Die Wirtschaftskapitäne schluchzen vor Ergriffenheit.

20:22 – Das Ritalin wirkt.

20:54 – Helfer nehmen Brüderle mit sanfter Gewalt eine Flasche Ruländer aus der Hand und geleiten ihn zu seinem Dienstwagen. Auf dem Weg durch das Foyer des Veranstaltungszentrums krallt sich der Polidigga da Frajä Dämoraddischä Badei am Treppengeländer fest und gibt noch ein paar gummunal- und fisgalpoliddische Hinweise über die Zukunft der Wischaaf. Er will unbedingt das Einkommensteuergesetz um einen Satz ergänzen, der klarstellt, dass Streikgelder steuerpflichtig sind. Danach verlässt auch den hartnäckigsten Zuhörer der letzte Nerv.

22:09 – Die Sicherheitsbeamten liefern Rainer Brüderle zu Hause ab. Der Vollwirt kriegt davon nichts mit,seit kurz hinter Neuruppin schnarcht er wie ein defekter Luftfilter. Sie ziehen ihm die Schuhe aus, legen ihn ins Bett und stellen den Wecker für einen neuen, arbeits- und erfolgreichen Tag im von Aufschwung zu Aufschwung eilenden Leben des Bundeswirtschaftsministers.





Strahlende Sieger

7 09 2010

„Pardon, aber habe ich da etwas nicht mitgekriegt? Wovon sprechen die eigentlich? Riesenerfolg? Wo ist da der Riesenerfolg?“ „Wer hat das gesagt?“ „Klaus Breil, dieser energiepolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.“ „Wenn man derart mit Lobbyismus kontaminiert ist, hält man die Erfolge seiner Geldgeber eben schon für die eigenen. So ist das eben mit dem Atomkompromiss.“ „Und wieso eigentlich Kompromiss? Kompromiss ist, wenn beide Seiten etwas davon haben.“ „Stimmt ja. Die Atomindustrie sackt Milliarden ein und die FDP freut sich demnächst auf Wahlkampfspenden.“

„Großer Wurf für Deutschland – pah!“ „Leider an der Tonne vorbei.“ „Das stinkt doch gewaltig! Da hocken sich diese Nulpen mit dem Merkel an einen Tisch und knobeln aus, wie sie der Industrie noch mehr Kohle in den Hintern schieben können…“ „Nein, falsch. Sie haben vergessen, dass die Atomkraftwerksbetreiber mit am Tisch saßen.“ „Das ist doch grotesk – die dürfen sich jetzt also ihre Gesetze selbst machen?“ „War das bei den Banken anders? Nein, Sie verstehen das falsch. Das ist Merkels Form von Basisdemokratie: das Volk darf sich an der Entscheidungsfindung beteiligen und im Gegenzug vertrauen, dass die Kanzlerin alles tut, um den Willen des Volkes durchzusetzen. Wie in der DDR.“

„Wozu brauchen wir denn diesen Quark? Das soll ein Förderprogramm für erneuerbare Energien sein?“ „Klar. Schauen Sie sich doch das marode Gezumpel an, das die Stromkonzerne da am Netz haben. Da ist so eine Abwrackprämie doch echt angesagt, oder?“ „Beschiss ist das! Reiner Beschiss, wenn Sie mich fragen!“ „Es fragt Sie aber keiner. Die Regierung tut das doch alles nur, um Sie vor Ihrer eigenen kurzsichtigen Meinung zu schützen. Deutschland braucht Atomenergie.“ „Das haben wir ja gesehen. Sechs Atomkraftwerke vom Netz, aber die Lichter gehen nicht aus. Wir exportieren immer noch fleißig Strom. Und die regionalen Versorger werden verschaukelt, weil man ihnen die Zuschüsse für erneuerbare Energien erst verspricht und dann, wenn sie benötigt werden, einfach verweigert. Das nenne ich Beschiss!“ „Ich bitte Sie, diese Regierung hat doch alles getan, was sie im Koalitionsvertrag angekündigt hat. Und sogar noch mehr.“ „Was, noch mehr?“ „Das Bakschisch für die Hotelpagen hatten Sie schon vergessen?“

„Das ist doch alles ein Wahnsinn, was das alles den Steuerzahler kosten wird.“ „Seien Sie froh, dass Sie es nicht mehr erleben. Die Milliarden, die Sie für die Endlagerung brauchen, werden vielleicht Ihre Urenkel zahlen. Und da kommen sie noch gut weg – was meinen Sie, was das bis jetzt schon für ein Schweinegeld gekostet hat.“ „Was war denn daran so teuer?“ „Na, rechnen Sie doch mal nach: die PR-Kampagne mit Oliver Bierhoff, gekaufte Gutachten, Schmiergelder für die Politiker, die Ausfälle, die nach der Brennelementesteuer kommen werden, weil die Verbraucher die Zeche werden zahlen müssen – und dann sollten Sie auch mitrechnen, was das ganze Verfahren an Prozessen und anderen Auseinandersetzungen hinterher kosten wird. So schnell ist das nicht vom Tisch.“ „Wenn man unseren strahlenden Siegern Glauben schenken darf…“ „Wann kann man das schon.“ „… dann ist das eine kinderleichte Sache. Wird einfach so durch den Bundestag gewunken, wenn mal nichts Großes auf der Tagesordnung steht.“ „Blödsinn. Das Gesetz wurde 2002 mit Zustimmung des Bundesrates beschlossen, deshalb wird der Mist auch jetzt durch die Länderkammer und dann direkt in den Vermittlungsausschuss gehen.“ „Das muss Merkel doch aber wissen.“ „Reden Sie im Zusammenhang mit der nicht von Wissen, die ist Physikerin. Die weiß bloß, wie man eine Regierung im Kern spaltet. Und hinterher das Volk.“

„Jetzt mal ehrlich: wissen die denn da oben überhaupt, was die machen? Warum redet dieser Brüderle die ganze Zeit von einem substanziellen Beitrag zum Ausbau von Ökoenergie? Und woher sollen denn bitte seine 30 Milliarden Euro kommen, wenn die Steuer nach allen Abschreibungen mit Ach und Krach mal zehn Prozent davon bringen wird?“ „Dann werden sie am Ende den Ausstieg eben nochmals verschieben, um die erforderliche Summe zusammenzukratzen.“ „Und dann wollen die jetzt Geld in die Sicherheit der Atomkraftwerke investieren. In die Sicherheit! Jetzt! Verdammt, worüber haben wir die letzten 40 Jahre geredet?“

„Sie müssten doch bereits seit 2005 einige Dinge über Merkel gelernt haben: sie ist für die Scheiße, die sie macht, nie selbst verantwortlich. Und immer, wenn irgendjemand auf ihre Weisung diesen Dreck breittritt, kann sie ihn als Abkanzlerin in der Versenkung verschwinden lassen. Die Berater haben ihr auseinandergesetzt, längere Laufzeiten sind Bockmist, Umweltbundesamt, Energieagentur, Umwelt-Sachverständigenrat, alle haben es kapiert. Auch die wissenschaftlichen Gutachter haben das gesagt, mit einem kleinen Schönheitsfehler: diese Gurkentruppe will gar nicht wissen, wie man mit Brüderles Zahlengegaukel die Klimaziele erreicht oder sogar den Aufschwung am Arbeitsmarkt damit hinbekäme. Sie halten sich lieber die Augen zu, dann ist der böse Mann weg.“ „Die Klimakanzlerin macht also aus Gründen neoliberaler Klientelpolitik ihr komplettes Image als Umweltretterin kaputt und verkauft sich für ein paar Milliarden, die sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals kassiert?“ „Ja. So würde ich das formulieren.“ „Und warum bitte? Warum?“ „Merkel will eben zeigen, dass Westerwelle nicht der einzige Versager in dieser Regierung ist.“





Wunder gibt es immer wieder

2 09 2010

„Haben Sie das gelesen? Ja? Mensch, ich sage Ihnen, da haben bei uns aber die Korken geknallt. Ja! Gestern hier noch so eine miese Stimmung im Vorstand, alle immerzu am Weinen, die Personaler wurden schon religiös, Weltuntergangsstimmung – heute dann die Meldung, dass die Krise längst vorbei ist, und das Beste: der Aufschwung ist da!

Keine Ahnung. Kann ich ja nicht wissen, ich habe hier nur die Zahlen aus meinem Betrieb, mir geht’s nicht anders als vorher. Oder zwischendrin. Wissen Sie, mir war das eigentlich auch völlig egal, das Gerede. Man will doch bloß informiert sein, was in der Wirtschaft so passiert. Schauen Sie mal, das mit dem Jobwunder – ich finde das schön. Also schön gerechnet, wissen Sie, jetzt sind da gut und gerne Hunderttausend aus der Statistik raus. Das ist doch schon mal ein Erfolg. Jobs? Nee, die sind in Rente jetzt. Deshalb ließen die sich ja so gut rausrechnen. Oder die Maßnahmenbezieher. Wenn Sie mich fragen, die machen da schon gute Arbeit. Also die Statistiker, nicht wahr.

Man muss informiert sein, verstehn Sie. Man muss ja wissen, ob es noch Krise ist, wie man jetzt aus dem Arbeitsministerium hört, oder ob die Krise schon vorbei ist, wie der Finanzminister manchmal sagt, oder ob’s schon längst der Riesenaufschwung ist, bevor der große Zusammenbruch – nein, so deutlich auch nicht, das kam ja dann von Brüderle, der kann nicht deutlich. Kann gar nichts, da haben Sie mal Recht! Aber man muss informiert sein, man muss doch wenigstens mal informiert tun können, so wie die Kanzlerin immer. Wenn man dann mit den Gewerkschaften spricht, kann man denen doch nicht sagen, es ist Krise, jetzt gibt’s keine Erhöhung – dann muss man eben sagen, im Aufschwung ist eine Lohnanpassung nach oben vollkommen ausgeschlossen, sonst hätte man doch nichts, was man in der Hausse anspart, weil dann die Arbeiter schon aus Taktgefühl auf mehr Geld verzichten sollten, bevor man ihnen im Abschwung sagen muss, wie schwierig alles ist, und dass ohne eine Lohnkürzung und mehr Arbeit und weniger Urlaub dann bei guter Konjunktur keine Lohnerhöhungen geben kann, das ist doch in der Rezession klar.

Man müsste mal so was machen wie das Sparpaket von der Bundesregierung. Einfach unten abschneiden und oben wieder drankleben. Soll sich ja auch lohnen, oder? Was? Wieso Beschiss? Nennen Sie es einfach: kreative Buchungen. Macht die Regierung auch. Früher hieß es Kombilohn, jetzt heißt es eben Aufstocker. Das ist doch das Schöne für die Merkel, sie kann sich hinstellen und sagen, sie hätte die Wirtschaft nicht dabei behindert, den Niedriglohnsektor auszubauen, und dabei hat sie auch noch die Arbeitslosenzahlen verringert. Was? Hören Sie doch hin, nicht Arbeitslosigkeit, die Arbeitslosenzahlen! Oder was meinen Sie, warum wir heute mehr Hartz-IV-Bezieher mehr als Arbeitslose weniger haben? Man muss sich eben anpassen, auch als Wirtschaft. Wissen Sie was, so einen Schattenhaushalt müsste man haben.

Stimmt, das würde machbar sein. Eine Art Schattenhaushalt mit Zeitarbeitern und Ein-Euro-Jobs und Kurzarbeit, das würde schon einiges in die Kasse bringen. Schattenwirtschaft. Die im Dunkeln sieht man nicht.

Aber ich bitte Sie, es geht doch alles! Die Regierung hat begriffen, dass sie nicht für die Wirtschaftsentwicklung zuständig ist – nur nicht Brüderle, der will sich immer noch einmischen – sondern nur die Rahmenbedingungen zu schaffen hat. Das machen sie ja auch. Mit der Kernkraft, das läuft schon wie geschmiert. Als ob’s alle Hoteliers wären. Sie, ich sage Ihnen was: das ist doch überhaupt die Idee, man sollte viel mehr diese direkte Demokratie einführen, Volksbeteiligung uns solche Sachen. Dass man sich jetzt direkt bei der Regierung ein Gesetz bestellen kann, oder dass man sagt, wir haben keine Lust auf Steuern, die zahlen wir nicht, sonst schmieren wir Euch im nächsten Wahlkampf nicht – da täten sie aber mal etwas Gutes, die Politiker, meinen Sie nicht auch?

Wir müssen da viel mehr an Deutschland denken, meinen Sie nicht? Das wär’s doch: wir machen eine Arbeitsvermittlungsagentur auf. Das wäre doch was! Klar, an der Arbeitslosigkeit kann man immer bestens verdienen, da stehen die Arbeitsgemeinschaften doch drauf. Wenn die einen Arbeitslosen nämlich erst einmal zum gewerblichen Vermittler verschoben haben, dann gilt der nicht mehr als arbeitslos, auch wenn er nie Arbeit findet und weiterhin sein Arbeitslosengeld bekommt. Ja, das ist doch der Trick! Da können sie dann auf der einen Seite sich feiern lassen, weil es immer weniger Arbeitslose gibt, und auf der anderen Seite darf Westerwelle Hartz-IV-Empfänger anpöbeln, weil sich das Pack sprunghaft vermehrt. Damit ist schließlich jedem gedient.

Nein, lassen Sie es uns so machen. Wir gründen eine Arbeitsvermittlung und verleihen Arbeitslose. Machen Sie sich mal schlau, ob man die kaufen muss oder ob man da Ablöse bezahlt. Umsonst? Das wissen Sie absolut sicher? Na, das ist ja ein Wunder! Erst Krise vorbei, jetzt noch ein zweites Geschäft – solche wie uns, davon sollte es doch wirklich mehr geben in Deutschland, meinen Sie nicht? Ich sage es Ihnen, das ist der Aufschwung, wir werden den kräftig beschleunigen. Und ich meine, wenn wir uns schon so ins Zeug legen für unser Gemeinwohl, sollten wir bei den Steuern mal ein Wörtchen mitreden. Sagen Sie, wissen Sie zufällig, wann das nächste Sparpaket kommt?“





Importweltmeister

2 08 2010

„Das ist Ihr Ernst, ja?“ „Wir müssen uns alle etwas einfallen lassen, dann geht es der Wirtschaft auch wieder besser.“ „Aber nicht so einen Bockmist, ich bitte Sie! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!“ „Es hat doch schon einmal so gut funktioniert, warum sollte es denn nicht noch einmal klappen? und: haben Sie nicht selbst gesagt, dass wir einen Ruck auf dem Arbeitsmarkt brauchen?“ „Aber doch nicht mit Gastarbeitern, wer kommt denn auf die Idee?“

„Sie müssen aber zugeben, dass der Mangel an Fachkräften Besorgnis erregend ist.“ „Das liegt vor allem daran, dass die deutsche Wirtschaft sich den 19-jährigen Hochschulabsolventen mit zehn Jahren Berufspraxis wünscht, der für 1.000 Euro brutto arbeiten will.“ „Aber das ist doch völlig übertrieben und das wissen Sie auch ganz genau.“ „Und warum haben wir immer noch mehr als drei Millionen Arbeitslose?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Weil man den Anschein haben könnte, die hätten alle keine Ausbildung.“ „Doch, aber nicht qualifiziert.“ „Dann war also die bisherige Ausbildung, die die deutsche Wirtschaft ihnen hat angedeihen lassen, nicht gut genug?“ „Doch, aber…“ „Dann dürfte es bei einer qualifizierten Ausbildung und derart vielen Arbeitslosen keinen Arbeitskräftemangel geben, es sei denn, die Verwaltung wäre mangelhaft oder würde gar nicht das Ziel haben, Erwerbslose in Lohn und Brot zu bringen.“ „Natürlich tun das die Arbeitsagenturen!“ „Und deshalb haben wir in den meisten Ausbildungsberufen auch mehr Arbeitslose als freie Stellen und müssen deshalb dringend neue Fachkräfte anwerben?“ „Das lässt sich doch alles überhaupt nicht so vergleichen!“

„Dann eben anders: Sie vertreten die These, es bedürfe bloß des geeigneten Anreizes, um einen Arbeitslosen wieder zum Arbeiten zu bringen?“ „Da liegt doch wohl auf der Hand. Wenn diese ganzen faulen…“ „Keine Polemik, bitte. Und Sie verfechten auch die Ansicht, dass der Markt – damit natürlich auch der Arbeitsmarkt – ohne staatliche Lenkung besser zurechtkäme?“ „Aber ja! Sie sehen an der Einkommensobergrenze bereits eine sehr flexible…“ „Dann müssten also die Löhne und Gehälter an das Basis einfach nur erheblich steigen, und schon hätten wir genügend arbeitswilliges Fachpersonal?“ „Ich verbitte mir diese dümmlichen Kommentare! Ihre populistischen Vereinfachungen können Sie woanders machen!“ „Dann lag ich ja gar nicht so verkehrt mit meiner Einschätzung, wenn Ihr Parteivorsitzender Herr Westerwelle diesen Mumpitz fordert.“ „Machen Sie sich nur lustig, wir werden ja sehen!“

„Dann geht es Ihnen also, wie Sie ja auch an anderer Stelle betonen, um Lohnverzicht – Sie wollen einen Arbeitnehmer, gut ausgebildet, der sich für ein Begrüßungsgeld nach Deutschland aufmacht.“ „Immerhin hat Deutschland einen ganz ausgezeichneten Ruf als Wirtschaftsstandort.“ „So exzellent, dass wir sogar mit eigenen Mitteln die Personaldecke nicht mehr flicken können?“ „Das ist ja auch alles nur vorübergehend gedacht.“ „Das ist verständlich, die letzten Türken und Italiener waren ja auch 1965 wieder verschwunden.“ „Sie sind wohl ein Ausländerfeind, wie?“ „Nicht schlimmer als Ihre Koalitionspartner. Was sagt der eigentlich dazu?“ „Das ist noch nicht raus. Wir werden wohl im Herbst darüber reden.“ „Wenn das Sommerloch sich geschlossen hat?“ „Ich… ach, was soll’s.“

„Sie erwarten also, dass ein Arbeitnehmer aus Indien oder sonst woher mit einer kompletten Ausbildung hier ankommt…“ „Das natürlich nicht, wir könnten uns beispielsweise mit der Industrie darauf einigen, dass sie Schulungen anbietet, um die ausländischen Fachkräfte in den deutschen Arbeitsmarkt schnell zu integrieren.“ „Verstehe ich das richtig, Sie zahlen Begrüßungsgeld an diese Gastarbeiter…“ „Es sind keine Gäste, sie bleiben ja nur auf Zeit.“ „Erstens Unsinn, denn wenn jemand eine qualifizierte Ausbildung hat, sollte er sie auch so lange wie möglich einem Unternehmen zur Verfügung stellen, und zweitens gibt es jetzt schon einen Zeitarbeitsmarkt, der Ihnen alles zu jedem noch so sittenwidrigen Preis bietet.“ „Wenn diese Menschen aus Afghanistan… Indien, wollte ich sagen, Indien hier ankommen, werden sie eine gute Qualifikation bekommen und Deutschkurse und eine gute Unterkunft und…“ „Und sie werden für einen Hungerlohn arbeiten, richtig?“ „Jetzt bleiben Sie doch mal sachlich! 360 Euro sind in manchen Ländern eine hübsche Stange Geld, das sollten Sie auch mal zur Kenntnis nehmen!“ „Also züchten Sie sich eine Art Subproletariat, das für den ganz normalen Hartz-IV-Satz nicht mehr nur 1-Euro-Jobs erledigt, sondern qualifizierter Arbeit nachgeht und nach Belieben wieder entfernt werden kann?“ „Diese Gesetze zur Zusammenführung auf dem modernen Arbeitsmarkt, das bedeutet ja auch, dass man die Vorteile miteinander verbinden kann.“ „Also die Ausbeutung von 1-Euro-Jobbern mit der sorglosen Gängelung der Leiharbeiter?“

„Was sollen wir denn machen?“ „Die deutschen Fachkräfte im Land halten?“ „Aber wir haben das Elterngeld doch erst gerade für sie gerettet!“ „Und wenn Sie die Fachkräfte über 40 einstellen?“ „Ach, sinnlos.“ „Und warum bilden Sie nicht jede Menge Fachkräfte jetzt aus, damit die Wirtschaft in ein paar Jahren Kontinuität hat?“ „Das würde nicht mehr reichen – diese geniale Idee ist uns ja erst jetzt gekommen.“ „Verständlich, so einen Geistesblitz hatte bislang noch niemand. Oder vielleicht eine Verpflichtung, die Auszubildenden nach dem Abschluss noch drei Jahre zu behalten, damit man hinterher nicht über mangelnde Berufserfahrung bei den Bewerbern jammern muss?“ „Das wäre möglicherweise wieder mit verwaltungstechnischen Hürden verbunden, vermute ich mal. Genaueres kann ich Ihnen aber erst im Herbst sagen.“ „Ich glaube, ich habe die Lösung. Meinen Sie nicht, wir sollten die Personalsituation verbessern?“ „Aber auf jeden Fall!“ „Gut, dann schlage ich mal vor, dass wir unter den Bundesbürgern eine kleine Sammlung veranstalten. Jeder einen Euro, das gäbe schon ein hübsches Sümmchen.“ „Und wofür, wenn ich fragen darf?“ „Dürfen Sie, Herr Brüderle, dürfen Sie – irgendwo auf der Welt wird es jemanden geben, der Ihren Job erledigen kann. Wir werden ihn finden. Und wenn wir eine ganze halbe Stunde nach ihm suchen müssten.“





Trink, trink, Brüderle, trink

27 07 2010

„Holen Sie mal den Nächsten rein, Schwester. Aber sein Sie vorsichtig, ich glaube, der hat ganz schön was getankt. Ja, da setzen Sie sich hin, so ist es schön! Brav. Füße stillhalten, und legen Sie die Hände auf die – Füße still, habe ich gesagt! Sie haben hier nichts zu melden, machen Sie sich das gleich klar! Nein! Schwester… Schwester! So ein renitenter Kerl aber auch, da hört sich’s doch auf!

Haben Sie etwas getrunken? Hallo? Ob Sie besoffen sind, will ich wissen! Hauchen Sie mich mal an – au, das ist ja… Schwester, jetzt kommen Sie doch mal! Mit dem Mann hier kann doch nun wirklich… Schwester! Haben Sie möglicherweise etwas gegessen, was nicht – nein, ich sehe schon, Sie haben offenbar einiges geraucht, richtig? Und wie viel, wenn ich fragen darf? Bitte!? Um Gottes – also das ist ja nicht mehr… Schwester! Der Mann darf unter keinen Umständen mehr raus, der ist ja eine Gefahr für sich und die Menschheit!

Was reden Sie da? Aufschwung? Gott, das kann man ja nicht mit anhören. Sie sind ja voll wie’n Eimer! Hat man Sie gezwungen? Meine Güte, das – wie bitte? Der Aufschwung kommt? Die Regierung hat ihn nur abgewartet, um jetzt alle anderen Pläne nach der Sommerpause abzuarbeiten? Gucken Sie mich mal an – wie viele Finger sind das? Na? Sie sind ja nicht mehr ganz bei Trost, mein Freund! Was erzählen Sie da nur für einen Unfug! Die Rente hat was? Wer hat die Rente? Was? Nun reden Sie doch deutlich! Die ist was? Sicher? Die Renten sind sicher? Das meinen Sie ernst? Schwester, kommen Sie doch mal eben, wir brauchen – Schwester! Wir müssen ganz schnell rausfinden, was der Mann intus hat, am Ende kollabiert der uns noch? Was der alles genommen haben wird, eijeijei…

Und die ganzen Arbeitslosen? Ach so, Sie meinen, weil die einen Niedriglohnjob bekommen haben, werden die alle CDU wählen und damit ist auch das Umfragetief vorbei? So, und was ist mit den paar Prozenten, die diese Liberalskis verloren haben, hä? Mann Gottes, jetzt pusten Sie mir doch nicht so ins Gesicht, ich kriege ja selbst gleich einen Kater davon! Reißen Sie sich am Riemen!

Gesundheitsreform? Was ist damit? Sind Sie etwa nicht versichert? Was, alles besser? Sicherheit für die Kosten? Die Arbeitgeber brauchen nun keine Beiträge mehr zu bezahlen? Sagen Sie mal: sind sie eigentlich nur besoffen, oder hat man Sie mit dem Klammerbeutel gepudert? Die Arbeitgeberbeiträge sind keine Lohnkosten? und deshalb müssen wir die Lohnkosten senken, um die Löhne zu stabilisieren? Was ist denn das für ein Gefasel, Mann? Ob Sie das Arbeitgeberbeiträge oder Arbeitnehmerbeiträge nennen oder linke Tasche und rechte Tasche, das ist doch egal. Das sind Lohnkosten, die gehören zum Lohn. Das sind Fixkosten, klar? Und wenn Sie – meine Güte, jetzt sitzen Sie doch mal gerade, Sie sind ja voll wie ’ne Haubitze! Wenn Sie die Lohnnebenkosten senken wollen, indem Sie den Teil um die Fixkosten absägen, dann heißt das, dass Sie die Löhne drücken. Punkt! Und jetzt faseln Sie mich nicht voll, Arbeitgeberbeitrag – das zieht der Arbeitgeber ab von dem, was sein Arbeiter erwirtschaftet, und dann packt er ein kleines Stück davon wieder obendrauf. Oder wer bezahlt bei Ihnen die Sozialversicherung? Der Nikolaus?

Und was haben Sie die ganze Zeit mir der – bah, Sie sollen mir nicht auf die Brille seibern, das ist ja ekelhaft! Schwester! Machen Sie das da mal weg, Schwester, der Mann ist ja völlig knille. Der kann überhaupt nichts mehr bei sich behalten. Das wird mir auch langsam zu viel, ich glaube, wir werden ihn auch vorerst in die Ausnüchterungszelle – Schwester! Jetzt schauen Sie sich diese Sauerei an, es ist doch nicht zu fassen! Igitt! Meine Fresse, wenn man kein Weinfest verträgt, warum gibt man sich das? Haben Sie nichts Besseres zu tun, als der Weinkönigin an die Wäsche zu gehen? Was erzählen Sie da? Die asiatischen Importe sind nicht verantwortlich für den Exportboom? Das sei eine Folge des erst kommenden Aufschwungs? Bitte?

Die Renten sind sicher, weil die Rentengarantie abgeschafft wird, die Gesundheitsreform ist jetzt endlich bezahlbar für die Arbeitnehmer, weil die Arbeitnehmer die Kosten der Arbeitgeber bezahlen, das Sparpaket ist sozial ausgewogen, weil es nicht – haben Sie sich irgendwelche Substanzen intravenös zugefügt? Oder was ist mit Ihnen los? Und der große Aufschwung, der kommen sollte, nachdem es die unglaublich tollen Steuersenkungen gegeben hat, die alles ins Rollen bringen und auf die man ja gar nicht verzichten konnte, diese Steuersenkungen sind jetzt alle ausgefallen wegen Niebel, Quatsch: Nebel, Nebel meine ich, und dazu noch die Gesundheitsreform und höhere Abgaben für die Banken und die Atomwirtschaft und – ja glauben Sie denn, dass die sich das nicht wiederholen? Was sind denn Sie für ein Vogel? Triller unterm Pony, was? Und keine von diesen absolut notwendigen Steuersenkungen, und jetzt auf einmal kommt der Aufschwung mit unglaublichen anderthalb Prozent, die aus der künstlichen Konjunktursteigerung durch das Abwrackprogramm von einer Legislatur in die nächste schwappen, und dann kommt jetzt dieser gottverdammte Aufschwung, den es laut Ihren Sonntagsreden überhaupt nicht geben dürfte, weil alle, alle, alle alternativlosen Sachen, die Sie haben wollten, alternativlos gestrichen sind? Schwester, ich habe genug von diesem Knilch, ich werde – Schnauze jetzt! Sie haben hier nichts zu sagen! Schwester, die Karteikarte – Brüderle, Rainer, ab in die Geschlossene. Der Mann ist doch nicht mehr zurechnungsfähig!“








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