Draußen nur Kännchen

22 05 2013

„… dass Olivenöl nicht mehr in Glasbehältern auf Restauranttischen angeboten werden dürfe, da die mangelnde Qualität zu Lasten der Verbraucher…“

„…weiterhin erlaubt, den Gästen Olivenöl anzubieten, doch dürfe dies nur in portionierten und versiegelten Fläschchen…“

„… sei es gute Tradition, den Gästen nicht abgemessenes Olivenöl anzubieten. Man dürfe dies nicht mutwillig durch vordergründige…“

„… liege es im Ermessen der gastronomischen Betriebe, in der Küche auch minderwertig Zutaten zu verwenden. Solange dies dem Gast nicht unmittelbar bewusst werde, könne die EU auch nicht durch regulierende Maßnahmen…“

„… sei ein Mindesthaltbarkeitsdatum auf den Olivenölfläschchen zwingend vorgeschrieben. Erfahrungsgemäß verderbe Öl bereits nach wenigen Wochen, so dass mit vermehrtem Umsatz auch…“

„… dass Olivenöl häufig falsch deklariert würde. So seien nicht immer sortenreine Olivenhaine auf der Flasche angegeben, außerdem komme es teilweise zum Verschnitt unterschiedlicher Pressungen, wodurch die Qualität empfindlich…“

„… bisher nicht bekannt, ob das Betreten eines mediterranen Speiselokals mit Ölausgabe durch Helmpflicht sicherer…“

„… widerspreche die EU entschieden dem Plan der Gaststättenbetreiber, jeweils Gebinde aus dem Einzelhandel an den Gast auszuhändigen, um das Verbot zu umgehen. Es sei gute Tradition, den Gästen nicht abgemessenes Olivenöl anzubieten. Man dürfe dies nicht mutwillig durch vordergründige…“

„… seien auch Mehrwegflaschen denkbar. Da die kleinen Verpackungen nicht in den herkömmlichen Pfandflaschenautomaten zu recyceln seien, müsse selbstverständlich ein Olivenölpfandflaschenrückgabeautomat in jeder Gaststätte die benutzten…“

„… für Ketchup in Flaschen drakonische Strafen zu…“

„… den Vergleich mit Balsamico nicht aufgreifen werde. Die EU-Experten hätten keine messbaren Qualitätsunterschiede innerhalb der in Europa angebotenen Produktpalette…“

„… durch einen 57-stelligen Zifferncode vorerst sichergestellt, dass sich Ölreste, die nach der Neubefüllung der Mehrwegflaschen verbleiben können, nicht negativ auf die…“

„… nicht bekannt, welche Fragen besprochen worden waren. Die chinesische Delegation habe sichergestellt, dass in den Restaurants innerhalb des Schengen-Raums nie eine Kontrolle der offen ausgeschenkten Sojasauce…“

„… werde eine Qualitätssicherungsmaßnahme zur Evaluation des Streuzuckers in europäischen Zuckerstreuern erst geplant, sobald sich mehr als hundert Gäste in Gastronomiebetrieben über die mangelnde Qualitätssicherung des in den Zuckerstreuern abgebotenen Streuzuckers beschwert hätten. Dies betreffe ausdrücklich und im Dienste der Verbraucher nur die Sicherung und noch nicht die Qualität, doch sei damit schon sehr viel…“

„… nicht erheblich, dass in den Kännchen eventuell nur Pflanzenöl enthalten sei. Die Kontrolle der Europäischen Union beschränke sich nur auf Olivenöl, nicht aber auf andere Öle oder ölartige Substanzen, die in den…“

„… seien offene Weine allerdings nicht vergleichbar, da es bisher noch nicht üblich sei, versiegelte Portionspackungen zu kredenzen. Die EU arbeite allerdings bereits an einem…“

„… anlässlich der geplanten Planung einen Plan der geplanten Planung zu planen. Aigner wisse zwar nicht, worum es ginge, habe bereits angekündigt, eine geplante Ankündigung zu…“

„… der Weißwurstanbieter angekündigt habe, bis vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen. Sollte auch Senf künftig nur noch in industriell vorgefertigten Tütchen ausgegeben werden dürfen, so sei damit ein Niedergang der bayerischen Kultur, mithin ein Weltuntergang zu…“

„… vollkommen richtig, dass die exponentiell wachsenden Verpackungsmüllberge durch die Olivenölflaschen sich schnell vergrößerten. Die EU-Kommission werte dies als ein positives Zeichen, um die in der Gastronomie abgebauten Arbeitsplätze in der Entsorgungswirtschaft weder zu…“

„… sei die Kontrolle der 4,9 Millionen Betriebe durchaus gewährleistet. Die Kommission wolle die Prüfungsabteilung jedoch zusätzlich verdoppeln, so dass nun zwei Fachkräfte vor Ort die Einhaltung der Vorschriften…“

„… könne sicher ein Unterschied zwischen dem Discounter-Balsamico und einem 25 Jahre im Barrique gelagerten Essig festgestellt werden, doch sei der Verbraucher vermutlich nicht in der Lage, die Qualität eines…“

„… zu einem Handelskrieg der Salzmanufakturen kommen könne. Noch immer dürfe normales Salz in der Europäischen Union als Salz vermarktet werden, was den Herstellern des Original-Himalaya-Hochgebirgsmeersalzes eine…“

„… die Entscheidung für Olivenöl in Mehrwegverpackungen unumstößlich feststehe. Die Kommission habe andererseits erhebliche Erleichterungen angeboten, indem sie z. B. die Abfüllung des geprüften Olivenöls in Kännchen…“





Usque ad absurdum

6 12 2012

„Wissen Sie, was das größte Problem an der Arbeitslosigkeit ist?“ „Sie werden es mir bestimmt gleich verraten.“ „Die Arbeitslosen.“ „Sie meinen, die verursachen die Arbeitslosigkeit?“ „Richtig. Wenn es nicht so viele Arbeitslose gäbe, dann hätten wir das hier in Europa endlich im Griff.“

„Dann müsste man eigentlich die Jugendlichen nur endlich wieder arbeiten lassen, damit die Arbeitslosigkeit weg ist.“ „Richtig so! alle wieder auf Arbeit, dann geht es Europa besser!“ „Und warum sind dann ein Viertel der Jugendlichen in Südeuropa arbeitslos?“ „Weil es denen so schlecht geht.“ „Und deshalb sind die arbeitslos?“ „Weil es denen so schlecht geht. Die haben ja nichts, die sind doch alle arbeitslos.“ „Also geht es denen so schlecht, weil es denen so schlecht geht?“ „Wieso, das hat doch…“ „Oder sind die bloß arbeitslos, weil sie arbeitslos sind?“ „Das hat doch damit nichts zu tun.“ „Was?“ „Na das mit dem, und mit dem anderen, und so. Oder?“ „Was fragen Sie mich, Sie wissen das doch.“

„Auf jeden Fall ist es jetzt mal gut, dass die EU etwas gegen die Arbeitslosigkeit tut.“ „Was tut die denn schon?“ „Die werden jetzt innerhalb von vier Monaten jedem von den jungen Leuten eine Arbeit geben.“ „Warum das denn?“ „Damit die nicht mehr arbeitslos sind.“ „Und dann?“ „Dann geht es denen besser.“ „Und dann?“ „Sind sie nicht mehr arbeitslos.“ „Warum?“ „Ja, denen geht’s doch besser dann, oder? Und dann geht sind die nicht mehr arbeitslos, weil die Arbeitslosigkeit weg ist, weil es denen da besser geht.“ „Und Sie meinen, dass das wirkt?“ „Na sicher, sonst würde die EU doch nie so etwas versprechen.“

„Haben Sie sich eigentlich mal Gedanken gemacht, was man den Arbeitslosen anbieten könnte?“ „Na, Arbeit doch.“ „Welche?“ „Na, zum Arbeiten halt. Wo man dann arbeitet, damit es einem besser geht.“ „Aber eben war es doch noch genau andersherum?“ „Wie, andersherum?“ „Da hat man noch gearbeitet, weil es einem besser geht.“ „Wegen der Arbeit, ja.“ „Und wo bekommen Sie die her?“ „Vom Arbeitsmarkt eben.“ „Der hat also genug Arbeit?“ „Ja sicher, sonst würde die EU doch nie so etwas… sagen Sie mal, wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ „Würde ich mir nie erlauben.“ „Auf jeden Fall sollen die mal ordentlich arbeiten, dann geht’s denen auch gleich besser.“

„Meinen Sie nicht, dass das schwierig werden könnte mit den Angeboten?“ „Wieso denn, die müssen doch einfach nur arbeiten wollen.“ „Es ist immerhin ein Viertel der Bevölkerung unter 25, woher sollen Sie denn die ganzen Arbeitsplätze nehmen?“ „Dann muss man da eben ein bisschen zusammenrücken. Man kann die Arbeitsplätze doch aufteilen.“ „Und wie stellen Sie sich das vor?“ „Ja, man kann doch, die Arbeit kann man doch aufteilen und mehr Arbeitsplätze schaffen. Das hat doch für alle Vorteile, weil es dann allen besser geht.“ „Und wenn es so große Vorteile bringen soll, warum wird es dann nicht schon längst gemacht?“ „Weil die eben nicht arbeiten wollen.“ „Und deshalb muss man denen die Arbeitsplätze anbieten, die erst noch neu geschaffen werden?“ „Eben, dann geht es denen auch gleich viel besser.“

„Warum müssen denn überhaupt alle arbeiten?“ „Damit es denen besser geht.“ „Wodurch denn?“ „Dann haben die mehr Steuereinnahmen, und die können auch wieder mehr Renten zahlen.“ „Aber die, die heute Renten bekommen sollten, die müssen doch längst auch wieder arbeiten, wenn sie etwas finden.“ „Eben. Dann kann man doch die Jugendlichen arbeiten schicken, und die Rentner bekommen wieder Renten.“ „Und dann geht es denen besser?“ „Die arbeiten ja dann.“ „Aber das Rentenalter wird doch jetzt schon erhöht.“ „Das ist gut, denn wenn die alle arbeiten, dann geht es denen doch auch viel besser.“

„Es wird nur nicht reichen.“ „Was wird nicht reichen?“ „Die Arbeit.“ „Weil die nicht…“ „Es gibt in Spanien nicht genug Arbeit.“ „Dann sollen die eben nach Italien gehen.“ „Die Italiener haben auch nicht genug.“ „Portugal?“ „Keiner hat genug Arbeit für die Jugendlichen. Weder in Griechenland noch in Ungarn.“ „Sehen Sie, dafür haben wir dann ja den Fachkräftemangel.“ „Damit die anderen Arbeit bekommen?“ „Wozu denn sonst?“ „Und weshalb ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland so hoch?“ „Weil hier keiner arbeitet.“ „Aha. Und warum arbeitet hier keiner?“ „Weil die Arbeitslosigkeit so hoch ist.“

„Wenn ich Sie richtig verstanden habe, kommen bald jede Menge europäische Jugendliche nach Deutschland, die unsere Facharbeiterstellen besetzen.“ „Richtig. Und dann geht es uns allen…“ „Ich frage mich, wer hier wen für dumm verkauft. Wenn das funktionieren würde, warum haben wir es nicht schon längst gemacht?“ „Wo?“ „In Deutschland.“ „Weil es uns doch schon gut geht.“ „Uns geht es gut?“ „Ja, weil wir doch so viel arbeiten.“ „Aber dann dürften wir doch nicht so eine hohe Arbeitslosigkeit haben.“ „Dann müssen die halt irgendeine Beschäftigung kriegen.“ „Also keine Arbeit?“ „Das kommt doch darauf an, wie man Arbeit definiert.“ „Was schwebt Ihnen denn da so vor?“ „Vielleicht können die hier Schnee fegen.“ „Im Sommer?“ „Unsinn, im Sommer fegen die natürlich den Stadtpark.“ „Und wenn es keinen Stadtpark gibt?“ „Jetzt machen Sie sich doch nicht lächerlich! Irgendeine Straße wird sich doch wohl finden, die man fegen kann.“ „Als festen Job?“ „Meinetwegen auch als Praktikum.“ „Warum als Praktikum?“ „Dann haben die Arbeit, und wenn sie mit 25 nach Hause kommen, dann geht es denen viel besser.“ „Und vorher dürfen die in Deutschland kostenlos die Straßen fegen.“ „Weil die dann Arbeit haben.“ „Dann habe ich Sie endlich verstanden.“ „Was?“ „Dass die hier arbeiten sollen.“ „Warum?“ „Weil es uns dann besser geht.“





Egoland

28 06 2012

„Das hatte ich jetzt richtig verstanden? Solange sie lebt?“ „Womit es wieder einmal bewiesen wäre: diese Kanzlerin fährt auf Sicht.“

„Scheinbar ist die Guteste im Fußballfieber?“ „Weil sie sich selbst Mut macht, nachdem sie endlich begriffen hat, dass sie nach der nächsten Niederlage raus ist?“ „An sich meinte ich nur diese Affinität zu Eigentoren.“ „Versuchen wir es lieber mit dem klassischen Autofahrergleichnis. Das ist die einzige Metapher, die der Deutsche akzeptiert.“ „Danach wird sie dem Gegenverkehr aus Prinzip nicht ausweichen.“ „Wie sich das eben für eine Geisterfahrerin gehört.“

„Merkel widerspricht sich selbst doch selbst.“ „Das wäre noch zu hinterfragen, vor allem vom Ende aus gesehen – entscheidend ist ja, was hinten rauskommt.“ „Nach einer Laufzeitverlängerung um jeden Preis, der Beibehaltung der Wehrpflicht und der Weigerung, auch nur einen Cent an Griechenland zu zahlen, könnte man die Haltung der Bundeskanzlerin als dialektisch erfolgsorientiert ansehen.“ „Und dann wäre ein Einknicken in der Frage der Schuldenverteilung anständig.“ „Der Punkt ist, dass sie ihr Versagen nicht einmal mit machtpolitischen Phrase verkaufen kann.“ „Glaube ich nicht. Der Punkt wird sein, dass sie das Versagen der Regierung nicht wird wegmoderieren können.“ „Weil sie sich zu oft geirrt hat?“ „Weil sie es keinem Minister in die Schuhe schieben kann.“

„Warum macht man so eine Erklärung?“ „Als kleinen, sympathischen Aussetzer?“ „Sie meinen so wie damals, als sie sich ganz christlich über die völkerrechtswidrige Ermordung von bin Laden freute?“ „Wäre denkbar. Allerdings muss man dabei beachten, dass die Kanzlerin von Wirtschafts- und Finanzpolitik spricht.“ „Angie gegen den Rest der Welt?“ „Verkehrs- und Sozial- und Kultur- und Innenpolitik ist doch für die FDJlerin dasselbe: Machterhalt.“ „Sie war für das bisschen Vakuum, das Sarkozy hinterlassen hat, offensichtlich nicht schnell genug.“ „Und Hollande scheint zu wissen, was gespielt wird. Der Luftraum für weitere Eskalationen wird langsam knapp.“ „Ich begreife es trotzdem nicht: sie lügt entweder mit dem Rücken an der Wand oder sie hat längst jede Bodenhaftung verloren und lebt ihre Wolkenkuckucksträume im Egoland aus, wo man sich die Wirklichkeit aus kleinen Klötzchen zurechtbastelt.“ „Sie passt sich dem Niveau ihres Koalitionspartners an.“ „Es scheint der Masterplan der Kanzlerin zu sein, dass sie eine nicht demokratisch legitimierte Finanzjury als Ersatzregierung installieren will und kurz zuvor noch verkündet, gegen die Ziele der Zentralisten angehen zu wollen. Ein Besoffener, der seine Schuhe nach dem Mond schmeißt, um das Licht auszuknipsen, könnte nicht glaubwürdiger sein.“ „Sie müssen das mit dem christlichen Dualismus immer im Hinterkopf behalten. Merkel weiß zwar, dass sie die Axt an die Demokratie legt, aber sie macht ihre Bedenken vorher noch transparent.“ „Dann ist es das neoliberale Erfolgsmodell: wenn alle sich im Rahmen der unabänderlichen Möglichkeiten um Konkurrenzfähigkeit auf den demokratiekonformen Märkten bemühen, dann werden nach der Theorie am Ende auch alle Sieger im Wettbewerb, weil alle Exportweltmeister sind und bei allen anderen Guthaben besitzen, so dass es überhaupt keine Schulden gibt.“ „Sie rauchen das Zeug von Westerwelle, oder?“

„Keinem ist es aufgefallen: diese Kanzlerin warnt vor Scheinlösungen und Augenwischerei.“ „Lustig, dann hat sie zur Kenntnis genommen, dass die Euro-Krise nichts ist als eine Refinanzierung von Spekulationsverlusten? Welches Kasino würde einem, der sich an der Roulette um Kopf und Kragen spielt und von der Bank den Einsatz erpressen will, freundlicherweise die Kohle wieder in die Hand drücken? Nebst Zinsen?“ „Sie hat in ihrem moralischen Eifer sicher Bonds mit Boni verwechselt.“ „Den Unterschied hat ihr Ackermann erklärt?“ „Das ist die Logik aus dem Kinderland der bunten Klötzchen: wenn Merkel rechtzeitig einen Schuldigen für die Insolvenz der Bundesrepublik benannt hat, dann sind die anderen Verursacher aus dem Schneider.“ „Da werden sich die Zocker aber mal freuen, dass ihre Handpuppe so viel Macht demonstriert hat.“ „Das sieht schließlich nach Verantwortungsbewusstsein aus und verdient tiefen Respekt.“ „Irrtum ausgeschlossen?“ „So sicher, wie die Mauer in hundert Jahren noch steht.“

„War das eine etwas verfrühte Eröffnung des Wahlkampfes?“ „Bestimmt nicht. Dazu hätte sie ja wissen müssen, wovon sie spricht.“ „Im Leben nicht!“ „Eben. Und vielleicht identifiziert sie sich auch inzwischen so sehr mit dem Euro, dass Sie dessen Exitus für sich selbst in Anspruch nimmt.“ „Sie wird uns sicher nicht verlassen, ohne uns an den größten Geheimnissen teilhaben zu lassen.“ „Als da wären?“ „Wie man durch Sparen die Wirtschaft ankurbelt. Und wie Exportwirtschaft ohne Kapitaltransfer funktioniert. Der Nobelpreis dürfte ihr sicher sein.“

„Meinen Sie, irgendjemand würde noch einmal mit Nachsicht über diese Kanzlerin urteilen?“ „Nur über ihre Leiche.“





Grenzdebil

11 06 2012

„Sie kommen hier nicht rein. Das heißt, Sie kommen schon rein, aber eben nur mit Reisepass. Das ist das neue Europa. Das haben wir so für Sie gemacht. Ist doch viel besser als früher, oder?

Wir haben uns entschlossen, die Grenzen wieder zu schließen. Wenn wir das Schengenabkommen jetzt ganz oder teilweise oder nur ganz in Teilen, oder allgemein: der Bundesinnenminister hat noch nicht beschlossen, es in der EU abzuschaffen. Und wenn der jetzt das Schengenabkommen abschafft oder aussetzt oder in der EU oder außerhalb, jedenfalls ist das mehr Europa. Doch, das ist mehr Europa! Schauen Sie mal, Sie kriegen doch eine Menge mehr fürs Geld. Die Grenzkontrollen, die neuen Einfuhrbestimmungen – merken Sie noch was? – das ist doch alles mehr Europa. Ja, wir haben dann bald auch wieder mehr nationale Selbstbestimmung. Dänemark ist wieder Dänemark und Deutschland ist wieder Deutschland, das ist doch ein Mehr an Plus, ich meine ein Plus an mehr von irgendwas, und wir sind hier in Europa, da ist doch ein Mehr auch ein Plus und damit ein Mehr an Europa? Wollen Sie das jetzt nicht kapieren?

Die Mitgliedsstaaten können wieder ganz souverän entscheiden, was sie wollen. Ist das denn nicht großartig? Das ist doch großartig? Ja, und da hat der Bundesinnenminister eben entschieden, dass die Deutschen wieder Grenzkontrollen möchten und Schlagbäume. Und das kann jetzt nicht nur der Bundesinnenminister, sondern jeder Depp, nicht wahr, und deshalb ist das wieder mehr Europa. Sie müssen das systemisch begreifen, also systematisch und so. Wenn wir alle zusammen hier in Europa etwas nicht mehr machen, weil es nicht mehr gebraucht wird, dann ist das ja gut und schön, aber das ist doch nicht Europa. Das ist dann – merken Sie noch was? – das ist dann eben so etwas anderes. Aber wenn jeder etwas anders machen kann, ohne sich mit den anderen ansprechen zu müssen, weil ihm Europa garantiert, dass jeder hier alles machen kann, was er will, dann – merken Sie noch was? – ist das Europa. Mehr Europa!

Es ist ja primär wegen der vielen Ausländer, die nach Deutschland kommen. Das sind ja teilweise Ausländer, die aus dem Ausland kommen! Da sieht sich der Bundesinnenminister in besonderer Weise in der Pflicht, dass diese Personen, die nach Deutschland kommen, Personen sind, die dann eben nicht nach Deutschland kommen. Weil wir für mehr Sicherheit sorgen müssen, unter anderem durch mehr Freiheit, die durch mehr Sicherheit entsteht – merken Sie noch was? – die dann für mehr Freiheit sorgt. So will das der Bundesinnenminister. Der Bundespräsident will erst mal nur das mit der Freiheit, aber das mit der Sicherheit haben wir dann wenigstens schon mal. Und dann wird hier in Deutschland ja auch alles viel besser, zum Beispiel das mit der Wirtschaft und dem Aufschwung und dem Jobwunder und so. Weil wir dann ja den Fachkräftemangel, und den gibt es ja tatsächlich, und den werden wir dann beheben. Wie? Na, wenn hier alles so schön ist, dann kommen ja bestimmt irgendwann auch wieder die Ausländer.

Dialektik, verstehen Sie? Man muss immer das Gegenteil von dem tun, was man will, dann erreicht man das Gegenteil von dem, was man tut, weil man ja tut, was man will, wenn man will, dass man tut, was man will. Oder das Gegenteil halt. Und wir sind jetzt für mehr Wachstum und Arbeitsplätze, für mehr Demokratie und Europa. Mehr Europa.

Man muss sich dann auch mal Sachzwängen unterwerfen – merken Sie noch was? – oder sie eben so definieren, dass es nur Sachzwänge sind. Oder nur Sachzwänge für uns, und für die anderen dann eben etwas anderes. Oder dialektisch. Also umgekehrt. Aber da müssen Sie den Bundesinnenminister fragen, der wird Ihnen genau sagen können, wo es versehentlich schiefläuft –merken Sie noch was? – und wo das Dialektik ist.

Natürlich ist das noch nicht ganz durchdacht. Kein Wunder, der Bundesinnenminister kümmert sich ja persönlich darum. Aber wir hatten schon mal überlegt, ob wir das Programm nicht auch als nationale EU-Erweiterung verwenden können. Mehr Freiheit, mehr Demokratie für Deutschland, das wäre doch gut? Wenn wir die Mauer wieder aufbauen, das müsste doch klappen?

Die Theorie geht ja davon aus, dass wir eine Zustimmung zu den bestehenden Verhältnissen haben, und wenn wir sie dann verändern, so wie das der Bundesinnenminister eben auch tut, dann passen wir uns an. Wenn wir jetzt wieder die Mark bekommen – merken Sie noch was? – weil der Euro im Eimer ist, oder die Abschaffung des EU-Rechts, damit wir wieder selbst über den Krümmungsgrad von Gurken entscheiden und uns Glühbirnen ins Klo hängen können, dann ist das weniger, und damit selbstverständlich gut, weil es mehr Europa ist. Damit werden wir alle wieder zu echten Europäern, die ihre Freiheit genießen, und zwar genauso, wie wir es schon immer wollten.

Nur dies Europa der Europäer, verstehen Sie – klar, im Grunde wollten Sie das doch schon immer. Wieder richtiges Geld, richtige Gesetze, eine ordentliche Regierung, nicht so eine Quasselbude, wo man die ganzen Nulpen hinschickt, deren Korruption sich nicht mehr unter den Teppich kehren lässt. Aber das ist nicht gut, wenn Sie das wollen. Lassen Sie uns das erledigen. Wir schaffen das nicht nur besser, wir kriegen das dialektisch hin.

Vertrauen Sie uns. Europa ist bei uns in den besten Händen. Für mehr Europa. Übrigens, wir exportieren jetzt noch mehr Waffen an die Araber.“





Made in Germany

25 01 2012

„Skandalös! Das werde ich nicht hinnehmen!“ „Was genau hatten Sie im Auge?“ „Diese EU macht uns die ganze deutsche Wirtschaft kaputt!“ „Wie gesagt, was genau hatten Sie im Auge?“ „Dass wir nicht mehr ‚Made in Germany‘ schreiben dürfen.“ „Dürfen wir doch.“ „Aber nur noch da, wo es auch zu 100% stimmt – das ist doch Schikane!“

„Hoppala, jetzt feiern Sie mal den Geburtstag vom Alten Fritz mit etwas mehr preußischer Detailversessenheit. Sind Sie am Ende kein echter Deutscher?“ „Sicher, aber muss man denn das so eng sehen?“ „Sie wollen diese Bezeichnungen also eher auflockern?“ „Man muss doch in einem globalisierten Europa auch mal Spielräume haben.“ „Das heißt?“ „Wir sollten bei der aktuellen Regelung bleiben.“ „Mit allen Konsequenzen?“ „Was sollte daran falsch sein?“ „Demnach wären ja auch Würstchen aus bulgarischen Schweinen, die in Äthiopien geschlachtet werden, ein deutsches Fabrikat.“ „Es geht ja um die deutsche Rezeptur, das geistige Eigentum, verstehen Sie?“ „Wenn nur ein Fischlieferant aus dem Atlantik seine Filets nach Düsseldorf schickte, um Sushi daraus zu fabrizieren, was wäre das?“ „Deutsche Ware – schließlich haben wir erst die produktspezifischen Eigenschaften in die Rohstoffe gebracht.“ „Und der Tiefkühlfisch wäre sonst undeutsch geblieben?“ „Das Sushihafte des Tiefkühlfisches wohnt doch dem ins Deutsche geworfene Produkt inne – haben Sie nie Heidegger gelesen?“

„Übrigens müssen Sie sich immer vor Augen halten, was zu dieser Bezeichnung geführt hat. Sie ist immerhin eine britische Erfindung.“ „Richtig, die Inselaffen werden schon gewusst haben, dass sich nur Qualität durchsetzt.“ „Und genau deshalb haben sie ab 1887 in jeden Krempel ‚Made in Germany‘ gestanzt.“ „Weil sie verstanden hatten, was Importware bringt.“ „Nämlich gar nichts. Das Siegel war nur eine Warnung vor minderwertigem Zeug, das sein Geld nicht wert ist. Deutsche Erzeugnisse waren der Koreaschrott ihrer Epoche.“ „Typisch europäisches Konkurrenzdenken. Man kann diesen Engländern eben nicht über den Weg trauen.“ „Dann war es sicher auch nur Zufall, dass bei der Weltausstellung 1878 in Philadelphia die anderen Ingenieure derselben Ansicht waren.“

„Sie meinen also, dass das nicht nur ein Qualitätssiegel sei, sondern ein Industriestandard?“ „Vor allem ein Sozialstandard.“ „Was hat das denn für uns zu bedeuten?“ „Sehen Sie es als ein Bekenntnis zum Produktionsstandort mit all seinen Arbeitnehmern.“ „Aber dann wird sich der Aufschwung nie gegen Europa verteidigen lassen.“ „Kunststück – erstens, dass Sie ihn unbedingt verteidigen wollen, wogegen auch immer, und zweitens, dass Sie den Kampf der deutschen Wirtschaft gegen die europäischen Partner damit so leichthin eingestehen.“ „Aber wir brauchen doch die deutschen Exporte.“ „Das stimmt wie 1887. So kriegen wir Europa mit minderwertiger Wirtschaft kaputt.“ „Aber wir müssen doch Arbeitskräfte exportieren, sonst können wir uns nicht als größte Exportnation bewähren.“ „Weil sonst die Leute alle nach Taiwan auswandern, um sich da die Haare schneiden zu lassen?“

„Es geht doch letztlich im deutsches Know-how. Um die geistigen Leistungen.“ „Dann sollten wir hier vielleicht nur noch Kuckucksuhren und Gummiknüppel herstellen.“ „Unsinn, es geht um die Leistung des Arbeiters, der für die deutsche Volkswirtschaft…“ „Also die polnische Erntehelfer, die den Spargel auch nicht mehr stechen wollen, weil sie in ihrer Heimat für Handlangerjobs inzwischen besser bezahlt werden und sich von deutschen Vorarbeitern nicht mehr beleidigen lassen müssen?“ „Ich rede hier von richtigen Deutschen, ja?“ „Also von Zeitarbeitern, die mit ihren Waren auch de erodierenden Sozialstandards verkörpern? Die sollten doch auf jeden Fall ‚Made in Germany‘ wert sein, oder?“ „Es geht doch hier um die Entwicklungsleistung, verstehen Sie das nicht?“ „Doch, durchaus. Wenn die Baumwolle aus Pakistan stammt, die Textilverarbeitung aus Bangladesch und der Reißverschluss aus China, dann dürfen Sie einen deutschen Schimpansen dafür werben lassen.“ „Sie denken viel zu global. Man muss die europäischen Interessen wahren.“

„Was sollte uns eigentlich davon abhalten, ein Siegel ‚Made in Europe‘ einzuführen?“ „Davon halte ich nichts. Die anderen Nationen wären dafür sicher noch nicht so weit.“ „Warum nicht?“ „Weil das sicher einer dieser undemokratischen Versuche wäre, Deutschland zu schwächen.“ „Warum denn undemokratisch?“ „Da steckt doch sicher wieder die EU dahinter.“ „Aber die ist doch jetzt auch nicht demokratisch gewählt.“ „Trotzdem, die wollen doch bloß provozieren, dass wir auf deren Verhalten mit chauvinistischer Propaganda antworten – und diese reaktionäre Haltung lehnen wir einfach ab!“

„Und was hat Deutschland sonst zu melden?“ „Immerhin haben wir eine stabile Wirtschaft.“ „Und Sie erwarten bei den Vorkommen an Kupfer, Bauxit und Erdöl auf deutschem Boden, dass der Export ohne alles andere auskommt?“ „Immerhin sind wir Deutschland.“ „Und das war schon immer so?“ „Immerhin haben wir ein stabiles politisches System.“ „Worauf beruht das?“ „Wachstum.“ „Für die Wirtschaft?“ „Wenigstens für die richtigen Leute in diesem Staat.“ „Also etwas Thatcher, etwas Bush, etwas KGB. Und Merkel klebt zum Schluss den Stempel drauf. Made in Germany.“





Kriegswirtschaft

29 11 2011

„Vorsicht mit dem Kopf!“ Doch da hatte ich mich schon gestoßen. Leutnant Michaeli betastete meine Stirn. „Gibt eine schöne Beule“, sagte er mit halb tröstendem, halb vorwurfsvollem Unterton, als hätte ich das Rohr an der Decke bei dieser miesen Beleuchtung sehen können, „aber sonst ist ja alles noch dran.“ Wieder einmal verfluchte ich mich dafür, in den Untergrund gegangen zu sein. Aber wo sonst sollte man diese Leute jagen, die unserem Land den Untergang zu bereiten versuchen. Tief unter dem Herzen der Stadt, wohin kein Lichtstrahl dringt, hier saß das Sondereinsatzkommando der Finanzaufsicht.

„Wirtschaft ist Krieg.“ Der Leutnant reckte sein Kinn hart in die düstere, halbdunkle Kellergruft; bunt flackerten die Börsenmonitore im Hintergrund und gaben eine schwache Ahnung davon, wie die Entscheidungsschlachten dort oben um den DAX tobten. Spekulanten attackierten die Eurozone, das Parlament ließ sich in höchster Not Sonderrechte zum Verscherbeln der Leitwährung geben. „Wir sind als Eingreiftruppe aufgebaut worden, um die Entscheidungen des Bundesfinanzministeriums und der Bundeskanzlerin zu flankieren.“ Ich zog eine Augenbraue hoch; es war Michaeli nicht entgangen. „Ja, flankieren. Wir können ja schließlich nicht einfach selbst etwas unternehmen. Schließlich herrscht noch immer das Primat der Politik, wir als Behörde wollen uns da keinesfalls einmischen.“ „Ach“, merkte ich lakonisch an, „deshalb fragt die Kanzlerin ja sicher auch immer nach, was sie den Finanzjongleuren gerade noch androhen darf.“

Der Leutnant hatte sich unvermittelt umgedreht. „Sie sind mir nicht gerade als linientreu beschrieben worden“, knurrte er. „Ich werte das mal als Kompliment“, gab ich knapp zurück. „Gut“, nickte er. „Sehr gut. Dann werde ich Ihnen zeigen, was wir wirklich tun. Auf eigene Faust übrigens. Sie haben das alles hier jetzt nicht gesehen, ja?“

Hinter der eisernen Tür befand sich ein geheimer Kommandostand. Der Raum war karg eingerichtet. Eine nackte Glühbirne an der Decke warf grelles Licht auf den rissigen Betonboden und die splitterigen Wände. Ein paar Kisten standen an den Wänden, eine Wandtafel, ein Schemel, ein Papierkorb. Das also war das Herz des Widerstands.

Michaeli setzte sich auf den Schemel. „Es ist Terrorismus – Wirtschaft ist Terrorismus.“ „Nicht die Wirtschaft an sich“, korrigierte ich, „sondern die Spekulation durch diese – “ „Wirtschaft ist Terrorismus“, wiederholte er, hart und unbeirrt. „Dies Wirtschaftssystem ist nichts anderes als ein permanenter Krieg mit anderen Mitteln. Sie sind es aus der Geschichte gewohnt, dass man andere Völker aus Gründen der territorialen Expansion angreift und die Bürger dazu bringt, sich für die Interessen einiger Multimilliardäre gegenseitig Kugeln in den Schädel zu schießen?“ „Das ließe immer noch darauf schließen, dass Wirtschaft die Vorstufe des Kriegs mit anderen Mitteln ist.“ Michaeli schüttelte den Kopf. „Zu kurz gegriffen. Es ist Terror.“ Dumpf und verzweifelt sah er auf die Karten an der Tafel, mit Bleistiftmarken und Fähnchen übersäte Karten von Europa und der Welt, Deutschland ein blutroter Fleck in der Mitte. „Es ist Terrorismus. Wie definieren Sie das?“ „Ein Eingriff in die Sicherheit eines Staates“, antwortete ich irritiert, „um dann die verunsicherte Sicherheit in die – was wollen Sie eigentlich!?“ Leutnant Michaeli nickte. „Ich sehe, Sie haben das bekannte Problem. Die Angreifer versuchen, ein System auszuhebeln, indem sie immerzu neue Sicherheitslücken aufzeigen und damit nach und nach die Handlungsfähigkeit der Gesellschaft lähmen, bis sie sich ergeben muss.“ „Das gilt für den politischen Terror“, wandte ich ein, „aber sind Sie sich sicher, dass es auch für die Wirtschaft gilt?“ Michaeli nickte. „Selbstverständlich. Nehmen Sie doch das aktuelle Beispiel. Italien muss mehr als sieben Prozent Zinsen bieten. Sieben Prozent!“ „Das bedeutet, sie müssen in einem Modell, das auf unnützes Wachstum durch Börsenblasen setzt, noch einmal trotz ihrer enormen Verschuldung Wachstum produzieren. Nur für die Zinsen.“ Wieder nickt er. „Aber je höher dieser Zinssatz ausfällt, desto eher führt er direkt in eine Rezession, die nochmals die Schulden erhöhen und die Zinsen.“ „Sie meinen“, fragte ich, „man hat die Länder in eine Falle gelockt, aus der sie nicht mehr ohne fremde Hilfe hinauskommen?“ Diesmal schüttelte er entschieden den Kopf. „Sie kommen gar nicht heraus. Nicht einmal mit fremder Hilfe. Es ist wie Treibsand. Wenn Sie einmal drinstecken, haben Sie es gehabt.“

Er fuhr sich nervös durchs Haar. „Die Märkte sind nicht das Opfer, das geschützt werden muss, das redet uns diese Regierung nur ein. Sie sind die Täter.“ „Die Regierung?“ Ein bohrender Blick strafte meine vorwitzige Bemerkung. „Die Märkte – was auch immer diesen unsinnigen Plural noch rechtfertigen mag.“ Ich konnte nicht anders; ich lächelte. „Das hieße dann ja, dass Sie derselben Meinung sind wie die Presse, die die bösen Spekulanten zu Bösewichten erklärt und ein hartes Durchgreifen der unfähigen Marionetten in den Regierungen verlangt.“ „Nicht ganz“, antwortete er mit belegter Stimme. Er zog einen Aktendeckel aus der Schublade, warf ihn auf den Tisch und klappte ihn auf. „Wir wollen an die Hintermänner.“ Da blickten sie mich an, Kanzlerin, Finanzminister und der ganze Rest. „Wir verteidigen die Demokratie gegen die Märkte. Gegen alles, was sich in ihren Dienst stellt. Es ist Terror. Und mit Terroristen wird nicht verhandelt.“





Agenda Merkel

15 09 2011

„Wozu eine Agenda? Es würde doch schon reichen, wenn man wüsste, wo vorne ist.“ „Warum nur so kritisch?“ „Weil man weder weiß, wo vorne ist, noch, ob sich gerade etwas mit Absicht in eine Richtung bewegt.“ „Deshalb ja eine Agenda.“ „Und was würde eine Agenda an der aktuellen Lage verändern?“ „Nichts. Aber wir hätten eine Agenda.“

„Es ist doch illusorisch, anzunehmen, dass sich die Kanzlerin an einen Fahrplan halten würde.“ „Das würde ich so nicht sagen. Immerhin weiß man mit einem Fahrplan, wo die Endhaltestelle ist.“ „Damit sie nicht auf Sicht fahren muss?“ „Und sie weiß ungefähr, wie lange die Reise dauert.“ „Ihren Koalitionspartnern scheint das ja weniger klar zu sein.“ „Eben, deshalb ist ja auch sie die Kanzlerin – und nicht eine dieser pubertierenden Witzfiguren.“ „Trotzdem, sie wird sich bewegen müssen.“ „Sie waren doch eben gerade noch gegen eine Agenda? Was denn nun, politische Richtung oder lähmendes Aussitzen?“ „Kann man nicht beides verbinden?“ „Müsste zu schaffen sein. Dann versuchen wir es mal mit der Agenda Merkel.“ „Warum nicht Agenda 2020?“ „Einerseits würde ich sagen, dass diese Marke seit Schröder etwas gelitten hat.“ „Und andererseits.“ „Das wollen Sie gar nicht wissen.“

„Gut, dann eine Agenda Merkel. Was kommt als erstes auf den Plan? Die Arbeitslosigkeit?“ „Sicher, die muss doch erhalten bleiben. Ansonsten wäre der Exporterfolg nachhaltig beschädigt.“ „Sie verstehen nicht: es ging um die Beseitigung.“ „Das ist eines der entschiedenen Ziele der CDU-Sozialpolitik, richtig.“ „Nein, die Beseitigung des Sozialstaates war hier nicht gemeint, sondern die politische…“ „Das verstehen Sie falsch, die Kanzlerin kümmert sich nicht um die politischen Folgen ihrer Ideen. Dazu hat sie ja die Ministerien, von deren Arbeit sie jeweils aus den Abendnachrichten erfährt.“ „Wenn es hier überhaupt keine konzertierte Arbeit geben sollte, wozu brauchen wir dann eine Agenda?“ „Man soll die Hoffnung ja nicht aufgeben, dass sie in ihrer Schlussphase noch ein paar Anfängerfehler beseitigt.“

„Hat denn die Kanzlerin nicht erst in der Haushaltsdebatte eine Parlamentsrede gehalten und ihrer Partei erklärt, worum es ihr geht?“ „Was sicher auch recht überraschend gewesen sein muss für die Partei.“ „Dass man ihr etwas erklärt?“ „Dass Merkel überhaupt politische Ziele verfolgt. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.“ „Weil man in der CDU geahnt hat, dass die Kanzlerin sich ab und zu auch politisch betätigt?“ „Weil der Rest der Republik zu der Vermutung keinen Anlass hat.“ „Aber sie muss doch wenigstens irgendwann eine politische Leitlinie verkündet haben.“ „Eine Leitlinie schon, aber wie kommen Sie auf den Trichter, die hätte etwas mit Politik zu tun?“ „Das muss doch mit Globalisierung, Zentralisierung und Stabilisierung zu tun haben, oder womit sonst?“ „Vornehmlich mit den inneren Werten der Union, und die haben ja nun mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun.“ „Aber die Stabilisierung…“ „… von Energiekonzernen und Verlagsmonopolen, aber mehr auch nicht.“ „Und sonst hat es keine Linie?“ „Wenn Sie den Abbau der Bürgerrechte abziehen, nein.“ „Aber was für eine Agenda soll denn da noch kommen? Können Sie mir das bitte mal verraten?“ „Sie hat es doch selbst gesagt: ‚Wir haben den Mut und die feste Absicht, Deutschland mit einer Koalition der Mitte voranzubringen. Das sollte uns auch tragen an Tagen, an denen es schwierig wird.‘“ „Was heißt das im Klartext?“ „Es sollte uns tragen – also reines Wunschdenken. Und das stand immerhin im Koalitionsvertrag.“ „Hat die Frau eigentlich ein Brett vor dem Kopf?“ „Ich würde sagen, nein. Eher eine Mauer.“

„Könnte das eventuell damit zusammenhängen, dass Merkel nie zuhört, wenn ein anderer spricht?“ „Im Wesentlichen ja, wobei es noch zu fragen ist, wer da redet.“ „Die FDP?“ „Das ist Feigheit vor dem Feind.“ „Die Opposition?“ „Das ist eher zu bedenken. Ob das Arroganz ist oder Dummheit.“ „Also gibt es gar keine Agenda?“ „Man braucht eben die richtigen Gesprächspartner bei diesen Themen. Über die grundsätzlichen Dinge redet man nicht einfach so, da braucht es schon eine stabile Partnerschaft.“ „Wie beispielsweise die Reste der Großen Koalition?“ „Durchaus, ja. Das könnte einer der Punkte auf der Agenda Merkel sein: die Wiederherstellung stabiler Machtverhältnisse in einer neuen Koalition mit der SPD.“ „Und Sie denken, dass sie das mit dem Koalitionsvertrag ins Auge gefasst hatte?“ „Kaum, denn dann hätte sie bis zum Horizont blicken müssen; so weit, werden Sie zugeben müssen, hat sie es nie geschafft.“

„Gut, aber jetzt: was kommt denn in diese Agenda rein? Was steht da drin? Was haben wir zu erwarten?“ „Natürlich erst einmal ein Europa der Nationen und eine gemeinsame Vision, denn scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ „Und?“ „Und die Exportwirtschaft darf natürlich nicht so stark eingegrenzt werden, wie das jetzt gefordert wird – weil man das auch als Zugeständnis nehmen kann für die, denen die Regulierung der Finanzmärkte zu weit ginge.“ „Und?“ „Und man müsste mit dem Klimaschutz, und das kann auch die europäische Sicherheitspolitik, weil man dann die Bundeswehr auch im Innern einsetzen kann, weil sie eine Berufsarmee ist, und zusammen mit den Eurobonds, für die Hartz IV gekürzt und das Elterngeld für Arbeitslose gestrichen wird, kann man dann die Autobahnmaut, und das schließt die Erhöhung der Mehrwertsteuer noch nicht ein, aber dafür braucht man kein Grundgesetz.“ „Sie halten das doch nicht etwa für realistisch?“ „Nein, realistisch wäre weiter wursteln und beten, dass die Sicherungen nicht rausfliegen.“ „Und das ist die Agenda Merkel?“ „Nein, das ist die Agenda 2013 – sonst weiß sie ja nicht, was sie macht, wenn sie wirklich kaltgestellt wird.“





Und alle Fragen offen

22 08 2011

„Deshalb gleich zu Anfang unsere wichtigste Frage: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Ja, das ist richtig und das muss man auch so sagen, wir haben das immer schon, und da können wir auch als die Partei, die sich von Anfang an ausgesprochen hat für eine stärkere und vor allem, dass wir jetzt endlich auch Maßnahmen ergreifen, die man dann aber auch umsetzen muss, denn es hilft ja nicht, dass man dann immer nur darüber redet, man muss dann endlich jetzt auch mal etwas ganz konkret, so wie wir das auf unserem letzten Parteitag im Juni beschlossen haben.“ „Ja, aber wie kommen wir aus der Krise?“

„Schauen Sie, wir können jetzt ja nicht so an die Märkte herangehen und sagen: ‚Wir gehen an die Märkte heran‘, und dann haben wir letztlich nichts erreicht, weil das eine internationale, und auch die Fiskalpolitik, Steuern und auch die gemeinsamen Finanzen in der Eurozone, wobei das ja noch gar nicht raus ist, ob wir hier eine Einigung erzielen, die die Märkte dann, wenn wir das – ich betone: wenn wir überhaupt ohne nochmaligen, ohne einen Rettungsschirm, der zum jetzigen Zeitpunkt natürlich auch vollkommen undenkbar, und da möchte ich dann noch mal die Kanzlerin zitieren, dass wir da so schnell wie möglich zu einer gemeinsamen Lösung finden werden, die wir auch als internationale Partner, hier in Europa und dann auch in der gemeinsamen Eurozone.“ „Und wie kommen wir dann aus der Krise?“ „Wir können jetzt zwei Wege einschlagen. Der eine Weg, das ist auch der, den die Kanzlerin, und die Koalition sieht ja im Moment so aus, dass das wieder nicht klappt, also werden wir noch ein paar Wochen länger warten, bis wir eindeutige Ergebnisse, die dann auch zehn bis maximal fünfzehn Milliarden mehr kosten, weil dadurch die Märkte leichter wieder Vertrauen fassen, dass wir es diesmal, und das hoffe ich sehr, dass wir es, diesmal wenigstens, auch ernst meinen, und diese fünfzig, maximal sind es dann vierhundert Milliarden Euro, die müssen dann auch reichen, weil wir ja sehen, dass wir das ohne eine entschlossene Regierung gar nicht können.“ „Gut, und wie kommen wir aus der Krise?“ „Weil wir als eins der Länder in der Eurozone, die auch mit dem Binnenkonsum, auch mit der Staatsquote und einem Anteil von, das sind aktuelle Zahlen, ungefähr genau, maximal bis zu mindestens 6.000 Punkte, und wir müssen auch sehen, dass wir die Märkte, die ja selbst abhängig sind von den Rohstoffen, vom Parketthandel an internationalen und teilweise sind es ja auch Handelsplätze außerhalb von Deutschland und London, und da müssen wir dann sehen, ob die Reaktion bei Offshore-Investments überhaupt etwas bringen, sonst ist das für uns keine Lösung, weil wir damit auch keinen deutschen Sonderweg riskieren.“

„Wie werden wir aus der Krise kommen?“ „Ich weiß nicht, was die Kanzlerin und Herr Sarkozy da im Einzelnen verabredet haben, damit diese Titel so schnell abstürzen, aber es war ja auch ein Schritt in die richtige Richtung, weil wir jetzt sehen, dass wir ohne eine vorgefertigte Lösung für die Probleme, die sich aus einem weiteren Rettungsschirm, den wir von Anfang an nicht ohne eine Einigung mit den EU-Ländern, mit den Partnern in der Eurozone, aber auch mit der EZB und den Kreditgebern, weil wir die Zinsen da nicht bestimmen, dazu müssten sich die Märkte bewegen, und es sieht im Moment nicht aus, als würde hier nur eine internationale, von allen angestrebte Lösung, die auch die Partner in der Eurozone, und auch die EU-Ländern, aber das wird sich letztlich zwischen Herrn Sarkozy und der Kanzlerin abzeichnen.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Lassen Sie mich da einen Aspekt ganz bewusst hervorheben, den seit der Kreditklemme der deutschen Banken, und das betrifft ja auch unsere eigene Finanzpolitik, die Zinspolitik, Basel III, weil auch der Stresstest nicht immer so, wie wir uns das gewünscht hätten, wenn die Anleger hier das Sagen hätten, aber das können wir nicht mit der Politik regeln, das sind Eingriffe in Regulierungen, die die Märkte dann so regulieren, dass wir wieder in eine Krise kommen, weil wir die Regulierung, für die die Anleger ja den Staat, der hier mit Recht eine Schutzfunktion, die wir brauchen.“ „Konkret: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Wie gesagt, das sind die Aufgaben, die jetzt anstehen, für die Koalition, aber auch die Kanzlerin muss jetzt Farbe bekennen – und das auch in der Eurozone, in den bilateralen, in den trilateralen und in multilateral-internationalen Gesprächen innerhalb der EU und Europa, was die gemeinsame Haushaltspolitik mit sich bringen wird.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Dazu brauchen wir drei Dinge, erstens das Vertrauen der Märkte, die uns mit täglich neuen Hiobsbotschaften versorgen, dass wir im Moment auch eine leichte Rezession haben, solange der Aufschwung noch anhält, und zweitens, weil wir die Sache schnell entscheiden müssen.“ „Wie kommen wir aus der Krise?“ „Indem wir das nicht überstürzen, sondern uns auf dem kommenden EU-Gipfel mit allen internationalen Partnern in der EU, aber auch die Eurozone, soweit wir eine Union nicht als Transferunion, die sie faktisch ist, für eine effektive Stärkung, die dem Nullwachstum etwas entgegensetzen könnte.“ „Und wie kommen wir aus der Krise?“ „Mit diesen Mechanismen im Gepäck dürfen wir nicht weiter warten, die Kanzlerin als Regierungschefin muss jetzt handeln, und es gibt hier, und die Koalition weiß das, und sie müsste es auch wissen, nur eine Frage: Wie kommen wir aus der Krise?“ „Vielen Dank für das Gespräch.“ „Bitte, keine Ursache.“





Spiel die Krise

13 07 2011

Die Wand leuchtete plötzlich grell auf – rote, gelbe, grüne Quadrate blinkten wild durcheinander, eine Fanfare trötete, und die bekannte Stimme schrie aus dem Lautsprecher: „Risiko!“ Siebels knipste die Effekte aus und lehnte sich in seinem Regiestuhl zurück. „Etwas altbacken“, kritisierte er. „Gut, es hat einen gewissen Touch von Seriosität, für die älteren Zuschauer bestimmt auch einen hohen Wiedererkennungswert, aber ob sich das durchsetzt in der heutigen Fernsehlandschaft? Seien wir doch mal realistisch – es ist einfach zu gut.“

Purrwinkel schaltete die Blinklichter ab. „Wir müssten wenigstens eine Art Falltürsystem haben“, forderte er. „Falltürsystem?“ Ich begriff nicht, worum es sich handelte; er erklärte es mir. „Sie haben verschiedene Risikostufen, Zufälle, eine Art von Unwägbarkeit, die komplett außerhalb Ihrer eigenen Deutungsmuster steht.“ „Sie meinen“, grübelte ich, „man gibt nur richtige Antworten und verliert trotzdem?“ Purrwinkel nickte begeistert. „Genau das ist damit gemeint! Es ist lebensnah und wirklich gut für dies Thema geeignet.“ „Siebels“, fragte ich den Fernsehmacher, „was haben Sie sich denn da wieder ausgedacht? Eine politische Show? Ein Quiz um den Sozialstaat mit eingebautem Verfassungsbruch?“ Doch der alte TV-Hase winkte ab. „Viel einfacher. Die Euro-Krise als Quiz.“

Inzwischen hatte Purrwinkel eine Reihe bunter Kärtchen an diverse Flipcharts geklebt. „Der Titel ist entscheidend“, verkündete er. „Der Titel wird unter anderem darüber entscheiden, wer sich diese Quizshow ansehen wird.“ „Zunächst mal sollte man darüber nachdenken, wer denn das Ding moderiert und wer als Kandidat daran teilnimmt“, befand ich. Doch Siebels winkte ab. „Unerheblich. Wenn wir einigermaßen realistisch vorgehen, brauchen wir keinen Moderator – sehen Sie bei der Krise einen der Verantwortlichen, der es für nötig hielte, seinen Kopf hinzuhalten?“ Ich schwieg betroffen. Siebels nickte, sichtlich zufrieden. „Mit den Kandidaten machen wir es uns einfach, das heißt, der Sender zahlt genau das, was er immer zu zahlen bereit ist, wenn er keinen Sponsor findet: nichts.“ „Also mit Laiendarstellern?“ „Richtig“, bestätigte Siebels. „Wir nehmen die ganz besonders dummen. Die aus dem Bundestag.“

„Sie wollen ernsthaft eine Quizshow mit Bundestagsabgeordneten machen?“ „Wo findet man mehr Vollidioten auf einem Haufen“, gab der Fernsehproduzent ungerührt zurück. „Diese Leute beschäftigen sich den ganzen Tag lang mit sich selbst, sie haben weder ein Interesse an den politischen noch an den wirtschaftlichen Zusammenhängen der Finanzkrise – größtenteils sind sie bereits mit damit überfordert, wie der Euro funktioniert, da darf man sie nicht auch noch mit intellektuellen Spitzenleistungen quälen.“ „Aber das machen doch die Leute auf der Straße nicht viel besser“, insistierte ich. „Mag sein“, grinste Siebels. „Aber die kommen selten in die Verlegenheit, einen Rettungsschirm durchs Parlament zu winken.“

„Wir hätten einmal PENG und einmal BÄM“, brachte sich Purrwinkel in Erinnerung. „Und dann wäre da auch noch Futsch – die Euro-Show.“ Siebels rieb nachdenklich sein Kinn. „Was sagen Sie dazu?“ „Es klingt alles ein bisschen sehr billig“, sagte ich. Er nickte. „Richtig, das wäre schon mal ein Argument dafür. Arbeiten Sie weiter in dieser Richtung!“

Purrwinkel reichte mir einen Helm. „Setzen Sie mal auf“, ermunterte er mich. „Drückt er? Macht nichts, er dürfte den meisten Kandidaten nicht passen. Und dann bitte hier auf dem Drehsessel Platz zu nehmen.“ Ich setzte mich in das wackelige, ausrangierte Sitzmöbel. „Die Sprechgarnitur ist angeschaltet, wir können mit dem Probedurchlauf beginnen. Und – Action!“ Schon begann die Wand wieder in allen Farben zu blinken. „Wählen Sie eine Frage“, rief Siebels herüber. „Sie haben das Schema aus – oh, zu spät.“ Da rauschte das System herunter, Purrwinkel klappte ein Notebook auf und stellte es auf den Klapptisch neben mich. „Wir müssen ein wenig improvisieren, tut mir Leid. Aber dafür sieht es ja auch lebensecht aus.“ „Ich nehme Faule Griechen 60.“ Purrwinkel fummelte am Klapprechner herum und las die Frage vor. „Wer hat mehr Urlaubstage, die Deutschen oder doch die Griechen?“ „Entschuldigen Sie mal“, protestierte ich. „Das ist eindeutig suggestiv, so kann man nicht fragen!“ „Stimmt“, bestätigte Siebels. „Sie kennen ja die Vorgaben des Senders.“ „Dafür kennt der Sender die Antwort nicht“, feixte Purrwinkel. „Die nächste Frage, bitte!“ „Spanische Faulpelze“, las ich, „Spaghettis – Moment mal, Froschfresser?“ Siebels steckte sich eine neue Zigarette an. „Wir wissen nicht genau, wann die Pilotsendung ausgestrahlt wird“, erklärte er. „Kann gut sein, dass dann der europäische Wirtschaftsmotor auch schon bis zum Hals in der Pleite steckt.“ „Gut, dann nehme ich Froschfresser 80!“ Die Wand blubberte auf vor lauter Farbenrausch, und da war auch schon die vertraute Stimme aus dem Lautsprecher: „Risiko! Risiko!“ Siebels schob die Brille auf die Nase und las die Frage vor: „Wem schiebt der EU-Rettungsschirm die ganze Kohle in den Rachen?“ „Den Banken“, echote ich. Die Wand schien rein zu implodieren. Die Fanfaren schäumten fast über. „Gewonnen“, verkündete Purrwinkel strahlend. „Gewonnen!“ „Gewonnen? Was denn?“ „Sechs Monate“, warf Siebels trocken ein. „Aufschub. Sechs Monate. Dann geht die ganze Scheiße wieder von vorne los. Vergessen Sie nicht, die Sache ist lebensecht.“





Durch Mark und Bein

7 07 2011

„Und genau deshalb brauchen wir Steuersenkungen für die obere Hälfte der oberen Mittelschicht. Wir als Liberale tun schließlich etwas für alle Bürger.“ „Das widerspricht sich doch gerade.“ „Tut es nicht, ich habe ja nicht gesagt, dass wir für alle Bürger auch uneingeschränkt Gutes tun müssten. Das ist schon mal ein großer Unterschied, oder?“

„Wenn Sie spitzfindig werden wollen: woher sollen denn die Mittel für Ihre Steuersenkung kommen?“ „Gemach, gemach! Wir haben 2011, da fließt noch viel Wasser die Spree aufwärts, bis wir das alles durchgerechnet haben.“ „Sie meinen, Sie wollen so lange hin- und herrechnen, bis Sie am Ende feststellen, dass es nicht reicht.“ „Es wird reichen. Es muss reichen. Schließlich werden wir als FDP in der Fortsetzung dieser Koalition ab 2013 einen entscheidenden…“ „Veralbern kann ich mich alleine, Herr. Machen Sie den Bürgern lieber jetzt mal klar, warum Sie das Geld den deutschen und französischen Banken in den Rachen stopfen, statt ihnen die Schulden für ihre Kasinospielchen selbst aufs Auge zu drücken.“ „Das wäre aber gar nicht gut für Europa.“ „Wird sich zeigen.“ „Wir wollen doch lieber nichts riskieren, oder? Wir als liberale Partei sind jedenfalls strikt…“ „Das wäre ja mal etwas ganz Neues.“

„Jedenfalls müssen wir jetzt den Niedriglohn- und Arbeitslosigkeitssektor durch flankierende Maßnahmen stützen.“ „Ist aber schlecht für den Euro.“ „Dann können wir nämlich unseren Export stärken und müssen uns um die Binnenkonjunktur gar nicht mehr kümmern.“ „Ist auch schlecht für den Euro. Und für die Binnenkonjunktur.“ „Aber wir können endlich beides haben: Steuersenkungen und, falls dann noch Geld übrig sein sollte, die notwendigen Lohnkürzungen, die wir brauchen, um die Steuern zu senken.“ „Warum Lohnkürzungen?“ „Weil wir die Lohnnebenkosten senken wollen. Lohnnebenkosten sind Lohnkosten, und eine Senkung der Lohnnebenkosten ist eine Senkung der Löhne. Klar?“ „Und das ist eine flankierende Maßnahme für höhere Löhne?“ „Nein, für höhere Spitzeneinkünfte. Was wollen Sie denn bei der miesen Lohnentwicklung noch kürzen, die zahlen ja alle nicht mal Steuern.“

„Warum haben Sie die Bürger nicht in der Krise entlastet, um die Konjunktur zu stützen?“ „Weil wir da das Geld für die armen Banken brauchten.“ „Und jetzt? Wir haben doch Aufschwung.“ „Da gibt’s ja nun wirklich Wichtigeres. Da muss man beispielsweise mal dafür sorgen, dass die Diäten auch erhöht werden können.“ „Warum ausgerechnet jetzt?“ „Weil wir als Liberale – na, Sie wissen doch, wie das ist.“ „Wie was ist?“ „Wenn Sie nicht wissen, ob Sie in den nächsten Jahren noch etwas verdienen werden.“

„Sie meinen also, der einfache Bürger sei eine Gefahr für den Euro?“ „Das würde ich als Liberaler unterschreiben.“ „Wissen Sie, was das Problem daran ist? Dass der einfache Bürger es genau andersherum sieht.“ „Das sei ihm unbenommen. Wir als FDP können jetzt ja auch nicht noch dafür sorgen, dass die Wirtschaft sich um ihren Aufschwung kümmert.“ „Abgesehen von der Finanzindustrie.“ „Selbstredend.“ „Und es wäre auch unmöglich gewesen, innovative Branchen wie die alternative Energieerzeugung zu fördern.“ „Ich frage Sie als Liberaler: haben diese Industriellen uns je mehr gespendet als Aufmerksamkeit?“

„Und wie wollen Sie sich als FDP noch retten mit einer Steuersenkung, die keiner wirklich will?“ „Man darf doch nicht immer nur das tun, was die Bürger wollen.“ „Sondern?“ „Wir als Liberale sind ja eher an den aktuellen Wahltrends interessiert als an den Befindlichkeiten der Wähler.“ „Deshalb haben Sie jetzt eine Steuersenkung beschlossen, von der noch keiner weiß, ob und wann und wie sie tatsächlich kommt.“ „Richtig. Wir als FDP setzen uns mit der großen politischen Linie auseinander, nicht mit den alltäglichen Kleinigkeiten. Das ist die Freiheit des Bürgers, die wir ihm zugestehen. Alles andere wäre schließlich Sozialismus.“ „So ganz haben Sie sich aber immer noch nicht von Ihrem Westerwelle-Trauma erholt, wie mir scheint.“ „Westerwelle war ein hervorragender Parteichef, der durch seine Kompetenz die Erfolge der FDP maßgeblich mitgeprägt hat. Er hat die FDP zu dem gemacht, was sie heute ist.“ „So schlimm?“ „Er war sehr erfolgreich und hat sehr viele Erfolge für die FDP erreicht, da er sehr erfolgreich war.“ „Weshalb er ja auch nicht mehr Vorsitzender ist.“ „Rösler ist ein hervorragender Parteichef, der durch seine Kompetenz die Erfolge der FDP maßgeblich mitprägt.“ „Ich sehe, Sie haben sich mit Ihrem Schicksal abgefunden.“

„Wir als FDP werden die Berechnungen erst dann durchführen, wenn wir seriöse Zahlen haben.“ „Also nie.“ „Nicht ganz. Wir müssen natürlich vor der kommenden Wahl schon irgendetwas machen. Wie mit dem Atomausstiegsausstiegsausstieg. Da ist ja auch etwas passiert.“ „So kann man’s auch ausdrücken. Und Sie sind sich sicher, dass Sie das überleben?“ „Todsicher.“ „Wollen Sie nicht einen Mindestlohn einführen?`Mit den Mehreinnahmen an Lohnsteuer können Sie die Einkommensteuer doch locker um das absenken, was Ihnen heute schon vorschwebt.“ „Besser. Wir senken Sie so.“ „Einfach so?“ „Genau. Und hoffentlich wackelt dann die Binnenkonjunktur.“ „Bitte!?“ „Und wir brauchen auch eine massive Verwerfung in der Schuldenkrise. Aber mit etwas Glück klappt auch das.“ „Sind Sie noch ganz bei Trost? Was haben Sie denn da vor?`“ „Das, mein Guter, ist die geistig-politische Wende, von der Sie so oft gehört haben. Wenn dann der Euro zusammenbricht, erfüllt sich für viele Deutsche ein Wunschtraum: endlich wieder D-Mark.“ „Ich… das…“ „Doch, genau so. Das sichert uns die Sympathien des Volkes. Unsere Wiederwahl dürfte außer Zweifel sein. Und Sie sehen wohl, um eine solche Politik zu machen, die tatsächlich bei allen Bürgern ankommt, braucht es uns. Das sage ich Ihnen als FDP.“








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