Notstand

14 09 2009

„Jedenfalls sollte man das aus dem Verkehr ziehen. Und zwar so schnell wie möglich. Irgendwas wird Ihnen da doch wohl einfallen, Kleinschmidt!“ „Es tut mir Leid, aber wie wollen Sie das anstellen? Das Video ist da, es ist etliche Male heruntergeladen worden, es haben sich inzwischen so viele Leute…“ „Lässt sich feststellen, wie viele? und wer?“ „Wie soll das denn gehen?“ „Ich dachte, wir zeichnen das alles auf?“ „Aber dann wissen wir doch noch nicht, wer hinter einer IP steckt. So einfach ist das nun auch wieder nicht.“ „Nicht? Komisch. Die Zypries hat mir das letzte Woche ganz genau erklärt, warten Sie mal… da, auf dem Schreibtisch. Ich habe es mir ausdrucken lassen.“

„Jedenfalls ist das ein Schlag ins Wasser. Wir können doch jetzt mitten im Wahlkampf nicht auch noch solche Demonstranten gebrauchen, die unser Sicherheitskonzept in Frage stellen.“ „Es wird keine Entschuldigung geben!“ „Aber wir müssen irgendwie darauf reagieren.“ „Warum eigentlich?“ „Meine Güte, die Bilder sind doch längst weltweit…“ „Wie, weltweit? Ich dachte, die seien nur im deutschen Internet?“ „Herr Minister, jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für alberne Witze! Wir stehen hier vor einer folgenschweren Entscheidung!“ „Wie ich bereits sagte, eine Entschuldigung kommt für uns überhaupt nicht in Frage. Wir können jetzt keine Schwäche zeigen. Unsere Sicherheitspolitik wird sonst unglaubwürdig und das kostet uns mindestens fünf Prozentpunkte an diese linken Spinner.“ „Wenn wir uns nicht entschuldigen, verlieren wir die fünf Prozent an die NPD – halten Sie das für besser?“ „Kleinschmidt, Sie Blindschleiche! Wir brauchen die Nazis! Wir brauchen sie, wir brauchen jeden einzelnen Mann! Ohne Nazis kriegen wir doch den Sicherheitsplan nie durch! Herrgott, so kapieren Sie es doch!“

„Wir könnten vielleicht so hindrehen, dass der Gegner den Polizeibeamten irgendwie beleidigt haben könnte. Vielleicht hat er ja ‚Bullenschwein‘ gesagt. Das müsste doch einer von den Kameraden gehört haben. Dann steht Aussage gegen Aussage und wir sind fein raus.“ „Unfug! Das sind doch alles Feinde der Demokratie!“ „Wer?“ „Diese ganzen Piraten! Dieses Pack, das da…“ „Herr Minister, Frank Bsirske war auf der Demo.“ „Alles dasselbe Gesocks!“ „Claudia Roth war da. Thilo Weichert.“ „Was ist das denn für ein Vogel?“ „Der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. Ehemaliges Landtagsmitglied in Baden-Württemberg.“ „Sicher so ein dahergelaufener Spinner.“ „Herr Minister, er ist promovierter Jurist.“ „Ich weiß selbst am besten, dass das nichts zu bedeuten hat! Gar nichts!“

„Wenn Sie jetzt überreagieren, dann haben wir nicht nur eine Katastrophe mit den Rechten, sondern auch noch einen Erdrutsch zu den Piraten zu befürchten. Das können Sie doch nicht wollen!“ „Was haben Sie immer mit Ihren Piraten, das Gesindel ist doch nur ein Haufen von konservativen Besitzstandswahrern.“ „Dann müssten Sie ja Oberpirat sein, Herr Minister.“ „Werden Sie nicht frech!“ „Entschuldigung, aber…“ „Diese Chaoten wollen angeblich Bürgerrechte verteidigen. Das Grundgesetz! Kleinschmidt, das lasse ich mir nicht bieten! Diese Halbstarken sollen gefälligst das Maul nicht so weit aufreißen. Haben die das Grundgesetz gemacht? Na also. Dann haben die hier auch nicht reinzureden. Hier bestimme ich!“

„Wir müssen aber doch irgendwie die Situation jetzt…“ „Ha! Ich hab’s! Kleinschmidt, die haben das Video doch über das Internet weitergegeben. Wo sind die Daten jetzt?“ „Auf vielen Servern und auf sehr vielen Computern.“ „Gut. Sagen Sie der Abteilung ZV2, dass ich den Einsatz eines Trojaners genehmige. Wir müssen diese Daten so schnell wie möglich auf allen Computern löschen.“ „Also bitte, das ist doch jetzt Unfug! Es gibt gar keinen Bundestrojaner.“ „Nicht? Ich hatte aber doch befohlen, dass…“ „Selbst, wenn es ihn gäbe, dürfen wir ihn gar nicht einsetzen.“ „Warum?“ „Weil das verfassungswidrig wäre.“ „Ach was, um solche Kleinigkeiten mache ich mir jetzt keinen Kopf. Außerdem, wozu habe ich Sie, Kleinschmidt?“ „Herr Minister, das ist Unsinn. Selbst wenn es den Trojaner gäbe und wir ihn benutzen dürften, wir würden doch in die Rechner gar nicht eindringen können.“ „Wieso?“ „Wegen der Datensicherheit.“ „Welche Datensicherheit?“ „Die meisten Benutzer haben aufwändige Vorkehrungen getroffen, um sich gegen Schadsoftware zu wappnen. Jeder, der die Maßnahmen von Deutschland sicher im Netz ergreift, ist gegen solche Angriffe immun.“ „Was ist das für ein Verein? Die Verantwortlichen sofort verhaften! Kleinschmidt, holen sie mir die her! Ich will sofort wissen, welche Schweine das…“ „Herr Minister, das ist eine Initiative des Bundesministeriums des Innern.“

„Wir müssen es schaffen! Irgendwie müssen wir es schaffen! Halt, Kleinschmidt, diese Daten wurden doch über das Internet kopiert?“ „Ja.“ „Die haben sich das alles heruntergeladen und dann ausgedruckt und…“ „Ausgedruckt nicht, aber sonst: ja.“ „Jetzt haben wir sie! Jetzt sind sie einen Schritt zu weit gegangen! Das sind alles Raubkopien! Kleinschmidt, machen Sie sofort das Internet zu! Wir stoppen die Kopien über das Internet und dann lassen wir das Video verschwinden! Wenn wir das bis zur Wahl schaffen, dann…“ „Ich halte mich da raus. Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber ich möchte damit nichts mehr zu tun haben.“ „Was ist denn nun wieder in Sie gefahren? Kleinschmidt, lassen Sie mich nicht allein! Wir müssen das doch stoppen!“ „Suchen Sie sich einen anderen Idioten. Ich habe die Nase voll. Ich will mit dem, was jetzt passiert, nichts mehr zu tun haben. Und ich hätte Ihnen gleich davon abraten sollen, dieses Strategiepapier zu entwickeln. Bundeswehreinsätze zur Sicherung von Demonstrationen – was für eine Schnapsidee!“





Ego-Shooting

17 03 2009

„So, Krötzke, dann zeigen Sie mal.“ Zack klappte das Notebook auf. Der graublaue Monitor zeigte eine kreiselnde Sanduhr. Das Spiel lud und lud. Nichts tat sich. Aber Posauke war das gewohnt. Die ersten Versionen waren selten ausgereift.

„Eigentlich müssen wir uns langsam Gedanken machen über die internationalen Verträge. Osterloh, die Zahlen. Haben wir irgendwas mit Nordkorea auf Lager? Die Amis fragen ständig nach. Das mit der Atomwaffensuche im Iran war ja nicht so gut gelaufen.“ Osterloh suchte in den Unterlagen und schob die richtigen Blätter über den Tisch. „Wir hatten da Probleme. Anscheinend war unser Ansatz noch zu dicht an Sauerbraten. Die Rechtsabteilung musste das Lizenzgeschäft stoppen.“ Posauke runzelte die Stirn. „Wofür bezahle ich einen Haufen Designer, Programmierer, Psychologen, Juristen und Betriebswirtschaftler? Damit wir zusehen können, wie die Konkurrenz uns an die Wand drückt?“ Osterloh verteidigte sich. „Aber unser Afghanistan-Spiel war…“ „… der größte Reinfall aller Zeiten“, fiel Posauke ihm ins Wort, „und die miserabelste Doom-Kopie, die je erfunden wurde. Aufklärungsflüge mit ferngesteuerten Drohnen! Zu Fuß durch die Kontrollpunkte! Fehlt nur noch, dass Gordon Freeman mit einem Blauhelm auftritt!“ Er grollte. „Da sind ja die Abendnachrichten spannender!“

Noch immer hatte sich nichts getan. Verzweifelt starrte Zack auf den Bildschirm. „Ich verstehe das nicht“, murmelte er, „gestern hat es doch noch funktioniert.“ Posauke schlug ihm auf die Schulter. „Ruhig, Krötzke, ruhig. Das ist doch erst die Demo. Bis das Ding läuft, können Sie uns ja schon mal erzählen, was Sie sich diesmal ausgedacht haben.“ Zack faltete einen Zettel auf. „Also zunächst mal habe ich hier eine völlig neue Intelligenz-Routine eingebaut. Die Spielfiguren beurteilen eigenständig die Gefahr und können je nach Spielstand und Umgebung mehr oder weniger Risiko eingehen. Das alles natürlich kooperativ: die Spieler können Waffen, Munition und Standortinformationen austauschen.“ Osterloh warf ein, dass das nicht besonders neu sei. „Allerdings können die Spieler auch ihre Fähigkeiten wechseln. Sie können beispielsweise einen Anführer austauschen, dessen Charakter für spätere Levels noch benötigt wird, und dessen Werte komplett einer anderen Figur übertragen.“ „Und der flexible Punktwert?“ „Alles integriert, wie abgesprochen. Wenn die Mannschaft das Hauptziel des Levels nicht zerstört, kann sie durch systematisches Vernichten anderer taktischer Einsatzziele ihre Stärke erhöhen. Sehr realistisch.“

Posauke war zufrieden. „Gut, dann kommen wir mal auf die Spieldynamik zu sprechen. Gibt es genug Überraschungen?“ „Jede Menge. Vom Erdrutsch über plötzliche Abgründe und Gewitter bis zur kompletten Explosion von Spielfiguren. Letzteres auch als versehentliche Selbstvernichtung. Wie gesagt, es ist spannender als alles, was Sie bisher gesehen haben.“

„Ich hatte da einige Skizzen zum Zeitverlauf aus ihrem letzten Entwurf in Erinnerung, Krötzke. Haben Sie es in dies Spiel übernommen?“ „Das ging ganz leicht“, sagte Zack, „mit einem Recall-Modus. Es bleibt im nächsthöheren Level alles erhalten, und der Clou ist: wer dies Spiel als Upgrade installiert, hat sämtliche Erinnerungen an die Vorgänger-Version an Bord. Es gibt regelrechte Flashbacks! Die ganze Vergangenheit kehrt durch plötzlich aufklappende Zeitfenster zurück.“ Posauke strahlte vor Begeisterung. „Sie sind einfach ein Genie, Krötzke!“ Und noch immer drehte sich die Sanduhr. Nichts war zu sehen. Nichts war zu hören.

„Ich habe jetzt auch die Bewegungsmodi etwas überarbeitet. Von hinten anschleichen, von vorne angreifen, Zangengriff mit mehreren Figuren gleichzeitig, die Chewbacca-Verteidigung – alles lässt sich von mehreren Spielern simultan ausführen. Sogar virtuelle Feindbilder sind da, eine Art Luftspiegelung, die eine nicht existierende Gefahr vortäuscht, um den Gegner in die Irre zu führen. Und das alles absolut flüssig.“ „Fantastisch! Und wie sieht’s mit der Brutalität aus?“ Zack druckste ein bisschen herum. „Ich hatte Probleme, es wieder so realistisch wie beim letzten Mal zu gestalten.“ Doch Posauke ließ nicht locker. „Was soll denn diese Gefühlsduselei, Krötzke. Es ist nun mal ein schmutziges Geschäft. Es fließt Blut, es rollen Köpfe, man geht über Leichen – wollen wir das alles mit dem Mantel der Liebe zudecken? Nein, Krötzke, das wäre doch albern.“ „Wir könnten ja zwei Versionen auf den Markt bringen“, schlug Osterloh vor, „eine normale und eine weniger brutale. Oder Sie lassen sich eine Art flexible Gewaltenteilung einfallen – am Anfang einige heftige Einsteigerszenen und dann eher moderate Gewalt. Oder umgekehrt: erst die eher milden Spielzüge zum Trainieren der Kooperation, später immer brutalere Action.“ „Darüber kann man reden, aber bitte nicht schon wieder so grauenhafte Splatterszenen wie beim letzten Mal. Besonders nach dem Endkampf war die Öffentlichkeit wochenlang wie paralysiert.“ „Krötzke, Sie machen das schon“, beruhigte Posauke ihn, „wir richten uns da ganz nach Ihnen.“

Mit einem Mal bretterten verzerrte Metal-Gitarren aus dem Notebook. Die Grafik blendete langsam auf und zeigte blutrote, entstellte Gesichter. Satanisches Lachen unterlegte die Szenerie. Langsam schob sich der Titel ins Bild: Crysis of the Nation – Bundestagswahl 2009








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