Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCV): Der Zwang zur Fröhlichkeit

10 05 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das evolutionäre Muster schlug sofort zu. Uga und Ngg kannten einander nur vom Sehen, doch sie kamen vom selben Stern. Der eine dachte vom anderen, der sei stärker, geschickter, männlicher. Der andere dachte das vom einen auch, und so begann das Dilemma. Sie zeigten einander das Gebiss. Freundlich beschwichtigten sie sich selbst und das Gegenüber, fletschten die Zähne und wahrten dabei nach Möglichkeit das Gesicht. Bis zu dem Augenblick, wo ihnen beiden simultan der Geduldsfaden riss und sie wie auf Kommando die Fäuste fliegen ließen. Hätten sie sich kurz berochen, die Nasen angewidert gerümpft, den Schwanz eingekniffen und ohne Gebeule das Feld geräumt, es hätte ein netter Tag werden können zwischen Wasserloch und Lagerfeuer dort am Rande der Savanne. Warum nur mussten sie so früh vor der arbeitsteiligen Gesellschaft schon den Zwang zur Fröhlichkeit erfinden?

Das Telefon klingelt und eine Dreckfresse auf Speed wünscht dem ahnungslosen Bürger so was von einem wundervollen, superschönen tippitoppi guten Tag. Einen Atemzug später salbadert er über das irre preiswerte Vorzugsangebot, und während man sich noch fragt, woher dieser Pickel am Arsch des Kapitalismus über die Rufnummern verfügt, unschuldigen Fernsprechteilnehmern den letzten Nerv zu zerschmirgeln, hat er auch schon dreimal um Entschuldigung geflennt und bietet an, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn’s denn gerade mal passt, sein Geschleime auf dem Cortex zu drapieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach steht ein subalterner Depp mit Springmesser im Anschlag in seinem Rücken und treibt ihn zur pathologisch guten Laune – einer, der selbst bester Stimmung seinem Chef rapportiert, wie duftomat er seine verschissene Existenz findet.

Ist es der neoliberale Zwang zur positiven Denke, die letztlich nichts anderes sagt als: man kann alles, und wer es erwartungsgemäß nicht schafft, ist eben auch selbst schuld? Oder etwa die defensive Haltung, die dem duckmäuserischen Deutschen ins Rückgrat gefräst wird, damit er ja nie im Sattel steht, sobald er sich unter die Radfahrer eingereiht hat? Die intellektuelle Schlichtbehausung der Managementbraunalgen schöpft aus vielen trüben Quellen, um sich ein Weltbild aus Stolz und ausgekauten Vorurteilen zurechtzuschwiemeln. Wer gut drauf ist, produziert zugleich hypermotivierte Kunden, die einem jeden Dreck im Doppelpack abkaufen, was wieder den Vertriebler und seinen Vorgesetzten, den Querkämmer mit dem Messer, motiviert, und diese ganze Fehlkonstruktion badet dann der nächste Trottel aus, der gutmütig den Hörer abnimmt.

Was in Arbeitswelt und Zivilisation an der Tagesordnung ist, um überhaupt die dialektische Entwicklung der Resthominiden in Gang zu halten, das wird unter einer Zuckerschicht weggekaspert: jegliche Konfrontation, jeder Konflikt, und sei er noch so sachlich, er verschwindet in einem Strudel aus sinnlosem Gelächel, Wellnessgesabber und der bandscheibenperforierenden Bückmechanik für marktradikale Kurzstreckendenker. Der Kunde hat eine Reklamation, weil der billige Schunder nicht ordentlich verpackt war? Callcentermäuse raspeln Verbalglutamat, als seien sie gerade in japanischer Unterwürfigkeit trainiert worden, nehmen den Schaden mit grinsebackenhafter Verbindlichkeit auf und jodeln hernach noch ein Pfund beste Grüße an die unbekannte Familie raus. Danach kotzen sie erstmal gepflegt unter den Tisch, weil sie die Spielregeln kennen: der Klumpatsch wird hinterher nicht besser verpackt sein, jeder Kunde kriegt diese Supersondervorzugsbehandlung, die reklamierte Ware wird wieder in einem zerknickten Stoßfänger ausgeliefert. Man könnte, wie in jeder geistig normalen Umgebung, den Käufer freundlich, aber nüchtern über den Fortgang der Sache in Kenntnis setzen, andere Möglichkeit: der Rest der Welt zieht endlich auch nach Berlin. Hier macht sich der Bekloppte nur verdächtig, wenn er die Kundschaft nicht grundlos zur Begrüßung anpöbelt.

Ganze Beraterrotten kotzen Optimierungsmüll über die Belegschaften, die auch ohne schon nicht mehr wissen, wie sie den Tag überstehen sollen. Es ist generell alles, was konfliktbehaftet sein könnte, ein potenzielle Krise, und Krisenkommunikation bedeutet heute, dem Partner klarzumachen, dass es diese verdammte Krise gar nicht gibt. Grinsend wie ein bekiffter Gaul. Wenn es nicht klappt, ist der Krisenkommunikator schuld und tippt eine vor Selbstbewusstsein überschwappende Kündigung, in der er bekannt gibt, dass er sich hinfort in einer anderen Pissbude neuen Herausforderungen stellen wird. Hätte er, höchstwahrscheinlich die Knalltüte mit dem Messer, nur einmal das Resthirn angeworfen und den Affekt entdeckt, die Triebkraft hinter der Maskenfassade, die das Unehrliche aufbricht, um die Auseinandersetzung zuzulassen. Wahrscheinlich ist es den Voodoojüngern lieber, die offene Auseinandersetzung zu ersticken, denn sonst würde sich ja etwas ändern. Und jeder Änderung könnte ein Nachdenken innewohnen, wer hier eigentlich wen verarscht. Und warum. Und dass es nicht damit getan ist, die Hackfressen aus der TV-Silvesterparty, die komplett verstrahlt irgendeinen Frohsinn unter sich lassen, mit dem Pflasterstein auszuknipsen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIV): Die akustische Tapete

3 05 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Sanft säuselt der Wind durch die Föhren. Aufreizend leise knirscht der Kies unter Nggrs Fuß, als er im Morgenlicht die Eigentumshöhle verlässt, um sich den ästhetischen Herausforderungen des beginnenden Tages zu stellen. Flüsternd tropft der Regen auf das Blätterdach, hell plätschert der Bach hinter dem Felsvorsprung, das akustische Profil jener Epoche lässt im hörbaren Raum noch genug Platz, um die Eindrücke in jene Schubladen zu sortieren, die Kant dermaleinst als apriorisch vorhandene begreifen wird. Leiser Tierlaut ist nicht nur als solcher merklich, der Hominide rafft auch ad hoc, ob es sich um Kohlmeise, Dompfaff oder Säbelzahntiger handelt, und gestaltet seinen Tagesablauf dementsprechend. Die Welt war noch in Ordnung. Es gab noch Stille, und man musste nicht erst die Fresse halten, um sie als solche wahrzunehmen.

Das Gegenteil ist die akustische Tapete, die unsichtbar, aber nie zu überhören an den Wänden der uns umgebenden Architektur klebt. Nicht die sich wandelnden Geräusche von Transport und Verkehr, nicht Pferde und Straßenbahnen, Diesel und Mofa zersägen den Wechseldruck zwischen den unschuldigen Molekülen, es ist jener absichtsvoll als Ästhetisierung des Nichts konstruierte Baggermatsch, der in den Neocortex suppt und dort bleibende Schäden hinterlässt durch die mähliche Erosion des Geduldsfadens. Nicht ganz so schmerzhaft wie Jodeln, weniger prägend als der erste Körperkontakt mit den Bassboxen der Schülerdiskothek, und doch sind hier nicht minder schwere Verstümmelungen zu erwarten. Denn es handelt sich um ein Pendant zur weißen Folter: die Spuren sind hinterher nicht nachzuweisen, allein die abnorme Verhaltensänderung des Delinquenten lässt auf den Einsatz inhumaner Methoden schließen.

Die Zerrüttungbeschallung setzt ein mit dem Betreten des ersten Konsumtempels, in dem das Trallala und Ufftata als Dauerschleife aus den Trichtern sickert. Hier mag man noch geneigt sein, die Schlagerschwallmasse als Trägersubstanz der ansonsten an den Zähnen schmerzenden Werbung zu akzeptieren; was dort intellektuell an der Grasnarbe hobelt, bedarf zwischendurch eines entspannenden Kontrastes, um den Käufer nicht gleich wieder aus dem Supermarkt zu kärchern. Doch schwiemelt sich das Schallalu ins Innenohr, dann pfropft es wie Bauschaum die letzten Hohlräume der Hasenhirnverkleidung aus. Kein vernünftiger Laut dringt mehr nach innen, keine natürliche Regung wird mehr durch den Klang der Eigentlichkeit ausgelöst – längst hat die Kulturindustrie zugeschlagen mit dem silbernen Hämmerchen, das die Reflexe testet. Günstig, der Fluchtreflex ist bereits lahmgelegt, sonst ließe sich auch der am härtesten gesottene Koksgnom keine ganze Sekunde lang im musikalischen Rieselfeld mit Bröckchen beschmoddern.

Phänotypisch ist alles nichts als ein organisiertes Komplettverdeppungsgeräusch. Ein Endlosband mit dem Besten der 80er, 90er und den widerlichsten Nervbolzen der Jetztzeit liegt an, um spätestens nach zweieinhalb Stunden den standhaftesten Probanden in die schizoide Psychose zu entlassen. Aus den Aufzügen, im Wartebereich, zwischen den Kleiderstangen, im Wartezimmer von Zahn- und anderen Nervenärzten, in der Lobby und bei sämtlichen Lobbyisten lallt uns das an, die Musik zum Weghören – wie aus der Sprühdose pufft es künstlich und falsch konzentriert in den Äther. Ist das die subliminale Botschaft, die uns Muzak in den Denkglibber pflanzen möchte? Und was, wenn er nicht wahr ist?

Vereinzelt haben Wissenschaftler sich dem auditiven Brackwasser genähert, ohne degenerative Symptome auszubilden; sie haben weder vermehrt Popcorn in die Figur gepanzert noch koffeinhaltige Zuckerplempe geschlonzt, die meisten haben es mit einem mittleren Anfall von Übelkeit hinter sich gebracht. Nicht einmal die Tatsache, dass Musik an sich dazu gedacht sei, die beschissene Existenz auf diesem Planeten metaphysisch halbwegs erträglich zu gestalten, bringt sie ins Schleudern. Sie konstatieren einen gleichförmigen Schalloutput ohne jeglichen künstlerischen Brennwert, vom Informationsgehalt durchaus in einer Liga mit dem Testbild oder dem perennierenden Freizeichen in der Telefonleitung. Der Nasenflötenindio neben den kackenden Lamas scheint demgegenüber fast als kulturelle Bereicherung.

Warum also dieser Dauerbeschuss in Dur, warum das Konditionieren einer ganzen Population auf drittklassiges Genödel? Es kann nur eine rationale Erklärung geben. Wir werden von den Betreibern der Rundfunkanstalten vorgekocht, damit uns deren Geballer nicht die letzte Synapse wegschmirgelt. Alles andere wäre eine Verschwörungstheorie.





Marktführer

29 04 2013

„… wolle die Deutsche Telekom AG gemäß der neuen Rechtslage alle Internetnutzer zwingen, ein Modem ihres Unternehmens zu nutzen. Die …“

„… verteidige der Konzern seine Entscheidung vehement. Jeder Haushalt brauche bald ein Modem, da Surfen mit den neuen Drosselverträgen sowieso nur noch mit der Geschwindigkeit eines…“

„… durch Zusatz-Hardware. Das Internet-Fernsehen, das auch die erhöhte GEZ-Gebühr für Computer nötig mache, werde in Zukunft nur noch durch den einheitlichen Decoder zu sehen sein, der für einen moderaten Preis von 499,99 Euro als Volksempfänger von der…“

„… habe sich Merkel anlässlich des Besuchs der Wirtschaftsdelegation hoch zufrieden gezeigt, da sie von der Innovationsoffensive viele Arbeitsplätze erwarte, zwar nicht in Europa, aber…“

„… keinen Anlass zur Sorge, denn die Kunden besäßen immer noch die Wahlfreiheit, ob sie mit dem zwangsweise zur Verfügung gestellten Modem und der gemäß Staatsvertrag zu entrichtenden Gebühr auch tatsächlich ins Internet…“

„… seien sich Schäuble und IM Friedrich einig, dass wegen der jüngsten Drosselungspläne die Telekom sofort verstaatlicht gehöre. Nur so könne schnell, durchgreifend und brutalstmöglich eine lückenlose Informationskontrolle…“

„… verspreche die Telekom, die Netzneutralität strikt einzuhalten. Sämtliche nicht vom Unternehmen selbst zur Verfügung gestellten Dienste sollten gleichmäßig gedrosselt…“

„… setzten die Fernsehsender auf Kooperation: ZDF und ARD hätten im Rahmen eines nationalen Kulturaustausches bereits vereinbart, ihre Wiederholungen untereinander auszutauschen, so dass die…“

„… seien die technischen Fehler, die massiven Sicherheitslücken sowie das laienhafte Konzept der staatlichen De-Mail nur wegdefiniert worden, um den Kunden gemeinsam mit der lückenlosen Modem-Versorgung ein noch viel besseres…“

„… erwarte Apple, auf dem deutschen Mobilgerätemarkt den Zuschlag für das deutsche Einheits-Smartphone zu…“

„… müsse die Telekom den Breitbandausbau nun vorantreiben, da nur so Wettbewerber langfristig aus dem Markt gedrängt…“

„… das Opel-Werk in Bochum doch noch zu retten, wenn das deutsche Auto mit einer staatlich garantierten Absatzkontrolle auch eine echte…“

„… falls die deutschen Internetnutzer mit den Modem auch tatsächlich Internetdienste nutzen wollten. Für diesen Fall habe die Telekom bereits eine erhebliche Preiserhöhung…“

„… habe Samsung bereits seine Produktion darauf ausgerichtet, das Einheits-Smartphone für die deutsche…“

„… auf den Breitbandausbau zu verzichten, da die dadurch entstehenden technischen Möglichkeiten auch dazu genutzt würden, um von den Kunden neue…“

„… zu scharfem Protest geführt habe. Der Automobilkonzern heiße nicht umsonst Volkswagen und werde als deutsche…“

„… dass eine Rückentwicklung des Leitungsnetzes auf Steinzeitbedingungen nicht erheblich sei, solange es außer dem Telekom-Monopol keine konkurrierenden…“

„… freue sich die Rechteverwertung auf das Einheitsgerät. Sobald jeder Haushalt ein Modem besitze, könne man jeder in Deutschland lebenden Person Urheberrechtsverletzungen vorwerfen, gleichgültig, ob es einen Internetanschluss oder…“

„… könne das chinesischen Modem möglicherweise auch Daten abzweigen und für die Industriespionage benutzen. IM Friedrich zeige sich daher sehr interessiert, ob es auch chinesische Einheitstrojaner…“

„… zu Differenzen. Zwar seien sich die Kernkraftwerksbetreiber darüber einig, dass es nur mit Atomstrom in Deutschland weitergehe, doch sei ihnen nicht klar, wer die Führung über…“

„… korrekt, dass die deutschen Netze in Bezug auf den Glasfaserausbau den Anschluss an die Entwicklungsländer verlören. Südkorea böte eine VDSL-Versorgung selbst in Fischerdörfer mit…“

„… rechtzeitig zur Grillsaison ein standardisiertes Bier anzubieten, das sich nur noch durch die Etiketten unterscheide. Im Gespräch sei das Einheitsbräu sowie…“

„… halte Ramsauer entgegen, dass die Bundesregierung durch kluge Baupolitik innerhalb weniger Monate tausende von Fischerdörfern aus dem Boden…“

„… bei einem neuen Einheitsprojekt auch neue Herauforderungen ergäben. Schäuble halte es für sinnvoll, einen zweiten Solidaritätszuschlag zu…“

„… wolle Rösler die Energieanbieter zur gütlichen Einigung bringen, indem er ihnen eine bundesweit einheitliche Steckdose…“

„… dass BILD sich für berechtigt halte, als einzige deutsche Zeitung ungefragt in sämtlichen Haushalten…“

„… habe sich das Unternehmen neben der Marke Thor Steinar auch den Begriff Marktführer schützen lassen, um in…“

„… keine Bestrebungen, die Mineralölkonzerne zusammenzufassen, da diese vorwiegend an Feiertagen und zu Ferienbeginn eine einheitliche Preispolitik…“

„… letztlich nur eine Rettungsmöglichkeit. Die Deutsche Einheitspartei habe beschlossen, die Verstaatlichung wieder…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIII): Der Anspruch der Eliten

26 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst geht um in Europa, vielmehr: es überholt auf der rechten Spur, hält den Mittelfinger aus dem Fenster und betrachtet die Straßen als sein Eigentum. Wehe, ein anderer wagte es, bei Rot zu bremsen. Wie der Henker führe der Lenker drein, fuchsteufelswild, unbelehrbar, da nicht weiter an der Realität interessiert. Die Welt gehört ihnen, den selbst ernannten Eliten, aber sie können nicht einmal damit umgehen.

Kein Tag vergeht, ohne dass das Geheul der angeblichen Oberschicht durch die blühenden Landschaften zetert. Ihre Wehleidigkeit, sich nicht an die Spielregeln halten zu wollen, auch wenn sie sie selbst geschrieben haben sollten, ist ein peinlicher Auswuchs der Ichlingspest. Jäh greint es durch Wald und Flur, das rumpelstilzt sich einen, da sie sich stärker an den Kosten der Allgemeinheit zu beteiligen haben – wer denn sonst, möchte man fragen, etwa die Obdachlosen? die Niedriglöhner und die Erwerbsunfähigen? Sie leben nicht von der Sahne, ohne den Pöbel zu beschimpfen, der ihnen den Kuchen nicht schenken will.

Die blühende Landschaft ist für sie wie ein Selbstbedienungsladen, mehr noch: ein Paradies für Ladendiebe und Zechpreller. Sie, die gleicher sein wollen als die anderen, fordern Vorzugsbehandlung, weil sie wie andere sein wollen. Sie benutzen Stadtgrün und Zebrastreifen, erwarten von der Polizei, dass sie den Verkehr regelt, bei Einbruch und zerkratzten Kotflügeln ermittelt, sie erwarten, dass der Richter für sie den Dieb verknackt und der Justizvollzug ihn einsperrt. Sollte es brennen, warten sie auf die zu diesem Behufe vorgesehene Feuerwehr. Bei der alljährlichen Flutkatastrophe halten sie das Eingreifen von Zivilschutz und Bundeswehr für eine Selbstverständlichkeit. Sie wünschen Papierkörbe im Weichbild und Kunst am Bau, Straßenbeleuchtung, Kanalisation und Parkuhren, Gewerbeförderung und Denkmalschutz. Wenn nicht, dann beschweren sie sich, dass der Staat für alles Geld schmeißt, nur nicht in ihre Richtung. Wobei sie sich auch beschweren würden, wenn er das Geld schmisse. Oder in ihre Richtung, aber nicht genug. Sie würden, tönt’s aus der zufälligen Zusammenrottung am oberen Ende der Vermögensverteilung, mit Pech und Fackeln aus dem Land getrieben. Was für ein elender Hirnplüsch, der ihnen aus der Rübe rattert.

Denn der Anspruch der sogenannten Eliten ist es eben nicht, diesen angeblich unwirtlichen Staat zu verlassen und sich in irgendeiner von Wirbelsturm und Erdbeben, Militärdiktatur und Malaria bedrohten Operettenrepublik mit quietschbunten Cocktails unter die Palme zu pflanzen, sie hieven nur ihre Kohle über den Äquator und schätzen ansonsten eher den Nieselregen der norddeutschen Niederung sowie dessen optisches Pendant, die Halsfalten der Kanzlerin.

Klassischerweise sind es eben die Eliten, die im Vollbewusstsein ihrer Deutungshoheit das unterste Dezil als Schmarotzer abtut, gesellschaftlich nicht integrierbare Randfiguren, die jede geregelte Arbeit kategorisch ablehnen, den Staat und seine Organe zutiefst ablehnend, gleichwohl sie ohne ihn vollkommen aufgeschmissen wären, da sie allein von seiner Gnade abhängig sind, um ihr Leben zu fristen. Womit sich die Vermögenden hinreichend selbst beschrieben haben dürften.

Denn sie sind nicht nur von der Feuerwehr und den Wasserwerken abhängig, sie müssen darauf vertrauen, dass die Großwetterlage stabil bleibt, ohne Erschießungskommandos, Weltrevolutionen, Sozialismus und, horribile dictu, Steuererhöhungen. Sie müssen darauf vertrauen, dass der Staat den gesellschaftlich überflüssigen Reichen nicht die Knute überzieht, dass er Eigentum schützt und ihr Lebensmodell nicht als illegal bezeichnet. Sie müssen darauf vertrauen, dass sich die Gesellschaft aus lauter Liberalität eine Schicht leistet, die netto Verluste einfährt und nicht fähig ist, dies zu ändern.

Möglicherweise haben sie selbst schon vom Hauslehrer auf dem Stammsitz des Geschlechts ihr Schulwissen unter die Kalotte geschwiemelt bekommen, möglicherweise popeln sie auf privaten Internaten ihren Nachgeburten ihre verquere Ideologie ins Hirn, doch wenigstens mittelbar sind sie ohne das öffentliche Bildungswesen komplett aufgeschmissen. Ohne Regel- und Hochschulen hätten sie weder Rechtsanwälte noch Schönheitschirurgen, die sie vor der Wirklichkeit in Schutz nehmen, von Steuerberatern noch zu schweigen. Sie hätten keine staatlich geplante und gebaute Bundesautobahn, um die Karre vollstoff über den Asphalt zu jagen. Sie hätten nicht einmal den staatlich subventionierten Billigstrom aus Kernreaktoren, um den Großbildfernseher und die elektronisch gesteuerte Haustechnik zu betreiben. Vermutlich würden sie an der roten Ampel gleich mal übergemangelt, höchstwahrscheinlich, weil keiner sehen würde, dass sie rot ist – ist sie auch gar nicht, sie fehlt ja gleich ganz, und der Notarzt, der die Reste des Sozialopfers in einen Eimer schmeißt und ins Universitätsklinikum karrt, ist auch gleich mit ausgewandert. Das Leben ist bekanntlich hart, ungerecht, teuer, und am Ende geht man tot.

Man sollte denen, die ihre Steuern nicht fürs Gemeinwohl blechen wollen, ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und sie unter Androhung von Materialkaltverformung im Gesichtsschädelbereich über die Grenze verfrachten. Endlich sind sie des Jammertals ledig, ihr Kapital haben sie immer bei sich, was kann’s schöner geben? Sie werden jäh bemerken, dass sie, da unter ihresgleichen, mit erhöhter Gesindeldichte zu rechnen haben. Wir werden es verschmerzen. Nur keine Neiddebatte.





Erster

15 04 2013

„Und was soll das jetzt für einen Effekt haben?“ „Naja, Wettbewerb halt.“ „Was Sie nicht sagen. Das Ding heißt Pakt für Wettbewerbsfähigkeit, und am Ende kommt dann der Wettbewerb. Diese Kanzlerin ist ja näherungsweise genial.“ „Sparen Sie sich Ihre Ironie, das ist tatsächlich wichtig.“ „Warum?“ „Es hätte am Ende ja auch um Wettbewerbsfähigkeit gehen können.“ „Jetzt verstehe ich immer, warum alle Merkel für eine fähige Kanzlerin halten.“

„Jedenfalls hat die Bundeskanzlerin damit wieder einmal beweisen, dass sie die richtigen Ideen für Europa hat.“ „Nämlich welche?“ „Dass Europa mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Wettbewerb, also wir brauchen mehr Fähigkeit zum Wettbewerb.“ „Das würde ich als Problem sehen, aber nicht als Lösung.“ „Den Wettbewerb?“ „Den auch, aber zu sagen, dass wir mehr Wettbewerb in Europa haben müssen, führt uns auch nicht viel weiter.“ „Aber es ist schon mal kein Rückschritt. Damit ist doch bereits viel gewonnen.“ „Es mangelt es uns demnach also an Wettbewerb.“ „Wir müssen wettbewerbsfähiger werden.“ „Uns fehlen die Fähigkeiten – ja, dem würde ich im Falle der Kanzlerin durchaus zustimmen.“ „Möglicherweise war damit aber auch schon der Fachkräftemangel gemeint. Man weiß es nicht, die Kanzlerin hat sich noch nicht dahin gehend geäußert.“ „Klingt logisch, sie weiß ja immer erst, was sie denkt, wenn sie hört, was sie sagt.“

„Auf jeden Fall muss man Europa wettbewerbsfähig machen.“ „Also fähig für den Wettbewerb?“ „Sage ich doch.“ „Gegen wen?“ „Ich sagte doch: für den Wettbewerb.“ „Aber gegen wen treten denn die europäischen Staaten an?“ „Im Wettbewerb.“ „In der Forschung, in der Produktion, in der Verkehrsinfrastruktur?“ „Auf dem Markt, oder was hatten Sie gedacht?“ „Markt ist alles.“ „Sagt ja die Kanzlerin auch immer.“ „Warum sollte sie auch intelligenter sein als diese Regierung.“ „Deshalb machen wir Europa ja auch fit für den Wettbewerb.“ „In Europa.“ „Ja sicher. Wieso?“ „Weil es einen freien europäischen Markt gibt, zumindest sollte es den geben.“ „Ist das nicht gut so?“ „Das heißt dann, wir wollen mehr Wettbewerb auf dem europäischen Markt.“ „Das ist doch auch gut so.“ „Wir wollen also mehr Konkurrenz, und wenn wir endlich mehr Konkurrenz haben, sinken die Preise.“ „Ja, das ist doch…“ „Und mit sinkenden Preisen haben wir sinkende Umsätze.“ „… endlich mal eine…“ „Und damit haben wir dann auch wieder sinkende Beschäftigungszahlen.“ „… gute Nachricht.“ „Und noch mehr Arbeitslose sind also gut für die Wirtschaft?“ „Weiß ich nicht, ich habe die Kanzlerin noch nicht gefragt. Klingt aber logisch.“

„Wettbewerb, das heißt doch: jeder sollte besser sein können als der andere.“ „Würde ich sagen.“ „Und wer am Ende besser ist, gewinnt.“ „Würde ich sagen.“ „Und deshalb schließt man einen Pakt in Europa.“ „Würde ich… – worauf wollen Sie jetzt eigentlich hinaus?“ „Die europäischen Nationen schließen einen Pakt und wollen sich dann gegenseitig auf dem Binnenmarkt ausbooten?“ „Das sagen Sie. Ich würde meinen, die Kanzlerin setzt da viel mehr auf die europäische Solidarität.“ „Wegen des gemeinsamen Paktes.“ „Richtig.“ „Das klingt vernünftig. Alle Bundesligamannschaften legen zusammen und bezahlen denselben Trainer, damit sie hinterher alle gegen die anderen gewinnen und Fußballmeister werden.“ „Sie sehen doch selbst, dass dieser Vergleich hinkt.“ „Warum?“ „Die Kanzlerin ist doch gar nicht am Geld interessiert.“

„Das mit dem Angebot hätten wir ja jetzt geklärt. Was ist eigentlich mit der Nachfrage?“ „Wieso Nachfrage?“ „Haben Sie eine andere Definition von Markt?“ „Wir als Exportnation müssen natürlich zunächst sehen, den Bedarf der anderen Nationen zu befriedigen.“ „Und wenn die sich durch die aktuellen Entwicklungen gar keine deutschen Produkte mehr listen können?“ „Müssen sie aber. Selbst produzieren können sie ja längst nicht mehr, weil sie keine Kredite für Investitionen mehr bekommen.“ „Deshalb werden sie trotzdem nichts mehr aus Deutschland kaufen.“ „Müssen sie. Es gibt ja nur noch deutsche Exporte.“ „Ich nehme an, sie meinen Arbeitslosigkeit.“

„Trotzdem müssen wir im globalen Maßstab viel wettbewerbsfähiger werden.“ „Müssen wir?“ „Wir sind ein rohstoffarmes Land, deshalb ist uns das geistige Eigentum wichtig.“ „Die Presseverlage retten Europa? interessante Ansicht, muss ich schon sagen.“ „Nein, ich meine ja nur, dass man mit Forschung und Patenten und…“ „Sind wir dann in Europa nicht viel wettbewerbsfähiger, weil wir uns die tollen Produkte ausdenken, die in China billig nachgebaut werden?“ „Sie verstehen das nicht, wir müssen Europa doch insgesamt…“ „Und dann treten wir gegen den Rest der Welt an? Auch gut. Ich würde trotzdem gerne mal wissen, warum wir dann einen Wettbewerb innerhalb der Eurozone brauchen.“ „Einer muss schließlich erster werden. Wie sieht das denn sonst aus?“

„Die Kanzlerin schlägt uns also einen Pakt vor, damit wir alle gemeinsam gegeneinander antreten, um zusammen im Wettbewerb gegen Drittländer zu bestehen.“ „Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Warum nicht?“ „Naja, wir brauchen schließlich europäische Solidarität. Lohnkosten senken, Renten dezimieren, Sozialleistungen schleifen. Wir wollen doch zu einer gemeinsamen Lösung finden, oder?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXC): Die Fachkräftelüge

5 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unter gewissen Umständen – präpubertäres oder seniles Alter, erhöhte Blutalkoholkonzentration, religiöse motivierte Bewusstseinseintrübungen, hormonelle Aussetzer – mag die Signalverarbeitung unter der Kalotte des Hominiden nicht so gut sein wie sonst. Vereinzelte Exemplare neigen zu noch größeren Fehlleistungen, indem sie etwa Menschen nach Hautfarbe sortieren. Der durchschnittliche Depp schaltet den Denkapparat schon ab, wenn er weiß, dass er von echten Experten belehrt wird, klugen Typen, die so klug sind, dass sie ihre Klugheit gar nicht erst mehr unter Beweis stellen müssen. Die verkünden dann ewige Wahrheiten: Frauen können nicht Auto fahren, Spinat enthält Eisen, und Deutschland steht kurz vor dem Kollaps. Wegen des Fachkräftemangels.

Denkste. Wenn auch mediale Quakverstärker den Sums bis zum Ohrenbluten von sich geben, es wird durch Wiederholung und Lautstärke nicht wahrer, was die Vorzeigehonks der neoliberalen Sekte an Brauchtumsterrorismus veranstalten. Nichts davon lohnt sich aufzuschreiben, nichts davon zu merken für die Geschichte. Der Popanz wird aufgeblasen, damit man der Menge zeigen kann, wie ein aufgeblasener Popanz aussieht – die angemalte Hülle über etwas Heißluft. Und schon schwiemeln sich interessierte Kreise aus Lüge und Ideologie, wo auch immer der Unterschied bestehen mag, ein politisches Kampfinstrument zurecht. Früher hat man uns wenigstens noch erzählt, bald käme der Russe, um uns das Dosenbrot zu klauen, aber man ist ja heutzutage schon recht zufrieden mit dem Kleckerkram, den uns die Parlamentaster vor die Füße schmeißen.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Die Glasbläser von Murano, die Besten der Besten, sie wurden waren Gefangene auf ihrer Insel; jeder Fluchtversuch hätte zugleich ihre ganze Familie ins Verderben gestürzt. Wenig später erfand man den Kapitalismus und ging dazu über, Arbeitnehmer durch kleine Vorzüge auf ihrem Posten zu halten: Dienstwagen, größerer Schreibtisch, Schlüssel zum Privatklo, öffentliche Demütigung von Kollegen. In entarteten Zeiten müssen Manager mit sehr viel Geld geködert werden, um ganze Firmengruppen zu ruinieren und Steuermilliarden zu verbrennen. Man bemüht sich so oder so, immer wird der Markt von sich aus aktiv, um die Spezialisten an sich zu binden. Man heißt den Investmentbanker nicht zu gehen, sollte er im Drogenrausch exorbitante Gehaltsvorstellungen hervorlallen, man lässt ihn nicht einfach bei der Konkurrenz ein paar hundert Existenzen in die Scheiße reiten. Man ist da doch besorgt um den guten Ruf. Bevor aber das Gerücht aufkommt, dies gelte auch für wirklich relevante Gruppen wie Krankenschwestern und Klempner, es handelt sich um eine Schwimmhilfe, um über den Schwefelsee zu kommen. Nichts Sinnvolles.

Denn das Geschwafel vom fehlenden Personal ist nichts als Schwachsinnsbulimie, doppelt gekaut und frisch über die Stammtische gewürgt. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht die Arbeitskraft, sondern die Entkräftung der Arbeitenden. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt erzeugt den wünschenswerten Zustand, nämlich eine möglichst große Auswahl zwischen qualifizierten Bewerbern, die jedoch nur dann zur Verfügung stehen, wenn es immer genug Arbeitslose gibt. Und schon befindet sich ein System in Widerspruch zu sich selbst. Die Arbeitgeber versprechen ausreichend Arbeit, wenn der Gesetzgeber für ausreichend Arbeitslosigkeit sorgt. Es sind, man sieht’s, qualifizierte Kräfte am Werk. Logisch denkende Menschen hätten diesen Hirnplüsch nicht ohne Schädelimplosion erzeugt.

Öffentlich schwabbert die Lobbyeska wieder von den Ausländern (die im Wahlkampf dann rausgeschmissen werden müssen, weil sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen und die Renten und die Kitaplätze, die es aber eh nicht gibt), die man ins Land holen müsse, statt deutsche Schulabsolventen schlicht auszubilden. Ausländische Abschlüsse anzuerkennen ist aber kostspielig, langwierig und angesichts der perfektionierten Bürokratie eine lästige Unterbrechung des Gejammers. Wozu also das Geweine? Für die Galerie, die es noch glaubt.

Längst stolpert der Abbau der Qualifikation fröhlich nach vorne, wir schaufeln uns den Abgrund im Alleingang. Es werden durch Frühverrentung und das immer schnellere Ausscheiden arbeitsloser Ingenieure mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt getreten, als Hochschulabsolventen je eingestellt würden. Wer sich die Pulsadern aufnagt, braucht wohl nicht über Blutverlust zu jammern. Dazu schickt die Politik ebenjene Ingenieure in die Frittenbude, anstatt sie durch Zusatzqualifikationen und fachspezifische Tätigkeiten auf der Höhe der Zeit zu halten – die Verwaltung nimmt billigend in Kauf, dass Arbeitslose zu einem nachwachsenden Rohstoff werden. Sie sitzen in Mangelhaft.

Es fehlen keine Fachkräfte, es fehlt Personal, das für immer weniger Geld qualifizierte Arbeit leistet. Wer viel Geld dafür bekommt, steht nicht zur Verfügung. Meist leistet er unqualifiziertes Zeug dafür. Unter gewissen Umständen ist das ja durchaus erwünscht.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CLXXXIX): Postmoderne Produktästhetik

29 03 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Manchmal sehen wir auf alten Bildern, wie sie dort lebten, die alten Menschen. Sie toasteten in alten Toastern, die wie Toaster aussahen. Ihre Telefone erkannte man sofort als Telefone, die Staubsauger sahen aus, wie Staubsauger aussehen. Sie waren nicht unbedingt unglücklich, diese Alten, obzwar ihre Semantik simpel blieb und seltsam funktional. Doch wer würde es ihnen verdenken, die Verwechslungsgefahr zwischen Spucknapf und Neutronenbombe lag bei knapp unter ε, sie hatten nie Angst, versehentlich einen Toaster anzuschalten und plötzlich Marschmusik aus der drahtlosen Waschmaschine zu hören, die dort stand, wo man normalerweise das Schlafzimmer vermutet hätte. Sie lebten beschwerdefrei, denn ihrer war das Reich der Vernunft. Keiner von ihnen hatte zu leiden wie wir unter der postmodernen Produktästhetik.

Ein paar durchgeknallte Hurratüten, die den Fehlleistungen der Damenschuhmode nur noch ein komatöses Lächeln zollen können, zelebrieren ihr Kopfaua an schlagfestem Kunststoff. Ein schräger Klops, hinten unten mit abgerundeten Ecken, einem Ex-Luftballon nicht unähnlich in der Ausstrahlung, entpuppt sich jählings als Reisewecker; elf von neun Probanden, die damit auf der Straße belästigt wurden, entdeckten darin wahlweise eine fossile Schneckenart oder den präkolumbianischen Gott der Magenkrankheiten. Die aufstrebende Keilform gibt den Blick auf ein seitenverkehrt im Innern gelagertes Zifferblatt frei, wo ein einziger Zeiger rotiert. Das Ding weckt zwar nicht, kostet aber dafür so viel wie ein italienischer Sportwagen. Wer einen Wecker will, der weckt, so der intellektuelle Aufstocker aus dem Zentralrat der Geschmacksgestörten, soll irgendeinen Murks für unter tausend Euro kaufen.

Frühere Epochen haben sich meist mit der Wirklichkeit darauf geeinigt, dass sich das Design am Menschen orientiert; der Haartrockner war meist so konstruiert, dass der Verwender ohne ein abgeschlossenes Philosophiestudium Vorderseite und Handgriff des Objekts erkennen und es intuitiv verwenden konnte, ohne sich die Flossen mehr als nötig zu verkokeln. Dann aber klumpte es im Weltgeist, aus der Koagulation wuchs Quadratquark und aus dem Quadratquark der Blödsinn einer Zitronenpresse, die keine Zitronen presst, sondern deren Saft großzügig in die Gegend schmaddert – eine vergoldete Krüppelqualle, deren einzige soziale Semantik darin besteht, lauthals in die Fauna zu blöken, dass der Besitzer ein profilneurotischer Popelpriester ist.

So ist die äußere Gestaltung der Dinge nicht nur, aber auch und dabei in allererster Linie eine Beleidigung des Auges, der Organs mithin, das neben poetischer Klarheit auch die Möglichkeit zur Orientierung in dieser komplexen Umwelt schätzt. Die Sachen sind demnach im Mummenschanz gefangene Ideale, die aufs Höhlengleichnis pfeifen. Kameras, die wie Diktiergeräte aussehen, die wie Taschenrechner anmuten, sind in Wahrheit als Fernbedienung verkleidete Rasierer. Ein Paar zusammengeklebter Pappdeckel spielt Computer, doch der exorbitante Preis rechtfertigt die Chose: es ist so hässlich, dass jeder einen haben will. Wenn es wirklich widerlich ist, ist es Kult.

Schlagend zeigt sich das Phänomen an dem rollenden Missstand, der als zeitgenössische Autos die Gegend verschandelt. Jegliche Verwirrung der Urteilskraft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um untaugliche Versuche handelt, als hätte ein übermüdeter Primat einen Klumpen Plaste im Heißluftkanal verkleckert. Das verschwiemelte Zeug, das bei der Operation entsteht, ist nicht mehr als das rostige Schnarchen im Schlaf der Vernunft. Der Anblick einer Rotte Kleinwagen auf dem Parkplatz macht einem jählings klar, wie abstoßend dieser beschissene Planet auf Außerirdische wohl wirken mag.

Manchmal, wenn der denkende Hominide des Charmes einer Raststättentoilette im Gegensatz zur strukturierenden Funktion der postmodernen Materialklöße inne wird, besinnt er sich auf seine geistigen Wurzeln, die dem Gebrauchsgegenstand die Fähigkeit zum Gebrauch zubilligt, und heckt eine Retrowelle aus. Autos sehen dann aus wie Autos, Telefone wie Telefone, die Bauform des Toasters kommt ohne jegliche ironische Distanz aus und erfüllt ihren informativen Zweck, der Welt unmissverständlich zu kommunizieren: ich bin keine Pfeife. Dennoch schwingt ein leiser Zweifel mit, welchen Stellenwert die symbolische Form in diesem Produkt einnimmt. Der dialektische Knoten ist nicht lösbar, ob der Gegenstand, den wir teurer bezahlen als den industriellen Sondermüll, uns nun privilegiert oder stigmatisiert. Es mag durchaus eine Verschwörung geben, man weiß nur nicht genau, wer sich gerade gegen wen verschworen hat.

Wohl dem, der in Besitz eines Toasters ist, wie ihn die Alten entworfen, gebaut und benutzt haben. Mit gehässiger Langlebigkeit lehren sie die heutige Generation, einen ephemeren Scherz vom Wert der Dinge zu unterscheiden. Sie werden noch das Brot bräunen, wenn die Lückenfüller der Jetztzeit bereits recycelt sind. Möglicherweise mehrfach.





Schuldenschnitt

20 03 2013

„Still, Frau Merkel. Einfach mal die Klappe halten. Ganz still. Sonst kann ich die Spitzen hier nicht schneiden. Meine Güte, können Sie nicht einfach mal nichts tun? Das fällt Ihnen doch sonst auch nicht so schwer?

Softe Wellen, Frau Merkel. Ganz soft. Kommt vorne rein und dann hinten wieder raus. Wie die Energiewende. Aber eher die gepflegte Variante. Und dann schneiden wir den Pony da vorne etwas ab, sagen wir mal: fünf Prozent, und dann sieht die Sache gleich viel besser aus. Ach, keine fünf Prozent? Hätte ich mir denken können, Frau Merkel. Hätte ich mir denken können.

Ein anderer Style. Ganz anders. Sie hätten sagen müssen: die oberen zehn Prozent bleiben nicht ungeschoren, Sie haben gesagt: aus Solidarität erlauben wir den unteren neunzig Prozent, die Schulden des obersten Promilles zu begleichen. Das rächt sich.

Wir könnten hier oben natürlich auch etwas kürzen. Sie kennen sich ja damit aus, Frau Merkel. Allerdings kürzen Sie ja nie oben, Sie schneiden ja unten ab, damit es oben schneller nachwächst. Das sieht grauenhaft aus. Das mache ich nicht, auf gar keinen Fall. Nein! Suchen Sie sich doch einen anderen Coiffeur, wenn es Ihnen nicht passt!

Also was jetzt, ab oder nicht ab? Können Sie sich langsam mal entscheiden, Frau Merkel? Wie, beides? Das geht nicht. Hören Sie mal, wir sind nicht in der Politik. Da funktioniert das vielleicht – Sie holen sich einen von diesen südeuropäischen Marionettenregierungen, der tanzt an in Berlin und erzählt Ihnen, wie toll sich das Land entwickelt, mehr als fünfzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die Renten sind im Eimer und die Gehälter auch, die Wirtschaft verreckt gerade, aber sonst geht’s allen dufte, und weil sie gerade so schön am Sparen sind, dürfen sie noch mehr sparen, und weil’s ihnen damit so gut geht, dürfen sie als Belohnung unter den Rettungsschirm, den sie selbst bezahlen. Und daraus soll ich jetzt einen Haarschnitt machen. Obwohl Sie das selbst viel besser hinkriegen.

Das ist hier hinten etwas widerspenstig, Frau Merkel. Wie Ihre CDU. Schlechtes Management, manche stehen noch aufrecht. Meine Güte, ich kann es doch auch nicht ändern! Sind das meine Haare? Sie sind doch selbst verantwortlich für die Pflege! Was erwarten Sie von mir? Dass ich jeden Tag in der Bundestagsfraktion vorbeikomme und den Leuten den Kopf wasche?

Stillhalten. Ja, da ist ein Wirbel. Da muss ich jetzt ein bisschen frisieren. Sind Sie doch gewohnt, wenn der Schäuble auf Ihnen herumfrisiert, oder? Nehmen Sie’s locker, irgendwann ist er ja auch mal fertig mit dem Bundeshaushalt, da muss man sich halt an anderen Sachen abreagieren. Ach, hat er schon? Na, dann ist ja alles gut. Er hat Ihnen höchstpersönlich eine Frisur entworfen? Das ist ja interessant. Vermutlich ein Schuldenschnitt.

Sie sollten sowieso langsam mal sehen, dass Sie etwas gegen Ihr Doppelkinn unternehmen. Das kommt vom vielen Lügen, Frau Merkel. Den einen wächst die Nase, den anderen hängt das Kinn auf die Knie.

Expressive Farbverläufe gehen dies Jahr. Von Schwarz nach Rot haben Sie schon geschafft. Wir hätten da noch ein nettes Grün im Angebot. Aber bitte ohne Aufheller, Frau Merkel. Man kriegt das mit. Der Rösler hat’s probiert, und jetzt geht er gerade von Gelb nach Kackbraun. Lassen Sie das. Und nein, ich kann das nicht immer wieder überfärben, überfärben und überfärben. Irgendwann fällt’s nämlich auf. Arbeiten Sie gefälligst an Ihren Ausreden, Frau Merkel. Zwei Millionen können nur noch mit Hilfe von Armenspeisungen überleben. Die Leute haben ein Recht, einigermaßen gut belogen zu werden. Sonst werden sie vielleicht bald wütend. Ach ja, es sind zwei Millionen Deutsche, Frau Merkel. Hatte ich vergessen.

Wieso zittern Sie eigentlich, Frau Merkel? Weil Sie Bedingungen stellen? Warum eigentlich? Sie stellen Bedingungen für Zypern, um Geld aus dem Rettungsschirm zu bekommen, und Sie wissen genau: die deutschen Banken zittern mit Ihnen, weil die Kohle sofort nach Deutschland zurückfließt? Sie spielen also, genau genommen, mit den deutschen Banken, oder noch genauer: sie lassen deutsche Investoren Männchen machen? Damit die Spareinlagen, von denen Sie erzählt haben, dass sie sicher seien, nicht plötzlich ganz sicher futsch sind? Ja, da würde ich auch zittern, Frau Merkel. Da würde ich auch zittern.

Wir hatten das schon mal. Deutschland hatte sich da auch gerade mit ein paar Nachbarn wiedervereinigt, wenn Sie sich erinnern. Österreich war dabei. Es gab die, die freiwillig mitmachten, und die, denen wir es zeigen mussten, Frau Merkel. Sie haben offensichtlich kein Problem damit, den Zyprioten ihr Glück aufzuzwingen. Ihr Glück, Frau Merkel.

Ach, Sie möchten mit Ihrem neuen Schnitt auf die Titelseiten? Werden Sie, Frau Merkel. Werden Sie. Darauf können Sie sich verlassen.“





Abstellgleis

19 03 2013

„… habe die Deutsche Bahn nie beabsichtigt, die Reisedaten ihrer Kunden zu…“

„… seien die Kundendaten sowieso nur für Kaffeebestellungen in Folgezügen…“

„…werde der Preis der Fahrkarte, der Abfahrt- und Zielbahnhof gespeichert. So ergebe sich bei in Stuttgart begonnenen Fahrten ein Sicherheitsprofil, das in jedem Falle für den Bau des unterirdischen…“

„… dass nach mehr als einer Beschwerde über ausgefallene Klimaanlagen keine Sitzplätze mehr reserviert werden könnten. Dies sei eindeutig ein Softwarefehler, der innerhalb der nächsten Tage…“

„… individualisierte Werbung nur auf dem Postwege geschickt würde. Die Kunden könnten dem entgehen, wenn sie vorab mit Name und Anschrift, Geburtsdatum, Haushaltseinkommen und Blutgruppe, Konfession, Schuhgröße sowie…“

„… umfasse die individualisierte Werbung für Versicherungen, wobei eine spezielle Reiserücktrittsversicherung vorgesehen sei, die nur dann die Kosten erstatte, wenn die Reise vertragsgemäß angetreten und…“

„…als technisch unbedenklich. Da die DDR-Reichsbahn anteilig die meisten inoffiziellen Stasimitarbeiter gehabt habe, wolle man…“

„… zwar korrekt, dass die neuen in die Sitze eingelassenen Personenwaagen Gewicht und Körperfettanteil der Fahrgäste mäßen, speicherten und per WLAN an die Kontrollpunkte übertrügen, doch seien dieses weder Reisedaten noch…“

„… weil Fahrgäste ihren Kaffee bei der Rückreise vom Urlaubsort auch mehrere Wochen später noch auf Grund der…“

„… derzeit nicht gesichert. IM Friedrich habe berichtet, er sei davon ausgegangen, dass sämtliche in Deutschland anfallenden Datenbestände ohne Prüfung des Anlasses automatisch in die USA…“

„… werde der Preis der Fahrkarte, der Abfahrt- und Zielbahnhof gespeichert. Sollten die Kosten für Bahnfahrten zu niedrig sein, sinke der Score für Baukredite, da in diesen Fall nicht mehr von ausreichenden Rücklagen für eine…“

„… der Fahrgastverband einen einwöchigen Bahnstreik angekündigt habe. Grube habe dies gekontert mit der Absicht, eine Stunde lang alle Züge pünktlich…“

„…Verständnis gefordert, die Bahnreisenden in die sicherheitsrelevanten Körperöffnungskontrollen zu integrieren. Eine routinemäßige Zielfahndung nach Terrorverdächtigen, falls Flugzeugentführer mit den günstigen Rail&Fly-Tickets…“

„… dass nach mehr als einer Beschwerde über Zugverspätungen keine Sitzplätze mehr reserviert werden könnten. Dies sei eindeutig ein Softwarefehler, der innerhalb der nächsten Wochen…“

„… sei mit individualisierter Werbung auch per E-Mail und auf dem Mobiltelefon zu rechnen, falls sich zufällig durch Verknüpfung mit Datensätzen aus Russland eine…“

„… werde der Preis der Fahrkarte, der Abfahrt- und Zielbahnhof gespeichert. Sollten die Kosten für Bahnfahrten zu hoch sein, sinke der Score für Baukredite, da in diesem Fall zu viel Geld für andere Konsumgüter…“

„… gebe die Deutsche Bahn AG zu Marketingzwecken keine Kundendaten an Dritte weiter. Dies sei sichergestellt, da die Marketingfirma eine hundertprozentige Tochter der…“

„… der gelungenen Feierstunde. Die Deutsche Bahn AG habe erstmals bewiesen, dass Hartmut Mehdorn verzichtbar sei, da man auch ohne seine Mitarbeit eine katastrophale…“

„… dass Sitzreservierungen im Raucherbereich zur Weitervermittlung der Anschrift an die Krebshilfe sowie Jehovas Zeugen führten. Grube habe diese 784.030 Einzelfälle als kaum repräsentativ für die markentechnische…“

„… die Zuordnung von Kaffeebechern zu eindeutigen Vornamen der Fahrgäste sicher nur ein ganz zufälliges…“

„… bezeichne IM Friedrich es als terroristischen Akt, unter dem Deckmantel feiger Anonymität am Fahrkartenschalter mit Bargeld ein Ticket zu kaufen. Der deutsche Bahnhof dürfe kein rechtsfreier Raum…“

„… werde der Preis der Fahrkarte, der Abfahrt- und Zielbahnhof gespeichert. Wer in ungünstig gelegene Gebiete mit erwartbar steigender Arbeitslosigkeit fahre, müsse mit einer Meldung bei den Sicherheitsbehörden an…“

„… die Beraterfirma empfohlen habe, den Handel mit Kundendaten auszuweiten, da er als Geschäftsmodell mehr als die erwartbare Rendite verspreche. Dazu müsse die Gesellschaft allerdings Bereiche wie den Personenverkehr langfristig…“

„… sich Karl-Thomas Neumann lobend über die Deutsche Bahn AG geäußert. Keine andere Aktion, so der Opel-Vorstandsvorsitzende, sichere dem Individualverkehr auf Jahre hinaus die…“

„… dass nach mehr als einer Beschwerde über liegen gebliebene Triebköpfe, stundenlangen Aufenthalt auf freier Strecke und einen kostenpflichtigen Schienenersatzverkehr keine Sitzplätze mehr reserviert werden könnten. Dies sei eindeutig ein Softwarefehler, der vermutlich bis 2015…“

„… ob gemäß der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Deutschen Bahn AG das Tragen eines Aluminiumhutes in den…“





Mailänder Kollektion

14 03 2013

Zugegeben, er sah ein bisschen komisch aus, wie er in diesem sandfarbenen, hauteng geschnittenen Sakko vor dem Spiegel balancierte. Und er fühlte sich in dem Kleidungsstück auch nicht besonders wohl. Aber wann kaufte Breschke sich schon einen neuen Anzug.

Ich hatte ihm fest versprochen, zu Motschmann und Korbsiepler mitzukommen. Das heißt, ich hatte ihm versprochen, ihn in die Stadt zu begleiten. Ihn daran zu hindern, das Warenhaus mit den billigen Polyesterlappen zu betreten, das war allein meine Idee gewesen. „Was meine Frau wohl sagen wird“, jammerte der Alte. „Sie wird überrascht sein“, gab ich ungerührt zurück, „seit über fünfzig Jahren sieht sie Sie in etwas anderem als in einer Strickjacke mit aufgenähten Ellbogen.“ Der pensionierte Beamte grantelte; einerseits wusste er, dass ich recht hatte (und er wusste, dass ich wusste, dass er es wusste), und dazu wurmte ihn andererseits der Gedanke, in dieses höchst elegante, möglicherweise auch recht verschnöselte Geschäft zu gehen, das in gewissen Kreisen als erste Adresse der Stadt galt. „Angeblich trägt ja der Bürgermeister diese Anzüge“, knurrte Breschke und würdigte die Frühjahrskollektion in der Vitrine keines Blickes. Ich muss ihm wohl geschickt verschwiegen haben, dass ich selbst mehrere Anzüge von Motschmann und Korbsiepler besaß. Und dass ich gerade einen trug.

„Welche Art Hemden bevorzugt denn der Herr?“ Der junge Verkäufer war adrett gekleidet und ordnungsgemäß gescheitelt, keine Spur von Langhaarigkeit oder aufsässigem Benehmen, und doch beäugte Horst Breschke ihn äußerst kritisch. „Meistens braun“, teilte er ihm mit. „Dann muss man bei der Gartenarbeit nicht jeden Tag ein neues anziehen.“ Der Angestellte verzog keine Miene; nicht einmal ein angedeutetes pflichtbewusstes Lächeln kam ihm über die Lippen. Ich hatte nicht geahnt, dass dieser Laden inzwischen so gut geworden war. „Er meint, ob Sie gerne taillierte Schnitte tragen.“ „Bloß nicht“, wehrte er ab. „das kneift immer so in der Mitte. Haben die hier denn nichts Bequemes da?“

Man muss natürlich wissen, dass die Tuchwaren in diesem Haus einen gewissen Charme versprühen. Das Haus selbst stand dem nicht nach: Mozart säuselte durch die Luft, Champagnerkelche klimperten im Hintergrund, das Interieur sah aus, als hätte sich eine Herde Innenarchitekten vorsätzlich daran totgearbeitet. „Wollen der Herr nicht die neue Mailand-Kollektion probieren?“ „Die ganze!?“ Breschke fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Bei Ihren vielen Schnitten, Mustern und Farben kann man sich sowieso kaum entscheiden, und da kommen Sie mir mit einer ganzen Kollektion? Nichts da, ein Anzug! Nicht mal einer mit zwei Hosen!“ Die Fronten waren also geklärt, als der Verkäufer mit dem silbergrauen Zweireiher kam.

Er passte noch nicht einmal; Breschkes Arme mussten von den Dehnübungen vor dem Spielgel etwas nachbehalten zu haben. „Das trägt man jetzt etwas kürzer“, informierte der Verkäufer. „Noch weniger Stoff“, meckerte der alte Herr, „und immer höhere Preise! Das ist doch alles – “ „Und wenn Sie es einfach mal eine Größe höher anprobieren?“ Mit solchen Anschlägen auf sein Weltbild hatte er nicht gerechnet. Ich hatte meine liebe Mühe, ihn zum Bleiben zu bewegen. „Jetzt gucken Sie sich bloß mal diese ganzen neumodischen Farben an“, nörgelte Breschke, „wer soll denn das tragen?“ „Das ist beige“, befand ich. „Aber ich habe vollstes Verständnis, wenn Ihnen der Ton schon zu jugendlich erscheinen sollte.“

Zwei Kollektionen später, Eierschalenfarbe sowie ein besonders undefinierbares Mittelgrüngrau, trumpfte der Verkäufer plötzlich mit einem ungewöhnlichen Vorschlag auf. „Ich würde Ihnen ja gerne auch einige gemusterte Stoffe zeigen.“ Horst Breschke schnappte sofort zurück. „Damit ich aussehe wie eine Schlafzimmergardine? Keinesfalls, sage ich Ihnen. Keinesfalls!“ Ich versuchte, ihn wenigstens versuchsweise für einen leichten Nadelstreif zu interessieren, doch er ließ sich nicht zureden. „Keinesfalls!“ „Und wenn wir“, brachte sich der Verkäufer in Erinnerung, „vielleicht eine Kombination versuchen? Eine dunkel gestreifte Jacke zu einem steingrauen Beinkleid, das steht Ihnen doch bestimmt ganz ausgezeichnet.“ „Ach was.“ Der Alte war nicht zu bremsen. „Ich will das alles nicht, verstanden? Diese modernen Sachen passen nicht zu mir, und ich brauche das auch nicht. Hören Sie, ich brauche das nicht, es passt einfach nicht in meinen Kleiderschrank. Das ziehe ich nicht an. Das ist nicht meine Kragenweite. Nicht mein Stil. Ich glaube, ich werde mich an diese Mode nicht mehr gewöhnen, verstehen Sie? Tragen Sie das doch selbst, wenn Sie Wert darauf legen, aber bitte verschonen Sie mich mit Ihren – oh, der sieht aber gut aus. Was kostet das?“ Galant öffnete der Verkäufe das Sakko und ließ Breschke hineinschlüpfen. Ein leichtes Grau, Mischgewebe mit sehr viel Kunststoff, und es passte gerade eben so gut, dass es schlecht saß. „Hervorragend“, schwärmte er, „großartig – schauen Sie mal, dieser Schnitt, dieser Stoff, es passt wie angegossen!“ Ich lugte verstohlen auf das Etikett in der Hose. Erschüttert hielt ich es dem Verkäufer unter die Nase, doch er lächelte diesmal nur ein angedeutetes pflichtbewusstes Lächeln. Er nahm mir das Kleidungsstück aus der Hand und faltete es mit geübtem Griff. „Dass Sie ausgerechnet hier die Stangenware von Kastrat verscherbeln? Direkt aus dem Kaufhaus!?“ „Motschmann und Korbsiepler lässt keinen Kunden allein.“ Ich stutzte, begriff das Marketingkonzept schlagartig und äugte verstohlen ins Innere meiner Sakkotaschen. Wo war nur das Etikett?

„Meine Frau wird zufrieden sein“, sagte Breschke vergnügt. „Dafür lohnt es sich doch, ein bisschen mehr auszugeben. Sie hatten wirklich recht, man sollte sich viel mehr mit der aktuellen Mode beschäftigen. Wissen Sie was? Morgen begleiten Sie mich. Ich brauche ein Paar Schuhe.“








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 4.824 Followern an