Hurra, hurra, die Schule brennt!

16 05 2013

„… dass mehrere Tausend Lehrkräfte in den Sommerferien ALG I oder bei zu geringen Ansprüchen ALG II beantragen müssten, da sie bis zum folgenden Schuljahr gekündigt…“

„… könne die Kritik nicht nachvollziehen. In den USA, so Merkel, sei es üblich, Lehrer in den Sommerferien nicht zu bezahlen. Sie habe jedoch nicht festgestellt, dass das Bildungsniveau der Amerikaner in den vergangenen Jahren erheblich niedriger…“

„… geschehe die Befristung nicht zu Lasten der Kinder. Diese bekämen regelmäßig neue…“

„… lediglich eine Angleichung an die Arbeitsverhältnisse in der freien Wirtschaft. Die Kultusministerkonferenz sehe nicht ein, warum sich Industriebetriebe ihren Lohn aufstocken lassen könnten, während öffentliche Einrichtungen…“

„… für mehr Spaß bei der Arbeit. Seehofer habe den Lehrkräften empfohlen, sich zum Ausgleich als Erntehelfer…“

„… dass die entlassenen Lehrer keinesfalls einen Anspruch auf Anschlussverwendung im Schuldienst hätten. Rösler habe sich selbst gelobt für die großartige Idee, damit die Lehrerschwemme mittelfristig auf ein Mindestmaß…“

„… keinen Anlass zur Besorgnis. Durchgängige Befristung im Schuldienst sei vielmehr ein Zeichen steigender Wertschätzung, da die Lehrer es auf das Niveau ihrer universitären Kollegen…“

„… habe von der Leyen festgestellt, dass Lehrkräfte, die ALG II bezögen, eine Steigerung des geistigen Niveaus unter den Arbeitslosen…“

„… da angestellte Lehrer 30% weniger als ihre verbeamteten Kollegen verdienten. Als sozialverträglichen Kompromiss habe IM Friedrich vorgeschlagen, die Beamtenbezüge auf 70% zu…“

„… keine arbeitsrechtlichen Probleme, da die entlassenen Lehrer ihren Urlaubsanspruch freiwillig auf die Zeit nach ihrer Kündigung…“

„… aus Gründen der Solidarität dringend geboten, angestellte Lehrer weiter in die Arbeitslosenversicherung einzahlen zu lassen, wenngleich sie daraus keinerlei…“

„… dass Lehrer oft nicht gleich wieder eingestellt würden. Alt rechtfertige dies mit einem gesunden Misstrauen gegenüber Arbeitslosen, da diese sicher nicht grundlos ohne Beschäftigung…“

„… keine negativen Sanktionen seitens der JobCenter zu gewärtigen. Diplompädagogen bekämen in der Regel ohnehin keine Jobangebote, da sie für eine richtige Arbeit keinerlei…“

„… gerade für die gesellschaftspolitische Früherziehung von unschätzbarem Wert. Wanka sehe einen abschreckenden Effekt darin, Schüler der Primarstufe mit der Erwerbslosigkeit zu…“

„… für eine viel flexiblere Qualifizierung im Lehrerberuf. Pädagogen sollten jetzt nicht mehr nur in ihren klassischen Tätigkeitsfeldern eingesetzt werden, zumal ihnen dort Konkurrenz durch professionelle Taxi- und Pizzafahrer…“

„… zu prüfen, ob Lehrer in Hartz IV nicht einen Anspruch auf das Bildungspaket…“

„… man die Lehrer bereits während der Frühjahrsferien freistellen würde, hätten sie viel mehr Zeit, sich um ihre Bewerbungen zu…“

„… noch nicht ausgereift. Rösler sei jedoch für freiberufliche Lehrer, die stundenweise…“

„… dass durch erhöhte Verwaltungskosten die Verlagerung der Lehrerbezüge in die Sozialbürokratie erheblich teurer würden. Merkel habe betont, dies geschehe absichtlich, um zu demonstrieren, dass ihre Regierung für die Bildung weder Kosten noch Mühe…“

„… die Unterrichtsausfälle im Winterhalbjahr leicht zu erklären seien, da noch zahlreiche Einstellungsgespräche geführt werden müssten. Das hessische Kultusministerium lehne es weiterhin ab, unbesehen irgendwelche dahergelaufenen Arbeitslosen in den Schuldienst…“

„… mehr Eigenleistung von den Pädagogen erwarten könne. Um den Anspruch auf einen Betreuungsplatz einlösen zu können, schlage Schröder vor, alle Lehrer jeweils für zwei bis drei Jahre zur Umschulung als…“

„… sich dafür ausgesprochen habe, den Arbeitslosen die 10 Euro aus dem Bildungspaket vom Regelsatz abzuziehen. Es dürfe nicht sein, so Westerwelle, dass jemand, der gerade nicht arbeite, mehr habe als…“

„… obwohl die von den Liberalen bevorzugte Lösung der freiberuflichen Mietlehrer auch den punktuellen Stundenausfall zu bewältigen…“

„… hätten Spitzenfunktionäre der GEW bei der zufälligen Lektüre der Tagespresse erfahren, dass es in Deutschland immer mehr Zeitarbeit…“

„… sei von der Leyen der Ansicht, man könne die zu Erziehern weitergebildeten Lehrkräfte künftig auch in Drogeriemärkten…“

„… Zeitarbeitsverträge zu schließen. So sei es im Rahmen von Werkverträgen möglich, Lehrkräfte zwischen Herbst- und Weihnachtsferien in einem beliebigen, kurzfristig zu bestimmenden Fach (außer Religion und Sport) an Gymnasien und…“

„… vermehrt zu Härtefällen geführt, da sich entlassene Lehrer vereinzelt nicht mehr auf ihre eigenen Stellen beworben hätten. Der Freistaat prüfe, ob er Schadenersatzansprüche gegen die…“

„… sich vereinzelt Ex-Lehrer als Kandidaten für die Landtagswahl aufstellen ließen. Seehofer habe diese als Schmarotzer bezeichnet, da sie ohne jede Arbeitsleistung darauf aus seien, eine staatliche Unterstützung zu…“





Kurzer Prozess

2 05 2013

„… durchaus für Zufriedenheit gesorgt hätten. Das Oberlandesgericht erwarte ein konzentriert und sachlich ablaufendes Verfahren voller…“

„… die Stühle sehr unbequem seien. Die Korrespondentin des Svenska Dagbladet habe vorgeschlagen, das Mobiliar durch moderne skandinavische Sitzmöbel zu…“

„… müsse die Nachverlosung des Presseplatzes möglicherweise im Stehen stattfinden. Die Sprecherin habe zugegeben, dass das OLG nicht über ausreichend viele Stühle im…“

„… nur als Beleidigung gewertet werden könne. Desgleichen fordere das Personal der dpa English Services das Gericht auf, einen Tee in den Automaten anzubieten, der nicht nach Kunststoff schmecke und…“

„… dass überhaupt seriöse Printmedien wie FAZ, Zeit oder Titanic keine ausreichenden…“

„… der Niederländische Rundfunk die Sachlage verkenne. Da es sich um Tribünenplätze handle, sei der Korrespondent davon ausgegangen, die Kostümierung mit Fanschal, orangefarbener Perücke und Vuvuzela sei eine völlig normale…“

„… immer wieder zu Streitigkeiten gekommen sei. Die türkischen Journalisten hätten es ebenso abgelehnt, Streichhölzer zu ziehen, wer neben dem griechischen…“

„… sich Die Grünen dafür ausgesprochen hätten, kurzen Prozess zu machen und die Presseplätze mit Hilfe eines Rotationsverfahrens…“

„… RTL II eine offizielle Rüge erhalten habe, da der Sender versuche, für eine Folge Frauentausch die mutmaßliche Terroristin mit einer Hausfrau aus…“

„… durch die Ankündigung, die Zschäpe-Tagebücher in der neuen Ausgabe des…“

„… nicht mit den Sicherheitsanforderungen zu vereinbarten. Trotzdem beharre BILD darauf, an jedem dritten Prozesstag den ihr zugelosten Platz durch einen Leserreporter zu…“

„… offensichtlich um ein Missverständnis gehandelt haben müsse. Die Redaktion des Spiegel habe von ihrem aktuellen quotenmäßig mit Hitler bedruckten Titelblatt geschlossen, es handle sich um das Reenactment der Nürnberger Prozesse mit Hilfe der…“

„… auf Wunsch von kabel 1 eine Tageszusammenfassung einzuführen, die jeweils kurz vor den Nachrichtenformaten von der Bundesanwaltschaft…“

„… keine ausreichenden Simultanübersetzungen anböten. Die Sächsische Zeitung habe daher Protest bei…“

„… ob etwas dagegen spreche, die Plätze nicht nur einmal zu verlosen, sondern sie täglich neu…“

„… lehne das Gericht strikt den Vorschlag von Al Jazeera ab, die Verhandlung zu den vorschriftsmäßigen Gebetszeiten zu…“

„… die polnischen Kollegen nicht mehr gesehen worden sein sollten. Gleichzeitig habe man das Fehlen der beiden vorderen Stuhlreihen…“

„… zu Tauschaktionen, da die Anträge der Nebenklage nicht so beliebt seien wie die Befragung der mutmaßlichen…“

„… wenngleich Radio Lotte Weimar bereits versucht habe, alle zehn Minuten eine Liveschalte in den Gerichtssaal legen zu lassen. Das vorherige Abspielen des Jingles sei nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine nicht zumutbare…“

„… dass nach dem Verlassen des Gerichtssaales aus Sicherheitsgründen kein Wiedereintritt mehr möglich sei. Der medizinische Betreuer der Landshuter Zeitung habe die aus der Geriatrie entlehnte Lösung für Mobilkatheter im…“

„… die polnische Redaktion von Radio Lora den Schwarzmarkt mit NSU-Tickets bereits voll im Griff…“

„… habe Sonntag Aktuell bereits zweimal versucht, Kollegen aus dem Print-Bereich zu einer Kooperation zu bringen. Das von ihnen vorgeschlagene Leserquiz, bei dem das Strafmaß zu erraten sei, stoße bei den anderen Berichterstattern auf heftigen…“

„… nicht ausreichend berücksichtigt habe, dass auch Blogger die Öffentlichkeit informieren wollten. Das OLG sei jedoch der Meinung, man könne wegen der Größe des Saales nicht das komplette Internet in die…“

„… widerspreche die Ablehnung des Eilantrages auf Videoübertragung nicht der Pressefreiheit. Das Landgericht habe bereits genug getan, um den Prozess möglichst pressefrei zu…“

„… sich Bundespräsident Gauck nach vielen Schlagzeilen, in denen die Unzufriedenheit mit der Presseakkreditierung thematisiert worden sei, in einem Interview geäußert habe, er sehe eine Unzufriedenheit mit der Presseakkreditierung, weshalb er als Bundespräsident unzufrieden mit der Presseakkreditierung…“

„… auch RTL II ein Zuschauerquiz anbieten wolle, allerdings mit der Frage, wer den Prozess gewinne, a) der NSU oder b) die…“

„… sich Brigitte nicht nur für Stylingtipps interessiere. Vielmehr wolle die Zeitschrift ein eindringliches Porträt einer jungen, berufstätigen Singlefrau geben, die zwischen Job und Attentat immer noch Zeit für hautstraffenden Sport und kalorienarme Sommersalate mit…“

„… von IM Friedrich sehr begrüßt worden sei. Er habe sich zustimmend geäußert, dass zu viele Videokameras nie geeignet seien, die Sicherheit in einem…“

„… müsse die Ziehung wiederholt werden. Es habe sich durch einen Lichtreflex unbemerkt eine der Kugeln…“





Draußenminister

1 05 2013

„So eine komische Frisur, sagen Sie? Warten Sie noch einen Augenblick. Friedrich? Klingt nicht geheuer. Sagen Sie dem Personal, wir müssen erstmal das Gepäck durchsuchen. Möglicherweise planen die beiden ja einen Terroranschlag.

Geben Sie ihm Tomatensaft. Bier kriegt er nicht, sonst kotzt er uns am Ende noch das ganze Rollfeld voll. Und angeschnallt lassen. Keine Sperenzchen. Das ist hier so Usus, also halten sich unsere Besucher daran. Sonst haben sie direkten Anschluss nach Guantanamo.

Das ist uns völlig egal. Meinetwegen kann sich der Typ als Kaiser von China verkleiden, ob das ein Terrorist ist, entscheiden wir. Mit dem Finger am Abzug. Die Vereinigten Staaten sind nicht umsonst ein freies Land. Wir gedenken es auch in Zukunft von Terroristen frei zu halten.

Meine Güte, irgendwo werden Sie doch wohl Erdnüsse auftreiben! Schon klar, diese Deutschen sind ein empfindliches Völkchen. Gib ihnen die im Preis inbegriffene Decke, und wenn sie nicht größer ist als erwartet, dann tun sie so, als hätten sie gerade zwei Weltkriege gewonnen. Unangenehm.

Was hat der? Innenminister? Machen Sie ihm klar, in welchem Teil der freien Welt er sich hier befindet. Wenn er anfangen sollte, seine eigenen Vorstellungen zu entwickeln, ist er aber ganz schnell Draußenminister. Was erzählt er? Boston sei die Warnung für Europa gewesen? Und die Anschläge in London und Madrid waren dann die Warnung für die USA? Sagen Sie mal, hat die Merkel jetzt auf Billigpersonal umgestellt?

Bei uns entscheiden die Grenzbeamten alleine, wen sie kontrollieren. Verstehe ich gar nicht, warum sich dieser Typ jetzt so aufregt. Seine Polizisten und seine V-Leute machen doch auch, was ihnen in den Kram passt.

Das könnte nämlich auch ein Terroranschlag sein. Der ist vor langen Jahren aus Bayern eingewandert und hat sich komplett integriert – weiß man doch, dass das die Schlimmsten sind, die man nicht auf den ersten Blick für landfremde Elemente hält – und jetzt will er die deutsch-amerikanischen Beziehungen in die Luft jagen. Oder die deutsch-demokratischen. So genau weiß man das bei ihm nicht.

Na, halt irgendeine Zeitung mit Sportteil. Die deutschen Zeitungsverlagen kippen ihr Altpapier doch immer in die Flugzeuge rein, und der FC hat gerade mit diesem Hoeneß einen Cup in der Schweiz gewonnen, oder irgendwie so. Also geben Sie ihm Zeitungen.

Wieso fragt er? In Zeiten wie diesen müssen wir uns vor Feinden der Demokratie ganz besonders schützen. Er hat doch einen Verfassungsrichter offen angegangen? Und wie oft wurde er vom Bundesverfassungsgericht schon zurückgepfiffen? Und dieser Mann brauchte nicht mal das Internet, um sich zu radikalisieren.

Stellen Sie sich mal vor, wir hätten damals Nacktscanner aufgestellt. Nein, stellen Sie sich das lieber nicht vor!

Schwarzbrot? Wo soll ich denn jetzt Schwarzbrot hernehmen? Er wird langsam nervös, oder? Sagen Sie mir rechtzeitig, wenn er Schnellkochtöpfe verbieten will. Unamerikanische Umtriebe können wir nicht dulden. Einmischung innerhalb des amerikanischen Lagers geht gar nicht. Außerhalb noch weniger.

Jetzt beschwert er sich, dass wir seine eingebetteten Journalisten überprüfen. Was für ein Idiot. Wer hat denn die Schleppnetzfahndung erfunden?

Mal sehen, was ihm als nächstes einfällt. Visumspflicht für Nichtchristen. Oder er lässt allen Touristen die Fingerabdrücke abnehmen. Verhindert keine Terroranschläge, hilft nur begrenzt bei der Aufklärung, ist aber noch teurer und noch umständlicher als Videoüberwachung. Aha, ein zentrales Online-Registrierungssystem. Hat er bei uns um Erlaubnis gefragt?

Wärmen Sie ihm irgendwas auf. Sie haben doch dieses in Folie verpackte Zeug, das wie schon mal gegessen schmeckt. Unsere Jungs im Irak haben auch nichts Besseres, aber die jammern wenigstens nicht herum deswegen.

Wer in die EU einreisen will, der meldet sich im Internet an und sagt, wer er ist, und was er in der EU will? Tippe, wenn ein paar tausend Afghanen plötzlich De-Mail nutzen, sieht er das als positives Signal für die Leistungsfähigkeit der deutschen Internetwirtschaft?

Wiederholen Sie das bitte. Zielperson hat Augen geschlossen und schnarcht. Wir haben es unter Umständen mit einem Schläfer zu tun. Und die wundern sich, wenn wir Sicherheitskontrollen durchführen? Gehört der eigentlich auch zu diesen Schleckers, die der Vizekanzler um jeden Preis in Jobs drängen wollte, für die sie nicht qualifiziert sind?

Der andere? Der liefert nur Panzer in Kriegsgebiete. Harmloser Trottel, den können Sie reinlassen.“





Erster

15 04 2013

„Und was soll das jetzt für einen Effekt haben?“ „Naja, Wettbewerb halt.“ „Was Sie nicht sagen. Das Ding heißt Pakt für Wettbewerbsfähigkeit, und am Ende kommt dann der Wettbewerb. Diese Kanzlerin ist ja näherungsweise genial.“ „Sparen Sie sich Ihre Ironie, das ist tatsächlich wichtig.“ „Warum?“ „Es hätte am Ende ja auch um Wettbewerbsfähigkeit gehen können.“ „Jetzt verstehe ich immer, warum alle Merkel für eine fähige Kanzlerin halten.“

„Jedenfalls hat die Bundeskanzlerin damit wieder einmal beweisen, dass sie die richtigen Ideen für Europa hat.“ „Nämlich welche?“ „Dass Europa mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr Wettbewerb, also wir brauchen mehr Fähigkeit zum Wettbewerb.“ „Das würde ich als Problem sehen, aber nicht als Lösung.“ „Den Wettbewerb?“ „Den auch, aber zu sagen, dass wir mehr Wettbewerb in Europa haben müssen, führt uns auch nicht viel weiter.“ „Aber es ist schon mal kein Rückschritt. Damit ist doch bereits viel gewonnen.“ „Es mangelt es uns demnach also an Wettbewerb.“ „Wir müssen wettbewerbsfähiger werden.“ „Uns fehlen die Fähigkeiten – ja, dem würde ich im Falle der Kanzlerin durchaus zustimmen.“ „Möglicherweise war damit aber auch schon der Fachkräftemangel gemeint. Man weiß es nicht, die Kanzlerin hat sich noch nicht dahin gehend geäußert.“ „Klingt logisch, sie weiß ja immer erst, was sie denkt, wenn sie hört, was sie sagt.“

„Auf jeden Fall muss man Europa wettbewerbsfähig machen.“ „Also fähig für den Wettbewerb?“ „Sage ich doch.“ „Gegen wen?“ „Ich sagte doch: für den Wettbewerb.“ „Aber gegen wen treten denn die europäischen Staaten an?“ „Im Wettbewerb.“ „In der Forschung, in der Produktion, in der Verkehrsinfrastruktur?“ „Auf dem Markt, oder was hatten Sie gedacht?“ „Markt ist alles.“ „Sagt ja die Kanzlerin auch immer.“ „Warum sollte sie auch intelligenter sein als diese Regierung.“ „Deshalb machen wir Europa ja auch fit für den Wettbewerb.“ „In Europa.“ „Ja sicher. Wieso?“ „Weil es einen freien europäischen Markt gibt, zumindest sollte es den geben.“ „Ist das nicht gut so?“ „Das heißt dann, wir wollen mehr Wettbewerb auf dem europäischen Markt.“ „Das ist doch auch gut so.“ „Wir wollen also mehr Konkurrenz, und wenn wir endlich mehr Konkurrenz haben, sinken die Preise.“ „Ja, das ist doch…“ „Und mit sinkenden Preisen haben wir sinkende Umsätze.“ „… endlich mal eine…“ „Und damit haben wir dann auch wieder sinkende Beschäftigungszahlen.“ „… gute Nachricht.“ „Und noch mehr Arbeitslose sind also gut für die Wirtschaft?“ „Weiß ich nicht, ich habe die Kanzlerin noch nicht gefragt. Klingt aber logisch.“

„Wettbewerb, das heißt doch: jeder sollte besser sein können als der andere.“ „Würde ich sagen.“ „Und wer am Ende besser ist, gewinnt.“ „Würde ich sagen.“ „Und deshalb schließt man einen Pakt in Europa.“ „Würde ich… – worauf wollen Sie jetzt eigentlich hinaus?“ „Die europäischen Nationen schließen einen Pakt und wollen sich dann gegenseitig auf dem Binnenmarkt ausbooten?“ „Das sagen Sie. Ich würde meinen, die Kanzlerin setzt da viel mehr auf die europäische Solidarität.“ „Wegen des gemeinsamen Paktes.“ „Richtig.“ „Das klingt vernünftig. Alle Bundesligamannschaften legen zusammen und bezahlen denselben Trainer, damit sie hinterher alle gegen die anderen gewinnen und Fußballmeister werden.“ „Sie sehen doch selbst, dass dieser Vergleich hinkt.“ „Warum?“ „Die Kanzlerin ist doch gar nicht am Geld interessiert.“

„Das mit dem Angebot hätten wir ja jetzt geklärt. Was ist eigentlich mit der Nachfrage?“ „Wieso Nachfrage?“ „Haben Sie eine andere Definition von Markt?“ „Wir als Exportnation müssen natürlich zunächst sehen, den Bedarf der anderen Nationen zu befriedigen.“ „Und wenn die sich durch die aktuellen Entwicklungen gar keine deutschen Produkte mehr listen können?“ „Müssen sie aber. Selbst produzieren können sie ja längst nicht mehr, weil sie keine Kredite für Investitionen mehr bekommen.“ „Deshalb werden sie trotzdem nichts mehr aus Deutschland kaufen.“ „Müssen sie. Es gibt ja nur noch deutsche Exporte.“ „Ich nehme an, sie meinen Arbeitslosigkeit.“

„Trotzdem müssen wir im globalen Maßstab viel wettbewerbsfähiger werden.“ „Müssen wir?“ „Wir sind ein rohstoffarmes Land, deshalb ist uns das geistige Eigentum wichtig.“ „Die Presseverlage retten Europa? interessante Ansicht, muss ich schon sagen.“ „Nein, ich meine ja nur, dass man mit Forschung und Patenten und…“ „Sind wir dann in Europa nicht viel wettbewerbsfähiger, weil wir uns die tollen Produkte ausdenken, die in China billig nachgebaut werden?“ „Sie verstehen das nicht, wir müssen Europa doch insgesamt…“ „Und dann treten wir gegen den Rest der Welt an? Auch gut. Ich würde trotzdem gerne mal wissen, warum wir dann einen Wettbewerb innerhalb der Eurozone brauchen.“ „Einer muss schließlich erster werden. Wie sieht das denn sonst aus?“

„Die Kanzlerin schlägt uns also einen Pakt vor, damit wir alle gemeinsam gegeneinander antreten, um zusammen im Wettbewerb gegen Drittländer zu bestehen.“ „Kann ich mir nicht vorstellen.“ „Warum nicht?“ „Naja, wir brauchen schließlich europäische Solidarität. Lohnkosten senken, Renten dezimieren, Sozialleistungen schleifen. Wir wollen doch zu einer gemeinsamen Lösung finden, oder?“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCI): Das Geschummel

12 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

In inniger Kameradschaft gingen sie ins Dickicht, Ngg und Rrt, je ein Hominide und ein Speer, um ihre Familien einigermaßen satt zu kriegen an einem verregneten Wochenende in der Mitte des mittleren Mindelglazials. Nach den üblichen Formalitäten eines Jagdausflugs – Besänftigen von Gattin und Sippe, kurze Beschwörung mit Springtanz, Höhlenmalerei für zwei Personen plus Opfer am Grab der Ahnen – hatten die beiden ihre Wurfgeräte ins Grün geschlenzt, wohl wissend, dass sie irgendwo schon stecken bleiben werden. Gemeinsam stolperten sie in Wald hinein, stöberten und suchten, und schließlich fand Ngg die beiden Waffen. Dass des Gefährten Instrument einen kapitalen Keiler perforiert hatte, seine eigener Spieß jedoch nur ein Rotkehlchen an die Baumrinde gepiekt, das ließ sich leicht korrigieren. Man hätte es schon an diesem Tag ahnen können, die Menschheit würde nicht schwindelfrei sein.

Sicher ist das Geschummel, die mildeste Form der Neuinterpretation real existierender Zustände, eine allgegenwärtige Erscheinung. Grützbirnen hocken in den Grundschulen und pinnen in der Mathearbeit vom Nebensitzer ab, beim Blindekuh-Spielen luschert der aufgeweckte Knabe und hofft auf den Wettbewerbsvorteil, und wer würde beim Mikado nicht zufällig niesen müssen. Vorwürfe sind sinnlos, zwecklos, ziellos, denn sie tun es alle, nicht aus Boshaftigkeit, sie sind nur geistig nicht reifer geworden als die Pleistozänprimaten, obzwar sie erkennen müssten, dass sie aus nichtigeren Dingen und also überflüssig die Wirklichkeit verbiegen. Wo es um Brot und Rosen geht, mag man die Meute foppen, doch wer würde plump den Würfel drehen, um noch drei Felder vorzurücken? Dissozial zu sein erweist sich weder im Erfolg der Lüge noch in ihrer Wirksamkeit. Sie leiert die Grenzen aus, doch wo ist der Kläger?

Nun lügt man in selteneren Fällen auch aus reiner Höflichkeit, was kaum das Aufkommen eines Betrugs aus Eigennutz besitzen dürfte; nicht selten schwindeln sich Damen in Erwartung geheuchelter Höflichkeiten das Alter zurecht, stopfen sich Körperpartien aus oder schwiemeln sich andere mit Hilfsmitteln aus Ackerbau und Viehzucht an Stellen, an denen die Anatomie mit ihnen nichts anfangen kann. Der öffentliche Konsens, dass derlei fassadentechnische Manöver zum Allgemeingut der psychologischen Kriegführung wie auch des Paarungsverhaltens zu rechnen sind, er wiegt uns in Sicherheit, weil alle es tun und die Welt sich gleich bleibt, wenn keiner einen nennenswerten Vorteil daraus zieht, wo die Körperoberfläche des Beknackten der Schwerkraft folgt. Interessant ist, dass sämtliche Anwendungen der Täuschung von Balz bis Brettspiel sich nie als solche verstehen würden, denn wer gäbe schon zu, dass er löge, abgesehen von den Kretern.

Allenfalls als Diplomatie hat sich die Heuchelei einen gesellschaftlich relevanten Stellenwert geschaffen, und man braucht sie zur Aufrechterhaltung aller Art von Religion, wobei zu bedenken wäre, dass die Religion in ihrer organisierten Form selbst alles daran zu setzen meint, die Lüge zu stigmatisieren. Sie geht einen Labilitätspakt ein, und zwar mit sich selbst; bedauerlich, dass die Gesellschaft mit in diesen Morast gezogen wird.

Wo immer aus den hinlänglich bekannten Motiven getrickst und getäuscht wird, gibt sich der Bekloppte nur in einem Fall den Anstrich, ein notorischer Schummler zu sein, nämlich da, wo er aus niederer Gesinnung Betrug und Beschiss als bloße Schönfärberei auftischt. Dort, wo der naive Kurzstreckendenker sich die vereinfachte Variante des Seins mit intellektuellem Sperrmüll einrichtet, um nicht zu komplizierte Dinge unter der Kalotte zu transportieren, kommen die kognitiven Querschläger der scheinbar Schuldfreien gar nicht vor. Bunkert der durchschnittliche Arbeitnehmer den Flaum oberhalb der Lohnpfändungsgrenze je in finanztechnisch optimierten Feuchtgebieten? Zockt er sich akademisches Gemüse vor den Namen, um leichter an Tätigkeiten zu gelangen, in denen er nicht mit Erwerbsarbeit belästigt wird? Fädelt er mit Hilfe von Pferd und Gammelfleisch arglistigen Bluff ein, um den Kunden abzuziehen, der dann die Folgen des organisierten Erbrechens zu tragen hat? Wo immer die Mischpoke ertappt wird, sofort wird sie Gründe häkeln, warum ein kleines bisschen Steuerhinterziehung nicht so schlimm ist, weil die Kinder schließlich alle nach Weihnachtsgeschenken auf dem Dachboden gucken.

Die moralischen Grenzwerte bricht man am wirksamsten nieder, indem man sie biegt, bis sie geschmeidig genug sind. Ähnlich wäre es nichts als Wahrlügen, den Mord zu legalisieren, weil man unbedacht auch ein Ungeziefer aus dem Fenster schnipst, und nicht anders hat das Gefolge des Bettnässers aus Braunau dies auch praktiziert. Nicht abzustreiten ist, dass ihre Rechts-Nachfolger es bis heute auf dieselbe Art versuchen. Und es hat sein Gutes, dass sie es einfach nicht aufgeben. Denn je mehr man das Volk belügt, desto eher wird es die Wahrheit verstehen. Auch wenn es vorübergehend zu einem Engpass an Spenderorganen kommen sollte.





Krank im Kopf

9 04 2013

„… Arbeitslose noch viel stärker als bisher zu kontrollieren. Die Anstalt plane, bei begründeten Zweifeln an einer Erkrankung demnächst auch Hausbesuche zu…“

„… vollkommen überzogene Berichterstattung. Der Gesetzentwurf der Bundesanstalt wolle nur bei ‚begründbaren Zweifeln an der angezeigten Arbeitsunfähigkeit‘ eingreifen, beispielsweise wenn der Leistungsbezieher noch nicht tot oder…“

„… ohne Konsequenzen. Zunächst sei nur die Speicherung in einer Blaumacher-Datenbank geplant, falls Kinder oder Enkel von Erwerbslosen einen Schulabschluss oder eine Berufsausbildung…“

„… beispielsweise dadurch, nicht mehr jeden Arbeitsunfall einer Aufstockers zu…“

„… habe Rösler bestätigt, er als FDP-Mitglied mit abgebrochenem Medizinstudium könne das Verhalten deutscher Ärzte am besten beurteilen. Den Medizinern sei im Falle einer falschen Beurkundung kein Vorwurf zu machen, da sie damit eigenverantwortlich ihren Umsatz…“

„… Atteste arbeitsloser Patienten mit einem fälschungssicheren gelben Stern zu…“

„… dass Arbeitslosigkeit auch ein häufiger Grund für psychische und psychosomatische Erkrankungen sei. Westerwelle habe dies als Flucht in die Krankheit bezeichnet, die nichts anderes sei als spätrömisches Erschleichen medizinischer…“

„… sei es nicht erheblich, ob für einen Arbeitslosen überhaupt ein Arbeitsplatz vorhanden oder der Leistungsempfänger ohne die Erkrankung arbeitsfähig sei. Vielmehr wolle man diesmal brutalstmöglich…“

„… werde ein Arbeitsloser schon deshalb sanktioniert, wenn er wegen angeblicher Krankheit dem Kontrolldienst nicht die Tür zu

„… müsse man doch die Verhältnismäßigkeit wahren. Kauder habe errechnet, dass 1,4 Milliarden Arbeitslose, die 12.500 Jahre lang krank feiern würden (35-köpfige Bedarfsgemeinschaften mit je einem unterirdischen Bahnhof) viel teurer seien als sämtliche Offshore-Vermögen der…“

„… sich aus dem Kreis der regierenden Sicherheitsbeamten ergeben habe. IM Friedrich habe bestätigt, Bezieher von Transferleistungen ab sofort mit der Markierung Kennzeichen Sozial abhängiger Untermensch (KZ/SAU) zu tätowieren, um bei Kontrollen schneller die…“

„… werde ein Arbeitsloser andererseits selbstverständlich auch dann sanktioniert, wenn er trotz einer bestehenden Erkrankung dem Kontrolldienst die Tür…“

„… dass eine flächendeckende Kontrolle erkrankter Arbeitsloser mehrere tausend Mitarbeiter erfordere. Merkel habe am Rande des Meinungsaustausches mit Putin über die rücksichtslose Durchsetzung der Demokratie die Vollbeschäftigung als so gut wie…“

„… sei eine Kontrolle durch Videokameras nicht ausgeschlossen, wenn sie geeignet sei, die Lebensführung der Arbeitslosen lückenlos zu…“

„… auf private Anbieter zurückgreifen müsse. Die mit 53 Fehltagen pro Jahr überdurchschnittlich oft erkrankten Mitarbeiter der JobCenter könnten unmöglich eine zusätzliche Belastung…“

„… richtig gewesen sei, den Arbeitslosen das Rauchen zu verbieten. Der Klinikaufenthalt mit Lungenkrebs sei leistungsloser Wohlstand, der mit allen Mitteln unterbunden…“

„… genetisch bestimmt, die soziale Hängematte auszunutzen. Sarrazin führe neben den Hartz-IV-Empfängern, Zigeunern und Halbjuden auch die…“

„… für die Gesundung des Volkskörpers besser, erkrankte Arbeitslose gar nicht mehr zu behandeln. Nur ein toter Arbeitsloser, so Bahr, sei ein guter…“

„…mahne die Regierung zur Gelassenheit. Seibert habe erklärt, es komme auf keinen Fall zu einer Klageflut seitens der Arbeitslosen, schon deshalb nicht, da man sich rechtzeitig um die Kürzung der Prozesskostenhilfe…“

„… eine zwangsweise in den Blutkreislauf eingebrachte Sonde helfe, den Gesundheitszustand einer arbeitsunwilligen Person frühzeitig…“

„… habe Uhl die Arbeitslosen als Gefahr für die deutsche Sicherheit bezeichnet, da jede Erkältung ganze Zeitarbeitsfirmen in den Ruin…“

„… in Zusammenarbeit mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen Facharztpraxen für Arbeitslosenheilkunde zu installieren, die Termine innerhalb von 36 Monaten…“

„… sollten sich die Arbeitslosen nicht so anstellen. Selbst krank im Kopf könne man in diesem Land noch als Bundesministerin für Arbeit und …“

„… gebe es inzwischen auch aus den Reihen der Bundesanstalt kritische Stimmen. Sollten immer mehr Arbeitslose pünktlich zu ihren Terminen erscheinen, könnten die Arbeitsvermittler nicht wie gewohnt anderthalb Stunden vor Dienstende in…“

„… in Zusammenarbeit mit dem Bundesgesundheitsminister den Krankenschein für ALG-II-Empfänger zu entwerfen, der die Diagnosen ‚Arbeitsfähig‘ ‚Simulant‘ und ‚Arbeitsscheu‘…“

„… auch zu einer einvernehmlichen Lösung bereit sei. Die Kommission wolle die Kontrollen merklich ausdünnen, solange sich die Vertreter der Arbeitslosen zu einer dreimal so hohen Suizid-Quote…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXC): Die Fachkräftelüge

5 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Unter gewissen Umständen – präpubertäres oder seniles Alter, erhöhte Blutalkoholkonzentration, religiöse motivierte Bewusstseinseintrübungen, hormonelle Aussetzer – mag die Signalverarbeitung unter der Kalotte des Hominiden nicht so gut sein wie sonst. Vereinzelte Exemplare neigen zu noch größeren Fehlleistungen, indem sie etwa Menschen nach Hautfarbe sortieren. Der durchschnittliche Depp schaltet den Denkapparat schon ab, wenn er weiß, dass er von echten Experten belehrt wird, klugen Typen, die so klug sind, dass sie ihre Klugheit gar nicht erst mehr unter Beweis stellen müssen. Die verkünden dann ewige Wahrheiten: Frauen können nicht Auto fahren, Spinat enthält Eisen, und Deutschland steht kurz vor dem Kollaps. Wegen des Fachkräftemangels.

Denkste. Wenn auch mediale Quakverstärker den Sums bis zum Ohrenbluten von sich geben, es wird durch Wiederholung und Lautstärke nicht wahrer, was die Vorzeigehonks der neoliberalen Sekte an Brauchtumsterrorismus veranstalten. Nichts davon lohnt sich aufzuschreiben, nichts davon zu merken für die Geschichte. Der Popanz wird aufgeblasen, damit man der Menge zeigen kann, wie ein aufgeblasener Popanz aussieht – die angemalte Hülle über etwas Heißluft. Und schon schwiemeln sich interessierte Kreise aus Lüge und Ideologie, wo auch immer der Unterschied bestehen mag, ein politisches Kampfinstrument zurecht. Früher hat man uns wenigstens noch erzählt, bald käme der Russe, um uns das Dosenbrot zu klauen, aber man ist ja heutzutage schon recht zufrieden mit dem Kleckerkram, den uns die Parlamentaster vor die Füße schmeißen.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Die Glasbläser von Murano, die Besten der Besten, sie wurden waren Gefangene auf ihrer Insel; jeder Fluchtversuch hätte zugleich ihre ganze Familie ins Verderben gestürzt. Wenig später erfand man den Kapitalismus und ging dazu über, Arbeitnehmer durch kleine Vorzüge auf ihrem Posten zu halten: Dienstwagen, größerer Schreibtisch, Schlüssel zum Privatklo, öffentliche Demütigung von Kollegen. In entarteten Zeiten müssen Manager mit sehr viel Geld geködert werden, um ganze Firmengruppen zu ruinieren und Steuermilliarden zu verbrennen. Man bemüht sich so oder so, immer wird der Markt von sich aus aktiv, um die Spezialisten an sich zu binden. Man heißt den Investmentbanker nicht zu gehen, sollte er im Drogenrausch exorbitante Gehaltsvorstellungen hervorlallen, man lässt ihn nicht einfach bei der Konkurrenz ein paar hundert Existenzen in die Scheiße reiten. Man ist da doch besorgt um den guten Ruf. Bevor aber das Gerücht aufkommt, dies gelte auch für wirklich relevante Gruppen wie Krankenschwestern und Klempner, es handelt sich um eine Schwimmhilfe, um über den Schwefelsee zu kommen. Nichts Sinnvolles.

Denn das Geschwafel vom fehlenden Personal ist nichts als Schwachsinnsbulimie, doppelt gekaut und frisch über die Stammtische gewürgt. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht die Arbeitskraft, sondern die Entkräftung der Arbeitenden. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt erzeugt den wünschenswerten Zustand, nämlich eine möglichst große Auswahl zwischen qualifizierten Bewerbern, die jedoch nur dann zur Verfügung stehen, wenn es immer genug Arbeitslose gibt. Und schon befindet sich ein System in Widerspruch zu sich selbst. Die Arbeitgeber versprechen ausreichend Arbeit, wenn der Gesetzgeber für ausreichend Arbeitslosigkeit sorgt. Es sind, man sieht’s, qualifizierte Kräfte am Werk. Logisch denkende Menschen hätten diesen Hirnplüsch nicht ohne Schädelimplosion erzeugt.

Öffentlich schwabbert die Lobbyeska wieder von den Ausländern (die im Wahlkampf dann rausgeschmissen werden müssen, weil sie uns die Arbeitsplätze wegnehmen und die Renten und die Kitaplätze, die es aber eh nicht gibt), die man ins Land holen müsse, statt deutsche Schulabsolventen schlicht auszubilden. Ausländische Abschlüsse anzuerkennen ist aber kostspielig, langwierig und angesichts der perfektionierten Bürokratie eine lästige Unterbrechung des Gejammers. Wozu also das Geweine? Für die Galerie, die es noch glaubt.

Längst stolpert der Abbau der Qualifikation fröhlich nach vorne, wir schaufeln uns den Abgrund im Alleingang. Es werden durch Frühverrentung und das immer schnellere Ausscheiden arbeitsloser Ingenieure mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt getreten, als Hochschulabsolventen je eingestellt würden. Wer sich die Pulsadern aufnagt, braucht wohl nicht über Blutverlust zu jammern. Dazu schickt die Politik ebenjene Ingenieure in die Frittenbude, anstatt sie durch Zusatzqualifikationen und fachspezifische Tätigkeiten auf der Höhe der Zeit zu halten – die Verwaltung nimmt billigend in Kauf, dass Arbeitslose zu einem nachwachsenden Rohstoff werden. Sie sitzen in Mangelhaft.

Es fehlen keine Fachkräfte, es fehlt Personal, das für immer weniger Geld qualifizierte Arbeit leistet. Wer viel Geld dafür bekommt, steht nicht zur Verfügung. Meist leistet er unqualifiziertes Zeug dafür. Unter gewissen Umständen ist das ja durchaus erwünscht.





Vatermutterkind

4 04 2013

Der Beamte legte die beiden Aktendeckel mit sanfter Akkuratesse auf Kante. Dann rückte er den Bleistift gerade und zog ein frisches Formular hervor. „Hochzeitsvorbereitungen“, informierte Ruckteschel mich. „Ich muss etwas aufpassen, damit ich nichts verwechsle. Die Braut nimmt den Namen der Braut an.“

Gustav Ruckteschel hatte noch ein paar Jahre vor sich, doch galt er als erfahrener, vorbildlicher Standesbeamter. „Diese neuen gesetzlichen Regelungen sind etwas verwirrend, aber sie bringen uns endlich weiter. Kein Wunder, dass dagegen demonstriert wird.“ Er schien meine Frage schon zu ahnen, jedenfalls hatte ich gar nicht erst Zeit, sie zu formulieren. „Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie die Bevölkerung auf Rechtsvorstöße reagiert. Und dabei geht es noch nicht einmal um bedeutsame Dinge, sondern nur um die Banalität, ob man zum Heiraten zwingend Mann und Frau sein muss. Lächerlich.“ Er bügelte sorgfältig ein Eselsohr flach. „Und dabei haben wir es eigentlich mit einer zivilrechtlichen Einrichtung zu tun, in die erst die Kirche ihre Nase gesteckt hat, als sie sie in allem anderen schon längst drin hatte.“ Noch sträubte sich die Ecke, aber Ruckteschel ließ nicht locker.

„Und dann haben wir ganz nebenbei unsere alternativlose Bundesregierung dazu gebracht, dass sie sich in einem Paradoxon verrennt.“ Er blickte mir missbilligend dabei zu, wie ich ein Formular in die Hand genommen hatte; sicher würde ich es nicht regelkonform auf den Stapel zurücklegen. „Sie hat zwar die Ehe als Keimzelle des Staates zu etablieren versucht – früher war das die Familie, da waren noch Reste von Aufklärung am Werk – allerdings hat sie die Alleinerziehenden als Wähler entdeckt und musste sich logischerweise selbst widersprechen. Das wäre sonst kein Problem, nur hier wird es etwas schwierig. Was macht man mit denen?“ Ich wusste es nicht; tröstlich, dass auch er es nicht wusste. „Zwangsverheiraten geht nicht, auch keine Zwangsbeelterung des Alleinerzogenen, aber das wäre ja nicht das rechtsdogmatische Problem.“ „Und was wäre dies?“ Er holte tief Luft. „Man müsste ihnen die Kinder wegnehmen. Aber das kriegt selbst diese Regierung nicht zustande.“

Behutsam leerte Ruckteschel den Inhalt des Bleistiftanspitzers in den Papierkorb. „Das ist doch eine wesentliche Verbesserung gegenüber der bisher geltenden Vorschrift, oder?“ Er schaute kurz auf, wiegte dann aber bedenkend den Kopf. „nicht für alle. Schauen wir uns diesen Fall an.“ Er zupfte einen blauen Aktendeckel aus dem rechten Stapel. „Alois und Therese Gschwürlpointner waren trotz anderslautender Versicherungen auch innerhalb der Dreijahresfrist nach der Eheschließung nicht Eltern geworden, daher haben wir sie vor die Wahl gestellt. Eine Möglichkeit, da die Ehe nach Ansicht der bayerischen Regierungsbestandteile ja in besonderem Maße der Sicherung des Fortbestandes der Bevölkerung dient, eine Möglichkeit ist die Sanktion, was dem bekannten Denkschema der konservativen Parteien entspricht. Läuft irgendetwas nicht so, wie es gedacht war, finde jemanden, der sich nicht wehren kann, und bestrafe ihn dafür, dass er keine Möglichkeit hat, sich zu wehren.“ Ich runzelte die Stirn. „Sie erhängen also Geldbußen für Kinderlosigkeit?“ Ruckteschel lächelte. „Aber nein. Wir gruppieren beide wieder in Steuerklasse I ein. Nur eine dauerhafte Strafe ist wirksam, wenn man die eheliche Moral verteidigen will.“ Er legte eine stählerne Reißschiene an der Tischkante an – alles war noch immer rechtwinklig, keine Gefahr. „Trotzdem haben wir den Eheleuten Gschwürlpointner natürlich eine Möglichkeit gelassen, sich zu rehabilitieren. Sie hatten die Möglichkeit, ein Waisenkind zu adoptieren.“

Sorgsam rührte er den Tee um, bis sich keine erkennbare Spur von Zucker mehr in der Tasse wahrnehmen ließ. Es ergab ein vollkommen einheitliches Gemisch. „Und Sie sind wirklich sicher, dass das eine gute Lösung ist?“ Er nickte entschieden. „Sie haben ja gehört, was das Bundesverfassungsgericht zu Adoptionen geäußert hat. Auch gleichgeschlechtliche Paare dürfen nun Kinder des jeweils anderen annehmen. Man mag es für eine unzulässige Parallele halten, aber ich würde das Grundgesetz doch so interpretieren.“ Fragend blickte ich ihn an. „Es gibt keinen Grund, sie von der Adoption eines Kindes auszuschließen. Sie besitzen dieselben Recht wie alle anderen Menschen. Selbst dann, wenn es sich um Bayern handelt.“

Millimetergenau lochte Ruckteschel den Durchschlag der handschriftlich ausgefüllten Unbedenklichkeitserklärung, die nach menschlichem Ermessen innerhalb der nächsten zehntausend Jahre kein Mensch mehr zu Gesicht bekommen würde. „Wir haben ihnen also ein Kind zur Adoption zugeteilt – wie gut, dass sich endlich nicht mehr reiche, ältere Paare ein Kind besorgen können, weil man die jungen Leute solange mit Papierkram ausbremst, bis sie angeblich zu alt sind, Kinder zu erziehen – und sie haben sich beschwert. Einen Neger, sagte Herr Gschwürlpointner, den wolle er nicht. Er hat sich damit für die höhere Steuerklasse entschieden. Lebenslang.“

Nach drei Kontrollen war Ruckteschel davon überzeugt, dass er den Kugelschreiber weglegen konnte. „Übrigens“, kicherte er, „ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Kanzlerin keine Kinder hat?“





Frühlingserwachen

1 04 2013

07:20 – Die milden Strahlen der Morgensonne tauchen die Siedlung Kiebitzredder in ein fahles Licht. Pensionär Ottfried L. (69) nutzt die frühe Stunde des Ostersamstags, um den Vorgarten in festliches Gepränge zu versetzen. Er hängt je zwei blaue und gelbe Kunststoffeier an den letztjährig gepflanzten Spalierapfel.

07:31 – War die Festvorbereitung in den Gärten der Reihenhäuser bisher eher spärlich ausgefallen, so fügt Paola H. (32) mit dem Osterhasen-Hänger im Küchenfenster der Nachbarschaft einen farblich hervorstechenden Blickfang hinzu.

07:43 – Rentnerin Hermine G. (78) unterzieht ihre Fenster einer kritischen Prüfung. Sie beschließt spontan, die Scheiben zu putzen, wozu sie ein Narzissentöpfchen aus der Küche vorübergehend auf der vorderen Fensterbank abstellt. Auch diese Provokation wird nicht ohne Folgen bleiben.

08:01 – Mit einem Frontalangriff setzt Rainer P. (43) die östliche Straßenseite in Szene. In Windeseile dekoriert er einen Eimer mit Forsythien und postiert die gelb leuchtenden Zweige auf dem Balkon. Höhnisch strahlt die Blütenpracht in den Märzwind hinein.

08:14 – Gemütlich schlendert Ottfried L. (69) auf die Rasenfläche vor dem Wohnzimmerfenster. Unter den atemlosen Blicken der Anwohner packt er eine gipserne Hasenfigur in leicht abgeblätterter Farbfassung aus der Plastefolie, postiert sie mittig zwischen zwei Topfgewächsen und kehrt ungerührt ins Haus zurück. Es riecht nach Krieg.

08:33 – Gesamtschullehrer Dietmar B. (37) unterbricht kurz die Korrektur der Sozialkunde-Klassenarbeit zum Thema Friedenspolitik. Von seinem Schlafzimmerfenster aus beobachtet er, wie Philipp E. (39) die Osterbüsche mit Eiern behängt. Er zerknickt zornig seinen Bleistift und beschließt unverzüglich zu handeln.

08:54 – Mittels einer Schubkarre transportiert Hans-Erwin M. (51) sämtliche Osterglocken aus dem an die Terrasse angrenzenden Hochbeet in den Vorgarten. Einige energische Handgriffe mit der Pflanzhilfe sind vonnöten, dann erstrahlt das noch jungfräuliche Streifchen Erde auf der westlichen Straßenseite in sattem Gelb.

09:01 – Theo Z. (45) lässt sich das nicht länger bieten. Zwar muss er zunächst seinen SUV von den verkrusteten Harschresten freikratzen, doch schon kurz darauf lässt er mit quietschenden Reifen die Siedlung hinter sich, um das Gartencenter im nahe gelegenen Gewerbegebiet aufzusuchen.

09:24 – Während Hermine G. die Doppelfenster abledert, dringen vereinzelt Röstaromen aus der Küche der Postbotenwitwe: ihr Brotröster, Baujahr 1954, wärmt unentwegt die beiden Toastscheiben.

09:30 – Mängel an Mehl und Milch mindern den Erfolg; Sabine U. (33) konstatiert wutentbrannt, dass sie zwar außer den in Zwiebelschalen gekochten noch ein halbes Dutzend Eier vorrätig hat, doch reicht dies nicht zur Herstellung eines gleichfalls die Siedlung aromatisch flankierenden Hefezopfes. Ihr Gatte erhält den Befehl, sofort den Supermarkt aufzusuchen.

09:40 – An der Ostfront wird erbitterter Widerstand geleistet. Theo Z. lädt acht Stiegen Narzissen aus dem Kofferraum.

09:48 – Mit einer Kiste Weihnachtsschmuck betritt Dietmar B. das Kampfgebiet. Angesichts aparter Engelein und schneeflockengeschmückter Kugeln verlässt ihn der Mut.

10:02 – Der Teig ist gerührt. Sabine U. versucht mit dem elektrischen Haartrockner, den Wuchs des Hefeteigs zu unterstützen.

10:07 – Die Hand der Hausfrau lahmt. Wenige Handgriffe genügen, um den Föhn am Stativ für die Videokamera zu befestigen, das im Privatleben der U.s eine essenzielle Rolle spielt und daher stets griffbereit steht.

10:10 – Vorsichtig lädt Hinner T. (44) acht Paletten Eier aus dem Fahrzeug, als seine Frau ihn ins Haus ruft. Während er ein wichtige Telefonat mit dem Bauamt erledigt, stehen die saisonal begehrten Lebensmittel unbeaufsichtigt auf dem Dach seiner Limousine.

10:22 – Die Märzenbecher lagern wohlverteilt in Z.s Garten. Der Hausherr sucht nach einem Spaten.

10:30 – Schrille Schreie ertönen aus dem Haus der Familie B. Beim Versuch, die günstig im Internet erstandenen Christbaumkugeln unter Zuhilfenahme eines Gasbrenners anzuwärmen und oval zu deformieren, geraten die ebenfalls chinesischer Provenienz zuzurechnenden Vorhänge ins Schussfeld. Eine Stichflamme schießt empor und hüllt das Wohnzimmer mit Essecke sekundenschnell in dichten Qualm. Claudia B. (34) erreicht im Laufschritt die Grundstücksgrenze, bekleidet mit Plastiksandalen sowie einem Hüftschmücker aus geblümter Viskose.

10:37 – Noch immer regt sich der Hefeteig nicht. Im Gegensatz dazu hat die Rührschüssel unter dem Einfluss des Heißluftstrahls eine dünnflüssige Konsistenz erreicht. Der schmelzende Kunststoff sickert gemächlich zu Boden. Noch sind die Flaschen mit Haushaltsspiritus und Spezialreinigern nicht erreicht.

10:40 – Eine Gartenschaufel ohne Handgriff ist nicht geeignet, Z. bei seiner Pflanzaktion Licht im Osten genug technische Hilfe zu geben. Er dehnt seine Suche auf den zweiten Kellerraum aus.

10:41 – Unter der Wucht plötzlich anbrausender Flammen bersten die Küchenscheiben. Was sich an Haushaltschemikalien in der Küche der Familie U. befunden hat, wälzt sich als überdimensionaler Feuerball auf die Straße.

10:42 – Dietmar B. googelt größtes osterfeuer der welt.

10:57 – Markus A. (29) wittert seine Chance. In mehreren Anläufen robbt sich der ehemalige Zeitsoldat zwischen den parkenden Fahrzeugen durch, um sein berufliches Wissen zur Anwendung zu bringen: in der Fortsetzung des Halblegalen mit anderen Mitteln die Rohstoffversorgung zu sichern. Zwei Eierpaletten werden von A. entwendet und hinter dem Zierliguster zwischengelagert.

11:11 – Stolz kleben die Zwillinge Thea und Tina O. (4) ihre grafische Installation Osterhase mit Mami und Sonne über dem Haus (Buntstift auf Papier, 2013) ans Kinderzimmerfenster. Die Dämonen dürsten nach Blut.

11:29 – Weder Grabstock noch Schippe findet Z. im hinteren Kellergelass. Jetzt ist der Dachboden dran.

11:32 – Hinner T. bemerkt den Verlust nicht. Er trägt die verbliebenen Eier ins Haus, während Markus A. hinter dem Wagen schon im Hinterhalt liegt. A. überlegt, aus der Siedlung wegzuziehen; das Verhalten der Nachbarn lässt den notwendigen Respekt für seinen Aufenthalt vermissen.

11:43 – Dietmar B. googelt ostereier plastik blitzversand.

11:58 – Markus A. macht sich ans Werk. Zwei Paletten Eier wollen ausgeblasen, bemalt und in die Vegetation verbracht werden.

12:12 – Theo Z. verliert die Nerven. Angesichts der überall ausbrechenden Blütenpracht an Sträuchern und Hecken zerlegt er die eigene Einbauküche fast in ihre Bestandteile, um ein geeignetes Instrument für seine Grabwut zu bekommen. Da er die Schubladen seit seinem Einzug nicht eigenhändig aufgezogen hat, scheint ihm der Spaghettiheber das Mittel der Wahl.

12:21 – Der Soldat pustet wie ein Discobesucher bei der Polizeikontrolle – nichts. Vielleicht hätte ein guter Physikunterricht ihm geholfen. Vielleicht auch der Hinweis, dass die Eierschale dazu zweier Öffnungen bedarf.

12:32 – Janine H. (22) findet den Lebensgefährten leblos vor einer Palette Eier. Die gelernte Krankenschwester diagnostiziert eine Hirnembolie und ruft einen Notarztwagen.

12:44 – Passanten finden Theo Z. im Garten, Osterglocken im Anschlag, den Nudelgreifer in der Rechten, das Gesicht tief in den Mutterboden vergraben. Der Freizeitpflanzensetzer gurgelt Unverständliches. Offenbar war der Herzinfarkt schwerer als vermutet.

13:02 – Dietmar B. googelt ostern auferstehung armageddon tankstelle.

13:04 – Ohne jede Vorwarnung trägt Hinner T. eine Gruppe kindergroßer Hasenfiguren aus Hartplastik in den Garten und stellt diese auf den Rasen. Blanker Hass schlägt ihm entgegen.

13:11 – Sirenen ertönen von der verstopften Hauptstraße; kurz entschlossen eilt B. in die Garage, um sich mit den wichtigsten Utensilien für ein österliches Strafgericht auszustatten: ein Winterreifen sowie eine Lötlampe.

13:15 – Endlich biegt der Streifenwagen als Vorhut für die Rettungssanitäter in den Kiebitzredder ein. Die Beamten halten Ausschau nach der verunfallten Person.

13:16 – Polizeiobermeister Karsten S. (30) sichert das Gebiet mit der Schusswaffe. Janine H. attackiert Irene Z. (46) mit einer Injektionsspritze, während diese die Schwester mit einem Spickmesser in Schach hält. Verstärkung ist angefordert.

13:20 – In einem Fantasiekostüm für imaginäre Actionhelden – Stirnband, Muskelshirt, Gummistiefel, Gartenhandschuhe – betritt B. die Straße zum Showdown. Mit dem brennenden Reifen wird er den Ungläubigen zeigen, wie die Endlichkeit der Existenz zu verstehen ist. Wenn schon Apokalypse, dann nach seinen Spielregeln. Der Reifen sucht sich seinen Weg.

13:22 – Ottfried L. beschließt, den Rasen etwas zu kürzen. Der Benzinkanister steht bereits am Straßenrand, den Mäher wird er in wenigen Minuten die Kellertreppe hochgetragen haben.

13:23 – Einem Osterrad nicht unähnlich trudelt der qualmende Pneu den Kiebitzredder entlang. Mit einem heiseren Schrei rettet sich Karsten S. in die Fahrgastzelle des Dienstwagens.

13:24 – Wenige Sekunden später kollidiert der Reifen mit L.s Benzinkanister. Eine gewaltige Explosion reißt das Kautschukobjekt auseinander. Einzelne Bestandteile davon treffen Markus A. an überlebenswichtigen Körperstellen. Eine Diskussion, wen der zeitgleich eintreffende Notarzt zu versorgen hat, ist damit hinfällig. So endet der Ostersamstag in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihr trautes Heim für das Frühlingsfest schmücken wollten.





Schuldenschnitt

20 03 2013

„Still, Frau Merkel. Einfach mal die Klappe halten. Ganz still. Sonst kann ich die Spitzen hier nicht schneiden. Meine Güte, können Sie nicht einfach mal nichts tun? Das fällt Ihnen doch sonst auch nicht so schwer?

Softe Wellen, Frau Merkel. Ganz soft. Kommt vorne rein und dann hinten wieder raus. Wie die Energiewende. Aber eher die gepflegte Variante. Und dann schneiden wir den Pony da vorne etwas ab, sagen wir mal: fünf Prozent, und dann sieht die Sache gleich viel besser aus. Ach, keine fünf Prozent? Hätte ich mir denken können, Frau Merkel. Hätte ich mir denken können.

Ein anderer Style. Ganz anders. Sie hätten sagen müssen: die oberen zehn Prozent bleiben nicht ungeschoren, Sie haben gesagt: aus Solidarität erlauben wir den unteren neunzig Prozent, die Schulden des obersten Promilles zu begleichen. Das rächt sich.

Wir könnten hier oben natürlich auch etwas kürzen. Sie kennen sich ja damit aus, Frau Merkel. Allerdings kürzen Sie ja nie oben, Sie schneiden ja unten ab, damit es oben schneller nachwächst. Das sieht grauenhaft aus. Das mache ich nicht, auf gar keinen Fall. Nein! Suchen Sie sich doch einen anderen Coiffeur, wenn es Ihnen nicht passt!

Also was jetzt, ab oder nicht ab? Können Sie sich langsam mal entscheiden, Frau Merkel? Wie, beides? Das geht nicht. Hören Sie mal, wir sind nicht in der Politik. Da funktioniert das vielleicht – Sie holen sich einen von diesen südeuropäischen Marionettenregierungen, der tanzt an in Berlin und erzählt Ihnen, wie toll sich das Land entwickelt, mehr als fünfzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die Renten sind im Eimer und die Gehälter auch, die Wirtschaft verreckt gerade, aber sonst geht’s allen dufte, und weil sie gerade so schön am Sparen sind, dürfen sie noch mehr sparen, und weil’s ihnen damit so gut geht, dürfen sie als Belohnung unter den Rettungsschirm, den sie selbst bezahlen. Und daraus soll ich jetzt einen Haarschnitt machen. Obwohl Sie das selbst viel besser hinkriegen.

Das ist hier hinten etwas widerspenstig, Frau Merkel. Wie Ihre CDU. Schlechtes Management, manche stehen noch aufrecht. Meine Güte, ich kann es doch auch nicht ändern! Sind das meine Haare? Sie sind doch selbst verantwortlich für die Pflege! Was erwarten Sie von mir? Dass ich jeden Tag in der Bundestagsfraktion vorbeikomme und den Leuten den Kopf wasche?

Stillhalten. Ja, da ist ein Wirbel. Da muss ich jetzt ein bisschen frisieren. Sind Sie doch gewohnt, wenn der Schäuble auf Ihnen herumfrisiert, oder? Nehmen Sie’s locker, irgendwann ist er ja auch mal fertig mit dem Bundeshaushalt, da muss man sich halt an anderen Sachen abreagieren. Ach, hat er schon? Na, dann ist ja alles gut. Er hat Ihnen höchstpersönlich eine Frisur entworfen? Das ist ja interessant. Vermutlich ein Schuldenschnitt.

Sie sollten sowieso langsam mal sehen, dass Sie etwas gegen Ihr Doppelkinn unternehmen. Das kommt vom vielen Lügen, Frau Merkel. Den einen wächst die Nase, den anderen hängt das Kinn auf die Knie.

Expressive Farbverläufe gehen dies Jahr. Von Schwarz nach Rot haben Sie schon geschafft. Wir hätten da noch ein nettes Grün im Angebot. Aber bitte ohne Aufheller, Frau Merkel. Man kriegt das mit. Der Rösler hat’s probiert, und jetzt geht er gerade von Gelb nach Kackbraun. Lassen Sie das. Und nein, ich kann das nicht immer wieder überfärben, überfärben und überfärben. Irgendwann fällt’s nämlich auf. Arbeiten Sie gefälligst an Ihren Ausreden, Frau Merkel. Zwei Millionen können nur noch mit Hilfe von Armenspeisungen überleben. Die Leute haben ein Recht, einigermaßen gut belogen zu werden. Sonst werden sie vielleicht bald wütend. Ach ja, es sind zwei Millionen Deutsche, Frau Merkel. Hatte ich vergessen.

Wieso zittern Sie eigentlich, Frau Merkel? Weil Sie Bedingungen stellen? Warum eigentlich? Sie stellen Bedingungen für Zypern, um Geld aus dem Rettungsschirm zu bekommen, und Sie wissen genau: die deutschen Banken zittern mit Ihnen, weil die Kohle sofort nach Deutschland zurückfließt? Sie spielen also, genau genommen, mit den deutschen Banken, oder noch genauer: sie lassen deutsche Investoren Männchen machen? Damit die Spareinlagen, von denen Sie erzählt haben, dass sie sicher seien, nicht plötzlich ganz sicher futsch sind? Ja, da würde ich auch zittern, Frau Merkel. Da würde ich auch zittern.

Wir hatten das schon mal. Deutschland hatte sich da auch gerade mit ein paar Nachbarn wiedervereinigt, wenn Sie sich erinnern. Österreich war dabei. Es gab die, die freiwillig mitmachten, und die, denen wir es zeigen mussten, Frau Merkel. Sie haben offensichtlich kein Problem damit, den Zyprioten ihr Glück aufzuzwingen. Ihr Glück, Frau Merkel.

Ach, Sie möchten mit Ihrem neuen Schnitt auf die Titelseiten? Werden Sie, Frau Merkel. Werden Sie. Darauf können Sie sich verlassen.“








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