Wahlverwandtschaften

19 05 2013

Nelken welken wie die Rosen,
morsch wird alles mit der Zeit.
Du brauchst ein Paar neue Hosen,
unten offen, oben weit.
Doch wo sind sie weit geschnitten?
Schenkel, Hüften, Knie, Gesäß
haben schon genug gelitten.
Also kaufst Du demgemäß.
Du bekommst in allen Stoffen
Farben, Formen, die zu hoffen
Dir den Leib erquicklich macht,
auch wenn’s hinten trotzdem kracht.
Alles, wo Du gar nicht wusstest,
was Du wolltest, konntest, musstest,
ob Du’s weißt, ist auch egal:
jetzt hast Du die Wahl.

Heute wird es etwas später,
nur noch stracks zum Kaffeemann,
Schlange: gute dreizehn Meter.
Trotzdem stehst Du tapfer an.
Milch und Zucker, Sojalatte,
Nuss und Sirup, Sahne, Eis,
damals, denkst Du, einzig hatte
man die Auswahl: Schwarz und Weiß.
Heute musst Du taktisch denken.
Lieg im Trend bei den Getränken,
sei geschmacklich Mann von Welt,
der den richt’gen Becher hält.
Alles, wo Du gar nicht wusstest,
was Du wolltest, konntest, musstest,
ob Du’s weißt, ist auch egal:
jetzt hast Du die Wahl.

Wochenlanges Rumgebettel,
Kanzelreden, jeder scheut’s.
Nun stehst Du vor Deinem Zettel.
Wohin aber mit dem Kreuz?
Rote? Schwarze? Gelbgestreifte?
Stimme eins? und Stimme zwei?
Grüne? oder Ausgereifte?
Ist doch alles einerlei.
Alle schmeißen Geld nach oben,
werden stets einander loben,
führen Dich am Nasenring,
dass es ihnen Stimmen bring.
Alles, wo Du gar nicht wusstest,
was Du wolltest, konntest, musstest,
ob Du’s weißt, ist auch egal.
Du hast keine Wahl.





Parademarsch

15 05 2013

„Das geht gar nicht. Das ist unmöglich!“ „Was stört Sie denn an dem Vorschlag?“ „Können Sie sich das vorstellen? Deutschland ohne Armee?“ „Wieso, bis jetzt hatten wir doch auch bloß die Bundeswehr.“

„Jetzt bleiben Sie doch mal realistisch, man kann die Bundeswehr nicht einfach so abschaffen.“ „Hat auch keiner gefordert.“ „Das Ende der Wehrpflicht war doch schon ein Schritt in diese Richtung.“ „Wäre Ihnen eine Privatisierung mit zurückgeleasten Panzern lieber gewesen?“ „Groß ist der Unterschied jedenfalls nicht mehr.“ „Seien Sie doch froh, keiner braucht heute mehr eine Armee für Angriffskriege.“ „Die Bundeswehr war sowieso immer eine Armee zur Verteidigung.“ „Für Rohstoffe.“ „Was unterstellen Sie denen?“ „Der Bundeswehr? Nichts, die handeln doch sowieso nur auf Befehl.“

„Jetzt stellen Sie sich mal so eine Zivilarmee vor – scheußlich! Allein der Gedanke daran!“ „Was stört Sie denn nun wirklich?“ „Stellen Sie sich das doch mal vor, keine Uniformen mehr.“ „Wer hat denn gesagt, dass wir die Uniformen abschaffen?“ „Ach, ich dachte, wenn die nicht mehr…“ „Dann können die doch weiter Uniform tragen. Wird doch preiswerter, wenn alle dieselbe Dienstkleidung anhaben. Außerdem findet man sie dann schneller.“ „Und was machen die dann?“ „Was Soldaten eben machen. Auf fremde Leute schießen, Vaterland verteidigen, so Sachen halt.“ „Wie soll das denn gehen? Sie wollen doch die alle zurückholen aus Afghanistan, und für die anderen Einsätze möchten Sie doch auch nicht, dass da noch einer ausrückt.“ „Ja und? Das lässt sich heute doch alles viel flexibler gestalten. Sagt doch unser Minister auch.“ „Was sagt de Maizière?“ „Dass die Zukunft der Truppe in den nicht bemannten Flugkörpern liegt.“ „Die Bundeswehr wird eine Drohnenarmee?“ „Nein, das wäre zu wenig. Aber die Dinger helfen uns, endlich wieder ein attraktiver Arbeitgeber zu werden.“

„Wie stellen Sie sich das vor? Dienst an der Waffe ist jetzt Dienst am Schreibtisch? Wird der Krieg jetzt nur noch in der Kaserne geführt?“ „Keineswegs.“ „Gut, dann bin ich ja beruhigt, ich hatte schon gefürchtet, dass…“ „Die Steuerung lässt sich inzwischen viel leichter übers Internet erledigen.“ „Wie bitte!?“ „Sie haben richtig gehört. Wir verlegen die Arbeitsplätze kostengünstig zu den Truppenangehörigen.“ „Was ist denn das für eine bescheuerte Idee?“ „Homeoffice Security, wenn Sie so wollen.“ „Wer hat sich diesen Mist ausgedacht?“ „Jetzt regen Sie sich doch nicht künstlich auf, das ist in jeder Hinsicht eine der besten Entwicklungen für die Bundeswehr.“ „Weil Sie jetzt Ballerspiele statt einer vernünftigen Verteidigungsarmee in die internationalen Konflikte schicken.“ „Unsinn. Außerdem erhöhen wir mit Heimarbeit die Frauenquote. Das schaffen die DAX-Konzerne nie in dem Tempo.“ „Was reden Sie da überhaupt? Machen Sie sich etwa über unsere tapferen Soldaten in den Krisengebieten lustig!?“ „Jetzt nässen Sie sich mal nicht ein.“ „Ich verbitte mir das, Sie Vaterlandsverräter!“ „Aber sonst alles in Ordnung, Alterchen? Das machen wir doch, um Deutschlands Wehrkraft aufrechtzuerhalten.“ „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ „Als führende Exportnation können wir es uns nicht leisten, Schwäche zu zeigen. Arbeitsplätze! De Maizière denkt eben noch an die Schleckerfrauen, die von der Leyen nicht in die Kitas geröslert kriegt.“

„Sie wollen mir jetzt also weismachen, dass die Truppe künftig aus Fernlenkerbataillonen besteht.“ „Ach wo, so ein bisschen Luftwaffe müssen wir ja auch noch machen.“ „Falls die Bundeskanzlerin auf Staatsbesuch ist?“ „In erster Linie, damit Westerwelles Geschäftsfreunde nicht auf eigene Kosten zur Arbeit fliegen müssen. Aber das läuft so nebenher. Wie die protokollarischen Aufgaben. Und was halten Sie eigentlich von einer Palastwache?“ „Sie meinen Bundeswehrsoldaten, die vor dem Reichstag im Stechschritt marschieren? Das ist echt widerwärtig, wir sind hier nicht in Nordkorea!“ „Haben Sie noch alle Latten am Zaun? Natürlich als Ehrenformation vor Schloss Bellevue.“

„Und sonst?“ „Parademarsch.“ „Wollen Sie die Truppe jetzt zur Eventagentur degradieren?“ „Wer sagt denn das? Schließlich haben wir immer noch das Musikkorps.“ „Sie wollen, dass sie die ganze Zeit Blasmusik spielen? Das hält man ja im Kopf nicht aus!“ „Jetzt machen Sie mal nicht so eine Welle, das erhöht schließlich die allgemeine Akzeptanz bei der Bevölkerung.“ „Sie meinen, ab sofort marschiert die Bundeswehr den ganzen Tag lang durch die Republik und spielt flotte Weisen?“ „Warum nicht?“ „Entschuldigung, aber das ist ja vollkommen bescheuert!“ „Was stört Sie denn daran? Auf die Art sehen die Leute wenigstens mal den Wehretat bei der Arbeit. Mit den Flugobjekten, die die Regierung sonst von den Amis kauft, klappt das ja nicht immer so reibungslos.“ „Soll das eine reine PR-Maßnahme werden?“ „Was hatten Sie denn gedacht? Akustische Kriegführung?“ „Hören Sie mit den blöden Scherzen auf, ich frage mich nur gerade, was das mit den Kernaufgaben einer Armee zu tun haben soll.“ „Repräsentation. Und damit es ab und zu etwas nach Schießpulver riecht, dürfen sie Smoke on the Water tröten, wenn die Kanzlerin mal wieder uneingeschränktes Vertrauen in einen unwissenschaftlichen Mitarbeiter gehabt hat.“ „Und wie soll das Ganze heißen?“ „Na wie wohl. Pipes and Drones.“

„Das kriegen Sie nie durch.“ „Meinen Sie?“ „Niemals kriegen Sie das durch.“ „Ach, da wäre ich mir mal nicht zu sicher. Wir haben da schon einen guten Plan.“ „Sie wollen es der Regierung als alternativlos verkaufen oder als Sparplan oder als, hier, Dings – Aufschwung?“ „Ach was, viel besser. Wir sagen ihnen einfach, ab jetzt macht die Bundeswehr routinemäßig Einsätze im Innern.“





Leben am Limit

14 05 2013

„… sich der SPD-Vorsitzende Gabriel für ein generelles Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf Bundesautobahnen ausgesprochen. Er erhoffe sich dadurch eine Versachlichung der Debatte um den…“

„… bereits sehr schwierig, da Gabriel den Kanzlerkandidaten auf 180 gebracht habe, so dass eine gemeinsame Lösung…“

„… müsste nach Ramsauers Ansicht erst der Zustand der Straßen und Brücken verbessert werden. Danach könne man andere Unfallursachen beseitigen, jedoch erst ab…“

„… ablehnende Haltung der FDP. Geschwindigkeitsbeschränkungen führten, wie man an Österreich, Italien und Finnland sehen könnte, direkt in eine stalinistische…“

„… sei eine Debatte um das Tempolimit zwar grundsätzlich eine richtige Idee, Gabriel werde sich aber nicht durchsetzen können, dadurch die Agenda 2010 ganz aus dem Wahlkampf heraushalten zu…“

„… ob Gabriel sich möglicherweise nur falsch ausgedrückt habe. Es sei nicht auszuschließen, dass er eine Entschleunigung für Lohnerhöhungen…“

„… sehe der ADAC keine höheren Unfallzahlen in anderen EU-Ländern, die bereits über eine Tempobegrenzung verfügten. Im Umkehrschluss werde nach Expertise des Autoclubs ein Limit zu sprunghaft ansteigenden…“

„… könne ein Tempolimit auch wichtige gesellschaftliche Diskussionen anstoßen, beispielsweise die Verlagerung des Hochgeschwindigkeitsverkehrs auf Busse und…“

„… habe Gabriel auch deshalb den Vorschlag gemacht, um das bürgernahe Profil des Kandidaten Steinrück nachhaltiger in der Öffentlichkeit…“

„… sei die SPD auch für die Autoindustrie ein jederzeit zuverlässiger Partner, der auf keinen Fall gegen die Interessen der Werktätigen…“

„… dass unter dem aktuellen Spardiktat ohnehin nur deutsche Autos exportiert würden, die eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h…“

„… dass Gabriel eventuell eine unglückliche Wortwahl benutzt habe. Es sei denkbar, dass er eine verstärkte Schuldenbremse…“

„… habe Sarrazin anhand einer privaten Genanalyse herausgefunden, dass der Führer die Autobahnen für Spitzengeschwindigkeiten von…“

„… dass ein Tempolimit nur dann sinnvoll sei, wenn durch zusätzliche Kontrollen ein Mehr an Bußgeldern den Haushalt…“

„… betone Steinbrück außerdem, unter seiner Kanzlerschaft werde auch die untere Mittelschicht ungehindert mit ihren Ferraris auf den…“

„… habe die Leitung der Kampagne bestätigt, neben einer Designprofessorin und einem demnächst nicht mehr zur Gewerkschaft gehörenden Gewerkschafter gebe es keinen kompetenten Ansprechpartner im Kompetenzteam, der für den deutschen Straßenverkehr…“

„… da die deutschen Autos bereits jetzt die sichersten der Welt seien. Die AfD fordere daher den schrittweisen Ausstieg aller ausländischen Autobauer aus dem deutschen Straßenverkehr, um die Kosten nicht einseitig auf den Staat…“

„… sich die SPD spontan entschlossen habe, den ungeliebten Slogan Das Wir entscheidet durch die Formulierung Leben am Limit zu…“

„… gebe es bereits die ersten Gespräche zwischen SPD und Deutscher Telekom AG, ob eine gemeinsame nationale Drosselung nicht als…“

„… habe Gabriel ursprünglich vorgehabt, den deutschen Verkehrsablauf zu verbessern, damit alle Arbeitssuchenden morgens noch schneller bei den JobCentern…“

„… nach Berechnungen des ADAC zu einer längeren Straßenverweildauer führen, die zwangsläufig zur Einführung und der gleichzeitigen Erhöhung der Autobahnmaut…“

„… empfehle Steinbrück, das Tempolimit durch die Anpassung der Richtgeschwindigkeit auf 200 km/h zu ersetzen. Durch den beschleunigten Fließverkehr verteile sich die Schadstoffbelastung erheblich schneller als…“

„… in den Landesverbänden bereits positiv aufgenommen worden. So werde der Hauptstadtflughafen bereits mit verminderter Geschwindigkeit…“

„… würde ein Tempolimit keine positiven Effekte aussenden. Man sehe bereits am Reformstau, je schneller sich eine Gesellschaft fortbewege, desto weniger beschäftige sie sich mit den Konsequenzen des…“

„… habe Grube empfohlen, das Problem eher strukturell zu lösen. Schon der Einbau einer Klimaanlage in alle deutschen Autos könne in den Sommermonaten zu erheblichen Verzögerungen…“

„… verteile sich durch Vollgas auch der Verkehrslärm, was in den Innenstädten noch immer nicht befriedigend gelöst…“

„… sorge ein Tempolimit zwar für mehr Sicherheit m Straßenverkehr, gleichzeitig aber für einen Arbeitsplatzabbau in der Sicherheitsbranche, die nicht mehr genügend…“

„… die Zahl der Unfalltoten ohnehin rückläufig seien. Gerade im Hinblick auf das deutsche Bestattungswesen wolle die Sozialdemokratie eine nachhaltige…“

„… drohe ein Teil der Sportwagenfahrer zum Rasen ins Ausland zu fahren, was erhebliche Mindereinnahmen an Mineralölsteuern…“

„… dass Gabriel beim Zurückrudern eine Geschwindigkeitsüberschreitung…“





Gottvertrauen

13 05 2013

„Warum wir Sie dafür ausgesucht haben? Sie seien schließlich der Innenminister? Das ist es ja auch. Religion wird in diesem Land immer noch als Teil der Kultur verstanden, und Sie sind schließlich der Innenminister. Warum wir diese Konferenz einberufen haben? Was weiß ich, mit wem sollen wir denn übers Christentum in Deutschland reden? Etwa mit den Gemeinden?

Vergessen Sie das mal ganz schnell wieder. Man redet über eine Religion, aber doch nicht mit deren Angehörigen. Wäre ja noch schöner. Was haben Sie eigentlich bisher gemacht? Den Sicherheitsbeamten beim Regieren zugesehen?

Das mit der Gleichstellung macht doch auch erst Spaß, wenn man es konsequent zu Ende führt. Wir brauchen diese Christentumskonferenz einfach. Und kommen Sie mir nicht mit Kirchentag – das ist eine selbst organisierte Veranstaltung religiöser Gruppen, die da nichts anderes predigen als ihre eigene Weltanschauung, das können wir nicht als Ersatz anerkennen. Politiker? Die Bundeskanzlerin? Ich bitte Sie, die schiebt doch ihre Tränensäcke bei jedem Schützenfest vorbei, das sie nicht rechtzeitig ausgeladen kriegt. Das ist kein Argument. Sie sind im Besitz der deutschen Leitkultur? Lassen Sie sich nicht in der Öffentlichkeit mit solchen Aussagen erwischen. Wie schnell wird man als Terrorist gehandelt.

Sie haben da doch diese Datei, in der alle drin sind, denen man bisher noch keine Straftaten nachweisen konnte, die Sie aber trotzdem für ganz gefährlich halten, weil Sie nicht wissen, warum? Und Sie wollten schon immer mal Gefährder in religiösen Netzwerken suchen? Das wäre jetzt Ihre Gelegenheit. Dann müssen wird endlich nicht mehr zusehen, wie die erzbischöflichen Ordinariate ihre pädophilen Angestellten von Diözese zu Diözese schieben. Und falls da einer Probleme mit dem Steuerrecht bekommt, können Sie auch ermitteln. Schnell und unbürokratisch.

Es geht uns wie gesagt um Integration. Man muss ja in dieser Gesellschaft alle Randgruppen mitnehmen, auch wenn es schwerfällt. Sehen Sie, die SPD hat das mit Sarrazin auch geschafft, da werden wir doch das Christentum irgendwie in der Gesellschaft verankert bekommen, oder? Sie haben da etwas nicht richtig verstanden. Das Christentum in der Gesellschaft. Nicht andersherum.

Natürlich haben wir uns genau ausgesucht, wen wir da einladen, Herr Innenminister. Wir wollen da Maßstäbe für die Integration setzen. So ähnlich wie Sie. Deshalb haben wir sämtliche Randgruppen eingeladen, Kreationisten, Antimodernisten, ein paar Piusbrüder, die Glaubenskongregation – das hieß mal Inquisition, aber was da auf dem Türschild steht, ist uns wurst – und die guten alten Exorzisten. Wir wollen ja durchaus integrieren, und das macht man nun mal am besten mit denen, bei denen man weiß, dass sie es bitter nötig haben. Wollen Sie mit einem lutherischen Dorfpastor über die Trennung von Staat und Kirche diskutieren? Na also. Außerdem sieht es im Fernsehen viel schöner aus, wenn da irgendwelche Knalltüten sich anschreien, wer mit wem wo Oblaten essen darf, ohne aus dem Verein rauszufliegen.

Nein, natürlich wollen wir Sie nicht auf ein paar katholische Hassseiten reduzieren oder auf diese Wirrköpfe, die regelmäßig fundamentalistische Protestmärsche machen, weil ihnen der Gesetzgeber ein Dorn im Auge ist. Das ist sicher auch nur eine verschwindend geringe Minderheit, die nicht in Ihrem Namen spricht. Die haben mit der religiösen Botschaft des Christentums nichts zu tun, sie instrumentalisieren eine nicht von der Mehrheit der Gläubigen getragene Anschauung für allgemein demokratiefeindliche Ziele und verüben regelmäßig Straftaten gegen ihre eigenen Leute – das ist nicht das Christentum, das wissen wir doch. Aber wir verfahren halt so, wie Sie das vorgemacht haben, wir schieben Ihnen die Schuld dafür in die Schuhe. Wenn das im Namen der christlichen Religion passiert, machen wir nicht die christliche Religion dafür verantwortlich, das wäre gegen die religiöse Toleranz; wir machen nur die dafür verantwortlich, die sich ebenfalls zum Christentum bekennen. Hilft nichts? Ja, kann sein. Ist aber immer so mit der Sicherheitspolitik. Wenn nicht mehr als doppelt so viel kaputtgeht wie vorher befürchtet, dann war es ein Erfolg.

Es geht nicht nur um den Religionsunterricht. In erster Linie geht es uns darum, dass Sie Ihre Finger aus den anderen Ausbildungsinhalten raushalten. Sie können ja gerne an die Arche Noah glauben und an diesen ganzen Krempel, aber lassen Sie uns Geschichte und Erdkunde ohne göttlichen Heilsplan unterrichten. Wir lassen Ihnen das Gottvertrauen. Sie lassen den Bürgern ihr Vertrauen in den Staat.

Doch, da haben Sie recht. Integration ist keine Einbahnstraße. Da muss von beiden Seiten etwas passieren. Sehr nett hat das ja damals dieser Herr Ratzinger gemacht. Und seine deutschen Bischöfe haben da auch ganz hübsch sekundiert, als sie behauptet haben, es könne ohne Christentum gar keine funktionsfähige Moral in diesem Staat geben. Das hätte man vielleicht ein bisschen weniger deutlich formulieren können, aber wir haben es kapiert. Integration ist keine Einbahnstraße. Das ist eine Sackgasse, in der man noch mal so richtig Gas gibt.

Sie mögen nicht? Schade. Wir haben alles versucht, Herr Innenminister. Vielleicht überdenken Sie unser Angebot, wenn wir demnächst die Parteien unter die Lupe nehmen.“





Wahrsager

8 05 2013

„Wie, Wahrsager? Ausgerechnet Sie?“ „Warum denn nicht?“ „Sie sind doch Sozialdemokrat.“ „Bin ich gar nicht.“ „Wieso?“ „Ich bin schließlich in der SPD.“ „Meinetwegen, aber deshalb sind Sie noch lange kein Wahrsager.“ „Doch. Wir sagen ab jetzt einfach die Wahrheit.“

„Entschuldigen Sie mal, das ist doch…“ „Richtig, das ist unsere Lebensversicherung.“ „… völliger Unfug, wollte ich sagen.“ „Nein, das ist der einzige Ausweg.“ „Sie können doch nicht einfach die Wahrheit sagen.“ „Wer hindert uns denn?“ „Nicht wer, sondern was. Die Wahl.“ „Warum die Wahl?“ „Weil man vor einer Wahl immer lügt. Das ist so, das gehört eben dazu.“ „Und deshalb wählt man die, die am besten lügen?“ „Nein, aber…“ „Also Sie wissen es auch nicht.“ „Da muss doch etwas dran sein, dass alle vor der Wahl immer diese haltlosen Versprechungen machen und dem Volk erzählen, dass es schon nicht so schlimm wird mit der Mehrwertsteuer.“ „Und deshalb machen wir das jetzt auch, was?“

„Jetzt wüsste ich aber schon mal gerne, warum Sie denn unbedingt den Wählern reinen Wein einschenken wollen. Das bringt Ihnen doch nur miese Umfragewerte ein.“ „Sie sind ja mal ein ganz kluges Köpfchen.“ „Und wenn Sie sich nicht vorsehen, dann hat die SPD überhaupt keine Chance mehr.“ „Donnerwetter.“ „Und dann war’s das mit dem Wahlsieg.“ „Was Sie nicht sagen.“ „Nehmen Sie mich überhaupt ernst?“ „Nehmen Sie mich denn ernst?“ „Warum denn nicht?“ „Weil Sie sich ganz schön naiv anstellen.“ „Aber Sie werden die Wahl wirklich verlieren, wenn…“ „Warum, denken Sie, haben wir Steinbrück zum Kandidaten gemacht?“

„Das muss ich jetzt aber echt erstmal verkraften. Sie meinen, Sie arbeiten dem politischen Gegner bewusst in die Hände?“ „Richtig.“ „Haben Sie denn überhaupt keine Moral mehr? Keinen Anstand?“ „Wir haben vor allem Überlebenswillen. Und ich sehe nicht ein, dass wir die Krise beseitigen, die die anderen uns eingebrockt haben.“ „Sie wollen die Wahl verlieren, damit Sie nichts ändern müssen?“ „Naja, genau genommen, weil wir auch nichts ändern können.“ „Aber dann werden die…“ „Vergessen Sie’s. Die können auch nichts. Die geben es nur nicht zu.“ „Das heißt, die wollen doch etwas ändern?“ „Nein.“ „Oder sie denken, dass sie etwas ändern können?“ „Quatsch.“ „Aber was ist denn dann der Unterschied?“ „Die werden erst nach der Wahl zugeben, dass sie sich das ganz anders vorgestellt haben. Oder wenn sie Glück haben, merken die Leute das von alleine. Oder aber auch gar nicht.“

„Sie haben Steinbrück als Kanzlerkandidaten genommen, damit er verliert.“ „Er macht seine Sache großartig.“ „Und er weiß von seinem Auftrag?“ „Keine Ahnung. Ich habe keinen Überblick, ob der Mann wirklich so naiv ist, wie er sich überlegen gibt.“ „Ist das nicht unehrlich?“ „Mag sein.“

„Das mit den Steuererhöhungen…“ „Ja, ich weiß. Das war dumm.“ „Aber Sie haben doch gesagt, Sie wollen gar nicht regieren?“ „Eben.“ „Aber wenn Sie das mit den Grünen abgesprochen haben?“ „Eben nicht, das ist es doch.“ „Dann freuen Sie sich doch. So eine Vorlage, das ist doch wundervoll.“ „Wofür?“ „Naja, es zeigt doch, dass Sie sich mit Ihrem potenziellen Koalitionspartner wirklich bestens…“ „Ach papperlapapp! Das ist doch die Katastrophe!“ „Aber…“ „Erst setzen die mit den Steuererhöhungen einen Wirkungstreffer, und dann bekennen sie sich auch noch derart demonstrativ zur SPD als Koalitionspartner!“ „Ja, aber das…“ „Das ist ein Desaster!“ „… ist doch gar nicht so schlimm?“ „Nicht schlimm!? Das ist die Definition von Weltuntergang! Was meinen Sie, wie die Wähler darauf reagiert haben?“ „Außer sich?“ „Schön wär’s. Die Grünen haben in den Umfragen sogar noch zugelegt.“ „Freuen Sie sich doch.“ „Mann, haben Sie noch alle Tassen im Schrank!? Freuen, weil wir möglicherweise doch regieren müssen, wenn diese verdammten Grünen Rot-Grün nicht verhindern?“ „Aber die bekennen sich doch wenigstens zu Rot-Grün.“ „Verdammt noch mal, das ist es doch gerade!“ „Wieso, was…“ „Wenn diese Idioten vielleicht wieder herumeiern würden, wenn sie irgendwann mal versehentlich sagen, dass sie sich als Juniorpartner der CDU auch nicht aus der Verantwortung stehlen würden, falls es gerade rechnerisch hinhaut und man der FDP damit einen Arschtritt verpassen könnte, meine Güte: das wäre wenigstens mal ein Knaller, aber so?“ „Sie wollen doch wohl nicht die Grünen dafür verantwortlich machen, wenn es mit dem Wahlsieg etwas wird?“ „Was denn sonst? Wenn die Wähler jetzt wie blöde für Steuererhöhungen stimmen und wir am Ende nicht anders können, als die Steuersenkungen der Regierung zu verteufeln, dann ist es doch Essig mit Opposition!“ „Ich dachte immer, Opposition sei Mist?“ „Stimmt ja auch, aber Regierung ist doch noch viel beschissener.“

„Und dann treten Sie 2017 wieder an.“ „Hoffen wir’s.“ „Und dann ist natürlich alles viel besser.“ „Jedenfalls ist Merkel dann endgültig weg vom Fenster.“ „Meinen Sie?“ „Und dann können wir endlich mal eine ganz neue Richtung für die Euro-Rettung einschlagen. Dann wird sich unsere jetzige kluge Zurückhaltung nämlich auszahlen.“ „Sie meinen Ihre sachzwanginduzierte Ehrlichkeit.“ „Eben. Denn nach allen Erkenntnissen wird dann die Krise keineswegs vorüber sein.“ „Also wissen Sie…“ „Was?“ „Dazu braucht man nun wirklich kein Wahrsager zu sein.“





Wechselkurs

7 05 2013

„… habe von der Leyen bestritten, nach der Wahl das Amt der Bundeskanzlerin…“

„… nicht bekannt, dass ein Wechsel im Präsidium der CDU anstehe. Kauder wisse zwar nicht, wer die Partei weiterhin leite, sei jedoch bereits jetzt ein treu ergebener…“

„… dass jede Generation ihren eigenen Kanzler habe. Kohl wolle deshalb umgehend aus der Union…“

„… habe von der Leyen mehr als einmal die Öffentlichkeit wie auch das Parlament belogen, vorsätzlich die Verfassung gebrochen und den Wähler betrogen. Sie sei deshalb hervorragend geeignet, als…“

„… fordere Erika Steinbach präventiv den Rücktritt der noch nicht gewählten…“

„… habe Pofalla alle CDU-Mitglieder, die Merkel nicht bis in den Tod zu folgen bereit seien, zur sofortigen Abgabe ihrer…“

„… wisse BILD aus absolut sicherer Quelle, dass von der Leyen innerhalb der nächsten Legislaturperiode als Kanzlerin vorgesehen sei. Sie selbst habe es nur noch nicht…“

„… keine Zeit, sich mit der Frage einer Kanzlerkandidatur zu befassen. Die anstehende Kürzung der Sozialleistungen beanspruche mehr als die Hälfte des…“

„… dass Schröder von keinem gefragt worden sei. Sie habe zwar eine Pressekonferenz organisiert, um mitzuteilen, dass sie nicht Bundeskanzlerin werden wolle, es sei allerdings keiner…“

„… schon zeitlich nicht zu schaffen, da die Arbeitsministerin zuvor für blühende Landschaften in…“

„… zu einem Konflikt komme. Von der Leyen könne nicht mehr als Simultanteilnehmerin in mehreren Fernsehtalkshows erscheinen, weshalb sie sich auch gegen eine Kanzlerkandidatur…“

„… habe Gröhe dementiert, dass der Springer-Konzern die vorzeitige Ablösung der Bundeskanzlerin beauftragt hätte. Der CDU-Generalsekretär bekräftige, dies sei üblicherweise nur für Staatssekretäre oder Minister…“

„… werde sie sich nicht um das Amt der Bundeskanzlerin bewerben, da doch einer an die Kinder…“

„… möglicherweise nur deshalb gegen die Fraktion gearbeitet habe, da von der Leyen entsprechend ihrer fachlichen Qualifikation nur eine Chance besäße, über die Frauenquote in das…“

„… allerdings nicht bewiesen, dass der stern bereits die Merkel-Tagebücher für eine Serie…“

„… alternativ nochmals für den Posten als Bundespräsidentin vorzuschlagen. Da sie nach wie vor keinerlei Qualifikationen besitze, sei sie bestens dafür…“

„… sei ein Wechsel von der Leyens ins Führungsamt schon deshalb unwahrscheinlich, da sie dann die Konsequenzen ihrer verfehlten Rentenpolitik als Regierungschefin nicht der Amtsvorläuferin in die Schuhe…“

„… nicht zu Debatte stehe. Seehofer sei es vollkommen egal, wer unter ihm als Kanzlerin…“

„… nach Insiderinformationen zuvor ein Betreuungsgeld für Besserverdienende…“

„… lehne Roth eine schwarz-grüne Koalition unter dieser Prämisse entschieden ab. Sollte sich die CDU nicht verpflichten, Merkel für volle vier Jahre als Kanzlerin im Amt zu belassen, werden man sich weiterhin für die SPD…“

„… habe von der Leyen anlässlich der Eröffnung der Fachtagung baden-württembergischer Dachbeschichtungsunternehmen verkündet, sie stehe als Kanzlerin nicht vor 2017…“

„… liege ein Dementi noch nicht vor. Der Vatikan habe jedoch bereits im Vorfeld wenig Interesse an einer Päpstin…“

„… auf der Abschlusskundgebung des diesjährigen Pudelwettrennens nochmals hervorgehoben habe, dass sie weitestgehend nicht als Bundeskanzlerin…“

„… sei auch Gabriel nicht geneigt, als Kanzler gemeinsam mit der CDU unter…“

„… ob die Sozialministerin dies als ihren eigenen Armutsbericht…“

„… habe Schäuble für Notfälle einen Umschlag in seinen Schreibtisch…“

„… sei die Frauenquote überflüssig. Von der Leyens für 2021 angekündigter Wechsel in den Vorstand beweise, dass die DAX-Konzerne auch ohne eine gesetzliche Regelung…“

„… werde Steinmeier einer großen Koalition unter von der Leyen nur dann zustimmen, wenn er wieder Vizekanzler und…“

„… bis 2017 geplant. Danach, so von der Leyen, sei bisher mit ihr noch keine genaue Nachfolgeregelung…“

„… und danke Merkel ihrer langjährigen Weggefährtin für deren politische Arbeit. Sie habe uneingeschränktes Vertrauen in…“





Links liberal

6 05 2013

„Doch, das haben Sie schon richtig verstanden. Die FDP ist jetzt liberal. Also nicht so liberal wie sonst immer liberal, aber jetzt sind wir liberal. Richtig so liberal. Und sozial eingestellt.

Wir sind jetzt total demokratisch. Und liberal. Haben Sie das mitgekriegt auf unserem Parteitag? Eben. Und jetzt sind wir auch mitfühlend. Die FDP ist sozial. Total neu, nicht wahr? Ja, wir haben uns auch noch nicht so richtig daran gewöhnt. Aber das wird schon. Irgendwas fällt einem ja immer ein.

Na, jetzt überlegen Sie doch mal. Wirklich, das ist doch nicht so schwer, oder? Oder? Was ist denn jetzt der Unterschied zwischen Mindestlöhnen und einer Lohnuntergrenze? Na? Na!? Ja, wissen Sie das nicht? Wieso fragen Sie das mich, woher soll ich – die konnten Ihnen das auch nicht erklären? Ja, das ist eben so: ein Mindestlohn, das ist ein… ein Mindestlohn ist das, ist das eben, weil das ja klar ist, dass das – wie? Und eine Lohnuntergrenze ist eben kein Mindestlohn. Weil das ja sonst auch Mindestlohn heißen würde und nicht Lohnuntergrenze. Ist doch logisch. Ja meine Güte, jetzt machen Sie doch wegen dieser vier Euro nicht so einen Aufstand. Die sind uns doch sowieso egal.

Eben, wir haben das vor der Bundestagswahl klar und deutlich gesagt. Steuern senken. Einfach Steuern senken, dann wir alles besser. Wir sind ja deshalb jetzt auch gegen Steuersenkungen, weil so gut soll es dem Volk auch wieder nicht gehen, sehen Sie – man lernt aus seinen Fehlern, und das ist ja nie verkehrt.

Weil wir uns auf eine völlig neue Strategie geeinigt haben. Bisher haben wir viel versprochen, und das haben wir dann nicht gehalten. Ach was, kommen Sie mir jetzt nicht mit Moral, das hat doch nichts mit Moral zu tun. Seit wann hat die FDP etwas mit – wir haben nur gemerkt, dass der größte Teil der deutschen Gesellschaft eben noch nicht bereit ist für diese Art von Politik. Bis dahin muss man die Minderbemittelten eben so behandeln, wie sie es wollen. Man muss ihnen einfach gar nichts mehr versprechen. Oder nur noch solche Sachen, bei denen klar ist, dass sie nicht zu halten sind. Also bei denen uns klar ist, dass sie –

Man darf doch den Leuten auch nicht auf einmal zu viel Freiheit zumuten. Die kommen sonst auf komische Ideen. Freiheit, das ist ein hohes Gut. Wie Demokratie beispielsweise. Das darf man nicht jedem in die Hand geben.

Ich meine, wir sind doch schon eine geradezu mildtätige Vereinigung. Gucken Sie sich mal an, was der Niebel für die Nation getan hat. Mehr als drei Dutzend Parteigenossen, keine Chance mehr auf dem zweiten Arbeitsmarkt, nicht mal Vorstrafen hatten die, sonst hätte man sie als Ehrenvorsitzende – also gescheiterte Existenzen. Da muss man doch etwas tun können, oder? Das ist mitfühlender Liberalismus, verstehen Sie, wir kümmern uns um die Mitmenschen, von denen wir genau wissen, ein volkswirtschaftlicher Nutzen ist von denen nicht mehr zu erwarten. Denen muss man doch eine Heimstatt geben. Sonst werden die eines Tages noch kriminell.

Wir sind beispielsweise für die schönen Dinge im Leben. Wir wollen, dass Sie wieder überall rauchen dürfen. Gut, nicht als Arbeitsloser. Oder hier, Spritpreisbremse. Ganz großartige Idee von unserem Vorsitzenden. Ganz großartige Idee. Wurde zwar nichts, weil die Industrie keine Lust hatte, und dann haben wir das auch nicht weiter verfolgt, weil wir können ja als Politik auch nur das machen, wo die Wirtschaft Rahmenbedingungen setzt, aber das war in diesem Fall auch gar nicht so schlimm, weil das wurde ja sowieso dann nichts. Aber die Idee war gut.

Das mit dem Liberalen, das machen wir wie mit der sozialen Einstellung. Wenn es niemanden stört, dann setzen wir das irgendwie durch. Vor allem parteiintern. Da sind wir total unentschlossen, unerschrocken, wollte ich sagen, unerschrocken, das wird ganz schnell unsere politische Leitlinie, wenn uns gerade mal nichts Besseres einfällt.

Nein, wir müssen uns ja auch ab und an mal mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Steuerbetrug als Straftatbestand abschaffen, das wäre zu schön. Kriegt man in dieser Gesellschaft einfach nicht verargumentiert. Da müssen wir wohl eher einen Vorstoß für mehr bürgerliche Freiheit wagen: mehr unkontrollierte Schusswaffen in diesem Land. Das ist mitfühlender Liberalismus, verstehen Sie? Nein, nicht jeder Arbeitslose soll sich eine Knarre leisten können. Aber die Waffenhersteller sind doch auch Menschen.

Natürlich ist das sozial eingestellt, damit überholen wir die Grünen links! Also fast links. Wir sind ja fast links liberal. Nein, nicht linksliberal – fast links. Und fast liberal. Wir blinken links, und dann biegen wir rechts ab. Weil die Versicherung zahlt ja, wenn es trotzdem kracht.

Also wählen Sie uns diesmal. Sie müssen! Doch, absolut. Noch so einen Wahlkampf, dann brennt uns Brüderle durch.“





Kurzer Prozess

2 05 2013

„… durchaus für Zufriedenheit gesorgt hätten. Das Oberlandesgericht erwarte ein konzentriert und sachlich ablaufendes Verfahren voller…“

„… die Stühle sehr unbequem seien. Die Korrespondentin des Svenska Dagbladet habe vorgeschlagen, das Mobiliar durch moderne skandinavische Sitzmöbel zu…“

„… müsse die Nachverlosung des Presseplatzes möglicherweise im Stehen stattfinden. Die Sprecherin habe zugegeben, dass das OLG nicht über ausreichend viele Stühle im…“

„… nur als Beleidigung gewertet werden könne. Desgleichen fordere das Personal der dpa English Services das Gericht auf, einen Tee in den Automaten anzubieten, der nicht nach Kunststoff schmecke und…“

„… dass überhaupt seriöse Printmedien wie FAZ, Zeit oder Titanic keine ausreichenden…“

„… der Niederländische Rundfunk die Sachlage verkenne. Da es sich um Tribünenplätze handle, sei der Korrespondent davon ausgegangen, die Kostümierung mit Fanschal, orangefarbener Perücke und Vuvuzela sei eine völlig normale…“

„… immer wieder zu Streitigkeiten gekommen sei. Die türkischen Journalisten hätten es ebenso abgelehnt, Streichhölzer zu ziehen, wer neben dem griechischen…“

„… sich Die Grünen dafür ausgesprochen hätten, kurzen Prozess zu machen und die Presseplätze mit Hilfe eines Rotationsverfahrens…“

„… RTL II eine offizielle Rüge erhalten habe, da der Sender versuche, für eine Folge Frauentausch die mutmaßliche Terroristin mit einer Hausfrau aus…“

„… durch die Ankündigung, die Zschäpe-Tagebücher in der neuen Ausgabe des…“

„… nicht mit den Sicherheitsanforderungen zu vereinbarten. Trotzdem beharre BILD darauf, an jedem dritten Prozesstag den ihr zugelosten Platz durch einen Leserreporter zu…“

„… offensichtlich um ein Missverständnis gehandelt haben müsse. Die Redaktion des Spiegel habe von ihrem aktuellen quotenmäßig mit Hitler bedruckten Titelblatt geschlossen, es handle sich um das Reenactment der Nürnberger Prozesse mit Hilfe der…“

„… auf Wunsch von kabel 1 eine Tageszusammenfassung einzuführen, die jeweils kurz vor den Nachrichtenformaten von der Bundesanwaltschaft…“

„… keine ausreichenden Simultanübersetzungen anböten. Die Sächsische Zeitung habe daher Protest bei…“

„… ob etwas dagegen spreche, die Plätze nicht nur einmal zu verlosen, sondern sie täglich neu…“

„… lehne das Gericht strikt den Vorschlag von Al Jazeera ab, die Verhandlung zu den vorschriftsmäßigen Gebetszeiten zu…“

„… die polnischen Kollegen nicht mehr gesehen worden sein sollten. Gleichzeitig habe man das Fehlen der beiden vorderen Stuhlreihen…“

„… zu Tauschaktionen, da die Anträge der Nebenklage nicht so beliebt seien wie die Befragung der mutmaßlichen…“

„… wenngleich Radio Lotte Weimar bereits versucht habe, alle zehn Minuten eine Liveschalte in den Gerichtssaal legen zu lassen. Das vorherige Abspielen des Jingles sei nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine nicht zumutbare…“

„… dass nach dem Verlassen des Gerichtssaales aus Sicherheitsgründen kein Wiedereintritt mehr möglich sei. Der medizinische Betreuer der Landshuter Zeitung habe die aus der Geriatrie entlehnte Lösung für Mobilkatheter im…“

„… die polnische Redaktion von Radio Lora den Schwarzmarkt mit NSU-Tickets bereits voll im Griff…“

„… habe Sonntag Aktuell bereits zweimal versucht, Kollegen aus dem Print-Bereich zu einer Kooperation zu bringen. Das von ihnen vorgeschlagene Leserquiz, bei dem das Strafmaß zu erraten sei, stoße bei den anderen Berichterstattern auf heftigen…“

„… nicht ausreichend berücksichtigt habe, dass auch Blogger die Öffentlichkeit informieren wollten. Das OLG sei jedoch der Meinung, man könne wegen der Größe des Saales nicht das komplette Internet in die…“

„… widerspreche die Ablehnung des Eilantrages auf Videoübertragung nicht der Pressefreiheit. Das Landgericht habe bereits genug getan, um den Prozess möglichst pressefrei zu…“

„… sich Bundespräsident Gauck nach vielen Schlagzeilen, in denen die Unzufriedenheit mit der Presseakkreditierung thematisiert worden sei, in einem Interview geäußert habe, er sehe eine Unzufriedenheit mit der Presseakkreditierung, weshalb er als Bundespräsident unzufrieden mit der Presseakkreditierung…“

„… auch RTL II ein Zuschauerquiz anbieten wolle, allerdings mit der Frage, wer den Prozess gewinne, a) der NSU oder b) die…“

„… sich Brigitte nicht nur für Stylingtipps interessiere. Vielmehr wolle die Zeitschrift ein eindringliches Porträt einer jungen, berufstätigen Singlefrau geben, die zwischen Job und Attentat immer noch Zeit für hautstraffenden Sport und kalorienarme Sommersalate mit…“

„… von IM Friedrich sehr begrüßt worden sei. Er habe sich zustimmend geäußert, dass zu viele Videokameras nie geeignet seien, die Sicherheit in einem…“

„… müsse die Ziehung wiederholt werden. Es habe sich durch einen Lichtreflex unbemerkt eine der Kugeln…“





Draußenminister

1 05 2013

„So eine komische Frisur, sagen Sie? Warten Sie noch einen Augenblick. Friedrich? Klingt nicht geheuer. Sagen Sie dem Personal, wir müssen erstmal das Gepäck durchsuchen. Möglicherweise planen die beiden ja einen Terroranschlag.

Geben Sie ihm Tomatensaft. Bier kriegt er nicht, sonst kotzt er uns am Ende noch das ganze Rollfeld voll. Und angeschnallt lassen. Keine Sperenzchen. Das ist hier so Usus, also halten sich unsere Besucher daran. Sonst haben sie direkten Anschluss nach Guantanamo.

Das ist uns völlig egal. Meinetwegen kann sich der Typ als Kaiser von China verkleiden, ob das ein Terrorist ist, entscheiden wir. Mit dem Finger am Abzug. Die Vereinigten Staaten sind nicht umsonst ein freies Land. Wir gedenken es auch in Zukunft von Terroristen frei zu halten.

Meine Güte, irgendwo werden Sie doch wohl Erdnüsse auftreiben! Schon klar, diese Deutschen sind ein empfindliches Völkchen. Gib ihnen die im Preis inbegriffene Decke, und wenn sie nicht größer ist als erwartet, dann tun sie so, als hätten sie gerade zwei Weltkriege gewonnen. Unangenehm.

Was hat der? Innenminister? Machen Sie ihm klar, in welchem Teil der freien Welt er sich hier befindet. Wenn er anfangen sollte, seine eigenen Vorstellungen zu entwickeln, ist er aber ganz schnell Draußenminister. Was erzählt er? Boston sei die Warnung für Europa gewesen? Und die Anschläge in London und Madrid waren dann die Warnung für die USA? Sagen Sie mal, hat die Merkel jetzt auf Billigpersonal umgestellt?

Bei uns entscheiden die Grenzbeamten alleine, wen sie kontrollieren. Verstehe ich gar nicht, warum sich dieser Typ jetzt so aufregt. Seine Polizisten und seine V-Leute machen doch auch, was ihnen in den Kram passt.

Das könnte nämlich auch ein Terroranschlag sein. Der ist vor langen Jahren aus Bayern eingewandert und hat sich komplett integriert – weiß man doch, dass das die Schlimmsten sind, die man nicht auf den ersten Blick für landfremde Elemente hält – und jetzt will er die deutsch-amerikanischen Beziehungen in die Luft jagen. Oder die deutsch-demokratischen. So genau weiß man das bei ihm nicht.

Na, halt irgendeine Zeitung mit Sportteil. Die deutschen Zeitungsverlagen kippen ihr Altpapier doch immer in die Flugzeuge rein, und der FC hat gerade mit diesem Hoeneß einen Cup in der Schweiz gewonnen, oder irgendwie so. Also geben Sie ihm Zeitungen.

Wieso fragt er? In Zeiten wie diesen müssen wir uns vor Feinden der Demokratie ganz besonders schützen. Er hat doch einen Verfassungsrichter offen angegangen? Und wie oft wurde er vom Bundesverfassungsgericht schon zurückgepfiffen? Und dieser Mann brauchte nicht mal das Internet, um sich zu radikalisieren.

Stellen Sie sich mal vor, wir hätten damals Nacktscanner aufgestellt. Nein, stellen Sie sich das lieber nicht vor!

Schwarzbrot? Wo soll ich denn jetzt Schwarzbrot hernehmen? Er wird langsam nervös, oder? Sagen Sie mir rechtzeitig, wenn er Schnellkochtöpfe verbieten will. Unamerikanische Umtriebe können wir nicht dulden. Einmischung innerhalb des amerikanischen Lagers geht gar nicht. Außerhalb noch weniger.

Jetzt beschwert er sich, dass wir seine eingebetteten Journalisten überprüfen. Was für ein Idiot. Wer hat denn die Schleppnetzfahndung erfunden?

Mal sehen, was ihm als nächstes einfällt. Visumspflicht für Nichtchristen. Oder er lässt allen Touristen die Fingerabdrücke abnehmen. Verhindert keine Terroranschläge, hilft nur begrenzt bei der Aufklärung, ist aber noch teurer und noch umständlicher als Videoüberwachung. Aha, ein zentrales Online-Registrierungssystem. Hat er bei uns um Erlaubnis gefragt?

Wärmen Sie ihm irgendwas auf. Sie haben doch dieses in Folie verpackte Zeug, das wie schon mal gegessen schmeckt. Unsere Jungs im Irak haben auch nichts Besseres, aber die jammern wenigstens nicht herum deswegen.

Wer in die EU einreisen will, der meldet sich im Internet an und sagt, wer er ist, und was er in der EU will? Tippe, wenn ein paar tausend Afghanen plötzlich De-Mail nutzen, sieht er das als positives Signal für die Leistungsfähigkeit der deutschen Internetwirtschaft?

Wiederholen Sie das bitte. Zielperson hat Augen geschlossen und schnarcht. Wir haben es unter Umständen mit einem Schläfer zu tun. Und die wundern sich, wenn wir Sicherheitskontrollen durchführen? Gehört der eigentlich auch zu diesen Schleckers, die der Vizekanzler um jeden Preis in Jobs drängen wollte, für die sie nicht qualifiziert sind?

Der andere? Der liefert nur Panzer in Kriegsgebiete. Harmloser Trottel, den können Sie reinlassen.“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCIII): Der Anspruch der Eliten

26 04 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Gespenst geht um in Europa, vielmehr: es überholt auf der rechten Spur, hält den Mittelfinger aus dem Fenster und betrachtet die Straßen als sein Eigentum. Wehe, ein anderer wagte es, bei Rot zu bremsen. Wie der Henker führe der Lenker drein, fuchsteufelswild, unbelehrbar, da nicht weiter an der Realität interessiert. Die Welt gehört ihnen, den selbst ernannten Eliten, aber sie können nicht einmal damit umgehen.

Kein Tag vergeht, ohne dass das Geheul der angeblichen Oberschicht durch die blühenden Landschaften zetert. Ihre Wehleidigkeit, sich nicht an die Spielregeln halten zu wollen, auch wenn sie sie selbst geschrieben haben sollten, ist ein peinlicher Auswuchs der Ichlingspest. Jäh greint es durch Wald und Flur, das rumpelstilzt sich einen, da sie sich stärker an den Kosten der Allgemeinheit zu beteiligen haben – wer denn sonst, möchte man fragen, etwa die Obdachlosen? die Niedriglöhner und die Erwerbsunfähigen? Sie leben nicht von der Sahne, ohne den Pöbel zu beschimpfen, der ihnen den Kuchen nicht schenken will.

Die blühende Landschaft ist für sie wie ein Selbstbedienungsladen, mehr noch: ein Paradies für Ladendiebe und Zechpreller. Sie, die gleicher sein wollen als die anderen, fordern Vorzugsbehandlung, weil sie wie andere sein wollen. Sie benutzen Stadtgrün und Zebrastreifen, erwarten von der Polizei, dass sie den Verkehr regelt, bei Einbruch und zerkratzten Kotflügeln ermittelt, sie erwarten, dass der Richter für sie den Dieb verknackt und der Justizvollzug ihn einsperrt. Sollte es brennen, warten sie auf die zu diesem Behufe vorgesehene Feuerwehr. Bei der alljährlichen Flutkatastrophe halten sie das Eingreifen von Zivilschutz und Bundeswehr für eine Selbstverständlichkeit. Sie wünschen Papierkörbe im Weichbild und Kunst am Bau, Straßenbeleuchtung, Kanalisation und Parkuhren, Gewerbeförderung und Denkmalschutz. Wenn nicht, dann beschweren sie sich, dass der Staat für alles Geld schmeißt, nur nicht in ihre Richtung. Wobei sie sich auch beschweren würden, wenn er das Geld schmisse. Oder in ihre Richtung, aber nicht genug. Sie würden, tönt’s aus der zufälligen Zusammenrottung am oberen Ende der Vermögensverteilung, mit Pech und Fackeln aus dem Land getrieben. Was für ein elender Hirnplüsch, der ihnen aus der Rübe rattert.

Denn der Anspruch der sogenannten Eliten ist es eben nicht, diesen angeblich unwirtlichen Staat zu verlassen und sich in irgendeiner von Wirbelsturm und Erdbeben, Militärdiktatur und Malaria bedrohten Operettenrepublik mit quietschbunten Cocktails unter die Palme zu pflanzen, sie hieven nur ihre Kohle über den Äquator und schätzen ansonsten eher den Nieselregen der norddeutschen Niederung sowie dessen optisches Pendant, die Halsfalten der Kanzlerin.

Klassischerweise sind es eben die Eliten, die im Vollbewusstsein ihrer Deutungshoheit das unterste Dezil als Schmarotzer abtut, gesellschaftlich nicht integrierbare Randfiguren, die jede geregelte Arbeit kategorisch ablehnen, den Staat und seine Organe zutiefst ablehnend, gleichwohl sie ohne ihn vollkommen aufgeschmissen wären, da sie allein von seiner Gnade abhängig sind, um ihr Leben zu fristen. Womit sich die Vermögenden hinreichend selbst beschrieben haben dürften.

Denn sie sind nicht nur von der Feuerwehr und den Wasserwerken abhängig, sie müssen darauf vertrauen, dass die Großwetterlage stabil bleibt, ohne Erschießungskommandos, Weltrevolutionen, Sozialismus und, horribile dictu, Steuererhöhungen. Sie müssen darauf vertrauen, dass der Staat den gesellschaftlich überflüssigen Reichen nicht die Knute überzieht, dass er Eigentum schützt und ihr Lebensmodell nicht als illegal bezeichnet. Sie müssen darauf vertrauen, dass sich die Gesellschaft aus lauter Liberalität eine Schicht leistet, die netto Verluste einfährt und nicht fähig ist, dies zu ändern.

Möglicherweise haben sie selbst schon vom Hauslehrer auf dem Stammsitz des Geschlechts ihr Schulwissen unter die Kalotte geschwiemelt bekommen, möglicherweise popeln sie auf privaten Internaten ihren Nachgeburten ihre verquere Ideologie ins Hirn, doch wenigstens mittelbar sind sie ohne das öffentliche Bildungswesen komplett aufgeschmissen. Ohne Regel- und Hochschulen hätten sie weder Rechtsanwälte noch Schönheitschirurgen, die sie vor der Wirklichkeit in Schutz nehmen, von Steuerberatern noch zu schweigen. Sie hätten keine staatlich geplante und gebaute Bundesautobahn, um die Karre vollstoff über den Asphalt zu jagen. Sie hätten nicht einmal den staatlich subventionierten Billigstrom aus Kernreaktoren, um den Großbildfernseher und die elektronisch gesteuerte Haustechnik zu betreiben. Vermutlich würden sie an der roten Ampel gleich mal übergemangelt, höchstwahrscheinlich, weil keiner sehen würde, dass sie rot ist – ist sie auch gar nicht, sie fehlt ja gleich ganz, und der Notarzt, der die Reste des Sozialopfers in einen Eimer schmeißt und ins Universitätsklinikum karrt, ist auch gleich mit ausgewandert. Das Leben ist bekanntlich hart, ungerecht, teuer, und am Ende geht man tot.

Man sollte denen, die ihre Steuern nicht fürs Gemeinwohl blechen wollen, ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen und sie unter Androhung von Materialkaltverformung im Gesichtsschädelbereich über die Grenze verfrachten. Endlich sind sie des Jammertals ledig, ihr Kapital haben sie immer bei sich, was kann’s schöner geben? Sie werden jäh bemerken, dass sie, da unter ihresgleichen, mit erhöhter Gesindeldichte zu rechnen haben. Wir werden es verschmerzen. Nur keine Neiddebatte.








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