Dreikönigstreffen

6 01 2010

„Griaß Eahna, Herr Sekretär! Wenn Sie die Frau Kanzlerin vielleicht erreichen täten heute noch – nicht mehr? Ja Herrschaftszeiten, des Geschlamp werden wir uns nicht mehr länger mit antun, hörn’s? Die Frau Kanzlerin hat halt da zu sein und eine ordentliche Regierung zu machen, wenn wir da anfragen tun! Waaas? Die regiert schon? Des, wenn sie des tät’, nachher hätt’s gar niemand gemerkt!

Also, Herr Sekretär, jetzt richten’s der Frau Kanzlerin einmal einen recht schönen Gruß aus, und dass dies ein Scheißglump ist, a zwidres, und werden wir uns das nicht mehr länger nicht gefallen lassen von der Frau Kanzlerin, bittschön! Ja! Das geht so nicht, und wenn das Westerwelle-Gigerl da noch länger der Duitaff spuit, dann servieren wir ihn nämlich ab! Wir lassen uns doch von dem Herrn Außenminister nicht unsere staatliche, will sagen: unsere staatspolitische Verantwortlichkeit fei nicht nehmen, hö? Des Bürscherl, des wenn’s no gekrochen kimmt, werden wir in seine Schranken weisen, hören’s? in die Schranken weisen, jawohl!

Weil ja die Landesgruppe das in demokratischer Abstimmung entschieden hat. Demokratisch! Freilich, nur mit uns selbst. Die CSU hat ja nur eine Landesgruppe, da mussten wir doch vorher auch keinen nicht fragen, was der Vorstand will?

Jetzt hören Sie zu, Herr Sekretär! Das ist uns eine Herzensangelegenheit, für die wir uns elf lange Jahre eingesetzt haben, um sie jetzt mit heißem Herzen verwirklicht zu sehen in unserem geliebten Deutschland – die Führungsschwäche unserer Frau Kanzlerin in einer christlich-liberalen Koalition. Und ob! Ja Kruzitürken, das ist mit dem Menschenbild in der Christlich-Sozialen Union nicht zu machen ist das nicht – hier gibt es eine Führung mit einem klaren Anspruch, also mit einem klaren Führungsanspruch! Also mit einem Anspruch auf klare Führung, verstehen Sie?

Deshalb wollen wir jetzt einen Vizekanzler! Ja freilich, warum denn nicht? wenn doch die FDP auch schon einen hat? Das lassen wir nicht auf uns sitzen! Sie kann uns doch nicht einfach so – das geht fei net, und außerdem ist der Herr Baron ka Vergoider net! Ja Sakradi, habt’s Ihr da überhaupt noch einen Anstand dadroben in Berlin? Wenn Sie in Berlin… in… in Berlin, in… München wählen, wer die Bundeskanzlerin wird, dann wählen Sie Kanzlerin, also dem Deutschen Bundestag in den Reichstag nach München. Glauben Sie ja nicht, dass wir uns das gefallen lassen werden als CSU!

Und vor allem werden wir das nicht weiter hinnehmen, dass uns dieser Lindner diskriminieren tut – das können wir aber viel besser! Dass Sie das nur wissen!

Wir haben ein klares Gesellschaftsbild! Jawohl! Dieses Depperl, des damische, wird noch begreifen, dass wir in einer Demokratie leben, in dem wir die Menschenrechte zu achten haben! Und wenn sich das dieser Bazi nicht hinter die Ohren schreibt, dann werden wir’s ihm schon noch einprügeln!

Und wenn unser Innenexperte… ja freilich, das ist ein Experte, jawohl! Was weiß denn ich, was der weiß – das ist halt ein Experte, net so a Blunzn, so a einagschmeggda, wie der Herr Bosbach – ja Kruzi, ich weiß sehr wohl, dass des zwoa depperte Bazis san, aber kritisieren tun mir, dass des amol geklärt wäre, Herr Sekretär! Und ich werde mich hier auf keine weitere Diskussion einlassen!

Sie wissen doch noch gar nicht, ob der Herr Baron überhaupt zurücktreten werden tun. Dann werden Sie Herrn Baron auch nicht fragen müssen, warum dass wir wollen, dass er der andere Vize wird. Und dann braucht er ja auch nicht mehr zurückzutreten, weil er sich dann der Aufgabe des Vizekanzlerdaseins wird widmen können zu dürfen.

So a Scheißglump, des kennat’s Eich… wooos, Du Kniebiesla, host mi? Das werden wir ja sehen – das werden wir ja doch wohl noch sehen werden wird das ja wohl! Dann wählen wir praktisch hier in der Staatskanzlei in München. Das bedeutet natürlich, dass der Bundestag im Grunde genommen näher an Deutschland… also an die deutschen Bundesländer heranwächst, weil das klar ist, weil vom Reichstag Deutschland gewählt wird.

Und wenn der Herr Westerwelle und wenn die Frau Kanzlerin das eben nicht wollen, dann müssen sie eben zusehen, dass sie das alleine hinkriegen mit der Bundesregierungskoalition! Ja freilich, das ist so. Freilich! Die CSU ist ein ganz eigenständiger Teil der Koalition, wir sind einen autonome Partei, die… wer hat das? Der? Was hat er? Dass die SPD doch die stärkste Fraktion, weil die CSU eine eigene Bundestagsfraktion… Ja leckat’s mi am Oasch! Des Gschmarr von dera Ratschn, des lass i mir fei net anhängen, Herr Sekretär – die CSU und die CDU sind immer noch zwei innige Schwesterparteien, die sowohl in ihrer politischen Stoßrichtung als auch in ihrer Haltung gegenüber der Geschlossenheit gemeinsame Verantwortung in der Koalition tragen wollen, weil wir als Union personell und qualitativ bestens aufgestellt sind und deshalb gar keinen… waaas? Mit diesem Gschleaf auf einer Regierungsbank?

Und wenn Sie sich hier auf den Kopf stellen werden, Herr Sekretär, und das wird die Frau Kanzlerin auch noch merken, wir werden die Steuern für Apotheker, Lebensversicherungen und die Weingüter von Ihrem sauberen Herrn Brüderle nicht mitmachen, dass Sie das nur wissen! Und schon gar nicht durch höhere Sozialbeiträge – damit werden entweder Milchkühe im Freistaat Bayern bezahlt oder gar nix! Merken Sie sich das! Pfüat Eahna, Herr Sekretär!“





Der Teufel ist ein Eichhörnchen

24 11 2009

„Komm schon“, flehte ich, „sprich zu mir! Sag etwas! Lass mich jetzt nicht im Stich!“ Doch das kleine Ding in meiner Hand ließ sich davon gar nicht beeindrucken. Es verstarb. So saß ich plötzlich da, einen Klumpen sinnlosen Plastikmülls vor mir, und ärgerte mich, dass mein Mobiltelefon ausgerechnet an einem Nachmittag um kurz vor fünf den Geist aufgeben musste.

„Die Kamera hat nur zehn Megapixel“, teilte mir der freundliche Verkäufer im Telefonladen mit, „aber ansonsten kann man dies Gerät durchaus empfehlen. Siebenstimmige Klingeltöne, Radio, Flugmodus, Videoanruf, Blitzlicht mit Multifunktionsvorwahl, Touchtasten, also alles drin, wenn Sie mich fragen.“ Ich fragte ihn, allerdings wollte ich wissen, wie man mit dem Telefon telefoniert. „Es müsste irgendwo so eine Online-Bedienungsanleitung haben. Sie müssen es bloß anschalten und können nachschauen, wie man es anschaltet.“ Das nächste Modell war unerheblich größer, dafür etwas flacher und doppelt so schwer. „Aber Sie können natürlich nicht nur Videos ansehen, sondern auch aufnehmen. Wenn Sie mit dem Internet verbunden sind und gleichzeitig die Freisprecheinrichtung auf Bluetooth umstellen.“

Wie gut, dass Jonas just in diesem Augenblick vor der Schaufensterscheibe stand und aufmerksam in die Auslage des Geschäfts blickte. Ich winkte ihn heran; kaum eine Viertelstunde später hatte er mich bemerkt und den Laden betreten. „Du musst mir unbedingt helfen“, bat ich, „ich kenne mich überhaupt nicht aus und muss mir ein neues Telefon kaufen. Mach was!“ Der beste Freund lächelte. „Kein Problem“, versicherte er. „Ich werde Dir mit Rat und Tat zur Seite stehen.“ Und wandte sich an den Verkäufer: „Haben Sie noch irgendwelchen Billigscheiß im Keller?“

Sekunden später hatte der Sprechgerätewart eine Reihe abgrundtief hässlicher Objekte unter dem Ladentisch hervorgezogen. „Das hier ist die Vorjahreskollektion“, informierte er uns, „natürlich zum halben Preis für Sie – wenn Sie auf einen gewissen Luxus und die technischen Selbstverständlichkeiten der Gegenwart also keinen Wert legen sollten, dann wäre vielleicht etwas für Sie darunter.“ Jonas klappte hier und da einen der Plapperate auf. „Haben Sie das SVG-21-HMTK-II vielleicht auch in Trendpink mit Strass?“ Ich stieß ihm die Faust in den Rücken. „Bist Du bescheuert? Was soll ich mit einem Mädchenhandy?“ „Klappe“, zischte er zurück, „das ist die Sex-and-the-City-Sonderausgabe mit dicker Speichererweiterung für sinnlose Videos und Klingeltöne – einmal mit dem Filzstift schwarz anmalen und fertig ist die Laube!“ „Ich will das aber nicht!“ Er stöhnte auf. „Meine Güte, es ist kostenlos! Dafür hat es natürlich auch nur eingeschränkte Office-Funktionen und keinen programmierbaren Vibrationsalarm.“ „Bei einem Modell für die Damen“, monierte ich, „hätte ich zumindest das erwartet. Nicht mit mir. Da geht doch wohl hoffentlich mehr.“

„Wir hätten da noch ein P-200 in Altsilber“, brachte sich der Fernsprechhändler in Erinnerung. „Das hat aber nur Infrarot und keinen Touchscreen. Und der SMS-Speicher ist auch auf 3000 begrenzt, wenn ich mich richtig erinnere.“ „Auf 5000“, empörte sich der Verkäufer. „Und Sie können sogar Klingeltöne in CD-Qualität abspeichern, wenn Sie die Speicherkarte durch eine größere Erweiterung ersetzen!“ Da fiel mein Blick auf das Plakat an der Tür. „Sie überlegen sich“, stand auf der Affiche, „um dieses Telefon kaufen, oder Sie schon eine haben, aber das Gefühl von ihm langweilig?“ Ich fühlte mich spontan als Kunde angesprochen – endlich ein sinnloses Wort.

„Ich will“, forderte ich mit Nachdruck in der Stimme, „ein Telefon, mit dem ich Bügeln, Kunst und Aufwachen verbinden kann.“ Der verworrene Anschlag hatte mich in letzter Sekunde gerettet. „Wie wäre es mit einem SK-401E?“ Der Verkäufer hatte ein bläulich schimmerndes Aluminiumteil aus der Schublade gezogen. „Immerhin hat es einen integrierten Wecker und zwei Videospiele.“ Er fuhr sich mit dem Finger unter dem Kragen entlang. „Wenn Sie die Ausgabe mit dem rosa Klappcover nehmen, bekommen Sie auch gratis ein Jahresabo mit Froschklingeltönen. Oder was hatten Sie noch mal mit Kunst gemeint?“ „Ich will bügeln“, maulte ich. Jonas kratzte sich am Kopf. „Haben Sie denn gar kein idiotensicheres Handy?“ Da strahlte der Verkäufer. „Warum sagen Sie das nicht gleich?“ Und er zog ein CSU-009 aus der Schublade. Modell Oachkatzlschwoaf in Blau-Weiß. Ich tippte mich umständlich durchs Menü. „Sie sollten als erstes die Sprachauswahl anpassen“, riet mir der Handyhausierer. Ståd-Såizburgarisch las ich, und: Westlichs Nordboarisch (Owerpfoiz). Aber das Gerät konnte nichts, lag in der Hand wie ein Riegel Gussbeton und gab mir das beruhigende Gefühl, dass sich nun nichts mehr ändern würde in meinem Leben. Jedenfalls nicht so schnell. Jonas beäugte das Gerät kritisch. „Das dudelt beim Ausschalten bestimmt die Bayernhymne“, mutmaßte er. Ich drückte den roten Knopf und lauschte, wie die zuversichtliche Stimme von Horst Seehofer ertönte. „Morgen werde ich ganz bestimmt zurücktreten!“ „Das nehme ich“, beschloss ich. „Es hätte allerdings einen kleinen Nachteil. Der Teufel im Detail.“ Der Verkäufer druckste etwas herum. „Beim Modell CSU-009 spricht immer nur einer. Sie kriegen nichts mit. Erst ganz zum Schluss, aber dann ist es zu spät. Da zerlegt sich das Ding in seine Bestandteile.“





Zimmer frei

28 10 2009

„Du, Angela?“ „Ja, Horst?“ „Sag mal, hast Du den Stecker vom Kühlschrank rausgezogen?“ „Ich habe ihn gar nicht erst reingesteckt.“ „Aber warum denn, Angela?“ „Der Guido hat noch keinen Strom legen lassen, und ich dachte, wir könnten vielleicht die ersten paar Tage mal ohne…“ „Ja Himmisakrament, wo soll ich denn jetzt hin mit meinem Weißbier und dem Leberkäs? Seid’s denn narrisch geworden?“ „Jetzt reg Dich doch nicht so auf, Horst. Der Guido brauchte halt das Geld für die Betten.“ „Welche Betten? Ich dachte, wir haben gar kein Geld dazu?“ „Der Guido wollte aber neue Betten, da habe ich’s ihm erlaubt. Er hat mir keine Ruhe gelassen.“

„Shalim-Shalom-Shalömchen, ich bin’s, Euer Guido! Na, was geht ab?“ „Ich geb Dir gleich was-geht-ab, Du Bazi! Den Strom hast nicht bezahlt! Das geht doch nicht!“ „Mensch Horst, jetzt bleib mal locker – Deine Wurst kannst Du auch frisch kaufen und das Bier stellst Du einfach auf den Balkon!“ „Du Guido, wir haben keinen Balkon.“ „Wie, keinen Balkon?“ „Wenn ich’s Dir doch sage, wir haben keinen.“ „Aber ich will einen!“ „Du hast schon neue Betten gewollt, was war das wieder für ein Schmarrn?“ „Da sind sie doch, Horst. Gestern angeliefert.“ „Was? Wo?“ „Die kommen um halb elf zurück.“ „Wieso zurück?“ „Horst, der Guido hat halt die aus dem Kanzleramt genommen.“ „Aber dann haben wir doch im Kanzleramt keine mehr?“ „Eben. Aber wir werden eine Lösung anstreben für diese Problematik.“ „Sag einmal, Angie, bist jetzt auch deppert? Wir haben keine Betten hier!“ „Weil der Guido nicht die von Frank-Walter wollte. Da hat er ganz fest versprochen, dass es neue gibt.“ „Ja aber es gibt keine neuen und auch keine alten!“ „Jetzt macht hier mal keine Welle, Freunde! Wir haben neue Betten. Die stehen bloß im Kanzleramt. Die alten Feldbetten aus dem Keller. Die müssen wir bloß jeden Abend hier herüber…“

„Horst, jetzt lass doch! Der Guido meint es doch nur gut.“ „Der hat die Betten neu gekauft, die uns sowieso schon gehören und…“ „Ist ja gar nicht wahr!“ „Du hast da Geld zum Fenster rausgeworfen und wir haben immer noch keine Betten!“ „Ist ja nicht wahr, ist ja gar nicht wahr!“ „Und wo soll ich jetzt schlafen?“ „Du, Horst, das kriegen wir schon in den Griff. Wir können doch auch mal auf den Matratzen schlafen.“ „Äh, nein.“ „Wieso, Guido?“ „Das ist, ääh… ich habe die neuen Matratzen erst mal ins Leihhaus gebracht.“ „Wofür denn?“ „Damit ich die Bettgestelle kaufen kann.“ „Die uns sowieso schon gehören? Kruzitürken, und wo sind die alten Matratzen?“ „Die sind… also wir müssen da als Liberale auch eine eigene Note setzen und uns…“ „Jetzt sag’s halt endlich!“ „Horst, jetzt bleib doch mal ruhig! Es hat doch keinen Zweck, wenn Du Dich aufregst, es ist ja nicht mehr zu ändern jetzt. Der Guido hat sie auf den Sperrmüll gebracht.“ „Aber wir haben doch noch die Bettgestelle.“ „Im Kanzleramt.“ „Dann erhält das eben ab sofort die Aufgabe, uns ein attraktives Angebot zur freiwilligen Zusammenarbeit zu unterbreiten.“

„Und die Mietkaution? Habt Ihr die hinterlegt?“ „Ich dachte, das machst Du, Angela?“ „Warum denn ich?“ „Du bist doch die Hauptmieterin.“ „Ach Guido, das hatten wir doch schon besprochen. Ich mach das wie immer: ich halt mich aus allem raus.“ „So geht’s aber nicht, Angela! Du hast den Vertrag unterschrieben, also musst Du auch die Miete…“ „Miete? Ich dachte, das Haus gehört uns?“ „Horst, erklär ihr das doch noch mal, was ein Mietvertrag ist.“ „Zwecklos, Guido. Sie kapiert’s ja doch nicht.“ „Guido, das ist gemein von Dir! Ich finde, wir sollten Geschlossenheit zeigen und…“ „Angela, woher soll denn überhaupt die Miete kommen?“ „Sag Du’s mir.“ „Hast Du Dir da überhaupt keine Gedanken gemacht?“ „Also ich plane, ob eine Planfindungskommission…“ „Angela, das hilft uns nicht weiter.“ „Wir müssen uns etwas überlegen.“ „Das fällt Dir ja früh ein!“ „Wie können wir denn die Mietkosten wieder reinkriegen.“ „Arbeit?“ „Prima Idee, Guido! Damit erhöhen wir für uns den Anreiz, uns eine voll sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu suchen und anzunehmen. Das kann auch dazu beitragen, die Sozialkassen zu entlasten!“ „Kann, kann, kann – so ein Gelump, so ein damisches! ‚Kann die Hirndurchblutung fördern‘ – das hatte ich doch schon mal irgendwo gelesen?“ „Das sind die Pillen auf ihrem Nachttisch, Horst.“ „Ich hab’s! Wisst Ihr, wie viel so eine Poolreinigung kostet? Wir lassen einfach den Pool nicht mehr…“ „Angela, das Haus hat gar keinen Pool.“ „Hm. Das ist doof, Guido.“ „Warum?“ „Ich hatte das nämlich schon so mit dem Haushaltsgeld verrechnet.“ „Wie das denn?“ „Weil ich sonst die kapitalgedeckte Altersvorsorge für uns nicht bezahlen kann.“ „Welche Altersvorsorge?“ „Da war dieser nette Herr von der Versicherung, und ich wollte…“ „Was hast Du Dir da wieder für einen Blödsinn aufschwatzen lassen?“ „Also ich finde das voll okay, Horst. Da hat Angie mal richtig mitgedacht. Dann können wir nämlich im Alter die Miete davon…“ „Sakradi, und wovon bezahlen wir sie jetzt?“ „Horst, jetzt rede doch nicht alles klein. Ich hatte so schöne Zielvorstellungen, dass sich der Wettbewerb der Ideen im ständigen Bemühen um eine Erbringung des Mietzinses entfalten kann, wenn wir…“ „Ah bah, ein Schmarrn ist das!“ „Horst, jetzt sei kein Spielverderber! Et is noch immer jot jejange, wie wir Rheinländer…“ „Ein Schmarrn, sag ich! Wir sind hier schneller wieder draußen, als wir einziehen können!“ „Das glaube ich nicht. Wir haben uns nämlich ein tolles Gesetz ausgedacht. Damit dauert eine Räumungsklage jetzt mindestens vier Jahre!“





Vollgas

2 09 2009

Das Konrad-Adenauer-Haus glich am Morgen nach den grandiosen Wahlsiegen einem Ameisenhaufen. Kalkweiße Gesichter spiegelten die Freude wider über die Spitzenleistung, in Thüringen und im Saarland als stärkste Fraktion aus dem Urnengang hervorgekrochen zu sein. Zwar ließ man sich die Begeisterung nur mäßig anmerken – unbeteiligte Zuschauer hätten die Stimmung auch mit einer Depression verwechseln können – doch die Lage war unvermittelt gut. Die Bundestagswahl konnte kommen, der Sieg war verhältnismäßig sicher.

Lößfelder hatte alle Hände voll zu tun, die Wahlkampfstrategie der Union vor unbedachten Schnellschüssen zu schützen. Denn längst begann es in den Landesverbänden zu brodeln. Hatte man die passenden Akzente gesetzt? Die richtigen Themen aus der Öffentlichkeit herausgenommen? Zur rechten Zeit die Klappe gehalten? Noch wenige Wochen bis zur Stimmabgabe, und nichts war klar. Der Imageberater und sein Team mussten den Knoten durchschlagen, doch wie?

Vor Beginn der Präsidiumssitzung mahnte Christian Wulff einen sachlichen Wahlkampf an. Es sei jetzt vor allem wichtig, so der Gefolgsmann an der Leine, die hohen Sympathiewerte der Kanzlerin in Wählerstimmen umzurubeln. Unschöne Szenen spielten sich im Sitzungssaal ab. Während einige dem Niedersachsen seine geschmacklosen Scherze sichtlich übel nahmen, hatten andere bereits die Wahlanalyse des Althaus-Absturzes gelesen.

Befremdet zeigte sich die Parteispitze, als Lößfelder von den Aushängeschildbürgern eine deutliche Emotionalisierung verlangte. Man beriet kurz, aber heftig, und teilte das Ergebnis sofort mit: keine Chance. Schließlich könne man vom Innenminister nicht auch noch verlangen, auf der kommenden Plakatserie Lesen vorzutäuschen und simultan zu lächeln. Lößfelder warf der Union vor, eine Mauer des Schweigens aufbauen zu wollen. Schäuble verwahrte sich energisch; niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten. Auch Roland Koch gab sich angesichts der vielen innovativen Vorschläge eher skeptisch; sogar der Wechsel des Luftballon-Lieferanten fand nicht seine Gnade. „Mehr, als Angela Merkel macht“, sprach der hessische Landesvater, „kann man nicht machen.“ Angela Merkel tat inzwischen gar nichts.

Da platzte auch Horst Seehofer der Kragen. Er verlangte von der Kanzlerin ein klares inhaltliches Profil. Seine Devise war Vollgas. Nicht allein die Tatsache, dass bisher keiner auf so abwegige Ideen gekommen wäre, brachte dem CSU-Granden Gelächter, der rechte Flügel der Christdemokraten zeigte sich wenig begeistert von modernem Schnickschnack. Immerhin einigte man sich im hastig zusammengetrommelten Vorstand darauf, Lößfelder endlich grünes Licht zu geben für eine Straßenumfrage. Das Ergebnis war demütigend. Teile der Bevölkerung konnten zwischen „Merkel“ und „Profil“ keinen Zusammenhang herstellen. Manche missverstanden die Fragestellung und antworteten den Demoskopen, abgefahrenes Profil müsse man sofort ersetzen; vor allem der Schleuderkurs berge so erhebliche Gefahren.

Gummi oder nicht, Bosbach warnte. Hektische Kurskorrekturen könne man der CDU nun nicht mehr zumuten. Lößfelders Vorschlag, in der heißen Phase die Sprechblasen wenigstens rhetorisch etwas aufzumotzen, fand bei ihm kein Gehör. Insgesamt zeigte sich die Partei stressfest, wurde aber zunehmend sensibler; auf die Frage, wie er sich das miserable Abschneiden der Union in Thüringen erklären könne, sprudelte Jürgen Rüttgers in die Mikrofone: „Unsere Antwort heißt Angela Merkel!“ Die Kanzlerin äußerte sich nicht dazu.

Hatte sich der Wirtschaftsflügel bisher nicht zu Wort gemeldet, so ergriff nun Josef Schlarmann die Gelegenheit beim Schopf. Man müsse, so der Chef der Unions-Mittelstandsvereinigung, den Endspurt mit einem klaren Konzept zu Wachstum und Beschäftigung bestreiten. Es sorgte für Verwirrung. Manche wussten nicht, was Beschäftigung ist, und fragten im Wirtschaftsministerium nach, das die Anfrage an eine Anwaltskanzlei weiterschob. Manche konnten sich nichts unter einem klaren Konzept vorstellen. Lößfelder und seine Leute rauften sich die Haare.

Als Schlarmann auch noch eine Lockerung des Kündigungsschutzes aus den Wahlversprechen herausoperieren wollte, spitzte sich die Situation zu. Guido Westerwelle tobte mit hochrotem Kopf ins Kanzleramt und beschwerte sich über mangelnde Solidarität für seinen Plan, Bundesaußenminister zu werden. In seiner Rage warf er Merkel gar vor, die Grünen zu hofieren. Allein die Kanzlerin gab keine Stellungnahme dazu ab; möglich, dass sie es gar nicht bemerkt hatte.

Als allerletzten Versuch warf Lößfelder die Personality-Nummer in den Ring. Prominente Gesichter sollten sich öffentlich äußern und das Schlaglicht der Presse auf sich ziehen. Neben dem Bundeswirtschaftsfreiherrn, der in einer Talkshow heitere Anekdoten erzählte und seine Betroffenheit äußerte, wenn pauschal der Eindruck entstünde, er hätte schon einmal in einem mittelständischen Unternehmen gearbeitet, frohlockte Ursula von der Leyen mit den Erfolgen bei der Aufforstungsprämie für deutsche Kindergärten. Kein Tag verstrich, bis sich die Redebeiträge der Verfassungsexpertin im Internet wiederfanden und Twitter beherrschten. Das Präsidium atmete befreit auf. Hatte doch die CDU ihr Ziel endlich wieder vor Augen: Gesprächsthema zu sein in Deutschland. Für vier lange, harte Schicksalswochen.








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