Gernulf Olzheimer kommentiert (CXCV): Der Zwang zur Fröhlichkeit

10 05 2013
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das evolutionäre Muster schlug sofort zu. Uga und Ngg kannten einander nur vom Sehen, doch sie kamen vom selben Stern. Der eine dachte vom anderen, der sei stärker, geschickter, männlicher. Der andere dachte das vom einen auch, und so begann das Dilemma. Sie zeigten einander das Gebiss. Freundlich beschwichtigten sie sich selbst und das Gegenüber, fletschten die Zähne und wahrten dabei nach Möglichkeit das Gesicht. Bis zu dem Augenblick, wo ihnen beiden simultan der Geduldsfaden riss und sie wie auf Kommando die Fäuste fliegen ließen. Hätten sie sich kurz berochen, die Nasen angewidert gerümpft, den Schwanz eingekniffen und ohne Gebeule das Feld geräumt, es hätte ein netter Tag werden können zwischen Wasserloch und Lagerfeuer dort am Rande der Savanne. Warum nur mussten sie so früh vor der arbeitsteiligen Gesellschaft schon den Zwang zur Fröhlichkeit erfinden?

Das Telefon klingelt und eine Dreckfresse auf Speed wünscht dem ahnungslosen Bürger so was von einem wundervollen, superschönen tippitoppi guten Tag. Einen Atemzug später salbadert er über das irre preiswerte Vorzugsangebot, und während man sich noch fragt, woher dieser Pickel am Arsch des Kapitalismus über die Rufnummern verfügt, unschuldigen Fernsprechteilnehmern den letzten Nerv zu zerschmirgeln, hat er auch schon dreimal um Entschuldigung geflennt und bietet an, zu einem späteren Zeitpunkt, wenn’s denn gerade mal passt, sein Geschleime auf dem Cortex zu drapieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach steht ein subalterner Depp mit Springmesser im Anschlag in seinem Rücken und treibt ihn zur pathologisch guten Laune – einer, der selbst bester Stimmung seinem Chef rapportiert, wie duftomat er seine verschissene Existenz findet.

Ist es der neoliberale Zwang zur positiven Denke, die letztlich nichts anderes sagt als: man kann alles, und wer es erwartungsgemäß nicht schafft, ist eben auch selbst schuld? Oder etwa die defensive Haltung, die dem duckmäuserischen Deutschen ins Rückgrat gefräst wird, damit er ja nie im Sattel steht, sobald er sich unter die Radfahrer eingereiht hat? Die intellektuelle Schlichtbehausung der Managementbraunalgen schöpft aus vielen trüben Quellen, um sich ein Weltbild aus Stolz und ausgekauten Vorurteilen zurechtzuschwiemeln. Wer gut drauf ist, produziert zugleich hypermotivierte Kunden, die einem jeden Dreck im Doppelpack abkaufen, was wieder den Vertriebler und seinen Vorgesetzten, den Querkämmer mit dem Messer, motiviert, und diese ganze Fehlkonstruktion badet dann der nächste Trottel aus, der gutmütig den Hörer abnimmt.

Was in Arbeitswelt und Zivilisation an der Tagesordnung ist, um überhaupt die dialektische Entwicklung der Resthominiden in Gang zu halten, das wird unter einer Zuckerschicht weggekaspert: jegliche Konfrontation, jeder Konflikt, und sei er noch so sachlich, er verschwindet in einem Strudel aus sinnlosem Gelächel, Wellnessgesabber und der bandscheibenperforierenden Bückmechanik für marktradikale Kurzstreckendenker. Der Kunde hat eine Reklamation, weil der billige Schunder nicht ordentlich verpackt war? Callcentermäuse raspeln Verbalglutamat, als seien sie gerade in japanischer Unterwürfigkeit trainiert worden, nehmen den Schaden mit grinsebackenhafter Verbindlichkeit auf und jodeln hernach noch ein Pfund beste Grüße an die unbekannte Familie raus. Danach kotzen sie erstmal gepflegt unter den Tisch, weil sie die Spielregeln kennen: der Klumpatsch wird hinterher nicht besser verpackt sein, jeder Kunde kriegt diese Supersondervorzugsbehandlung, die reklamierte Ware wird wieder in einem zerknickten Stoßfänger ausgeliefert. Man könnte, wie in jeder geistig normalen Umgebung, den Käufer freundlich, aber nüchtern über den Fortgang der Sache in Kenntnis setzen, andere Möglichkeit: der Rest der Welt zieht endlich auch nach Berlin. Hier macht sich der Bekloppte nur verdächtig, wenn er die Kundschaft nicht grundlos zur Begrüßung anpöbelt.

Ganze Beraterrotten kotzen Optimierungsmüll über die Belegschaften, die auch ohne schon nicht mehr wissen, wie sie den Tag überstehen sollen. Es ist generell alles, was konfliktbehaftet sein könnte, ein potenzielle Krise, und Krisenkommunikation bedeutet heute, dem Partner klarzumachen, dass es diese verdammte Krise gar nicht gibt. Grinsend wie ein bekiffter Gaul. Wenn es nicht klappt, ist der Krisenkommunikator schuld und tippt eine vor Selbstbewusstsein überschwappende Kündigung, in der er bekannt gibt, dass er sich hinfort in einer anderen Pissbude neuen Herausforderungen stellen wird. Hätte er, höchstwahrscheinlich die Knalltüte mit dem Messer, nur einmal das Resthirn angeworfen und den Affekt entdeckt, die Triebkraft hinter der Maskenfassade, die das Unehrliche aufbricht, um die Auseinandersetzung zuzulassen. Wahrscheinlich ist es den Voodoojüngern lieber, die offene Auseinandersetzung zu ersticken, denn sonst würde sich ja etwas ändern. Und jeder Änderung könnte ein Nachdenken innewohnen, wer hier eigentlich wen verarscht. Und warum. Und dass es nicht damit getan ist, die Hackfressen aus der TV-Silvesterparty, die komplett verstrahlt irgendeinen Frohsinn unter sich lassen, mit dem Pflasterstein auszuknipsen.





Draußenminister

1 05 2013

„So eine komische Frisur, sagen Sie? Warten Sie noch einen Augenblick. Friedrich? Klingt nicht geheuer. Sagen Sie dem Personal, wir müssen erstmal das Gepäck durchsuchen. Möglicherweise planen die beiden ja einen Terroranschlag.

Geben Sie ihm Tomatensaft. Bier kriegt er nicht, sonst kotzt er uns am Ende noch das ganze Rollfeld voll. Und angeschnallt lassen. Keine Sperenzchen. Das ist hier so Usus, also halten sich unsere Besucher daran. Sonst haben sie direkten Anschluss nach Guantanamo.

Das ist uns völlig egal. Meinetwegen kann sich der Typ als Kaiser von China verkleiden, ob das ein Terrorist ist, entscheiden wir. Mit dem Finger am Abzug. Die Vereinigten Staaten sind nicht umsonst ein freies Land. Wir gedenken es auch in Zukunft von Terroristen frei zu halten.

Meine Güte, irgendwo werden Sie doch wohl Erdnüsse auftreiben! Schon klar, diese Deutschen sind ein empfindliches Völkchen. Gib ihnen die im Preis inbegriffene Decke, und wenn sie nicht größer ist als erwartet, dann tun sie so, als hätten sie gerade zwei Weltkriege gewonnen. Unangenehm.

Was hat der? Innenminister? Machen Sie ihm klar, in welchem Teil der freien Welt er sich hier befindet. Wenn er anfangen sollte, seine eigenen Vorstellungen zu entwickeln, ist er aber ganz schnell Draußenminister. Was erzählt er? Boston sei die Warnung für Europa gewesen? Und die Anschläge in London und Madrid waren dann die Warnung für die USA? Sagen Sie mal, hat die Merkel jetzt auf Billigpersonal umgestellt?

Bei uns entscheiden die Grenzbeamten alleine, wen sie kontrollieren. Verstehe ich gar nicht, warum sich dieser Typ jetzt so aufregt. Seine Polizisten und seine V-Leute machen doch auch, was ihnen in den Kram passt.

Das könnte nämlich auch ein Terroranschlag sein. Der ist vor langen Jahren aus Bayern eingewandert und hat sich komplett integriert – weiß man doch, dass das die Schlimmsten sind, die man nicht auf den ersten Blick für landfremde Elemente hält – und jetzt will er die deutsch-amerikanischen Beziehungen in die Luft jagen. Oder die deutsch-demokratischen. So genau weiß man das bei ihm nicht.

Na, halt irgendeine Zeitung mit Sportteil. Die deutschen Zeitungsverlagen kippen ihr Altpapier doch immer in die Flugzeuge rein, und der FC hat gerade mit diesem Hoeneß einen Cup in der Schweiz gewonnen, oder irgendwie so. Also geben Sie ihm Zeitungen.

Wieso fragt er? In Zeiten wie diesen müssen wir uns vor Feinden der Demokratie ganz besonders schützen. Er hat doch einen Verfassungsrichter offen angegangen? Und wie oft wurde er vom Bundesverfassungsgericht schon zurückgepfiffen? Und dieser Mann brauchte nicht mal das Internet, um sich zu radikalisieren.

Stellen Sie sich mal vor, wir hätten damals Nacktscanner aufgestellt. Nein, stellen Sie sich das lieber nicht vor!

Schwarzbrot? Wo soll ich denn jetzt Schwarzbrot hernehmen? Er wird langsam nervös, oder? Sagen Sie mir rechtzeitig, wenn er Schnellkochtöpfe verbieten will. Unamerikanische Umtriebe können wir nicht dulden. Einmischung innerhalb des amerikanischen Lagers geht gar nicht. Außerhalb noch weniger.

Jetzt beschwert er sich, dass wir seine eingebetteten Journalisten überprüfen. Was für ein Idiot. Wer hat denn die Schleppnetzfahndung erfunden?

Mal sehen, was ihm als nächstes einfällt. Visumspflicht für Nichtchristen. Oder er lässt allen Touristen die Fingerabdrücke abnehmen. Verhindert keine Terroranschläge, hilft nur begrenzt bei der Aufklärung, ist aber noch teurer und noch umständlicher als Videoüberwachung. Aha, ein zentrales Online-Registrierungssystem. Hat er bei uns um Erlaubnis gefragt?

Wärmen Sie ihm irgendwas auf. Sie haben doch dieses in Folie verpackte Zeug, das wie schon mal gegessen schmeckt. Unsere Jungs im Irak haben auch nichts Besseres, aber die jammern wenigstens nicht herum deswegen.

Wer in die EU einreisen will, der meldet sich im Internet an und sagt, wer er ist, und was er in der EU will? Tippe, wenn ein paar tausend Afghanen plötzlich De-Mail nutzen, sieht er das als positives Signal für die Leistungsfähigkeit der deutschen Internetwirtschaft?

Wiederholen Sie das bitte. Zielperson hat Augen geschlossen und schnarcht. Wir haben es unter Umständen mit einem Schläfer zu tun. Und die wundern sich, wenn wir Sicherheitskontrollen durchführen? Gehört der eigentlich auch zu diesen Schleckers, die der Vizekanzler um jeden Preis in Jobs drängen wollte, für die sie nicht qualifiziert sind?

Der andere? Der liefert nur Panzer in Kriegsgebiete. Harmloser Trottel, den können Sie reinlassen.“





Noch einen Koffer in Berlin

19 12 2012

Er kritzelte ein paar Notizen in sein Heft. Dann tippte er mit dem Zeigefinger auf das Mikrofon. „Albatros, hier Albatros. Kommen!“ Es knarzte in meinem Kopfhörer. Leises Rauschen und eine abrupte Stille zeigten, die Mission ist nicht einfach. Die Tür flog auf. Ich zuckte zusammen. Die Frau trug eine Polizeiuniform.

„Ruhig“, sagte Berger. „Ganz ruhig. Es ist Tina, die Sie am Eingang empfangen hat. Sie erkennen sie nur nicht wieder, weil sie jetzt hinter einem Schutzhelm steckt und der Sicherheitsbekleidung.“ Dabei war Tina wesentlich nervöser als ich. Nicht jeden Tag gelangte ein Außenstehender in diesen Unterschlupf. Hinter dem Hinterhausflügel öffnete sich ein schmaler Gang bis zum Gartenschuppen, an den ein weites Brachland grenzte, mehrfach abgeteilt durch Maschendrahtzäune. Zwei dieser Parzellen hatten eine Falltür, ein von ihnen war aus Eisen. Die andere, eine morsche Holzklappe, führte zu dem modrigen Raum, der einen komfortablen Lastenaufzug mit elektrischer Beleuchtung beherbergte, den Weg in die Unterwelt. Hier war der Boden mit Teppich ausgelegt, Wasserautomaten standen in den Nischen, Radios und Ventilatoren. „Sie müssen verzeihen“, wandte Berger ein. „Wir hatten noch nie Besuch, schon gar nicht von Personen, die unserer Organisation nicht angehören, und Sie sind nun schon seit gestern hier.“ „Wie kann man Ihrer Organisation angehören“, gab ich zurück. „Mitgliedausweise geben Sie ja nun gerade nicht aus.“ Er lächelte. „Wir wissen schon, ob Sie uns gefährlich werden können.“

An der Wand hing eine Landkarte, gespickt mit vielen blauen, einigen gelben, vereinzelt roten Nadeln. „Napoleon Tango Duisburg“, sprach er ins Funkgerät. „Erwarte Bericht. Kommen.“ Es knackte und knisterte. „Hier Duisburg“, quäkte es leise in der Hörmuschel. „Dichte drei, Ausnahmefall. Kommen.“ „Es sind die Weihnachtsmärkte“, erläuterte Berger. „Der Bundesinnenminister plant ja meistens sehr gründlich. Er gibt über die Medien bekannt, dass ein Großteil der Sicherheitskräfte auf den Weihnachtsmärkten am Boden festgeschraubt wird. Was tun also sämtliche Terroristen?“ Ich kratzte mich am Kinn. „Sie machen für die nächsten zehn Jahre einen großen Bogen um die Weihnachtsmärkte.“ Er nickte. „Richtig. Kein Terrorist weit und breit. Und der Innenminister wird das auch noch als taktischen Sieg feiern, weil er nicht genau begriffen hat, worum es geht.“

Auf dem verrauschten Monitor war ein Mann zu sehen, hinter dessen Rücken ein Papierkorb stand. Der Aufseher griff sich in die Tasche und zog einen kleinen Beutel hervor, sicherlich ein Frühstücksbrot oder eine Tüte Vogelfutter. „Obacht!“ Jetzt warf er es mit lässigem Schwung in den Abfall. Drehte sich um, schritt auf das Häuschen mit dem Schaltkasten zu und nestelte an der Jacke, um die offizielle Trillerpfeife hervorzuziehen. „Sie sehen“, lächelte Berger, „auch den Bahnhof haben wir voll im Griff. Wer in einen bahneigenen Papierkorb eine Tüte mit Kieselsteinen schmeißen kann, der kann auch einen Bahnhof in die Luft jagen.“

Die Liste verzeichnete eine ganze Reihe von Standorten. „Albatros, hier Albatros. Potsdam?“ Stille. „Potsdam? Hallo?“ „Laut Ihrer Liste wäre doch jetzt Stuttgart an der Reihe“, warf ich ein. Er war verärgert. „Erstens haben die Stuttgarter mit ihrem Bahnhof gerade gang andere Probleme, und zweitens handelt es sich um eine Rückrufaktion. Die regierenden Sicherheitsbehörden haben die Gefahr nicht einmal erkannt, also müssen wir den Köder wieder einholen. Wir hatten noch einen Koffer in Berlin.“

Eine der Attrappen stand in der Ecke. „Natürlich nur mit Zeitungspapier“, beruhigte mich Tina. „Wir haben auch keinen Zünder eingebaut.“ „Und warum dann Zeitungspapier?“ „Die Ermittlungsbehörden haben eine panische Angst, sich beim Lügen ertappen zu lassen. Deshalb haben sie sich darauf geeinigt, den Inhalt als brennbares Material zu deklarieren. Das hört sich gefährlich an und ist nicht ganz verkehrt.“

„Napoleon Tango Tübingen. Tübingen? Hallo?“ Nichts rührte sich in der Leitung. Berger stöhnte. „Wie sollen wir das rechtzeitig schaffen. Wir haben ein flächendeckendes Netz, das versorgt sein will – generalstabsmäßige Planung, die Allokation der Ressourcen auf den Punkt, um just in time zu liefern. Wir müssen das organisieren, verstehen Sie? Wir können nicht einfach die ganze Aktion abblasen, nur weil wir plötzlich die Märkte nicht mehr im Griff haben. Wir können nicht einfach so tun, als ob wir uns den Mechanismen unterwerfen, das wird von uns erwartet, dass wir mit unserer Leistung den Markt dominieren.“ „Und wenn Sie von den Geheimdiensten unterwandert worden sind?“ Er schüttelte den Kopf. „Ausgeschlossen. Ich war selbst jahrelang V-Mann, ich kenne die. Notfalls genügt ein Anruf, eine kurze Botschaft nach drinnen – nehmen Sie es mir nicht übel, wir haben Sie natürlich überprüft, aber Sie sind ja sauber – und dann wissen wir, was Sache ist. Nur – “ Berger räusperte sich umständlich. „Wir haben einen ganzen Staat als Gegner, wir können uns keine Sentimentalitäten erlauben.“ Ich lehnte mich zurück. „Durchaus verständlich, aber Sie steigern sich da in etwas hinein. Man sollte ein bisschen mehr Abstand wahren als Freiheitskämpfer.“ Berger sah mich empört an. „Für wen halten Sie mich? An meinem Unternehmen hängen Arbeitsplätze! Wir verkaufen Sicherheitstechnik!“





Allzweckwaffe

3 10 2012

„Und die haben mit Kastanien geschmissen? Das ist egal, wenn es Araber waren, können auch 4-Jährige durchaus eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen. Selbstmordattentate, die werden ja oft im Stadtpark geboren.

Wir müssen wachsam sein. Schon, weil die in der Zentrale nicht tun können, was sie wollen. Das funktioniert ja alles nicht. Die haben doch allen Ernstes Meldebuttons für terroristische Inhalte gefordert. Wie soll denn das funktionieren? Stellen Sie sich mal vor, Sie fahren mit der Straßenbahn, und da sitzt so ein langhaariger Student – diese Staatsfeinde, die uns zehn Jahre lang zum Narren gehalten haben, das sind alles langhaarige Hippies, die erkennt man sofort – und der liest auf seinem Computertablett linksradikalen Schund wie den Spiegel. Habe ich da etwa einen Notfallknopf in meinem Regenschirm, oder muss ich diesen stalinistischen Wirrkopf noch von Hand niederknüppeln? Die da oben machen sich eben viel zu wenig Gedanken.

Keine Vorkommnisse? Haustiere haben die auch keine? Das könnte verdächtig sein. Muss nicht, könnte aber. Man soll nicht vorschnell etwas ausschließen. Besuch, der nicht über Nacht bleibt? Das soll es geben, aber ich würde trotzdem – es sind Ausländer? Sie haben ausländisch gesprochen? Seien Sie auf der Hut. Notieren Sie auf jeden Fall, was Sie bemerken. Sollten Sie es nicht verstehen, das macht gar nichts. Notieren Sie es. Wir verstehen das dann auch nicht.

Wir müssen eben noch viel sensibler werden für die vielen terroristischen Bedrohungen. Man muss da mit gesundem Menschenverstand herangehen. Wenn Sie nicht genau wissen, ob Sie eine Erkältung oder einen Herzinfarkt haben, worauf lassen Sie sich denn behandeln? oder wollen Sie das etwa dem Arzt überlassen?

Nein, ich habe auch keine Ahnung, wie Schwedisch klingt. Vielleicht war es auch Dänisch? Solange es sich um – ja, ich weiß. Neger sagt man nicht, aber dann geht die Kommunikation mit unseren Sicherheitsexperten einfacher, wenn wir nicht immer alles erklären müssen.

Terrorismus ist doch eine Frage der Definition, oder? Ich frage für ein Bundesministerium des Innern. Weil die Kollegen da ja aktiv sind. Sehr aktiv. Und weil sie größtenteils gar nicht wissen, was sie da machen. Oder sie merken es erst hinterher. Da wäre es doch besser, sie würden wenigstens ab und zu wissen, worum es geht.

Am schlimmsten sind doch die, bei denen man schon vorher nicht weiß, was man hinterher nicht gewusst haben könnte. Wir können natürlich nicht für alles die Bürger verantwortlich machen, aber wir versuchen unser Bestes.

Chinesen? Sie müssen sich überhaupt keine Sorgen machen. Das sind größtenteils befreundete Ausländer, die zu Besuch sind. Die verhalten sich völlig unauffällig. Das sind die so gewohnt. Nein, es handelt sich um Gäste, die sind bald wieder – die leben hier? Dann wäre ich vorsichtig. An Ihrer Stelle würde ich auf meinen Hund aufpassen. Der Chinamann kennt da kein Pardon. Es soll da schon Leute gegeben haben, sie sich einfach der Kontrolle entziehen.

Verhältnismäßigkeit! Wenn ich das schon höre. Verhältnismäßigkeit – was ist verhältnismäßig? Ich bin verhältnismäßig sicher, dass für die Sicherheit nicht genug getan werden kann. Lassen Sie mich jetzt nicht mit dem Totschlagargument kommen, dass man da noch viel mehr Arbeitsplätze schaffen könnte. Das ist nun echt zu ausgelutscht, seitdem Schily gemerkt hat, dass er selbst Aufsichtsrat der Biometrie-Firma war, die den biometrischen Pass produziert. Der wird sich vielleicht erschrocken haben! Nein, kann man nicht machen. Geht nicht. Aber man sollte nicht unerwähnt lassen, dass die Sicherheitsbranche mit ihren stabilen Aktienkursen im Ausland einen guten Eindruck hinterlässt. Meinen Sie, die Araber würden sonst bei uns ihre Waffen kaufen, wenn sie nicht genau wüssten, wie leistungsfähig Deutschlands Wirtschaft ist? Wenn es Araber sind, die können wirtschaftlich durchaus einen Stabilitätsfaktor für die nationale Sicherheit darstellen. Wir sollten da ein bisschen Vorsicht walten lassen, verstehen Sie? Schließlich sind wir eine Exportnation.

Wir unterstützen die Wirtschaft. Wenn Sie versuchen, ein Sicherheitsunternehmen zu gründen, könnten wir Ihnen behilflich sein. Man kann ja nicht alles allein machen.

Das muss noch nichts heißen. Es gibt ja auch Terroristen, die man nicht als solche erkennt. Wenn Ihr Nachbar seit Jahren hier unauffällig lebt, könnte es sich auch um einen Schläfer handeln. Die terroristische oder extremistische Nutzung des normalen Lebens oder die Diskriminierung von anderen, die nicht auf rechtlicher Grundlage – also jedenfalls nicht eine offiziell durch die – das muss man unterbinden, falls es illegal werden könnte. Sie sind da als Bürger gefragt. Als wehrhafte Bürger, die unsere Vorstellung von Demokratie verteidigen gegen andere Auffassungen, die Sie möglicherweise nicht verstehen.

Natürlich könnte man den Begriff auch noch wesentlich weiter fassen, das ist schon richtig. Dann hätte man viel mehr Treffer im Suchraster, und es sollte sich – wir? Wie kommen Sie denn ausgerechnet auf uns?“





Ausschussware

20 09 2012

„Können Sie sich noch erinnern?“ „Ich weiß nicht.“ „Also können Sie sich nicht mehr erinnern?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Aber Sie sagen doch, Sie wissen nichts mehr.“ „Das habe ich nicht gesagt, ich habe gesagt: ich weiß nicht.“ „Aber das heißt doch, wenn Sie nichts mehr wissen, dann können Sie sich auch nicht mehr erinnern.“ „Nein, das heißt nur, dass ich nicht weiß, ob ich mich noch erinnern kann.“ „Aber wenn Sie das nicht mehr wissen, dann heißt das doch, Sie haben keine Erinnerungen mehr, dann können Sie sich also nicht mehr erinnern.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Aber Fakt ist doch, Sie können sich eben nicht mehr erinnern.“ „Ich weiß nicht.“

„War Ihnen klar, dass Sie etwas wussten?“ „Ich weiß nicht.“ „Es geht auch nicht darum, ob Sie etwas wissen…“ „Das weiß ich ja auch nicht.“ „… sondern ob Sie etwas gewusst haben.“ „Das wusste ich nicht.“ „Wussten Sie nichts?“ „Ich habe nicht gewusst.“ „Dass Sie etwas wissen sollten?“ „Ich hatte nicht gewusst.“ „Also wussten Sie es dann später?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Oder war Ihnen gar nicht klar, dass Sie etwas wussten?“ „Weiß ich nicht.“ „Und dass Sie es hätten wissen können?“ „Ich wusste nicht, ob ich etwas hätte wissen sollen.“ „Und ob Sie etwas hätten wissen wollen?“ „Ich weiß nicht.“ „Wussten Sie es nicht?“ „Ich wusste doch nicht, ob ich etwas hätte wissen wollen, sonst hätte ich es ja wissen müssen.“ „Und Sie hätten das auch nicht wissen können?“ „Das konnte ich nicht wissen.“ „Wollten Sie nicht?“ „Ich weiß nicht.“ „Also sollten Sie nicht wollen.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Sollten Sie denn?“ „Ich weiß nicht.“ „Und Sie wussten auch nichts.“ „Das habe ich nicht gesagt.“

„War Ihnen klar, dass Sie eventuell nicht die Wahrheit sagen würden?“ „Ich weiß nicht.“ „Ist Ihnen klar, dass Sie möglicherweise damit eine Falschaussage machen?“ „Ich weiß nicht.“ „Also wissen Sie nicht, ob Sie die Wahrheit sagen?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Ist es denn wahr, was Sie aussagen?“ „Ich weiß nicht.“ „Und wissen Sie, dass es unter Umständen nicht der Wahrheit entspricht?“ „Woher soll ich das wissen?“ „Wenn Sie die Wahrheit sagen, müssen Sie doch wissen, was wahr ist.“ „Ich weiß nicht.“ „Also sagen Sie – wie Sie es sagen – die Wahrheit, ohne zu wissen, ob es die Wahrheit ist?“ „Weiß ich nicht.“ „Ohne zu wissen, was überhaupt die Wahrheit ist.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Und Sie wissen auch, dass Sie damit nicht die Wahrheit sagen.“ „Ich weiß nicht.“ „Wissen Sie denn die Wahrheit?“ „Ich weiß nicht.“ „Also wissen Sie sie nicht.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Sondern?“ „Dass ich es nicht weiß. Ich hatte ja nicht alleine Verantwortung, nur für die semantischen Informationspannen.“

„Also musste bei Ihnen doch jemand gewusst haben, was die Wahrheit ist.“ „Weiß ich nicht.“ „Es muss jemand gewusst haben, denn sonst wäre Ihre Darstellung keine Informationspanne.“ „Ich bezog mich nur auf die Semantik.“ „Wie darf ich das denn verstehen?“ „Ich weiß nicht.“ „Wollen Sie mich veralbern?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Was denn!?“ „Ich weiß nicht.“ „Wenn das hier nur eine Informationspanne gewesen sein sollte, dann hätte doch einer wissen müssen, was die Wahrheit ist.“ „Ich weiß nicht.“ „Er hätte es wenigstens wissen können.“ „Ich weiß nicht.“ „Und sicherlich hätte er das wissen sollen.“ „Weiß ich auch nicht.“

„Hatten Sie von den Akten gewusst?“ „Ich weiß nicht.“ „Sie werden doch wohl heute wissen, ob Sie vor heute von den Akten in Kenntnis gesetzt worden sind!“ „Ich – nein, ich hatte sie nicht gesehen.“ „Von innen?“ „Ich weiß nicht, wie ich sie nicht gesehen hatte.“ „Von außen haben Sie sie gesehen?“ „Nein.“ „Von innen?“ „Ich weiß nicht.“ „Sie wussten also von diesen Akten gar nichts.“ „Ich weiß nicht.“ „Und Sie haben sie auch nicht gelesen oder zur Kenntnis genommen oder sogar selbst gesehen?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Dann haben Sie sie also zur Kenntnis genommen.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Sie haben diese Akten nicht zur Kenntnis genommen? „Ich weiß nicht.“

„Wer wusste davon?“ „Wovon?“ „Dass Sie nicht wussten.“ „Ich weiß doch nicht, was ich nicht wusste. Wenn ich das hätte wissen können, wüsste ich es doch.“ „Hätten Sie es wissen können?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Wollten Sie denn?“ „Es sagen?“ „Es wissen.“ „Das weiß ich nicht.“ „Und wenn Sie es hätten sagen wollen?“ „Das hätte ich nicht gewusst.“ „Also wissen Sie es jetzt?“ „Ich weiß nicht.“ „Sie wussten es also später.“ „Weiß nicht.“ „Und Sie sagen, Sie wissen es jetzt nicht mehr?“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Sie wissen, was Sie wussten, da Sie es hätten wissen müssen?“ „Ich hatte es aber nicht wissen können.“ „Weil Sie es nicht hatten wissen wollen.“ „Das – ich weiß nicht.“ „Und Sie wussten nichts?“ „Wir wussten nur, dass wir nicht wussten.“ „Weil keiner wusste, was die anderen hätten wissen sollen?“ „Das haben wir nicht wissen können.“

„Haben Sie dann jetzt die Unwahrheit gesagt?“ „Weiß ich nicht.“ „Sie haben also nichts als die Wahrheit gesagt.“ „Das habe ich nicht gesagt.“ „Nichts als die Wahrheit?“ „Das sage ich doch die ganze Zeit.“ „Gut, dann habe ich auch keine weiteren Fragen mehr.“ „Ich weiß.“





Kommando Feierabend

18 09 2012

„… es ein vermeidbarer Eklat gewesen wäre, hätte die Bundesregierung darauf verzichtet, Wolfgang Clement als Gastredner freie Hand zu lassen. Die Diskussionsveranstaltung habe sich offensiv für eine Euthanasie alter Arbeitnehmer ausgesprochen, wobei das Alter nach SPD-Tradition stufenweise in drei Schritten abgesenkt und…“

„… immer mehr Rentner sich dazu gezwungen sähen, mit geringfügigen Beschäftigungen ihren Lebensunterhalt aufzustocken. Wirtschaftsminister Rösler (FDP) begrüße daher die Absenkung eines Mindestlohns unter 2,40 Euro, da nur so eine höhere Anzahl an Arbeitsstunden geleistet werden könne, wodurch noch mehr Rentner in Minijobs…“

„… einen Ideenwettbewerb, der Uschi II – das ehemalige Hartz IV – durch Riester X zu…“

„… nun durch das Bundesverfassungsgericht geklärt. Die Regierung sei nun nicht mehr befugt, die Renten als sicher zu bezeichnen, wodurch…“

„… ein Generalstreik zwar verboten, wovon sich die Rentner jedoch nicht hätten beirren lassen. In ganz Berlin seien an diesem Morgen weder Brötchen noch Zeitungen des ausgeliefert worden, ganz zu schweigen von Straßenreinigung, Schulwachdienst sowie…“

„… dass die BILD-AktionIhr habt Deutschland im Stich gelassen sich versehentlich gegen den harten Kern der Leser richte. Der Springer-Konzern habe daher kurzfristig beschlossen, eine Hetzkampagne gegen…“

„… die Grauen Panther wiederzubeleben, zur Bundestagswahl anzutreten und als Protestpartei in die Opposition zu gelangen. Westerwelle habe ein Verbot gefordert, da die Neugründung von Parteien, die sich als verbraucht und überflüssig gezeigt hätten, nur ein Zeichen von spätrömischer…“

„… wolle der Bund Deutscher Kriminalbeamter präventiv die Bewegungsprofile aller verdächtigen Personen in den Konfliktgebieten aufzeichnen. Man habe nach mehrtägigem Betrachten von Google Earth jedoch kaum Veränderungen in den Straßenzügen festgestellt, so dass der BDK-Vorsitzende Schulz vorgeschlagen habe, die Rädelsführer, die größtenteils älter als 90 Jahre alt seien, mit Fußstreifen zu…“

„… habe Gabriel heftig dementiert, die SPD als Partei der Besserverdienenden bezeichnet zu haben. Sie sei die Partei der Aufsteiger, da sie sich in den vergangenen Jahren verjüngt und um…“

„… stehe die Forderung nach einer Garantierente noch immer im Raum. Die Besetzung der Seniorenresidenz im Regierungsviertel sei nur der erste Schritt, man werde noch zu Lebzeiten…“

„… die Führung der Aufständischen strikt zurückgewiesen. Kauders letztes Angebot, den Rentnern beim Besuch eines Kirchencafés einmal pro Monat ein Stück Bienenstich zum halben Preis zu verkaufen, sei nicht…“

„… ein kurzes, aber äußerst brutales Feuergefecht. Alle mutmaßlichen Täter besäßen Weltkriegserfahrungen, die generalstabsmäßige Planung der Entführung sei daher nur…“

„… im Kanzleramt eingegangen. Das mit Kommando Feierabend gezeichnete Bekennerschreiben der Rentner Armee Fraktion sei auf seine Echtheit geprüft und durch Spuren von Gebisseiniger als authentische…“

„… nie eine Chance bestanden, Heiner Geißler als Unterhändler zu…“

„… mit der Post ein erstes Lebenszeichen eingetroffen sein solle. Es handele sich um einen Finger der Arbeits- und Sozialministerin, der zwar mit chirurgischer Präzision abgetrennt…“

„… schwerer zu kontrollierende Einzelaktionen. Während Polizei und Verfassungsschutz eine große Anzahl von Pensionären erzeugt hätten, die sich schon am Tage ihres Ausscheidens nicht mehr für die Obliegenheiten ihres Dienstes interessierten, seien die bei Wasser- und Elektrizitätswerken, Bahn- und Busbetrieben beschäftigten Rentner noch immer in der Lage, mit ihrem Wissen innerhalb weniger Stunden ganz Deutschland…“

„… hätten der DGB erst jetzt Zeit gefunden, sich dahin gehend zu äußern, dass er sich nicht zu der aktuellen Lage äußere, um nicht im Falle einer plötzlichen Neuwahl die…“

„… habe der Verfasser der Flugblätter, Volker E. (97), bei seiner Ergreifung einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Die Gruppe Goldener Herbst habe neben kriminellen Forderungen wie der Beibehaltung des Rentenniveaus und der Korrektur der Arbeitslosenstatistik auch…“

„… in Deutschland ein Sympathisantensumpf gebildet, der beaufsichtigt und in Schutzhaft genommen werden müsse. IM Friedrich habe bei der Konferenz vorgeschlagen, jeden Bürger, der mutmaßliche Kontakte zu einem Rentenempfänger würde unterhalten haben können, mit der vollen Härte des…“

„… die Kanzlerin beschlossen, erst ab dem fünften Lebenszeichen von der Leyens einen Bundeswehreinsatz im Inneren zu…“

„… in aller Stille beigesetzt worden. Unter den Trauergästen habe nur Dieter H. (85) mit den Worten ‚Volker, der Kampf geht weiter!‘ am Grabe des Verblichenen eine…“

„… endlich zu einem fraktionsübergreifenden Kompromiss, die Zuverdienstgrenzen für Grundrentner nicht mehr als nötig herabzusetzen. Dadurch würden zusätzliche Anreize geschaffen, freiwillig Arbeitsplätze für andere Rentner…“

„… hätte es niemand für möglich gehalten, dass das gesamte Bundeskabinett auf einmal…“





Konstruktive Mitarbeit

11 09 2012

„Und Bomben werfen Sie auch keine? Nehmen Sie eventuell Geiseln? Ich muss das wissen, falls wir eine Bürgschaft für das Lösegeld eingehen müssen. Oder wenn Sie eine politische Organisation sein sollten, mit der wir noch nicht zusammengearbeitet haben. Für die NPD oder so, da haben wir immer ein paar Scheinchen in der Schreibtischschublade, aber wenn Sie jetzt so ein neuer Verein sind – mit al-Qaida assoziiert? und Sie haben auch alle Mitgliedsausweise? Dann ist das in Ordnung. Wir sind gerne für Sie da.

Nein, das haben Sie falsch verstanden. Wir sind keine Abteilung des Innenministeriums. Wir sind das Innenministerium. Das Ex-Innenministerium. Wir waren mal ein Bundesministerium des Innern, so ganz richtig und normal. Dann hatten wir diesen Innenminister, der war aber weder – ja, und jetzt ist hier das Bundesamt für terroristische Bedrohungen. Wir sind neu ausgerichtet worden. Nach Mekka? Verstehe ich nicht. Ach so, deshalb. Nein, wir sind für alle zuständig. Auch für Linksradikale, wenn die mal jemand finden sollte.

Streng nach Vorschrift. Das muss so sein, Sie müssen sich streng an die Vorschriften halten. Wenn Sie einen Anschlag melden, dann verwenden Sie bitte ausschließlich Vordrucke des Bundesamtes. Und fügen Sie sämtliche Belege bei, sonst wird das mit der Kostenerstattung nur unnötig in die Länge gezogen. Wie gesagt, streng nach Vorschrift. Wir sind schließlich in Deutschland hier, und ohne die ganzen Formblätter macht das Verfahren keinen –

Gerne auch zivil, das ist unsere Spezialität. Wir haben ja eine Menge Mitarbeiter, die keine Zeit hatten für eine fachgerechte Ausbildung. Die kriegen in drei Tagen die Grundanforderungen des Geheimdienstwesens rein, eine Doppelstunde Allgemeinbildung, und dann noch dies Faltblatt mit Kurzinfo zur Verfassung. Die Rückseite ist frei, deshalb wird das gerne als Notizzettel mitgeführt. Das verbessert unsere Arbeit. Vorher hatten wir manchmal Einsätze, bei denen unsere Mitarbeiter keine Aussagen über Tathergänge oder verdächtige Personen machen konnten, weil sie gerade keinen Notizblock zur Hand hatten, und das hat uns auf Dauer nicht befriedigt. Wir wollen da konstruktiv an unseren Fehlern arbeiten.

Nein, wirklich! Stellen Sie sich das mal vor: von dem NSU, da haben wir ja eigentlich erst aus der Zeitung erfahren. Das geht natürlich gar nicht. Wenn sich sogar das Fernsehen schon beschwert, dass sie von uns keine relevanten Informationen bekommen, dann müssen wir einfach mehr liefern.

Sie dürfen verfassungsfeindliche Abzeichen tragen, aber rechnen Sie damit, dass das in der Bildung einer terroristischen Vereinigungen bereits enthalten sein dürfte und nicht extra gewertet wird. Machen Sie sich und uns doch bitte nicht mehr Aufwand als nötig, dann können wir Ihnen in organisatorischen Fragen auch entgegenkommen. Gut, einverstanden. Dann kleben Sie das aber bitte auch ins Bekennerschreiben, ja? Wir haben dann weniger Probleme mit der Zuordnung.

Wollten Sie hier irgendetwas mit Flugzeugen machen? Nein, ich frage nur so, weil heute zufällig der 11. September ist. Ja, das müssten Sie natürlich beantragen, das sind dann zwei Formblätter extra wegen der Luftsicherheit. Sie müssten Flugroute und Zielgebiet angeben und ob Sie dafür Personal brauchen. Ja, das gehört auch zum Bürgerservice. Sie melden eine Demonstration auch ganz normal an und entscheiden, ob Sie als Nazi-Organisation gerne Polizeischutz hätten. Oder Schutz vor der Polizei. Ich frage wegen der Sondergenehmigung. Wissen Sie schon, ob Sie die brauchen? Ja, in der Theorie schon. Aber praktisch könnte das natürlich schwierig werden, da müssten Sie vielleicht beim Verwaltungsgericht noch einen Eilantrag stellen. Das Formblatt haben wir hier, das kann ich Ihnen auch gleich mitschicken. Die Deutsche Bank in Frankfurt? Schwierig, sehr schwierig. Haben Sie einen Rechtsanwalt, der Sie berät? Das wird sehr schwierig. Die werden noch gebraucht, die Türme. Fliegen Sie doch lieber gleich in den Reichstag.

Doch, das machen wir gern für Sie. Bürgernähe ist unser Auftrag – wir würden Sie gerne noch mehr entlasten und mehr Informationen ohne Ihr direktes Zutun sammeln, aber das birgt eben auch große Gefahren. Nein, nicht das. Es kommt eben nur so viel weg in diesem Haus. Es wird auch viel verwechselt. Oder es fällt unter den Tisch. Und wir können ja nicht ständig Terrorismusanträge prüfen, wenn wir nicht wissen, ob das wirklich stattfindet.

Geht nicht. Wir haben alles ausprobiert, auch in Bayern. Sie müssen uns das schon noch einreichen. Wir können die Kosten leider nicht einklagen, wenn Sie darauf vertrauen, dass der Staat seine Arbeit ordentlich macht.

Darum geht es ja auch. Mehr Transparenz. Niederschwellige Angebote. Einfach mal einen Weihnachtsmarkt sprengen – gerne, aber dann doch bitte auch rechtskonform. Und sicher. Oder dem Nachbarn die Bunde abfackeln. Splitterbomben am Bahnhof. Das muss schon professionell geplant sein. Sie können uns auch gerne vorher ein Exposé zusenden, wir prüfen das dann. Gerne auch mit rechtsverbindlicher Machbarkeitsstudie, wir haben da ein paar Fachkräfte aus Hessen an Bord.

Gut, habe ich notiert. Ein Sprengsatz, kleinere Sachschäden, eine Hundertschaft Polizei, Sperrung des Häuserblocks. Ja, habe ich. Und wen wollen Sie weghaben? die Bundesregierung?“





Die Kunst der Deduktion

20 06 2012

„Sie werden erwartet.“ Der Diener öffnete die Flügeltüren und deutete eine Verbeugung an. Der Raum lag im Halbdunkel; schwere Vorhänge aus weinrotem Samt hielten das Tageslicht ab. Mit unbewegter Miene saß der Gastgeber hinter seinem Schreibtisch, das Kinn spitz in die Luft gereckt, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Ich erkannte ihn sofort. Es war Sherlock.

„Sie gehen keiner geregelten Tätigkeit nach“, eröffnete er unvermittelt das Gespräch, „außerdem sind Sie ein Hundenarr.“ Ich lächelte. „Sie werden mir sicher verraten, woran Sie das erkannt haben.“ „Nichts leichter als das!“ Holmes setzte sich auf. „Sie sind nicht mit dem üblichen Zehn-Uhr-Zug gekommen, denn sonst wären Sie sicher eine Viertelstunde früher eingetroffen. Wenn Sie aber länger schlafen können, sind Sie niemandem Rechenschaft schuldig.“ „Richtig“, antwortete ich, „allerdings hatte ich auf der Anfahrt das Bedürfnis, bereits in Regent’s Park auszusteigen und ein paar Schritte zu Fuß zu gehen. Eine ältere Dame bat mich, ihr die Reisetasche aus dem Kofferraum zu heben, und einem Touristen, der mich mit einem Einheimischen verwechselt hatte, musste ich den Weg zur Devonshire Street erklären. Übrigens bin ich um acht gekommen, der Zug hatte nur reichlich Verspätung. Bliebe der Hund.“ „Sie werden die blonden Haare an Ihren Hosenbeinen sicher nicht absichtlich angebracht haben“, grummelte er. „Sie stammen von einem mittelgroßen, stämmigen Hund.“ „Das entspräche so weit den Tatsachen“, bestätigte ich, „allerdings handelte es sich um ein Tier, das im Zug mitfuhr. Wäre ich ein Hundenarr, ich hätte mich sicherlich heruntergebeugt, um seine Flanken zu streicheln, und mir dabei ein paar Haare auf den Ärmeln zugezogen. Das wird Ihnen doch wohl nicht entgangen sein?“

Er nippte an seinem Tee. „Wie Sie soeben selbst erlebt haben, ist die Methode der Deduktion stets mit einer gewissen Fehleranfälligkeit behaftet. Man erkennt die wahren Gründe immer erst auf den zweiten Blick.“ Belustigt beugte ich mich über den Tisch. „Und das von Ihnen, Meister – Sie sind doch sonst unfehlbar.“ Ich hatte mit kaustischer Ironie gerechnet, mit einem kurzen, harten Zornausbruch, doch Sherlock schwieg. Bedächtig stellte er die Tasse ab und griff hinter sich, wo der persische Pantoffel auf dem Kaminsims lag. Der Detektiv stopfte sorgfältig seine Pfeife, bevor er mich musterte. „Sie sind vielleicht in der Lage, meine Schlussfolgerungen als fehlerhaft zu erkennen, da Sie selbst die Tatsachen wissen. Aber wir haben nun einmal nicht jederzeit Zugang zu den Fakten und müssen ohne sie entscheiden, was uns wahrscheinlich ist, so wenig es auch glaubwürdig ist. Sie wissen, dass ich in diese missliche Lage geraten bin?“ Ich nickte. „Die Metropolitan Police hat sich gebrüstet, einen der brillantesten Ermittler im Kampf gegen den Terror in ihren Reihen begrüßen zu dürfen.“ Verärgert klopfte Sherlock auf die Lehne. Sie haben nicht einmal angefragt. Ich habe es aus der Zeitung erfahren!“

Videoprints langen ausgebreitet auf dem Tisch, Gesichter, Menschenmengen, Ströme. „Sie erwarten von Ihnen, dass Sie die Verbrecher erkennen?“ Er nickte amüsiert. „Der da sieht aus, als hätte er sich gerade empfindlich gestoßen, aber das Gesicht kann man auch ziehen, wenn man eine Portion Chips zu schnell heruntergewürgt hat. Und dieser hier, höchst verdächtig – man erkennt überhaupt nichts.“ „Es wird also Ihre Aufgabe sein, auf allen diesen Bildern nach mutmaßlichen Terroristen zu suchen, die die Olympischen Spiele zum Anlass nehmen, einen Terroranschlag auszuführen?“ Holmes massierte sich nachlässig die Knöchel. „Es erinnert ein wenig an Lavaters Hokuspokus, Diebe an der zu kurzen Nase zu erkennen. Heute heißt das Biometrie und ist ein einleuchtendes Fundament, wenn man sich mit Rassehygiene beschäftigt.“

Vor meinem Auge erschienen endlose Ströme von Zugpassagieren, die an den Kameras vorbei glitten, auf einer Konserve landeten und vielleicht Jahrzehnte später aus musealem Interesse begafft wurden. Sinnlose Bilder, eine vollkommen sinnlose Maßnahme, schon weil niemand recht wusste, wonach sie eigentlich suchen sollten. „Die Attentäter werden einige Minuten zuvor am Embankment ausgestiegen sein, oder sie fahren gleich mit dem Rad.“ „Und wie werden Sie sich in der Sache verhalten?“ Resolut legte er die Pfeife in den Zinnteller. „Gar nicht. Wie Sie wissen, handelt es sich bei einer Vielzahl von Verdachtsfällen gar nicht um Verbrechen. Die Metropolitan Police braucht bloß etwas, um sich wichtig zu machen. Und Sie wissen nun, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Solange man nicht weiß, was die Tatsachen sind, muss man die Wirklichkeit auch nicht entdecken wollen.“ Mit dem ausgebrannten Zündholz kratzte Sherlock vorsichtig den Pfeifenkopf aus. „Außerdem haben Sie Ihren Mantel in der Garderobe gelassen“, kicherte er vergnügt, „Sie haben den Hund doch gestreichelt.“





Made in China

30 05 2012

„… aus dem Bundeskriminalamt. Das Leck sei durch den Kontakt mit einer Quelle entdeckt worden, so gebe es in …“

„… kein Anlass zur Besorgnis. Ein Ausfall des kompletten Fuhrparks im Kanzleramt könne auch aus Zufall…“

„… dürfte die Fertigung von Navigationsgeräten ein erfolgreicher Auftakt in den deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen gewesen sein. Dank der satellitengestützten Datenübertragung wisse man nun jederzeit, wo sich die Fahrzeuge…“

„… das gleichzeitige Versagen aller Klimaanlagen in der ICE-Flotte auf die zu hohen Stundenlöhne der Hilfskräfte zurückzuführen…“

„… könne Gespräche mitschneiden, Daten kopieren und diese völlig unbemerkt versenden. Der Virus sei so perfekt programmiert, dass eine deutsche Beteiligung daran nahezu…“

„… erstmals in die Stromversorgung eingebaut worden. Der Deutsche Bundestag habe sich…“

„… seien bereits die chinesischen Schriftzeichen ein untrügliches Zeichen für eine islamistische Hackerbande, die…“

„… trotz mehrerer Abteilungsleiter, eines Hausmeisters und einem Praktikanten nicht möglich, den Quellcode des Schadprogramms offenzulegen. Das Ministerium habe intern die kostenfreie Vorlage zur Erstellung eines Bundestrojaners bereits als…“

„… in hochpreisigen deutschen Hörgeräten außereuropäische Chips verbaut worden seien. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Sitzungen des CDU-Präsidiums wenige Stunden später im Wortlaut…“

„… auch weiterhin großes Vertrauen in die chinesische Wirtschaft. Uhl kündigte an, der Freistaat habe eine neue Telekommunikationsanlage in der Bayerischen Staatskanzlei…“

„… dass ein derartiges Versagen völlig normal sei oder zumindest nicht sehr viel häufiger auftrete als ein Sechser im Lotto. Die Steuerung der beiden Kernkraftwerke sei zu keinem Zeitpunkt…“

„… füge Industriespionage der deutschen Wirtschaft jedes Jahr erhebliche Schäden zu. Geistiges Eigentum gerate immer wieder in falsche Hände, bevor es patentiert werden könne. Zum Ausgleich regte der Verband der Phonowirtschaft an, Schreibblocks mit einer Pauschale von 1,40 Euro pro 100 Blatt zu…“

„… sei das Logo der Hackergruppe Occupy Beijing auf beliebigen Computern durch die Tastenkombination…“

„… habe Friedrich in einer Pressekonferenz im Februar die technische Unterlegenheit der arabischen Welt betont und von der islamischen Steinzeitkultur gesprochen. Das Bundesministerium des Innern spreche derzeit jedoch nur noch von einer potenziellen Bedrohung für die Online-Teile des Interwebnetzes, da islamische Terroristen nie rechtzeitige Sicherheitsupdates in ihre…“

„… dass in Zusammenarbeit mit BILD… der Volkscomputer in großer Stückzahl verkauft worden sei. Namentlich die Datenfernübertragung habe durch die Hardware ein erhebliches Plus an…“

„… eine neue Generation von Steuerungselektronik verbaut worden, die die Weltherrschaft des deutschen Automobilbaus auch für kommende Generationen…“

„… sei der Ausfall des Mobilfunknetzes lediglich auf eine Routineüberprüfung des Netzbetreibers zurückzuführen. Sie sei zwar dem Personal und der Geschäftsleitung zuvor nicht bekannt gewesen, dennoch sei dies ein ganz normaler…“

„… die Daten der Versicherten in der Cloud zu speichern. Chang Electronics Ltd. habe sich dabei als verlässlicher Partner der Krankenkassen…“

„… habe Occupy Beijing seine Botschaft inzwischen in jedes auf dem europäischen Markt erhältliche Smartphone…“

„… den Raketenabwehrschild nur in einer billigeren Variante zu bauen, da die Gelder bereits für den Euro-Rettungsschirm in Anspruch genommen worden seien. Dank eines neuen Angebots aus Fernost könne die Fertigung nun plangemäß in die…“

„… die temporäre Überlagerung der Fernsehübertragungen mit dem chinesischen Shoppingkanal nur auf eine astronomische Anomalie zurückzuführen sein könne. Die Unruhen nach dem Aussetzen des Euro-Finales hätten nicht nur unter Fußballfans für erhebliche…“

„… erstmals von einer Serie deutscher Waschmaschinen, die das Signet von Occupy Beijing auf dem Display…“

„… müsse man der Verbreitung von Raubkopien angloamerikanischer Schlagermusik in diesem Internet mit brutalstmöglicher Härte begegnen. Erst kürzlich habe die GEMA die Dateien Pokelface und…“

„… ein Leistungsschutzrecht für die Herstellung von Porzellan verhandelt worden sein. Eine bis auf Johann Friedrich Böttger zurückgehende Nachzahlung der Gebühren für das geistige Eigentum sei in diesem Falle…“

„… dass die Lichtreklame Merkel Du Opfer auf dem Potsdamer Platz sicher durch linksradikale Terroristen in die…“

„… man tolerieren müsse, dass die technische Ausstattung des ZDF nach 22:00 Uhr Ortszeit selbsttätig herunterfahre und die chinesische Nationalhymne spiele. Eine Verschlechterung des Programms sei durch den Wegfall der Lanz-Talkshow nicht zu…“

„… verhalte sich China weiterhin vorbildlich. Hermann äußert sich anlässlich der Einweihung einer neuen Serie von Überwachungskameras zuversichtlich, dass die Sicherheitspartnerschaft…“





Gernulf Olzheimer kommentiert (CXLVI): Die Dämonisierung des Terrors

13 04 2012
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Welt ist kompliziert; schon das Auftrennen von Wertstoffen und Restmüll auf dem Bahnsteig bringt den wehrlosen Bundesbürger an den Rand der nationalen Katastrophe. Ständig stört diese Wirklichkeit, Spritpreis und Grenzkonflikte, das Volk winkt mit der Verfassung und kramt sicher schon die Knarre heraus, und nichts bringt die Verhältnisse auf die Schnelle wieder in Ordnung. Alle vier Jahre walzt sich tollwütig ein Haufen Grützbirnen im Fußballtrikot durch die Lande, um im Vollsuff Steuererhöhungen zu verpassen, doch sonst wird uns das nackte Elend ins Gesicht geschrieben. Kein Komet kündigt auf Knopfdruck seinen Niedergang über Bielefeld an, selbst eine gut organisierte Gurkenseuche löst keine Tobsucht im Einzugsgebiet der dünn angerührten Existenzen mehr aus. Keiner weint. Der Satan sabbert sachte, bevor auch er im öffentlichen Bewusstsein seicht versuppt. Wie sollte eine anständige Massenpanik aus diesen morschen Knochen kommen, gäbe es nicht die Mehrzweckwaffe der Heulbojen? Als Dämon für den Hausgebrauch haben wir immer noch den Terror.

Die patentierte Entschuldigung für jeden Wahnsinn lauert im handgequirlten Kitt einer für das Niedrighirnniveau konfektionierten Fassade. Jeder Bodensatz, der schlecht versteckte Jubel über den Umsatz in der Waffenindustrie, die freudig erregte Beschäftigung mit dem Abbau des Staates als solchem, jede Beweihräucherung der eigenen Unfähigkeit lässt sich zwischen Sachzwängen einklemmen und schlüpft flugs ins Mäntelchen der Notwehr. Von Oslo bis Toulouse sehen ein paar Interessierte den Einheitsbrei postdemokratischer Kollektivbetäubung kurz unterbrochen und kichern innerlich, erleichtert und beschwingt, dass ihre Verstörungstheorie süße Früchte trägt. Ein paar geistig Minderbemittelte schmeißen Bomben, eine Rotte rumpelnder Rhetoriker betet den Gottesstaat in Göppingen herbei. Dabei bekäme man die Behämmerten mit Rechtschreibung schneller in die Knie.

Der Terror ist ein Geschenk. Gäbe es ihn nicht, man müsste ihn glatt erfinden, um die hasardierenden Hütchenspieler der Führungsebene vor dem offenen Messer der Verantwortung zu bewahren. Sie verleumden den Suff, indem sie selbst dem Volk die Birne zufuseln – einfacher kann man sich nicht am Himmel festtackern als durch das verschwiemelte Einverständnis, genauso korrumpiert zu sein wie das, was man bekämpft. Der Terror ist das Geschenk dieses Himmels.

Denn der Terrorist ist ein doppelgesichtiges Wesen, einerseits der primitive Knalldepp aus der Wüste, intellektuell knapp unterhalb des Kamels und auf dem Zivilisationsgrad von Nomaden, doch andererseits eine mit Spitzentechnologie und unerschöpflichen Bargeldvorräten auf geschickt versteckten Konten vollgepfropfte Superexistenz, ungefähr so unbesiegbar wie Aliens von nebenan und lästig wie MacGyvers Klebeband. Sie lauern in Fahrstuhlschächten, Plattenläden und Wäschereien, kriechen als Maulwurf getarnt unter Blumenwiesen durch bis in die Tresore der Zentralbank, wo sie im Papstkostüm gar nicht weiter auffallen, während sie den roten Knopf drücken, der die westliche Hälfte des Planeten in die Luft jagt – die andere bleibt erhalten. Der Terrorist hat übermenschliche Fähigkeiten, er spricht mitunter andere Sprachen als Deutsch, Englisch oder Esperanto (und tut dies aus reiner Gehässigkeit, damit ihn die wachsamen Schulkinder in der Straßenbahn nicht verstehen), ist in Turban, Kaftan und Patronengurt in Städten wie Delmenhorst so gut wie unsichtbar und schlägt zum Teil erst in der vierten Generation zu, während er zuvor Jahrzehnte als völlig unauffälliger Mensch in der Mittelschicht zugebracht hat. Gefährliche Dinge wie Mopedfahren oder Minigolf erlernt er nur in der Absicht, damit einst das christliche Abendland zu zerstören. Gezielt unterwandert er die freie Welt, ahmt sein Wirtsvolk täuschend echt nach – dann ist es soweit, und eine äußerlich harmlose Dönerbude wird zum Kulminationspunkt der restlichen Geschichte. Wir waren ja gewarnt.

Wir waren gewarnt, seitdem uns mittelalterliche Schnackbratzen ein Ohr abzukauen versuchten mit ihrer billigen Hysterie von der Resterampe der Moralsäurekocher. Pest? Pocken? Nicht durch Keime ausgelöst, sondern von unkeuscher Kleidung und gottloser Tanzmusik. Der Untergang des Abendlandes? Eine Frage der Zeit, beschlossene Sache und Teil der Spielregeln, aber er lässt sich durch Nachturnen beliebigen Hirnplüschs sicher noch bis in alle Ewigkeit hinauszögern, da jenes höhere Wesen, das wir verehren, die Hausordnung bekanntermaßen im Klartext aushängt. So lassen sie uns zum Schutz vor ungebildeten Wilden, die den Rechtsstaat europäischer Bauart verwüsten wollen, eben diesen Staat zerdeppern und verbraten dabei das Geld, das uns hülfe, nicht ungebildet zu werden. Aus Furcht, von einer Herde religiöser Fanatiker zum Kanonenfutter gedrillt zu werden, drillen uns religiöse Fanatiker zu einer Herde, die nur noch zum Kanonenfutter taugt. Man stellt sie am besten an die Wand, auf die sie den Teufel malen.

Sie haben versagt. Wäre der Terror tatsächlich so ubiquitär und siegreich, die sich im heroischen Endkampf um 100-Milliliter-Sprudelfläschchen wähnenden Provinzprimaten wären scharenweise weggefegt, entsorgt in der Gosse der Geschichte. Nichts ist damit, der Turbostaat reproduziert sich selbst, indem er seinen Souverän segmentweise in den Dreck drückt, aus dem ihm das Rettende wächst: Widerstand, rücksichtslos und also systemstabilisierend. Kaum ein Trost, dass sie der beste Schutz vor dem finalen Bums sind. Denn welcher anständige Selbstmordattentäter würde ein Land von der Platte putzen, das sich so unterwürfig als Sympathisant andient.








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