Auffangstation

21 01 2013

„Sind Sie da hinten, Rösler? Warten Sie noch einen Augenblick an der Kante. Ich bin gleich bei Ihnen. Nur einen kleinen Augenblick. Paar Sekunden, Rösler. Gleich. Dann können Sie springen.

Natürlich bin ich vom Kriseninterventionsteam. Oder hatten Sie gedacht, ich turne hier aus Jux und Tollerei auf dem Dach herum? Clown gefrühstückt, Rösler? Ja, so sehen Sie aus. Mein Ton? Was soll mit meinem Ton sein, Rösler? Haben Sie noch irgendwelche Sonderwünsche? Ich bin hier vom Sicherheitspersonal. Ich stelle sicher, dass Sie diesmal auch wirklich vom Dach hüpfen. Oder was hatten Sie sich vorgestellt? Dass Sie hier oben eine Runde schmollen können und wir irgendwann schon angelaufen kommen und betteln, dass Sie doch bitte herunterkommen? Geht’s noch!?

Ja sicher ist das hier roh. Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert, Rösler. Sie haben Nerven! Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, schon vergessen? Und wenn einer es nicht bringt, dann schmeißt man ihn weg. Nicht raus, Rösler. Die Zeiten sind vorbei. Weg. So ist das heute. Wer aus irgendeinem Grund nicht mehr gebaucht wird, zu alt, überqualifiziert, Fusion, der Firma geht’s zu gut – okay, trifft auf Sie alles nicht zu, aber egal – wer nicht gebraucht wird, den schmeißt man weg. Ab in die soziale Hängematte, ins Freizeitparadies Deutschland, wo man sich dann in spätrömischer Dekadenz wiederfindet. So hatten Sie sich das doch gedacht, oder? Na, dann denken Sie mal weiter.

Mitleid können Sie sich abschminken. Ich bin zwar vom offiziellen Kriseninterventionsteam, aber wir sind privatisiert worden. Nur noch Zeitverträge, 35-Stunden-Jobs, Schichtzuschläge weg, und das Gehalt ist seit sieben Jahren nicht erhöht worden. Ich mache hier nur noch Dienst nach Vorschrift. Rauf aufs Dach, anschnauzen, und wenn einer nicht freiwillig springt, gibt’s aufs Maul. Die unten in der Auffangstation hatten ja früher auch mal einen besseren Job, aber was soll’s. Wir sind hier nicht in einer sozialistischen Wohlfühloase, hier wird auf Kundenwunsch gearbeitet. Und was Ihre Partei mit Minderleistern macht, dürfte Ihnen bekannt sein.

Sie werden so behandelt, wie Sie die anderen behandelt haben. Ist doch nicht so schwer zu verstehen, oder? Jammern Sie nicht, Rösler. Erstens ändert es nichts an der Lage, und zweitens ist meine Zeit begrenzt. Das interessiert außerdem keine Sau mehr. Hier oben hört sie keiner. Und kommen Sie gar nicht erst auf den Gedanken, mit mir zu verhandeln. Ich kann nichts dafür, dass Sie in Ihrem Leben bisher nichts auf die Reihe gekriegt haben. Und außer Ihnen dürfte auch niemand dafür verantwortlich sein. Nein, ich will Ihre Kohle nicht. Und ich springe auch nicht für Sie da runter. Das ist mal wieder so typisch für Sie, Rösler. Geld in die Hand nehmen, das man nicht hat, um andere in die Scheiße zu reiten, nur damit man selbst nicht geradestehen muss für die Folgen seiner eigenen Dummheit. Großartig, Rösler. Ganz großartig.

Ich soll Ihnen Hoffnung machen? Prima Idee. Das ist ja für einen Bundesminister und Parteichef auch keine Sache, die man einfach mal selbst auf die Reihe kriegt. Schlage vor, wir machen das wie bei Ihrem Schleckerfrauen-Einsatz. Bestimmt gibt es für Sie eine Anschlussverwendung, Rösler. Der Bundestag ist ja groß, der hat siebenmal so viel Sitze wie FDP-Abgeordnete. Und wenn’s für den Bundesvorsitzenden nicht mehr reicht, dann tritt doch ganz bestimmt der Vorsitzende der FDP im Saarland für Sie zurück, nicht wahr? Ach was, Rösler, das schaffen Sie schon. Sie sind ja nur Nebenverdiener, richtig? Die Kohle bringt doch bei Ihnen auch die Frau ins Haus, stimmt’s?

Sie werden wohl wissen, was jetzt kommt. Beim letzten Durchgang waren Sie auf der anderen Seite. Und jetzt sind Sie dran, Rösler. Wir machen das so, wie Sie das von Westerwelle kennen. Bis Sonntag wurde Geschlossenheit geheuchelt und Loyalität markiert, und einen Tag danach wird dann mit Ihnen aufgeräumt. Bis gestern stand der ganze Laden noch hinter Ihnen und war wie besoffen von Ihren epochalen Leistungen als Wirtschaftsgenie, epochaler Vizekanzler und charismatischer Führer der einzig relevanten politischen Kraft der freien Welt. Ab heute sind sich alle einig, dass Sie ein peinlicher Popanz sind, Rösler. Ein Schnösel, der nicht einmal unfallfrei Arroganz spielen kann. Ein kleines, krähendes Milchbübchen. Sie werden so behandelt, wie Sie die anderen behandelt haben.

Extrawurst, was? Für Sie macht doch keiner einen Finger krumm. Die haben seit einem Jahr gesammelt, was die Presse über Sie schreibt. Vor lauter Loyalität und Siegesgewissheit konnte ja keiner ahnen, dass die Partei total im Eimer ist. Oder dass Sie daran schuld sein könnten, Rösler. Da war bis gestern keinem klar. Jetzt kriegen Sie den ganzen Sott eben ab. Aber trösten Sie sich, der Lindner hat Ihnen das alte Zeugs mitgebracht, das fühlt sich dann wenigstens ein wenig vertraut an. Dass er Westerwelle noch nie hat ausstehen können, dass Westerwelle ein Volldepp ist, dass man unter ihm nicht arbeiten konnte, weil der alles, was man in mühevoller Kleinarbeit aufbaut, sofort mit dem Hintern wieder einreißt – kennen Sie, oder? Das werden Sie jetzt auch hören. Die haben nur eben den Namen ersetzt. Aus reiner Höflichkeit.

Gut, dann wären wir so weit. Springen Sie, Rösler. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Sparen Sie sich die Volksreden, es glaubt Ihnen sowieso keiner mehr ein Wort. Einmal über die Brüstung, hopp, und weg. Los jetzt! Oder muss ich erst – gut so. Sehr gut. Schöner Aufschlag. Hallo, Kollegen? Der Nächste. Schickt mir Brüderle rauf.“





Dreikönigskläffen

7 01 2013

„Wer macht eigentlich den Vorsitzenden?“ „Aber wir haben doch jetzt…“ „Ich meine ja auch, wer kommt nach Brüderle.“

„Also jetzt mal langsam. Noch haben wir…“ „Eben. Noch.“ „Aber wenn…“ „Wird er aber nicht.“ „Und das wissen Sie genau?“ „Sie doch auch.“ „Ja, aber…“ „Dann sind wir uns ja einig. Und dann können wir schon mal sehen, wer nach Brüderle kommt.“ „Aber dazu müsste der doch auch erstmal den Vorsitzenden machen.“ „Macht er doch auch.“ „Er hat doch gesagt, er will nicht.“ „So deutlich hat er gesagt, dass er auf den Posten scharf ist?“ „Nein, er hat gesagt, dass er ganz loyal hinter Rösler…“ „Na, dann kann der ja schon mal einpacken.“ „Glauben Sie denn Brüderle nicht?“ „Sowieso nicht, aber wenn er schon derart deutlich zum Ausdruck bringt, dass sie Westerwelle…“ „Bitte!?“ „Pardon. Ich war im Jahr verrutscht.“

„Man muss doch diesen ganzen Nachfolgekram auch vernünftig regeln können.“ „Wie hatten Sie sich das gedacht? Dynastien? Erbfolge?“ „In der CDU beispielsweise…“ „Ach was. Da kommt’s doch nicht auf Politik an. Der breiteste Hintern gewinnt.“ „Klingt einleuchtend. Irgendwann landen die sowieso alle im Rollstuhl.“ „Eben. Und bei der SPD nehmen sie den, der am besten sämtliche sozialdemokratischen Ziele hintertreibt.“ „Dann geht das doch bei der FDP auch?“ „Was meinen Sie denn da genau?“ „In der FDP wird automatisch die dümmste Knallschote nach oben durchgereicht, ja?“ „Das wäre zu einfach. In der Geschäftsordnung ist ein ritueller Dolchstoß vorgesehen, ohne geht’s wirklich nicht. Tut mir leid.“

„Warum muss Rösler überhaupt weg?“ „Das ist eine Scherzfrage, oder?“ „Gar nicht. Ich würde nur gerne wissen, warum die bis jetzt gewartet haben.“ „Bis zum Parteitag?“ „Nein, überhaupt. Dass der Mann ein realitätsresistenter Pausenclown ist, dürfte doch seit zwanzig Jahren bekannt sein.“ „Hm. Da ist was dran.“ „Ob er zu ehrlich war?“ „Wie meinen Sie das?“ „Er hat gesagt, was Sache ist.“ „Sie meinen, als er gesagt hat, wir bräuchten noch mehr Ausbeutung, wir müssten das Tafelsilber verscheuern, und wer arbeitslos ist, soll sich einfach einen neuen Job suchen?“ „Richtig. Das geht doch nicht.“ „Das stimmt. In der FDP sagt man einfach nicht die Wahrheit.“ „Schon gar nicht, wenn die Wahlen kurz vor der Tür stehen.“ „Und weil er beschlossen hat, mit 45 aus der Politik auszusteigen.“ „Das geht auch nicht. Jetzt leistet er sich die Frühverrentung bei vollem Lohnausgleich.“ „Auch ungerecht. Die anderen müssen zusehen, dass die Wirtschaft so etwas wie sie überhaupt gebrauchen kann, und der kneift einfach den Schwanz ein.“ „Hoffen wir mal, dass er eine Anschlussverwendung bekommt.“ „Naja. Eher eine Abschussverwendung.“

„Und wenn Brüderle weg ist? Werden die alle in die Wirtschaft weitergereicht?“ „Zwangsläufig, das muss ja bis zur Bundestagswahl über die Bühne gehen.“ „Warum vorher?“ „So viele Pfeifen kriegen Sie im Wirtschaftsministerium nicht unauffällig eingestellt.“

„Dann bleiben jetzt: Niebel, Kubicki, Brüderle, Lindner.“ „Ah, Sie nehmen das sportlich?“ „Kann man sagen. Vierschranzentournee.“ „Den Lindner vergessen Sie mal wieder. Der tapst noch in seiner Eierschale herum.“ „Also Dreikönigskläffen.“ „Und wer macht das Rennen?“ „Viel wichtiger ist doch: wozu?“ „Für mehr Geschlossenheit in der Partei. Das sehen wir vor allem an den Landesverbänden.“ „Warum gerade da?“ „Weil die Landesverbände einen Sonderparteitag einberufen wollen.“ „Wenn Rösler zurücktritt?“ „Wenn er nicht zurücktritt.“ „Ich sehe schon, Sicherheit wird in der FDP wieder groß geschrieben.“ „Es ist wie auf dem freien Markt. Wobei die Regeln nur für die anderen gelten.“ „Und zum Schluss wird man gerettet.“ „Die Fallschirm-Mentalität.“ „So kenne ich den Laden.“

„Ein Problem könnte es noch geben.“ „Sie meinen, wenn Rösler bleibt?“ „So viel Sesselkleber hatte nicht mal Wulff unterm Hintern.“ „Dann könnte er jetzt bloß noch im Wahlkampf richtig am Rad drehen.“ „Eben. Die haben schon geschrieben, acht Prozent seien nicht der Meinung, dass Brüderle der bessere Parteivorsitzende sei.“ „Ist vertretbar. Wo wäre dann jetzt das Problem?“ „Stellen Sie sich das mal vor. Rösler hört ‚Acht Prozent‘ und…“ „Nee, schon klar.“

„Gut, dann lassen Sie uns jetzt mal Nägel mit Köpfen machen.“ „Passt irgendwie gar nicht zur FDP, oder?“ „Rösler bezeichnet alle Spekulationen über seinen Rücktritt als Hirngespinste.“ „Die FDP fliegt aus dem niedersächsischen Landtag.“ „Noch am Wahlabend macht Rösler die Unterwanderung Deutschlands durch stalinistische Arbeitsscheue für den Linksruck verantwortlich und lehnt jede persönliche Konsequenz ab.“ „Lindner nennt die Angriffe innerhalb der FDP blanken Rassismus wegen Röslers Migrationshintergrund.“ „Brüderle weist Gerüchte zurück, er wolle den Parteivorsitz beanspruchen, und stärkt Rösler demonstrativ den Rücken.“ „Niebel schließt sich Brüderle vollinhaltlich an.“ „Auf dem Sonderparteitag wird Rösler mit einer Stimme gegen den ganzen Rest als Vorsitzender abgewählt.“ „Brüderle wird Parteichef und verspricht ein grandioses Wahlergebnis von mehr als zwanzig Prozent.“ „Niebel schließt sich Brüderle vollinhaltlich an.“ „Lindner lässt in einer Pressemitteilung verlautbaren, er habe Rösler immer schon bekämpft, da dieser seine Vision von einem mitfühlenden Schmarotzerkapitalismus nicht in seine Parteitagsreden übernommen habe.“ „Niebel sagt, er sei kein Rassist, aber er freue sich darauf, seine Partei endlich ohne diese Fidschifresse regieren zu können.“ „Brüderle… ach, lassen wir das.“ „Die FDP versemmelt die Bundestagswahl.“ „Und dann?“ „Dann hat der Laden eine Niebelschlussleuchte.“





Armutszeugnis

29 11 2012

„… gebe der neue Bericht nun die Meinung der Bundesregierung wider und müsse daher nicht nochmals…“

„… halte bei Discountern der Trend an, Waren vor dem Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums in den Müll zu werfen. Dies sei zahlreichen Geringverdienern geschuldet, die bei der Auswahl ihrer Lebensmittel viel qualitätsbewusster…“

„… solidarischer Aktionen bis hin zum kompletten Lohnverzicht, damit mehr Steuergelder für notleidende Banken statt für Griechenland…“

„… habe laut Vizekanzler Rösler die bisherige Sicht die kausalen Zusammenhänge nicht exakt gewichtet. Vielmehr liege die gefühlte Armut in Deutschland nur daran, dass immer mehr Arme…“

„… legten Beschäftigte im Niedriglohnsektor vermehrt Wert auf Wohnkultur. Die Zahl der Umzüge in kleinere Altbauwohnungen mit Ofenheizung spreche für das Bedürfnis nach mehr Originalität, namentlich in den Slums von…“

„… gestiegenes Unrechtsbewusstsein. Da auf 1400 Euro Steuerhinterziehung inzwischen fast ein ganzer Euro unberechtigt gezahlter Sozialleistungen kämen, erwarte man durch ein a priori vermitteltes Schuldbewusstsein einen erheblichen Rückgang der Hartz-IV-Anträge. Die Bundesagentur zeige sich kompromissbereit, den Armen mit mehr Druck und Verachtung zu…“

„… begrüße der Einzelhandel Lohnkürzungen und harte Einschnitte bei den Sozialleistungen. Da Arme nun nicht mehr so viel konsumierten, könne sich das Personal nun intensiver um die Besserverdienenden…“

„… begeistere sich die Bevölkerung mehr und mehr für die Klimaziele der Kanzlerin, die schon immer eine entschiedene Gegnerin der Atomkraft gewesen sei. Eine Umwelt-Avantgarde aus Erwerbslosen versuche derzeit durch Stromsperren und Energieverzicht, die Forderungen ihres Idols Peter Altmaier bundesweit populär zu…“

„… sich die trendgerechte Mobilität der Hipster zum Vorbild nähmen. Immer mehr Berufsaussteiger seien heute obdachlos, um das Ideal der Freiheit, wie sie Bundespräsident Gauck und die FDP…“

„… Tendenz zu gemeinschaftlichen Aktivitäten, die sogar außerhalb der Arbeitszeit unternommen würden. So besuche ein Großteil mehrmals pro Woche die Tafeln, um mit Gleichgesinnten in fröhlicher Runde einen netten…“

„… eine kausale Verbindung von Erwerbsarmut und Bildungsdefiziten zu erkennen. Die meisten Jugendlichen seien inzwischen nicht mehr davon überzeugt, dass die Bildungsdefizite auf Seiten der Bundesregierung…“

„… gesundheitsbewusste Ernährungsweise in den unteren Dezilen. Man finde vor allem eine Reduktion um dreißig Prozent der Kosten für drei Monate, die sich als sogenannte Hartz-Diät größter Beliebtheit…“

„… direkten Unterstützung für Staatskonzerne. Da weniger Arme sich Mobilität leisten könnten, verkaufe die Deutsche Bahn AG weniger Tickets, müsse so noch weniger auf Unpünktlichkeit Rücksicht nehmen und konzentriere sich ganz auf defekte Klimaanlagen, Datenschutzlecks, den geplanten Börsengang sowie…“

„… für strukturelle Verbesserungen am Arbeitsmarkt. Rösler unterstütze die Meinung der Bevölkerung, durch sinkende Löhne könne insgesamt das Lohnniveau steigen, durch mehr Arbeitslose könne man Vollbeschäftigung erzeugen und durch Steuersenkungen gäbe es…“

„… sich die drohende Altersarmut immer mehr entschärfe. Von der Leyen habe dabei insbesondere Hartz IV als Trainingsprogramm gelobt, um im Alter trotz Mangelernährung möglichst lange überlebensfähig zu…“

„… sich Arbeitslose auch aus Rücksicht versteckten und nur noch in besonders abgeteilten und bewachten Arealen aufhielten. Die ALG-II-Bezieher hätten Sorge, ihr anstrengungsloser Wohlstand könne den Neid von Investmentbankern und anderen anständigen Staatsbürgern…“

„… gebe es im Gegensatz zum Bundeshaushalt kaum sinnlose Neuverschuldung. Die Niedriglöhner neigten nicht zur Anschaffung von Motorjachten, Oldtimern und Pelzmänteln, selten erworben würden auch Fußballvereine, Banken oder…“

„… sich für eine Vermögenssteuer aussprächen. Die zweckgebundene Abgabe solle nach dem Willen der Bürger für Vermögende in Not genutzt werden, etwa für Niebels Auslegeware oder die…“

„… die Neigung der Erwerbslosen zum Suizid ein Anzeichen von gestiegener Eigenverantwortung im Gesundheitssystem sei. Bahr führe die Welle an Selbsttötungen darauf zurück, dass Sterbehilfe bei unheilbaren Krankheiten nicht von den Kassen…“

„… Bruttostundenlöhne von weniger als sechs Euro gefordert. Nur konsequenter Lohnverzicht sei eine geeignete Solidarmaßnahme, um die Profite der Wirtschaft nicht zu gefährden. Viele Arbeiter und Angestellte sprächen sich inzwischen auch dafür aus, ganz auf Gehälter zu…“

„… müsse auch Bildung wieder eine Rolle spielen. Da immer mehr Jugendliche die Schule abbrächen, verzeichne man proportional auch weniger schlechte Abschlüsse, so dass von einer durchschnittlich höheren Qualifikation für den…“

„… ein größeres kulturelles Bewusstsein für deutsche Traditionen. Nicht nur ehemalige DDR-Bürger seien wieder an Zensur, Schnüffelei und…“

„… immer mehr Angehörige des Prekariats ein neues Lebensgefühl entwickelten. Vermehrt komme es nach Aussage von der Leyens zu Brotmangel, der aber durch Kuchen…“

„… sich Arbeitslose durch Eigeninitiative fit hielten. Sportarten wie Pfandflaschensammeln und Papierkorbtauchen seien Ausdruck der anhaltenden Daseinsfreude von jungen und alten…“

„… in den folgenden Legislaturperioden der besten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung nicht mehr zu erwarten sei. Das Kabinett verzichte künftig auf wirtschaftliche oder soziale Erwägungen, die Regierung kenne sich ohnehin nur mit geistiger Armut aus und wolle daher…“





Leitungsschaden

9 05 2012

„Hallo? Sind Sie noch dran? Ja, ich bin noch da. So gerade eben noch. Viel ist ja von uns nicht mehr übrig seit unserem grandiosen Sieg in Kiel.

Hier ist nämlich in letzter Zeit ein bisschen viel kaputtgegangen. Wir haben ja auch kapiert, dass wir das schleunigst reparieren lassen sollten, aber Sie kennen das ja. Man möchte eigentlich viel lieber so weitermachen wie bisher. Möglichst nichts ändern. Schon gar nichts Neues. Und dann stellt man fest, die Sache ist im Eimer. Aber komplett. Können Sie nur noch in die Tonne treten. Alles. Es ist eigentlich nicht mehr die Frage, ob Sie das alles rausreißen, sondern nur noch, wann.

Prinzipiell stehen wir ja alle hinter dem Chef, aber… hallo? Was ist denn heute mit der Leitung los? Die Leitung ist ja wieder unter aller Sau! Hallo? Nein, ich meine Rösler. Wir stehen hinter ihm. Ist ja auch die beste Position für einen Überraschungsangriff, oder? Nein, wir sind nicht unkollegial. Noch nicht. Das dauert. Das dauert ja immer ein bisschen länger, bis wir auf Kritik reagieren.

Momentan machen wir gruppendynamische Sprechblasenübungen. Wachstum. Wachstum. Alle müssen es nachplappern, damit wir bis zur nächsten Bundestagswahl im Schlaf von Wachstum reden. Wachstum. Wachstum. Hallo? Was rauscht da? Sind Sie noch dran? Ja, fürchterlich. Ich kann’s auch nicht mehr hören. So eine miserable Qualität, da tun einem die Ohren weh.

Das ist hier ein bisschen wie in der CDU. Wenn alle Ihnen demonstrativ das Vertrauen aussprechen und ihnen auf die Schulter klopfen, können Sie sich eigentlich nur noch eine Kugel in den Kopf jagen. Barschel? Guttenberg? Und momentan sind sie mit Schavan ja auch alle höchst zufrieden. Gefährlich, sage ich Ihnen.

Niebel macht das nicht. Nein, absurd. Völlig ausgeschlossen. Der hätte auf einmal so viele alte Freunde, für die müssten wir glatt ein neues Ministerium aufmachen.

Doch, das klingt plausibel. Neulich hatte ich hier die Zahnärzte an der Strippe, oder waren es die Apotheker? jedenfalls ging es um eine Menge Geld, und da merkten die es auch. Die Kommunikation stimmt nicht mehr. Lästig, wirklich. Ich würde auf einen Leitungsschaden tippen. Das kann man ja flicken, aber langfristig können Sie den ganzen Kram nur noch wegschmeißen. Lohnt sich nicht mehr.

Wissen Sie, der Brüderle hat neulich sogar vor der Personaldebatte über Rösler gewarnt. Da wurde der richtig laut. Überall hat der gesagt, er wolle keine Debatte über Rösler. Im Parteivorstand: keine Debatte über Rösler. In der Fraktion: keine Debatte über Rösler. In NRW: keine Debatte über Rösler. Haben Sie auch gerade so ein Echo in der Leitung? Komisch. Und jetzt debattieren sie auch tatsächlich, dass es keine Debatte über Rösler geben darf. Das ist schon ein ehrenwerter Mann. Der Brüderle.

Meinen Sie, er macht’s? Ich finde das nicht richtig, denn schauen Sie mal: die in Schleswig-Holstein sagen, sie hätten den Wahlsieg, also die Halbierung der Stimmen, das hätten sie nur hingekriegt, weil sich Rösler nicht eingemischt hätte. Und wenn jetzt Lindner noch so einen katastrophalen Sieg holt, ohne das mit Rösler abzusprechen, dann… hallo? Frau Homburger, was machen Sie denn in der Leitung? Ich dachte, Sie seien längst raus aus der… hallo? Ja, komisch. Ich verstehe gar nicht, warum die hier mitreden will.

Lindner? Großartiger Plan. Warum nicht mal ’ne Heulsuse. Nee, lassen Sie mal stecken. Schönreden ist in Ordnung, aber alles hat seine Grenzen.

Die Verbindung ist ständig gestört. Seitdem wir dieses moderne Telekommunikationssystem haben – im Prospekt stand irgendwas mit mehr Freiheit, da haben die es natürlich sofort angeschafft, gab eine lange Diskussion mit dem Vorstand, vor allem wegen der Hörer, wissen Sie, und ich meine, wer will die denn ständig an der Backe… hallo? Es ist doch nicht zu fassen, jetzt fallen die auch noch aus! Das ist jetzt das zweite Mal, und immer liegt der Fehler im Generalsekretariat. Ja, das sind wir schon gewohnt. Ständig müssen Sie da die Basis suchen, es besteht so gut wie kein Kontakt mehr. Sie wollen eigentlich ganz normal mit jemandem reden, und plötzlich stellen Sie fest: weg. Aber endgültig.

Haben die eigentlich noch Garantie auf den? Ich meine, so alt ist der doch eigentlich gar nicht. Kam zwar nicht originalverpackt, aber wenn Sie sich den mal so anschauen, viel gebraucht war der ja vorher nicht. So gut wie nie im Einsatz. Stand immer nur so dekorativ in der Gegend herum und staubte etwas an. Wie kommen Sie jetzt auf Rösler, ist hier wieder Fiepen in der Strippe?

Man könnte ja taktisch vorgehen und warten, bis das Ding wirklich nicht mehr zu retten ist. Kubicki bleibt in Kiel, Lindner wird in Düsseldorf beerdigt, Bahr und Döring dürfen noch ein Jährchen in die Bedeutungslosigkeit hinüberdämmern, und dann sägen alle zusammen den Chef ab, wenn das mit Gauck gerade in Vergessenheit geraten ist. Nach guter neoliberaler Tradition ist er selbst schuld an seinem Scheitern, er darf dann als Bad Bank der Partei den Müll mit rausnehmen. Klingt doch pfiffig, oder? Hallo? Sind Sie noch dran? Hallo? Was meinen Sie? Westerwelle? Hallo? Rösler war für den Übergang, Westerwelle macht jetzt den Unter… hallo? Hallo?

Tot. So was aber auch.“





Auf Widerruf

9 11 2011

„… ein Rücktritt der Bundesregierung völlig ausgeschlossen sei. Sämtliche Gerüchte entbehrten jeglicher Grundlage, die Koalitionspartner seien sich dahin gehend einig, dass sie die…“

„… einen heftigen Kurssturz, verursacht von Spekulationen um das vorzeitige Regierungsende, während sich Wall Street erstaunlich fest zeigte. Die US-Manager zeigten sich zuversichtlich, dass es für die Konservativen einen Rettungsschirm…“

„… von ungefähr zehn Prozent. Demgegenüber stand ein Plus von fast fünfzehn Prozent, da die Aussicht auf ein Ausscheiden der FDP aus der Regierungsverantwortung Hoffnungen auf die…“

„… dementierte Kauder umgehend sämtliche Aussagen, die ein vorzeitiges Ende der Regierung Merkel II auch nur…“

„… würde der Einzelhandel den Rücktritt der Kanzlerin vor Weihnachten dennoch als zu spät ansehen, da das Weihnachtsgeschäft größtenteils im November abgeschlossen…“

„… den DAX zu bremsen, da für den Rücktritt noch kein konkreter Termin an der Börse…“

„… ausgeschlossen, da die Fortführung einer vernünftigen Steuer- und Finanzpolitik für die Bundesrepublik zwingend an das Bestehen der Koalition gebunden…“

„… werteten die Händler es positiv, dass die Kanzlerin für die Regierungsauflösung noch keinen Termin bekannt gegeben habe, da dieser aller Erfahrung nach nicht zu halten gewesen…“

„… weil im Falle des Regierungsendes keine Sicherheit mehr für die Energiekonzerne bestünde. Die Expertise des Wirtschaftsforschungsinstituts kündigte an, bei der Suche nach einer neuen Kanzlerin auch Wünsche der Investmentbanken zu berücksichtigen und auf die Belange der…“

„… trotz enger Handelsspannen noch deutlich im Plus. Der Ausblick auf die sich abzeichnende Rezession würde auch durch einen Wechsel der deutschen Regierung nicht getrübt, da es die Analysten in der Regel ohnehin nicht interessiere, wer unter ihrer Leitung im Kanzleramt einen…“

„… gab der Verband Sekt und Schaumweine bekannt, dass sich die Bestellungen größerer Gebinde im Falle des plötzlichen Regierungssturzes positiv auf die Bilanz der…“

„… forderte FDP-Chef Rösler die Union auf, keine Mutmaßungen über das Ende der schwarz-gelben Koalition mehr zu streuen. Er kündigte an, im Fall eines Koalitionsbruchs auf Grund der zu erwartenden absoluten Mehrheit für die Liberalen die CDU nicht mehr in sein Kabinett…“

„… äußerten die Ökonomen der öffentlichen Banken weiterhin Skepsis, ob ein Ende von Merkel die Entspannung der Märkte vertiefe. Erst nach einer verbindlichen Erklärung der Bundeskanzlerin, wenigstens aber nach der Auflösung der FDP, könnten im ersten Quartal 2012 die Anleiherenditen auch wieder kräftig…“

„… sei nicht ganz auszuschließen, dass FDP-Fraktionschef Brüderle versehentlich die Wahrheit über den Zustand der Regierung…“

„… zwar noch keine Ahnung über die Folgen, dennoch wagte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank eine erste Prognose über den Zustand der Bundesregierung und dessen Auswirkung auf den Devisenhandel in den…“

„… wiegelte die Börse ab. Das Gemunkel um einen Koalitionsbruch in Berlin sei für die aktuelle Kursentwicklung weniger ausschlaggebend als die Wetterlage im Taunus, Thomas Gottschalks Nachfolge bei Wetten, dass…? oder die Weinkönigin von…“

„… nach Seehofer auch Söder, dass die CSU die ständigen Gerüchte von Seiten der FDP über einen Koalitionsbruch nicht mehr hinnehmbar seien. Der bayerische Ministerpräsident forderte die liberale Gurkentruppe letztmalig auf, sich zu den sachlichen Fragen der anstehenden Beratungen…“

„… verbat sich EZB-Präsident Mario Draghi, dass das Kabinett über Preisniveaustabilität verhandele – weder Stabilität noch Niveau seien in einer deutschen…“

„… wolle Seehofer die schwarz-gelbe Koalition bis zur letzten Patrone…“

„… zwar noch keine Ahnung über die Folgen, dennoch wagte Schäuble eine erste Prognose über den Zustand des Investmentbankings und dessen Auswirkung auf die bundespolitische…“

„… laut Uhl (CSU), dass die regierenden Sicherheitsbeamten der Kanzlerin überhaupt nicht die Anweisung gegeben hätten, ihren Rücktritt vorzubereiten. Etwaige Spekulationen über den Zustand der Koalition seien nicht zu bekämpfen, weshalb er auch die Einführung einer anlasslosen Vorratsdatenspeicherung für alle…“

„… setzte Rösler der CSU ein Ultimatum, die Gerüchte zu beenden, er wolle aus der Regierung sofort ausscheiden und sich in die…“

„… beklagte Merkel die Berichterstattung im deutschen Fernsehen, da zu häufig gezeigt werde, dass die Märkte mit Kursrückgängen auf die Fama einer Koalitionskrise reagieren – es würde viel zu oft verschwiegen, dass die CDU mit diesen Botschaften auch für ausgesprochen gutes Klima im Parketthandel die…“

„… äußerte sich Westerwelle über den…“

„…nach einer Investorenveranstaltung eine Put-Option auf die deutsche Bundesregierung gekauft. Ackermann versicherte der Kanzlerin, er werde sie nicht oder wenigstens nur sehr ungern in den…“

„… dass zwei Szenarien den wirtschaftlichen Abschwung Europas erheblich beschleunigen würden: einerseits eine deutsche Regierung unter Beteiligung der FDP, andererseits eine deutsche Regierung ohne Beteiligung der liberalen…“

„… sagte Rösler, er als FDP werde das Gerede über das Zerbrechen einer deutschen Regierung nun aber auf gar keinen Fall weiterhin…“

„… führte als zusätzliches Makroderivat neben dem Geschäftsklimaindex, der Arbeitslosenquote und dem Absturzwinkel von Merkels Mundwinkeln auch die Differenz der Liberalen zur 1%-Hürde…“

„… gab die Bundeskanzlerin die vorgezogenen Neuwahlen zum Deutschen Bundestag bekannt. Merkel führte aus, ihr Vertrauen in die Märkte sei innerhalb der letzten Wochen fundamental…“





Im Anfang war das Wort

24 10 2011

„Können wir das endlich mal beenden? Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören!“ „Aber wir wollten in dieser Legislaturperiode…“ „Schluss jetzt! Mir platzt gleich der Kragen!“ „… doch noch eine…“ „Wenn Sie das Wort sagen, dann setzt es was!“ „Wir müssen doch aber etwas machen, die Bürgerinnen und Bürger haben doch die Regierung gewählt dafür, dass da etwas passiert!“ „Haben die Ihren laden auch für das gewählt, was Sie ansonsten fabriziert haben? Na!?“

„Aber jetzt schauen Sie doch mal: die kleinen Einkommen müssen doch…“ „Ich sagte: Schluss! Ich will nichts mehr zu dem Thema hören, ist das angekommen?“ „Sie missverstehen: wir wollen doch bloß Gerechtigkeit. Einen sozialen Ausgleich. Eine Weiterentwicklung der sozialen Perspektive im Konzept des mitfühlenden Liberalismus.“ „Warum nehme ich Ihnen das nicht ab?“ „Sie müssen gar nicht so hochnäsig sein, wir sind uns dessen bewusst, dass wir die Leistungsträger dieser Gesellschaft motivieren müssen, dass wir Anreize schaffen müssen, um mehr Wachstum in diesem Land zu bekommen. Und darum führt auch kein Weg vorbei an einer Senkung…“ „Ich will das nicht hören!“ „Es führt kein Weg daran vorbei, nehmen Sie das doch endlich einmal zur Kenntnis. Wenn die Arbeitnehmer in Deutschland nicht endlich in den steuerlichen…“ „Das Wort! ich will das verdammte Wort nicht mehr hören! Ist das jetzt endlich klar!?“

„Gut, anders: es bedarf einer neuen Gewichtung bei den Bundesfinanzen. Eine Angleichung. Eine mitfühlende Restrukturierung.“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Der Solidaritätszuschlag gehört auf den Prüfstand. Wir müssen in diesen Tagen auch gezielt prüfen, ob die…“ „Sie wollen mal wieder den Soli abschaffen, richtig?“ „Nein, nur die Freibeträge erhöhen.“ „Also Sie wollen ihn gefühlt abschaffen. Schon klar.“ „Das ist doch jetzt, nach der geistig-politischen Einheit, eine Tat der Zeit, die sich fast wie eine Senkung…“ „Sie sollen dieses verdammte Wort nicht in den Mund nehmen!“ „… der Belastungen in den Haushalten der Bürgerinnen und Bürger in den alten und neuen Ländern unserer Bundesrepublik…“ „Schluss jetzt mit dem Gefasel! Sie wollen doch nur wieder Verschleiern, dass Sie nichts zu bieten haben.“ „Aber diese Entlastung wirkt sich unmittelbar auf die Mittelschicht aus. Und wir können sogar bei den kleinen Einkommen eine positive Wirkung sehen, die sich als Anreiz für mehr…“ „Wen genau halten Sie eigentlich für blöd? Die kleinen und mittleren Einkommen sind doch längst unterhalb dieser Freibeträge – in der unteren Hälfte ist das nichts anderes als einer der schmierigsten Versuche von Symbolpolitik, den Sie sich jemals geleistet haben, und in der oberen ist es wieder einmal ein hübsch verpacktes Geschenk an Besserverdienende.“ „Sie müssen aber zugeben, wir haben uns mit der Symbolwirkung diesmal ganz besonders viel Mühe gegeben – wer das nicht weiß, würde von alleine nie darauf kommen!“

„Dann sollten wir wieder zu den wichtigeren Fragen der Tagespolitik übergehen: es stehen in den kommenden Wochen einige Entscheidungen an, die die Eurokrise beeinflussen werden.“ „Da hätten wir auch noch eine Maßnahme. Und zwar sollten wir die Ermäßigung der steuerlichen…“ „Aus!“ „Ich meine, wir sollten eine Anpassung vornehmen bei den…“ „Ich hatte Ihnen gesagt, ich will das nicht mehr hören!“ „Aber der Bürger muss doch in seiner Daseinsvorsorge wieder mehr Sicherheit haben.“ „Und deshalb wählt er eine Heißluftmannschaft wie Ihre?“ „Es geht uns doch nicht primär um eine Absenkung der…“ „Fangen Sie schon wieder damit an?“ „Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden! Es liegt am – nicht unterbrechen! – Binnenkonsum, wir müssen dafür sorgen, dass wir eine gemeinsame Lösung erarbeiten.“ „Das hört sich fast an, als ob die Kanzlerin etwas damit zu tun hätte.“ „Es liegt ja im Grunde an den strukturellen Verfehlungen. Eine wirkliche Erleichterung für den Bürger kann es nur geben, wenn wir bei den Steuern…“ „Sie kriegen gleich an den Hals!“ „… einen Stufentarif einführen und damit die kalte Progression bekämpfen.“ „Sehr komisch.“ „Was finden Sie daran komisch? Wir sind auf einem guten Weg.“ „Fragt sich nur, wohin. Mit dem Stufentarif bewirken Sie nominell weniger als die rot-grüne Reform, und für die kleinen Einkommen ist der Anstieg des Steuersatzes sogar steiler – wieder nur eine Umverteilung von unten nach oben.“ „Das müssen wir in Kauf nehmen.“ „Und dann wollen Sie mit den Gewerkschaften neue Tarifverträge aushandeln?“ „Hatten wir nicht vor.“ „Aber Ihre Rechnung geht doch nur auf, wenn Löhne und Gehälter über den Inflationsausgleich hinaus steigen.“ „Das ist Sache der Wirtschaft, wir können schließlich der Wirtschaft nicht sagen, wie sie zu reagieren hat.“ „Sie kann also nicht?“ „Wie denn? Wir haben gerade Aufschwung, schauen Sie mal: so viele neue Jobs, so viele neue Gehälter, die gezahlt werden müssen, teilweise bekommen die Leute ja nicht einmal mehr Hartz IV nebenher, die Banken, der Bund, die allgemeine Unsicherheit, der Aufschwung ist einfach noch nicht in der Wirtschaft angekommen.“ „Was für ein Blödsinn.“ „Ja, nicht wahr? Und deshalb müssen wir jetzt einen Anreiz schaffen für die Wirtschaft, wenn sie wegen der geretteten Banken weniger Subventionen bekommt, dass sie die Löhne und Gehälter vielleicht doch erhöht.“ „Wie soll das denn bitte funktionieren? Dazu müsste die Wirtschaft ja höhere Gewinne machen.“ „Richtig – wir brauchen einen Anreiz für die Bürger, auch bei sinkenden Reallöhnen mehr zu arbeiten und die Dividenden zu steigern. Dann haben wir endlich eine Balance erreicht.“ „Und wie wollen Sie das schaffen? Womit wollen Sie den Bürger wieder hinter sich bringen?“ „Nun, ich dachte mir, dass wir durch Steuersenkungen… wo kommt das Messer her? Was wollen Sie mit dem… nehmen Sie das Messer weg, sonst… das Messer weg! Das Messer! Hilfe! Das…“





Einsatz unter vier Prozent

14 09 2011

„Meine Güte, wie sieht das denn hier aus! Kinder, jetzt nehmt doch mal den ganzen Müll da weg, das geht doch nicht, und was sollen eigentlich diese Fähnchen da, ist ja fürchterlich, und was liegt da bloß für ein braunes Zeugs herum? Ach so, Filz. Hätte ich mir ja denken können, hier bei der FDP.

Was soll das denn da sein? Sie haben hier einen Whirlpool in eine Etagenwohnung gestellt? Ach so, es ist das Arbeitszimmer. Und das sehen Sie jetzt als Problem. Ja, kann ich mir denken. Wenn ich zu einem großen politischen Verein käme und da wäre ein Whirlpool im Großraumbüro direkt gegenüber des Guido-Westerwelle-Altars, dann würde ich mich auch fragen, was das soll. Dafür hatte ich mir auch etwas ausgedacht – wir werden für ein gutes Teamwork einen runden Schreibtisch aufbauen mit einer modernen und total flexiblen – wollen Sie nicht? Was dann? Wir können doch hier unterhalb der Tischplatte auch die Kabel entlangführen, und die Sitzmöbel sind alle total ergonomisch und rückenschonend und aus skandinavischem Bast geklöppelt, und das passt dann farblich total toll zu den… Der Whirlpool ist Ihnen nicht mehr groß genug? Klar, kann ich verstehen.

Sicher, ich würde mich auch beschweren. Aber klar. Schauen Sie mal, das hier ist nicht Ihr Haus, Sie sind hier nur Mieter, ja? Das ist egal, ob Sie die wichtigsten Mieter in der ganzen Straße sind – Sie sind Mieter. Das hier gehört Ihnen nicht. Nein, auch nicht, wenn Sie die Fenster von innen zuhängen. Und damit wären wir beim nächsten Punkt. Die anderen Anwohner beschweren sich über den Lärm. Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine wäre, dass Sie sich vielleicht mal etwas am Riemen reißen, nicht ständig herumschreien, man muss ja auch nicht den ganzen Tag lang am Küchenfenster stehen und wie am Spieß schreien, und wenn Sie auch nicht jeden Tag dieses bräsige Stühlerücken auf dem Boden – gut, dann kleben wir eben alles mit Eierkartons aus.

Und das hier ist wohl nicht Ihr Ernst? Da ist wohl seit dem Einzug keiner mehr drin gewesen? Sie hatten das bereits mit Spinnweben gemietet? Und dass der Boden klebt, ist anscheinend auch normal? Rösler, haben Sie hier die Löcher in die Wände geschlagen? Nee, glaube ich Ihnen. Sie und auf den Putz hauen – lächerlich. Und was soll das hier darstellen, wenn ich fragen darf? Türschild? Ach so, an der Innenseite. Sozialraum? Darauf hätte ich aber auch kommen können.

Und an Wärmedämmung haben Sie gar kein Interesse? Ich meine nur, dass Sie hier alle nicht ganz dicht sind, merkt man ja nun deutlich, und bei der Heißluft, die hier produziert wird – nicht? Man könnte bares Geld sparen, wissen Sie, und bei der Gelegenheit gleich noch etwas Gutes tun. Auch für die Klimaschutzziele, Ihre Kanzlerin wäre sicher begeistert. Wirklich nicht? Und warum nicht? Dabei wäre für Sie doch alles noch bequemer als sonst. Gut, dann lassen wir’s. Aber mal im Ernst, warum wollen Sie nicht? Weil Sie nicht gerne jemandem etwas Gutes tun, wenn es sich für Sie nicht sofort auszahlt? Ach, richtig. Sie sind ja schon total isoliert.

Nein, ich habe nichts gegen Feng Shui. Absolut nicht. Muss ja schließlich jeder selbst wissen, an welchen Hokuspokus er glaubt. Und wenn Sie meinen, wir sollten das hier am Parteiprogramm ausrichten, bitte. Machen wir alles. Aber wollen Sie sich nicht lieber ein Schlafzimmer einrichten? Ein hübsches Wolkenkuckucksheim zum Relaxen? Wo die Märkte sich selbstständig regulieren und die Arbeitslosen für dreißig Cent pro Stunde Schnee schippen? So ein richtig toller Westerwellness-Raum mit allen Schikanen gegen den normalen Bundesbürger? Na? Hatte ich mir gedacht, dass Sie das gut finden. Ist durchaus möglich, wir müssen nur ein paar technische Vorkehrungen treffen: der Raum muss hermetisch abgeriegelt werden, da darf kein bisschen Außenwelt rein, sonst funktioniert es nicht.

Wollen Sie nicht mal ein bisschen umbauen? Schauen Sie mal, wir haben hier so hübsche Sachen aus dem Haider-Katalog. Gucken Sie sich bloß mal diese entzückende Sitzlandschaft an. Genau wie im Europäischen Parlament, da möchte man am liebsten gar nicht mehr aufstehen. Hier haben wir das auch modular, das ist mit beweglicher Lehne – da können Sie dann in jede Richtung kippen, ganz wie im richtigen Leben – und dann hier der Dauerkomfortsitz Silvana. Einmal reinsetzen, nie wieder aufstehen. Haben wir auch mit integriertem Klo, das ist das Modell Chatzimarkakis. Den kriegen Sie garantiert nie wieder vom Arsch.

Schrankwand mit Barfach, das wird Brüderle freuen, hier hätten wir Platz für den Müllschlucker, wenn sich Ihr Laden zwischendurch mal in seine Bestandteile zerlegen sollte, und das hier? Alles nach rechts? Gute Idee. Und hier hätten wir auch Platz für einen Sportbereich – alles gefliest, die Fußbodenheizung ist ideal für Wahlabende, wenn Sie alle kalte Füße kriegen, und schön glatt. Da können Sie wunderbar Kriechen üben. Oder trainieren Sie Ihren Aufschlag. Tennis? Ich dachte mehr so an Fallschirmspringen.

Gut, dann also einmal das Komplettprogramm: renovieren, bis alles wieder aussieht wie vorher. Wir frischen die Flecken auf der Tapete auf, frischer Holzwurm für die Möbel, die Wasserhähne kriegen eine Kalkschicht aus der Sprühdose, die Klingel wird abgeklemmt, und dann brechen wir den Schlüssel im Schloss ab. Von außen. Und Sie werden sehen, dann sind alle zufrieden. Nicht nur vier Prozent.“





Mit Ihrem guten Namen

13 09 2011

„Danke für Ihren Einkauf“, sagte der Verkäufer, „beehren Sie uns bald wieder. Wenn ich dann noch um Ihren Namen bitten dürfte?“ Ich war irritiert. War ich versehentlich in eine Apotheke geraten? Oder kaufte ich gerade Kunstdünger? Er lächelte etwas bemüht. „Vermutlich waren Sie während der letzten zwei Wochen außer Landes, ansonsten hätten Sie sicher etwas von der Verabschiedung des neuen Bundesidentifikationssicherstellungsgesetzes gewusst.“ Ich zog eine Augenbraue hoch. „Danke, aber ich brauche das nicht. Jedenfalls nicht für ein halbes Pfund Magerquark.“

„Tut mir Leid“, ließ sich Anne vernehmen, „das ist ordnungsgemäß so verabschiedet worden, weil der Bundestag nicht genau wusste, worum es ging. 2013 und 2017 und 2021 wird es die Regierung verlängern, dann ist die Nachfolgeorganisation der CDU wieder am Ruder und wird alles abschaffen.“ Eine großartige Perspektive. Aber wie sollte ich unter diesen Umständen einkaufen gehen. „Die Sache ist ganz einfach“, ließ mich Frau Bethke vom Gemüsefachhandel wissen, „Sie sagen mir, wer Sie sind, und dann kriegen Sie Ihren Kohlrabi.“ „Liebe Tante Miele“, entgegnete ich sanft, „Du kennst mich, seitdem ich als Dreijähriger Bananen aß, und jetzt soll ich mich für ein bisschen Grünzeug ausweisen? Kommt nicht in die Tüte!“ „Was soll ich denn machen“, jammerte sie, „der Innenminister will es unbedingt, um den Terrorismus an der Ladenkasse auszuschließen, und der Einzelhandel braucht auch wieder einen Grund, um über den Umsatzrückgang zu jammern.“ Die Türglocke schellte melodisch; Jonas hatte den Laden betreten. Er schob die Sonnenbrille in die Stirn, klopfte mir zur Begrüßung kurz auf die Schulter und entfaltete einen Zettel. „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein. Zwei Kilo Kartoffeln, ein Pfund Bohnen und ein Bund Suppengrün.“ Die Bethke drehte sich eilfertig um. „Sofort, Herr Lohse, geht gleich los!“ „Seit wann heißt Du…“ „Bleib mal locker“; grinste er. „Man muss bloß die richtigen Leute kennen, dann läuft das ganz geschmeidig. Jetzt sag bloß, Du lässt Dich verrückt machen? Bezahl einfach mit Deinem guten Namen!“

Das Elektrokaufhaus war durchschnittlich gefüllt. „Lass mich machen“, beruhigte mich Jonas, „das kriege ich schon hin.“ „Sie haben sich für einen Stabmixer entschieden“, knickste der junge Ladenhüter, „sehr gute Wahl, ich habe denselben. Das Modell hat eine stufenlose…“ „Eigentlich hatte ich ein Gerät mir Standfuß gewollt“, unterbrach ich. „Sehr gute Wahl“, schwafelt er drauflos, „ich habe dasselbe. Sie werden mit der stufenlosen…“ Jonas deutete auf eine Küchenmaschine. „Was kann die?“ Der Nachwuchsverkäufer ließ in Sekundenschnelle den Quirl sinken. „Das ist eine ganz ausgezeichnet exzellente Spitzenwahl – komplett stufenlos, ich habe denselben.“ Jonas grunzte befriedigt. „Sehr gut, das Teil nehmen wir. Lohse ist mein Name, und Sie liefern das Ding bitte an Herrn Doktor…“ „Moment“, warf der Händler dazwischen, „Moment – ich muss eben dem Filialleiter Bescheid geben, dass der eingetragene Name und die Lieferadresse nicht übereinstimmen.“

„Das hat natürlich gar nichts zu bedeuten“, beruhigte uns der Geschäftsführer. „Wir sammeln die Namen nur auf Vorrat, aber sie werden nur dann gespeichert, wenn es im Zusammenhang mit einer Straftat stehen sollte.“ Jonas bohrte nach. „Sie wissen also bei einem halben Pfund Magerquark schon heute, ob es für eine strafbare Handlung benutzt wird?“ „Wenn es hinterher nicht verdächtig aussieht, wird es gelöscht. Also wenigstens hat man es uns so gesagt.“ Der Leiter war verwirrt. Jonas lächelte. „Das ist doch schon mal etwas. Und da wir noch keine Fingerabdrücke für eine Tüte Mehl hinterlassen müssen, sollten wir diese Lage schleunigst ausnutzen. Was meinst Du?“

„Wer von den beiden Herren ist nun Herr Umpikalele?“ „Ich“, verkündete Jonas. „Wir sind nämlich Zwillinge.“ „Ich auch“, fügte ich hinzu. Die Kurzwarenverkäuferin war nachhaltig verstört. „Haben Sie irgendeine Identitätskarte? Sie müssen sich doch identifizieren können.“ „Können wir.“ Jonas sah mich an, ich sah Jonas an. „Sehen Sie, ich kann mich identifizieren, er mich auch. Und jetzt machen Sie nicht so ein Theater um etwas Nähgarn. Das würde Ihrem Chef sicher gar nicht gefallen.“ „Sie müssen hier die Namen eintragen“, schluchzte sie hysterisch. „Offenbar hat die Regelung bereits entsprechende Veränderungen getätigt“, murmelte Jonas und kritzelte auf dem Formular herum. „Ob man uns nicht gleich in den anderen Abteilungen anmelden könnte“, mutmaßte ich, doch die Verkäuferin schüttelte entschieden den Kopf. „Das verstieße selbstredend gegen den Datenschutz.“ „Jetzt lass mich mal machen“, schmunzelte ich.

„Sie bezahlen mit Ihrem guten Namen“, informierte mich die Verkäuferin und zog meine Kreditkarte durch den Schlitz. „Popelheim“, sprach ich, „Eduard Popelheim.“ Alles anstandslos. „Wir haben noch eine ganze Menge vor uns“, ermutigte ich Jonas, „brauchst Du vielleicht irgendwas?“

Und schon befanden wir uns auf einer Rallye durch alle Abteilungen des Kaufhauses. Ich erstand eine Waschmaschine (Lohse) und ein Pfund Kaffee (Popelheim), einen Rasenmäher nebst Blumenregal (Pirckheimer), einen Herrenanzug (Sabine Blöhm) mit zweiter Hose (Aristoteles) und passenden Socken (Wallenstein), eine Verlängerungsschnur (Zhang Ying) inklusive 25-Watt-Glühbirnen (Guido Westerwelle), von denen eine (Rösler) auf der Rolltreppe (Niebel) leider zu Boden fiel (Pofalla). „Das war genug für heute“, beschloss ich. Jonas stimmte mir zu und schlug den Weg Richtung Ausgang ein, doch wir wurden aufgehalten; ein gebeugter Herr im verwaschenen Trenchcoat, der von zwei Sicherheitsleuten aus dem Warenhaus geführt wurde und dabei unablässig brabbelte: „Mein Name ist Lohse, ich kaufe hier ein!“ Jonas sah ihm tief befriedigt nach. „Das mag ich so gerne an diesem Land – dass man einander noch vertrauen kann.“





Teilzeit

7 09 2011

„Sie ahnen ja nicht, was das an Überwindung kostet – die sind alle schon ganz erschöpft. Jetzt werden es bald zwei Jahre, dass diese Koalition an der Macht ist, und es ist noch nicht vorbei, im Gegenteil, es geht immer weiter. Kein Ende abzusehen. Die werden einfach nicht fertig. Die kommen nicht weg. Und was das Schlimmste ist, die können auch nicht einfach so aufhören. Die bleiben.

Nein, Sie ahnen das ja nicht, was das jeden Tag an Überwindung kostet. Der Herr Westerwelle zum Beispiel, den hat’s ja ganz schwer getroffen. Der kann machen, was er will – der bleibt im Amt. Gleich zu Anfang haben ihm die Berater gesagt, Herr Westerwelle, haben die gesagt, schieben Sie einer Branche mal so richtig Lobbykohle rein. Sie, der Mann wollte das nicht! Der hatte Skrupel! Den mussten wir zu den Hoteliers hintragen, der wäre ja fast aus dem Dienstwagen getürmt. Kam aber noch viel schlimmer. Vor seiner Südamerika-Reise hatte er noch verschämt gefragt, ob er etwa ein paar Souvenirs in der Regierungsmaschine mit nach Hause nehmen dürfe – alles auf eigene Kosten! Er hat ja sogar gefragt, ob er nicht Spritgeld zahlen solle, anteilig fürs Kerosin, wenn er mit Teppichen und Essgeschirr zurückkommt. So einer ist das, der Herr Westerwelle. Einen Tobsuchtsanfall hat er bekommen, das können Sie sich nicht vorstellen! Nur, weil ihm die Berater diesen Boersch und ein paar Damen mitgegeben haben, von denen die eine gar nicht wusste, ob sie Galeristin oder Pianistin sein soll. Getobt hat der, mein lieber Mann!

Aber nichts. Die üblichen Rücktrittsforderungen aus der Opposition, aber haben Sie gehört, dass da einer die Regierung in Frage gestellt hat? Diese Politikberater waren entsetzt. Wir haben die sofort ins Kanzleramt zitiert, da kennen wir ja nichts, und wir haben auch schnell gehandelt. Herr Westerwelle hat sofort geliefert: spätrömische Dekadenz. Dabei hatte er noch am Vorabend den Vorschlag reingereicht, ob nicht ‚Auch für Erwerbslose besteht kein Anlass, sich demotiviert zu fühlen‘ dafür völlig ausreichen wurde. Aber da kennen Sie die Frau Merkel schlecht, die hat zu ihm gesagt: ‚Anstrengungsloser Wohlstand, oder gar nichts!‘ Und da musste er eben in den sauren Apfel beißen.

Oder Herr de Maizière. Also was der vom Stapel gelassen hat, das war ja goldig! Guter Mann, vor allem als Innenminister. Über Hacker und den Personalausweis und die Nacktscanner, das war ein Genuss. Was der auch von sich gab, man wusste sofort, er hat keine Ahnung. Ein begnadeter Kritikfänger für die ganze Regierung. Und wie wir dann zu Guttenberg loswurden – das war ein Geniestreich, das lief wie am Schnürchen, er hat da am Timing selbst mitgefeilt, wir haben das auf den Tag genau geplant – haben wir dann den nächsten Spezialisten ins Team genommen. Echt, es lief gut.

Und dann das. Sparpaket, Hartz-IV-Regelsätze, diverse Landtagswahlen, ich sage nur: Stuttgart 21, und die Regierung ist immer noch im Amt. Haben Sie eigentlich eine Vorstellung, wie deprimierend das ist? Die können ja machen, was sie wollen, und es bleibt nichts hängen. Das muss dies Teflon sein, was die damals über Frau Merkel erzählt haben, da klebt nichts, da können Sie sich auf den Kopf stellen. Laufzeitverlängerung? Sicher. Atom weg? Logisch. Die Kanzlerin kann wirklich alles tun und vor allem lassen, die wird einfach nicht vor die Tür gesetzt, das ist doch nicht mehr normal?

Denn das färbt langsam ab. Das mit Libyen, da kann man ja diskutieren, ob Herr Westerwelle nicht mal richtig gelegen hat, aber er hat wenigstens die Notbremse gezogen. Einmal kurz mit den Beratern telefoniert, die haben gesagt, er sollte am besten gleich außenpolitischen Flurschaden anrichten, und ansonsten wieder irgendeinen egozentrischen Müll raushauen. Wunderbar, fanden Sie nicht auch? Ich war ja begeistert. Und dann das: die Amerikaner haben ihn dafür auch noch gelobt. Sie, der Mann war am Boden zerstört. Das war nicht nett.

Weil das eben das Teilzeit-Modell ist, verstehen Sie? Die haben sich ja am Anfang der Legislatur schon gesagt, zwei Jahre würden reichen. Vielleicht auch nur anderthalb. Oder eins. Oder bis zum ersten Neustart. Und dann mit den aktuellen Bezügen ab in Frühpension. Alles ganz easy angehen lassen. Und nicht zu viel Stress. Und mit etwas Glück kann man dann noch den einen oder anderen Job in der Wirtschaft abgreifen, wo man nicht viel tun muss und trotzdem Geld kassiert, Aufsichtsrat oder Vorstand oder so etwas, und dann kann man den ganzen Krempel der nächsten rot-grünen Truppe einfach vor die Füße kippen.

Bis jetzt hat’s auch mit der Work-Life-Balance ganz klasse geklappt. Die Opposition hat gearbeitet und der Regierung alle Ergebnisse präsentiert – und das war wirklich hoch professionell bisher, muss man ja sagen. Das Krisenmanagement, das steht wie eine Eins. Und wenn Sie die Energiepolitik anschauen, da haben die ganze Arbeit geleistet. Enorm gut. Die Kanzlerin hat immer nur etwas gewartet, bis sie wirklich irgendwas tun musste, und ansonsten hat sie ganz einfach nichts gemacht. Alles ganz ausgeglichen.

Und die haben auch alle an einem Strang gezogen, weil sie unbedingt fertig werden wollen. Die CSU hat Aigner und Ramsauer geschickt, damit hätten die in Bayern als Landesregierung kein ganzes Quartal überlebt. Die FDP hat ihrer Krabbelgruppe die Rente mit 37 versprochen, Bahr und Lindner haben zugesagt, wenn sie danach auf Kosten der Partei einen Schulabschluss nachholen dürfen. Es klang so perfekt. Es war so wunderbar. Und das soll jetzt alles gewesen sein?

Aber die Abstimmung um den größeren Euro-Rettungsschirm gibt uns jetzt natürlich wieder ein bisschen mehr Aufwind. Zwölfmal Nein und sieben Enthaltungen, das sieht nach einem sehr souveränen Zieleinlauf aus. Mit voller Kraft durch die Krise in den Koalitionsbruch, und schon ist die Regierung komplett am Boden zerstört. Drücken Sie uns die Daumen. Diesmal muss die Kanzlerin auf die Schnauze fliegen. Hoffentlich.“





Arbeit macht frei

31 08 2011

„Aber nur, wenn Sie gerade etwas Passendes hätten, ja? Nicht um jeden Preis, wissen Sie, man sollte doch etwas finden, was sich einigermaßen gut ausmacht. Was dem gesellschaftlichen Anspruch genügt. Und gerne halbtags oder Teilzeit, Herr Westerwelle möchte nicht arbeiten für sein Geld.

Umschulen, meinen Sie? Das gäbe ein paar kleinere Probleme. Für eine Umschulung müsste man natürlich – ich meine die Rückbildungsphase, so läuft das doch? Erst die alten Kenntnisse weg, dann die neuen lernen? Das wird problematisch. Herr Westerwelle, wie soll ich sagen, er ist ja nun eigentlich gar nichts. Nein, auch nicht. Auch kein Taxischein, bedaure. Stand in der Stellenanzeige für den Außenminister nicht drin. Etwas Jura, danach hatte er bloß Transferleistungen. Anstrengungsloser Wohlstand, genau.

Etwas Maritimes wäre schon sehr nett. Haben Sie da etwas vorrätig? Großartig, ganz großartig, das wird ihm Spaß machen. Sagen Sie es nicht weiter, aber er ist immer schon ein großer Fan von Traumschiff gewesen, seitdem Sascha Hehn dort – Mövenpick? Er soll die Marmeladen am Frühstücksbüfett auffüllen? Entschuldigen Sie mal, Sie haben hier Guido Westerwelle, wissen Sie eigentlich, was das bedeutet? Für wen halten Sie sich eigentlich? Sie werden jetzt auf der Stelle eine angemessene Tätigkeit für Herrn Westerwelle finden, auf einer Stelle, wo’s dampft und segelt, und zwar – na also, warum nicht gleich so. Maritimer Bereich, sagten Sie? und selbstständig? und in verantwortungsvoller Position? Weit und breit keine Konkurrenz? Was ist das für ein Job? Heulboje!?

Hören Sie mal, Sie müssen sich doch jetzt nicht auch noch einen Spaß daraus machen, dass der Herr Bundesaußenminister gerne einen anständigen Beruf hätte. Das kann man doch jetzt auch ganz normal als eine – wie, das geht nicht? Aber in Deutschland bekommt doch jeder den Job, den er haben will? Hatten wir das nicht immer gesagt? Oder nein, es war anders: jeder, der will, bekommt etwas, was wie ein Job aussieht. Richtig. Kann ich mich also auf Sie verlassen, dass Sie das in die Hand nehmen? Aber das ist doch nicht mein Problem – ich meine, Herr Westerwelle ist doch Leistungsträger? Der kann doch eine angemessene Bezahlung beanspruchen, ohne dafür auch noch etwas tun zu müssen? War das nicht so abgemacht?

Zirkus? Sicher, man probiert ja alles mal aus. Als Pausenclown ist man nicht so beliebt? Wie wäre es mit einer akrobatischen Nummer? Sie, er hat auf Wunsch überhaupt kein Rückgrat, der kriecht Ihnen überall rein, wenn Sie –

Ja, er hatte mehrfach mit Diplomaten zu tun. Kann ein, dass da etwas abgefärbt hat, so genau hat sich Herr Westerwelle nicht dafür interessiert. Ob er was? Sicher kann er ein Hummerbesteck bedienen, das dürfte angesichts seines Umgangs doch kaum eine Frage sein. Ich bitte Sie, ist das ernst gemeint? Als Kellner? Wie, er hat unter Merkel doch auch nichts anderes gemacht? Das ist doch wohl –

Leistungsträger hätten Sie so nicht in Ihrem Katalog? als Ausbildungsberuf auch nicht? Und was ist mit Aktionär? Nichts? ‚Markt!‘-Schreier? Rumpelstilzchen-Imitator? Ich-Ich-Ich-AG?

Die deutsche Wirtschaft? Ganz neues Konzept? Hoffentlich nichts Illegales, man weiß ja nie. Ach so, ja. Fotografieren lässt sich Herr Westerwelle gerne. Er ist schon fotogen. Meint er jedenfalls. Für eine Werbeanzeige? Aha. Fünf pro Tag? Muss er sich jedes Mal neu ablichten lassen? Nur einmal? Das klingt doch gut. Testimonial-Kampagne? für Unternehmensbeerdigungen? Das macht Herr Westerwelle sicher gerne. Wir freuen uns, diese Agentur zu unseren – ach, die Kunden selbst? Wenn ich ein Unternehmen unbedingt insolvent kriegen will, miete ich mir Westerwelle als Werbegesicht und bin dann garantiert pleite in zwei Jahren? Das ist, wie soll ich das sagen – wie hoch war noch gleich das Honorar?

Haben Sie denn nichts mit etwas Anspruch? Ich meine, eine verantwortungsvolle Aufgabe, die man in der besseren Gesellschaft auch sehr gut als eine – Schädlingsbekämpfer? Weil er die FDP dezimiert hat?

Nein, Schneeschippen ist ihm wirklich nicht zuzumuten. Sie müssen wissen, Herr Westerwelle hat ein äußerst empfindsames Gemüt. Das liegt nicht an der Kälte oder am Streusalz, aber sie stecken ihn doch nicht mit normalen Menschen zusammen in eine Arbeitskolonne? Haben Sie denn gar kein Herz? Das können Sie dem Herrn Minister nicht antun! Wattebäusche zertreten und Passanten anpöbeln, das kriegt er vielleicht noch hin, aber Schnee fegen? Mit diesen, entschuldigen Sie – die Leute zahlen Steuern? Wie ekelhaft ist das denn?

Wir nähern uns der Sache wohl langsam. Politik ist immer schon mal gut, da braucht man nichts zu wissen, hat wenig zu tun und gibt seine Verantwortung gleich wieder ab. Bestens, da suchen Sie doch gleich mal weiter. Haben Sie schon etwas? Opposition? Großartig! Das ist eine hervorragende Idee. Das wird er nehmen. Als Generalsekretär? Wunderbar, da kann er genau das machen, was er am besten kann: so tun, als ob er organisierte. Da muss man keine inhaltlichen Entscheidungen treffen, kann aber den ganzen Tag lang die Presse anbrüllen, und dazu muss man noch nicht einmal wissen, worum es geht. Eine hervorragende Idee! Da könnte er endlich seine Persönlichkeit entfalten, das nehmen wir, auf jeden Fall! Haben Sie recht herzlichen Dank, wir sehen uns dann Montag. Und recht liebe Grüße auch an die NPD!“








Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Schließe dich 4.821 Followern an