Aufriss

25 07 2016

„Keine Ahnung, aber das muss sich doch irgendwie feststellen lassen? Gibt es denn da eine Statistik, ob mehr Banküberfälle von Deutschen oder Migranten verübt werden? Von Deutschen? Dann sind das aber sicher in der Mehrheit bedauerliche Einzelfälle, und die Ausländer müsste man dann in eine eigene Kategorie packen. Da haben sie dann wenigstens hundert Prozent.

Sie wissen also nichts? Wir haben jetzt noch, ich sage mal: dreißig Minuten bis Buffalo. Wenn wir den Text vorher noch mal ganz genau durchgehen, vielleicht zweiunddreißig, aber dann müssen wir auch auf Sendung. Geben Sie mal her, was haben Sie denn da stehen – Banküberfall, Huberstraße Ecke Harkenfelder Damm. Sonst nichts? Ach so, wusste ich ja nicht. Im Internet auch nicht? Sonst sind die doch immer so schnell, die haben auch die ersten Fotos von den Opfern, das ist ja immer ganz wichtig, sonst heißt es hinterher sofort: die Medien kümmern sich nur um die Täter. Meine Güte, wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren!

Schwarze Gestalten? Wenn es sich um Neger, das darf man ja sowieso nicht mehr sagen, aber was darf man denn dann überhaupt noch sagen? also es handelt sich um Gewaltverbrecher afrikanischer Herkunft, war ja klar, diese Bimbos kommen doch sowieso nur her, um unsere Frauen zu belästigen, und dafür braucht man eben Kohle, und was liegt da näher als ein Bankraub? Kapuzenpullover? Das ist doch unlogisch, ich meine, wenn ich schon ein Schwarzer, das heißt farbig, okay, also gut, das sind vermutlich Afrodeutsche gewesen, aber müssen diese Neger auch noch schwarze Pullover tragen? Das ist doch Blödsinn! Aber vermutlich sind es gar keine gewesen, oder doch: sie wollten, dass man sie für richtige Deutsche hält, und dazu haben sie sich diese Kapuzenpullover angezogen, damit man denkt, es seien Weiße, die sich als Schwarze ausgeben, während es in Wahrheit Schwarze sind, die sich als Weiße ausgeben, die Schwarze sind. Oder sich dafür halten. Jetzt reden Sie nicht immer dazwischen, wir müssen den Text hinkriegen!

Kommt es denn schon zu Panikreaktionen? im Umland eventuell? Ach, die wissen auch nicht mehr als wir hier? Warum sagt einem das denn keiner? Wir müssen doch dicht am Verbraucher bleiben, das ist journalistische Sorgfaltspflicht! Stellen Sie sich mal vor, es gäbe hier ein Bombenattentat, und dann würden die Leute zwei, drei Tage so ganz in Ruhe weiterleben! ohne sich irgendwie, ich will mal nicht sagen: zu radikalisieren, aber irgendwie muss man da doch den Verstand verlieren, oder?

Rufen Sie mal bei der Polizei an, die müssen doch wissen, ob es schon ein Täterprofil gibt. Das müssen Islamisten sei, keine Frage, wer würde denn sonst einen Bankraub begehen? Denken Sie doch mal nach, diese Islamiker dürfen doch keine Zinsen nehmen, denen fehlt das Geld für die Islamisierung, und was macht man da? Bankraub, genau. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit irgendwelchen sozialen Motiven, die Hälfte der Deutschen sind am Arsch, aber rauben die alle Banken aus? Na also!

Lassen Sie mich mal ran, das ist der Dings, also der Landesvorsitzende. Die sitzen noch nicht drin, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Dann sind wir schon mal in der ersten Reihe für Presseinfos, und irgendwie könnte es dann ja auch sein, dass in der Partei ein Posten als Sprecher frei ist, oder im Vorstand, aber was interessiert Sie das – Sie werden jetzt den O-Ton aufnehmen, bitte mit emotionalem Gehalt, und ansonsten sehr klar strukturiert, wir können den Scheiß dann besser schneiden.

Geben Sie her, das ist – noch nichts raus? wie, Nachrichtensperre!? Die Bullen können doch nicht so einfach eine Nachrichtensperre verhängen! Das ist Zensur, das lassen wir uns in einem Rechtsstaat nicht einfach so gefallen! Die werden sich jetzt mal ganz warm anziehen, diese Fuzzis von der Polente, und bei der nächsten Demo werden wir mal kritisch nachfragen, ob die nicht alle kommunistisch unterwandert sind!

Haben Sie? Okay, siebzig Sekunden, kann man eventuell noch etwas schneiden, wir müssen ja auch auf Sendung gleich, ‚rassefremde Elemente‘ sagt man heute eigentlich nicht mehr, aber sonst geht’s. Das ist ja schon mal ganz gut, und dann – Moment mal, Geiselnahme? wieso weiß ich davon nichts? Haben Sie sich das ausgedacht? Nein, die Fragen sind ja zu hören. Er hat sich das ausgedacht. Gut, das müssten wir dann noch so schneiden, als hätte er sich das nicht ausgedacht, also los jetzt! noch dreizehn Minuten bis Buffalo!

Holen Sie mir noch mal den Einsatzleiter ans Rohr, ich habe keine Zeit mehr! Ja was, dann eben den Stellvertreter! Oder dessen Stellvertreter! Wir sind in Deutschland, da ist immer einer rechtlich verantwortlich. Machen Sie mal! Was? Der Dings, der wechselt zum FC, nein: der wechselt zum FC, ich weiß es doch auch nicht, aber das ist doch auch keine Headline, dreißig Grad, meine Fresse, es ist Juli, Klimakatastrophe, haben wir nicht irgendwas mit Ausländern? ja, war ’ne doofe Frage, aber ich kann hier nicht die Nachrichten machen, wenn wir keine vernünftige Lage haben, wir brauchen doch ein klares Weltbild, und dann müssen wir auch die letzten Meldungen in die – gestern? Wieso sagt mir das denn keiner? Der Täter kam aus dem Eduard-Schlöppner-Ring und war vorbestraft? Wie soll man denn damit vernünftigen Journalismus machen!?“





Sommerlochfraß

24 07 2016

Offenbar ist das diesjährige Sommerloch tiefer als gedacht. Noch haben wir etwas Zeit, die Nachfolge des deutschen Bundespräsidenten zu bestimmen, da melden sich die Freien Wähler zu Wort, jene in Bayern beheimatete Trümmertruppe gescheiterter Existenzen, die unter ihrer Cervelatprominenz nicht weniger als den Kandidaten für das Staatsoberhaupt gefunden haben wollen: Alexander Hold. Ebenjener Laiendarsteller, der immerhin ganze vier Jahre lang in wechselnden Positionen Richter war und sogar eine Strafkammer von innen gesehen hat, bevor das Unterschichtenfernsehen ihn zum Moralerklärer machte, in dessen Hauptverhandlungen Zeugen hereinplatzten, wo Schuldige in einem Drittel aller Fälle nicht von der Polizei oder Staatsanwaltschaft gefunden wurden, sondern unmittelbar vor dem Schuldspruch des Angeklagten auftauchten (und ohne eigenes Verfahren gleich verknackt wurden), kurz: eine Luftnummer, die auch im wirklichen Leben staatsrechtlichen Sott erster Kajüte unter sich ließ. Es muss schlimm stehen um die deutsche TV-Unterhaltung. Früher hätte man das direkt im Dschungelcamp verklappt. Alle weiteren Anzeichen, dass rechtswissenschaftlich dekorierte Lebensläufe auch nicht mehr das sind, was sie mal waren, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • sturz wickeltisch schadensersatz: Dann wäre Poggenburg ja mindestens Milliardär.
  • stellage für sektempfang: Stellen Sie die Gäste bitte vorsichtig zwischen die Gläser, billiger Sekt macht Flecken.
  • türken heldenplatz: Hitlers Schnurrbart bleibt aber im Museum.
  • runde diebstahlsicherung entfernen firma mammut: Mal so gefragt: welche Firma hat denn an Ihrem Mammut die Diebstahlsicherung angebracht?
  • vulgärpsychologie: Offenbar Studienfach der meisten AfD-Funktionäre.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCII)

23 07 2016

Es jammert der Schorschl in Weingraben,
er wollte doch gerne noch Wein haben.
Er trank schon zwölf Drittel,
ihm fehlen die Mittel.
Dafür wird er morgen noch Pein haben.

Dambisa, ratlos in Petauke,
sieht ein, ihr Sohn ist ein Rabauke.
Rebellischen Fürstchen
gibt sie statt der Würstchen
fortan nur noch Gurken und Rauke.

Der Hiasl, der hackte in Stoob
das Holz für den Burschen zu grob.
Als dieser mal fehlte,
war er’s, der sich quälte,
weil er seine Scheite kaum hob.

Was Eðvarð beim Sammeln in Kjós
nach Hause bringt, ist meistens Moos.
Bei Husten und Schnaufen
kommt alles gelaufen
zu ihm, denn die Wirkung ist groß.

Man ahnt, dass der Karl in Dreihütten
beim Feuerholzhacken den Schlitten
ganz herzlos zertrümmert,
weil ihn nicht bekümmert,
wie sehr seine Buben es litten.

Dass Mekonnen stöhnte in Bure
bei jeder gewichtigen Fuhre,
ist jedem verständlich.
„Nach zwei Jahren endlich
ist Geld da, damit ich mal kure!“

Der Norbert, der schnaufte in Heugraben.
Er wollte partout viel mehr Heu haben,
das heißt, er will Jassen,
die Arbeit belassen
und sich dabei gut am Gebräu laben.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXVIII): Wellnessterror

22 07 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es war einmal ein Land, in dem gab es eine Gesellschaft, die in einem Land lebte, dem es so gut ging wie nie zuvor. So schnell änderte sich das nicht, auch nicht mit immer neuen Menschen, die das Land verbrauchte, damit es ihm immer gut ging und es immer neue Menschen produzieren konnte, damit es ihm gut ging. So gut ging es dem Land, dass die Menschen sich vorzugsweise selbst aus dem Weg räumten. Sie bekamen einen Burnout, denn sie wussten, ohne ihren Einsatz und den unbedingten Willen, es dem Land gut gehen zu lassen, ginge es dem Land nicht mehr gut. So veranstalteten sie regelrechte Wettbewerbe, wer als erstes umkippt und von diesem ganzen Dem-Land-Gutgegehe nichts mehr hat. Und irgendwann kamen pfiffige Realitätsallergiker aus der kapitalistischen Chefetage auf eine neue Idee: es soll auch den Menschen gut gehen, so gut wie möglich. Und zwar zackig. Es begann der Wellnessterror.

Schon lange hatten sie dem Arbeitsvieh bei der täglichen Somnolenz im Großraumbüro zugeguckt, wie sich molluskenhafte Teilzeitschläfer über die Tische verteilten und mit ihrem Gesichtsausdruck ein nachhaltiges Montagmorgenfeeling noch in den strahlendsten Sommertag schwiemelten. Weder die Erleuchtung noch die Entspannung waren zu Hause in dieser Rotte endabgelagerter Hirnleichen, ihr Karma hatte sich bereits prämortal erledigt. Auf, sprach der Trend, werde Opfer der Lebensqualität!

Sie hörten gerne und legten sich freiwillig auf den Altar der Erholung. Aßen dreimal pro Schicht das vom Arbeitgeber bereitgestellte Obst und liefen nach dem Job noch schnell drei Kilometer auf dem Band. Trugen orthopädisches Schuhwerk, liebevoll von kambodschanischen Kinderhänden hergestellt, hockten auf Sitzbällen, atmeten in ihre Mitte, bis sie leer waren. Und dann wurden sie aufgefüllt.

Denn das Wellnessgedöns nimmt terroristische Züge an, weil es Freiwilligkeit voraussetzt, und wer nicht aus freien Stücken mitmacht, gehört eben nicht zur großen, glücklichen Familie der Gutgeher. Sie leisten nichts, nehmen nicht messbar ab, ihre Haut wird nicht straffer, ihr Krebsrisiko sinkt nicht, sie kriegen ihren Hinterwandinfarkt immer noch aus den falschen Gründen. Die Erleuchteten aber, die ihren Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen wollen und sich nach jeder zweiten Klangschalenmassage noch eine Runde tantrisches Tauchen geben, sie sind längst in ein neues Hamsterrad geraten. Ihnen geht’s so gut, der Tod hat jeden Schrecken verloren.

Sie sind glücklich, denn sie haben die Doktrin begriffen, dass mangelndes Glück eine Infektion ist wie Grippe oder Fußpilz. Natürlich wollen sie die komplette Harmonie, um ihre Work-Life-Balance in den Griff zu kriegen, und wo setzt der Bekloppte an, wenn nicht an seiner eigenen Nase. An der Gesellschaft kann es ja nicht liegen, wenn er derart scheiße drauf ist. Jeder hat ein perfekter Mensch zu sein, nur glückliche Menschen sind perfekt. Nur entspannte, rundum relaxte, entstresste, gedetoxte, aprilfrisch zellgereinigte, derb saunierte, gecleanste, zugedopte, endverstrahlte Knalldeppen. Alles andere sind die Unterschichtfritzen, die sich abends ein Bier mehr als genug reingießen müssen, um am nächsten Tag noch gut zu funktionieren. Ärzte beispielweise. So lassen sie sich für teures Geld in die Gräten hauen, schmieren sich freiwillig Grütze auf den Bauch, lassen sich im Unterwasserpilates die Bandscheiben wieder reinpfriemeln, die sie sich beim Yoga rausgehauen haben, und dazu trinken sie billigen Beuteltee, der auf der Packung mindestens die Unio mystica verspricht.

Daneben wirkt das Verbotsregime weiter. Keine Kohlehydrate nach sechs, Trennkost, viel stilles Wasser trinken, aber nicht aus der Leitung, sondern abgefülltes Markenleitungswasser. Grünkohl gibt’s nur als vorverdauten Saft, dazu Apfelessig, die Altersvorsorge wird in Chia-Bröseln angelegt, und wer noch ins Fitnessstudio geht, darf fürderhin auf der Straße angespuckt werden. Es gilt die knallharte Bio-Moral: Du bist nichts, Dein Körper ist alles. Der dialektische Backlash trifft dann auch volle Möhre in die Kauleiste. Das Erlittene fräst nicht nur Schneisen der Erniedrigung in die Seele, es kratzt mit psychosomatischer Präzision wieder an der Wirbelsäule und hakt die Schleimbeutel aus. Wo nur die subjektive Verbesserung zählt, die jeder andere sich überstülpen kann wie des Kaisers neue Kleider, während noch exzessive Selbstverachtung zu keiner messbaren Steigerung führt, ist der zum Narzissmus gezwungene Sozialzombie erkennbar der Letzte im Rennen, vergeblich gestartet, um Geld, Zeit und viel Kraft ärmer, durch Mitlaufen ausgegrenzt. Keiner von ihnen hat den Marktwert auch nur um einen Strich erhöht, sich stattdessen bereitwillig stigmatisiert und die Verantwortung dafür unter „Selbstverwirklichung“ abgebucht. Es ist wie eine Religion, und so wirkt sie auch: nur äußerlich, und nur, wenn man daran glaubt. Dann geht es gut. Wem auch immer.





Dämonokratie

21 07 2016

„Nee, den haben Sie selbst kaputt gemacht. Man schmeißt einen Küchenmixer nicht in den Abwasch, das ist richtig gefährlich! Hatten Sie wenigstens vorher den Stecker gezogen? Auch nicht? Hm, so langsam würde ich sagen, dass wir vielleicht doch dahinterstecken. Ja, wir waren’s. Stimmt.

Man hat es ja auch nicht leicht, so als junge und aufstrebende Terrororganisation. Wir haben hier schon drei studentische Hilfskräfte, die hören rund um die Uhr Radio, schauen Fernsehen, und dann gucken sie zwei Tage später in die Printmedien, ob die auch dasselbe schreiben. Wir müssen immer gut informiert sein. Ganz umfassend. Und wir müssen die Reaktionen der Bevölkerung beachten, damit wir immer sofort Stellung beziehen können.

Hier, Auffahrunfall in Schwedt. Ist zwar nur ein Blechschaden, aber es handelt sich um einen älteren Mitbürger biodeutscher Herkunft, Zonenrandgebiet, da muss man dann ganz klar sagen: wir waren’s. Das ist eindeutig ein Werk unseres islamistischen Terrornetzwerks. Jetzt gucken Sie natürlich, aber haben Sie schon mal bedacht, was so ein Auto für einen ostdeutschen Wutbürger für einen Stellenwert besitzt? Der flippt aber aus, wenn dem ein Neger in den Kofferraum rauscht, und wenn Sie dann noch ein Bekenntnis einer internationalen islamistischen Terrororganisation aus… ja, wir sitzen in Kassel, aber das sagt ja nichts. Wir haben erheblich mehr Einwohner als der Vatikan. Das sitzen wir aus.

Man muss einfach nur die vielen Ereignisse in unserem Land auf dem Schirm haben, und dann hauen wir sofort ein Bekennerschreiben raus. Brand im deutschen Wohnhaus? Wir waren’s. Bankenkrise in Europa? Wir waren’s. La Mannschaft ist nicht mehr national und verliert die EM? Wir waren’s! Sie sehen, gute PR ist einfach, immer im Gespräch zu bleiben. Das braucht man. Wirklich! Wissen Sie, VW und die Deutsche Bahn haben angeklopft und sich erkundigt, ob wir nicht mal den Kopf für sie hinhalten. Wie finden Sie das?

Also nee, manche sind ja auch so unsicher, die wissen gar nicht, wie sie sich in der komplizierten Situation noch verhalten sollen. Die haben einfach die Schnauze voll, und dann würden die sich am liebsten selbst radikalisieren, aber wie geht das? Muss man da Parteimitglied werden, und wenn ja, reicht CSU-Ortsverein noch aus? und was macht man, wenn man gar nicht in Bayern wohnt? Muss ich aus der Kirche austreten, und wenn ich schon ausgetreten bin, kann das gegen mich verwendet werden? Von wem? Und warum? Sie sehen ja, das gesellschaftliche Potenzial ist durchaus vorhanden, man muss es nur nutzen, und dazu muss man die Meute, Leute wollte ich sagen, die Leute, die muss man in die richtige Richtung lenken.

Natürlich muss man da vorsichtig sein, es wird halt nicht alles gleich geglaubt. Aber wir wissen um unsere Notwendigkeit. Die Menschen schlafen viel ruhiger, wenn sie ein klares Weltbild haben, in dem es die Bösen gibt, eine islamistische Bedrohung, die an den vielen Krankenhauskeimen schuld ist und an Florian Silbereisen und an den Strompreisen. Da können Sie ganz fröhlich durch Leben gehen und sich sagen, dieser verdammte Islam, Ihr wollt wohl, dass ich meinen Kühlschrank ausmache, aber da habt Ihr Euch gewaltig getäuscht! Widerstand! Wir legen solange unser Zeugs ins Eisfach, wie es uns passt! Das wirkt, sage ich Ihnen, die Leute sind nicht mehr so eingeschüchtert wie vorher. Sie haben gelernt, in einer Dämonokratie zu überleben. Die Zukunft wird auf jeden Fall erfolgreich.

Also unsere Kommunikationskanäle sind gut, da gibt es nichts zu rütteln. Da kommen gerade die neuen Meldungen rein. Sie haben schon wieder so einen Hühnerknast ausgehoben – sehr schwierige Sache, auf der einen Seite natürlich eine widerliche Tierquälerei, aber auf der anderen Seite wollen die Deutschen ja billiges Discounterfleisch. Wenn wir uns jetzt bekennen, wird es eng. Eine Brandstiftung wäre ganz hilfreich gewesen, aber man kann nicht alles haben. Hier haben wir noch einen schweren Wasserrohrbruch, das ist sehr gut. Das waren wir. Angriff auf eine Ausländerin in Thüringen, ja, nehmen wir auch auf unsere Kappe. Ist uns doch egal, Hauptsache ordentlich Gewalt im öffentlichen Raum, oder?

Man muss die Bürger halt so weit bringen, dass sie bei etwaigen Straftaten sofort an eine mögliche Verstrickung unserer Organisation denkt. Wir konditionieren sie quasi, um unsere Marke so breit wie möglich aufzustellen. Schauen Sie mal, eines Tages wird es so weit sein, dann explodiert ein Bus vor dem Reichstag, oder ein Giftgasanschlag tötet gleichzeitig Schalke, die Bayern und ein Stadion voller Deutscher. Man muss sich auch mal Utopien bewahren. Und dann ist endlich der Tag gekommen, die Medien schalten auf Leerlauf, im Fernsehen werden sie gar nicht erst recherchieren, da werden sie nur bei den Geheimdiensten und bei der Polizei anrufen und fragen, ob sie eine bessere Idee auf Lager haben, dann wird niemand einen Plan haben oder auch nur Ahnung von dem, was er sagen soll, und dann verkünden sie: wir waren’s.

Veränderung der Gesellschaft? Also das können Sie so gar nicht sagen, wir sind hier alle sehr qualifizierte… – Was die Rechtspopulisten dazu sagen? Hören Sie mal, was glauben Sie eigentlich für wen wir dieses Theater hier machen!?“





Spieltheorie

20 07 2016

„Und jetzt wird sie herausfinden, ob ihr Nachbar Besuch bekommt. Und vom wem.“ Er lehnte sich behaglich in seinem Drehsessel zurück. Auf dem Monitor liefen ein paar Zeilen durch. Hier gab es nichts zu erfahren. Sie lebten ihr Leben weiter wie bisher. Zumindest glaubten sie das.

„Wir haben eigentlich nur ganz normale Leute auf dem Radar.“ Hier in seinem kleinen Zimmer in der großen Behörde, in der niemand so richtig wusste, was die anderen Abteilungen eigentlich tun, manche wollten es nicht wissen, manche durften es auch gar nicht erfahren, hier saß er ganz ruhig, fast schläfrig vor seinem Bildschirm und betrachtete die Ergebnisse einer zufälligen Auswahl von Personen, die an einem zufälligen Nachmittag in einer kleinen Stadt ihrem Alltag nachgingen. „Und jetzt nehmen wir mal den hier. Er ist seit Tagen nicht aufgefallen, vielleicht fühlt er sich schon gar nicht mehr richtig beteiligt.“ Er tippte ein paar Worte ein. Die Zeile blinkte. „Er befindet sich in der Nähe eines anderen Zielobjekts, von dieser Person wissen wir noch gar nichts.“ Eine andere Zeile färbte sich plötzlich ein, dann wechselten die Namen blitzschnell ihre Reihenfolge. „Sie haben Kontakt aufgenommen?“ Er schüttelte den Kopf. „Er ist in denselben Bus eingestiegen, um herauszufinden, was diese Person tut. Wohin sie fährt. Was sie gerade in diesem Moment vorhat.“ Ich begriff es noch nicht. „Wollte er denn überhaupt den Bus nehmen?“ „Darum geht es ja“, erläuterte er. „Sie kennen sich nicht, aber er folgt für uns einer Spur. Deshalb wird er jetzt seine eigentlich geplanten Aktivitäten unterbrechen und diese andere Person verfolgen.“ Langsam schien ich zu begreifen, worum es sich hier handelte. Die Bewegungsradien einiger Personen trafen sich und ergaben bestimmte Muster – doch nein, das war zu einfach. Eine Maschine hätte das erledigen können.

„Ich werde ihm noch eine Nachricht schreiben“, meinte er. „Warten Sie. Zielperson verlässt den Bus an der erwarteten Haltestelle.“ „Sie wissen doch gar nicht, wann der andere aussteigen will.“ Er blickte mich nicht an. „Das weiß mein Empfänger aber nicht“, entgegnete er. „Hauptsache, er verfolgt sein Objekt ohne große Widerrede. Das gibt zwanzig, wenn ich nett bin: dreißig Punkte.“ Sollte das etwa ein Spiel sein? „Natürlich“, sagte er. „Das ist ein Spiel. Nur ein großes Spiel.“

Währenddessen hatte sich die Konstellation wieder verändert. Aus einer anderen Abteilung kam eine Botschaft, dass zufällig ein intensiver Kontakt in den Bus zugestiegen war. „Ich gebe jetzt der Kollegin Bescheid, dass wir ihre Person als Zeugen für etwaige anderen Kontakte einsetzen werden. Wir müssen ja wissen, ob sie tatsächlich zusammen den Bus verlassen.“ „Und was kriegen Sie damit raus?“ Er zuckte mit den Schultern. „Es ist ein Spiel, wie gesagt: ein großes Spiel. Alle diese Personen wurden irgendwann zufällig ausgesucht und angesprochen. Sie installieren sich eine App, und dann beginnt eine Art Schnitzeljagd. Oder nennen Sie es meinetwegen einen Agentenkrimi, bei dem der Mitspieler denkt, er sei der einzige Akteur.“ „Er wird ferngelenkt?“ Er nickte. „Und gibt Ihnen bereitwillig Informationen über andere Personen heraus, die er nur dazu ausspioniert?“ Wieder nickte er. „Sie machen das alle freiwillig. Man kriegt ja Punkte dafür.“

Inzwischen war der Kontrollmann auch aus freien Stücken noch weiter als beabsichtigt mit dem Bus mitgefahren, als die beiden anderen, ein Verfolgter sowie ein doppelt Verfolgter, aussteigen wollten. Offenbar fiel es niemandem auf, dass sie alle angestrengt auf ihre Telefone schauten und so taten, als wären sie mit ganz anderen Dingen beschäftigt. „Und was bringt Ihnen das? Was machen Sie mit den Informationen?“ „Ich weiß nicht.“ Er sah mich in der Tat etwas hilflos an. „Wir haben ja noch nicht so viel sammeln können. Der eine ist möglicherweise herzkrank, der andere hat eine Schwäche für Kuchen und muss es heimlich ausleben. Mehr können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.“ Wieder schob sich eine Zeile nach oben. „Briefe aus dem Kasten nehmen und Absender notieren“, befahl er dem unbekannten Agenten. „Wir könnten irgendwann zufällig einen dicken Fisch an der Angel haben, und dann müssten wir sonst ja erst eine Verbindung zu ihm aufbauen, ihn von Vorteilen überzeugen, die sein Handeln, möglicherweise sogar ein Verrat…“ „Da zählen die zwanzig Punkte in einem anonymen Spiel natürlich mehr.“ Er schwieg lange.

Unterdessen hatten sich ständig die Zeilen verschoben, manche waren blau geworden oder rot, manche waren auch verschwunden. Sein Blick ging durch den Monitor hindurch, als versuchte er, eine tiefere Bedeutung darin zu erblicken. „Wir steuern die Personen nicht ganz ohne Grund“, befand er. „Manche zeigen durch ihr Verhalten, dass sie sich zu höheren Zielen berufen fühlen, manchen können wir das auch erst vermittlen, wenn sie sich für eine gewisse Zeit mit ihrer Aufgabe identifiziert haben.“ Es wurde immer klarer, was seine Aufgabe war; er hatte es wohl auch nicht verstanden, oder man hatte es ihm nicht vermittelt. „Manchmal braucht man jemanden, der einen schnellen Bankraub macht, ein Attentat, eine Terrorzelle gründet, ich weiß es doch auch nicht!“ „Ihre Aufgabe ist also nichts anderes als die Manipulation, die Ihren höheren Zielen dient, nehme ich an?“ Verzagt sah er mich an. „Aber es ist doch nur ein Spiel?“





Hassverbrechen

19 07 2016

„Deshalb gelten Aktionen von linksautonomen Hausbesetzern nicht als Hassverbrechen?“ „Wir wollen da nach Möglichkeit mehr differenzieren. Hassverbrechen, das sind für uns rechte Täter.“ „Dann setzen Sie linke und rechte Extremisten nicht mehr gleich?“ „Nein. Linke Straftäter handeln meist aus Neid. Das ist noch viel verwerflicher.“

„Also in Ihrem Werteraster möchte ich ja nicht stolpern.“ „Wir leben hier im christlich-jüdischen Abendland, da sind gewisse Dinge eben moralisch nicht in Ordnung.“ „Ihr Werteraster zum Beispiel?“ „Neid ist eine Sünde, da er zutiefst egoistisch ist.“ „Das ist in einer neoliberalen Gesellschaft ja nun wirklich niederträchtig.“ „Außerdem widerspricht er jeglichem Gerechtigkeitsgefühl – die meisten Reichen haben sich die Klasse, in der leben, nicht aussuchen können.“ „Und darum ist ein brennendes Auto ein Anschlag auf die göttliche Ordnung.“ „Sie müssen das gar nicht so ironisch sagen, der Schutz des Eigentums ist auch in einem säkularen Staat eine der Kernaufgaben der Polizei.“ „Sie würden also sagen, dass der Schutz materieller Güter ein wesentlicher Bestandteil zur Sicherung des inneren Friedens ist?“ „Ach, man muss das gar nicht so sehr auf materielle Güter beschränken. Es geht doch im Kern um die Ideologie, die diese Gesellschaft zu zerstören geeignet wäre.“

„Interessant ist doch, dass ein brennender Benz immer als politische Straftat gilt.“ „Sie wollen auf das nationale Image hinaus, dass Mercedes für unsere Volkswirtschaft steht und sich darin eine antideutsche Gesinnung manifestiert? so weit würde ich gar nicht mal gehen wollen.“ „Es wird also angenommen, dass ein Mercedes immer einen Besitzer aus der gesellschaftliche Oberschicht hat.“ „Mitnichten, wir nehmen nur an, dass derjenige, der ihn in Brand setzt, aus der Unterschicht stammt.“ „Warum?“ „Welchen Grund hätte jemand, der sich selbst einen Mercedes leisten kann, den Mercedes eines anderen anzuzünden?“ „Also handelt es sich um Klassenjustiz.“ „Sie haben das immer noch nicht verstanden. Es geht uns um den inneren Frieden in der Gesellschaft. Nehmen Sie mal so einen aus der Mittelschicht.“ „Dem darf ich seinen VW anzünden?“ „Wenn Sie es aus persönlichen Gründen tun oder weil Sie gerade keinen Mercedes gefunden haben, ja. Da muss ich wenigstens nicht politische Motive in Erwägung ziehen.“ „Und die Mittelschicht fühlt sich angegriffen, wenn ich einen Mercedes in Brand stecke? dabei können sich doch die wenigsten in der Mittelschicht einen leisten, wie Sie sagen.“ „Aber bedenken Sie die verheerenden ideologischen Folgen! Wenn Sie als Mitglied der Mittelschicht sehen, dass Linksextreme überhaupt keinen Respekt vor Ihrem Eigentum…“ „Wieso denn Eigentum, die haben doch kaum welches.“ „Jetzt bringen Sie mich nicht aus dem Konzept! Ein Mitglieder der Mittelschicht wird sich doch gar nicht mehr motiviert fühlen, mehr zu arbeiten und sich davon irgendwann einen Mercedes zu kaufen, wenn ihn linke Chaoten irgendwann abfackeln. Das ist ein massives Wachstumshemmnis, und das muss die gesamte Gesellschaft tragen!“

„Und wenn Nazis dabei ertappt werden, Autos anzuzünden?“ „Das sind bedauerliche Einzelfälle.“ „Vermutlich ein Hassverbrechen.“ „Ja. Sehen Sie, man hasst ja nur das, was man innerlich nicht annehmen kann, und wenn Sie Nationalsozialist sind, dann haben Sie mit der linken Ideologie, die Sie zu Ihren Straftaten führt, nun mal Probleme.“ „Ein Nazi, der Autos anzündet, ist also in Wahrheit links?“ „Leider, ja. Da sehen Sie mal, was dieser schreckliche Neid für eine zerstörerische Wirkung auf den inneren Frieden unserer Gesellschaft hat.“ „Was machen Sie eigentlich mit Linken, die nicht langzeitarbeitslos sind, sondern einen guten Job haben und ein anständiges Gehalt und Familie, sind das auch klassische stalinistische Chaoten?“ „Sehen Sie, da kommen wir ja nun an einen besonders interessanten Punkt. Diese Täter handeln meist aus ideologischer Verblendung.“ „Wie beispielsweise Nazis?“ „Wenn Sie den Vergleich ziehen wollen?“ „Warum sonst ideologische Verblendung?“ „Diese Salonlinken sind die schlimmsten Täter von allen – wenn sich einer einen Porsche leisten kann, dann muss er doch kein Linker sein.“ „Also handelt man mit dem Erwerb eines Sportwagens automatisch gegen seine eigenen Interessen.“ „Schlimmer noch: die geben damit das Signal an Gesinnungsgenossen, dass ein brennendes Luxusauto möglicherweise gar keinem anständigen Bürger gehören könnte.“ „Dann provozieren diese Leute linke Gewalttaten?“ „Richtig, und deshalb muss man sie auch immer für solche Gewalttaten verantwortlich machen. Also unabhängig vor etwaigen Fakten.“

„So, dann bin ich mal gespannt, wie Sie mir das als Verbrechen aus Neid verkaufen wollen.“ „Was denn?“ „Nazis, die eine Flüchtlingsunterkunft mit Brandsätze bewerfen.“ „Ah, verstehe. Sie denken jetzt, das ist natürlich der blanke Neid auf die armen Asylanten, die fünftausend Euro pro Kopf an Begrüßungsgeld bekommen und mietfreies Wohnen und schöne neue Moscheen und freien Eintritt im Spaßbad, richtig?“ „Ich hatte ja eher darauf getippt, dass Sie mir erzählen, so ein Nazi bekäme auf einmal eine unheimliche Wut auf den Besitzer der Immobilie, die nun nicht mehr für Deutsche zur Verfügung steht.“ „Nein, das ist viel zu einfach. Da müssen Sie noch mal nachdenken.“ „Also in der Tat ein Hassverbrechen?“ „Der Nazi würde ja gerne die Ausländer lieben, aber man lässt ihn ja nicht, und die Ausländer können mit ihm auch nicht viel anfangen. Mal Hand aufs Herz – soll man das etwa moralisch verurteilen?“








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