Inschallah

23 10 2017

„Hier, Allahu und Dings und so… ja, wir sagen das so, das ist Ihnen vielleicht nicht geläufig, aber Sie kommen eben auch aus Tunesien und nicht aus Kassel. Das ist schon ein Unterschied. Womit ich jetzt nicht gesagt haben will, dass Ihre Traditionen weniger wert sind als unsere, aber Sie wissen halt, Sie sind Einwanderer.

Als solcher werden Sie sich natürlich auch über die deutschen Verhältnisse in Kenntnis gesetzt haben, richtig? Richtig, ich wusste es. Die Frau im ersten Stock war immer gut zu Ihnen? Dann passen Sie mal gut auf: die heißt Kraußwinkel, das ist ein typisch deutscher Name, und diese Leute sind in der Regel islamophob. Die lehnen Sie ab, ob Sie das nun festgestellt haben oder nicht, Sie sind in deren Nachbarschaft einfach nicht erwünscht, und wenn Sie dann mal in eine andere Nachbarschaft umziehen, dann kann das nicht mit rechten Dingen zugehen. Diese feindlichen Elemente sind eindeutig in der Überzahl, das müssen Sie wissen!

Glauben Sie nicht diesem geistig behinderten Arschloch aus Erfurt, wenn es herumkräht, dass die Islamisierung Deutschland von Claudia Fatima Roth und Angela Cohn Merkel zur Ausrottung des arischen Herrenvolks schon vollzogen sei. Das ist Fake News. In Wahrheit haben wir noch einen sehr langen Weg vor uns. Sie sind alle noch nicht in die Knie gegangen. Die normalen Bürger sind immer noch in der Mehrzahl, und das Schlimmste ist: sie haben so gar keine Angst vor uns.

Transporter bringt gar nichts. Das ist schon lange out, damit marmeln Sie vielleicht drei, vier Muttis mit Kinderwagen an die Wand, aber Sie wollen als Märtyrer in die Abendnachrichten, was sage ich: Unterbrechung des laufenden Programms, darunter tun Sie’s doch nicht, oder? Na also. Geht doch. Deshalb haben wir in Kooperation mit den internationalen Speditionspartnern, die derzeit auf unseren Rastplätzen etwas unruhig schlafen, eine hübsche Flotte an Dreißigtonnern requiriert. Die sind alle total von der Rolle, weil denen überall die Ladung vom Bock geklaut wird, und dann wird man schon mal unruhig. Jedenfalls schläft von denen keiner eine Nacht lang durch. Schnarchnasen allesamt. Und dann krallen wir uns die Lkw, der eine oder andere wird vielleicht für den Sieg der gerechten Sache sterben müssen, Inschallah, ist halt so, und dann…

Doch nicht jetzt, Mann! Ich habe gesagt, ich bin nachher wieder im…

Wo waren wir? Laster. Das mit dem Sprengstoff war auf die Dauer logistisch zu schwierig, und dann hatten wir immer das Bundeskriminalamt an der Hacke, das geht ja auf Dauer gar nicht. Da ist der Anschlag doch schon in den Abendnachrichten, bevor der erste Ungläubige in die Luft fliegt. Wir arbeiten jetzt fokussiert, da soll es auch keinen Leerlauf mehr geben. Sie wissen also, wenn wir mit Ihnen kooperieren, dann heißt das, wir kooperieren nicht mit jedem, und dann bedeutet das für Sie, dass wir mit Ihnen kooperieren, weil…

Heilige Scheiße, ich habe doch gesagt, ich kann jetzt keine Anrufe gebrauchen! Warten Sie doch damit, bis wir die endgültige Zusage… – Haben Sie längst? Dann rüsten Sie den Mann doch aus, wo ist denn das Problem? Wir haben den ganzen Scheiß da, wir brauchen nur einen Projektplan, den Zettel mit den notwendigen… hören Sie mir doch mal zu, wir arbeiten dezentral, da weiß der eine nicht unbedingt von den anderen, aber in der Summe sind wir erheblich effektiver.

Das ist die Karte, die Einkaufszentren haben wir natürlich nur zufällig eingezeichnet. Hier wird der Laster abgestellt, den Schlüssel bekommen Sie in den Briefkasten eingeworfen. Wir wollen nichts dem Zufall überlassen, am Ende wird der Wagen noch geklaut und jemand begeht damit eine Straftat. Haben wir alles schon gehabt.

Aber reden Sie nicht mit jedem darüber, das könnten möglicherweise andere Leute in den falschen Hals kriegen und als Terrorpropaganda einstufen, und dann hängen wir alle mit drin. Da kommt man so einfach nicht mehr raus, weil ja in Deutschland Propagandadelikte normalerweise härter bestraft werden als Anschläge. Das wissen Sie, sobald Sie versuchen, ohne fremde Hilfe eine Synagoge anzuzünden.

Waffe würde ich Ihnen nicht empfehlen, nur für den Notfall haben wir noch Restbestände aus Tschechien. Lassen wir per Kurier aus Zwickau kommen, wenn Sie möchten. Doch, vielleicht wäre eine Waffe sogar ganz gut. Wir müssten ja notfalls auf Sie schießen, und wenn Sie sich nicht wehren, klappt das nicht mehr mit den 72 Jungfrauen. Ich habe keine Ahnung, wir sind ja auch noch nicht so lange dabei. Also halten wir fest, Sie melden sich kurz zurück, wenn Sie auf Position sind, und dann lassen wir den Rest ablaufen? Gut, dann rufen Sie morgen zur Sicherheit noch mal an, nein – ich rufe Sie an. So machen wir das.

Sieben, hören Sie? Hier ist Null-Eins. Läuft nach Plan. Die Zielperson hat bisher keinerlei strafrechtlich relevante Äußerungen getätigt, es gab auch keine Hinweise auf Linksextremismus. Keine Radikalisierung im Internet. Es verläuft mal wieder alles nach Plan.“

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Akustischer Moment

22 10 2017

Als wäre nichts, schweigt alles still.
Dort spielt ein Mensch für sich Klavier.
Man hört es so, als sei es hier,
auch wenn man es nicht will.

Wie Bild auf Bild so blass entsteht,
vernimmt man leise, wie aus Tönen
das Zauberreich des fremden Schönen
sich zeigt und rasch zergeht.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXV)

21 10 2017

Zsuzsanna sieht kauernd in Gürschen
im Dickicht die Spuren des Hirschen.
Der Blätterwald deckt sie,
der Schmutz, der befleckt sie –
nicht sauber kann sie sich ranpirschen.

Wenn Gruffudd beim Spielen in Flint
nicht gleich etwas einfiel fürs Kind,
so sucht er nach Steinen,
nach Holz und Gebeinen,
schon kam ihm ein Einfall geschwind.

Dass Bálint sich grämt in Neupest,
liegt darin: „Da Ihr gar nichts esst,
was Brüder und Schwestern
genügt, statt zu lästern,
fühl ich mich davon glatt erpresst!“

Famoussa, der rennt in Tarkint,
bis Schweiß ihm vom Leib herab rinnt.
Statt still zu verweilen,
will er weitereilen –
er hofft auf den kühlenden Wind.

Als Stefi ein Ei briet in Freiweis,
aß sie recht behutsam das Eiweiß.
„Das Gelb wäre schrecklich
und kleckert erklecklich,
sobald ich am Eiweiß vorbeibeiß.“

Kommt Todor an in Kamen Brjag
zum Ball im verknitterten Frack,
liegt’s gar nicht am Plätten.
Man kann darauf wetten,
er transportiert ihn stets im Sack.

Dass Attila in Iwandarde
bewohnt eine halbe Mansarde
mit Fenstern und Erker
als Zugluftverstärker,
das passt zum Beruf. Er ist Barde.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXC): Besserwisser

20 10 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Das war Ugas einzige Passion. Nicht die Jagd, wo er als chronischer Danebenzieler meist nichts riss, zum Ausgleich aber oft auf die Fresse kippte und von den Gefährten durchs Dickicht aus der Trampelzone der Wollnashörner gezogen werden musste, meist im letzten Moment, was den Schmerz am Oberkörper nicht minderte, das Überleben aber deutlich wahrscheinlicher machte. Uga bedankte sich bei den anderen mit Unterweisungen rein theoretischer Natur, also altklugen Sprüchen, und fand sich in froher Waidmannsrunde wieder, bis ein Mammut in Griffweite war. Noch lange erzählte man sich kichernd Heldengeschichten, in kleiner Runde mit moralischem Unterton, dass niemand den mochte, der so jäh unter dem Unpaarhufer ins dürre Gras der Savanne gebissen hatte. So schnell der Besserwisser gekommen war, so schnell verstarb er auch wieder.

Natürlich muss ein jeder Klötenkönig heute sein Einzugsgebiet abstecken, da die Karte langsam zu dicht mit Fähnchen gespickt scheint. Der gemeine Spender von Antwortgranulat auf jede beliebige Frage des Lebens, der leckende Rohre verdengelt, aus dem Stand Kubikwurzeln zieht und zeitgleich die Geschichte der kambodschanischen Keramik in fünfhebigen Jamben rappt, hat ausgedient. Er verfügt über ein gerüttelt Maß an Meinung über die eigene Ahnung, damit wäre die geistige Aneignung auch abgeschlossen. Anfallsartig grätscht er in die soziale Interaktion, tapfer die eigene Ignoranz ignorierend, die ihn blindlings überkommt, sobald er schon das Mundwerk geöffnet hat. Doch nicht dem Spezialisten gehört die Welt, der Siegertyp erschließt sich allenfalls neue Sphären des Egos für seine Schussversuche. Er hat es auch nötig.

Denn nicht die überquellende Intelligenz ist die Triebfeder für den geistigen Dauerbefruchter, er leidet unter einem chronischen Defizit. Keiner hört ihm zu, so dass er bizarre Ausschussware in die Publikümmer schwiemelt, was seine Ausstrahlung auch nicht besser macht. Tapfer macht er seine empirische Unterfütterung selbst, hat schon Bienen angebaut und Kohlrabi gefüttert, Berge erklommen mit nichts als Rucksack und Harpune, Schränke gesägt aus gekochten Spaghetti, Republiken im Nahkampf gegründet und dem Frisör unfallfrei gesagt, wie er einem die Haare schneiden soll. Teufelskerle allesamt, die sich da auf die Hinterbeine stellen, aber das war auch nicht anders zu erwarten. Die Besserwisser sind eine Armee des verkannten Heldenmutes; kühn jodelt’s in den luftleeren Raum, denn wer will damit schon konkurrieren.

Das Interwebnetz hat der alten Wasserleiche Kompetenz neuen Auftrieb verliehen, sie dümpelt nun aufgebläht in der trüben Brühe herum und markiert schwerelose Beweglichkeit. In kaum einer Viertelstunde promovieren sich Teilchenphysiker zu Staatsrechtlern und verallgemeinern en passant noch den Satz von Kronecker-Weber auf beliebige Zahlkörper. Wo immer die Absonderungen von Hirnschrott auf geistig nicht gesegnete Genossen treffen, sind die Schulfuchser knietief in ihrem Element und entlarven sich doch dadurch. Wehe, es nahen sich Widerspruch oder Nichtachtung, sie reizen nur heftiger das Gefühl der Überlegenheit in der Ichattrappe des geistigen Hütchenspielers.

Nicht Meisterschaft, die Schwäche ist sein und damit die Neigung zu peinlicher Präpotenz, sich selbst in den Vordergrund zu spielen als Symptom einer durchaus neurotischen Verdübelung in Kopfhöhe. Er will nicht zugeben, dass er mit den einfachen Dingen des Daseins, Hammer, Flasche und Fisch, und gibt sich also den Anstrich, er allein sei in der Lage, Kathedralen aus Schmierkäse zu errichten, wenigstens theoretisch, und nichts könne ihn daran hindern, am wenigsten die Wirklichkeit. Nichts hält den mit jeder Plempe gewaschenen Gernegroß davon ab, sich in geradezu historische Dimensionen zu stellen, um der eigenen Bedeutung gerecht zu werden. Wer es einmal erkannt hat, stellt großflächig Wahndreiecke auf, kurvt entschieden um den Zerrspiegelfechter herum und lässt ihm mit seiner Rechthaberei im Regen stehen.

Meist wächst in demselben Grad wie die Dummheit das Gefühl der eigenen geistigen Größe; wie ja auch die Intelligenz immer gerecht verteilt ist, da jeder mehr als alle anderen davon erhalten zu haben meint. Im Besserwissen kulminiert die Anlage, der kompletten Mitwelt simultan auf die Plomben zu gehen, zum Feldzug gegen die eigene Lebensgrundlage, und nicht eben selten brennen die Sicherungen allen durch, die oft und lange unter dem Bescheidgabeterror des obersten Hohlpflocks gelitten haben. Wer die grundlegendsten Maximen der Kommunikation missachtet – reden ohne zu wissen, und ohne zu wissen, wann man besser nicht reden sollte – wird zum Schweigen gebracht. Wohl dem, der dann die Klappe hält.





Dem deutschen Volke

19 10 2017

Es hatte etwas Unterwürfiges an sich, wie er mich an der Tür empfing. Aber wer seit Jahren der Politik, insbesondere der fortschrittlichen Rechten diente, musste dies wohl auch haben. Mit Rückgrat kam man in diesem Gewerbe wohl nicht sehr weit.

„Ich bin ein bisschen erstaunt“, näselte der junge Konstrukteur, „normalerweise sind Sie doch eher inkognito unterwegs.“ „Sie doch auch“, gab ich zurück. „Arschlöcher Ihresgleichen haben sonst auch mehr als die Hälfte ihrer Lebenszeit damit zu tun, ihre Motivation zu verbergen.“ Er versuchte das mit der Augenbraue, aber ich zeigte ihm ein paar Visitenkarten, hinter denen sehr viel Geld steckte. Reflexartig knickte er da ein, wo es kaum auffiel. Die Sessel waren dann sehr bequem und der Tee nach deutschem Vorbild wässrig.

„Wir haben diesen Automaten entwickelt“, erklärte er, „um die politischen Prozesse in den deutschen Parlamenten wenigstens formal über die Bühne zu kriegen.“ Er stellte ein kleines Kästchen auf den Schreibtisch – Glas, drei Ecken waren aber schon abgesprungen – und drehte an einem der beiden Knöpfe herum. Jeden Moment musste er die richtige Frequenz gefunden haben. „Kleinen Augenblick“, murmelte er, „wir haben es gleich – das wird schon noch.“ Er drehte ganz nach rechts, schon blinkte das Lämpchen.

„Man speist hier mit neuester Technologie die Fragen ein“, erläuterte er und wies auf den Schlitz für die Diskette, „und bekommt die Antwort in Sekundenschnelle, manchmal noch innerhalb einer Stunde auf den…“ „Sie verkaufen Wissen von Vorvorgestern für die Fragen der Zukunft“, winkte ich ungerührt ab. „Das ist alles, was Sie zu bieten haben?“ „Immerhin funktioniert dieser Apparat nur in Deutschland“, antwortete er beleidigt, „deshalb müssen wir das Patent auch nur für das Reich in den Grenzen von 1942 anmelden.“

Das Gehäuse war aus gebürstetem Metall, nicht gerade schnittig, doch wertig verarbeitet. Die Prägung Dem deutschen Volke wirkte in ihrer Petitesse seltsam deplatziert, nach zweitem Hinschauen jedoch genau passend: übertrieben, laut und miserabel im engeren Sinne. „Ich muss nur an dem Knopf drehen“, knurrte er. „Wenn ich an dem Knopf drehe, passiert alles andere von selbst.“ Ich ließ ihm den Glauben, vor allem ließ ich ihn am Knopf drehen. Er hatte doch sonst so wenig.

Deutschlands Wirtschaftswachstum stand auf der Fragenliste. Er fütterte das Kistchen – warum hatte man den nationalen Klotz nicht aus Bakelit nachgebaut? – mit einer Plastikscheibe. Wie kann Deutschland die Arbeitslosigkeit überwinden? „Zu viele Ausländer“, schnarrte der Apparat, „alle raus, dann haben alle Deutschen Arbeit.“ „Und wenn das nicht reicht?“ „Sie müssen es ja wissen“, mokierte er sich und versuchte wieder das mit der Braue. „Sie haben das ja bestimmt studiert.“ Ich nickte nachlässig, worauf er in den Stapel mit den vielen altbackenen Datenträgern griff.

„Deutschland muss Deutschland bleiben!“ Ich überlegte einen kurzen Augenblick, das Büro zu verlassen und mich wieder nach draußen in den mäßigen Nieselregen zu stellen. „Sie wollen die Antwort ja bloß nicht hören“, schnarrte er, also hörte ich sie. „Deutschland bleibt Deutschland, wenn die Grenzen geschlossen sind, weil dann die Ausländer aus Deutschland verschwinden.“ Das Gerät zeigte sich flexibel; ob es um die deutsche Außenhandelsbilanz ging, den ansteigenden Milchpreis, die erwartbare Altersarmut für viele Millionen deutscher Rentner, stets war einer an der Misere schuld. „Der Automat urteilt nicht“, erklärte er. „Er denkt linear.“ Das leuchtete mir ein, eine Linie ist schließlich die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, auch da, wo es gar keine Verbindung gibt.

Gerne hätte ich noch nach zu hohen Mieten gefragt – vermutlich nahmen die vielen Wohnheime für deutsche Niedriglöhner den Bauplatz für die Jugendstilvillen weg, in denen Ausländer residieren – oder nach den überlasteten Ausfallstraßen, für die islamistische Autofahrerinnen verantwortlich sein müssten, die eigens dazu aus Saudi-Arabien in die deutschen Sozialsysteme einwandern, doch ich ließ es lieber. „Der Automat ist ja nicht generell ausländerfeindlich“, beharrte er. „Er zieht nur seine Schlüsse aufgrund der ihm gegebenen Daten und Fakten.“ „Wenn man ihm Fakten gibt“, überlegte ich, „die nicht unbedingt Fakten sind, woraus zieht das Ding dann seine Schlüsse?“ Er hatte keine Antwort. Aber vielleicht waren auch daran die Ausländer schuld.

„Einen Versuch möchte ich noch wagen“, bat ich. „Sagen Sie der Maschine, sie soll mir erklären, warum so viele Ausländer in Deutschland sind.“ Er schob eine Diskette in den Schlitz. Der kleine Metallkasten begann geräuschvoll den Denkprozess einzuleiten, viel zu geräuschvoll. Es ratterte. Zwei Lampen begannen hektisch zu blinken, dann zeigte eine leise aufsteigende Rauchfahne die Überhitzung des Apparats an. Er stellte seine Arbeit ein. „Gut“, konstatierte ich, „das mit den Verbindungslinien klappt nicht, wenn der Standpunkt immer derselbe ist. Aber erklären Sie mir doch mal den Klimawandel.“ Er blickte mich verdutzt an, und ich ging wieder nach draußen, wo der leichte Regen auf mich gewartet hatte.





Köpfchen, Köpfchen!

18 10 2017

Wie lange ist das her, dass der gute alte Freitagstexter ein halbes Dutzend Antworten beschert hat, um mit stiller Freude und leisem Glucksen auszuwählen unter den Verbaleskapaden…

Hildegard fand es ja fürchterlich, aber auch nur, weil ihre Schwester damals die Figuren gesammelt haben muss. Wahrscheinlich hat sie die Kerle eigenhändig guillotiniert, mir ist manchmal noch so, wenn ich nichts ahnend auf der Chaiselongue zu Mittag schlafe – dieses Blitzen in den Augen ist mir nicht geheuer. Sie hantiert schon wieder so komisch mit dem Klapppodest herum. Nervöse Stille.

Aber fangen wir einfach an. Oskar. Nick Knatterton. Fix und Foxi. Figuren aus Strich und Farbe, die Geschichte schrieben. Was aber aus ihnen wurde? Kein Mensch fragt mehr danach. Keiner? Einer grübelt nicht nur, er hat es längst herausgefunden. Bronze hat derChristoph für Deutschlands einstmals bekanntesten Igel.

Aus der Serie „Was wurde aus…?“: Heute: Mecki. Er ist heute Hipsterbarbier im Herzen Berlins und hat seine Freunde zu einem Gruppenphoto arrangiert.

Und da sind wir auch schon mitten drin in der Debatte. Kopftransplantation, ja oder nein? (Was Hirn angeht, mir fallen spontan jede Menge ein, die sich über eine Spende freuen würden, aber das ist eine andere Sache.) Darf man Haar verpflanzen, oder muss man weiter Fußmatten nehmen? Aufklärung naht, Silber geht an Shhhhh für eine positive Nachricht aus der Kosmetikindustrie.

…wolle Alpecin in Zukunft gänzlich auf Tierversuche verzichten, so ein Unternehmenssprecher gestern.

Hildegard löscht die Lichter. Unangenehmer Grusel macht sich breit. Was da in der Küche klappert, ist allerdings nur Herr Breschke, der sich mit einem Rest Streuselkuchen die Zeit vertreibt bis zur Siegerehrung. Derweil schrauben im Hause Meyrink mechanisch begabte Hilfskräfte (einer hat noch bei Frankenstein gelernt, eine ihr Praktikum auf der Scheibenwelt gemacht) auf einem Prager Dachboden Einzelteile zusammen. Aus Lehm bist Du geworden, zu Lehm sollst Du werden. Gold geht an aurorula a. für den mythischen Schluss.

Just-in-Time-Lieferung in der Golemfertigung

Herzlichen Glückwunsch! Den Siegerpokal hat, wenn ich es recht sehe, ein neues Mitglied in der Runde der Text-mit-Bild-Spieler erhalten, und der nächste Freitagstexter steigt bei aurorula a. am Freitag, den 20. Oktober. Ich muss das im Kopf behalten…





Blaue Periode

18 10 2017

„Natürlich kann man das dann in einem konservativ bis freiheitlichen Kontext interpretieren, weil die Formulierung an sich ja viele Spielräume lässt. Und wenn wir jetzt ‚völkisch‘ gar nicht völkisch meinen, sondern vielleicht in einem ganz neuen, liberalen Sinne, muss man auch uns eine neue politische Aussage zubilligen.

Wir beziehen als Blaue ja das Völkische nicht mehr auf die NS-Ideologie, wie das die AfD getan hat. Gut, das hat damals die Vorsitzende Petry nicht davon abgehalten, antisemitische Klischees und Ausländerfeindlichkeit zu bedienen, aber das ging nicht anders. Diese Partei, der sie ja von Anfang an nur vorgesessen hat, um sie vor den vielen Rechten in Deutschland zu schützen, diese Partei wendet sich ganz entschieden gegen einen Begriff vom Völkischen, der die Nichtvölkischen ausgrenzt. Sie können also durchaus Tscheche sein oder Däne, aber eben nicht Neger. Da ziehen wir schon feine Unterschiede. Als Neger sind Sie nicht Teil einer bestimmten Nationalität. Es gibt das Weltnegertum, das ist heute überall stationiert, und wenn Sie einen Neger identifizieren, dann muss dieser nicht unbedingt auch Deutscher sein, der das Grundgesetz für sich in Anspruch nehmen kann. Das unterscheidet uns von anderen Parteien. Wir schießen auch an der Grenze, aber eher so ganzheitlich. Mehr Rente für Mütter, aber nur für deutsche. Das muss schon einen neuen Anstrich bekommen, damit man das Braun darunter nicht mehr so sieht.

Wir sehen uns als eine CSU für Nichtbayern, also nur für Deutsche. Ob wir uns mit denen auf einen Nichtangriffspakt einigen, das steht noch in den Sternen – unser bisheriges Konzept sieht ja so aus, dass wir den Christsozialen eine Politik zubilligen, die weder christlich noch sozial ist, was für uns koalitionstechnisch durchaus praktikable Lösungen bereithalten könnte. Aber bei der Zielsetzung muss schon klar herauskommen, dass die Seehofer-CSU sich klar an den Forderungen der alten AfD orientiert. Nu so macht das ja auch Sinn: wir setzen unser eigentliches politisches Programm mit Hilfe des größeren Partners um, die CSU verleiht uns den Anstrich einer koalitionsfähigen Partei. Damit sind alle anderen raus.

Betrachten Sie das jetzt aber nicht als blaue Periode, wir werden natürlich langfristig sämtliche inhaltlichen Positionen der AfD neu besetzen und sie damit komplett überflüssig machen, so wie das die Christsozialen jetzt schon in Bayern tun. An Personal mangelt es nicht, wir hätten zwar gerne noch Steinbach gehabt, aber der sind wir zu links. Mal sehen, vielleicht tritt noch der eine oder andere aus oder wir könnten ihn durch die Möglichkeit eines doppelt honorierten Fraktionsvorsitzes auf unsere Seite bringen. Das wird sich zeigen.

Und natürlich haben wir eine freiheitliche Komponente in unserer Politik. Wenn Sie zum Beispiel irgendwas mit dem Islam zu tun haben, dann steht es Ihnen frei, Deutschland zu verlassen. Deshalb setzen wir auf den Dialog, besonders mit den ostdeutschen Wählern, die diese Dialogformen erst richtig in die Öffentlichkeit getragen haben, etwa in Dresden. Da werden uns die Politik und die Medien schon zuhören, weil wir schließlich eine politische Meinung äußern und nicht die AfD sind.

Politisches Programm? Wir müssten das erst abstimmen, sonst wird eine Tolerierung durch die CSU in Bayern schwierig, und wir wollen ja langfristig wenn nicht die Regierung übernehmen, so doch mitregieren. Außerdem muss der Mann unserer Vorsitzenden ja auch irgendwas zu tun haben, als Vater die ganze Zeit zu Hause sitzen und Bankrott machen ist ja auf Dauer auch nichts.

Also sehen Sie uns als anschlussfähige Partei – das hat jetzt nicht mit Österreich zu tun, klar? – die die Forderungen der schweigenden Mehrheit befriedigt. Damit sind wir natürlich nicht automatisch auch politischer Mainstream, das werden wir ja erst, wenn wir dann tatsächlich an der Regierung beteiligt sind. Und selbst da werden wir dann nicht die Systempartei, die wie die AfD unter ihrer Ex-Vorsitzenden lediglich Mandate und Diäten haben will. Hier wird sich Petry jetzt ganz anders verhalten, weil sie weiß, dass sie eine echte politische Chance hat, mit den in der AfD erprobten Mitteln der parlamentarischen Demokratie dieses Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Da werden dann wir sie jagen und vor uns hertreiben, und wenn sie der Meinung sein sollte, dass es sich für eine Koalition eventuell lohnen sollte, ihre eigenen Positionen beizubehalten, dann sind wir diejenigen, die das letzte Wort darüber haben. Ist doch nicht so kompliziert, oder?

Wieso die Wehrmacht? und Buchenwald? Dazu können wir uns erst nach dem Bundesparteitag äußern, solange müssen Sie mit Ihrer Berichterstattung dann halt warten. Das werden Sie auch noch lernen müssen, dass wir nicht wie die anderen Parteien ständig in den Talkshows sitzen und die Schlagzeilen der Lügenpresse anführen wollen. Oder warum wollten Sie dieses Interview?“