Goethe als solcher

4 12 2016

für Robert Gernhardt

Ach, was liebte er Charlotten
mit, noch mehr: ohne Klamotten,
außerdem Christiane, schnieke
fand er später auch Ulrike –
doch war das sein Lebenssinn?
Hin ist hin.

Faust und Götz, Torquato, Stella
brachten Brot ihn auf den Teller,
Wilhelm Meister, dann der Werther,
im Divan die Weisheit lehrt er –
hing sein Trachten an Gedichten?
Nein, mitnichten.

Bei Geheimrats frohen Festen
lebte er am allerbesten,
klassisch kindisch, stürmisch drängend,
immer an den Röcken hängend,
stundenlang spielt er partout:
Blinde Kuh.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXXI)

3 12 2016

Es sammelte Austin in Gackle
Konserven, das heißt: nur die Deckel.
Er ist fest im Glauben,
sie bald zuzuschrauben
und hat jetzt fast fünfhundert Säckel.

Bonaya, der Wirt, der in Kwale
den Gast fragt, wann er denn bezahle,
kriegt für jedes Weinchen
ein größeres Scheinchen.
So macht er es mehrere Male.

Man konnte Patricia in Dahlen
im Grunde wohl alles erzählen.
Doch Leute, die logen,
dass Balken sich bogen,
die brachten sie schließlich zum Wählen.

Es bastelt Tomás in Arrifes
am Häuschen. Schon sägt er was Schiefes,
da fehlt ihm das Hündchen.
Nach mehreren Ründchen
fand er’s an der Säge – da schlief es.

Es bügelte Molly in Embden
pro Tag an die zweihundert Hemden.
Das nützt ihr nichts, leider
trug sie lieber Kleider,
doch nahm keine Hemden von Fremden.

Es spielt Dschamil in Tell Kalach
gern Ball, doch er hält ihn nie flach.
Es scheppern oft Scheiben.
So kann es nicht bleiben.
Er spielt noch, doch vorwiegend Schach.

Ed schrieb zum Geburtstag in Kief
der Schwester recht gern einen Brief.
Doch eins, das ihn quälte:
die Marke, die fehlte,
so kam’s, dass er selbst zu ihr lief.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLV): Die Mär von der linken Arroganz

2 12 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zieht man im Kachelkabinett am Hebel, so hört man größtenteils Gurgeln, und fort sind die Reste des Stattgehabten. Irgendwo im Wohnzimmer derer, die sich schon für Bürger halten, weil sie Brechreiz beim Gedanken bekommen, einen Arbeiter im Vorgarten halten zu müssen, sprudeln dann braune Fontänen aus der Wand, zünftige Luftbefeuchtung für offenporige Parallelexistenzen. Schuld an der Misere, die unsere Gesellschaft endlich mal von Grund auf zerstört, sind doch nur diese arroganten Linken.

Was den Haufen borderlineintelligenter Brülläffchen, die seit Jahren in jeder TV-Kloake täglich rausrülpsen, dass man das, was sie ständig von sich geben, gar nicht sagen dürfe, nicht stört, ist ihre Lächerlichkeit. Was sie auch nicht stört, ist die peinliche Fehlzuschreibung, die sie ihrem eigenen Strabismus verdanken: da sie beharrlich nach rechts rücken, sind selbst Konservative für sie links und jede Meinung, die sie vertreten, per se Anstiftung zur öffentlichen Unruhe. Die enthemmte Kapitalismuskritik der angeblich linkslinken Linken erschöpft sich darin, prekäre Arbeitsplätze in den Industrieländern auszubreiten, statt sie nach Bangladesch zu verlagern. Man fühlt sich dann einfach besser, wenn man einmal im Jahr an die armen Schweine denkt, die nichts so nötig haben wie sozialdemokratisches Mitleid. Die Typen in Bangladesch, wohlgemerkt. Sie selbst sind keine Rechten. Nur weil sie Ich-bin-kein-Nazi-aber-Nazis sind, müssen sie doch noch nicht rechts sein. Der Ausländer, der Tausende abgreift und seinen Heimplatz total umsonst kriegt, in der sozialen Hängematte herumschmarotzt und gleichzeitig einem Produktionshelfer, mindestens promoviert in Hirnchirurgie und Teilchenphysik, den Job wegnimmt, will einfach als Realität geglaubt sein, und wer fest an ihn glaubt, ist kein Faschist. Er will vielleicht einfach nur mal wieder ein paar Neger in die Gaskammer schicken.

Nie käme der Brandstifter, der den öffentlichen Diskurs vorwiegend zur Publikation gefühlter Wahrheiten nutzt, sprich: zum Streuen hysterischer Lügengeschichten, nie käme er auf den Gedanken, er selbst sei für sein Geseier verantwortlich. Es sind immer die anderen, so auch hier. Es sind dieselben Ich-kann-kein-Nazi-sein-einige-meiner-besten-Freunde-sind-Ausländer, die erwerbslose Teutonen ins Arbeitslager schaffen wollen, weil ihnen ja die bösen Bimbos den Job weggenommen haben. Ein Wunder, dass sie daneben noch Zeit finden, die Deutschfeindlichkeit pigmentierter Invasoren als drohenden Untergang der christlichen Rasse zu beschluchzen. Es geht nicht um Verantwortung, es geht um die Deutungshoheit.

Die weiße Mittelschicht ist objektiv bedroht – es muss so sein, denn sobald sie sich bedroht fühlt, kann kein Zweifel daran bestehen. Sie sind auf dem besten Weg, eine Minderheit zu werden. Sie dürfen nicht mehr als einzige überall im Bus sitzen, die Frauen nehmen ihnen die Plätze im Aufsichtsrat (weil ja jeder Klempner früher oder später in einem DAX-Konzern aufwacht), Schwule dürfen heiraten, und wenn im Internet steht, dass die Regierung auf Befehl jüdisch versippter lesbischer schwarzer Behinderter die Ausrottung aller kaufmännischer Angestellter in der BRD GmbH betreibt, dann muss das stimmen. Und diese Volksverräter sind schuld. Denn jeder Akt, sich Rechte anzueignen, gilt als strafwürdige Grenzüberschreitung. Aus der Sicht des weißen Mannes haben die Bimbos auch bisher schon ganz gut gelebt, was wollen sie denn noch, als nicht jeden Tag aufs Maul zu kriegen? Das implizite Überlegenheitsgefühl derer, die sich aus wirren Versatzstücken ein Primatennarrativ zusammenschwiemeln, scheint sie jederzeit selbst zu berechtigen, das Gesetz nach Empfindlichkeit zu verbiegen. Die Königsdisziplin rechter Propaganda, die Holocaustleugnung, funktioniert ebenso über selektives Aufgreifen von Daten und Zuschreibung. Vermutlich reicht es schon, sich in ein Lager zu stellen und, wenn einem Hitler nicht über den Weg läuft, Geschichte zum Geflunker umzukrempeln.

Bestimmt ist es das Grundgesetz, die linke Sau. Oder die von Kommunisten erfundene Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Da kann man nur mit objektiver Vernunft kontern – die Rente steigt sicher, wenn man alle potenziellen Einzahler unschädlich macht. Man wird das wohl alles noch sagen dürfen – es sie denn, jemand anderes sagt es, aber das ist dann natürlich Zensur. Mindestens.

Woraus die schwere Geltungsneurose der soi-disant rechten Denker zusammengeknetet wird, das zeigen bereits läppische Kampfbegriffe wie Frühsexualisierung oder Umvolkung: progressive Paralyse einer analfixierten Jammerlappenrotte, die als Knirpse die Kita angekokelt haben, wenn sie nicht im Wetthüpfen gewinnen durften, neoliberal getriggert, nichts als ein paar ideologisch verwirrte Idioten, die anderen Ideologie vorwerfen. Eine Minderheit hält eine Mehrheit, die Minderheiten anerkennt, für eine Minderheit und deshalb sich selbst für die Mehrheit, ist aber genau dann wieder Minderheit, wenn sie aus Erbarmen mit sich selbst wieder in melodramatisches Gewimmer ausbricht. Kinder mit mangelnder Differenzierungsfähigkeit blieben früher sitzen. Kinder, die ihre eigenen Wunschvorstellungen für die Wirklichkeit hielten, kamen auch nicht weiter. Warum also schleppen wir diese Heulbojen mit durch, wo sie es an unserer Stelle doch nie mit ihresgleichen täten? Verachtung hat viele Gesichter.





Schwerfigur

1 12 2016

„Das heißt, wir können sie schlagen?“ „Logo.“ „Die ist doch total am Ende.“ „Und wieso haben wir erst einundzwanzig Prozent?“ „Das ist das Übergewicht der Union, diesmal werden sie es nicht verkraften.“ „Und dann kommen wir endlich in die Regierung.“ „Wo sind wir denn jetzt?“

„Nein, wirklich.“ „Sie müssen auch mal sehen, dass die SPD die Rolle der CDU komplett ersetzen kann, wenn sie will.“ „Ich weiß aber noch gar nicht, ob wir das…“ „Egal, im Wahlkampf müssen wir das wenigstens versprechen.“ „Hallo!?“ „Er ist mal wieder auf dem moralischen Trip.“ „Typisch linker Flügel.“ „Aber echt!“ „Nein, ich…“ „Wenn Sie sich die Partei seit gut zwanzig Jahren ansehen, dann wissen Sie auch, dass wir das eigentlich schon fast erreicht haben.“ „Sogar besser!“ „Richtig, die SPD ist die bessere CDU!“ „Eben.“ „Und das kommt, weil die CDU die SPD eben auch komplett ersetzt hat.“ „Entschuldigen Sie mal, das ist doch komplett aus der Luft…“ „Mensch, jetzt begreifen Sie es endlich – wenn die Grünen weiter nach rechts rücken, dann müssen sie irgendwann zwangsläufig wieder bei der SPD landen!“

„Das sind doch alles total verrückte Theorien, das können Sie überhaupt nicht…“ „Auf jeden Fall müssten wir mit den Linken reden, damit wir eine Koalition hinkriegen.“ „Auf der anderen Seite könnten wir auch abwarten, bis sie uns konstruktive Kollisions…“ „Hä!?“ „Koalitionsangebote, wollte ich sagen – bis die Koalitionsangebote machen.“ „Sie sitzen immer noch auf dem hohen Ross. Kommen Sie da runter, dann können wir reden.“ „Er hört sich schon an wie die Linken!“ „Armer Kerl.“ „Das kommt davon, wenn man ständig im Kanzleramt abhängt.“ „Wir müssen den Linken nur sagen, dass sie mitregieren dürfen, dann ist alles in Butter.“ „Und der Koalitionsvertrag?“ „Die werden schon nicht so anders sein als die Grünen. Lass sie an die Regierung, dann haben sie sich erledigt.“ „Hat doch Merkel mit der FDP auch so gemacht.“ „Und mit uns.“ „Jetzt werden Sie mal nicht witzig, das zieht bei uns gar nicht.“ „Also wir sagen den Linken, sie dürfen gerne mitregieren, nur eben unter der Voraussetzung, dass sie alle ihre Versprechen brechen muss?“ „Ja.“ „Alle Vorschläge, alle Ideen, alle Reformansätze?“ „Klar.“ „Wozu frage ich das eigentlich?“ „Eben, das würde ich auch gerne mal wissen. Sie haben es doch offensichtlich kapiert.“

„Und was ist mit unserem Wahlprogramm?“ „Wir wollten eigentlich weitermachen wie bisher.“ „Sonst nichts?“ „Mensch, wenn wir Merkel mit einer Sache schlagen können, dann mit Kontinuität. Die hat bei ihr noch nie versagt.“ „Und bei der SPD wissen die Leute seit zwanzig Jahren auch, was sie erwartet.“ „Ich hatte es schon mal gesagt, ich mag Ihren sarkastischen Unterton so gar nicht.“

„Dann sollten wir wenigstens vorab klären, wer sich als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf gegen die Schwerfigur Merkel begibt.“ „Schulz?“ „Das ist doch ein Bauernopfer!“ „Sagen Sie das nicht, über den ist so gut wie nichts bekannt.“ „Wenigstens nicht aus der Bundespolitik.“ „Und das wird für die Kanzlerin hochgefährlich!“ „Genau, die weiß dann gar nicht, gegen welchen Gegner sie antreten soll.“ „Und schon macht sie entscheidende Fehler.“ „Das klingt ja alles vollkommen schlüssig.“ „Ja, nicht wahr?“ „Ich hatte Ihnen schon mal gesagt: keinen Sarkasmus!“ „Bis jetzt haben wir doch gar nichts in der Hand gegen einen Wahlsieg der Union.“ „Aber das muss doch gar nicht heißen, dass die noch mal gewinnt.“ „Vielleicht hat ja Seehofer auch einfach keine Lust mehr, sich das noch weiter anzutun.“ „Dann kann sie nur mit uns regieren.“ „Wer sagt das?“ „Erwarten Sie etwa, dass die CDU mit den Linken gemeinsame Sache macht!?“ „Gleich will er uns noch erzählen, die Linken würden das nur tun, um endlich an die Macht zu kommen!“ „Hähähä!“ „Er verwechselt die wohl mit den Grünen, wie?“

„Wie haben Sie sich das eigentlich vorgestellt, das mit der CDU?“ „Naja, die verliert, und dann werden wir…“ „Nein, mit der SPD als neue CDU. Wie wollen Sie das machen?“ „Wir könnten noch ein bisschen weiter nach rechts rücken. Also ein Ohr haben für die Sorgen und Nöte der Menschen, die es nicht so haben mit der Demokratie.“ „Weil wir es auch nicht so haben mit der Demokratie. Schon klar.“ „Das eröffnet uns aber langfristig auch neue Spielräume für Koalitionen.“ „Mit der CSU?“ „Das habe ich jetzt nicht sagen wollen, aber es gibt in der SPD ja auch noch andere Kräfte.“ „Leider.“ „Ich hatte Ihnen schon mehrmals…“ „Jaja.“

„Dann lassen Sie uns die Ärmel aufkrempeln und den Wahlsieg vorbereiten.“ „Gute Idee!“ „Welchen Wahlsieg?“ „Die Kanzlerin ist nach Ansicht ihrer Partei die beste Antwort auf die drohende Politik eines rot-rot-grünen Bündnisses, das die CDU unbedingt verhindern muss.“ „Und wann kommt das mit dem Wahlsieg?“ „Sie wird ja auch als Stabilitätsfaktor gesehen in Europa.“ „Als Retterin der freien Welt!“ „Allerdings!“ „Das ist beachtlich!“ „Hallo? Wahlsieg!?“ „Glauben Sie das etwa?“ „Darauf kommt es doch gar nicht an.“ „Das stimmt, und deshalb glaube ich das erst recht nicht. Die Merkel hat fertig!“ „Und deshalb glaube ich zum Beispiel ganz fest daran, dass wir mit der richtigen Idee, dem richtigen Kandidaten, einem guten Wahlprogramm, einen politischen Neustart in Deutschland hinkriegen.“ „Auf jeden Fall!“ „Na logo!“ „Aber wir haben doch nicht einmal ein Jahr bis zur Wahl. Wie wollen Sie das denn schaffen?“ „Hä!?“ „Wie bitte?“ „Entschuldigen Sie mal – wer redet denn von 2017?“





Schnelle Welle

30 11 2016

Petermann blickte verlegen in den Korb. „Das kann ich dem Chef nicht zeigen.“ Das Sammelsurium aus Tüten und Beuteln hinterließ keinen besonders guten Eindruck, höchstens den Hauch von Sterilität. Was aber sollte man mit dem Krempel anfangen in einem Landgasthof?

„Ich wollte ihn ja absagen“, stammelte Hansi, der jüngere Bruder und eigentlich für den Service zuständig, während Bruno, von Freund und Feinden Fürst Bückler genannt, wie er Ente in Sauer und Schwarzsauer auftischte, die Küche unter sich hatte. „Und dann habe ich die Nummer nicht mehr gefunden, und dann stand er plötzlich einen Tag früher als verabredet hier, und…“ Er tupfte sich den Schweiß mit einer Serviette ab, während Herr Pläntzke, seines Zeichens Handlungsreisender der Fixikoch GmbH, die Brust heraus bog. „Sie werden nie wieder so ein schnelle Béarnaise zubereiten“, tönte er und griff nach dem Tütchen. „Eine Hälfte Wasser, eine Hälfte Sahne, kurz aufkochen, fertig!“ Petermann rümpfte die Nase. „Er hat recht“, gab ich zu bedenken. „Einmal diese Pampe aufkochen, und dann garantiert nie wieder.“

Natürlich hatte der Fertigwarenvertreter in seiner Aktentasche – es gab also Aktentaschen mit Kühlfach, man lernt nicht aus – noch mehr gruselig eingeschweißtes Zeug mitgebracht. „Die hochfeine Rindsroulade Roma mit westfälischem Rauchschinken und anderthalb Prozent getrockneter Essiggurke wird im gutbürgerlichen Segment sehr gerne genommen“, schwafelte Pläntzke, während er einen braungrau schimmernden Klops in Folie zwischen den Fingern drehte. „Wir bieten dazu ein portioniertes Selleriepüree an, einfach mit heißer Milch zubereitet – haben Sie zufällig ein bisschen Milch da?“ Petermann, Entremetier und seit Jahren die rechte Hand des Küchenchefs, widmete dem aufdringlichen Vertreter einen eindringlichen Blick. „Dies ist keine Kantine“, sagte er langsam, jedes Wort schwer betonend, „und ich weiß nicht, warum Sie uns mit Ihrem Plastikfraß immer noch auf die Nerven gehen.“ Jeder andere wäre empört gewesen oder wenigstens beleidigt, nicht aber Pläntzke; er hatte ein dickes Fell. „Weiß ich doch“, zwitscherte er, „weiß ich doch – aber wollen wir es uns nicht alle mal leicht machen, damit die Arbeit schnell von der Hand geht? Gucken Sie, ich habe da eine tolle Pasta-Variation für die Mittagskarte.“ Er zog ein aufdringlich gelbes Päckchen aus der Thermotasche heraus. „Jetzt neu im Sortiment, die Nudelserie Schnelle Welle: Fertigpasta mit Frischei und optionaler Sauce, dabei kombinieren Sie völlig frei Nudel- und Saucensorte!“ „Ein technologischer Durchbruch“, gab ich zu bedenken. „Darauf wartet man in der Gastronomie ja seit Jahrhunderten.“

Bruno hatte mich beiseite gezogen. „Ich kenne diese Sorte Vertreter“, flüsterte er. „Spätestens zehn Minuten, dann hat er Petermann weich gequatscht und verkauft ihm Heizdecken. Wir müssen etwas unternehmen.“ „Hol Bruno“, flüsterte ich zurück. „Ich halte den Schlawiner inzwischen in Schach.“

Pläntzke hatte unterdessen die Vorzüge des in Plastik mumifizierten Schnitzels gepriesen, als ich ihm ins Wort fiel. „Was empfehlen Sie als Beilage? haben Sie eine adäquate Tütenbratkartoffel oder leicht pappige Pommes im Programm?“ Ich wühlte im Präsentkorb herum. „Da sind ja kaum künstliche Aromastoffe drin“, stellte ich fest. Schon blähte der Verkäufer seine Brust wieder auf, da schmiss ich ihm das Tütchen vor den Latz. „Meine Güte! das erwartet der Konsument, dass er mit chemischem Gedöns vollgepfropft wird, und Sie lassen uns hier mit Ihrem Biokrempel alleine? Nicht mal richtige Farbstoffe, kein Geschmacksverstärker, skandalös!“ Er war nachhaltig verwirrt. Ich ging langsam drei Schritte auf ihn zu und beugte mich so weit zu ihm vor, bis ich sein billiges Rasierwasser riechen konnte. „Haben Sie keine Fertigbrühe“, fragte ich mit rauer Stimme, „der man trauen kann?“

Mit einem Knall flog die Tür auf, herein trat Bruno, dessen aufgezwirbelte Schnurrbartspitzen an einen schlecht gelaunten Hummer erinnerten. „Was wollen Sie“, schrie er, „und warum sind Sie immer noch nicht weg?“ „Wir sind gerade erst beim Schnitzel“, stammelte Pläntzke. „Sehen Sie, das ist vielleicht nicht ganz Ihre gewohnte Produktgruppe, aber wenn ich mir die Mitbewerber ansehe – ich war vorhin in einem kleinen Gasthof, hier an der Kaiserlinde rechts ab und dann…“ Der Bart zitterte gefährlich. „Mit dieser Kaschemme vergleichen Sie mein Restaurant?“ Jeden Moment musste seine Hand wie von selbst nach den Messern greifen. Ich sah versonnen auf das Fertigtütenhäufchen. „Da ist es ja auch sinnvoll eingesetzt“, erklärte ich. „Wenn die Gäste in solche Etablissements gehen, dann wollen sie halt, dass es genau wie zu Hause schmeckt, stimmt’s?“ Pläntzkes Knie erweichten sichtlich. Er hielt das Schnitzel wie einen Schild vor sich. „Man kann es traditionell zubereiten“, wimmerte er, „oder es für größere Gesellschaften in der Mikrowelle…“ Mit einem Wutschrei griff Bruno nach der Aktentasche, rannte durch die offene Tür in den Hof und schleuderte das Ding auf den Wagen des Vertreters. Mit tiefrotem Gesicht kehrte er in die Küche zurück, aber Pläntzke war schon durch den Gastraum verschwunden. Man hörte die Reifen quietschen, dann war er endgültig weg. „Und jetzt lass das verschwinden“, knurrte Bruno seinen Bruder an, „aber ungeöffnet! Wenn das jemand in meinem Müll entdeckt, sind wir geliefert!“





Sippenhaft

29 11 2016

„… bei einem Schusswechsel zwei Polizeibeamte lebensgefährlich verletzt habe. Der Täter, ein 41-jähriger Deutscher ohne Migrationshintergrund aus dem Landkreis…“

„… nicht unter Generalverdacht stellen dürfe. Nur weil der Täter aus einem rein deutschen, streng katholisch geführten Elternhaus komme, sei noch nicht erwiesen, dass dies mit seiner Gewalttat einen ursächlichen…“

„… als sozial sehr unauffällig beschrieben habe. Der Geiselnehmer sei zu seinen Nachbarn, zu denen überwiegend Deutsche gehört haben sollten, stets sehr freundlich und zuvorkommen gewesen, er habe täglich gegrüßt, BILD gelesen und in der…“

„… verständlich sei. Der Innenminister sehe allerdings keine Veranlassung, eine anlasslose Speicherung aller deutschen Personen in einem…“

„… sich die Deutschen zunehmend von ihren eigenen Landleuten bedroht fühlten. Dieser vor allem von Sachsen ausgehende Trend habe sich in den vergangenen Wochen mehr als…“

„… dass die überwiegende Anzahl aller in der Bundesrepublik begangenen Verbrechen auf das Konto deutscher Staatsbürger gingen. Dies sei für die Deutsche Polizeigewerkschaft ein sträflich vernachlässigtes Indiz, das für die Ermittler immer noch eine viel zu geringe…“

„… die Strafe für Fahrraddiebstähle verschärft werden müsse, da sie die Arbeitskraft vor allem prekär beschäftigter Staatsbürger unnötig einschränke. Der Bundesjustizminister erwarte zwar keine besondere…“

„… die Zuwanderung von Deutschen, zum Beispiel Remigranten aus fremden Kulturen, nicht mit der Leitkultur zu vereinbaren sei. Seehofer fordere daher eine klare Obergrenze, außerdem sei er nicht bereit, die bayerischen Grenzen für die…“

„… sich die Deutsche Polizeigewerkschaft bei der Bundesregierung beschwert habe, dass die Zugehörigkeit zur Reichsbürgerbewegung nur bei Polizeibeamten straf- und disziplinarrechtlich verfolgt werde, bei Zivilisten jedoch keinerlei…“

„… keine Veranlassung gebe, alle Deutschen über einen Kamm zu scheren. Der Gewalttäter sei gebürtig aus Hessen und habe lange Jahre dort gelebt, was nun nicht zum Nachteil der anderen…“

„… die Bundesregierung sich vor einem genauen Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages nicht zur Sache äußern wolle. Möglicherweise sei der Tatbestand des Bankraubs in Tateinheit mit Geiselnahme und versuchtem Mord an Vollstreckungsbeamten auch aus politischen Motiven, die zum Wohle des deutschen Vaterlandes eine besondere…“

„… dürfe die verrohende Wirkung eines norddeutschen Einflusses nicht unterschlagen werden. Der Bankräuber habe während seiner Berufsausbildung in Sierksdorf alle negativen…“

„… zunächst ein Register aller deutscher Staatsbürger erstellen, um die Neigung zu einfachen Verbrechen, aus denen eine gefährliche Bereitschaft zu schwersten…“

„… habe er sich trotz einer Ausbildung als Fleischereifachverkäufer später vegan ernährt. Die Bundeszentrale für politische Bildung habe darauf hingewiesen, dass auf seinem Kfz-Kennzeichen die Zahl 33 sowie eine auffällige in Schwarz und Weiß gehaltene und mit bösartigen Buchstaben…“

„… sich damit so nicht durchsetzen könne. Die Bundestagsfraktionen der Union seien weiterhin der Meinung, man müsse alle Deutschen wegen des Verdacht, durch nicht zu beeinflussende Einflüsse kriminell zu werden, mit entschiedener…“

„… darauf achten müsse, dass Deutsche künftig nicht mehr als Polizisten oder in anderen…“

„… habe der Täter nach neuesten Erkenntnissen der Ermittler in den Wochen vor dem Banküberfall überwiegend unter Deutschen verkehrt. Es sei nicht auszuschließen, dass er sich in diesem Milieu zusätzlich radikalisiert und auf Gleichgesinnte…“

„… in der Gefährderdatei explizit das Kriterium der deutschen Staatsbürgerschaft als eigene…“

„… nicht beeinflussen könne. Der Bundesvorstand der Grünen vertrete die Meinung, man müsse alle Deutschen wegen des Verdacht, durch Drogenkonsum linksliberal zu werden, notfalls mit erst zu legalisierenden…“

„… sich in den Statistiken der vergangenen Jahrzehnte abgezeichnet habe, dass die Mehrheit der ausländerfeindlichen Straftaten von Deutschen begangen worden sei, was für eine konsequente…“

„… ein internationales Gremium das Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages unterstützen würden. Nach der Expertise sei der Anteil der Deutschen in den anderen Staaten erheblich geringer, dennoch sei es deshalb noch in keiner der anderen Nationen zu negativen…“

„… zum Scheitern verurteilt sei. Die SPD wolle vor der verlorenen Bundestagswahl keine eigene Meinung abgeben, ob die Bürgerrechte sich dem Grundgesetz, einem Koalitionsvertrag oder einer industriell inspirierten…“

„… Abschiebungen in dieser Größenordnung nicht ohne Weiteres geleistet werden könnten. Die Bundesregierung plane daher die Umwandlung in eine GmbH, um sämtliches Personal auf einmal betriebsbedingt zu…“





Rent-a-Sozialdemokrat

28 11 2016

„Ich weiß nicht, ob die Nahles steppen kann, singen kann sie schon mal nicht, das wissen wir, und Steppen kann ich mir ehrlich gesagt auch kaum vorstellen. Tanzen vielleicht, aber lassen Sie die unter keinen Umständen auf den Tisch. Das gibt eine Katastrophe. Also für den Tisch.

Gut, dass wir im Landesverband Hessen noch eine Nichtjuristin ausfindig machen konnten, die ist nämlich gelernte Veranstaltungskauffrau, und das können wir jetzt gut brauchen, weil die Anfragen inzwischen fast alle Viertelstunde reinkommen. Da muss man den Überblick behalten, sonst wird der eine dreimal gleichzeitig gebucht und beim anderen stimmt der Preis nicht.

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Kraft? Klar, die wünschen wir uns alle, besonders fürs nächste… – Ach so, die. Die Kraft. Weihnachtsfeier im Schützenverein? Sollte klappen, die Hannelore ist ja eher rustikal unterwegs. Sie haben Erfahrung? Nein, da müssen Sie sich keine Sorgen machen. Die Witze vom Rüttgers erzählt sie bestimmt nicht. Wenn Sie Currywurst haben, sollte der Abend recht unterhaltsam werden. Paar Anekdoten aus dem Pott, Straßenbahn, so was halt. Aber lassen Sie bitte die Rechnung nicht offen herumliegen, sonst wird die hinterher für verfassungswidrig erklärt!

Sehen Sie, so schnell geht das. Wieder ein paar Tausender. Wobei die Kunden ja teilweise auch sehr stressig werden können. Der eine will unbedingt Helmut Schmidt haben, der andere einen SPDler, der gegen Rüstungsexporte ist – hallo!? wo soll ich den jetzt hernehmen, und vor allem, was ist denn an Rüstungsexporten auszusetzen? Na, da muss man eben ganz entspannt bleiben, das regelt der Markt, und wenn der das nicht regelt, dann muss man die Preise erhöhen, sonst… –

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Nein, nicht asozial, das haben Sie falsch… nein, wir sind die… – Sie waren nicht zufrieden? Ja Gottchen, wer ist das noch. Wir sind schließlich die SPD, da weiß man, was man hat. Er ist gar nicht gekommen? Da haben Sie aber noch mal Glück gehabt, was meinen Sie, andere zahlen sogar noch drauf, damit Schulz sich gar nicht erst… – Jetzt schreien Sie doch nicht so, das kriegen wir doch alles wieder in den Griff. Das Honorar wird natürlich sofort zurückgebucht, und dann könnten wir Ihnen für die Versammlung im nächsten Quartal Nahles anbieten, Oppermann oder den… umsonst? Klar ist die umsonst, oder haben Sie schon mal erlebt, dass die irgendwas nicht total… –

Mann, der hatte vielleicht eine Laune! Stellen Sie sich mal vor, wir sind im Wahlkampf, dann geht hier aber erst recht die Post ab! Und dann muss man auch noch den ganzen Sicherheitsapparat im Kopf haben, stellen Sie sich mal vor, die AfD bucht den Stegner, das gibt ein Blutbad, der fällt uns am Ende für drei Tage aus, das kann doch keiner wollen! Sie sehen, es ist ein verantwortungsvoller Posten hier, und da muss man natürlich auch immer auf alles gefasst sein. Gestern ruft hier einer aus Berlin an, ich melde mich, wie immer, sagt er: die Kanzlerin. Ich will die Merkel, Preis ist egal, man wird nur einmal im Leben siebzig, und dann soll die hier mit auf die Kegelbahn. Ich sage zu ihm, Sie sind hier aber falsch, wir sind doch Rent-a-Sozialdemokrat, sagt er: logisch, die Merkel ist ja auch die einzige Sozialdemokratin in dieser Scheißtruppe. Ich frage Sie, was machen Sie mit solchen Kunden? Kann man da guten Gewissens den Steinmeier schicken, oder erklärt der ihnen erstmal, dass die Geschenke ihnen von der Grundsicherung abgezogen werden?

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Aha, eine Fachtagung. Und Sie sind sich trotzdem ganz sicher, dass Sie den Maas wollen? Ich will da ganz offen sein, die Redebeiträge sind, sagen wir mal: gewöhnungsbedürftig. Der redet am Schluss das Gegenteil dessen, was er am Anfang gesagt hat. Sie kennen das? Ach so, Sie sind auch schon zwanzig Jahre in der SPD. Wir könnten Ihnen Müntefering anbieten. Der ändert seine Meinung immer erst nach der Wahl.

Das Problem ist ja, wie gesagt, unser Portfolio. Die Leute wollen etwas haben, das sie in uns sehen, und dann liefern wir nicht. Gut, das kennt man von der SPD, aber das macht die Sache ja nicht besser.

Uns geht es in erster Linie um den Markenkern, der darf nicht verwässert werden, und wenn wir da immer nur die paar Volleulen losschicken, die man eh aus den Nachrichten kennt, aber nicht mal einen, der auch wirklich Politik macht, also meinetwegen die Staatssekretäre, den Mittelbau in Ministerien und Bundesämtern, die Leute, die etwas von Politik verstehen – da entsteht ein ganz falscher Eindruck von der Partei, und ich wüsste jetzt gern einmal, ob das bei den Leuten nicht sogar erwünscht ist, ob die nur einen Sprechblasebalg haben wollen, der ihnen auf der Weihnachtsfeier ordentlich Schaum auf den Bauch pinselt und mit viel Tamtam erzählt, uns geht es prima, alles dufte, weiter so, wir sind auf einem guten Weg, und Steuersenkung hier, zum Ausgleich Lohnkürzung da, und dann stoßen die noch mal an mit ihrem Champagner, und schon ist Wahl, und dann besinnt man sich auf die wahren Werte in der Politik, und plötzlich… –

Rent-a-Sozialdemokrat, Sie wünschen? Aha, Sie sind insolvent? Naja, das kann man schon feiern, manche Leute feiern ja auch ihre Scheidung. Eine Unternehmensbeerdigung, wenn ich das richtig verstehe? Da empfehle ich Ihnen den Gabriel, der zeigt Ihnen, wie man eine ganze Partei um die Ecke bringt.“