Gernulf Olzheimer kommentiert (CDLXXVIII): Die imaginäre Mehrheit

23 08 2019
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wir haben heute keine belastbaren Zeugen mehr für die Entscheidung, die einer Seitenlinie des Stammbaums von Rrt den Weg in das große Dunkel geebnet hat. Zwölf Jäger hockten um das Feuer in der Gemeinschaftshöhle an der östlichen Felswand, und zwölf von ihnen waren der Ansicht, der Bär im angrenzenden Wäldchen sei nicht nur ordentlich zu braten, er sei vor allem einfach zu erlegen. Alle sahen sich schon als große Helden des Waidwerks, von Generation zu Generation wie Halbgötter verehrt, da sie die behaarte Beste furchtlos zur Strecke gebracht hatten. Eine knappe Stunden später verteilte sich ein Teppich aus Fleischbrei und Knochensplittern zwischen Gebüsch und Steppe, wo der grantige Großsäuger die prähistorischen Knalltüten in Einzelteilen entsorgt hatte. Eine nach demokratischen Maßstäben nicht anfechtbare Entscheidung, das muss man ihnen schon lassen, aber die Folgen waren von und für Idioten. Nicht immer ist die Mehrheit segensreich.

Das Totschlagargument des Plärrguts, wer kennt es nicht: es sind die meisten, die schreien, also sind sie im Recht. Ausnahmsweise kommt das Konzept mal ohne die schweigende Mehrheit aus, die immer nur dann auf die Monstranz genagelt werden muss, wenn sich die populistischen Sackpfeifen in ihrem eigenen Sumpf auf die Fresse packen. Wer brüllt, ist die Mehrheit. Interessante Nebeneffekte wie die Entscheidung durch Einzelne, wie sie in jeder politischen Konstruktion außerhalb der Anarchie im Tagesgeschäft vorkommen und den Gang der Gesellschaft ausmachen, sie kommen im Modell der Mehrheit nicht vor, und das aus gutem Grund nicht. Denn nicht nur ist es soziologische Binse, dass jede Mehrheit aus verschachtelt korrelierenden Minderheiten besteht, keiner will auch plötzlich zu einer Minderheit gehören. Nicht und nie.

Das beliebte Beispiel, in einer westlichen Demokratie, die die Todesstrafe konstitutionell abgeschafft hat, diese per Volksbegehren wieder einzuführen, weil es dann ja der Mehrheit als moralisch vertretbar erscheint, zeigt zwei Fehler. Zum einen steht die Mehrheit mitnichten über der Moral – meistens eher darunter – und nicht über dem Gesetz, über der Verfassung schon gleich gar nicht, sonst wäre letztere so unnötig wie erstere. Zum anderen sind Sperrminoritäten nicht umsonst auch da eingerichtet, wo die DNA einer politischen Gesellschaft sich verändern lässt. Was ein Volk oder wenigstens eine wählende Minderheit glaubt, ist noch nicht die Vernunft.

Wäre also bei einer Abstimmung, an der nur ein Prozent der Wahlberechtigten teilnähmen, automatisch die schweigende Mehrheit fähig, das Ergebnis zu bestimmen, und wenn ja, wäre ihr Schweigen zugleich Zustimmung oder doch wieder Ablehnung, weil sie nicht für die Veränderung votiert hat? Wenn je eine Hälfte auf dem Land wohnt und in der Stadt, je eine Hälfte der Hälfte aber bessere Straßen für den Individualverkehr fordert oder den Ausbau des öffentlichen Verkehrs, gibt es dann eine Mehrheit oder zwei oder nur eine, die keine ist, aber eine ist, wo sie das Gegenteil will? Und sind fünfzig Prozent immer die Mehrheit, wenn die Minderheiten zusammen auf dasselbe Stimmgewicht kommen?

Lustigerweise sind es die Errungenschaften der Aufklärung, die gegen eine unzivilisierte Mehrheit durchgesetzt wurden, die nun einmal die Ränder der Normalverteilung stellen. Könnte ein ansonsten demokratisch verfasstes Volk durch Abstimmung beschließen, einen Genozid an einer Minderheit in ihrer Mitte durchzuführen, so hätte sich damit jeder Anspruch auf Demokratie erledigt – wer auch immer mit der verschwiemelten Denkhülse kommt, eine Partei, die dies plante, müsse man doch als normale politische Größe akzeptieren, wenn sie demokratisch gewählt sei, hat in mehr als einem Fach Tiefschlaf gewählt. Würde ein Dorf mit der Mehrheit von neunzig Prozent beschließen, die restlichen zehn Prozent wegen ihrer Rothaarigkeit umzubringen, könnte das restliche Gemeinwesen sich nicht vielseitig desinteressiert zurücklehnen und die Hinterwäldler mit ihrem trüben Geschäft alleine lassen, weil es sie nun mal nichts angeht? Und sollte man, statt die ethischen Fundamente einer Gesellschaft zu ramponieren, nicht lieber Steuerhinterziehung straflos stellen, weil sie ein Kavaliersdelikt ist, das von der Mehrheit trotz eindeutiger Gesetzeslage zum Volkssport aus Notwehr gegen den bösen Staat erhoben wird? Wichtig ist nur, keine Drogen zu entkriminalisieren, weil die böse Schäden fürs Volk bedeuten – bis auf den Suff, den die Mehrheit als zivilisatorisches Gut anerkennt und ihn also schützt vor Verfolgung und Verbot.

Millionen Tiere fressen Scheiße und das aus physiologisch gutem Grund, aber noch keiner hat ernsthaft hinterfragt, warum der rezente Mensch so ineffizient in seiner Ernährung isst und die eigenen Ausscheidungen verschmäht. Es sind Aufgeklärte, die im Strahlenkegel der eigenen Erleuchtung auf der Autobahn Geisterfahrer sehen, Tausende von Geisterfahrern. Was soll’s, sie fahren alle gegen die Wand. Aber sie werden Recht haben. Bis zuletzt.

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Volksflugscheibe

22 08 2019

„… wieder Kolonien brauche, um seinen Machtanspruch weltpolitisch zu untermauern. Kalbitz habe vorgeschlagen, von einer Sondersteuer Malta zu kaufen und als Teil Deutschlands im…“

„… nicht erheblich sei, dass die Insel zur EU gehöre. Meuthen werde sich noch in der laufenden Wahlperiode dafür einsetzen, dass die Europäische Union abgeschafft werde, um die völkerrechtlichen Grundlagen einer…“

„… abgeraten habe. Höcke akzeptiere kein Territorium mit einer semitischen Leitkultur und werde die Annexion Maltas mit der männlichsten Härte, die die deutschblütigen Verteidiger der…“

„… sich für einen Außenposten der Festung Europa durchaus eignen würde. Weidel plane das Heinrich-Himmler-Bildungszentrum für maritime Grenzverteidigung vor den afrikanischen…“

„… von der maltesischen Politik auch noch etwas lernen könne. So sei das absolute Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen für von Storch eine vorbildliche Regelung, die auch im deutschen…“

„… die Sondersteuer durch eine Abgabe auf Sozialleistungen eintreiben wolle. Dies laufe dem Parteiprogramm der AfD zwar entgegen, Meuthen sei aber hier kompromissbereit, wenn es um die…“

„… derzeit noch ablehne. Offen sei Seehofer allerdings für eine Internierungseinrichtung, in der Flüchtlinge einen Asylantrag stellen, in Lagerhaft sitzen, versehentlich erschossen werden und wieder zurück ins…“

„… die maltesische Bevölkerung derzeit einen muslimischen Anteil von 0,3% aufweise, was nach Kalbitz’ Überzeugung eine Islamisierung im fortgeschrittenen Stadium darstelle und nur durch die Diktatorin Fatima Merkel gesteuert worden sein könne. Die ethnische Säuberung des Beitrittsgebiets sei deshalb Chefsache und werde von…“

„… es bisher keine Anfrage gegeben habe und eine solche Anfrage gar nicht erst beantwortet werde. Die spanische Regierung habe erklärt, dass weder eine deutsche noch eine britische Absicht, Mallorca zu kaufen, von der…“

„… der Bevölkerung zuerst der Aberglaube an Umweltschäden durch die von Juden und Schweden mit islamistischem Geld propagierte Klimalüge ausgetrieben werden müsse. Dazu werde Kalbitz die von ihm als ‚grünlichtverstrahlte Spasten‘ bezeichneten Schüler in einer Umerziehungsanstalt von der Meinungsdiktatur der bisher im…“

„… werde man die Mittelmeerinsel anlässlich ihrer Heimführung ins Neue Deutsche Reich in Groß-Malta umbenennen und ihr einen Autonomiestatus als Protektorat des…“

„… müsse Deutschland unbedingt eine im Mittelmeer gelegene Insel als Ferienziel haben. Weidel habe erkannt, dass zahlreiche südlich gelegene Länder wie Afrika oder die Schweiz inzwischen vornehmlich durch Messermänner und andere kriminelle Invasoren in die…“

„… ziehe Gauland zur Finanzierung der Kaufsumme auch eine Enteignung migrantischer Gemüseläden in Erwägung. Die Regermanisierung des deutschen Lebensmittelhandels sei außerdem eine notwendige Maßnahme, um den von Muslimen mit jüdischem Kapital finanzierten und von der Diktatorin Sara Merkel geplanten Fäkaliendschihad im letzten Moment zu…“

„… sich Island wegen der Verwandtschaft mit den nordischen Rassen besser eignen würde. Höcke sei sehr davon angetan, dass die Insel als Vorposten der neuen germanischen…“

„… habe die Regierung angekündigt, allen deutschen Schiffen die Landung in maltesischen Häfen zu untersagen und sie notfalls unter Beschuss zu nehmen. Eine Invasion werde es mit der …“

„… den Ökotourismus abschaffen wolle, der nur die Bevölkerung, nicht aber die deutschen Beschützer der Insel unterhalten würde. Weidel wolle mehrere der größten Kreuzfahrtschiffe, die je gebaut worden seien, zu einer durchgehenden Erreichbarkeit von Malta insbesondere für AfD-Mitglieder und verdiente Mitglieder der…“

„… habe Kalbitz bereits Pläne enthüllt, einen isländischen Landeplatz für die Volksflugscheibe und andere nationale…“

„… auch andere Pläne in Erwägung ziehen könne. Gauland sehe nicht unbedingt die Notwendigkeit, Malta auf friedlichem Wege in das deutsche Hoheitsgebiet einzugliedern, es sei angesichts der Weigerung völkerrechtlich ohnehin vollkommen klar, dass es sich um eine…“

„… der Regierung ein Ultimatum gestellt habe, bis Mitternacht Deutschland freiwillig beizutreten. Andernfalls werde eine bewaffnete Bohrflotte die Gasvorkommen in den Hoheitsgewässern Maltas anzapfen und zur Eroberung der Insel und ihrer…“

„… für Steinbach bereits feststehe, dass bei einem Bombenangriff auf Malta der Feind die alleinige Kriegsschuld trage, da bei einer rechtzeitigen Kapitulation Deutschland nicht gezwungen worden wäre, militärische Mittel zu…“

„… im Kampf gegen semitische Aggressoren den Heldentod gefunden hätten. Die Fregatte Björn sei unmittelbar nach dem Eindringen in die Drei-Meilen-Zone von Boden-Luft-Raketen beschossen und innerhalb weniger…“

„… dem maltesischen Widerstand eine radikale Umvolkung androhe. Einen Waffenstillstand biete Gauland nur an, wenn die Wehrmacht sich auf eine bedingungslose…“

„… an eine Tankstelle gehängt hätten. Eine forensische Untersuchung des Internationalen Roten Kreuzes habe ergeben, dass es sich um Höcke, Kalbitz und die…“





Bullshit 100

21 08 2019

„Das übernimmt Spahn. Kramp-Karrenbauer hat in diesem Monat schon so viel Scheiße abgesondert, das reicht für ein ganzes Quartal. Und der Score ist bei ihm ja auch viel höher, das müssen Sie immer berücksichtigen.

’tschuldigung, der Praktikant macht das erst den zweiten Tag, dem muss ich immer noch über die Schulter gucken. In der Zentrale für politische Kommunikation müssen wir auch auf alle aktuellen Entwicklungen Rücksicht nehmen, deshalb braucht es ein bisschen Puffer. Lockere Planung, und wenn wir am Ende etwas übers Ziel hinausschießen, ist es nicht ganz so schlimm. Entscheidend ist halt, was hinten rauskommt, aber das wussten Sie ja sicher.

Also hier ist unsere multidimensionale Matrix, das ist eine Tabelle mit den unterschiedlichen Graden von Beklopptheit, das geht hier unten los, das würde ein normaler Mensch noch rauskriegen mit zu viel Schnaps in der Birne, und dann haben wir hier das Mittelfeld, und dann ist hier, wo es nach ganz rechts geht, aber das sehen Sie ja selbst. Das ist natürlich noch keine Wertung, aber Sie bemerken schon, wenn es um gewisse Personen in der Tagespolitik geht, die öfter mal in den Medien sind, weil das in deren Stellenbeschreibung halt so vorgesehen ist, dann haben wir hier schon eine Verschiebung von der Mitte weg. Meist nach rechts. Wobei das natürlich keine Wertung ist.

Jetzt müssen wir immer zeitnah disponieren, wie wir die Sollwerte erreichen. Da helfen uns inzwischen auch Algorithmen, die das Verhältnis vom jeweiligen Politiker zum Amt ausrechnen. Da haben wir auf der einen Seite den Innenminister, der ist normalerweise immer etwas zurückhaltend, man erwartet ja von dem Amt, dass da besonnene und kluge Leute sitzen. Auf der anderen Seite haben wir die Realität, und die heißt Seehofer. Rechnen Sie jetzt noch mal eben nach, dann wissen Sie auch, wer in dieser Woche noch Schlagzeilen braucht.

So, da haben wir jetzt einmal Verfassung 50, da könnten wir… könnten wir… Also wird sind ja nicht nur für die erste Garnitur zuständig, Minister und Parteichefs, wir arbeiten für alle Ebenen. Das könnte man irgendeinem Nachwuchspolitiker der FDP geben, haben wir da nicht einen? Das ist dann eine mittelschwere Äußerung, nicht unbedingt über verfassungsrechtliche Fragen, sondern einfach mit staatsrechtlichem Hintergrund. Ja, da haben wir’s, der soll die Mietpreisbremse als grundgesetzwidrig bezeichnen, das passt zur Kategorie und das passt zur Partei. Sie sehen hier die Gewichtung, bei dem ist es in der Mitte immer offen, bei der AfD gehen wir sowieso davon aus, dass nicht nur das Thema etwas mit dem Grundgesetz zu tun hat, sondern die Meinung auch per se verfassungsfeindlich ist. Deshalb hier diese Bündelung in der Mitte.

Die Instinktlosigkeiten sind auch recht flexibel handhabbar, meistens sind das so Äußerungen wie: ist der so doof oder tut er nur so? Es gibt natürlich auch hier Spezialisten, da sehen Sie eine Häufung bei Spahn und AKK, die können das in Perfektion, aber natürlich darf man das nicht nur für die beiden reservieren. Wenn Giffey zum Beispiel sagt, die Bürger seien ja eh zu dämlich, um Gesetze zu kapieren, dann ist das schon ein mittelschweres Kaliber. Für Klöckner haben wir dann eher diese hier, das ist der ganz normale Bullshit. Der tritt bei CSU-Mitgliedern gehäuft auf, wir dürfen ihn aber nicht nur auf die beschränken. Es ist ja eben keine Wertung, wenn wir das verteilen, und die Kategorie müssen wir rein mengenmäßig derart verwenden, da können wir uns gar nicht auf einzelne Parteien beschränken.

Ach so, warum wir das machen? Schauen Sie, so ein Spitzenpolitiker hat ein anstrengendes Leben, die müssen an Tagungen teilnehmen und Sekt trinken, die vielen Nebenjobs in Aufsichtsräten oder als Chelobbyistin für Nestlé, einigen von denen müssen auch regelmäßig die Bücher lesen, die sie angeblich geschrieben haben, damit sie die dann auf so einer Butterfahrt durch die Kaufhäuser unters Volk jubeln können, da bleibt meistens kaum noch Zeit für Politik. Wenn wir denen nicht regelmäßig vorschreiben würden, was sie zur Presse sagen sollten, dann käme da viel belangloses Zeug raus. Wir hatten hier mal einen, der hat als Staatssekretär ernsthaft gesagt, er könne sich zu einem Thema nicht äußern, er hätte davon keine Ahnung. Gut, der war auch schnell wieder weg vom Fenster, keine Ahnung, was der heute macht. Ganz sicher nichts mit Politik. Da müssen Sie in den Medien stattfinden, und das erfordert maximale Leistung.

So, da haben wir noch mal Bullshit. Scholz war ja schon dran, deshalb ist er für den Rest der Woche aus dem Schneider, und Bullshit 100 ist eigentlich für den auch eine Nummer zu groß. Ach komm, dann hau ich den jetzt noch mal bei Scheuer rein, das ist zwar inflationär, aber bei dem fällt ja ein 80-er schon unangenehm auf. Da kriegen wir wieder Stress mit der CSU-Parteizentrale, ob wir den aus Versehen haben ausnüchtern lassen. Das trifft sich auch gut mit den sachlich falschen Äußerungen, die haben wir hier gebündelt bei der FDP, das ist auch notwendig, wir haben ja Wahlkampf, und da muss man immer sehr viel versprechen. Nachorder? Das wird jetzt eng, wir haben da schon fast alles besetzt und können kaum noch reagieren, die meisten haben heute auch schon einen Eintrag, das sind alles 100-er, da könnten wir… Ach, scheißegal. Wenn ich auch sonst gerne auf die verzichten würde, aber dafür ist es doch gut, dass es die AfD gibt!“





Horizontales Grün

20 08 2019

05:44 – Die ersten schwachen Sonnenstrahlen erhellen die Grünflächen der Straßenzüge in der Reihenhaussiedlung Oleanderbogen. Der junge Tag verspricht trocken zu bleiben, so lässt sich Rentner Heinrich J. (73) mit Klemmlupe und Nagelschere auf dem Rasen nieder, um die eine oder andere Kante um Rosenbeet und Vogeltränke wieder zu begradigen. Während ihm die Sehhilfe aus dem Auge rutscht, sticht er sich die Schere in den Daumen. Ein kurzes, aber heftiges Zischen entfährt dem früheren Damenfrisör.

05:55 – Mühsam hat sich Ewald S. (72) aus dem Bett gearbeitet. Schlaftrunken öffnet der ehemalige Hausmeister die Rollläden einen Spalt weit und stellt entsetzt fest, dass die Nachbarn ohne ihn mit der notwendigen Gartenpflege begonnen haben. Um die schlummernde Gattin nicht zu wecken, schleicht er nicht in den Keller, sondern entnimmt der Küchenschublade geräuschlos die für Kräuter gedachte Schere mit fünf Schneiden. Es geht los.

06:12 – Im Schein einer 20-Watt-Lampe pflegt Feldwebel a.D. Gustav K. (83) seinen Schnauzbart, als er durch das Küchenfenster auf der anderen Straßenseite erblickt, wie sich S. mit deutlich sichtbaren Rückenproblemen über die Grasnarbe schleppt. Der Veteran humpelt zum Besenschrank, wo er einen akkubetriebenen Trimmer hervorzieht und mit kaiserlich aufgezwirbelten Bartspitzen den Vorgarten betritt. Ein kleiner Knopfdruck auf das Stielgerät, in dem ein Nylonfaden kreiselt, und die Luft erfüllt ein unmelödiöses Sirren.

06:26 – Nachdem der Schäferhundrüde Tasso vom Waldrand seiner Erregung durch das hochfrequente Störgeräusch so anhaltend wie deutlich Ausdruck verliehen hat, öffnet Frührentner Rudolf F. (61) das Wohnzimmerfenster. Der vierbeinige Freund ist nicht amüsiert. Gleichzeitig erkennt F., dass sich der Rest der Nachbarschaft gegen ihn verschworen haben muss. Er legt sich mit einer Rosenschere bewaffnet hinter der Hecke in Lauerstellung.

06:51 – Monteur Ulf Z. (44) kehrt zurück von der Frühschicht in der Fertigungsabteilung des lokalen Zulieferers für konventionelle Angriffswaffen. Während der Facharbeiter seinen Wagen rückwärts in der Garagenauffahrt parkt, nimmt er Geräusche um ihn wahr, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn treiben: der Vorgarten ist nicht gerichtet und der Besuch der Schwiegereltern steht bevor. Hastig setzt er wieder aus der Auffahrt auf die Straße. Jetzt muss professionelles Equipment her.

07:14 – Immobilienmakler Claus O. (54) betritt mit dem von seinem Großvater geerbten Gerät den Vorplatz. Das Modell Gulliver Sport verfügt über einen Satz gerader Scherklingen, die konzentrisch um die Antriebsachse montiert sind. Eine gründliche Schärfung vorausgesetzt wäre das Nachmähen von knapp drei Quadratmetern Rasen damit eine Kleinigkeit. Leider handelt es sich weder um eine kleine Wuchskorrektur noch hat O. den Apparat innerhalb der letzten Jahre besonders gut gewartet.

07:33 – Das Quietschen des mechanischen Mähers treibt Tasso in den Wahnsinn. Nachbar Peter D. (34) dreht das Radio noch ein bisschen lauter, um das Tier nicht hören zu müssen. Da D. bereits kurz nach dem Einzug seinen Vorplatz mit zehn Zentimeter Kies ausgelegt und das Geröll gründlich zementiert hat, sieht er nun keine Notwendigkeit, das Haus zu verlassen.

08:08 – Auf den hinteren Grundstücken Richtung Fliedergasse sind die ersten Schwingungen angelangt. Zahnarzt Jens G. (47) entnimmt dem Geräteschuppen sein elektrisches Mehrzweckgerät, das an einem gestielten Handgriff sowohl trimmt als auch schneidet. Der Grobaufsatz verursacht eine unerwartete Lärmentfaltung, was G. aber nicht sehr irritiert. So rasiert er fröhlich die Gänseblümchenmischung hinter dem Liguster.

08:16 – Mit seiner lautstarken Klage hat Tasso offensichtlich die Aktivierungsfrequenz von Robi getroffen. Der Mähroboter fährt schnurrend aus seiner wetterfesten Ladestation im Garten der Anlageberaterin Jenny E. (38) und bahnt sich seinen Weg über den Spielrasen. Da er diese Fläche jedoch tags zuvor instandgesetzt hat, schaut sich der Schnitthelfer nach anderen Einsatzgebieten um.

08:20 – Die Garage des rotbraun geklinkerten Bungalows öffnet ihr Tor, heraus schreitet Tim W. (32) samt einem verhältnismäßig neuen Modell von Motormäher. Muskulös und im Vollbesitz seiner Kräfte zieht der Freizeitbodybuilder an dem Draht, der den Anlasser starten soll. Die Frauen auf der gegenüberliegenden Straßenseite fühlen sich ad hoc kreislaufmäßig herausgefordert. Gardinen rascheln, hier und da greift eine Hand in die Kakteen auf der Fensterbank. Ein metallisches, gut artikuliertes Geräusch zeigt an, dass der Zug soeben gerissen ist. Der nur mühsam unterdrückte Schmerzensschrei von W., der von der unübersehbaren Schnittwunde an seinem Handgelenk herrührt, hat denselben Ursprung.

08:29 – O. und seine stumpfen Messer haben den Graswuchs nicht nennenswert angetastet. Noch immer schiebt der schwitzende Glatzkopf das Gerät über das Grün, das zwar deutliche Ermüdung zeigt, aber weiterhin fest verwurzelt in der Erde steht. In der Zwischenzeit hat Tasso im Wohnzimmer den Teppich, zwei Fernsehsessel sowie eine Fußbank durch Flüssigkeitszufuhr individualisiert.

08:38 – Der Baumarkt ließ Z. keine andere Wahl als das Aufsitzmodell Goliath 3000. Die hastig improvisierte Anhängerkupplung, die zum Transport des Gartengeräts an Ort und Stelle ans Fahrgestell geschweißt wurde, ist noch nicht ganz ausgekühlt. Entsprechend schwierig gestaltet sich der Bremsvorgang, bei dem das Garagentor, ein Teil der Garage, ein Teil des Hauses sowie viele der bis dahin noch verwendungsfähigen Komponenten des Kraftfahrzeugs nachhaltig zerstört werden. Glück im Unglück: dem Goliath 3000 ist nichts passiert.

08:55 – F. hat inzwischen das Grundstück verlassen und robbt sich hinter den feindlichen Linien entlang in Richtung Norden. Die Rosenschere hat er dabei stets im Anschlag, um aus dem Nichts auftauchende Reptiloiden in die Flucht zu schlagen. Kurz hinter der Ecke Enzianweg kauert er sich mit einem Krampf im Bein auf den Gehweg.

09:05 – Noch immer ist G. mit dem E-Trimmer zugange, als er plötzlich unachtsamerweise in die Nähe der Hauswand gerät. Der nicht komplett aufgerollte Gartenschlauch, den am Vorabend die Gattin lediglich mit dem Griffventil gesperrt hat, erweist sich gegenüber den Fangzähnen des Grasschneiders als nachgiebig. In einem unsauber angesetzten Schnitt zerfetzt G. den Schlauch, aus dem druckvoll das Wasser spritzt. Widerstand ist in diesem Fall zwecklos: kurz, aber spannungsfrei fließt der Strom durch den Körper des Dentisten, bevor die Hauptsicherung mit einem sonoren Knall aufgibt. Die Nachbarin sieht den Arzt zuckend auf der Wiese liegen und informiert geistesgegenwärtig einen Rettungswagen.

09:08 – D. hat die Musik nun auf volle Lautstärke gestellt. Die Doppelverglasung seines Eigenheims lässt keinen Störschall mehr hinein, dafür vibrieren die angrenzenden Grundstücke ab einer Bodentiefe von fünf Metern im Rhythmus volkstümlicher Schlager.

09:10 – Marvin T. (16) hat den Lärm satt. Der Gymnasiast muss erst zur dritten Stunde in die Schule und stört sich an den vibrierenden Fenstern seines Jugendzimmers. Spontan schaltet er die Anlage an die legt das neue Live-Album der Apocalyptic Armageddon Assassinatörs auf.

09:11 – Tasso zerlegt ein Sofakissen in Kleinteile.

09:25 – Z. ist es in der Zwischenzeit gelungen, den Aufsitzmäher vom Anhänger zu wuchten, ohne sich oder den Mäher mehr als nötig zu beschädigen. Mit Bedauern stellt er fest, dass sein Auto trotz Abgasnorm Euro 6 immer noch einen Dieselmotor besitzt. Die Kraftstofffrage schwebt im Raum.

09:28 – Der Rettungswagen fährt mit vollem Signaleinsatz und quietschenden Reifen in die Haarnadelkurve Ginsterweg Ecke Lilienstraße. Kurz vor der Einmündung Schneeglöckchenstieg verreißt Fahrer Ingolf A. (27) das Steuer, als er frontal in eine Schallwand brettert, die vor dem Obergeschoss des Wohnhauses von Familie T. auftürmt. Der Wagen kommt seitlich an der Gartenmauer zum Stehen. A. wird umgehend vom Rettungsassistenten Oliver H. (28) reanimiert. Nachbarn ordern sofort einen zweiten Wagen für G., dessen Zustand sich offenkundig nicht verändert.

09:38 – Robi ist gemächlich unterwegs in Richtung Fliedergasse. Kurz vor der Ecke Enzianweg touchiert er hinterrücks den dort an der Hecke sitzenden F. Dieser springt schreiend auf, wobei er sich einerseits an seiner Rosenschere verletzt, andererseits durch den Schrecken nicht unbeträchtlich einnässt. Unbehelligt rollt der Roboter weiter.

09:45 – Mit Hilfe eines Gummischlauchs hat Z. aus dem immer noch herrenlos im Vorgarten von W. stehenden Mäher den Kraftstoff entzogen. Er spürt eine leichte Reizung der Atemwege. Die als Auffangbehältnis dienende Gießkanne, aus der der Waffenschmied das Benzin in den Goliath 3000 träufelt, stellt dieser achtlos auf den Gehsteig vor seinem Haus.

09:51 – Jacqueline C. (29) geht aufreizend langsam in Richtung Mülltonne. Sie hatte auf den feschen Facharbeiter schon seit langem ein Auge geworfen, deshalb trägt sie ihr farbenfrohstes Make-up. Leider verhaken sich beim Leeren des Restmüllbeutels die künstlichen Wimpern ihres linken Auges, so dass sie den Halt ihrer Filterzigarette nicht mehr unter Kontrolle behält.

09:52 – Eine ungefähr zwei Meter hohe Verpuffung färbt C. zumindest von vorne in ein einheitliches Blauschwarz. Z. wird nach hinten geschleudert, wobei er vom Sitz des Rollmähgeräts fliegt. Das gartenbautechnische Fahrzeug setzt sich tuckernd in Bewegung.

09:53 – Synchron zu der Gasexplosion war der zweite Ambulanzwagen aus der Gladiolengasse eingebogen. Fahrerin Signe Ö. (28) tritt ruckartig auf die Bremse, so dass das Auto heckseitig ausbricht. Reflexartig springt Postbote Hajo I. (58) über den Jägerzaun und legt eine Punktlandung auf dem noch nicht ganz abgebundenen Zement von Kreisoberverwaltungsrat Martin B.s (55) Auffahrt hin.

10:07 – Kristian U. (48) nutzt das gute Wetter, um nicht nur horizontales Grün in Ordnung zu bringen. Er nennt eine elektrische Heckenschere sein eigen und setzt das Gerät nun zunächst für den deutlich zu stark geratenen Grasbewuchs ein. Die akustische Emission ist wie zu erwarten stark.

10:10 – Z. rennt seinem Mähfahrzeug hinterher. Zunächst geht er davon aus, dass das Objekt ohne lenkende Person sich nur geradeaus bewegt, ist aber beim Einbiegen in den Moosröschenring irritiert, dass ihm sein Goliath 3000 mit nicht ganz geringer Geschwindigkeit entgegenkommt. Schon will er auf den Mäher steigen, als ihm von hinten Robi die Füße wegreißt. Z. kippt auf den Sitz, verliert aber durch den Aufschlag auf dem Steuerrad das Bewusstsein. Mit einer verkehrsuntüchtigen Person auf dem Sattel, die mit vollem Körpergewicht auf dem Gaspedal steht, nimmt das Mähzeug seinen Weg in Richtung Lilienstraße Ecke Ginsterweg.

10:22 – Nachbarn haben G. inzwischen so weit reanimiert, dass er außer Lebensgefahr zu sein scheint. Sie wundern sich nur, dass es in dieser stadtnahen Umgebung so lange dauert, einen Rettungstransport zu bekommen. Zur raschen Wiederherstellung des Telefonnetzes hat Elektriker Otto R. (56) den Stromkreis im Hause G. wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand versetzt.

10:23 – F. hockt mit durchnässter Hose nur wenige Meter entfernt unter der Ligusterhecke und tastet sich mit der bewaffneten Hand vor in feindliches Territorium. Beim ersten Berühren eines festen Gegenstandes schnappen die Finger seiner Rechten sofort zu: mit einem Schnitt durchtrennt F. die Zuleitung des im Prinzip noch funktionstüchtigen Elektrotrimmers. Während R. nach einem kurzen Flackern wiederum das Verlöschen von Oberlicht und Ventilatoren bemerkt, steigen Rauchpilze aus F.s Ohren. In Embryonalstellung rollt er unter das Grundstücksbegrenzungsgrün.

10:29 – Auch bei O. liegen die Nerven blank. Erst jetzt stellt er fest, dass sein mechanischer Mäher die erhoffte Leistung aus technischen Gründen gar nicht erbringen kann. In einem Wutanfall fährt er sich auch noch über die fast neuen Golfschuhe und schleudert den Gulliver Sport aus der Drehung mit durchaus her Eleganz in die Fensterfont seines Wohnzimmers. Dann wirft er sich wie im Rausch in seinen Sportwagen. Mit stark überhöhter Geschwindigkeit nimmt O. Kurs auf die angrenzende Gemarkung Sperbertal.

10:42 – Noch ist nicht alles verloren. Der dritte RTW biegt mit Lichtorgel und Folgetonhorn auf Stufe MAX aus dem Ginsterweg. Winkende Anwohner signalisieren Fahrer Guntram Sch. (32) schon von Weitem, wo sich der Einsatzort befindet. Leider hat Z. in seinem Zustand weder einen klaren Überblick über die örtliche Verkehrsführung noch über die Handhabung von Sonderrechten bei Einsatzfahrzeugen. Sch. ist nicht mehr in der Lage, dem Goliath 3000 auszuweichen, der eine Abkürzung über zwei unbebaute Grundstücke genommen und nun ungebremst auf ihn zurollt. Das Gartenkleingerät wird bei der Kollision erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

10:45 – Röhrend donnert eine gewaltige Maschine den Oleanderbogen entlang. In einer paranoiden Regung hat O. beschlossen, seinen Gulliver Sport durch einen am Feldweg parkenden Mähdrescher zu ersetzen. Nach einigen Kleinwagen sowie einem Kabelverzweiger mangelt O. auch gut fünfzig Meter Hecken, Zäune und Pfosten nieder, bis er auf die Einmündung Geranienallee zurollt. Mit einem unelastischen Stoß touchiert die landwirtschaftliche Großmaschine die Hausfront von D. Die fußläufig herbeigeeilten Notfallsanitäter ziehen den traumatisierten Hausherrn aus den Trümmern seines einsturzgefährdeten Bungalows. D. hört nichts mehr. Auf die beiden Retter gestützt taumelt er ins Freie und lallt „Resi, i hol Di mit mei’m Traktor ab“. Aus sicherer Entfernung kläfft ein Hund. So endet der Morgen in einer Reihenhaussiedlung, deren Bewohner einfach nur ihren Rasen mähen wollten.





Containern

19 08 2019

„Welcher Vollidiot hatte diese bescheuerte Idee!?“ „Keine Ahnung, irgendwer muss es wohl gewesen sein, und dann haben sie es einfach gemacht.“ „Na toll!“ „Überrascht Sie das etwa?“ „Sollte es das nicht?“ „Nein, ich meine: dass die SPD irgendeinen Scheiß macht und sofort danach nicht mehr wissen will, dass das Absicht war?“

„Ich würde jetzt ja lieber mal wissen, wer auf die Schnapsidee gekommen ist, die Kandidaten für den Parteivorsitz in so ein Big-Brother-Ding zu sperren.“ „Liegt doch nahe.“ „Verstehe, man sieht vorher schon mal, wer in erhöhter Deppendichte als erstes die Nerven verliert.“ „Nein, ganz anders.“ „Dann die Dauerbeobachtung?“ „Jetzt lassen Sie doch mal.“ „Was soll es denn dann noch sein?“ „Die sind alle vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten und wissen nicht, was da vor sich geht. Und die Reaktion kriegen sie auch immer erst mit, wenn es schon zu spät ist.“ „Okay, aber dafür hätte man die komplette Partei einsperren können.“ „Es wollten ja nicht alle mitmachen.“ „Dann hätte eine Beobachtung in freier Wildbahn durchaus genügt.“ „Die Gefahr ist zu groß, dass da einer wegrennt.“ „Und deshalb hat man sie in diesen Container gesperrt?“ „Das ist medial besser zu managen.“ „Bitte!?“ „Letztlich wissen wir alle, es ist völlig egal, was dabei rauskommt, die Zuschauer erwarten nur schöne Bilder.“

„Das da hinten rechts, das ist doch…“ „Ja. Ich weiß auch nicht, wie der da reingekommen ist, er hat aber gesagt, er fühlt sich immer noch der Partei zugehörig.“ „Der hat doch hier nichts zu suchen!“ „Da gebe ich Ihnen recht, aber es gibt auch solche, die sind der Ansicht, diese ganze Veranstaltung dient nur dazu, der SPD den Gnadenstoß zu geben.“ „Und er will den ganzen Laden auf die Schnelle abwickeln?“ „So ähnlich.“ „Na, das kann ja heiter werden.“ „Wenn er Pech hat, dann driftet die Partei in den Rechtsextremismus.“ „Das ist doch eine total bescheuerte Idee!“ „Ja, aber nicht so bekloppt wie die Toleranz, ihn nicht einfach vor die Tür zu setzen.“

„Jetzt sagen Sie doch mal, wie funktioniert das eigentlich?“ „Also die Teilnehmer werden hier in dem Ding beobachtet.“ „Ach was.“ „Doch, ja. Und dann wird regelmäßig einer rausgewählt.“ „Ich dachte, die treten hier auch schon als Doppel an?“ „Man will sich hier offensichtlich mal sehr flexibel zeigen. Da die Partei in den letzten Jahren…“ „Sagen Sie wenigstens ‚in den vergangenen‘, das hört sich nicht so depressiv an.“ „Meinetwegen. Da hat die Partei schon sehr viel Flexibilität gezeigt. Vor allem moralisch.“ „Und wer am Schluss noch drin ist, hat gewonnen?“ „Nein, hier gibt es ja nur Verlierer. Wer nicht vorher schon rausgewählt wird, muss es machen. Das ist ein kleiner Unterschied, vergessen Sie nicht: das hier ist die SPD.“ „Na gut, meinetwegen. Was ist dann mit dem hier?“ „Der hat gute Chancen, der wollte sowieso nicht.“ „Weil er ja als Bundesminister schon…“ „Aus dialektischen Gründen.“ „Dialektisch?“ „Er will schon, deshalb hat er ja vorher auch schon klargemacht, dass er gar nicht wollen kann, wegen der Verantwortung.“ „Das verstehe ich nicht.“ „Dann haben Sie es ja doch kapiert. Also dialektisch.“ „Meine Güte, jetzt nerven Sie mich nicht mit Ihrem spitzfindigen…“ „Dialektisch, das Wort ist: dialektisch. Deshalb hat er auch gesagt, er würde das nur machen, wenn die anderen ihn dazu auffordern würden.“ „Und, wozu ist er dann in dieser Klausur?“ „Weil da alle sind, die ihn dazu auffordern könnten.“ „Und wenn er nicht von ihnen aufgefordert wird?“ „Dann sagt er, dass er es ja eigentlich gar nicht machen wollte, das hatte er ja schon vorher klargemacht.“ „Und wenn sie es doch tun?“ „Dann sagt er auch , dass er es gar nicht machen wollte, und dass er das klargemacht hatte.“ „Also alles bleibt sich gleich?“ „Richtig. Wenn er den Vorsitz übernimmt, dann bleibt alles gleich. Aber das hatte er ja vorher klargemacht.“

„Aber mal im Ernst, gucken Sie sich mal den Altersschnitt in der Runde an.“ „Das hatte ich Ihnen doch erklärt, das ist auch Teil der Verantwortung in der Parteispitze.“ „Sie meinen, die wollen echt alle Verantwortung übernehmen für die Zukunft der…“ „Natürlich nicht. SPD und Zukunft, das wäre jetzt doch ein bisschen albern.“ „Das ist also auch schon wieder so eine dialektische Sache?“ „Nein, es geht bloß um die Vergangenheit. Die Politiker, die die Partei zwanzig Jahre lang in die Scheiße geritten haben, kennen sich doch am besten damit aus.“ „Mit der Sozialdemokratie?“ „Vor allem mit der Scheiße.“ „Und jetzt wollen sie die Partei aus der Vergangenheit retten?“ „Nein, in die Vergangenheit. Die SPD soll doch eines Tages wieder so stark sein wie vor der ganzen Sache.“ „Und deshalb sperrt man nun diese ganzen Arschlöcher in einen Kasten und wartet, wer nicht rausfliegt!?“ „Das ist eine Form des sozialen Handelns.“ „Ah, verstehe. Das ist russisches Roulette.“ „Nein, das ist Containern.“ „Was!?“ „Containern. Es gibt immer gute Gründe, etwas wegzuschmeißen, beispielsweise dann, wenn das Haltbarkeitsdatum überschritten ist und eine Gefahr für die Öffentlichkeit droht.“ „Und dann?“ „Dann gibt es Menschen, die haben derart eigene Ansprüche, dass sie sich aus dem Müll noch etwas Brauchbares heraussuchen wollen.“ „Auf eigene Gefahr selbstverständlich. Aber es bleibt halt immer ein Nervenkitzel.“ „Weil man nicht weiß, was man da rauszieht?“ „Auch. Aber überlegen Sie mal, wenn vor Ihnen schon ein paar Mann am Container waren, was meinen Sie, ist denn dann noch drin?“





Reichsburger

18 08 2019

Wir können es diesmal kurz machen: Gauland, der alzheimernde Schwerstalkoholiker der NSDAP 2.0, pöbelt vor anderen Holocaustleugnern, wer kein Schweinefleisch konsumiere, solle aus Deutschland verschwinden. Wer bringt diesem Mundgerüchler bei, dass nicht wenige Ratten im identitären Lager aus Verehrung für den Bettnässer aus Braunau sich vegetarisch ernähren? Meint der inkontinente Kalkschädel, bei Kriegsausbruch gäbe es für die Rheumatikerfraktion, die noch selbst beim Endsieg dabei war, Reichsburger satt? Wer eine ethnisch homogene Bevölkerung fordert, sollte auch aus humanitären Gründen in den Genuss des geltenden Tierschutzes kommen: Kastration ohne Betäubung macht hier ja nicht mehr viel aus, aber überflüssige Vögel mit zu viel Testosteron schreddern, das geht immer. Alle weiteren Anzeichen, dass wir politisch noch weit von irgendeinem Klimaschutz entfernt sind, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • talkshow nazis: Irgendwo muss das Pack ja herumerzählen, dass man nirgends mehr reden darf.
  • plastik fleisch: Besteht größtenteils aus bereits Recycling-Material.
  • soldaten bahn: Der Anblick uniformierter Nazis soll in Deutschland langsam wieder normal werden.
  • ikea axt: Zum Selbstabbau.
  • kreative rezepte: Je genauer man sich an das Rezept hält, desto kreativer.
  • grundschule cdu: Wenn man nicht aufpasst, reicht es wieder nur für die Junge Union.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CDLVI)

17 08 2019

Ist Karel am Fischen in Angel,
so gibt’s meist sekündlich Gerangel,
dass einer die Netze
des andern verletze.
An Fischen herrscht nämlich dort Mangel.

Ballaké, der just in Tessalit
ums Abwaschen Streichhölzer zieht,
ist wieder zufrieden.
Er hat es vermieden,
weil er stets den Kürzeren sieht.

Ist Jitka auch in Vinzenzsäge
am Mittag noch reglos und träge,
hat ihr Arzt viel Kummer.
Sie ist schon im Schlummer,
bevor er sie fragt, woran’s läge.

Guillermo kauft in Uruapan
gewaltig ein. Dies ist sein Plan:
er will Korb und Kasten
nach Hause verlasten
und mietet dazu einen Kran.

Beim Schwimmen merkt Věra in Stecken,
ihr reicht nicht dies zu kurze Becken.
Pythagoras’ Lehre
denkt sie in die Quere
und schwimmt gleich von Ecken zu Ecken.

Es leitet Kofi in Nkwabeng
ein Internat. Hier ist man streng,
und um dies zu zeigen,
ist er durchaus eigen:
die Schuhe sind stets viel zu eng.

Es lagen drei Brüder in Zwittebach
im Bett. Da war der in der Mitte wach.
Der zweite, wenn’s pochte,
nicht aufstehen mochte.
Am Ende sah schließlich der dritte nach.