Berichterstattung

20 09 2017

Es war laut, aber schließlich standen wir auch im Eingang zum News Room. „Zweiköpfige Ziege“, schrie der Redakteur, „direkt aus Ankara!“ Eifrig rannte ein Praktikant durch die Schreibtische. „Die Außerirdischen sind in Bad Salzuflen gelandet“, keuchte er. Siebels grinste. „Ich habe Ihnen wohl nicht zu viel versprochen.“

Die Chefredakteurin ließ sich in den Chefsessel fallen. „Wir haben das beste Angebot“, erklärte sie. „Und irgendeiner muss es doch machen.“ „Und wenn Sie es einfach nicht machen würden?“ Sie blickte uns an wie ein waidwundes Wild, seufzte – es sollte so peinlich und aufgesetzt klingen, dass man es für niedlich halten musste, war dann aber nur aufgesetzt und peinlich – und richtete sich ein wenig unbeholfen auf. „Der Leser hat es sich in seiner eigenen Welt gemütlich gemacht, und das werden wir nicht mehr ändern. Wir können es dann nur noch beobachten – höchstens.“ „Indem Sie den Kassen beim Klingeln zuhören.“ Sie verzog den Mund. „Wie gesagt, einer muss es machen.“

Währenddessen hatte das Telefon beständig geklingelt. Sie nahm ein Gespräch an. Offenbar ging es um chinesische Raketeneinschläge, vielleicht waren es aber auch Raketeneinschläge in China – Genaueres würde man erst wissen, wenn sich herausgestellt haben würde, welche der beiden Schlagzeilen sich besser verkaufen würde. „Aber wir machen das nicht für uns“, verteidigte sie sich. „Wir arbeiten mit sehr vielen anderen Häusern zusammen, darum schreiben wir auch nur die Meldungen, statt eine eigene Zeitung herauszubringen.“ „Und es bewahrt einen vor einer Flut von Klagen“, gab Siebels ungerührt zurück. Er spuckte sein Streichholz nicht unelegant in den Papierkorb der Redaktionsleiterin. „Alles andere wäre sicher auch eine gewaltige Bremse für Ihre Kreativität.“

Auf dem großen Konferenztisch wurden derweil Meldungen sortiert. Offenbar stand die russische Invasion auf zahlreichen Saturnmonden unmittelbar bevor, aber das konnte man erst nach dem ersten von Steuergeldern finanzierten Kamelrennen im Kölner Dom mit Sicherheit sagen. Eine Meldung des Wetterdienstes verkündete, der vergangene Sommer sei einer der wärmsten und trockensten aller Zeiten gewesen. „Manchmal“, grinste Siebels, „manchmal wissen sie einfach nicht, bis wohin sie zu weit gehen dürfen.“ Auf einer Seite Text verlor der FC Barcelona gegen die C-Jugend von Rapid Konolfingen. Wahrscheinlich störte es keinen, denn die Redakteure hielten ihre Börsenspekulationen für echt.

„Wir brauchen einen guten Aufmacher für die führenden Kunden“, entschied die Chefin. „Wir könnten etwas über ein Atomkraftwerk bringen, oder fällt Ihnen zum Thema Terrorismus nicht auch etwas ein?“ „Warum nicht beides?“ Das pfiffige Nachwuchstalent erntete sofort Anerkennung. Man hätte die Konsumenten nicht besser verunsichern können als mit dieser Verbindung von Angst, grobem Unverständnis und Zweifel an den eigenen Überzeugungen.

„Im Grunde ist schon viel damit gesagt, dass sie es nicht selbst veröffentlichen.“ Siebels hatte sich ein neues Streichholz zwischen die Zähne gesteckt. „Das Medium ist die Botschaft. Bei Bedarf könnten sie sicher schon einmal richtige Meldungen mit ins Sortiment nehmen und darauf hoffen, dass keiner sie für bare Münze nimmt.“ Am großen Tisch hatten die Russen die Invasion auf den Jupiter ausgedehnt. Chinesische Schleuser beförderten koreanische Afrikaner übers Mittelmeer in die Antarktis. Die Butter wurde teurer, nachdem eine ausländischen Organisation enthüllt hatte, dass sie größtenteils aus Erdöl besteht. „Aber wer soll das glauben?“ „Die meisten glauben es gar nicht“, sagte Siebels. „Sie können nur das Gegenteil nicht ausmachen und halten es daher für noch viel unwahrscheinlicher.“

Die Chefredakteurin hatte endlich den Entwurf des Titels einer großen deutschen Tageszeitung ergattert. Nach übereinstimmenden Polizeiberichten waren drei Dutzend Jugendliche in eine Bank eingebrochen, hatten den Kassierer erheblich verletzt, den Tresor mit einem Sprengsatz geöffnet und darauf die Innenstadt von Göttingen verwüstet. „Der Bankeinbruch war in Celle“, merkte ich an. Siebels nickte. „Ihnen fällt das natürlich auf, aber sind Sie denn ein Maßstab für diese Art von Berichterstattung?“ Ich las weiter. In den frühen Morgenstunden war es zu einem Schusswechsel gekommen – „Dem Geräusch nach muss man von einer Panzerhaubitze ausgehen, mindestens aber von einem kompletten Grenadierbataillon!“ – und die Bundespolizei, die auch sonst alle Straftaten landfremder Schwerverbrecher unter den Teppich zu kehren hilft, hatte in einer hastigen Aktion alle Spuren des stundenlangen Kugelhagels unkenntlich gemacht. „Wenn man Anwohnern glaubt“, grinste er, „dann haben die sogar auf sämtlichen neuen Verkehrsschildern die Rostspuren aufgebracht, die schon vor dem Attentat da waren.“ „Es klingt zu realistisch“, grübelte ich. „Müssen wir jetzt wegen solcher Botschaften schon dem ganzen Medium glauben?“ Siebels schüttelte den Kopf. „Schauen Sie noch mal hin. Noch mal. Noch.“ Mit fiel nichts auf, erst als Siebels den Finger darauf legte, stellte ich fest, der nächtliche Angriff würde erst in der kommenden Woche stattfinden. „Die Botschaft“, erläuterte Siebels, „ist größtenteils der Leser.“

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Gefühle der Verbundenheit

19 09 2017

„Wir leugnen ja gar nicht, dass es diese Netzwerke gibt. Das sind Rechtsradikale, in der Presse sagen sie auch oft, das seien Neonazis, wenn Sie mich fragen, mit dem Begriff können wir leben. Ist ja im Kern nicht wirklich etwas anderes. Und mal ganz ehrlich, wenn sich Reservisten in ihrer Freizeit noch ein bisschen politisch engagieren, ist das nicht auch ein Zeichen von Volksnähe?

Jedenfalls können Sie nicht behaupten, die seien irgendwie abgehoben wie damals die RAF. Die hatten überhaupt keine Verbindung mehr zum Volk, deshalb konnten sie deren Sorgen und Nöte auch gar nicht mehr nachvollziehen. Beim NSU war das freilich ganz anders, aber das ist ja nun leider nicht mehr, da müssen wir wieder auf uns selbst aufpassen. Und da setzt unsere Sicherheitspolitik jetzt an, dass wir gegen diesen unseligen Spartrend der vergangenen Jahre anarbeiten, gegen diese Stellenstreichungen, gegen Videoüberwachung und Bindung der Kräfte in sinnlosen Beobachtungen. Sicherheit gibt es nur, wenn die rechten Leute sich dafür einsetzen.

Wenn wir Arbeitsplätze schaffen wollen, dann müssen wir einfach für die passenden Rahmenbedingungen sorgen. Als Polizist fühlt man sich heutzutage ja so leicht diskriminiert – überall Linke und Demokraten, da braucht man schon ein bisschen Sicherheit, dass wenigstens im Jobumfeld ein einigermaßen rechtes Biotop vorhanden ist. Die nationalistische Gesinnung, vernünftiger Umgang mit Staatsanwälten und Richtern verfolgten Tätern aus völkischer Notwehr, das macht viel aus. Da ist man froh, wenn sich ein paar von den Kameraden als Stabilitätsanker zur Verfügung stellen.

Wir haben da bei der Wehrmacht – heute heißt der Laden ja Bundeswehr, aber die Erfahrungen sind dieselben. Jedenfalls klappt die Integration wesentlich besser, wenn man ein paar Personen an den Schlüsselstellen positioniert. Da weiß man dann beim Erstkontakt am Standort sofort, hier ist man richtig. Du siehst eine Reichskriegsflagge, das gute alte Hakenkreuz, da kommen spontan Gefühle der Verbundenheit auf, mit denen man sich in der Truppe wohlfühlt. Es sind manchmal die kleinen Dinge, verstehen Sie – da hat einer aus Versehen den Stahlhelm zu Hause liegen lassen, und dann hilft man sich eben.

Wenn sich jetzt Rechtsanwälte in diese national engagierten Kreise einklinken, dann ist das für uns durchaus positiv zu sehen. Sie kriegen doch kaum noch einen vernünftigen Strafverteidiger, wenn Sie als Polizeibeamter mal aus Heimatliebe so einen Asylantenschuppen anzünden mussten. Manchmal passiert das schon aus Fahrlässigkeit, aber auf jeden Fall sollte man den Tätern immer eine Chance geben. Oder noch eine. Denn wenn die Gesellschaft es nicht mehr hinkriegt, diese Menschen vor dem Zugriff volksverräterischer Kräfte zu schützen, wer macht das denn dann? Hier müssen wir ansetzen, dafür sollte sich die Politik viel mehr interessieren. Aber das macht die AfD ja demnächst.

Aber um noch mal auf die Personalausstattung der Sicherheitskräfte zurückzukommen, wir haben so viele Personen schon in den Asylantenläden, die ein menschenunwürdiges Arbeitsumfeld erdulden müssen. Da sind ja manche schon, die sagen zu ihren Vorgesetzten, ob man sie nicht wegen guter Führung auch nach Afghanistan abschieben könne, da sei es besser als in diesem Restdeutschland. Lauter kriminelle Ausländer, man hat als deutscher Mann schon Angst, dass die einen vergewaltigen, weil sie ihre Frauen da am Hindukusch gelassen haben zum Kopftuchmädchen machen. Die sind größtenteils einschlägig ausgebildet, manche noch ohne Einblick in den Justizvollzug, aber die meisten sind doch sehr anständige Landsleute, die eine Chance mehr verdient haben als die anderen. Da haben wir den Praxisbezug, die meisten haben Familie und könnten nicht mal eben mit der Truppe in den Busch fahren, und da bietet sich die Polizei wirklich an. Wir müssen da einfach nur wollen.

Vor allem frage ich Sie, wenn diese Leute sich jetzt schon eine Qualifikation nach der anderen draufschaffen, Schießen und Überlebenstraining, das braucht man ja, sobald hier der Bürgerkrieg endlich ausbricht, da haben wir quasi zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Über die Kosten muss man reden können, aber sehen Sie es mal so: wenn wieder ein internationaler Gipfel in einer deutschen Metropole stattfinden sollte, dann sind wir gegen das linke Pack bestens gerüstet. Wenn Sie die Leute alle in Bürgerwehren schieben, können Sie die nur auf kommunaler Ebene nutzen.

Etwas Schwund gibt’s halt immer, der eine steigt aus, der andere tarnt sich als Flüchtling und besorgt sich Sprengsätze, aber sehen wir die Sache doch mal pragmatisch: die Waffen, die hier aus den Kasernen verschwinden, die werden definitiv nicht in Drittweltländer verschoben, Deutschland gilt noch nicht als Krisengebiet, und für jeden Musel, dem wir hier die Birne wegpusten, kommen zehn andere gar nicht erst. Das ist volkswirtschaftlich gut angelegtes Geld, mal ganz davon abgesehen, dass keine Waffe ohne Munition schießt – ein astreiner Vertriebskanal, wenn Sie mich fragen. Wie gesagt, wir sichern nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch unser Heimatland. Meinen Sie, das täte jemand anderes für uns?“





Wahlgeheimnis

18 09 2017

„… keiner mit dem Sieg der Partei habe rechnen können. Dass dies neben dem Einzug in den Deutschen Bundestag auch die absolute Mehrheit der Sitze auf sich habe vereinigen können, bedeute eine tiefe Zäsur in der Geschichte der…“

„… den Wahlsieg anzweifle. Gauland biete dennoch die Beteiligung an einer nationalen Regierungsfront an, die unter seiner Führung das…“

„… beide SPD-Abgeordneten bestätigt hätten. Die Parteibasis werde vor Koalitionsgesprächen erst alle anderen…“

„… und den Auftrag zur Regierungsbildung natürlich annehmen werde. Die Partei für Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich habe dank einer komfortablen Stimmenmehrheit von 57,5 Prozentpunkten keine Bedenken, sich gegen die anderen Fraktionen…“

„… bereits jetzt schweren Verfassungsbruch vorwerfe. Eine Partei, die ihr Programm tatsächlich umzusetzen versuche, stelle sich entschieden gegen den Rechtsstaat und müsse mit allen polizeilich-nachrichtendienstlichen Mitteln bekämpft werden. De Maizière werde das Bundeskriminalamt im…“

„… erwartungsgemäß gewählt habe. Damit sei der Parteivorsitzende Hans-Herbert Grießmann der neunte Bundeskanzler der…“

„… eine Koalition gegen die Regierung bilden werde. Der CSU-Vorsitzende Seehofer habe bereits das Bundesverfassungsgericht angerufen, um die Rechtmäßigkeit des Bündnisses zu prüfen, da es aus mehr Parteien als die…“

„… die Umsetzung der Steuererhöhungen für Besserverdienende sowie die Abschaffung der Kappungsgrenzen im Hundert-Tage-Programm verankert seien. Dazu sei für Grießmann die Erhöhung des Mindestlohns eine der…“

„… sich zunächst Schwierigkeiten bei der Besetzung der Ämter ergeben hätten, da die PGSA bisher insgesamt lediglich 148 Mitglieder zähle. Bundesaußenministerin Jutta Krawöhler habe bezweifelt, dass sie außer ihrer Vizekanzlerschaft noch die Ressorts Wirtschaft, Digitalisierung, Landwirtschaft und…“

„… es nicht genug Arbeit gebe. Die ehemaligen Regierungsparteien hätten Grießmann vorgeworfen, mit dem Versprechen der sozialen Gerechtigkeit unerfüllbare…“

„… das Lohngefüge nachhaltig durcheinander gebracht werde. Man könne nicht einen Pfleger so bezahlen, dass dieser ohne aufstockende Leistungen eine Zwei-Zimmer-Wohnung bezahlen könne, so Nahles. Sie werde als außerparlamentarische Opposition gemeinsam mit der Wirtschaft für eine Normalisierung der…“

„… begonnen habe, Posten von Ressortleitern, Staatssekretären oder Chefs der Bundesbehörden an Personen ohne Parteizugehörigkeit zu vergeben. Die Sozialdemokraten hätten dies als besonders schlecht maskierte Form der Vetternwirtschaft kritisiert und umgehend juristische…“

„… die grundsätzliche Finanzierbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens bestätige. Dazu zitiere Kanzleramtsminister Jens Schneppe seinen mittelbaren Amtsvorgänger, der im Auftrag der damaligen CDU-geführten…“

„… pro Tag bis zu hundert Aufnahmeanträge gestellt würden. Bundesgeschäftsführer Erwin Barß habe die sorgfältige Prüfung sämtlicher Gesuche angekündigt, da die meisten aus kleineren Parteien kämen, deren Mitglieder sich zur Sicherung des Lebensunterhaltes in Ländern und Kommunen…“

„… vehement widersprochen habe. Pofalla habe als Minister einer Marionettenregierung, die von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges und der Wall Street eingesetzt worden sei, die Aufgabe gehabt, die Interessen der Bank of England und …“

„… ehemalige Mitglieder rechter Parteien wie AfD, NPD oder Die Rechte generell nicht aufnehmen werde. Ein Großteil der Anträge sei damit bereits vom…“

„… ein Tempolimit auf Bundesautobahnen nicht durchsetzbar sei, da sich die deutschen Fahrer nicht daran halten würden. Die Autoindustrie habe vor einer Überwachung des Straßenverkehrs gewarnt, da dieser viele Millionen Arbeitsplätze in der…“

„… das Amt des Bundeskanzlers nur für eine Wahlperiode ausüben wolle. Scharfe Kritik übe die Union, die dies als nicht vereinbar mit dem…“

„… fürchte die AfD, von der Regierung aus dem Bundestag geworfen zu werden. Gauland habe die PGSA daher als Linksfaschisten bezeichnet und gefordert, die ganze Partei sofort aus dem…“

„… eine Parlamentsmehrheit notwendig sei, um die Bundeswehr in Auslandseinsätze zu entsenden. Grießmann sehe daher auch kein Problem, sie mit einer Parlamentsmehrheit wieder zurück nach…“

„… schwere Sicherheitsbedenken geäußert habe. So sei der nach der Amtseinführung erwartete Terroranschlag auf den Reichstag bisher ausgeblieben, was nur auf einen noch viel größeren Anschlag auf ein Ziel im…“

„… habe Krawöhler den US-amerikanischen Präsidenten ausgeladen und ihn zur unerwünschten Person erklärt. Desgleichen habe sie nicht vor, Kim Jong-un, Erdoğan oder…“

„… vor einem Misstrauensvotum gewarnt habe. Sollte die PGSA nach Neuwahlen ihren Anteil noch ausbauen, drohe Deutschland ein Einparteienstaat, der unweigerlich in eine sozialistische…“





Mia san Bier

17 09 2017

Rechtzeitig zum Oktoberfest hat eine Forscherin an der Universität Erlangen-Nürnberg herausgefunden, dass das im Bier enthaltene Hordenin das Belohnungszentrum aktiviert. Für Bayern, die sich ohnehin für eine höhere Lebensform halten, mag der Stoff im Gerstenmalz verhältnismäßig normal sein. Man muss nur noch herausfinden, wofür die Leute sich eigentlich belohnen müssen. Vermutlich dafür, dass sie es geschafft haben, stundenlang kein Bier zu trinken. Alle weiteren Anzeichen, dass im Freistaat Hopfen und Malz verloren sind, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • minister rechtsradikal: Sollte erst in der nächsten Woche möglich sein, aber der Innenminister hat schon mal angefangen.
  • hormonrausch: Fragen Sie mich nicht, dazu bin ich zu alt.
  • dobrindt guttenberg: Diese Partei unterkellert die unterkellerten Keller.
  • drogeneinsatz: Hasch mich, aber mach mich nicht nass.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLX)

16 09 2017

Da Irena öfter in Blanz
die Dorfjugend einlud zum Tanz,
gibt es nebst Befeuchtung
im Gasthaus Beleuchtung.
Ihr fehlt der gesellschaftliche Glanz.

Guillermo nervt in Mariel
bei Nacht meist das Hundegebell.
Mit Scheinwerfern stört man,
doch was schließlich hört man?
Jetzt ist es dort wenigstens hell.

Wenn Štefan mit Pappe in Altbrunst
verzaubert die Menschen durch Faltkunst,
sind seine Figuren
dank Klebertorturen
zwecks Sprühnebel meistens im Kaltdunst.

Violah stürzt sich in Moyale
in einer gusseisernen Schale
die an sich zum Braten
und Kochen geraten
nach neudeutscher Sitte zu Tale.

Zuzana in Alt Vogelseifen
träumt oft, sie soll nach Stäben greifen,
die sich vor dem Käfig,
der sie findet schläfrig,
entpuppen als senkrechte Streifen.

Ntsiki, die wartet in Kloof
am Freitag auf ordentlich Schwof,
doch sind bei der Sause
die Herren zu Hause.
Das fand sie – verständlich – dann doof.

Es kauft sich Pavlína in Zwitte
ein Schäfchen. Sie zeigt auf die Mitte,
doch schielt sie auch mächtig.
Der Bauer fand’s prächtig
und gibt ihr von links dann das dritte.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXXVI): Die Hochzeit als Hochleistungsevent

15 09 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Im Grunde war die ganze Sache früher recht einfach. Hans und Grete Mustermann schmissen ihre Klamotten zusammen, kauften sich zusätzlich ein halbes Dutzend Pressspanregale mit aramäisch-hieroglypher Aufbauanleitung, Sechskantschlüssel und Verbandskasten, zogen in eine Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Butze am Stadtrand oder im angesagten Szeneviertel, machten das mit der Reproduktion, warteten auf das Nachlassen des Bindegewebes und sahen den Nachkommen zu, wie sie den ganzen Schmodder nachturnten. Nur die Liebe zählte. Bis sich die Brut bildungsbürgerliches Gezicke lieferte mit- und unter- und gegeneinander, indem sie sich erinnerten, dass vergangene Jahrhunderte und zu Recht ausgestorbene Kreaturen sich die Mütter aller Materialschlachten lieferten, wenn ihre Blagen in den heiligen Bund der Ehe traten. So auch heute, wo die Hochzeit zum Hochleistungsevent wird.

Was hier und dort noch als verschämter Tausch von Blick und Ringen nebst Weingeruch in einer winzigen Dorfkirche durchgeht, im kleinsten Kreis und damit quasi sozial stigmatisiert, wäre in einer durchschnittlichen Beziehung zweier in Arbeit und Kegelverein integrierten Steuerleister nebst obligat auftretender Kollateralbekinderung kaum noch zu bewerkstelligen. Natürlich kann man die Kollegen – alle, auch Miss Mundgeruch aus dem Vertrieb und die dicke Tante aus Bad Gnirbtzschen – nach der standesamtlichen Trauung zu körperwarmem Prosecco und abgezähltem Käsegebäck einladen, aber sich als Kannibale zu outen wäre im Vergleich dazu einfacher. Man macht das in einer total süßen Holzkirche in der Eifel, in der Mongolei oder auf Sardinien, die Braut in einen Schlauch aus original florentinischer Krötenseide eingenäht, verziert mit drölfzig Schrilliarden Pailletten, mundgeklöppelt aus zentraltaiwanesischen Goldfischschuppen. Der Bräutigam, so er denn nötig ist, trägt Maßfrack, aber nicht ironisch, und bietet zehn Sorten Bourbon an, um die Nervosität der wichtigsten Gäste nicht schon vor dem Vollzug überkochen zu lassen.

Abgefeimter Pausenclowns, denen der Job als Investmentbanker noch zu viel mit Moral zu tun hatte, schleichen durchs Land, veranstalten Messen für Beutelschnitt und Hirnfasching, und bringen die ohnehin von Hormonrausch und Gruppenzwang in die Ecke gedrängten Hochzeiter endgültig zum Wahnsinn. Mindestens unter Wasser, wenn nicht als Mottohochzeit „Robin Hood meets Star Wars“ mit einer Motorrollerfahrt durch die Lüneburger Heide im Tiefschnee muss der allerschönste Tag abgehen. Hundert Brieftauben mit kostenloser Vogelgrippe, Feuerwerk, ein Zentner Altmetall qua Schlössern an jeder in den Landkreis geklotzten Brücke, während die Gäste vor dem Elf-Gänge-Menü aus Tütensushi und einem Horizontalmeter Tiefkühltorte noch eine Nackenmassage durchmachen. Aus derlei Gesülz schwiemelt sich das Paar den begehbaren Albtraum in die Biografie, den Tag, der absolut unvergesslich sein wird. Mit einem Verkehrsunfall hätte das auch geklappt, und da gucken wenigstens mehr Leute zu.

Denn mit nichts mehr, nicht mehr mit dem mobilen Champagnerstand, Schunkeldisko to go oder einer Schlägerei vor dem Traualtar, aber als Musical, kann man noch Eindruck schinden. Die Schraube der inflationären Entwicklung ist längst durchgedreht, nach fest kommt lose, nach müde doof, und mit keiner Veilcheneiswürfelbrause kann man den Durchschnittsgast noch davon überzeugen, dass er die zwölf Stunden nicht besser mit der Fernbedienung solo im Bett verbracht hätte. Trotz Jahrgangswurfreis und veganen Luftballons. Es war alles schon einmal da, und das nicht ohne Grund. Aber was erwartet man von einer Gesellschaft, in der Erwachsene sich mit ihrem Mandalamalbuch vor der Globalisierung abschotten und eine Eheschließung in Achterbahn mit anschließendem Minigolfturnier für angetrunkene Monosynapsen für geistig gesegnet halten. Im Indien des 16. Jahrhunderts wäre keiner auf derlei Quark verfallen.

Demnächst werden sie ihr preziöses Gepopel mit Kutschenrennen im Zirkuszelt, Gleitschirmflug vom Ulmer Münster, Donutwettfressen vor einem brennenden Kinderheim, von Christo verpackten Gästeklos oder Nacktbaden im Klärwerk fortsetzen, immer auf der Suche nach der beknacktesten Idee des Jahrhundert, die ein störungsfrei arbeitendes Gehirn angewidert verdrängt. Romantizismus pur trieft aus der Hochglanztristesse, die doch nur inszeniert wird, um als Fotostrecke, besser noch als zusammengehauenes Video Neider und Nachwelt von der Leistungsschau der Geltungsneurotiker zu überzeugen, dass die Sippen vor lauter Geld nicht mehr laufen konnten und ihnen kein ordentliches Abschreibungsmodell eingefallen war. Noch die individuell gefertigten Schokoladenkekse an der Kaffeetafel mussten mit Blattgold auf Blinkmodus schalten, damit sich der letzte Proll wie zu Hause fühlte. So feiert sich nur die echte, wahre Liebe. Warum auch immer man für zweidrei Jahre Tisch und Bett dieses Gehampel veranstalten muss. Für eine anständige Scheidung ist dann nämlich kein Geld mehr da. Sagt einem ja auch keiner.





Post, faktisch

14 09 2017

„… nicht mehr geleistet werden könne. Die tägliche Briefzustellung der Deutschen Post müsse unter den jetzigen Bedingungen stark an die…“

„… dass E-Mails trotz der Bemühungen des Konzerns immer noch kostenfrei seien. So sei eine wirtschaftliche Ausrichtung des Konzerns nur noch mit maximal drei Auslieferungen pro…“

„… zunächst die Auslieferung der Briefpost an Samstagen streichen zu wollen. Dies habe den großen Vorteil für die Bevölkerung dass der Konzern bei gleichbleibenden Gebühren eine Personalkostenreduzierung um…“

„… erst eine psychologische Studie in Auftrag geben wolle. Der an einzelnen Wochentagen per Fernsteuerung verschließbare Briefkasten sei ein wichtiger Beitrag zur Senkung des allgemeinen…“

„… ausländische Anbieter die Dienstleistung kostenfrei auf den deutschen Markt werfen würden. Noch schlimmer sei es, dass auch deutsche Firmen die E-Mail ohne eine staatliche oder wenigstens vom Staat kontrollierte Zwangsabgabe…“

„… alle Briefkästen zunächst nach 18:00 Uhr schließen wolle. Analog zu den Schalterstunden der Postämter müsse man auch darüber nachdenken, dass ein Versand von SMS oder…“

„… Behördeninformationen bisher für andere Behörden nicht einsehbar gewesen seien, weil das in Art. 10 GG verankerte Briefgeheimnis sie gegen unbefugte Zugriffe geschützt hätten. Dies könne durch eine vor allem auf die De-Mail bezogene Übermittlung sofort und…“

„… eine Angleichung an den Markt verlange. So sei neben der Einrichtung eines personell nicht ausreichend besetzten E-Mail-Ministeriums auch die Schaffung einer EU-weiten Behörde zur Behinderung technischer…“

„… eine tägliche Zustellung nur auf tägliche Tage beschränken wolle. Da Mittwoch und Sonnabend schon im Namen keinen Tag mehr…“

„… internationale E-Mails nur noch einmal pro Quartal ausgeliefert werden dürften, um den Wettbewerb der Dienstleister nicht zu verzerren. Es sei auch im Gespräch, fremdsprachige Nachrichten zur Terrorüberwachung durch eine ministerielle…“

„… alle anderen Übermittlungswege durch eine progressive Besteuerung zur Verringerung der Bewerbersituation reguliert werden müssten. Die für Fahrradkuriere bundesweit vorgeschlagene Kilometerpauschale von fünfzehn Euro sei zwar noch nicht mit den Tarifpartnern…“

„… den vorherigen Erwerb einer E-Mail-Marke zum rechtsgültigen Versand fordere. Lindner habe als Bundesvorstand des Interessenverbandes Digital First keine Bedenken, dass eine Aufnahmegebühr von zwei Millionen Euro auch für Einzelunternehmer, kleine und mittlere…“

„… das Arbeitsumfeld der Postboten angenehmer machen könne. Ein Dienstfahrzeug der Oberklasse würde bei ansonsten gleichen Bezügen nur die Ökobilanz der Deutschen Post AG negativ beeinflussen, was aber angesichts der…“

„… Orte von unter zehn Millionen Haushalten gar nicht mehr beliefern würde. Der Aufsichtsrat wolle seine wirtschaftlichen…“

„… Arbeitslose gar kein Interesse hätten, sich per E-Mail auf offene Stellen zu bewerben, sonst seien sie ja längst beschäftigt und könnten aus eigenen Mitteln eine…“

„… könne sich die Deutsche Post, faktisch der größte Anbieter auf dem nationalen Markt, nicht auf einen Tarifvertrag mit den anderen Dienstleistern einigen, da diese so als gleichrangige Unternehmen auf dem gesamten…“

„… leicht modifiziert habe. Zwar seien in den Ballungsräumen Berlin, Hamburg und München die Einwohner eher in kleinen Quoten auf die Anschrift verteilt, man könne jedoch schon wegen der…“

„… alternativ durch absenderseitig Angaben auf der Sendung davon überzeugen könne, wie dringlich die Postsendung im…“

„… Subunternehmer gewinnen wolle, die aber ohne technische Hilfsmittel wie Rollschuhe oder Dreiräder für die Zustellung im…“

„… nicht mehr alle kreisfreien Städte durch den staatlichen Konzern…“

„… zunächst ausgeschlossen sei, durch eine zunächst stichprobenartige Kontrolle des Inhalts die Wichtigkeit der Briefsendung für den jeweiligen…“

„… abgelehnt habe. Zwar bedeute das Verteilen der Postsäcke in den Metropolregionen für die Deutsche Bahn AG eine dauerhafte…“

„… anzubieten seien. Zwar habe nach dem Gesetzentwurf nur ein recht geringer Teil der zahlungsfähigen Klientel einen Rechtsanspruch auf das gesetzlich garantierte Postfach im…“

„… nur noch schwerpunktmäßig arbeiten werde. Zwar sei eine Lieferfrist von vier Wochen durchaus angemessen, der Kunde könne jedoch nicht erwarten, dass die Auslieferung auch vertragsgemäß oder annähernd…“

„… könne man den Absender auch durch Frankierung in unterschiedlicher Höhe davon überzeugen, dass ein Postsystem mit abgestuften Geschwindigkeiten eine sehr flexible…“

„… durch eine Haushaltsgebühr erhoben werde. Diese sei ohne Ausnahme von den…“

„… die Sendungen nur an Sammelanschriften abgeben, die jeweils durch einen Postblockwart…“

„… wieder gesichert sei. Der Kutschenverkehr zwischen Potsdam und Berlin könne inzwischen mehrmals pro…“