Staatsbürgerkunde

26 07 2017

„Wenigstens ein kleines bisschen könnte man doch aber die…“ „Nein!“ „Sie müssen doch die Kosten im Auge behalten.“ „Interessiert mich nicht.“ „Aber die Kosten haben immer Vorrang bei Ihnen? wann hat sich das denn bitte geändert?“ „Jedenfalls nicht mit Werbung. Ich werde das nicht zulassen.“

„Denken Sie doch auch mal an die Kinder!“ „Das war mein letztes Wort. Keine Werbung in den Schulen.“ „Sie sind wohl gegen Werbung, wie?“ „Sind Sie gegen Bier?“ „Nein, warum?“ „Ich auch nicht. Trotzdem hat es an deutschen Schulen nichts zu suchen.“ „Typisch, wieder so ein Spießer, der die innovativsten Ideen ausschlägt, nur weil er mit der Ethikkommission so ist.“ „Quatsch.“ „Uuh, wie qualifiziert!“ „Werbung ist schlicht mit den Aufgaben einer staatlichen Schule nicht zu vereinbaren.“ „Sie wollen den Religionsunterricht abschaffen? bitte, nur zu. Ist nicht meine Karriere.“ „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“ „Es handelt sich in beiden Fällen um…“ „Manipulation, wollten Sie sagen?“ „Das haben Sie gesagt! das lasse ich mir von Ihnen nicht unterschieben!“ „Mit dem Unterschied, dass das eine den Kindern ein Weltbild vermitteln will, welches auch immer, und das andere lediglich Konsumanreize wecken soll.“ „Das macht doch der Religionsunterricht auch, oder zahlen Sie keine Kirchensteuer?“

„Jedenfalls nehmen Sie Ihre Gutscheine mal wieder mit, und dann machen wir weiter in Ruhe Unterricht.“ „Dafür erhalten Sie im Kaufi-Markt ein kostenloses Geodreieck, und für den hier sogar einen Wasserball. Das ist wichtig, in Deutschland können immer weniger Kinder schwimmen.“ „Ich mache bei Ihnen also einen Mindestumsatz von fünf Euro, und dann kriege ich so ein lumpiges Stück Plastik nachgeworfen.“ „Damit können Sie Winkel messen, Sie können rechte Winkel und…“ „Egal.“ „… linke auch, ich kenne mich da nicht so aus, aber auf jeden Fall ist das kostenlos und…“ „Wie gesagt, wir wollen es nicht.“ „Aber die Kinder holen sich ihre Schokoriegel sowieso beim Kaufi, da kann man doch mit der Kundenbindung gar nicht früh genug ansetzen.“ „Verstehe, Sie sehen Ihre Maßnahme als Gegenbewegung zur Servicewüste Deutschland.“ „Richtig, Sie haben es erfasst! Man muss das Konzept Staatsbürgerkunde nur etwas wirtschaftsfreundlicher gestalten, dann hat auch die Binnenkonjunktur etwas vom…“ „Vergessen Sie’s.“

„Das mit den Plakaten brauche ich Ihnen dann wohl gar nicht weiter zu erläutern?“ „Ich habe es mir durchgelesen.“ „Oh, doch?“ „Schwachsinn.“ „Was spricht denn dagegen? Gucken Sie mal: Mehr Spaß am Sport mit…“ „Es gibt noch sehr viel mehr Marken, wir brauchen dieses Sponsoring nicht an der Turnhallentür.“ „Und was ist mit der Sporthilfe?“ „Das ist gezielte Förderung der Spitzenkader.“ „Sie wollen die Kinder, die das Beste sind, was wir der Zukunft zu bieten haben, ohne die Segnungen einer…“ „Kommen Sie zum Punkt, Mann.“ „Gerade die einkommensschwachen Schichten müssen doch gefördert werden, das hat sich die Sozialministerin auf die Fahne geschrieben. Nicht erst diese übrigens.“ „Dass Nahles mehrere Fahnen hat, weiß ich selbst.“ „Nein, ich meine…“ „Wenn wir sinnvolle Produktunterstützung für die Kinder bereithalten, haben wir die Gewährleistung, dass wir Chancengerechtigkeit herstellen.“ „Aha. Sinnvolle Produktunterstützung für den Unterricht hätte es nicht getan?“ „Wie soll die aussehen?“ „Sie könnten in die Schulen beispielsweise Turngeräte hinstellen, die Lehrkräfte in Supervision schulen oder in Talentförderung.“ „Umverteilung, das ist alles, was Ihnen dazu einfällt?“ „Umverteilung?“ „Wenn sich die Kinder aus einkommensschwachen Schichten diese Turnschuhe leisten wollen, müssen sie sich halt ein bisschen dafür anstrengen.“ „Ich sehe, Sie nehmen das mit der Staatsbürgerkunde ernst.“ „Wir wollen eben das Beste aus den Kindern herausholen.“ „Richtig. Ihre Kohle.“

„Dann jedenfalls schon mal herzlichen Dank für das Gespräch, ich werde mir den…“ „Nicht so schnell, können Sie nicht Ihre Werbespots noch mal zeigen?“ „Ich dachte, Sie wären gegen Werbung in der Schule?“ „Bin ich auch. Das heißt aber nicht, dass man nicht Werbung für die Schule machen sollte.“ „Wie soll das funktionieren?“ „Sie können Ihre Reklame ein bisschen umschneiden, und dann werden die Filmchen halt für Fremdsprachen oder Erdkunde. Oder überhaupt mal dafür, sich in die Schule zu begeben.“ „Und mit welchem Nutzen? Denken Sie doch mal nach, die Kinder müssen doch einen konkreten Nutzen sehen, sonst spricht sie die Werbung gar nicht an.“ „Schulausbildung. Lernen. Weshalb man eben in die Schule geht und nicht auf der Straße hockt.“ „Und wie bekommen wir dafür Sponsoren?“ „Sie arbeiten nur sporadisch mit der Wirtschaft zusammen, stimmt’s?“ „Sollen wir die Schüler etwas nur als bewusste Verbraucher bilden?“ „Wäre ein Anfang.“ „Aber wie verkaufen wir dann Kekse und Klamotten?“ „Indem Sie die Kinder frühzeitig zu vernünftigen Staatsbürgern erziehen, die genug für die Binnenkonjunktur tun.“ „Super Idee! Und das kriegen wir vernünftig hin?“ „Selbstverständlich, unter einer Bedingung.“ „Ja?“ „Halten Sie die Banken raus.“





Vollmeise

25 07 2017

„… unterbunden werden müsse, dass durch den massenhaften unkontrollierten Grenzübertritt die Gefahr für Deutschland überhandnehme. Die Alternative für Deutschland werde sich künftig für den Gebrauch der Schusswaffe einsetzen, um die aus dem Ausland kommenden Zugvögel…“

„… sich die Parteiführung gegen eine generelle Massenausweisung einzelner Arten ausgesprochen habe. Die Wähler seien nicht in der Lage, zwischen Kohlmeise und Rauchschwalbe zu unterscheiden, weshalb sich Weidel für eine komplette Vernichtung sämtlicher in den Grenzen von 1937 lebender…“

„… die Auswanderung aus Deutschland sofort unterbunden werden müsse. Scheuer habe sich für eine Obergrenze ausgesprochen, die beim nächsten CSU-Parteitag einstimmig…“

„… die Mönchsgrasmücke wegen ihrer in Europa zunehmenden Population als Risiko für die gerade in Ostdeutschland beheimateten Arten zu…“

„… die Mittelstreckenzieher vorwiegend aus Gebieten kämen, in denen seit Millionen von Jahren der militante Islamfaschismus praktiziert werde, der allein zur Zerstörung der Ehre des deutschen…“

„… nicht zu machen sei, da man eine halbe Milliarde Vögel in Deutschland mit technischen Mitteln nicht kontrollieren könne, abgesehen von den innerhalb der EU ansässigen. Dobrindt habe deshalb fest zugesichert, mit einem Gesetz alle…“

„… der Zilpzalp als Migrant den deutschen Geburtskanal nutze, um das christliche Abendland mit seiner arabischen Genetik zu…“

„… werde es laut Sarrazin wenige tausend Jahre dauern, bis auch die Feldlerche sich zu einer zivilen Art entwickelt haben werde, die nicht mehr zur Verteidigung gegen die Türken vor…“

„… dem Vorbild des islamistischen Autokraten Erdoğan folgen müsse, die Evolution aus den Lehrplänen der weiterführenden Schulen zu streichen, da sie durch unnötig differenziertes…“

„… sinke der IQ der gemeinen Nachtigall, die nicht mit dem Nachbau in der chinesischen Volkswirtschaft Schritt halten könne, pro Saison um mindestens…“

„… sammle die AfD von Privatpersonen Gelder, um sich mit großen Fangnetzen, die quer über das Mittelmeer millionenfach illegale Einwanderung von rassefremden Arten in die arischen Ökosysteme zu…“

„… zur Geschlossenheit mahne. Der rechtsrechte Flügel der Volksvölkischen Plattform innerhalb der Blut-und-Ehre-Fraktion wolle auf keinen Fall die Anti-Storch-Kampagne des…“

„… es wissenschaftlich erwiesen sei, dass der aus afrikanischen Winterquartieren einkehrenden Kuckuck seinen Parasitismus, so ähnlich dieser dem Sozialverhalten der Rechtspopulisten auch sei, immer noch als volksfremde…“

„… die regelmäßige Einwanderung der Küstenseeschwalben in antarktische Regionen kein Problem darstelle. Diese sei im Gegensatz zu anderen Regenpfeiferartigen nur in den leider kaum unter deutscher Herrschaft stehenden Gebieten…“

„… als Humbug betrachtet werden müsse. Eine wissenschaftliche Erklärung, so Meuthen, sei mit der als richtig anerkannten Meinung des gesunden Volksempfindens auf keinen Fall zu…“

„… die Rotflügel-Brachschwalben im Freistaat Sachsen vorsichtshalber zu fangen. Nach dem Vorbild der bayerischen Gesetzgebung müsse man auch Arten als Gefährder einstufen, wenn diese noch keine Hinweise auf eine ökologisch nicht einwandfreie…“

„… die Vögel als autonome Gruppe zu einer vom Staat verfolgbaren volksfeindlichen…“

„… das Boot Finis Germaniæ auf dem Rhein eingesetzt werde. Höcke sei zwischen Dormagen und Zonser Grund mit einem Megafon an Bord gekommen, um die biologische Zerstörung der tausendjährigen…“

„… Thermiksegler mit Hilfe der Luftsicherheit unschädlich machen wolle. Eine Überwachung sicherheitsrelevanter Bereiche, so Wendt, könne nur durch Kriminalisierung und frühzeitig großflächige Desinformation des…“

„… Kranichnistgebiete in Biosphärenreservaten nicht mehr zu den förderungswürdigen Attraktionen rechnen wolle, solange nicht geklärt worden sei, ob es sich hier um eine ungewollte fremdländische Kulturbereicherung im Sinne einer von Multikulti gesteuerten…“

„… keine Gewalt gegen Vögel gebe. Die von der Freien und Hansestadt nur zu Testzwecken versuchte Ausrottung der Vollmeise habe gar nicht stattgefunden, sei nicht dokumentiert worden, die Dokumentation sei nur für den internen Gebrauch bestimmt gewesen und die Pressekonferenz des Ersten Bürgermeisters über die Ergebnisse der Dokumentation sei eine nicht für die Öffentlichkeit oder andere linkschaotische…“

„… mit männlichster Härte und Entschiedenheit alle schicksalhafte Zernichtungen des ewigen Deutschtums bis zum gottgewolltesten Endsieg mitleidlos auslöschen wolle. Bedauerlicherweise habe man Höcke nach wenigen Minuten mit schweren gesundheitlichen…“





Ewig und drei Tage

24 07 2017

„Naa, so sind wir Bayern nicht. Wir sind etwas anders als der Rest von diesem Deutschland, weil wir ja nicht dazugehören, aber schauen Sie sich diese Diskussionen an – Haftgrund? Wozu brauchen Sie einen Haftgrund? Muss man immer einen Grund haben für eine Haft? Muss ich einen Grund haben, um zu feiern? Ist nicht eine Maß genug, und daraus ergibt sich dann automatisch der ganze Rest, also auch die Feier? Sehen Sie, so sind wir Bayern!

Wenn ich das schon höre: Unschuldsvermutung! Himmiherrgottsakrament, in einem Rechtsstaat hat es keine Vermutung zu geben, die Justiz beruht auf Beweisen! Und wenn einer seine Unschuld nicht beweisen kann, dann ist die Justiz einmal im Recht! Wollen Sie denn, dass wir einen jeden Einbrecher vor Gericht stellen, der sagt dort: vermutlich bin ich unschuldig, und dann muss der Richter ihm das glauben, weil er nicht beweisen kann, dass der Einbrecher glaubt, er hätte schuldhaft gehandelt? So geht doch Bayern vor die Hunde – und Deutschland gleich mit, wobei: das wäre zu verkraften.

Es ist doch auch nicht so, dass wir jetzt jeden Unschuldigen gleich einsperren, das ist doch wieder eine Schweinerei aus der linken Hetzpresse, von Springer oder wie diese Kommunisten alle heißen, aber die müssten es besser wissen. Die SPD hat sich enthalten, das heißt, es kann gar nicht links gemeint sein. Und bei der SPD ist das Gegenteil ja auch immer richtig, also sind wir im Recht. Es wird hier nicht jeder Unschuldige gleich eingesperrt, das ist eine Verleumdung. Wir sperren nur die ein, die auf Grund mutmaßlich als verdächtig einzustufenden Dinge, die bei näherem Hinsehen grundsätzlich auch als verdächtig einzustufen sein könnten – könnten, verstehen Sie, also selbst da hat der Gesetzgeber in seiner großen Gnade dem Subjekt noch eine Galgenfrist eingeräumt. Wenn bei Ihnen morgens um halb sechs die Polizei mit dem Schlagstock die Wohnung aufräumt, dann muss gar kein dringender Tatverdacht gegen Sie vorliegen. Es könnte auch ein Routineeinsatz sein.

Natürlich verstehen wir Ihre Bedenken. Das ist ja auch durchaus okay, wenn man mal ins politische Ausland guckt, wie da die Polizei gegen kriminelle Elemente vorgeht – aber wir sind da ganz anders. In Hamburg wurden schwere Fehler gemacht, da hat man mit der falschen Taktik agiert, viel zu spontan, zu unüberlegt, versehentlich wurden Rechte die Bürgerrechte beschnitten, weil man sie für linke Chaoten hielt, das geht so nicht. In Bayern ist das freilich vollkommen anders. Hier gibt es keine Überraschungen, wir planen das von langer Hand. Ja Kruzitürken, das müssen Sie doch selbst sehen, wir haben das hier im Griff! Jahrelang hat das ordentlich funktioniert, wir haben damit schon Erfahrungen gesammelt, bevor die Preußen mit ihrer Demokratie ankamen und mit Republik und Grundgesetz, und jetzt kommen die aus Berlin und machen uns das kaputt? Das hat jahrelang geklappt, vielleicht sagt Ihnen der Name Gustl Mollath etwas, und es besteht hier überhaupt kein Anlass, ein gut abgestimmtes Justizsystem mit derlei hektischem Beiwerk zu torpedieren.

Auf der anderen Seite ist es ja auch noch keine Untersuchungshaft. Sie sitzen hier höchstens ewig und drei Tage, wobei zwischendurch sogar neu entschieden wird, was ewig heißt. Da sind wir erheblich flexibler als die katholische Kirche. In Polen mag das vielleicht gerade anders aussehen, aber selbst da handelt es sich nur um Abwehr einer drohenden Gefahr. Zum Beispiel vor der katholischen Kirche.

Sie stellen sich das alles viel schlimmer vor, als es in Wirklichkeit ist. Da wird der Bürger XY in den Knast gebracht, wo er furchtbare Qualen zu erleiden hat, kein Alkohol, nur der Bayernkurier zum Lesen, am Ende gibt’s nicht einmal sonntags einen Schweinsraten, weil man mit zugewanderten Hottentotten einsitzt, und dann diese Geschichten von Gewalt gegen Gefangene. Mühsam, sage ich Ihnen. Dabei sind wir ein echter Rechtsstaat, durch und durch. Es gibt hier in Bayern zum Beispiel keine Zensur. Deshalb ist es in Bayern ja auch verboten zu behaupten, dass es eine Zensur gäbe. Und wenn Sie nach ein paar Jahren entlassen werden, dann erwartet Sie keine Verurteilung. Dann sind Sie ein unbescholtener Bürger, es sein denn, von Ihnen geht möglicherweise der Verdacht einer Gefahr aus. Bei Knastbrüdern sollte ein gesundes Misstrauen immer angebracht sein.

Das ist keine reaktionäre Maßnahme, das sehen Sie ganz und gar falsch. Das ist im Gegenteil eine Strategie zur Modernisierung des Freistaates, das hat schon mit Edmund Stoibers Bürokratieabbau zu tun. Wenn Sie jetzt nicht alle zwei Tage nach einem Richter suchen müssen, der Ihnen einen Haftbefehl unterschreibt, ohne ihn vorher gelesen zu haben, Herrschaftszeiten! da kommen wir aber ein Stückerl voran auf dem Weg in unsere Heil-Welt, heile Welt, wollte ich sagen. Wir leisten uns sogar den Luxus, diese Idee mit den elektronischen Fußfesseln in Bausch und Bogen abzulehnen. Naa, das können wir in Bayern sehr viel besser! Da werden wir mit diesen ganzen Islamisten garantiert fertig. Die Gefährder ins Sicherheitslager, die Frauen in den anderen Knast, und was meinen Sie eigentlich, wozu haben wir die Regensburger Domspatzen?“





Befleckung

23 07 2017

Er ist kein Nazi, aber. Der schleswig-holsteinische AfD-Landtagsabgeordnete Volker Schnurrbusch, dessen Hauptbeschäftigung darin besteht, sich von Identitären und Hitlerverherrlichern zu distanzieren, bekam gerade seine Immunität unter dem Hintern weggezogen. Eine polizeiliche Durchsuchung seiner Büroräume im Kieler Landeshaus fand dann auch die vermuteten SA-Devotionalien – der im Privatleben bisher nur wegen Körperverletzung zum Nachteil von rivalisierenden Parteikollegen aufgefallene Kriegsschuldleugner hatte sein neues Uniformzubehör sicher nur griffbereit gelagert, falls er nach der Machtergreifung den Dönitz geben sollte. Alternativ für Deutschland könnte man auch annehmen, dass sein rechtes Personal gerne mal mit den geeigneten Gegenständen seine Pausen im Sanitärbereich verbringt. Alle weiteren Anzeichen, dass die blauen Flecken langsame braun werden, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • kontrollwahn im ministerium: Was meinen Sie, wenn da einer zu denken anfinge.
  • außerirdische karnevalskonstüme: Wem sagen Sie das, ich muss mich auch jeden Tag in diese Menschenhaut reinzwängen.
  • hervortretendes auge hamster: Nehmen Sie dem Tier die Bilder von Trumps Frise weg, es regt ihn zu sehr auf.
  • schwert fisch: Die in Walform waren schon aus.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLII)

22 07 2017

Wenn Adam zum Tee in Neuhütten
Biskuit sieht, lässt er sich nicht bitten.
Er lässt seinen Schmacht raus
wie mancher im Schlachthaus.
Er isst halt am Rande der Sitten.

Gunilla treibt Kühe in Strands
mit Hilfe des Bands, das am Schwanz
die Bullen anrühret
und sorgfältig führet.
Das hilft ihr am Sonntag beim Tanz.

Oktawia begann in Krupinnen
am Abend erquickend zu spinnen.
Anfänglich mit Sorgen
macht sie’s nun am Morgen
und ist im Textilgeschäft drinnen.

Chum hütete Vieh in Banlung.
Erfahrungsgemäß war der Dung,
schon kräftig am Rauchen,
fürs Feld zu gebrauchen.
Er schmiss ihn mit sportlichem Schwung.

Dass Bohdan im Saustall in Rhog
breitbeinig stand über dem Trog,
das soll ihn nicht hindern,
Gefahr zu vermindern,
trotz derer er doch hineinflog.

Gastón fährt in Curridabat
per Drahtesel oft in die Stadt.
Die Straße hat Mängel,
so radelt der Bengel
nur kurz: beide Reifen sind platt.

Joanna pflegt in Mikolaiken
auf Facebook fast alles zu liken.
Doch followt sie spärlich,
und das ist gefährlich:
sie sieht ihre Freunde nun streiken.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCLXXX): Das Mittelalter als Folie und Wunschvorstellung

21 07 2017
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein Zeitalter wird besichtigt: Sightseeing in einer dunklen Epoche ohne Wasserspülung. Herr Hallmackenreuther kann gerade nicht kommen, er hat die Pest. Das aufreizende Fehlen bunt bemalter Knalltüten mit elektrischer Gitarre wird allerwärts als Kollateralschaden für das touristische Potenzial bemängelt. Kunibert der Ersetzbare bringt noch eben schnell seine Brüder um und erobert dann die Grafschaft Ziegenhain von seinem Schwager Botho von Sponberg, wobei letzterer unglücklich mit der Axt in der Birne von der Zugbrücke segelt. Gattin Irmintrudis sorgt für sein Spontanableben nach der Rückkehr, übernimmt die Burg, schenkt dem zukünftigen Ex-Bischof Alduin von Hinten sein neuntes bis dreizehntes Kind und wird dann zur Lokalheiligen. Das sollte normalerweise für eine Vorabendserie reichen, grausame Bilder, nackte Haut, Grillfleisch galore, Ströme von Schnaps und Blut, und irgendwo hinter der Säule saß sicher Karl der Große. Wie es halt im Mittelalter so war.

Die schlechte Nachricht zuerst: es gab keinen Schnaps, denn die Destillation wurde erst später auf eine vernünftige technologische Ebene gehoben. Das Volk stillte seinen Durst an Minderprozentigem und lutschte zermatschte Rüben aus dem Kessel, weil die Kartoffel erst ein halbes Jahrtausend später kommen sollte. Diese konservative Vorstellung von der guten alten Zeit, sie zeigt einen Abschnitt, der weder alt noch gut war.

Denn wie historische Romane – heute sind es die epischen TV-Narkotika – den Massen meist nur ein Bild der Entstehungszeit vermitteln, gespiegelt in den Ansichten des Autors, so ist ein Zeitalter der Haudegen nicht besonders repräsentativ für die Lebensentwürfe in einer Ständegesellschaft, die den meisten Menschen null soziale Mobilität, Freiheit oder Individualität bot, dafür aber genug bizarre Moralvorstellungen, Hilflosigkeit gegenüber der Fremdbestimmung, genug körperlichen Verfall sowie einen frühen Tod. Knechtschaft, religiöse Wahnvorstellungen und Dreck kommen in der metgeschwängerten Fieberfantasie nicht vor. Dafür aber waren alle in ihren Rückführungstherapien Päpste und keiner Bauer, Schmied, Knochenhauer. Der Pöbel vor den Flachbildschirmen weiß ja nichts von der Wirklichkeit, die hinter der Inszenierung lauert. Er war doch auch noch nie im Weltraum und guckt trotzdem die Filme mit dem Alienklops.

Am beliebtesten ist bis heute der Herbst des Mittelalters, jene Epoche, die mit dem Verfall der Kaiseridee und dem Niedergang der Gesellschaft die überschaubare Welt in ein unüberschaubares Chaos kippte. Beim modernen Ignoranten, der in einer geordneten Welt mit Zahnersatz und Rechtsschutzversicherung vor sich hin vegetiert, kommen nur die Heldentaten imaginärer Ritter an, die in Wirklichkeit schmarotzende Berufskriminelle mit locker sitzenden Hieb- und Stichwaffen waren, materiell eingestellte Söldner, mit denen sich jeder beliebige Bürger- und Nachbarschaftskrieg vom Zaun brechen ließ, als könne man mit Zeitarbeit seine Mordbuben aufstocken. Kriegerische Gewalt plus dürftige Quellenlage, dies ist nicht mehr als das Paradies der Romantiker, auch solcher, die im national verschwiemelten Delir hollywoodesken Monumentaltalmi aus dem Hirn häkeln. Feucht-völkisch wanzt sich eine brägenbewölkte Schicht an den historischen Befund, schreckt aber schon beim Menschenbild jäh zurück. Aus gutem Grund trug man seinerzeit nur Vornamen, damit der Exitus eines Sippenkaspers nicht die ganze Ordnung in Unordnung brachte. Natürlich gab es ein Leben vor dem Tod, es interessierte aber keinen.

Wer dem Minnegeträller folgt, kommt alsbald in der grausamen Realität an, wo Kinderehe samt Vergewaltigung Schutzbefohlener – für die Retter des christlichen Abendlandes bekanntlich nur im Nahen Osten als Exportschlager entwickelt – an der Tagesordnung waren, ebenso die regelmäßige Zerstörung abhängiger Landleute, wo man doch durch Zehnten und illegale Strafsteuern den Wirt viel besser am Leben hätte halten können. Die Leute klotzten sich Dome in den Vorgärten, aber keine Untertaneninitiativen demonstrierten wegen der anhaltenden Geräuschbelästigung durch Krane und Geläut. Aber die Welt war einfacher ohne diese ständig geforderte Individualität. Es gab keinen Staat, und wenn, war er bloß eine nette Idee ohne Konsequenzen. Jeden Moment konnte in der von Geister- und Dämonenglaube grundierten Welt doch ein Monster aus finsteren Gassen eines verwinkelt in den Wald wuchernden Metropölchens knurren und alle Albträume Wirklichkeit werden lassen. Wir wissen es heute besser, und es tut uns nicht mehr gut. Die tollkühnen Reiter in ihren scheppernden Blechbüchsen erledigten sich endgültig mit dem Feudalsystem, das bis heute seine Anwesenheit in den Raum stellt. Die Postmoderne hat da nicht viel zu bieten. Bis auf den Schnaps.





Chancenkonto

20 07 2017

„Vor allem ist der Stimmungsumschwung wichtig.“ „Sehr gut!“ „Sie meinen, dass der Schulz-Hype endlich weg ist?“ „Sie sind hier in der SPD, Mann!“ „Na und?“

„Der Wähler will endlich etwas Neues!“ „Sehe ich auch so.“ „Das alte Konzept ist ausgelutscht, das Land braucht frische Ideen!“ „Und mehr Mut für Veränderungen!“ „Aber gleichzeitig auch eine stabile und verlässliche…“ „Man muss doch aber auch mal etwas Neues wagen?“ „… Regierung, die sich von diesen linken Chaoten nicht auf ihrem Weg beirren lässt.“ „Ja, da haben Sie allerdings recht. Das kann Merkel nur mit den Grünen liefern.“

„Ich möchte dennoch zu bedenken geben, dass wir Gerechtigkeit als eine…“ „Hören Sie sich auch mal selbst zu?“ „Eigentlich ständig, warum?“ „Er meint, jemand anders würde das nicht aushalten.“ „Aber…“ „Gerechtigkeit ist kein Thema für die Sozialdemokraten.“ „War es in den vergangenen zwanzig Jahren eh nie.“ „Ja, nur hatten wir da noch eine Mittelschicht, der wir den Angst auf dem Weg nach unten machen konnten. Das ist heute futsch.“ „Die Angst?“ „Nee, der Weg nach unten.“ „Aha, verstehe.“ „Sehr gut!“ „Und letztlich brauchen wird auch mehr Zeit für unsere Politik, die die Gerechtigkeit… nee, ich komme noch mal rein.“

„Diese Beitragsbemessungsgrenze muss endlich abgeschafft werden.“ „Sehr gut!“ „Hervorragende Idee!“ „Jawoll, das hätte die Merkel längst fordern müssen!“ „Wieso Merkel?“ „Und warum fordern?“ „Weil das ein SPD-geführtes Ministerium war.“ „Waren wir etwa mit Fördern dran?“ „Die ist als Kanzlerin einfach nicht durchsetzungsfähig gewesen, daran sieht man’s doch mal wieder.“ „Moment, da muss ich doch noch mal nachfragen: weil Nahles das nicht umgesetzt hat, war die Kanzlerin…“ „Jetzt bringen Sie uns nicht aus dem Konzept!“ „… überfördert?“ „Überfordert, meinen Sie.“ „Nein!“ „Aber für mehr Gerechtigkeit, da kann man doch die Beitragsbemessungsgrenze…“ „Wir müssen schließlich auch an unsere Zielgruppe denken.“ „Aber Deutschland besteht doch nicht nur aus Beamten.“ „Wie jetzt, das haben wir immer noch nicht geschafft!?“

„Der ganze Themenbereich Hartz IV…“ „Was ist damit?“ „Könnte man das nicht irgendwie nur auf die SPD münzen?“ „Sehr…“ „Sie sind wohl verrückt geblieben!?“ „Das ist glatter Selbstmord!“ „Die Verschärfungen kamen doch größtenteils aus der Union, oder habe ich das falsch in Erinnerung?“ „Aber insgesamt kann man das als großen Erfolg für die deutsche Wirtschaft sehen.“ „Man kann’s auch lassen.“ „Wenn wir als Wirtschaftspartei diesen Erfolg für unser Image nutzen könnten…“ „Sie meinen als Kümmererpartei?“ „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank!?“ „Mein Gott, Milliardäre sind halt auch nur Menschen!“ „Sehr richtig!“ „Aber es gibt nun mal so wenige davon.“

„Und die innere Sicherheit?“ „Wir sind immer noch besser als die Grünen!“ „Sehr gut!“ „Aber das wird doch nicht gewählt, der Wähler will jetzt eine neue Politik!“ „Wer sagt das denn?“ „Schulz, oder?“ „Hat er das gesagt?“ „Hatten wir doch so gesagt.“ „Wegen Wechsel?“ „Wir brauchen doch einen Grund, weshalb man uns wählen sollte.“ „Aber wenn Gabriel schon die Kanzlerin verteidigt, weil sie die innere Sicherheit vor der SPD…“ „Das zeigt doch, dass die Kanzlerin weg muss!“ „Weil Gabriel das fordert?“ „Weil Sicherheitsprobleme Sache der SPD sind.“ „Das verstehe ich jetzt nicht ganz.“ „Vielleicht meint er, sie muss sich damit gar nicht mehr abgeben.“ „Oder dass sie so sicher ist, dass sie damit keine Probleme mehr hat.“ „Sehr gut!“ „Jetzt überlegen Sie doch mal, wenn die Union sich schon einen Innenminister wie diesen hier leistet, dann…“ „… hat sie gar nichts mehr zu verlieren, wollten Sie sagen?“ „Oder eher, dass sie sich höchst sicher fühlt.“ „Auf jeden Fall sicher vor der SPD.“ „Das zeigt doch aber auch, dass der Wechsel dringend erforderlich ist.“ „Soll ich das jetzt so ins Programm reinschreiben?“ „Dass der Innenminister ein Sicherheitsproblem ist?“

„Und wenn die Wähler jetzt Obergrenzen wollen?“ „Für die Einkommensteuer?“ „Für Ausländer.“ „Sie meinen Flüchtlinge?“ „Nein.“ „Das können wir mit unserer Geschichte als große deutsche Volkspartei nicht vereinbaren.“ „Sehr gut, damit fliegen Sie glatt aus der…“ „Nächster Punkt.“ „Aber…“

„Das Chancenkonto muss doch noch mehr in den Vordergrund gestellt werden.“ „Sie meinen das von Schulz?“ „Nahles wäre eher dran.“ „Die hat noch nicht so viele Punkte wie von der Leyen.“ „Die hat halt keine Chance mehr.“ „Ich dachte, das sei irgendwas für den Bürger?“ „Ist das von uns?“ „Ja, wieso?“ „Weil es da um den Bürger geht. Ich wusste gar nicht, dass wir solche Sachen im Programm haben.“ „Man muss sich immer mal ein paar innovative Ansätze einfallen lassen, die man für den Paradigmenwechsel auf dem Weg in die postindustrielle Gesellschaft sozialplanerisch nutzen kann, damit man das Narrativ der Partei ideologisch nachschärfen kann.“ „Sie meinen jetzt das Chancenkonto?“ „Nee, dass die SPD irgendwas für Bürger macht.“ „Ach so.“ „Aber gerade hier könnte man in Hinblick auf den Wechsel mal schauen, dass wir konkrete Potenziale für eine Umsetzung der…“ „Hä?“ „Denken Sie denn gar nicht an die Wahl.“ „Ja, schon. Aber wieso denn auch noch: umsetzen!?“