Konventionelle Waffen

16 01 2018

„Jedenfalls sollten wir beim Klimawandel nicht haltmachen.“ „Nee, nee, nee.“ „Das wird dann aber sehr kontrovers.“ „Soll’s ja auch.“ „Und damit will man Staat machen?“ „Vorerst nur eine Regierung.“

„Also Verbrennungsmotoren müssen wir auf jeden Fall erhalten.“ „Wofür denn?“ „Na, für die Autoindustrie!“ „Werden denn Elektromotoren nicht von der Autoindustrie gebaut?“ „Das ist eine gute Frage, aber die bauen dann sicher Roboter.“ „Können die keine Verbrennungsmotoren bauen?“ „Aber darauf kommt es doch gar nicht an!“ „Er hat das nicht ganz kapiert.“ „Der Verbrennungsmotor ist schließlich ein deutsches Kulturgut, das lässt sich nicht einfach ersetzen.“ „Was ist mit dem deutschen Erfindergeist?“ „Nee, nee, nee.“ „Das ist ja alles gut und schön, aber Sie wollen doch nicht die Weltwirtschaft destabilisieren, indem Sie auf Öl verzichten?“ „Und was machen wir, wenn die Reserven eines Tages erschöpft sind?“ „Das wird garantiert nicht in der nächsten Legislaturperiode sein, also geben Sie schon Ruhe!“

„Aber wo wir schon bei Elektromotoren sind, dürfen wir tatsächlich Staubsauger abschaffen, die der EU zu stark sind?“ „Das ist doch Politik gegen den Bürger!“ „Viel schlimmer, die Energiekonzerne werden dabei benachteiligt!“ „Man muss ja auch daran denken, dass viele Aktionäre ebenfalls Bürger sind.“ „Manche leben sogar in Deutschland.“ „Das ist schon eine Verpflichtung.“ „Und wenn wir nicht so viel Strom verbrauchen, müssen die Kraftwerke abgebaut werden.“ „Nee, nee, nee!“ „Das hieße ja mittelfristig, dass wir gar keine Kraftwerke mehr haben.“ „Und dann gehen bei uns die Lichter aus.“ „Das wird doch keiner wollen können, oder?“ „Deshalb sind Elektromotoren auf jeden Fall sehr wichtig.“ „Starke Elektromotoren!“ „Jedenfalls im Staubsauger.“ „Selbstredend.“

„Wir müssen aber auch konsequent sein.“ „Finde ich auch!“ „Ganz meine Meinung!“ „Dann sollten wir bei dem zu erwartenden Mehrverbrauch an elektrischem Strom konsequent auf den Erhalt von Kohlekraftwerken setzen.“ „Sehr gut!“ „Das ist ein ganz starkes Signal!“ „Damit werden wir uns auf jeden Fall durchsetzen, weil wir damit unser konservatives Profil stärken.“ „Richtig, zugleich ist das ein ganz wichtiger Beitrag zur Standortpolitik in der Bundesrepublik.“ „Dass wir ausländische Kohle kaufen müssen?“ „Die Globalisierung kriegt man halt nicht nur mit deutschen Mitteln hin, sonst hätten wir’s schon längst gemacht.“ „Die deutsche Wirtschaft kann mehr!“ „Als Verbrennungsmotor der EU sind wir Deutschen einfach unersetzbar!“ „Könnte man nicht auch die elektrischen Loks wieder von der Schiene nehmen?“ „Sie wollen wieder mit Kohle fahren?“ „Zumindest Kohlestrom wäre doch denkbar.“ „Nee, nee, nee.“ „Also ich fände die Idee ja ganz charmant.“

„Das mit dem Bleigießen…“ „Das kann man vielleicht den Grünen irgendwie in die Schuhe schieben.“ „Bundesimmissionsschutzgesetz, oder?“ „Grundwasser.“ „Sowieso.“ „Und die Dämpfe, da ist meine Schwippcousine vierten Grades ja wohl fast mal ohnmächtig geworden.“ „Also das muss ich mal sagen, wenn wir mit diesen Linksradikalen koalieren, müssen solche Ausnahmen eingedämmt werden.“ „Selbstredend.“ „Aber hallo!“

„Und die Landwirtschaft?“ „Müssen wir jetzt die Kühe auf Analogbetrieb umstellen?“ „Nee, nee, nee.“ „Wenn wir Massentierhaltung zum Standard erklären?“ „Zum Industriestandard?“ „Das ist doch genau das aus der guten, alten Zeit?“ „Eben, wie konventionelle Waffen.“ „Das kann man doch nur mögen.“ „Kommt immer darauf an, ob Sie in Afrika die Turbohühner fressen oder die in Sachsen.“ „In Sachsen gibt’s mehr Widerstand gegen Neger.“ „Nee, nee, nee…“ „Ich finde das gut, dann werden wir nicht mehr so oft in bewaffnete Konflikte gezogen.“ „Ich fände eine noch konservativere Linie gut, dann könnten wir uns wenigstens aussuchen, wo wir die bewaffneten Konflikte anfangen.“

„Meinen Sie nicht auch, wir sollten dieses neumodische Zeug verbieten?“ „Aber sicher!“ „Klar, weg damit!“ „Zum Teufel!“ „Hoffentlich protestiert dann nicht die CSU.“ „Wegen dieser ganzen liberalen Auswüchse?“ „Das ist doch purer Sozialismus!“ „Also ich lasse mir den linksgrünen Genozid an meinem Grundstück nicht mehr lange gefallen, wenn die ein Windrad hinter mein Haus stellen, dann wird der Bürgermeister vergast!“ „Ich meinte jetzt eher Glyphosat, aber danke für Ihre Ausführungen.“

„Gut, fassen wir mal zusammen.“ „Hatten wir denn schon über Kinderbetreuungsmöglichkeiten gesprochen?“ „Brauchen wir nicht, die Leute sollen lieber Arbeiten gehen.“ „Und wenn sie keinen Job finden, will die gesellschaftliche Mitte, dass sie ihre Apanage gestrichen bekommen.“ „Das muss doch am Ende wieder der Bürger zahlen!“ „Und die wählen auch nur extremistische Parteien, mit denen ist kein Staat zu machen.“ „Sehr richtig!“ „Nee, nee, nee.“ „Solange sich die Wirtschaft da nicht eindeutig positioniert hat, sollten wir auch die Füße still halten.“ „Das würde bestimmt Arbeitsplätze gefährden.“ „Und an die Kinder denkt auch wieder mal keiner!“ „Na, ich glaube schon, dass wir jetzt alles zusammen haben.“ „Das Gesamtpaket für die konservative Revolution.“ „Nee, nee, nee. Wir wollen doch endlich Koalitionsverhandlungen.“

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Erlebnisorientierte Jugendliche

15 01 2018

„… als Kindersoldaten angesehen würden. Dabei habe die Bundeswehr aus guten Gründen minderjährige Rekruten eingesetzt, die zur Stärkung der Truppe im…“

„… achtmal so viele Soldatinnen und Soldaten unter 18 eingesetzt habe. Diese sollten vor allem den statistischen Altersschnitt hin zum…“

„… aber nicht korrekt sei, dass von der Leyen mit dem Beginn ihres Ministerinnenamts die Truppenstärke ausschließlich durch eigene Geburten wieder zu…“

„… die Geburtenrate innerhalb der Kasernen stärke. Dazu müsse das Personal möglichst jung sein und sich langfristig für einen Verbleib im…“

„… die Bundesrepublik ihrer besonderen Verantwortung gegenüber den Entwicklungsländern gerecht werden müsse. Armeen, in denen der Einsatz von Kindersoldaten normal sei, müssten durch eine kompetente und vorbildliche Leitung nach deutschem Muster schnell im internationalen Vergleich eine führende…“

„… sei die Einrichtung von Betriebskitas an den Bundeswehrstandorten von der Verteidigungsministerin seinerzeit aus ganz anderen Motiven in die…“

„… streng auf die Einhaltung von Schießzeiten geachtet werde. So dürften minderjährige Rekruten werktags nach achtzehn Uhr nicht mehr mit…“

„… zum Beispiel an Übungsmunition gedacht habe. Zusätzlich habe man an Handgranaten eine spezielle Kindersicherung gedacht, die erst ab dem vollendeten achtzehnten…“

„… seien sich die meiste volljährigen Soldaten ebenso wenig im Klaren über die Risiken und Konsequenzen des…“

„… noch nicht in der Lage gewesen seien, durch eine Teilnahme an den Wahlen zum Deutschen Bundestag für eine verfassungsfeindliche Partei zu stimmen. Die minderjährigen Rekruten seien damit besser geeignet, als Staatsbürger in Uniform dem demokratischen…“

„… ihr Leibgericht bekämen. Zwar sei die Lagerung und Zubereitung von Pizza in der Feldküche nicht unbedingt reibungsfrei zu bewerkstelligen, doch arbeite man unter Hochdruck mit allen zuständigen…“

„… dass in Schießsportvereinen bereits ab dem vollendeten zehnten Lebensjahr an der Pistole ausgebildet werde. Zwar wolle das Bundesverteidigungsministerium daraus noch keine Prognosen für eine Entwicklung innerhalb der nächsten…“

„… grundsätzlich nicht auf Auslandsmissionen eingesetzt würden. Die Gefahr sei zu hoch, dass die Jugendlichen etwa durch Komasaufen vor Ort ein ungünstiges Bild von der…“

„… Arbeitsschutz groß geschrieben werde. So plane man vorerst weder Kriegseinsätze an den Wochenenden noch einen…“

„… ihr Kinderzimmer ordentlich aufgeräumt hätten. Die Grundausbildung sei bei den Eltern der Rekruten außerordentlich positiv…“

„… aber ihr Smartphone im Manöver nicht mitführen dürften. Es werde den Rekruten zeitnah nach Ausbildungsbeginn vermittelt, dass sie auch bei Kampfeinsätzen weder ein ausreichendes Netz noch die Möglichkeit, sich mit Onlinespielen oder WhatsApp…“

„… nicht daran liege, dass die Bundeswehr nur über unzureichendes technisches Material verfüge. Die Jugendlichen sollten auch durch Schulungen an unbemannten Flugkörpern für Verteidigungsfälle in der Zukunft…“

„… ein Mindestalter eingehalten werde. Die Soldaten müssten auf jeden Fall in der Lage sein, ihren Namen selbstständig zu schreiben, zumindest theoretisch, falls dies auf Grund fehlender Bildung oder einer…“

„… als Sportförderung verstanden werden könne, die schließlich auch im frühen Kindesalter einsetze. Von der Leyen habe außerdem angeregt, dass jeder Bundeswehrangehörige zwischen acht und achtzehn zwei Stunden Instrumentalunterricht pro…“

„… nicht im Widerspruch stehe zur Tatsache, dass Minderjährige einen Erziehungsberechtigten für jede Entscheidung bräuchten. Als Angehörige der Bundeswehr seien diese Personen ohnehin nicht in der Lage, eigenständige…“

„… es mehr erlebnisorientierte Jugendliche als junge Erwachsene gebe, so dass sich die Altersstruktur der Rekruten auf ganz natürliche…“

„… als deeskalierende Maßnahme gegenüber der russischen Führung gedacht sei. Da bekannt sei, dass die Soldaten der Roten Armee nie auf Kinder schössen, würden die internationalen Beziehungen voraussichtlich noch sehr viel…“

„… den unsachgemäßen Umgang mit Waffen und Munition gewohnt sei. Dennoch sei die Beschäftigung von Bundeswehrangehörigen, die nur nach dem Jugendstrafrecht…“

„… bei einer zu erwartenden Häufung von Betriebsunfällen gesichert sei, dass die Bundeswehr als Ausbildungsbetrieb eine große Anzahl an Lehrstellen für mehr als…“

„… um ein großes Missverständnis gehandelt habe. Die Bundeswehr habe ursprünglich nur eine Senkung der Einstellungsvoraussetzung gefordert, nicht aber einen vollständigen…“





Umsturzgeburten

14 01 2018

für Erich Kästner

Und als der Zar die Menge sah,
die wild die Zähne fletschte,
gab er Befehl, dass hie und da
man in sie reinkartätschte.

Er tat das sachlich. Als er blieb,
sah er noch, wie man flaggte.
Dann fuhr er weg. Man schrieb und schrieb,
doch bloß Verwaltungsakte.

Sie rollen ein die Fahnen schon.
Man hat nur mal geguckt.
Der Kinderfraß Revolution
hat sich daran verschluckt.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCLXXV)

13 01 2018

Es pflegt Henryk sich in Grilskehmen
das größte Stück Torte zu nehmen,
da er stets errötet.
Damit’s ihn nicht tötet,
braucht er nun etwas, sich zu schämen.

Nadim, der gerät in Umm Qais
am Mittag gewaltig in Schweiß.
Er ist selber schuld dran,
ihm fehlt die Geduld dann,
er jagt die Kamele im Kreis.

Eliza lädt in Henkenhagen
beharrlich sich Holz auf den Wagen
in allerhand Längen
und stattlichen Mengen.
Braucht sie’s? ach, sie muss ja nicht tragen.

Saumura kam in Kampong Thom
zum Tempel, was sie meist beklomm.
Man ließ sie zum Beten
oft ganz nach vorn treten,
dabei war sie nicht einmal fromm.

Geht Józef nebst Frau in Althütte
die Straße entlang, spricht er: „Bitte,
ich mag mich nicht streiten,
hier entlang zu schreiten,
doch ginge ich gern in der Mitte.“

Njabulo nahm in Mafeteng
die Wäsche ab. „Wie ich sie häng,
folgt nicht nur Funktionen,
auch Stoff und, betonen
muss ich, Farbe. Da bin ich streng.“

Es ließ Ewa sich in Klein Mrosen
ablichten in zahlreichen Posen,
wobei sie meist nackt ist,
weil andrerseits Fakt ist:
sie braucht reichlich bald neue Hosen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXCIX): Die Sauna

12 01 2018
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Es wird in einer dieser Großraumhöhlen gewesen sein, in denen heiße Quellen blubberten, wohin Uga und sein Schwager einmal die Woche vor dem Winter flohen. Sie zogen sich das Fell ab, das von körpereigenen Klebresten und Läusedreck gehalten wurde, legten sich auf die faulende Haut und sahen dem wabernden Dampf zu. Wer weiß schon, was da aus dem Inneren der Erdkruste nach oben gerülpst wurde, möglicherweise förderte es die traumgleichen Bilder im Gehirngestrüpp, die den Aufenthalt im Salzwassertank so angenehm machen oder Dauerlauf mit Sonnenstich. Gut, dass die beiden ihre lustvollen Erlebnisse nicht haben aufschreiben können, niemand hätte wohl sonst den Alkohol erfunden. Nur die Sauna.

Zurechnungsfähige Männer hocken sich in einen architektonisch eher übersichtlich gehaltenen begehbaren Holzklotz am Rande von Tundra oder Großstadt, wo nicht auf der nördlichen Halbschale ohnehin beides zusammen erreichet werden kann, gucken glasig auf ihre Handtücher, die Fettpolster und Rückenbehaarung größtenteils nicht verbergen können, und warten den Garpunkt der Hirnrinde ab. Ab und an, vor allem in geschäftlich ausgerichteten Betrieben, latscht eine Mitarbeiterin ohne jegliche intrinsisch verortbare Motivation in die Butze, kippt einen Eimer Terpentin in die Heizgelegenheit, lässt ein Grubentuch die schwiemelnden Schwaden im Kreis verwirbeln, und geht dann an den Schrank mit den Magentabletten, wie immer nach dem Überleben dieses Anblicks. Sie hat früh und mit Verachtung der eigenen Existenz gelernt, dass es Schicksale gibt, die man nicht herausfordern soll, beispielsweise die Berufstätigkeit unter ästhetisch indiskutablen Klumpoiden.

Was da mit breitem Schritt die Bänke nässt, hat mit dem Verlust der Scham gerne die Schwelle zum Schwachsinn schon überrollt. Glänzend vor Talg glotzt das aus enger Stirn, ein niederschwelliges Angebot der Hominisation, das vernünftige Mittel für einen amtichen Kreislaufzusammenbruch aus mandelnder Beweglichkeit ignoriert und sich lieber die Ventile durchpfeift, die Lederschicht zur Vollendung masochistischer Anwandlungen mit Ästen durchprügelt und deshalb schon für hart hält. Mit der Subtilität von Wildpinklern im Stadtpark drückt das den Ekel ins öffentliche Bewusstsein, als sei Vergänglichkeit nicht das einzige, was Körper aus der Freiluftsektion des Kopfkinos verdrängen sollte. Die warmweiche Widerlichkeit wabbelnder Wänste sorgt für Grundübelkeit beim Gedanken an die beheizbare Gammelfleischtheke.

Das wahre Grauen aber ist noch nicht zu finden bei der Monstranz des Monströsen, die wirkliche Erscheinungsform des Grässlichen ist der Blick, der den unwissentlich Eintretenden, obgleich schon nackt, noch einmal entblößt. Er geht bis auf die Knochen, Widerstand wird nicht geduldet. Millionen von Drüsen und tausende Haare bäumen sich in einem Akt der Hoffnungslosigkeit noch einmal auf, bevor die Sehkrankheit den Brechreiz triggert. Die Appetitlichkeit von Moorleichen kann mit diesem Liebreiz locker konkurrieren, es geht schließlich um den Endzustand des Belebten. Hier bricht sich der Troglodyt Bahn, auch im Angesicht von Kräuteressenz und Frottee, wie er trotz allem seine niedersten Instinkte befriedigt oder sich wenigstens dafür in Stellung bringt.

Die Vermutung liegt nah, dass die Erfindung von Schnellkochtopf und Druckwasserreaktor nur Auswüchse der mählichen Verschmorung sind, die der Dämpfansatz gezeitigt hat. Wahrscheinlich ist die enthemmende Wirkung des Schweißerei vor allem aus dem Missverständnis erwachsen, sich nach dem Ende der Stammesgesellschaft weiterhin mit nicht zum nachhaltigen Verbrauch bestimmtem Fleisch zu erhitzen, im Gegensatz zu den eben in Privatgebrauch stehenden Häuschen, in denen die Transpiration weniger transparent geübt wird. Der soziale Hautkontakt hat sich mit der Zivilisation erledigt, der Filzhut allein schützt nicht mehr vor den Einbrüchen des frühen Primatenstadiums. Das Brausebad mag Erdenreste beseitigen, nicht aber die Erbsünde.

Vermutlich ist es ein evolutionärer Trick wie Karneval oder Schnaps, den Motivationsstau für die Mehlmützen zum gesellschaftlich nicht negativ sanktionierten Event zu stilisieren, dem man ohne Schäden im Frontzahnbereich beiwohnen kann. Hier ist der Affe ganz bei sich selbst und darf es sein, Hobbybrezeln und Dummschlümpfe haben zumindest ein Entzücken im Leben, die Freude der Regression. Früher oder später kommt dann das Bad im Eiswasser.





Staatsräson

11 01 2018

„Das ist doch wieder ein gefundenes Fressen für die AfD.“ „Dass Migranten politische Bildung verpasst bekommen?“ „Aber gerade in diesem Punkt?“ „Was wollen Sie denn sonst machen? ihnen den guten, deutschen Antisemitismus kampflos überlassen?“

„Nein, ich gehe da einfach nicht mit. Das ist für mich nicht vernünftig.“ „Stellen Sie sich doch bloß mal die Nazis vor. Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: Bundesregierung schickt Muslime ins KZ.“ „Purer Neid, dass ihnen das nicht selbst eingefallen ist.“ „Lassen Sie doch die dummen Scherze!“ „Das Problem ist ja nicht, dass sämtliche Asylbewerber durch die Lager geschleift werden. Das ist eine höchst überflüssige Maßnahme.“ „Warum?“ „Etliche Asylbewerber dürften derartige Einrichtungen bereits kennen, mit dem Unterschied, dass sie in deren Heimatländern stehen und noch in Betrieb sind.“ „Und was ist dann das Problem?“ „Dass wir Asylbewerber in sichere Herkunftsländer zurückschicken, in denen Foltergefängnisse und vergleichbare Regierungsstellen die Opposition oder irgendwelche anderen Minderheiten in die Mangel nehmen.“ „Dann muss man das eben aus Staatsräson machen.“ „Indem man den Asylanten noch mal zeigt, wie das richtig gemacht wird?“

„Bremsen Sie doch mal Ihren Zynismus, wir haben es hier mit einem ethisch sehr komplexen Sachverhalt zu tun.“ „Putzig, wie Sie Menschenrechte aussprechen.“ „Nein, ernsthaft: man kann das Zuwanderern doch nicht mit einer angstbewehrten Schocktherapie verordnen.“ „Warum denn nicht? Die deutsche Verwaltung macht das sogar mit Arbeitslosen. Und zeigen Sie mir eine Religion, die nicht mit Angst verkauft wird.“ „Ich sagte, kein Zynismus.“ „Deutschsein lernt man eben größtenteils durch unangenehme Erlebnisse.“ „Sie meinen, dass sich jeder Migrant von der ersten Sekunde an vor Augen führt, wo er hineingeraten ist?“ „Er soll von der ersten Sekunde an vor Augen geführt bekommen, wozu Deutsche fähig sind, wenn Sie seiner Ansicht nach nicht dazugehören. Das prägt.“

„Meinen Sie nicht, dass diese Zwangsbesuche auf lange Sicht kontraproduktiv sind?“ „Würde ich nicht sagen. Eine Gedenk- und Erinnerungskultur muss die Menschen da abholen…“ „Sie könnten Ihre Wortwahl aber auch mal kritisch hinterfragen.“ „Schon gut. Jedenfalls müsste man diese Besuche in den KZ-Gedenkstätten grundsätzlich für alle Deutschen einführen.“ „Als Zwangsmaßnahme?“ „Es gibt viele Schulen, die das bereits machen.“ „Mit dem Ergebnis, dass die Jugendlichen nach Auschwitz fahren, denken, der Holocaust habe irgendwo in Polen stattgefunden, und ganz überrascht sind, dass es in ihrem Bundesland auch eine KZ-Gedenkstätte gibt oder mehrere.“ „Sie meinen, Deutschland betreibt Gedenktourismus? Kann man so sehen, ja.“ „Und das finden Sie gut?“ „Habe ich das gesagt?“

„Das ist doch tatsächlich ein gefundenes Fressen für die Rechten: alle Zuwanderer durch die Konzentrationslager schleifen, bis sie der ganzen Diskussion um Antisemitismus und Holocaust und Rassismus überdrüssig sind.“ „Das sehe ich auch so.“ „Ääääh…“ „Die AfD will doch ein Ende der Diskussion um die deutsche Schuld.“ „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein!?“ „Wenn die Erinnerung an den Nationalsozialismus bei den muslimischen Einwanderern einen derartigen Brechreiz auslöst, weil die am allerwenigsten mit der konkreten Schuld der Deutschen im zwanzigsten Jahrhundert anfangen können, dann sind wir auf einem guten Weg. Die werden sich hervorragend in die deutsche Befindlichkeit integrieren können. Zumindest aus der Sicht der AfD.“

„Meinen Sie nicht, wir sollten diesen Vorschlag eher als integratives Konzept ansehen?“ „Also Sie wollen muslimische Migranten und deutsche Schüler gemeinsam ins KZ schicken? Prächtige Idee!“ „Was spricht denn Ihrer Ansicht nach dagegen?“ „Dann haben Sie eine multikulturelle Truppe, die mit Coladosen im Holocaust-Mahnmal herumturnt und Selfies schießt.“ „Meinen Sie?“ „Für eine Pflichtveranstaltung sollte man vielleicht schon zufrieden sein, wenn die Leute sich dabei ruhig und unauffällig verhalten und nicht auch noch israelische Fahnen abfackeln.“ „Sie finden das wohl witzig?“ „Vielleicht machen wir daraus einen eigenen Baustein im Integrationskurs. Man nennt fünf deutsche Mittelgebirge, drei Antworten können durch Namen von Konzentrationslagern ersetzt werden ohne Verlust der erreichten Punktzahl.“ „Jetzt wird es langsam grotesk, finden Sie nicht?“ „Den gemeinsamen Kampf gegen Diskriminierung als Bestandteil einer positiv besetzten Identität zu pflegen, das ist doch ein schönes nationales Ziel, oder?“ „National? haben Sie noch alle Tassen im Schrank!?“ „Am deutschen Wesen kann doch die zivilisierte Welt endlich auch mal positiv teilhaben, oder ist das so kompliziert?“ „Hören Sie auf, das ist doch krank!“ „Im Gegenteil – man müsste endlich mal ein Zeichen setzen, dass der Umgang mit dem Völkermord nicht zu einem Tabu aufgepumpt wird, sondern tatsächlich zu einer politischen Realität wird, und dass Antisemitismus, egal von wem, mit der ganzen Härte des deutschen Strafrechts verfolgt wird, und zwar so lange, bis noch der letzte Holocaustleugner im Knast verschimmelt ist, weil sich keiner mehr für ihn interessiert.“ „Und das machen Sie mit politischer Bildung für alle Beteiligten?“ „Mit einem Unterschied: bei den Asylbewerbern ist politische Bildung gratis. Bei Nazis war sie umsonst. Schon immer.“





Blaue Eminenz

10 01 2018

„Er ist im Fernsehzimmer“, flüsterte Frau Breschke und deutete vorsichtig, ganz vorsichtig mit dem Finger zum oberen Stockwerk. Es war am späten Vormittag, doch die Rollläden waren komplett heruntergelassen. Teilnahmslos guckte Bismarck mich an, als wollte er sagen: geh nur, ich habe es auch nicht hingekriegt.

Und tatsächlich, da saß, vielmehr: kauerte der pensionierte Finanzbeamte im Lehnsessel, den Rücken zur Fensterfront, was allerdings angesichts der licht- wie luftdicht verrammelten Scheiben auch keinen großen Unterschied mehr machte. „Ich kann nie wieder rausgehen“, wimmerte er, den Kopf in den Armen bergend. „Nie, nie, nie wieder!“ Dabei umfasste er das turbanartige Gewirr, das er auf dem Haupt trug, eine Ansammlung aus diversen Strick- und Wirkgegenständen, mützenähnlichen Objekten sowie einer monströsen Fellkappe, die den Trumm krönte, erkennbar an den nach oben gebunden Ohrenklappen, mit denen sich russische Jäger im Anstand auf Großwild vor den Unbilden der Taiga zu schützen pflegten. Hier aber herrschten mollige zweiundzwanzig Grad, so dass Breschke in seinem braunen Oberhemd einschließlich Strickjacke im Zimmerchen hockte. Kein Großwild weit und breit. „Es hat doch so gut gerochen“, stammelte er.

Bis vor wenigen Jahren hatte Horst Breschke noch volles Haupthaar besessen, es muss wohl vor gut zwanzig Lenzen der Fall gewesen sein. Anders als aber jene Marotte, eine sich mehrmals von einem Ohr zum anderen und wieder retour liegende Strähne wachsen lassen, die allmählich dünner wird und ebenfalls ausfällt, trug er einen hübschen Kranz aus gestutztem Haar hinterwärts um sein Haupt. Der Gattin gefiel’s, und damit war die Sache gut. „Die Frisöse meinte nun aber, ein kräftigendes Tonikum sei hilfreich.“ „Und Sie haben die Dame auch gleich nach einem Präparat gefragt?“ Er schüttelte den Kopfputz. „Tja“, resümierte ich, „dann kann es ja nur noch…“ Er nickte, still und gottergeben.

Natürlich hatte seine Tochter irgendwo auf den kenianischen Komoren oder auf einem Viehmarkt in Honolulu ein wunderliches Serum entdeckt und es per Express unter den Weihnachtsbaum gesandt. Da es sich nicht um elektrische Geräte oder essbar anmutende Gegenstände gehandelt hatte, war ihr instinktiver Widerstand sichtbar geschwächt. Bei der Inaugenscheinnahme des Flakons mit diversen sino-tibetanischen Schriftzeichen – ähnlich denen, die sich junge Damen jeden Alters in Körperpartien ohne direkten Sichtkontakt einstechen lassen, nicht wissend, ob es die kantonesische Übersetzung von „Hund Katze Maus“ oder ein Rezept aus eben diesen Zutaten sei – stellte ich immerhin fest: das Zeug roch nicht schlecht, jedenfalls dann, wenn man eine gewisse Schwäche für Veilchen hatte, für sehr, sehr intensiv riechende Veilchen, die nach dem zweiten Atemzug Druck in der Schläfenregion und eine leichte Grundübelkeit entstehen ließen. „Das also“, ächzte ich, „haben Sie sich in die Haare geschmiert?“

Schicht für Schicht enthüllte der alte Knabe seinen Kopf. „Ich wollte das nicht“, stöhnte er, und: „Meine Frau hat das noch gar nicht gesehen.“ Ich stutzte. „Interessant“, befand ich. „Ich kenne eine Menge chemischer Reaktionen, bei denen der Besuch im Hallenbad eine Wasserstoffblondierung grasgrün färbt, aber Sie gehen jetzt wohl als blaue Eminenz durch.“ Der Haarkranz hatte sich zu einem zart getönten Himmelblau gewandelt. „So kann ich doch nicht unter die Leute“, schluchzte der Alte. „Ich mache mich doch zum Gespött der Straße!“ „Ach was“, tröstete ich ihn. „Sie stehen doch über solchen Dingen. Erst mal unter die Brause, ich bin sicher, die Hälfte wäscht sich noch heraus. Ich bin gleich wieder da.“

Da bei Breschkes nur höchst selten etwas aus dem Kleiderschrank entsorgt wurde und der letzte Versuch der Gattin erst ein paar Jahre her war, fand ich sofort das richtige Stück. „Er hat es nur einmal getragen“, bestätigte Frau Breschke, „das war bei der Karnevalssitzung, wo er die…“ Wir schwiegen. „Gut“, sagte ich. „Es ist rot, und das genügt.“

Der Nieselregen hatte für einen Augenblick nachgelassen, Bismarck zerrte ungewohnt heftig an der Leine, nur Herr Breschke sah ängstlich auf sein Spiegelbild. „Ich weiß ja nicht“, moserte er, „wenn ich nun wirklich…“ „Andernfalls“, entgegnete ich ungerührt, „wird der Hund Ihren Teppich mit recht eindeutigen Marken versehen. Sie wollen das doch nicht?“ Ein scheuer Blick zur Küche, dann nickte der Hausherr ergeben und griff nach der Leine. Das rote Jackett mit der bunten Stickerei auf der Brust saß wie angegossen, ja es machte dem Mann sogar eine ausgesprochen gute Figur, besonders um die Hüften.

Bismarck tat seins, der dümmste Dackel im weiten Umkreis lief seinem Herrchen beharrlich um die Beine herum, oft auch zwischendrin, und gab sich alle Mühe, Hecken und Wege genauestens zu erkunden. Da kam schon Gabelstein an den Zaun, der tumbe Nachbar, und tat beschäftigt mit seinem lächerlich kleinen Schäufelchen. „Herr äääh…“, stammelte er, angesichts des Anblicks, bekam aber keine Notiz. Erst auf weiteres Fuchteln drehte sich Breschke um. „Man trägt das jetzt so“, schoss er den Störenfried an. „Was dagegen?“ Brüsk wandte sich Gabelstein ab und marschierte auf sein Haus zu. „Hervorragend“, lobte ich Breschke, „und jetzt setzen Sie einfach noch die Mütze auf. Nur zur Sicherheit.“