Untergrundrauschen

27 04 2015

„Achtzig? das glaube ich einfach nicht!“ „Doch, wir haben es schriftlich. Und sie hat es bis heute durchgehalten. Trotz Koalitionsverhandlungen ohne Alkohol.“ „Ich kann mir das nicht vorstellen – achtzig Punkte? So viel frisst doch kein Mensch, und dann erst recht keiner, der abnehmen will.“ „Wenn Sie mir nicht glauben, drucken Sie sich die Mails von Andrea Nahles halt selber aus.“

„Ist das hier der Eingang von diesem Monat?“ „Nein, das sind die letzten zehn Minuten.“ „Aber das kann doch keiner lesen.“ „Naja, Sie vielleicht nicht, aber wir schon. Wir wissen nämlich, wo wir suchen müssen.“ „Und dann muss man trotzdem alle Bundesbürger…“ „Seien Sie doch nicht so naiv. Wenn Sie rausfinden wollen, mit wem Ihre Tochter heimlich telefoniert, schleichen Sie sich auch nicht heimlich in den Keller, wenn Sie einen Verdacht haben. Da besorgt man sich einen Einzelverbindungsnachweis, und fertig ist die Laube.“ „Und das ist legal?“ „Noch nicht, aber die SPD muss noch zwei bis drei Mal umfallen. Dann sieht es wenigstens legal aus.“

„Das ist jetzt also alles alphabetisch geordnet. Was bedeuten diese bunten Fähnchen?“ „Das sind markierte Personen.“ „Ach was.“ „Markierte Personen halt. Mehr darf ich Ihnen nicht verraten.“ „Terroristen?“ „Seit wann ist denn de Maizière… okay, das könnte sogar angehen. Aber das ist hier wirklich nur ein Zufall.“ „Also sind das Personen von größerem Interesse.“ „Kann man so sagen, ja.“ „Für die Bundesregierung?“ „Ja, so kann man das auch sagen.“ „Aber seit wann interessiert sich die Bundesregierung denn für einen Bundesminister?“ „Haben Sie schon mal gesehen, dass sich die Bundesregierung für etwas anderes interessiert als sich selbst?“ „Sie, keine rhetorischen Tricks! Ich will wissen, was hier gespielt wird!“ „Naja, wir haben diese Leute nun mal im Visier. Das sind die Personen von besonderem Interesse.“ „Ach, und da kriegt man dann beispielsweise raus, wer von denen Hochverrat plant oder Drogen nimmt?“ „Drogen sind die gelben Fähnchen.“ „Das heißt also, dass alle, die – was, der!?“ „Sonst wäre da ja kein gelbes Fähnchen. Wir haben den kompletten SMS-Verkehr mit seinem Dealer.“ „Meine Güte, der ist doch als Spitzenpolitiker komplett untragbar!“ „Meinen Sie, als Parteichef ginge das gerade noch so durch?“ „Ob er seine Partei an die Wand fährt, ist mit ehrlich gesagt egal, aber der sitzt im Bundestag und entscheidet über unsere Gesetze!“ „Sie gehen also davon aus, dass er seine Entscheidungen nur nach seinem Gewissen trifft?“ „Natürlich nicht, wozu haben wir Fraktionszwang.“ „Und Sie glauben, die Fraktion kann entscheiden, was sie will?“

„Das ist ja wirklich unglaublich. Diese vielen Fähnchen – da hat quasi jeder Dreck am Stecken.“ „Eben, und da nur der nichts zu befürchten hat, der mehr zu verbergen hätte als alle anderen, gleicht sich das auch wieder sehr schön aus.“ „Was ist das da für ein Fähnchen?“ „Können Sie sich wohl denken. Das sind die IP-Adressen von Edathy.“ „Und die beiden da haben auch…“ „Das kommt eben in allen Parteien vor.“

„Und was ist mit der Wirtschaft?“ „Sie haben sich sicherlich gefragt, warum jetzt Piëch gehen muss, obwohl er eigentlich Winterkorn weghaben wollte.“ „Ja sicher.“ „Sehen Sie, auch darauf gibt es eine ganz plausible Antwort.“ „Und die wäre?“ „Sagen Sie mal, sind Sie Industriespion? Der Mann war eben wegen gewisser Eigenheiten für einen großen Konzern nicht mehr tragbar.“ „Der säuft auch?“ „Glauben Sie mir, die schmeißen inzwischen eher einen raus, der nicht säuft.“

„Sagen Sie mal, Sie sind doch ein Geheimdienst, oder?“ „Lässt sich nicht leugnen.“ „Warum sind dann Sie für die deutschen Politiker zuständig und nicht der Verfassungsschutz?“ „Wir sind die Guten, verstehen Sie? Außerdem werden vom Inlandsgeheimdienst nur Parteien beschattet, die unser politisches System verändern wollen.“ „Also die NPD?“ „Das ist eine Unterorganisation des Verfassungsschutzes, da gibt’s nicht viel zu beschatten.“ „Die Linken also.“ „Richtig. Und da müssen auch alle Kräfte in Vollzeit arbeiten, um denen Verfassungsfeindlichkeit nachzuweisen.“ „Deshalb machen Sie das mit den anderen.“ „Richtig. Und als Auslandsgeheimdienst haben wir einen viel objektiveren Blick auf die Regierung.“

„Jetzt wüsste ich aber gerne noch, warum Sie damals die Kanzlerin informiert haben.“ „Wissen Sie doch, das war alles eine technische Panne. Unser Abteilungsleiter hatte die vielen kriminellen Regierungsmitglieder auf dem Schirm, und dann hat er Befehl gegeben, es dem BKA zu melden. Naja, Bundeskriminalamt, Bundeskanzleramt, so groß war der Unterschied nicht.“ „Und seitdem filtern Sie das alles aus und melden es ins Kanzleramt?“ „Ist doch viel praktischer, als wenn die es erst von den Amerikanern erfahren, oder?“ „Stimmt auch wieder. Aber eins habe ich noch nicht verstanden. Das ist doch Geheimnisverrat, oder?“ „Ja sicher.“ „Und wieso ist da die Kanzlerin noch nicht eingeschritten? Ich meine, hallo – Sie machen ihr doch die ganze Regierung kaputt!?“ „Jetzt machen Sie mal halblang. Ohne unseren Nachrichtendienst kriegt die Kanzlerin doch den Rest der Regierung gar nicht mehr vom Hals.“





Gedanken vom Saufen, und dessen Schädlichkeit

26 04 2015

Es säuert Suff das Blut uns und das Leben,
verstopft, verdirbt den Quell uns aller Kräfte.
Mit jedem Glas, das wir zum Munde heben,
lähmt dumpfe Ohnmacht unsere Geschäfte.

Geringer Trunk, er schärft wohl alle Sinnen,
doch schwerer, der nur dient, sich zu berauschen,
verriegelt alle Tore. Nur nach innen,
dem eignen Lallen wird der Trinker lauschen.

Liegt nicht darin Gewinn? der Mensch mag trinken,
so viel er kann im Durst nach Sinn und Weinen,
er wird nie auf des Bechers Boden sinken
zur Wahrheit, die ihm nüchtern wahr wird scheinen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXXXIX)

25 04 2015

Als Leszek Maria in Nadebahr
ganz unverhüllt plötzlich im Bade sah,
war’s um ihn geschehen.
Neun Monate gehen
ins Land. Schon hört man, dort kommt Adebar.

Uladsimir meinte in Graslau:
„Bevor ich vor Hunger nur Gras kau,
geh ich in die Schenke
und zähl die Getränke,
damit ich mir flink eine Maß klau.“

Es wartet Walenty in Reimen.
Der Hafer fängt schon an zu keimen.
Die Keime zu kochen
mitsamt alten Knochen
hilft ihm, seine Stühle zu leimen.

Als Faisal in al-Qurayyat
den Gegner sah, war er schon platt.
Der spielt Sizilianisch.
Der Junge wird panisch,
macht Fehler auf Fehler – Schachmatt.

Es kocht Grzegorz oft in Meschkrupchen
für seine besonderen Puppchen
mit heiterer Miene
zum Zorn der Kantine
vom Besten ein schmackhaftes Suppchen.

Iroda, die folgte in Vobkent,
wo immer der joggende Mob rennt.
Die Marathonstrecke
rennt sie zu dem Zwecke,
dass hinter ihr man erst beim Stopp flennt.

Dass Szymon sich oft in Schlawin
gern fern hielt von sämtlichen Mühn,
doch nicht von den Mädchen,
das hasst man im Städtchen.
Schlawiner, so nannte man ihn.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCLXXXIV): Geheimdienste

24 04 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Natürlich hatte die Evolution Verlierer. Nicht jeder lernte gleich im ersten Anlauf den aufrechten Gang, nicht alle bekamen die Gelegenheit, ihr fragwürdiges Material wieder in den Genpool einzuspeisen. Manche von ihnen hatten ein bisschen Stress mit Säbelzahntigern und Mammuts, und sie wurden nach ein paar Runden molekularer Umbauarbeiten als Wiesenschaumkraut, Mistkäfer oder Lurch wiedergeboren, wie es auch sei: eine deutliche Steigerung der Daseinsqualität für alle Beteiligten. Im Laufe ihrer fehlgeleiteten Sozialisation werden sich die restlichen Kandidaten diversen Jugendbanden anschließen, die aus reiner Lust an der Provokation jedes Gesetz brechen, bis sie an den Falschen geraten und mit Schmackes aufs Maul kriegen. Der Rest würde gerne, traut sich aber nicht, und wird später höchstens auffällig, macht eine Ausbildung zum Psychopathen und geht in der Masse unter. So ist das Leben. Und irgendwann werden die Geheimdienste erfunden.

Man stelle sich ein Reservat für ethisch verwahrloste Schmierlappen vor, deren ab Werk verschwiemeltes moralisches Empfinden einen Gleichgewichtssinn hat wie ein permanent besoffener Schiffschaukelbremser. Der untere Dreckrand der Halbwelt, Luden, Organhändler und Berufsschläger, lässt seine Kinder nicht mit denen in einem Raum sitzen, falls die Manieren infektiös sein sollten. Bedauerlicherweise glaubt man ihnen, denn sie sind im Auftrag der höheren Mächte unterwegs. Sie repräsentieren nicht die offiziellen Einrichtungen des Staates, sondern dessen seifige Tentakeln, derer sie sich immer dann bedienen, wenn sie auf legalem Weg nicht mehr durch die Tür kommen.

Was dem Normalbürger zu viel Kopfzerbrechen machte, Stalking, kleinere Wohnungseinbrüche oder Urkundenfälschung in Tateinheit mit Hirnkirmes im Endstadium, hier wird’s Ereignis. Harmlose Kleinkriminelle genießen den Grusel, den sie mit ein bisschen Steuergeld finanzieren – nicht ganz so viel, wie eine ordentliche Armee heutzutage bräuchte, aber dafür dank miserabler Organisation wesentlich unterhaltsamer – und fragen sich täglich, wer sich diesen Dreck aus der Rübe rattert. Sie sind das Paradox einer auf Überwachung gedrillten Gesellschaft paranoid Beknackter: durch eine Reihe komplett überflüssiger Verbrechen wollen sie die Gefahr aus der Welt schaffen, dass diese Welt in komplett überflüssigen Verbrechen versinkt.

Natürlich bedarf es zur Rechtfertigung der Organisationen zunächst einer Herde offenporiger Schulbankschnippser, die aus mangelndem Arsch in der Hose das Konzept des Nationalstaats bis zum Anschlag durchjodeln, damit die komplett verkorkste Dialektik dieses bigotten Realitätsallergikerparadieses sich überhaupt bis zur Funktionsfähigkeit peitschen lässt. Was Staat A für absolut unerlässlich hält, um die vom (immerhin befreundeten) Staat B zu erwartenden Eroberungsversuche gelassen mit einem präventiven Vernichtungskrieg zu verkürzen, ist für die Gegenseite strikt verboten, da absolut verwerflich, gegen jegliche Moral sowie gegen jedes Völkerrecht verstoßend. Staat B sieht das vice versa übrigens auch so. Aber für diese als Erzfeinde vorgesehenen Spielpartner kann man sich nicht einfach mit Dingen so beschäftigen, als seien sie mit dem Evidenten identisch; das kann nur Blut abwaschen, und keiner hat je rausgekriegt, wo das in der Homöopathenausgabe des Grundgesetzes stehen soll.

Geheimdienste sind die Fortsetzung des Infantilen mit illegalen Mitteln, der geistigen Kurzstrecke geschuldetes Dumpfgetöse als Beweis der Annahme, dass Staaten nicht mehr und nicht weniger kriminelle Vereinigungen sind als alle anderen Großkonzerne, die ihr Kanonenfutter zur Verteidigung der Chefetage ins Trommelfeuer oder gleich ins Gas schicken. Wie jede andere in sich geschlossene Struktur werden sie rasch unabhängig und bilden einen Staat im Staate, greifen unter billigender Nichtachtung plumper Lügen massiv Gelder ab und führen davon ihre überflüssige Existenz, indem sie die Staaten, die sie am erbärmlichen Leben erhalten, über Bande schädigen. Selten wurde eine parasitäre Abhängigkeit derart verkehrt – in der Rede der politischen Entscheidungsträger scheinen die Geheimdienste überlebensnotwendig, auch wenn sie im besten Falle nur etwas Guerilla und peinliche Selbstbefleckung hervorbringen. Und es stellt sich die immerwährende Frage, wozu eine Regierung eigentlich einen etatmäßigen Kotzfleck auf der Amtstracht benötigt.

Manchmal findet man einen von ihnen, der sich nach dem Suizid mit mehreren aufgesetzten Genickschüssen die Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken gefesselt, das Auto in Brand gesteckt und dann über die Klippe geschoben hat. Wir sollten diese Nachrichten mit Wohlwollen aufnehmen, zeigen sie doch, dass die Evolution, und sei sie auch bisweilen störrisch, letztlich die Richtigen aussortiert. Wenn auch nicht immer mit Bordmitteln.





Goliath 36

23 04 2015

„… wegen ihrer mangelnden Treffsicherheit im Gefecht für scharfe Zurückweisung seitens der Streitkräfte gesorgt. Die Steinschleuder sei nicht auf dem technischen Stand einer heutigen…“

„… einen schnellen Ersatz für die Waffe gefordert habe. Finanzminister Schäuble sehe sich derzeit jedoch außerstande, eine Bewilligung für derart viele neue…“

„… sich mehrere Soldaten an den Schleudern bereits verletzt haben sollten. Die Ministerin habe dieses jedoch als bauartbedingten Fehler ausschließen können, da eine in Deutschland hergestellte Waffe nicht in der Lage sei, im Sinne des Kriegsvölkerrechts unschuldige…“

„… für temperaturbedingte Ausfälle sorgte. Die Schnüre hätten das Modell Goliath 36 zusätzlich unhandlicher gemacht und durch eine nicht genau berechenbare Dehnbarkeit der Materialien zu einem ungünstigen Manöververlauf…“

„… würde auch der Austausch bis zu zehn Jahre in Anspruch nehmen. Es sei zwar möglich, jeden einzelnen Soldaten mit einer Steinschleuder ausfindig zu machen, aus Gründen der Verwaltungssicherheit müsse man aber die Erfassung der Truppe vor dem Austausch einmal komplett – ohne die in der Zwischenzeit ausgeschiedenen Soldatinnen und…“

„… sich die parlamentarische Kommission gemeldet habe, dass die Treffunsicherheit der Schleuder nur auftrete, wenn sie über einen mehrtägigen Zeitraum mit Manövermunition getestet würde. Man müsse schnellstmöglich für einen realen Angriffskrieg sorgen, um die Testreihe unter besseren Experimentalbedingungen zu…“

„… nicht auszuschließen, dass die Prüfsiegel des Herstellers auf die Schleudern aufgebracht worden seien, obwohl diese faktisch keinerlei Qualitätssichernde maßnahmen…“

„… nicht zweckmäßig sei. Die vorgeschlagene Kühleinheit könne die Funktionalität zwar sehr viel besser gewährleisten, könne jedoch nicht an der Schleuder angebracht werden, so dass die…“

„… die Trefferquote der Schleudern von den erforderlichen neunzig auf durchschnittlich sieben Prozent sinke. Dies, so Seehofer, entspreche allerdings der üblichen Rate eines bayerischen Schützenfestes, das so gut wie nie ohne eine Blutalkoholkonzentration von mindestens…“

„… sei das Verteidigungsministerium bereits seit drei Jahren informiert gewesen. De Maizière habe gehofft, dass sich erheblich schwerere militärische Auseinandersetzungen entwickeln könnten, für die dann keine andere Wahl als die Steinschleuder…“

„… mit dem Waffensystem keine guten Erfahrungen gemacht habe. Zudem seien Pfeil und Bogen durch zahlreiche vorangegangene Kriege imagemäßig so belastet, dass man auch gleich die Neutronenbombe…“

„… sei de Maizière davon ausgegangen, dass jeder Nachfolger im Ministerium ohne jegliche Sachkenntnis oder einen…“

„… die technischen Probleme offenbar über einen längeren Zeitraum verschleiert habe, indem die hohen Außentemperaturen dafür verantwortlich gemacht worden seien, was zwar faktisch korrekt, so jedoch nicht vorgesehen sei und deshalb zu schweren …“

„… offenbar nur zu Schwierigkeiten gekommen, da die Abteilungsleiter im Ministerium zunächst keinerlei Hintergrundwissen über Waffen oder ähnliche…“

„… man einen Angriffskrieg auch dann nicht mit werbefinanzierten Klappmessern durchführen könne, wenn diese mit dem Logo der sozialdemokratischen…“

„… für eine propagandistische Aktion, die der Kriegstreiberei der SED-Nachfolgeorganisation entspreche. Die Konstruktionsfehler der Steinschleuder, so Kauder, könnten durch Drohnen mehr als ausgeglichen werden, da diese ein Vielfaches an Nichtchristen zu viel geringeren Kosten…“

„… da der Hersteller Prüfsiegel auf den Schleudern habe anbringen dürfen, ohne die Waffen einer vorherigen Prüfung…“

„… dass die Treffsicherheit der Schleuder vor zehn Jahren nicht habe vorausgesehen werden können. Die damalige Opposition habe es böswillig versäumt, die Kanzlerin auf die ständig drohende Steigerung der Erderwärmung aufmerksam zu machen, die letztlich für die Mängel der…“

„… eine Ausmusterung von über 167.000 Steinschleudern unbedingt verhindert werden müsse. Die Verteidigungsministerin werde dies innerhalb kurzer Frist der Boulevardpresse berichten, was für die restliche Welt wie das Signal zu einem konzertierten Angriff…“





Grundgesetz GmbH

22 04 2015

„Das ist unerhört! Unerhört finde ich das!“ „Jetzt regen Sie sich mal wieder ab.“ „Unerhört! Man sollte dieses Arschloch…“ „Vorsicht mit den Beleidigungen, das Amt ist knapp unterhalb des Staatsoberhauptes angesiedelt.“ „Und das ist ja heutzutage auch nichts mehr wert.“

„Aber Sie müssen doch zugeben, dieser Lammert hat nicht mehr alle Tassen im Schrank. Er fordert öffentlich, das Bundesverfassungsgericht zu entmachten!“ „Wenn die Mehrzahl seiner Parteigenossen das alle drei Tage unter Ausschluss der Öffentlichkeit fordern, würde Sie das nicht besonders erstaunen.“ „Aber er fordert es eben öffentlich!“ „Und das regt Sie so auf? Gehen Sie jedes Mal in die Luft, wenn ein Politiker sich als plärrender Pausenclown outet?“ „Der Mann ist doch schließlich ein Verfassungsorgan!“ „Regen Sie sich halt ab, dann darf er andere Verfassungsorgane doch anpinkeln, oder?“

„Wenn wir alle lästigen Kontrollmechanismen einfach abschaffen, was wird denn dann aus dem Staat?“ „Sie tun ja gleich so, als wolle der Mann uns ein Freihandelsabkommen aufschwatzen.“ „Jetzt werden Sie nicht auch noch ironisch! Wir haben doch dieses Gericht nicht aus Versehen, das ist doch bitter notwendig, wie Sie sehen!“ „Naja, er wird sich halt ein bissel geärgert haben, dass die Verfassungsrichter nicht alle Kopftuchmädchen aus den deutschen Schulen rausschmeißen wollen. Für einen bekennenden Christdemokraten ist es auch schwer, wenn man sich an die Verfassung halten muss.“ „Dafür wird er jedenfalls nicht bezahlt.“ „Wie auch, oder haben Sie im Reichtag schon mal einen Lobbyisten von der Grundgesetz GmbH herumturnen sehen?“

„Ist diesen Idioten denn nichts heilig?“ „Wir gehen ja gewöhnlich von säkularen Kategorien aus, aber sonst: nein. Ist es nicht.“ „Sie müssen sich mal überlegen, wir statten diese Politiker mit einer Macht aus, die sie auch noch missbrauchen, und dann langt es ihnen immer noch nicht.“ „Versuchen Sie doch mal positiv zu denken und schieben Sie es auf den deutschen Nationalcharakter. Blitzkriege, Exportweltmeister, wir leben halt auch ein Stück weit von der Ausdehnung.“ „Läppisch! Die Regierung hat doch genau das hier mehr als einmal provoziert!“ „Naja, Sie dürfen hier nicht Ursache und Wirkung verwechseln.“ „Die Ursache ist jedenfalls, dass der Bundestag größtenteils politischen Bockmist absondert und ihn dann vom Bundesverfassungsgericht in halbwegs grundgesetzkonforme Gestalt bringen lässt.“ „Das ist die Wirkung. Die Ursache ist, dass die viertklassigen Juristen im Bundestag gerne fünftklassige Juristen im Verfassungsgericht sitzen haben würden, aber das entscheidet leider nicht der Bundestag.“

„Nein, Sie haben das nicht verstanden. Das ist in meinen Augen ein deutlicher Versuch, die Demokratie in Deutschland abzuschaffen, das ist ein…“ „Geht’s nicht etwas leiser? der Mann möchte nur einmal ungestört vom Volk regieren, dafür müssen Sie doch Verständnis haben.“ „Was bitte!?“ „Sie als souveränes Volk möchten doch manchmal die Politiker auch gerne loswerden, oder haben Sie sich noch nie darüber geärgert, was die aus ihren Wahlversprechen machen?“ „Wir sollten jedenfalls auf diese Kampfansage mit einem ganz klaren Bekenntnis zur Gewaltenteilung und zur Demokratie…“ „Ja, das machen Sie mal. Immer machen Sie das mal, das hilft Ihnen hinterher sicher weiter, wenn Sie sagen können, dass Sie eigentlich dagegen waren.“

„Vor allem: er fordert dafür auch noch eine Grundgesetzänderung!“ „Na logisch. So ist das nun mal in einem Rechtsstaat.“ „Ach was, Rechtsstaat – er will, dass das Bundesverfassungsgericht sein eigenes Todesurteil unterzeichnet!“ „Meine Güte, wie romantisch.“ „Das ist doch wie…“ „Sagen Sie’s nicht, aber meinetwegen: die sind auch auf legalem Weg an die Macht gekommen. Und wissen Sie was? die wurden sogar gewählt.“ „Lammert nicht.“ „Dann wird er ja noch viel schlimmer sein, meinen Sie nicht auch?“

„Der Bürger verliert doch noch das letzte bisschen Vertrauen in die Politik.“ „Und das bringt ihm ein Verfassungsgericht, das Gesetze kippt, die danach nie wieder richtig verabschiedet werden?“ „Jedenfalls zeigt doch diese Angst vor den Verfassungsrichtern, dass die Politik eine noch zu gut funktionierende Demokratie fürchtet.“ „Also funktioniert sie noch gut, und deshalb haben Sie Angst, dass sie nicht mehr funktionieren könnte?“ „Man weiß ja nie, wo das alles hinführt.“ „Moment mal: das Bundesverfassungsgericht soll beschnitten werden mit einer Maßnahme, die letztlich nicht einmal das Bundesverfassungsgericht beschließen dürfte? Wie lächerlich ist das denn?“ „Ich sage, wir müssen dieses System in seine Schranken weisen, das solche Funktionsträger hervorbringt, die mit ihrer parteipolitischen Sendung unser Gemeinwesen zugrunde richten wollen.“ „Meine Güte, jetzt machen Sie sich mal locker! So schlimm ist das doch gar nicht.“ „Nicht schlimm!?“ „Lammert setzt sich ein für ein politisches System, in dem man jemanden wie ihn formaljuristisch legal an die Wand stellen dürfte.“ „Ach so. Na, dann.“





Bei den Hexen

21 04 2015

„Die Frau Ministerialdirektorin wird sofort für Sie Zeit haben.“ Freundlich wies mir Abraxa das Sofa an; es murrte ein wenig, als ich mich auf ihm niederließ, und die Beine ruckelten nervös hin und her, aber schließlich gab es Ruhe. Der schwarze Kater auf dem glühenden Schemel hatte mich gar nicht bemerkt. Tief und fest schlief er. Da klappte aus dem Schreibtisch eine silberne Stange hoch, auf der ein Rabe hockte. „Frau Ministerialdirektorin lässt bitten“, schnarrte er. „Lässt bitten!“

Jadwiga Zwackelbein kratzte sich umständlich an der Nase. „Dieses Fräulein Abraxa“, knurrte sie, „hat Ihnen wieder nicht den aktuellen Jahresbericht zugeschickt. Nur ein paar Tage bis Walpurgis, und sie wird wieder völlig nervös, weil sie nichts als Tanzen im Kopf hat, dieses junge Ding!“ Sie seufzte. „Man müsste noch einmal hundertdreißig sein.“ Ich lächelte. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin ja im Bilde über Ihre Situation. Wollen wir sehen, dass wir die Leser für mehr öffentliches Interesse an Ihrer Zunft gewinnen.“ Jadwiga sah mich schief an, mit einem wehmütigen Lächeln. „Sie machen sich keine Vorstellung“, antwortete sie dumpf, „was hier verbandsintern besprochen wird – es ist zum Wegfliegen! Wenn das alles an die Öffentlichkeit käme, meine Güte!“ Der Lobbyismus hatte ihr schwer zugesetzt, die Gewerbeordnung schien durcheinander zu geraten. „Damit wir uns nicht falsch verstehen: ich habe nichts gegen die Kolleginnen aus den ausländischen Verbänden – gut die Hälfte von uns ist schließlich auch zugewandert oder hat längere Zeit außerhalb unseres Verbandes gearbeitet. Die großen Aufträge, schlechte Winde, das Vieh erschrecken, Klosterbrüdern Blähungen und schlimme Träume machen, das ist ohne internationales Management gar nicht mehr möglich. Teilweise greifen die Innungen schon zu Zeitarbeit, aber selbst das dämmt den Fachkräftemangel nicht ein.“ In der Glaskugel hopsten die Lottozahlen der kommenden Woche vorbei. „Das Problem sind die vielen Kräfte, die uns vermittelt werden – zwei Semester Aufbaustudium Kräuterkunde, Abschluss an der Gesine-Schwan-Universität für Homöopathie, das ist doch wohl nicht etwa ernst gemeint!?“ Die Ministerialdirektorin war entrüstet.

„Und dann haben wir noch das hier.“ Jadwiga reichte mir wortlos ein Papier herüber. „Sie wollen ein Tarifanpassungsgesetz?“ „Wir müssen uns nun mal gemäß den Zunftgesetzen organisieren“, erklärte sie, „das beinhaltet schon seit Generationen eine Gebührenordnung. Aber kaum haben wir eine slowakische oder nigerianische Innung, die aus naheliegenden Gründen die Leistungen billiger anbieten – Sie können googeln, was ein Flugbesen in Bratislava kostet, und da sind die Ersatzteile schon drin – da wollen die Parteien, dass wir auch zu dem Preis arbeiten, damit die deutsche Wirtschaft konkurrenzfähig bleibt. Hat man denn das schon gesehen?“

Ich traute mich kaum, die Qualifikationen der ausländischen Kolleginnen zur Sprache zu bringen. „Da kann ich nicht klagen“, befand Jadwiga Zwackelbein. „Sie sind allgemein konventioneller ausgebildet, aber das muss ja nichts bedeuten. Für die meisten Routinejobs reicht das aus. Mal eine konzertierte Aktion im Elektroschaltkreis der Autobahnmautsysteme, ab und zu Brechreiz unter den Kunden eines neuen Restaurants, das trotz Spitzenbewertungen Gammelfleisch serviert, das müsste im Prinzip auch eine Novizin hinkriegen. Wenn nur diese deutsche Beschäftigungssituation nicht wäre!“

Die Behörden nahmen ihr Berufsbild offenbar nicht ernst. „Diese Idioten halten uns für eine Art Kirmeswahrsagerinnen“, ereiferte sich Jadwiga. „Standesrechtlich ist ein großer Liebeszauber mit Wetterleuchten für sie eine Art Voodoo, nur können wir im Gegensatz zu Voodoopriestern nicht einmal die Nadeln von der Steuer absetzen. Dazu kommt, dass sie uns sogar die Berufshaftpflichtversicherung streichen wollen. Meinen Sie, dass dann noch jemand freiwillig auf einen Besen steigt?“ „Aber dafür muss es doch einen Grund geben“, fragte ich ungläubig. „Sie zweifeln natürlich an der Notwendigkeit“, antwortete sie grimmig. „Sie haben die Stirn, uns für Scharlatane zu halten, die gar keine echte Dienstleistung erbringen – und das von einer Regierung, in der Leute sitzen, die mit Stromschlägen Homosexualität heilen wollen und fest daran glauben, dass ein alter Mann die Welt in sechs Tagen erschaffen hat!“ Die Ministerialdirektorin war gar nicht mehr zu bremsen. „Da haben sie sich aber in den Finger geschnitten“, rief sie, „wir haben jedenfalls ein Gutachten eingereicht von der Muhme Krötenpelz – Krötenpelz Donnerschlag und Collegen, kennen Sie? – und werden das durchfechten. Denn besteuert werden wir nur aufgrund der Tatsache, dass im Malleus Maleficarum unsere Existenz mit damals gültigen wissenschaftlichen Mitteln bewiesen wird.“ „Es muss Sie also geben“, schloss ich messerscharf, „und Sie werden diesen Prozess ganz sicher gewinnen.“ Sie blieb skeptisch. „Und wenn Sie ein wenig nachhelfen“, fügte ich an, „vielleicht können Sie ja nachhelfen, dass diese Regierung mit etwas mehr Vernunft…“ Da riss Jadwiga die Augen auf. „Ich kann zwar hexen“, gab sie zurück, „aber das geht dann doch zu weit!“








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