Mit brennender Sorge

30 06 2016

„Sie müssen auch mal mitdenken. Wenn in einem Ort so eine Asylantenunterkunft abgefackelt wird, mit Hakenkreuzschmierereien und allem drum und dran, kann das ja durchaus wirtschaftliche Gründe haben. Sie müssen nicht hinter jedem Mordversuch immer gleich niedere Beweggründe vermuten. Wir sind ganz normale Bürger hier, nur halt ab und zu ein bisschen besorgter.

Freilich sind das wirtschaftliche Gründe. Gucken Sie sich doch mal das Haus da an. Das war die reine Angst, dass man dieses Gebäude, wo die Asylanten hätten untergebracht werden sollen, dass man das eventuell als Luxushotel hätte herrichten können, und dann hätte die öffentliche Hand viel größere Steuereinnahmen davon gehabt als bei so einer Unterkunft. Doch, als Luxushotel. Das war ja mal ein richtiges, also ein Gasthof. Gut, eher ein Nebengebäude. Also ein Stall, ja. Aber man fackelt doch nicht einfach so einen Stall ab, den kann man doch hinterher wieder aufbauen, zum Beispiel eben als Luxushotel. In der Region gibt es doch keine gehobenen Beherbergungsbetriebe, da muss man doch erst einmal Anreize schaffen, dass sich der internationale Tourismus da etabliert – aber doch nicht diese temporären Gäste, die für länger bleiben und keine Deutschen sind!

Sie müssen die Befürchtungen der Einwohner doch mal ernst nehmen, und die sind halt nun mal wirtschaftlicher Natur. Wenn Sie als Mitglieder der dörflichen Volksgemeinschaft, völkischen Dorf… – also Sie sind da geboren und haben noch keinen Anschluss an die ortsansässige Jungnazigruppe gefunden, da kommt bei Ihnen doch automatisch die Existenzangst. Sie bauen nie Beziehungen auf, und das kann dazu führen, dass Sie keine Lehrstelle bekommen, keinen Arbeitsplatz, dann müssen Sie von Hartz IV leben, und dann geraten Sie am Ende in schlechte Gesellschaft. Da wird man doch mal aktiv im Sinne der nationalen Sache, oder nicht?

Damit wir uns nicht falsch verstehen, wir sind gar keine Nazis, wir sind nur sehr besorgt, dass die Heimat hier einen Werteverlust erleidet. Das fängt doch schon damit an, dass Ihr Haus nicht mehr so viel wert ist, wenn in Sichtweite die Asylanten da einziehen. Oder direkt daneben. Dann verhält man sich doch als vernünftig denkender Deutscher rein rational und sorgt dafür, dass die Asylanten nicht in der direkten Nachbarschaft siedeln, sondern ein bisschen weiter weg. Das ist reiner Bestandsschutz. Dazu wird Ihnen jeder Investmentbanker raten.

Jetzt lassen Sie mal die Kirche im Dorf, wir sind wirklich nur besorgte Bürger, mit brennender Sorge sogar. Momentan treibt uns vor allem die Sorge um, dass die ganzen Schwarzafrikaner möglicherweise Ebola einschleppen und sich dann der Landkreis daran infiziert, und dann können die alle nicht arbeiten – gut, von denen arbeitet keiner, aber die Asylanten waren eh aus dem Iran, aber das wäre natürlich ein enormer wirtschaftlicher Schaden, weil wir denen ja immer weiter Asylhilfe zahlen müssten. Da muss man doch mal einschreiten, oder wie stellen Sie sich das vor?

Wir werden hier ja nicht gerade gefördert, das müssen Sie immer auf dem Schirm haben, also müssen wir schon zur Selbsthilfe greifen. Unser größtes Problem ist ja die Massenabwanderung, und das kriegt man nur in den Griff, wenn man die Zuwanderung ebenso massiv bekämpft. Dass die uns alle ruinieren werden, das liegt doch auf der Hand, wirtschaftlich gesehen. Wenn Sie hier eine Million Fremde bei sich aufnehmen, und die Ortschaften sind hier wirklich nicht groß, das würde man doch schon merken, dann müssen Sie sich auch nicht wundern, dass Sie in der Bäckerei keine Brötchen mehr kriegen. Wobei wir mittlerweile so strukturschwach sind, hier gibt es nicht einmal eine Bäckerei, weil die ganzen Einwanderer kommen und dadurch die Abwanderung anhält.

Natürlich kommt einem das irgendwann schon mal komisch vor, wenn das erklärt wird mit dem allgemeinen Strukturwandel. Da müssen Sie auch mal mitdenken, da ja die Umvolkung quasi im Preis mit inbegriffen. Die alte Ordnung raus, die neue Ordnung rein. Das erzeugt früher oder später schon Argwohn, dass hier durch verstärkte Ansiedlung von Asylanten möglicherweise im Landkreis ein Spaßbad gebaut werden könnte – doch, das ist ein Grund, weil die Asylanten dann nämlich nicht reingelassen werden, und dann haben die da das Spaßbad stehen, und im Ort sind so viele Leute, die sich das nicht leisten können, und dann muss man das aus Frust anzünden, und dann gilt man gleich wieder als politisch unkorrekt, aber in Ergebnis ist das doch viel kostspieliger und deshalb haben wir halt jetzt schon die Brandsätze geschmissen, noch bevor dieses Spaßbad gebaut wurde. Land der Frühaufsteher, das war vielleicht gestern, aber wir sorgen dafür, dass Sie schon nachts kein Auge mehr zukriegen!

Also erzählen Sie mir nicht, dass wir hier immer nur der DDR hinterhertrauern, das stimmt so nämlich nicht. Auch unter Adolf war ja nicht alles schlecht. Die Wirtschaft eben, da müssen wir noch ran. Sie müssen nun nicht denken, dass wir alle wie die Elite Steuerhinterziehung betreiben können, da läuft ja nichts, aber so ein Versicherungsbetrug ab und zu, das hilft letztlich dem Bruttosozialprodukt auf die Beine. Im Herbst brennt’s, pünktlich zum Frühjahr kann man die Bude wieder herrichten, und dann kommt wieder der Herbst. Und wenn dadurch irgendwann kein Geld mehr da ist für diese ganzen Asylanten, dann ist doch jedem gedient. Oder nicht?“





Katerstimmung

29 06 2016

Bismarck lag apathisch auf dem Sessel und schniefte. „Sie sehen es doch selbst“, jammerte Herr Breschke, „er kann es gar nicht gewesen sein!“ Das ließ sich nun nicht leugnen; zwar schlich der von einem Sommerschnüpfchen gequälte Dackel ab und an in die Küche und schlappte ein bisschen Wasser, doch das Haus hatte er seit einer Woche nicht verlassen.

„Er war es nicht!“ Horst Breschke stampfte voll Empörung leise auf den Teppich, immer bedacht, den dämmernden Hund in seinem Genesungsschlaf nicht zu stören. „Ich bin ja gleich mit ihm zum Tierarzt, und seitdem liegt er und kuriert sich aus. Er kann Gabelsteins dämliche Tulpen überhaupt nicht zertrampelt haben – das bildet dieser Idiot sich nämlich nur ein. Was weiß ich, wahrscheinlich trinkt er wieder und…“ Da gebot ich dem zornigen Hausherrn Einhalt. „Keine Vermutungen“, mahnte ich, „wir brauchen verlässliche Fakten. Nur damit kommt man dem Mann auf die Spur.“

In der Tat war Gabelstein einer von der Sorte Nachbarn, die einem das Leben auf einer einsamen Wüsteninsel im Ozean schon nach kurzer Zeit recht schmackhaft machen. Im Herbst kippte er sein Laub auf Breschkes Rasen, anstatt es – was weniger Aufwand bedeutet hätte – auf den eigenen Kompost zu tragen, im Winter schippte er den Schnee von seinem auf Breschkes Trottoir, schoss auf den Nachbarn zur anderen Seite mit Kernen, die von dessen Kirschbaum stammten. Nun hatte Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, mehr als einmal sich in Gabelsteins Garten an den Beeten verlustiert, ein Gartenzwerg war zu Bruch gegangen und hatte die Gräben zwischen den beiden noch einmal empfindlich vertieft. Leicht war es nicht. Wenn man ihn ignorierte, ging es einigermaßen.

„Ich werde diesem Unhold gehörig die Meinung geigen“, knurrte der Alte, und schon lief er die Treppe empor. Ich folgte ihm. Er zog die Gardinen zur Lagebegutachtung ein wenig auf. „Dort ist das Beet“, erklärte Breschke. „Wenn Bismarck – also ein Hund, ein anderer Hund natürlich auch, aber der müsste dann ja von der Straßenseite, und wir haben hier eigentlich keine anderen Hunde.“ Er sah mich an, eine Mischung aus Argwohn und halber Furcht im Blick. War es doch der eigene Dackel gewesen? Aber der lag ja ab und an hustend im Wohnzimmer. „Wer könnte ein Interesse an Gabelsteins Blumen haben?“ Der pensionierte Finanzbeamte musste wirklich scharf nachdenken; üblicherweise wären neue Nachbarn, gefährlich aussehende Chinesen – die für ihn immer gefährlich aussahen, sonst wären es keine Chinesen gewesen – oder geheimnisvolle Möbellieferanten die Quelle seines Misstrauens geworden, doch jetzt war alles anders. „Da!“ Ich packte ihn am Arm. Durch den Staketenzaun glitt geschmeidig ein dicker, rot getigerter Kater.

„Zu wem gehört denn der?“ Breschke hielt die Luft an, als wollte er das behäbige Tier dort unten in Gabelsteins Garten nicht erschrecken. Der Kater schnürte zielgerichtet an der Hecke entlang und betrat dann das besagte Tulpenbeet. „Er scheint sich dort recht wohlzufühlen“, bemerkte ich. Genüsslich scheuerte er sich an der Hauswand und ließ sich dann in die Blumen fallen. Bismarck war, was dies anging, ein Musterbild an Gründlichkeit, doch fehlte es ihm immer an der nötigen Zerstörungswut.

Keine fünf Minuten später – der Kater hatte sich noch einmal genussvoll und entspannt die Pfoten geleckt und war auf der anderen Seite der Hecke über das Grundstück der Breschkes verschwunden – tobte Gabelstein am Zaun, schrie und schüttelte wutentbrannt die Fäuste. „Sehen Sie?“ Ich begriff. „Was machen wir denn jetzt?“

Der Ersatzgartenzwerg stand noch in Packpapier eingeschlagen im Kellerregal. „Meine Tochter hat gleich drei von ihnen gekauft“, erklärte Breschke. „Einer hat den Transport nicht überlebt, dann hat meine Frau einem mit dem Besenstiel die Nase abgehauen, und der hier ist noch übrig.“ Ich nahm ihn heraus und trug ihn behutsam die Treppe empor. Dort am kleinen Baumstumpf dicht am Zaun passte das Ding ganz gut. „Man sieht ihn ja gar nicht“, maulte Breschke. „Lassen Sie mich nur machen.“ Wir stellten ihn unter großem Gestikulieren und mit enormem Theater ab. Dann gingen wir im Schutz des Kellertreppenaufgangs in Deckung.

Hinter dem Fenster bewegte sich ein Schatten. Die Tür öffnete sich einen Spalt, heraus huschte Gabelstein, die Harke in der Hand. Wo kurz zuvor noch der fette Kater sein Unwesen getrieben hatte, drückte er sich an der Wand lang auf die Hecke zu, wo er sich duckte und gebückt nach vorne schlich. Wir hielten die Luft an. Da knackte es, raschelte und keuchte unterdrückt, um nur ja keinen Laut zu machen. Millimeterweise drehte Gabelstein den Stiel um und schob ihn zitternd durch die Hecke. An einem starken Ast blieb er fast stecken, dann kam der Stiel näher, dicht über dem Boden, noch zwei Handbreit, noch eine –

„Schaffen Sie’s alleine?“ Mit dem Fuß hatte ich auf den Rechen getreten, während sich zwischen Stiel und Kiesweg Gabelsteins Finger befanden. Ein unterdrückter Schmerzensschrei zeigte an, dass die Operation gelungen war. Er fuhr in die Höhe. „Was machen denn Sie hier?“ Es raschelte hinter ihm an der Hauswand. Da war er wieder, der rote Kater. Wie von der Tarantel gestochen drehte sich der Mann um. Die Harke verhielt sich vorschriftsmäßig, ihr Stiel schlug Gabelstein mitten ins Gesicht. Breschke lugte von der Kellertreppe auf. „Vielleicht sollte ich Bismarck wieder in den Garten lassen.“ Ich nickte. „Eine gute Idee. Die frische Luft wird ihm gut tun.“





Bleiben Sie dran

28 06 2016

„… seien die betroffenen Kreise der Ansicht, der Einsatz von Werbeblockern habe juristisch keinen Bestand und müsse daher umgehend durch ein Bundesgesetz…“

„… mache der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft ein Menschenrecht auf Reklame geltend. Man könne beispielsweise in Ländern wie Nordkorea sehen, wie das Fehlen von ausreichend Produktinformationen ein ganzes Volk in eine tiefe wirtschaftliche Depression…“

„… sei auch medienpolitisch als äußerst problematisch zu betrachten, da durch eine bewusste Ausblendung von Werbeanzeigen die Nutzer nur einen Teil der ihnen zur Verfügung gestellten Informationen auch wahrnehmen könnten. Dies unterstütze die momentan überall geäußerte Skepsis an der Neutralität der…“

„… in einer ersten Testreihe versucht, mehr personenbezogene Werbung abzudrucken. Es sei jedoch schwierig gewesen, vor der Produktion des Magazins mehrere Hunderttausend Leser nach ihren Konsumgewohnheiten zu…“

„… einen Totmann-Knopf an den Radiogeräten anbringen wolle, der alle dreißig Sekunden einmal gedrückt werden müsse. So wolle man verhindern, dass Hörer den Schalter mit Hilfe von Klebefilm, abgebrochenen Zündhölzern oder…“

„… erfolglos eingestellt worden sei. Das geplante Modell, Kioskkäufer nach den von ihnen gewünschten Anzeigen zu interviewen und ihnen nach einer Wartezeit von wenigen Wochen ein personalisiertes Nachrichtenmagazin zur Abholung in die gewohnte Verkaufsstelle zu senden, habe sich überraschend als finanziell nicht mehr…“

„… man erst einen Spielfilm sehen könne, nachdem ein sechzig Minuten dauernder Block aus Werbespots die…“

„… als technisch nicht beherrschbar bezeichnet habe. So könne ein gezieltes Umschalten auf einen Sender, der gerade keine Werbepause bringe, nicht verhindert werden, was die Reichweite empfindlich…“

„… das Modell über einen Sensor verfüge, der in der mitgelieferten Couch integriert werden müsse. Nur bei Vollbelastung schalte sich der Bildschirm an, so dass auch während der Werbeunterbrechung eine Anwesenheit vor dem…“

„… sich als verkehrstechnisch viel zu unsicher herausgestellt habe. Die Betätigung des Schalters während der Fahrt sei so gut wie nicht möglich, ohne die Konzentration auf sein Autoradio mehr als erforderlich…“

„… nicht intelligent genug sei. Testpersonen sei es gelungen, während der Werbepause einen Kartoffelsack, Hunde, Bierkästen und…“

„… als Brückentechnologie Radios anbieten wolle, die nur einen einzigen Sender empfangen könnten. Dies sei zwar im Fall von Autoradios und mobil betriebenen Geräten für die Benutzer sehr unattraktiv, verhindere aber ein unkontrolliertes Umschalten besser als jede…“

„… würden die Magazine mit jeweils zwei zusammengehefteten Seiten verkaufen, auf deren Außenseite sich Werbeanzeigen befänden. Erst nach dem Auftrennen der Heftung sei es möglich, den redaktionellen Content im…“

„… einen kombinierten Gewichts- und Wärmesensor in die Sitzmöbel einbauen wolle, damit die Zuschauer das Fernsehgerät nicht mit Büchern oder einem Stapel…“

„… es beim Kauf von Zeitschriften normal geworden sei, die Seiten zu trennen und sofort mit der Werbung nach innen wieder zusammenzuheften. Ein gesetzliches Verbot könne nach Ansicht des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger nur ein erster Schritt in…“

„… im Testhaushalt ein unbeteiligter Großvater während der Werbepausen quer über die ganze Couch gelegt worden sei, während die anderen Familienmitglieder sich in der Küche, im Keller oder im…“

„… sich die Landesmedienanstalten nicht hätten darauf einigen können, wer die Durchführung des Projekts leiten solle. Eine vorherige Anmeldung für Hörzeiten bei einem in der Bundesrepublik frei empfangbaren Rundfunksender müsse wegen der zu erwartenden Personalengpässe wenigstens sechs Monate im Voraus…“

„… müsse das Problem hardwareseitig angegangen werden. Ein kombinierter Sensor mit einer Empfangseinheit für RFID-Chips, die sich in der Unterwäsche der jeweiligen Zuschauer befänden, weise zwar einen nur mäßigen Komfort auf, biete aber bessere Kontrollmöglichkeiten als die…“

„… den Versuch als wenig durchdacht bezeichnet habe. Die Organisation der Mediaagenturen halte ein jeweils ganzseitiges Layout mit Werbeanzeigen auf der rechten Seite zwar für geeignet, die Einnahmen zu steigern, es könne aber nicht verhindern, dass die Leser die Zeitschriften auch weiterhin im umgeschlagenen Zustand…“

„… könne nur dann funktionieren, wenn die vorher angegebene Gruppengröße und die vom Gerät festgelegte Sitzposition genau eingehalten werde. Zufällige Besucher könnten nun nicht mehr zum Fernsehen in der Wohnung bleiben, sofern sie nicht als zuvor registrierte…“

„… müsse der Gesetzgeber vorbeugen, dass sich Radiohörer nicht durch gleichzeitigen Konsum von Printmedien abgelenkt fühlten, wobei besonders die simultane Betrachtung von Anzeigenwerbung für Konkurrenzprodukte ein schwerer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der werbetreibenden…“

„… argumentiere der Hersteller vor allem mit leistungsschutzrechtlichen Bedenken. Wer sich nicht für ein Gerät habe registrieren lassen, dürfe nicht einfach Werbespots aus diesem…“

„… Radiogeräte im Büro neu bewerten müsse, da die hörenden Personen jederzeit ohne vorherige Ankündigung aus dem Raum…“

„… in einem nächste Schritt zufallsgesteuerte Abfragen nach Menge, Anordnung und Inhalt der Werbespots in einer Filmpause zu zeigen, bevor das Programm weiterlaufe. Nur so könne sichergestellt werden, dass sich die Streuverluste in einem für die Werbeindustrie tolerierbaren Rahmen…“

„… eine Sonderregelung für Public Viewing und Zeitschriftenauslage in Frisiersalons und Arztpraxen finden müsse. Der Multi-User-Mode sei eine Reichweitenerhöhung, für die der Leser bzw. Zuschauer nochmals gesonderte Gebühren…“

„… müsse die Reizstrommanschette vor jeder Fernseherbenutzung angelegt werden. Es sei nicht auszuschließen, dass bei dreißig Minuten langen Werbeblöcken die Aufmerksamkeit unter ein akzeptables Maß sinke, weshalb mit kurzen, aber deutlich spürbaren Stößen von…“





Marschlöcher

27 06 2016

„Hatten Sie an ein konkretes Projekt gedacht oder sind Sie eher an einer generellen Umkehrung von gewissen Verhältnissen in diesem gesellschaftlichen Kontext interessiert? Ich frage das nur wegen der Dauer des Einsatzes. Sie müssen ja auch wissen, was Sie sich das kosten lassen wollen.

Ja, das stimmt. Wir haben damals mit Bürgerinitiativen begonnen. Hier mal eine 30-Kilometer-Zone verhindern, eine Verkehrsinsel, das waren noch Zeiten! Dass man eventuell damit die Startbahn West durchkriegt, ein Kernkraftwerk, oder – ja, Sie haben recht, das ist absolut crazy! – einen Bahnhof, wobei: da muss ich jetzt leider den Mund halten. Wir haben auch Betriebsgeheimnisse, und Sie möchten sicher nicht in Gewissenskonflikte kommen, oder?

Wobei: Gewissen, das ist so eine Sache. Viel davon dürfen Sie hier nicht haben, auch nicht so eine intermittierende Solidarität mit dem Volk, das sich irgendwo leider so stark mit seiner Heimat identifiziert, dass es da Häuser bauen und wohnen will. Da gehen die Interessen des Kapitals nun mal ganz eindeutig vor. Einflugschneise zum Beispiel, oder Nachtflugverbote, wobei: wenn so eins dann durchkommt, dann steigen auch die Grundstücke wieder im Wert, und dann müssen Sie schon überlegen, ob Sie vorher eins kaufen und es dann hinterher abstoßen, aber gut, so eine Frage des Gewissens ist das jetzt nicht. Wir sind inkognito unterwegs und in vielen Vereinen und Verbänden tätig und in Bürgerinitiativen. Keine Lobbyisten, das hat in Deutschland immer so einen negativen Touch. Eher eine stimmbildende Maßnahme. Für die Stimme des Volkes halt.

Diese Sache mit dem Saatgut, Sie haben sicher davon gelesen, da haben wir gerne mal eine ganze Mannschaft losgeschickt. Natürlich nur gut erprobte Spezialisten, die müssen sich ja mit ihrem Umfeld auch auskennen. Parlamente, Kommissionen, die Industrie, Banken, die Kontaktbereichsfachkräfte, die den Landwirten mal ein paar Fragen stellen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen, auch gerne mal mit leicht existenziellem Unterton, wobei: wir sind ja im Vorfeld immer an den finanziellen Bedürfnissen unserer Zielgruppen interessiert, das dürfen Sie nicht falsch verstehen. Verwechseln Sie uns nicht mit der Mafia. Oder mit dem Verfassungsschutz. Damit wollen wir nichts zu tun haben.

Aber beispielsweise die vielen besorgten Bürger, die gegen Flüchtlingsheime in ihrem Viertel sind. Gut, die sind nicht direkt neben ihrer Haustür, und manchmal sind die auch nicht in ihrem Viertel, aber dafür sind es größtenteils gar keine besorgten Bürger. Wir springen da gerne ein, damit die schweigende Mehrheit sich äußern kann. Das ist ja manchmal gar nicht so einfach, wobei: die haben zwar eine Stimme, aber manchmal sagen die nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. Oder unsere Auftraggeber. Aber dafür gibt es uns ja.

Doch, Sie dürfen uns ruhig als gesellschaftlich relevant begreifen. Wir betrachten uns auf einem Marsch. Auf einem Marsch durch die Institutionen sozusagen, durch die Politik, damit der Bürger sich vertreten fühlt, und durch die Bevölkerung, damit die Politik weiß, worum es eigentlich geht. So eine gesamtgesellschaftliche Einheit würden Sie mit etwas Bestechung nie hinkriegen.

Natürlich haben Sie dann immer noch das Problem mit der Presse. Die wollen Ihnen ja nie glauben, dass das alles ganz basisdemokratisch, wobei: Basis stimmt, aber über Demokratie würde ich mich an Ihrer Stelle mit denen nicht streiten, da haben die sowieso ihre eigenen Ansprüche. Und da ist es ja auch kein Wunder, dass keiner mehr die Presse mag.

Also für Sie jetzt erstmal nur das mit den Fahrradwegen? Ach, Sie haben da Baugrund, dann ist das klar. Wir machen das zum Einheitspreis, wenn Sie später beispielsweise eine Erweiterung auf drei Fahrspuren wollen, wobei: da man auch da den Fußgängerüberweg wegnehmen würde, müssten wir unsere Kommunikationsstrategie nochmals überarbeiten. Oder gleich ganz andere Leute einsetzen. Das ist Ihre Entscheidung. Aber jetzt erstmal nur den Radweg. Wir würden da vielleicht eine praktische Überprüfung machen, in etwa mit einem halben Dutzend Kraftfahrern pro Tag, die sich durch Radfahrer massiv in ihrer Verkehrssicherheit bedroht fühlen. Wenn Sie uns die Adresse vom zuständigen Bauamtsleiter geben, wobei: den kenne ich sogar, der hat nebenbei ein Autohaus. Ich würde sagen, läuft bei Ihnen.

Man kann ja für spätere Projekte immer offen bleiben, nicht wahr? Falls Sie auch mal einen Bahnhof bauen sollten. Oder bei akut drohender Errichtung einer Moschee, wobei: wir sind ja doch bemüht, die Grenzen des geltenden Rechts nicht zu sehr überzuinterpretieren. Das schaffen manche besser, manche nicht so gut, dann gibt es noch die Hamburger Polizei, und wir haben einen sehr individuellen Weg, uns mit der Materie zu befassen. Falls Sie Fragen haben, stellen Sie die lieber vorher. Ein Teil der Antworten könnte Sie verunsichern.

Sie müssten nur noch ein paar Formulare ausfüllen, dann können wir auch schon beginnen. Gucken Sie sich das lieber noch mal auf dem Stadtplan an, möglicherweise eignet sich da ein Grundstück auch für einen Kindergarten. Oder ein Pflegeheim. Oder ein Hospiz, wobei: Schulen kriegen Sie schwieriger weg. Und noch eine kurze Frage, bevor Sie unterschreiben: aus der EU wollen Sie nicht zufällig raus?“





Brexitus

26 06 2016

Es ist geschehen. Vor drei Tage entschieden sich die Briten zum Auszug aus der EU. Eine Hälfte hasst die Inselbewohner, die andere fürchtet nun den Zusammenbruch des ganzen Kontinents. Gute Güte – wir werden sie nicht vermissen, diese dauernd quengelnden Profilneurotiker, nach deren Pfeife wir jahrzehntelang getanzt, denen wir eine Extrawurst nach der anderen gebraten, deren infantiles Getöse, deren ständige Drohungen nach der vollkommenen Isolation, im Regelfall unter Ignoranz sämtlicher Gesetze und Bündnisse, wir erduldet haben, bis uns die Ohren bluteten. Wir kommen auch ohne ein Paradies für Überwachungsfanatiker zurecht, das ohne üppige Transferzahlungen bald wieder da ist, wo es herkommt: in der Armut einer abgehängten bäuerlichen Region. Für dieses ganze Theater haben wir schließlich die Bayern. Alle anderen Anzeichen, dass Europa leichte Schlagseite hat, wie immer in den Suchmaschinentreffern der vergangenen 14 Tage.

  • plattensee atommüll: Wenn man sich die aktuelle Entwicklung ansieht, scheint schon jemand auf die Idee gekommen zu sein.
  • bartagame ist ganz zittrig: Verdünnen Sie ihren Whisky.
  • gauland alkoholiker: Es ist ja wieder genug Whisky da.




In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCXCVIII)

25 06 2016

Der Fritz und der Ferdi aus Mauthen,
die nächtens so allerhand klauten,
die sollten am Morgen
für Ärgernis sorgen:
womit baut in Mauthen man Bauten?

Fabrice kennt man in Ouanaminthe
als folgsames, fleißiges Kind,
das selbst nach Entwenden
von Taschengeldspenden
mit mancherlei Arbeit beginnt.

Die Gretel, die töpfert in Mitschig
aus Ton einen furchtbaren Kitsch sich.
Sie kann’s selbst nicht leiden
so schmeißt sie’s mit beiden
den Händen fort – dies war zu glitschig.

Es gärtnert Thirith in Lumphat,
sie schneidet vom Baum Blatt um Blatt,
dann schließlich die Äste
und findet, das Beste
ist doch, wär der Stamm auch noch glatt.

Es wird Valentina in Würmlach
im Dachgeschoss jäh vom Gestürm wach.
Was sie rasch erweckte,
das Dach kräftig leckte.
Jetzt sitzt sie im Bett unterm Schirmdach.

Es knetete Graham in Schreiber
tagein und tagaus viele Leiber.
Es hielten die Kräfte
im Muskelgeschäfte
kaum Männer aus, sondern nur Weiber.

Dass Erwin in Maria Wörth
bisweilen recht hirschähnlich röhrt,
ist für die Touristen,
die dies gern vermissten,
nicht gut, weil es nachts ziemlich stört.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXXXIV): Clickbaiting

24 06 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Für Rrt sah die Sache auch nicht besser aus. Die Hauptfrau hat ihn aus der Höhle geworfen, nachdem er einen Eimer Palmschnaps aufs frisch gereinigte Schlaffell gehustet hatte. Bei Nggr war gerade die bucklige Verwandtschaft zu Besuch, die Gattin von Uga hatte soeben irgendein Kind zur Welt gebracht – so genau zählte man damals nicht – und er wusste nicht, wo er übernachten sollte. Ein Kleckerchen Getreidebrei trug er noch bei sich für die Nacht, aber das verbesserte seine Gefühlslage nicht nennenswert. Da stand eine fesche Braut an der Blätterhütte neben dem Fischtümpel. Rrt drückte der Drallen drei Eberzähne ins Händchen, nestelte erwartungsfroh seinen Pelz auf und spürte das Blut in seinen Arterien gefriertrocknen. Auf der Moosunterlage rekelte sich etwas, das nur einen Schluss zuließ. Die am Eingang musste ihre Enkelin gewesen sein. Schade eigentlich.

Das funktioniert bis heute, und das funktioniert im Internet erst recht. Weil das Klickibunti mit den gefühlten 99 Prozent Luft nach unten jede noch so redundante Information zur Not hinter sich selbst versteckt, um den Nutzer im Augenblick festzuschwiemeln, braucht es Angelhaken, spitze Dornen zum Kobern für den schnellen Leserausch, damit die hirnreduzierte Masse im Dunkel des unsortierten Wortdurchfalls nicht weiterdümpelt und nach dem nächsten Wurm schnappt. Das bisschen intelligente Leben in diesem stehenden, halb umgekippten Gewässer, es hat sich schon fast abgewendet von der Hoffnung, in der medialen Unratsuppe zu überleben. Die Nebenprodukte der Zivilisation haben die Herrschaft übernommen, kurzlebige Arten mit der Aufmerksamkeitsspanne von Mikroben, instinktgesteuert, wenngleich mit wenig davon ausgestattet. Zehnmal wollen sie unbedingt sofort und jetzt gleich alles, statt etwas zu verpassen, von dem sie nicht einmal wissen, was es ist. Sie wissen nicht, dass sie eigentlich Köder sind, weniger Konsumenten als das Produkt selbst, das in evolutionär signifikanten Mengen verbraucht und gleich darauf entsorgt wird.

In der eher vernachlässigbaren Existenz der Querkämmer passiert nachweislich nichts – wie auch, wenn Permanentberieselung mit medialem Sondermüll zum seit Generationen in die Gene eingelaserten Programm gehört, das die mähliche Abstumpfung bis in valiumgeschwängerte Gefilde hievt, wo nur noch grobe Schmerzreize für wenige Sekunden aus dem Halbkoma holen, bevor die Dumpfklumpen wieder im Sopor ersaufen. Jetzt aber, jetzt! Unglaublich, was der Mann da mit dem Eierkarton macht! Faszinierend! Wir werden alle gar nicht darauf kommen, was dann geschieht! Der nackte Wahnsinn! Wahrscheinlich klatscht er ihn platt und tritt das Ding in die Tonne.

Aber selbst da, rabulierende Rhetorik im letzten Gewindegang für zu viel Scheiße unter der Sahnehaube, rechnet sich der knapp kalkulierende Businesskasper aus, wie viel Adrenalin er braucht, um den Aggregatzustand der sedierten Herde zu ändern. Er arbeitet gegen seine eigene Verrichtung an, proximate Ursachen des Verhalten zeitweilig wieder zu unterdrücken. Der instinktiv Beknackte wird intellektuell ausgeknipst, bevor er in einer Art Kurzschlusshandlung aufflackern darf, damit der Konsumismus nicht die Grätsche macht. Latscht in die Werbung, sagt der Schmadder, um mehr geht es doch gar nicht. Wenn wir sie verkaufen, dann doch wenigstens für dumm.

Damit der dünn angerührte Schlumpf sein Äußerstes gibt, wird er am Plärrzentrum gepackt. Ein Zehnjähriges ist seit Wochen um, jetzt lesen wir den erschütternden Brief an die Eltern. (Reklame für Appetitzügler, mit einem einfachen Trick zehn Kilo in weniger als einer Million Jahren verlieren.) Die Tragödie eines Schülers, der als Großvater wieder nach Hause fand. (Weil er mit einem Kredit die Hütte abreißen konnte.) Die dreiundneunzig Dinge, die man nicht verpasst haben darf, wenn man vor siebenunddreißig Jahren höchstens elf war. (Billiger Spot für gefärbte Zuckerplempe, die es damals noch nicht gab, aber der Creative Director macht den Mist auch nur für die Kohle, außerdem ist er noch nicht alt genug.) Kurz bevor es haarig wird, rutschen Kinder und Katzen auf den Rührungsdrüsen herum. Irgendwie kriegt man die Sache immer verkauft.

Der Guckreiz drückt von innen gegen die Rinde. Der auf Passivität gedrillte Kurzstreckendenker muss selbst die Tür eintreten, die ihm ein Komplize von innen vernagelt, er ist nicht verführt worden. Und der Komplize weiß um die Denkart der Schnitzelkinder: was alle wollen, das muss gut sein. Teilt der Bescheuerte seinen Müll, den er nicht einmal begriffen haben wird, auch noch in den asozialen Medien, so wird er endgültig seinem Ruf als Marionette gerecht: die Beute, die Lockspeise wird. Das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Achtunddreißig Gründe, warum es einem trotzdem wumpe ist. Bei Nummer dreizehn wäre der Redakteur fast eingeschlafen. Und jetzt die Klickstrecke. Bleib dran, Du Opfer.








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