Der Feind in meinem Land

29 09 2016

„Die kriegen aber auch alles reingesteckt, hinten und vorne!“ „Was denn?“ „Möbel, Fernseher, alles eben. Das kann sich unsereins gar nicht leisten.“ „Sagt wer?“ „Karsunke. Der wohnt doch an der Straße, wo die Laster jeden Tag so durchfahren. Der weiß das ganz genau, der Karsunke.“

„Wieso wollen Sie jetzt eigentlich neue Möbel? Gefallen Ihnen Ihre eigenen nicht mehr?“ „Es geht doch nicht darum, dass ich neue Möbel will.“ „Weil Sie sich die nicht leisten können.“ „Ich kann mir wohl neue Möbel leisten, Sie!“ „Dann kaufen Sie sich doch neue Möbel.“ „Will ich aber nicht!“ „Oder einen Fernseher.“ „Brauche ich nicht, wir gucken doch gar nicht so viel. Das Programm ist ja nur noch Mist.“ „Wenn Sie erstmal neue Möbel haben, dann haben Sie vielleicht auch wieder Spaß am Fernsehen.“ „Aber wenn ich doch gar keine will, wozu soll ich mir dann neue Möbel kaufen?“ „Und die anderen?“ „Ich will keine neuen Möbel, ich will auch, dass die anderen sie keine kriegen!“ „Und keine Fernseher?“ „Was hat denn damit zu tun?“ „Wenn das Programm so schlecht ist, dann kann man den Leuten doch ruhig mal Fernseher schenken. Das ärgert die vielleicht sogar.“ „Ja, schenken – das ist es! Schenken, immer nur schenken!“ „Und das ärgert Sie?“ „Schenkt mir vielleicht einer einen Fernseher?“ „Aber eben haben Sie doch noch gesagt, dass Sie gar keinen haben wollen.“

„Es geht eben darum, dass diese Ausländer alles umsonst kriegen, die Möbel, die Fernseher, und dann diese Klamotten.“ „Klamotten?“ „Karsunke sagt, die tragen alle diese irrsinnig teuren Sachen aus Amerika.“ „Möglicherweise handelt es sich auch um Kleiderspenden.“ „Jedenfalls haben die nicht so herumzulaufen!“ „Warum denn nicht, die Hauptsache ist doch: sauber und ordentlich.“ „Aber die doch nicht!“ „Als Ihre Tochter neulich mit diesen zerlöcherten Hosen angekommen ist, da wollten Sie sie auf die Straße werfen.“ „So läuft man ja auch nicht herum.“ „Und bei Ausländern, die saubere Kleidung tragen, fangen Sie dann auch gleich an zu meckern?“ „Es geht hier nicht um saubere Kleidung, das sind keine Deutschen! Die haben nicht in diesen Klamotten herumzulaufen!“ „Wären Ihnen Lumpen vielleicht lieber?“ „Die sollen hier gar nicht auf die Straße!“ „Also wenn die gar nicht auf die Straße sollen, dann kann es Ihnen doch völlig schnurz sein, was die für Kleider tragen.“ „Der Ausländer an sich hat nämlich anders herumzulaufen als der Deutsche, sonst kann man die nicht mehr von den Deutschen unterscheiden.“ „Ich dachte immer, die Ausländer hätten sich hier zu integrieren, anstatt in Parallelgesellschaften zu leben.“ „Das auch, aber das hat doch mit Kleidung nichts zu tun!“ „Ja, das finde ich auch.“ „Sagt Karsunke auch.“ „Dann muss es wohl stimmen.“

„Aber das Schlimmste ist das mit der Arbeit.“ „Warum?“ „Karsunke sagt, die kriegen alle sofort Arbeit, das ist doch eine Schweinerei!“ „Dann wissen Sie jetzt immerhin, woher die das Geld für die teure amerikanische Kleidung haben.“ „Wieso das Geld?“ „Die werden Geld verdienen mit ihrer Arbeit, oder ist der Gedanke für Sie so abwegig?“ „Nein, aber Sie kapieren es nicht.“ „Was kapiere ich nicht?“ „Dass diese Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen, das ist doch der Punkt!“ „Und davon kaufen die sich Fernseher.“ „Wieso das denn?“ „Wenn jemand Geld hat, kann er sich doch auch einen Fernseher kaufen.“ „Ja, theoretisch schon.“ „Oder glauben Sie, wenn einer sein ganzes Geld für amerikanische Kleidung ausgibt, dass ihm dann jemand einen Fernseher schenkt?“ „Wer denn?“ „Oder vielleicht neue Möbel?“ „Wieso denn Möbel, die verdienen doch so viel, wie unsereiner gar nicht hat, und dann kaufen die uns die Fernseher weg.“ „Und wenn ein Deutscher arbeitet und sich von seinem Geld den Fernseher kauft, den Sie sich nicht leisten können?“ „Das ist dann Marktwirtschaft. Da werden Sie mit Ihren linken Spinnereien nichts ändern, und das ist auch gut so.“

„Hat denn Karsunke auch schon ausgerechnet, was das kosten würde, wenn man alle Ausländer rausschmeißen würde?“ „Was ist das denn für eine blöde Frage?“ „Die meisten von den Karsunkes erzählen doch auch, dass die alle gar nicht arbeiten und uns nur auf der Tasche liegen wollen.“ „Die gibt es ja auch noch, da hat Karsunke recht.“ „Und die nehmen den Deutschen dann die Arbeit weg.“ „Unsinn, die wollen doch gar nicht arbeiten.“ „Und deshalb kaufen sie den Deutschen auch nicht die Fernseher weg.“ „Was erzählen Sie denn da für einen Unfug, das eine hat doch mit dem anderen überhaupt nichts zu tun!“ „Das ist richtig.“ „Warum fangen Sie dann überhaupt damit an?“ „Ich?“ „Ja, Sie! Das entbehrt doch jeder Logik!“ „Was haben Sie denn jetzt vor?“ „Gegen die Ausländer? Ich weiß es nicht, aber irgendwas muss man doch tun.“ „Warum denn gegen die?“ „Wollen Sie sich auch noch für die einsetzen? Das ist doch krank!“ „Und das, was Sie vorhaben, ist es nicht?“ „Ich mache doch gar nichts.“ „Sie haben auch gar keinen Grund dazu.“ „Wie kommen Sie denn auf den Unsinn?“ „Sehen Sie hier einen Ausländer?“ „Aber da an der Straße, da fahren jeden Tag die Laster durch!“ „Weil das Karsunke sagt.“ „Das lassen wir uns nicht mehr gefallen! Wir werden uns wehren!“ „Aha.“ „Diese verdammten Radaubrüder haben in Deutschland nichts verloren!“ „Ach?“ „Karsunke fährt am Wochenende und hat noch zwei Plätze frei. Kommen Sie doch mit nach Hoyerswerda.“





Patentrezept

28 09 2016

Er sah wirklich bemitleidenswert aus, wie er sich am Gartenzaun festhielt. Horst Breschke schniefte und keuchte. „Das ist der kühle Sommer dieses Jahr“, jammerte er, „würde er nicht so lange dauern, ich hätte mich nie erkältet.“ Ein gewaltiger Nieser schüttelte den Alten durch. Keine Frage, hier war medizinische Hilfe vonnöten.

Willig ließ sich Breschke die Kastanienallee entlangführen, zwischendurch mehrmals kräftig ins Taschentuch schnaubend. Einmal musste er sich noch am Zaun abstützen, die übrige Zeit hatte ich ihn am Arm. „Meine Frau hatte es vergangene Woche“, teilte er mir mit heiserer Stimme mit. „Aber bei ihr ist es schneller abgeklungen, sie ist ja gerade bei unserer Tochter zu Besuch.“ Die Vermutung lag nahe, dass vor allem seine aktuelle Lage als Strohwitwer zwar nicht zum Ausbruch der Krankheit geführt, ihr wohl aber den Weg geebnet hatte. Im vorigen Jahr hatte der pensionierte Finanzbeamte volle zehn Tage lang auf der Couch geschlafen, lauwarmen Tee getrunken, kaum den Garten aufgesucht, obwohl es im Haus nicht eben kühl war dank der Julitemperaturen, und er hatte nur jeweils einmal einen kurzen Gang vor die Tür gewagt, wenn Bismarck ihn lange genug vom Flur aus angeschaut hatte, weil er einen ganzen Tag lang warten musste. Die Krankheit fühlte sich offenbar recht wohl in Breschke, und es schien mir, als wäre es umgekehrt wohl halbwegs auch der Fall.

„Da ist es“, befand er, und ich kam nicht umhin, ihm sofort zu widersprechen. „Doktor Klengel ist doch schon seit Jahren nicht mehr hier“, erklärte ich mit Blick auf das neue Türschild. Die Kinderärztin im ersten Stock würde ihn sicher nicht behandeln, und im zweiten Stock saß die Nachfolgerin unseres aus Altersgründen nicht mehr praktizierenden Allgemeinmediziners. „Sie wollen doch wohl nicht…?“ „Aber es ist doch seine Praxis“, beharrte Breschke, „und wahrscheinlich werden sie alle Akten behalten haben, da kann ich doch nicht so einfach zu einem anderen Arzt gehen.“ Ich seufzte auf. Dann eben zur Heilpraktikerin.

Das Wartezimmer war angenehm leer, wir mussten nur knapp eine halbe Stunde warten, bis Frau Trummschneider uns hineinbat, das heißt: Breschke bat sie, mich nahm sie mit knirschenden Zähnen hin, weil der Alte darauf bestand. Bestimmt hatte sie sich noch einmal ordentlich auf den neuen Patienten vorbereiten müssen – die Klangschalen mit linksgerührtem Mondwasser desinfizieren, die Fichtennadeln in konzentrischen Kreisen rund um die Badewanne auslegen, alle Globuli nach Größe und Geschmack sortieren – und schien jetzt für jede lebensgefährliche Krankheit gerüstet. „Schlafen Sie nachts manchmal schlecht“, fragte sie. „Und ob“, hüstelte Breschke. „Ich lutsche vor dem Einschlafen noch mal ein Halsbonbon, aber…“ „Ich meine“, unterbrach sie ihn gereizt, „ob Sie generell schlecht schlafen?“ Unser Patient schien die Anamnese nicht so recht zu begreifen. „Da müssen Sie meine Frau fragen“, antwortete er, „sie kriegt davon mehr mit – ich schlafe ja meistens die ganze Nacht.“ Ich sah mich im Zimmer der Wunderheilerin um; auch hier war der vertraute Pillenschrank, und ich meinte, es hätte sich sogar um das von Klengel nachgelassene Möbel gehandelt. „Geben Sie ihm doch einfach etwas zur Linderung“, regte ich an, „dann sind Sie uns schnell wieder los. Und ich sorge auch dafür, dass er sie nie wieder aufsuchen wird.“ Sie rümpfte die Nase. „Wie stellen Sie sich das vor“, murrte sie. „Es gibt doch kein Patentrezept gegen Krankheit, ich muss zuerst seine spezifische Situation in Erfahrung bringen, ob es derzeit Faktoren gibt, also nicht seine Frau, die…“ „Wir haben einen Hund“, unterbrach Breschke schüchtern.

Trummschneider konsultierte vorerst ein dickes Nachschlagewerk, in dem mutmaßlich sämtliche grob nach einem grippalen Infekt aussehenden Erkrankungen aufgeführt waren. „Wir könnten eine Gemüsesaft-Therapie beginnen“, empfahl sie, doch der Kränkelnde blieb skeptisch. „Das kann sogar bei manchen Krebsarten positiv auf die…“ Schon hob er abwehrend die Hände. „Nein“, stammelte er, „das will ich nicht! Am Ende bekomme ich noch etwas viel Schlimmeres bei Ihrem Gemüsezeug!“ „Vielleicht haben Sie Ihre Gemüseextrakte ja als Tabletten“, empfahl ich. „Dann würde wenigstens die Dosierung stimmen.“ „Ich behandle in so einem Fall ausschließlich homöopathisch“, gab sie zurück, deutliche Herablassung in der Stimme. „Sie wissen wohl nicht, wie das funktioniert?“ „Wenn Sie eine niedrige Dosierung bevorzugen“, überlegte ich, „warum geben Sie ihm dann nicht einfach ein Gramm Sellerie?“ Verärgert schlug sie das Buch zu. Schon war sie beim Entscheidenden Teil angelangt. „Ich berechne für die zweiwöchige Behandlung mit Bio-Pflanzenanwendungen einen Betrag von…“ Erkältung hin oder her, der Pensionär sprang auf und griff nach seinem Hut. „Ich bin versichert“, schrie er aufgebracht, „und jetzt soll ich für Ihren Hokuspokus noch einmal zahlen? Das werde ich nicht! Kommen Sie, wir gehen!“ Ein gewaltiger Hustenanfall schüttelte ihn noch im Vorzimmer durch. „Ich werde Ihnen das Handwerk legen!“

Das kleine Mädchen mit dem deutlich geröteten Ohren sah Breschke aufmerksam an. Irgendwo im Hintergrund quengelte ein Säugling. „So“, sagte die resolute Ärztin, „ich habe Ihnen das Rezept dafür ausgedruckt. Sie kümmern sich um ihn, ja?“ Sie reichte mir ein gefaltetes Blatt und drückte meinem hüstelnden Schützling kräftig die Hand. „Wir kriegen Sie schon wieder auf die Beine. Und meine Hühnersuppe hat garantiert keine unerwünschten Nebenwirkungen.“





Kleiner Grenzverkehr

27 09 2016

„… die CSU sich auch nicht mit einer faktischen Änderung des Asylrechts zufriedengeben wolle. Seehofer bestehe weiterhin darauf, dass Merkel den Begriff Obergrenze als offizielle…“

„… sich die Kanzlerin noch nicht entschieden habe, auf einen der Vorschläge einzugehen. Sie wolle weiterhin die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit für das deutsche…“

„… faktisch eine Abrüstung zwischen den Unionsparteien bedeute, wenngleich die Christsozialen diesen Eindruck keinesfalls hätten erwecken wollen. Scheuer habe vorgeschlagen, einen oberen Grenzwert als neue Sprachregelung für die…“

„… ein Grundrecht auf politisches Asyl in der Verfassung verankert sei. Karlsruhe werde den Bayern daher keinesfalls die…“

„… den Grenzwertzustand als letzte zu tolerierende Größe ins Gespräch gebracht habe. Als Wissenschaftlerin, so Söder müsse Merkel dieses Paradigma auch zu ihren…“

„… auf dem Treffen der EU-Regierungschefs weiterhin für ein gemeinsames Modell geworben habe, obwohl der CSU-Vorsitzende nochmals eine Belastungsobergrenze der…“

„… warne die Deutsche Bischofskonferenz vor einer verbalen Aufrüstung, die zulasten der Menschen aus Kriegsgebieten und…“

„… dass inzwischen eine endgültige Belastungsobergrenze erreicht sei, die auch durch die Regierungsbeteiligung der CSU nicht mehr als…“

„… eine Klausurtagung vorgeschlagen habe. Söder wolle nichts an der Asylpolitik ändern, da er erst eine verfassungsrechtliche Diskussion der Autobahnmaut für Ausländer abwarten müsse, es sei allerdings für die CSU eine Frage der Glaubwürdigkeit, ob sie oder die Kanzlerin…“

„… auf dem Parteikonvent von einer finalen Belastungsobergrenze gesprochen habe, die Gabriel allerdings durch eine Absenkung in drei Stufen wieder…“

„… nicht zur endgültigen Auseinandersetzung kommen lassen wolle. Das Bundeskanzleramt habe sich entschlossen, die Vorschläge der bayerischen Schwesterpartei erst nach der Prüfung durch eine Expertenkommission…“

„… einen Entscheid abhalten wolle, ob sich die Basis für die oberste Belastungsgrenze aussprechen wolle. Der SPD-Chef habe allerdings schon vorab angekündigt, dass ihm das Votum der Mitglieder total am…“

„… dass es eine Richtgröße für die Asylpolitik geben müsse. Die Landesgruppe bitte Merkel inständig, eine weitere Eskalation tunlichst zu…“

„… habe sich auch Dobrindt in die Diskussion eingeschaltet, da er nicht wusste, worum es sich…“

„… dass auch die inzwischen wieder sinkenden Zahlen eine Orientierungsgröße geben könnten. Eine tatsächliche Orientierung sei jedoch laut de Maizière zwar möglich, aber nicht gewollt, da sie nur eine Verunsicherung der…“

„… die Zustromsperre unbedingt eingehalten werden müsse, wenngleich sich Merkel aus rein politischen Gründen gegen einen…“

„… ein Gesprächsangebot der AfD bestätigt habe. Scheuer wolle vorerst noch von der CSU aus für die Umvolkungskenngröße der…“

„… einen vorsichtigen Formelkompromiss zwischen den beiden Parteien herbeiführen solle. Hasselfeldt habe sich bisher mit dem Grundgesetz nicht näher befasst, wolle jedoch noch in der laufenden Wahlperiode einen…“

„… nähere sich Deutschland jetzt einem Überflutungsendpunkt, den Seehofer bis zur letzten Patrone vor den…“

„… verweise die Regierung auf die bereits gezeitigten Erfolge, die in Bayern nicht gewürdigt worden wären. So sei weder ein Weltkrieg ausgebrochen noch in den Kantinen des Freistaates das Schweinefleisch von den islamistischen…“

„… zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt worden sei, dass der Bierkonsum der vergangenen zwanzig Jahre durch die Zuwanderung seit 2014 nachgelassen habe. Die CSU werde das Volksvernichtungsmaximum nicht mehr als schicksalhaftes…“

„… die Entwertungsschwelle des christlich-jüdischen Abendlandes bereits überschritten habe. Sexuelle Belästigungen kenne man in Bayern sowieso erst seit den im Januar…“

„… müsse man für Deutschland eine völkische Schmerzgrenze definieren, die die Zerstörung des Unionsgedankens in der…“

„… entspreche nicht mehr ihrem Duktus. Merkel habe für die bayerischen Vorschläge nicht mehr übrig als eine…“

„… energisch widerspreche. Seehofer gehe es in erster Linie darum, den Begriff ‚Schmerzgrenze‘ wieder positiv zu…“

„… eine Obergrenze eindeutig und unmissverständlich festlegen und jeden Verstoß sofort sanktionieren wolle. Ein weiterer Übergriff, so die Bundeskanzlerin, reiche aus, um die CDU auch in Bayern zum…“





Durchzug

26 09 2016

„Nee, das hat keinen Sinn mehr. Wir können nicht ein bröckelndes Provisorium mit dem nächsten vor dem Untergang bewahren, das macht die Basis auch nicht mehr mit. Einmal so richtig ausmisten, fertig. Gabriel muss weg. Ende der Diskussion.

Da hilft kein Wahlkampf mit Eierlikör, den kann keiner mehr sehen. Den Eierlikör sowieso nicht. Wenn die SPD noch mal richtig regieren will, dann nur mit kompletter Kehrtwende: ab sofort sind alle in der Partei sozialdemokratisch. Klingt jetzt auch für uns ziemlich ungewöhnlich, seit fast zwanzig Jahren hat sich keiner mehr getraut, das zu fordern, aber es geht nicht mehr anders. Das Problem ist ja nicht, dass es keine Sozialdemokraten mehr gibt in der Partei, das Problem ist, dass sie nur noch an der Basis vorhanden sind. Zu neunundneunzig Prozent. Das eine Prozent regiert und hat keine Ahnung. Was den Zustand von Gabriel auch hinreichend genau beschreiben dürfte.

Haben Sie noch im Ohr, was der Dicke damals auf dem Parteitag der Putzfrau erzählt hat? Das ist das ganze Problem der Partei: dass sie sich nur noch mit den Gewinnern abgeben will und deshalb zur großen Verliererin wird. Gucken Sie sich an, wie sich die SPD verändert hat. Globalisierung, Neoliberalismus, Prekarisierung, Sozialabbau – das Parteiprogramm ist noch etwas ausführlicher, aber viel mehr steht da auch nicht drin – das führt alles dazu, dass eine Menge Menschen zu Verlierern wird. Wer sich auf die einlässt, wird letztlich zum Gewinner. Die tragen nicht zum gesellschaftlichen Wohlstand bei, er tritt nur bei ihnen auf. Das ist so, als würde eine Krankenkasse jeden rausschmeißen, der einmal im Leben krank wäre. Wer nicht zahlt, der zählt nicht. Nein, so geht das nicht mehr weiter.

Wir brauchen frischen Wind, am besten einen ordentlichen Durchzug, um dieses elende Gemüffel wegzukriegen. Die Wähler wollen lieber Rot-Rot-Grün als noch mal vier Jahre eine Koalition, die auf dem Standstreifen ins Koma fällt. Aber dazu müsste eben Gabriel weg. Wenn der Mann jetzt nach CETA und den ganzen anderen blödsinnigen Ideen quer in der Tür steckt, dann kann man höchstens noch mit der Leiter über ihn wegsteigen. Mal ganz davon ab, wie das aussieht, ich frage Sie: glauben Sie, den wählt einer, wenn er langsam aber sicher debil wird und sich nicht mehr erinnern kann, in welcher Partei er gerade ist?

Lassen Sie das wie einen Umfall aussehen. Umfall. Nicht Unfall. Das kennen sie in der SPD noch nicht, das macht dann nur misstrauisch. Am besten, wenn er sich mal wieder selbst widerspricht – keine Bodenhaftung, so eine Art Schleudertrauma könnte da passieren, und dann müssten wir ihn leider sofort aus dem Verkehr ziehen. Ganz kleine Pressekonferenz, alle wünschen ihm nur das Beste, und zwar dahin, wo der Pfeffer wächst, und dann fragen wir mal vorsichtig bei den Linken nach, wie linke Politik funktioniert. Hier ist ja nicht mehr viel übrig davon.

Gut, das könnte gefährlich werden. Wir haben ja knapp zwanzig Jahre lang alles wieder in die Basis zurückgedrückt, was im Ansatz nach einer sozial verantwortungsvollen Gesinnung aussah. Das muss man dann auch schon mal als gewisses Risiko in Kauf nehmen, wenn man revoltieren will. Wobei, die Revolution ist ja mit dieser Partei gar nicht zu machen, war sie letztlich nie, aber jetzt haben sie es sogar in die Hausordnung reingeschrieben, dass die Fenster nicht mehr geöffnet werden dürfen, weil sonst zu viele Einflüsse von draußen die Partei empfindlich stören würden. Deshalb kann die SPD auch nicht viel mehr als betreutes Regieren. Grün-Rot wäre da eine Option, und wenn die aktuelle Entwicklung weiter so voranschreitet, könnte das auch durchaus klappen.

Mit etwas Vorlauf steigen auch die Prozente wieder an, und dann sollten wir spätestens zum Jahreswechsel eine Vorstellung kommunizieren, was wir unter einem sozialen Politikwechsel auf der Bundesebene verstehen. Wenn wir schon mal dabei sind, lassen Sie uns diese ganze Idiotenherde im Kabinett gleich mit absägen, bessere Werbung für die Konkurrenz ist doch für Geld nicht zu kriegen. Und die dritte Fliege schlagen wir mit derselben Klappe. Die einzige Parallele der Arbeiter mit der jetzigen SPD ist, dass sie fixiert ist auf Autoritäten und die mühsame Verteidigung des wirtschaftlichen Status, den sie nur aus Wachstum um jeden Preis generieren wollen. Wenn man den Arbeitern erst einmal diese selbstgefälligen Pappnasen wegnimmt und ihnen erklärt, dass sie überhaupt keine Autorität als Vorbild brauchen, jedenfalls nicht diese eitlen Fatzkes, dann fangen sie möglicherweise auch mal zu denken an. Die Nationalisten dürften dann ein ernsthaftes Problem haben, weil sie keine Ängste mehr schüren können, wo sich eine Gesellschaft nicht entsolidarisieren lässt.

Sie regeln das? Ich verlasse mich auf Sie, dass das hinhaut. Irgendein Aufsichtsratsposten wird sich für den Mann doch sicher finden lassen. Dann machen wir noch schnell einen Bundesparteitag, da sammeln wir für ein neues Grundsatzprogramm, und dann kann die Wahl kommen. Bitte, wer? Nein, das haben Sie falsch verstanden. Ganz sicher nicht, nein. Auf keinen Fall. Die Partei übernehmen wird dann selbstverständlich Merkel. Die ist doch die beste sozialdemokratische Kanzlerin, die die SPD nie hatte.“





Unerhörtes

25 09 2016

für Robert Gernhardt

Kant erfand das Ding an sich,
ohne jede Regel.
Das empörte fürchterlich
und erzürnte Hegel.

Während der Zusammenkunft
in dieser Geschichte
kam als Stimme der Vernunft
säuselnd Luft von Fichte.

Schließlich hat sich Marx erbarmt
wegen des Gequengels,
das ob zu viel Quarks verarmt.
Er verwies auf Engels.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCCXI)

24 09 2016

Wenn Nina sich in Oberwende
mit Büchern eindeckt, sind’s oft Bände
von zweitausend Seiten,
die sie dann verleiten
zum Kauf. Sie liest’s selten zu Ende.

Wenn Moses ausgeht in Clay-Ashland,
obwohl man ihn weithin recht fesch nennt,
dann fliehen die Frauen.
Man kann darauf bauen,
dass jede sein dummes Gewäsch kennt.

Maurycy verglast in Regitten
die Fenster, die einiges litten.
Sein Lehrling, kein Schlauer,
kratzt sie an der Mauer.
Da hilft auch kein doppeltes Kitten.

Wirft Paddy sich in Clonmacnoise
für die jungen Damen in Pose,
gibt’s nicht viel zu feiern.
Er war jüngst in Bayern
und trägt seither nur Lederhose.

Alicja, die angelt in Pellen.
Am Ufer hört man lautes Bellen.
Der Hund ist vorhanden
zum nächtlichen Landen.
Sie angelt so ungern im Hellen.

Idriss’ Werkstatt, jüngst in Aderke
gegründet, hat viele Gewerke.
Für Tischlern und Malen
wird man ihm nichts zahlen,
denn Handwerk ist nicht seine Stärke.

Kamila, sagt man, in Silesen,
ein ausnehmend freundliches Wesen,
kocht gleich in der Frühe
sich Kräuterteebrühe,
sonst wird sie zum furchtbaren Besen.





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCXLV): Hochzeitsterror

23 09 2016
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was war die Sache damals noch einfach. Ugas elfte Tochter, prächtig gewachsen, handwerklich nicht ungeschickt, schien das Interesse von Nggrs drittem oder viertem Sohn zu erregen – ob es der dritte oder vierte war, kümmerte niemanden, und ob es sich wirklich nur um das Interesse handelte, war auch nicht mehr von Belang – was nach kurzen Verhandlungen zur Übereinkunft der Sippen führte. Wenn sie denn wollten, hatten sie die kurze Frist zwischen Familiengründung und Kompostierung, Kinder in die Welt zu setzen, sich mit den Nachbarn in die Haare zu kriegen und der Gesellschaft auf der Tasche zu liegen. Vielleicht würde seine Existenz vorab von einem gestressten Säbelzahnnashorn als Blutsuppe beendet, aber sie würde einen neuen Bräutigam finden. Wozu also der Hochzeitsterror.

Die postbürgerliche Bevölkerung hat schon den entscheidenden Schritt in Richtung Abgrund getan, das aus alter Zeit in Mottenkugeln gerollte Gedöns hat sich in eine ff. Moderne gerettet und besteht nun in einer aus Knallfröschen dominierten Welt. Ehe – die vom Finanzamt privilegierte Gemeinschaft mag sich angesichts soziologischer Ernüchterung in die Ecke des Zimmers gemalt haben, was auch nicht verkehrt ist, wenn man nicht gerade als Religiot auf die Hirnverknöcherung des Herrn harrt, doch sie hat noch immer die Peitsche in der Hand, will man Verwandte, Freunde und den Rest der verhassten Spezies aus Sicherheitsgründen auf den kleinsten konservativen Nenner bringen. Das letzte Refugium der noch nicht business- und konsumorientierten Lebensvorstellung, die Paarbeziehung als Entwurf des Privaten, das erfordert sofortige Maßnahmen, um sie mit den restlichen Vorstellungen klebriger Romantik aufzupumpen, und zwar vor den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit. Und mit einem an die großen Wirtschaftskriege erinnernden Overkill an kommerzialisiertem Süßstoff aus Fertigwaren.

Nicht einmal die Drogenküchen von Hollywood bieten an, was man braucht, um als Angestellte die Showvorstellung in Weiß in Angriff zu nehmen. In den einfachsten Momenten sieht es aus, als hielte sich die ganze Meute an ein von Disney in die Welt geschwiemeltes Drehbuch, dann wieder ist es eine trübe Phantasmagorie, die den Zuckerkitsch einer royalen Kopulation auf das Niveau vom Plattenbau in Bad Gnirbtzschen transformiert. Der Aufwand ist meist derselbe. Ein kompletter Wirtschaftszweig mit Brautkleiderbude und Pferdekutschenverleih, Fotografen und Event-Kalorienbeschickern steht Gewehr bei Fuß, um die wirren Vorstellungen aus Glitzer und Grütze so kostenintensiv wie geschmacksbefreit zu verwirklichen. Nachgerade als Zeremonienmeister und Wirtschaftsförderer hat sich der Wedding Planner zwischengeschaltet. Nur er weiß, wer die besten Einladungskarten druckt. Kein anderer hat den ultimativen Kuchenkünstler an der Hand. Und er lässt es sich teuer bezahlen.

Wenige brechen aus ins Ungewöhliche. Sie gehen im Ballon in die Luft, tauschen die Ringe am Südseestrand, unter Wasser, im arktischen Eis, voll kostümiert im Barockschloss, bloß nicht wie der durchschnittliche Eheaspirant. Doch ist auch dies nur eine weitere Facette unter den Zirkusnummern, mit denen das Fest zelebriert wird, höher, schneller und weiter als bei allen anderen. Die in Trüffelöl aufgeknusperte Kamelwimpern an Blattgoldrisotto, der mit rosa Plüsch bezogene Ferrari und die mit dem Helikopter an der Eiger-Nordwand abgeseilte Trachtenkapelle machen die Inszenierung zwischen Reichsparteitag und Körung perfekt. Wenn beim Anblick der n-stöckigen Torte sich nicht sämtliche Nichten vor Zorn in die Faust beißen, war es nicht dick genug aufgetragen.

Denn das ist der Sinn: man heiratet nur einmal, es ist der schönste Tag im Leben, und dann kann man auch schon mal Opas Altersvorsorge für Sekt und eine Herde steppender Flamingos auf den Kopf hauen. Was weg ist, kann nicht mehr verlieren. Der Amoklauf der Emotionen driftet schließlich ab ins magische Denken: ist die Hochzeit nur flamboyant genug, so wird das Schicksal die Delinquenten mit ewiger Zweisamkeit beschenken. Oft klappt nicht einmal der Deal, dass man mit der Pappnase an seiner Seite auch den widerlichsten Stress in trauter Harmonie zu meistern bereit ist und einen Tag nach der Eheschließung den gröbsten Dreck schon hinter sich hat. Wer einmal eine Dokuseifenoperette zum Thema verfolgt hat, weint still mit.

Warum hat der Halbaffe im Frühstadium der Hominisation nicht schon Traumhochzeit gefeiert, wo seine Lebenserwartung wenigstens eine faire Chance darauf ließ, dass es seine einzige würde?

Die logische Kosequenz der Zwangshandlung ist der Trend japanischer Frauen, sich den ganzen Kokolores mit weißem Kleid, Hochzeitsbildern und Zeremoniell zu schenken und ohne quotenmäßig dazugehöriges Gespons zu feiern, quasi als Event aus dem Automaten, aus dem man im Land der aufgehenden Sonne auch noch ganz andere Dinge ziehen kann. Und vielleicht ist das auch besser so, ohne den Neid und die stichelnden Blick des Clans in jungfräulichem Chiffon über Wiesen zu stöckeln, aus dem Fuhrwerk zu winken und sich danach noch einen reinzugießen, weil kein quengelnder Depp auf einen wartet, um an diesem schönsten Tag mit seinem Geseier die Tür zur Vorhölle aufzustoßen. Wie Fußball. Eigentlich sollt man das jede Woche wieder feiern.