Negerl

2 09 2015

„Schwarzer. Schwar-zer! Fein, und jetzt noch mal im ganzen Satz: Dies ist ein Schwarzer. Sehr gut, Herr Innenminister! Jetzt lesen wir uns noch mal die Presseerklärung durch, und dann spielen wir zusammen Interview, gell?

Ja, Sie lachen – aber an uns bleibt das regelmäßig hängen. Bei dem Terminkalender, bei der Häufung von Talkshows und Pressekonferenzen und Podiumsdiskussionen, da würden Ihnen auch die Ohren qualmen. Er hat ja schon früher was am Kopf gehabt, aber seitdem er damals mit dem Bagger umgekippt ist, Herrschaftszeiten! Schlimm!

Machen wir die Übung mit den christsozialen Vokabeln zur Sicherheit noch mal, Herr Minister: Arbeitslose. Ar-beits-lo-se! Fein, und jetzt im… Herr Minister, was habe ich Ihnen beigebracht? Das sind keine Schmarotzer, das sind Ar-beits-lo-se, und in der sozialen Hängematte liegt auch keiner, ja? Das ist mir jetzt völlig egal, das trainieren wir noch mal: Ar-beits-lo-se! Ar-beits-lo-se! Ich will das im ganzen Satz hören, und bitte: In Deutschland gibt es mehr Arbeitslose als Arbeitsplätze. Das ist jetzt im Moment egal, ob Sie diesen Satz irgendwann mal öffentlich äußern werden, vermutlich gleich nach der nächsten Landtagswahl und unmittelbar vor dem Ende Ihrer Karriere, Herr Minister, aber deshalb sprechen Sie den jetzt trotzdem noch mal nach: In Deutschland gibt es mehr Arbeitslose als Arbeitsplätze. Na also, geht doch!

Die meisten von uns hier haben einen sozialpädagogischen Hintergrund – wir kümmern uns gezielt bei den Integrationsmaßnahmen, die er braucht, um in einer bürgerlichen Gesellschaft Fuß zu fassen. Von der Herkunft her ist das ja eher so ein archaischer Volksstamm, der säuft und sich prügelt und von der Leiter fällt. Und dann kommen da auf einmal chinesische Investoren, sehen unser schönes Bayernland, und dann hören sie, wie einer aus der Regierung sie öffentlich als Schlitzaugen bezeichnet. Da wäre ich auch nicht begeistert.

Jetzt habe ich ihn wieder getriggert – aus, Herr Minister, aus! Das sind keine Schlitzaugen, das sind Chinesen. Chi-ne-sen! Und Ja-pa-ner! Ko-re-a-ner! Nein, das sind keine Schlitzaugen, das will ich ab sofort nicht mehr hören! Und die sehen auch nicht alle gleich aus! Zefix noch mal!

Gut, dass es keinen bayerischen Außenminister gibt, das würde er ja zu gerne auch noch machen. Aber allein diese lettische Wirtschaftsdelegation neulich – alle als Russkis angepöbelt, und dann hat er irgendwann nicht mehr die Kurve gekriegt, und dann hat er gebrüllt, diese Polackenschweine sollten mal sehen, und der nächste Krieg käme bestimmt, und so weiter. Wir haben die gerade noch so beruhigen können, weil sie ja wüssten, unter vier Promille ist der Mann nicht zurechnungsfähig, und darüber eigentlich auch nicht, aber das merkt meistens keiner mehr. Äußerste schwierig. Bevor die Delegationsleiterin fliehen konnte, hat er sie noch als Bolschewikenschlampe tituliert, aber das hat außer mir hoffentlich keiner gehört.

Inzwischen haben wir für ihn sogar ein Kriseninterventionsteam eingerichtet. Das ist auch Teil der Schadensbegrenzungskommission, aber die arbeiten halt noch spezifischer auf einzelne Anlässe hin. Neulich hatten wir zum Beispiel einen neuen Abteilungsleiter. Schon sehr speziell, würde ich sagen. Sein Sohn ist schwul, er selbst Protestant. Das ist jetzt für eine dörfliche Struktur mit sechs bis acht Jahrhunderten Inzucht, wo man Abtreibung in Tateinheit mit Verbrennung der Mutter ausdrücklich befürwortet, wenn die Leibesfrucht ein Mädchen und rothaarig zu werden droht, also für solche Verhältnisse ist das nicht ganz unproblematisch. Wir haben vierzehn Tage lang jede frei Minute mit ihm herumtherapiert, und das Ergebnis konnte sich durchaus sehen lassen. Mit Tourette hat man sich zwar besser im Griff, aber wenn man jetzt mit Kügelchen aus Silberpapier auf ihn wirft, ist er schlagartig ruhig. Interessant, nicht wahr?

So, Herr Minister, dann haben wir hier noch die vorbereiteten Pressestatements, Sie können gerne mal gegenlesen. Roma, ja? Ich habe es Ihnen zur Vorsicht noch einmal unterstrichen. Ro-ma. Und jetzt reißen Sie sich bitte mal am Riemen, ich möchte nicht wieder so ein Theater haben wie neulich, als wir zum Botschafter mussten wegen der Sache mit den Kümmeltürken. Das lernen Sie jetzt Wort für Wort auswendig, und wenn wir damit fertig sind, kriegen Sie den nächsten Job vorgelegt.

Wir machen das ja auch gerne, wissen Sie, man möchte sich doch für sein Land einsetzen, und in diesen Tagen ist es um so wichtiger, dass wir die zwischenmenschlichen Konflikte gleich im Ansatz lösen und friedlich miteinander umgehen, um eine Verständigung auf Augenhöhe zu erreichen. Man kann ja ruhig unterschiedlicher Meinung sein, das gebe ich gerne zu, aber wir brauchen doch eine Gesprächsgrundlage, auf der wir alle vernünftig miteinander umgehen können, nicht wahr? Wenn wir eins aus unserer Geschichte gelernt haben sollten, dann doch wohl das. Die Einigkeit macht uns stark, und wenn man auf Geschlossenheit vertrauen kann, dann kann man sich auch den großen Herausforderungen der Zukunft stellen.

Nächste Woche muss er nach Berlin, zur Kanzlerin. Da steht’s Knopf auf Spitz. Wenn er da wieder mit den Saupreußen anfängt – nicht auszudenken!“





Rustikale Folklore

1 09 2015

„… immer mehr Städte von Anschlägen betroffen seien. Die Ausschreitungen könnten zwar einzeln als besorgniserregend betrachtet werden, so de Maizière, dürften allerdings in ihrer Gesamtheit nicht mehr als eine kleinere…“

„… es sich nicht in allen Fällen um Brandsätze gehandelt habe. So sei im Fall der Synagoge Koblenz lediglich ein Schweinekopf…“

„… wolle das Land Sachsen nicht wegen eines knappen Dutzend Mordanschlägen polizeiliche Maßnahmen ergreifen, dazu seien nicht genug…“

„… auch im Falle des Münchener Brandanschlags mit der vollen Härte des Rechtsstaates gegen die Straftäter vorgehen. Derzeit sei aber noch nicht geklärt, ob es sich bei den Tätern um rechtsradikale oder islamistische Personenkreise handle, weshalb eine Ermittlung in alle Richtungen auch als nicht sinnvoll…“

„… bereits jetzt die Kanzlerin zu Wort gemeldet habe. Merkel habe die Brandanschläge als schändlich und schlecht für Deutschland bezeichnet, wolle aber in Zukunft nicht weniger intensiv für den Euro…“

„… keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit den PEGIDA-Demonstrationen, da diese an den letzten Anschlagsorten überhaupt keine…“

„… ein vorwiegend ostdeutsches Phänomen. Die Brandanschläge von Duisburg, Bremen, Mainz, Ulm, Paderborn und Bad Nauheim könne man lediglich als Einzelfälle…“

„… den Bundespräsidenten schwer erschüttert habe. Dies, so Gauck, sei nicht sein Deutschland; seine Landsleute zündeten Asylbewerberheime an, möglicherweise auch Häuser, die sie dafür hielten, aber doch niemals würden sie…“

„… den Brandanschlag auf ein jüdisches Gemeindezentrum angesichts der deutschen Geschichte nur als die Tat von geistig Verwirrten betrachten könne. De Maizière sehe daher keine Veranlassung, bei Straftaten offenbar mental geschädigter Personen gleich einen politischen Hintergrund zu…“

„… auch keinen zeitlichen Zusammenhang mit PEGIDA herstellen wolle, da die Protestmärsche schon seit Monaten keinerlei Resonanz in der Normalbevölkerung…“

„… bei einem Brandanschlag auf das Jüdische Krankenhaus einen Hilfsarbeiter lebensgefährlich verletzt hätten. Da es sich um einen aus Syrien stammenden Flüchtling gehandelt habe, könne man von einem geringen Schaden für die…“

„… die auf frischer Tat ertappten Brandstifter als ‚Faschistenbande‘ bezeichnet habe. Leider sei dadurch viel Vertrauen zwischen den verirrten Bundesbürgern und der Regierung zerstört worden, das auch durch intensiven Dialog nicht mehr…“

„… die übergroße Mehrheit der Deutschen sich gegen jede Art von Brandanschlägen ausspreche. Seehofer vertrete daher die Meinung, dass es sich um eine Minderheit handeln müsse, die man einfach nicht zur Kenntnis…“

„… habe man beim Anschlag auf das Offenbacher Haus versehentlich einen Schaden durch spontane Selbstentzündung angenommen und keine Korrelation mit den Hakenkreuzen gesehen, da diese sich in einer Nebenstraße des…“

„… sich de Maizière dafür einsetzen wolle, dass nur noch Personen aus dem christlich-jüdischen Kulturkreis einwandern dürften, um die deutsche Leitkultur nicht über Gebühr zu…“

„… mehrheitlich bestätigt hätten, sie seien keine Nazis. Man dürfe sie deshalb auch nicht als Rechtsradikale behandeln, sondern müsse sich intensiv mit ihnen…“

„… habe Vizekanzler Gabriel im Brennpunkt bekannt gegeben, er werde den Ort des nächsten, spätestens des übernächsten Anschlags zeitnah…“

„… nicht überbewerten dürfe. Es habe über weite Strecken der vergangenen Jahrtausende ein friedliches Einvernehmen gegeben, dennoch seien die Auseinandersetzungen letztlich nie mehr als eine Art von rustikaler Folklore, wie sie zum Beispiel Halbstarke am Vorabend des…“

„… ein Ende des unwürdigen Spektakels fordere. Als Lobbyist mehrerer deutscher Versicherungskonzerne könne Westerwelle der fortwährenden Sachbeschädigung, die Leistungsgewährung in Millionenhöhe nach sich zögen, auf keinen Fall mehr die…“

„… sich Ortszirkel der Kleinpartei Die Rechte in allen von Synagogenbränden betroffenen Gemeinden befänden. Da der Generalbundesanwalt bisher allerdings nicht wisse, ob die Parteigründung vor oder nach den Anschlägen…“





Eigenleistung

31 08 2015

„Dann müssten Sie aber noch Chemieklos mit anliefern. Wir hatten ja gar nichts. Also bis heute. Kein Wasseranschluss, kein Strom, Türschlösser lohnen noch nicht, Sie wissen es doch – das soll hier zwar irgendwann mal der Hauptstadtflughafen gewesen geworden sein, aber für Flüchtlinge!? No way!

Das wird nicht nur extrem schwierig, das ist total unmöglich. Einerseits ist das hier noch Monate entfernt von etwas, das man Rohbau nennen kann, und dann müssen Sie sich klarmachen, die Leute sind nicht nach Europa geflohen, um hier gleich den nächsten Bürgerkrieg auszubaden. Das geht doch gar nicht. Die Heizungen stehen irgendwo im Zwischengeschoss, dafür sind die Heizkörper gar nicht erst angeliefert worden. Okay, Thermostate hängen schon an den Wänden, die Schächte für die Leitungen sind verputzt, und irgendwann werden die Leitungen dann auch mal gelegt. Muss nur noch mal alles aufgestemmt werden, Kabel in die Schlitze, und dann kann der Winter kommen. Alles paletti, oder?

Wie stellen Sie sich das vor? Ach so, Zelte. Ja, kann man schon machen. Aber auch nur bis Ende September, dann soll’s ja wieder kälter werden in der Lobby, und dann regnet es möglicherweise durchs Dach, und ab November kann es in Berlin-Brandenburg auch schneien – wussten Sie nicht? hatte den Architekten auch nicht interessiert – und dann müssten wir hier das Dach mit Planen abdichten, natürlich von innen, weil von außen wär’s ja sinnvoll und zu bezahlen, deshalb machen wir das nur provisorisch und wundern uns dann, dass die Folie unter dem Wasserdruck reißt. Doch, das muss wirklich so. Logische Konsequenzen und sinnvolles Handeln würden sich klar dem Ensemble widersetzen, meint unsere Bauingenieurin, da können wir nichts machen. Nichts Wirksames.

Also Sie mieten das ganze Areal? langfristig? Dann müssten Sie der Bundesregierung aber bitte mitteilen, dass sie ihre Außenpolitik ein bisschen modifiziert. Waffenlieferungen in Krisengebiete sind zwar gut für die Exportwirtschaft, und wir würden uns der daraus resultierenden Flüchtlinge auch sehr gerne annehmen, aber Ihnen muss auch klar sein, bis 2030 oder so muss die Lage geklärt sein. Ein paar Monate könnte man den Start des Flughafens hier noch verzögern – dann suchen wir die Bedienungsanleitungen für die Rauchmelder oder uns fällt ganz plötzlich ein, dass die Versorgungsgänge drei Zentimeter zu eng sind für die Reinigungsmaschinen, dann bauen wir das Tiefgeschoss halt doch noch mal ganz neu, für die fünfundzwanzig Milliarden hatte Dobrindt extra die Autobahnmaut erfunden – aber irgendwann muss man auch mal an die eigentliche Bestimmung des Flughafens denken. Als Bauruine? Das sagen Sie!

Ich würde Ihnen vorschlagen, dass Sie erstmal drei- bis viertausend Personen vorbeibringen, so als Probedurchlauf, und dann gucken wir mal, wie wir das Ding an besten füllen. Fläche gibt’s ja genug. Verpflegung kriegen wir hin, das wird meistens als erstes gebaut – man will sich als Bauleiter auch nicht immer Stulle mitbringen, da ist so eine warme Suppe zwischendurch ganz angenehm. Das mit der Beleuchtung, vielleicht könnten wir da Hilfe zur Selbsthilfe anwenden. Ein paar von den Leuten haben doch in ihrer Heimat bestimmt als Elektriker gearbeitet, denen drücken Sie eine Zange und einen Schraubendreher in die Hand, Kabel werden angeliefert, und dann machen die Jungs sich das hier gemütlich. Der Steuerzahler wird bestimmt nichts dagegen haben, dass unsere Gäste sich mit Eigenleistung an ihren Kosten beteiligen.

Ach, der Brandschutz? Das entzog sich bisher meiner Kenntnis, ich muss mal eben – das war in den Nachrichten? Und deshalb ist der Flughafen überhaupt auch noch nicht… Ja, wir haben keinen. Das heißt, wir haben einen, aber wenn der funktionieren würde, wäre er für den Flughafen zu klein. Oder der Flughafen für den Brandschutz zu groß. Aber gucken Sie, es wird doch nicht gleich alles brennen hier, malen Sie doch den Teufel nicht an die Wand. Sie könnten doch eine Hundertschaft hier einquartieren. Oder zwei. Wenn hier wieder kriminelle Inländer irgendwas anzünden wollen, dann ist die Polizei gleich zur Stelle und kann sofort mit der Strafverfolgung beginnen. Haben Sie nicht? keine Hundertschaft? Wie wär’s denn dann mit ein paar Videokameras? Wenn man der Innenpolitik der vergangenen Jahre glauben darf, dann machen die Dinger doch alles absolut sicher.

Wenn alles nach Plan läuft, schaffen wir hier auch ein paar Arbeitsplätze für Deutsche. Einige Jobs für Unqualifizierte sollten sich doch finden lassen, das entlastet dann auch den sächsischen Sozialhaushalt. Aber schicken Sie uns gerne ein paar besorgte Bürger vorbei. Die können hier demonstrieren, bis sie schwarz werden. Wir haben genug Platz, und ein paar mehr oder weniger fallen hier auch nicht auf.“





Merkwürdige Nachricht von einem abscheulichen Drachen

30 08 2015

Die Stadt erwacht. Was tut sich dort am Himmel?
Jäh schreit das Volk, erblickt den wilden Drachen,
will sich in Angst und Aufruhr fort schon machen
und lauscht der Glocken kärglichem Gebimmel.

Nur manche merken nichts von dem Getümmel.
Ob Feuer gleich in ihre Häuser krachen,
sie sehen’s nicht. Man will den Rest verlachen,
der kopflos irrt durch Nacht, Rauch und Gewimmel.

Der eine sieht, der andre lässt sich täuschen,
weiß mehr und wenig, wie in tiefen Räuschen
das Wahrheit wird, das ganz aus Phänomenen.

Man nimmt nur wahr, das Wahre bleibt verborgen.
Wir schauen heute nicht, was dann schon morgen
geschieht, und doch: allein, wer sieht, kann wähnen.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CCLVII)

29 08 2015

Es gingen drei Brüder in Fritzen
ins Dampfbad. Doch nicht, um zu schwitzen,
das konnten im Hof sie.
Doch da drohn mit Schwof sie,
so dass sie im Stillen jetzt sitzen.

Yoandri, der schmückt in Guane
sein Eigenheim mit einer Fahne.
Dies wär noch nicht schändlich,
doch fragt man sich endlich:
von China? was er damit plane.

Iwetta schmiss man in Gallitten
die Scheibe ein. Um sie zu kitten,
kam Iuri, meist dreckig,
macht alles noch fleckig
und spricht: „Um zehn Rubel muss bitten!“

Amine wittert just in Pointe-Noire
Gewitter nebst großer Gefahr.
Es donnert und blitzt, und
wo er eben sitzt, rund
ums Fenster, schon gar nichts mehr war.

Polina ging in Groß Wittgirren
ins Wäldchen. Sie muss sich verirren.
So hockt sie ein bisschen
und kühlt sich die Füßchen
im Bach, wo sie Mücken umschwirren.

Es sichert sich Jenny in Tol
ein Briefmarkenschwamm-Monopol.
Man kauft jährlich einen,
doch auch mit dem kleinen
Gewinn wird man reich, denkt sie wohl.

Es kaufte sich Lew in Hutmühle
sechs formschöne schwedische Stühle.
Reißt’s auf, um zu bauen,
muss Klapptischchen schauen –
das hat man vom Samstags-Gewühle!





Gernulf Olzheimer kommentiert (CCCI): Die Nichtnazis

28 08 2015
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Zu gerne wird als Generalabsolution, als das metaphysische Scheuermittel der pseudopolitischen Unkorrektheit die Einschränkung genommen, wie sie nur die Beschränktheit hervorbringt. Jene feucht-völkische Auskenneria, die sich aus dem Schmierkäse ihrer zu späten Geburt die überflüssige Entschuldigung für ihre soi-disant freie Meinung schnitzt, jenes meinungs- und ahnungs-, jedenfalls komplett wissensfreies Gelalle, dessen der Durchschnitt mit Leichtigkeit enträt, keiner hat darum gebeten, keiner würde dieses Pack nur eine Sekunde länger als nötig im Radius der eigenen Faust lagern lassen. Wieso eigentlich nicht? Sie sind doch keine Nazis?

Sie sind keine Nazis, aber: sie bestimmen das immer noch selbst. Kackbatzen, die Deutungshoheit über den eigenen Status als Kackbatzen verlangend. Bis zum 8. Mai haben sie sich keuchend das bisschen Schwellkörper hochgerubbelt, der übelste Faschistenscheißdreck zu sein, einen Tag später waren sie entweder verführte Lämmchen oder wild im Widerstand, größtenteils beides. Einen Teil des Untermenschenmaterials führte Nürnberg der Verwendung als Biomasse zu, der Rest machte Karriere in Baden-Württemberg. Oder in der FDP.

Natürlich waren das nicht alles Nazis. Wenn einer nach geltendem Recht Regimegegner an die Wand stellen ließ, die den Endsieg in Zweifel zogen: geschenkt, sonst wäre ja Hitler nie so groß rausgekommen, wenn nicht alle Menschen ihn unterstützt hätten, und da wir ja wissen, dass das nicht alles Nazis gewesen sein können – man frage seine Verwandtschaft, die Nachbarn, die Partei- und Stadt- und Pressearchive, und das mit dem Widerstand kommt noch hinzu – so gab es die eigentlich nie. Nicht mal zur Nazizeit. Nix da.

Nur danach, da müssen sie ex post eine Art virtuelle Existenz begonnen haben, wie ein zweites erfundenes Mittelalter in die Zivilisationsgeschichte eingeschwiemelt, passgenau zwischen Röhmputsch und Kapitulation, hermetisch abgepackt gegen alle Fingerabdrücke, die sakrosankte Hitlerei gegen die übergriffige Gegenwart geschützt. Das Nazisein als Nazisosein geht dem Nazihaften voraus als die Bewandtnis des Uneigentlichen. Es gibt den Nazi, denn es gibt ihn nicht, denn es gibt ihn.

Die typische Reductio ad Hitlerum ist und war schon immer eine grandiose Art, seine eigene erektile Dysfunktion auch im intellektuellen Sektor krachend unter Beweis zu stellen. Mit der Masche ließe sich jeder beliebige Vegetarier zum Drecksack par excellence erklären, nur weil der Bettnässer aus Braunau außer Eva kein Fleisch zu sich nahm. Das Entscheidende ist jedoch die Hinterseite; so lässt sich letztlich auch das Atmen als Sünde aburteilen (bei Pol Pot beobachtet), körperliche Ausscheidung (wurde Stalin so gut wie nachgewiesen), Herzschlag (gilt bei Nero als praktisch erwiesen). Wenn es eine Entwertung der Argumente gibt, dann im Umkehrschluss: jäh wird man sich bewusst, dass der Faschist auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut war, nicht etwa eine kosmische Seuche, die auf den Planeten herabgekotzt wurde. Auch Göring hatte Darmbakterien – gut möglich, dass sie den eigentlichen Teil seiner Intelligenz ausmachten, aber als gesichert gilt, dass er weder Gott noch Dämon war. Die Nazis waren Menschen.

Sie sind es noch, und was gleichfalls gilt: die Menschen haben noch immer dieselbe Anlage, Nazis zu werden. Und so gibt es das Nazihafte sehr wohl, und was leichter ist: man kann es entdecken. Wo immer Nazis die Entfernung Andersdenkender, Andersfarbiger, Andersstämmiger mit Sabber und Geprügel fordern, sind es Nazis. Wo immer Nazis Gebäude anzünden, um den Tod billigend in Kauf zu nehmen, sind es Nazi. Wo immer Nazis ihren eigenen zivilisatorischen Rotz, die Geburt in Taka-Tuka-Land samt der Heldenleistung, dreißig Jahre lang nicht herausgeschmissen worden zu sein, als Kristallisationspunkt der Evolution feiern, sind es Nazis. Und nicht Brauchtumskritiker, Lautsprecher, chronisch besorgte Schwurbelgurken, abendländische Wuthupen, Dumpfnulpen, Hasenhirne, Laberlurche, Querkämmer, es sind Nazis. Jeder, der den Begriff für masturbatorische Hütchenspielereien verbrennen will, ist lediglich in steter Panik um die Hörbarkeit seines Geplärrs.

Sie sind keine Nazis. Aber sie sind welche. Und wer sie so nennt, macht qua Hitlervergleich die alten Nazis, die ja keine waren, aber wenigstens auf ihre Art absolut schuldig, zu den wahren Nazis, mit denen man die neuen keinesfalls vergleichen dürfe, denn: es sind ja keine Nazis. Aber sie sind welche, und wer verkennt, dass rhetorisches Tischfeuerwerk alleine den Unterschied macht, in welcher Generation man schießt, abfackelt, hetzt und den Mord zur nationalen Befreiungstat hochjagt, der wird auch nicht begreifen, dass dem ethischen Versagen völlig wumpe ist, in welchem nationalen, historischen oder ökonomischen Setting man es aus dem Hut zieht. Wer sich wie ein Nazi verhält, ob auf dem Mars oder in Heidenau, ist ein Nazi. Und wer das verneint und jegliche Parallele mit dem Nationalsozialismus, der hat dazu in der Regel einen hinreichenden Grund.





Aber

27 08 2015

„Ziept ein bisschen, ist aber wieder zu entfernen, das Unangenehme: das Aufbringen tut scheiße weh, und das seht nicht auf der Packung. Die meisten zucken derart herum, dass dieses Ganzkörpertattoo total schief ist, verbeulte Hakenkreuze, quasi rechtwinklige – haha, rechtwinklig, ja? – SS-Runen und so Zeug halt. Absolut panne. Was das Pack so trägt.

Es reicht ja heute längst nicht mehr, dem kleinen Faschisten von nebenan eine Hakenkreuzarmbinde zu verticken und Original-Wehrmachtsstiefel Made in Taiwan, die sind auch etwas anspruchsvoller geworden. Bio-Seife aus rassereinen deutschen Schäferhunden, mit Unbedenklichkeitszertifikat, das muss schon sein. Und wehe, Sie haben da noch einen polnischen Aufdruck auf der Verpackung. Da können Sie aber einpacken. Auf der Stelle.

Neuester Schrei sind diese in Lizenz gefertigten Faltkartons, wenn Sie mal etwas verschicken wollen. Gute deutsche Ware, naturbrauner Karton, an den Rändern selbstverständlich scharf, damit auch genügend deutsches Blut für den Sieg fließt, lässt als Triumph des Willens sogar falten, und dann können Sie Ihren Mist an die Front senden. Nennt sich Pack-Set und wird sogar von führenden Sozialdemokraten empfohlen.

Das hier? das Standard-Set für den kleinen Nazi, natürlich auch mit einer Rolle Pack-Band. Haha, Pack-Band, ja? Sehen Sie, kann man sogar abschneiden, und da haben Sie das gute alte Fahrtenmesser, das nur der Jungscharführer sonst hätte aushändigen dürfen. So Zeugs halt.

Die meisten sind ja keine Nazis, aber. Der sogenannte Aber-Glaube. Daran erkennen wir unsere Zielgruppe, dass sie eigentlich mit ihren Überzeugungen gar nichts zu tun haben will. Klingt kompliziert? Die BILD verkauft sich damit seit Jahrzehnten ganz gut. Soll man das kritisch sehen, wenn man damit Umsatz machen kann?

Ja, Klamotten haben wir auch. Diese praktische Freizeithose wird gerne genommen, Fleece in altgrau, der Ton hält schon mal die eine oder andere Kundgebung des gesunden Volksempfindens aus. Kordelzug, falls Sie zwischendurch das eine oder andere Bierchen zu sich nehmen. Und wenn es zu viel war, haben Sie innen diesen formschönen Beutel. Das Modell Pre-Pissed lief in den letzten Jahren schon nicht mehr, eigentlich können Sie das seit Hoyerswerda schon nicht mehr tragen. Den Beutel nehmen Sie einfach hier raus, so, und dann können Sie ihn ausleeren. Wenn Ihnen im ÖPNV mal Kopftuchmädchen über den Weg laufen.

Diese Baseballkappe mit Scheuklappen lief eher nicht so. Aber wahrscheinlich haben wir hier auch zu viel nachgedacht. Das passt nicht ganz zu unseren Kunden, habe ich das Gefühl.

Merchandising wird in den kommenden Wochen natürlich das ganz große Thema sein, auch für die Herbstkollektion. Wir entwerfen hier gerade neue Designs für Oberbekleidung, wenn Sie mal schauen möchten: Heidenau 2015 – Ich war dabei! Sollte der Knaller werden. Oder hier: Freital University Fight Club. Kann man mal machen.

Ein bisschen übers Internet, aber den größten Teil unserer Geschäfte generieren wir immer noch über Sammelbestellungen. Wir schicken unsere Vertriebler – haha, Vertrieb, ja? – direkt zu den Ausländerunterkünften, da trifft man immer eine Menge national besorgter Kunden. Und wenn die etwas sehen, wollen sie es natürlich auch sofort anfassen. So sind die halt. Aber für uns ist das gut, denn das garantiert uns eine natürlich wachsende Kundenstruktur. Die meisten sind ja seit PEGIDA dabei, und da lernt man dann die Bedürfnisse seiner Konsumenten schon ganz gut kennen.

So leicht ist das auch nicht immer. Dieses Augenbrauen-Set, Lizenzprodukt von Kathrin Oertel, das war der größte Flop. Das kriegen Sie heute nicht mal mehr als kostenlose Beigabe weg. Wir setzen daher eher auf alternative Modelle der Kundenbindung. Hier hätten wir beispielsweise ein Gutscheinheft für die regionale Wirtschaft – Sie ahnen gar nicht, wo man seine Kooperationspartner überall findet – mit Bildungsgutscheinen. Gut, für die meisten von denen stellt der Besuch im Dönerladen ja schon ein Bildungserlebnis dar.

Und wir gehen ins Erlebnismarketing. Keine so leichte Sache, aber das Internet hilft uns. Wenn Sie mal schauen möchten, die App haben wir jetzt neu im Programm: neue Ausländerheime als Hot Spots – haha, Hot Spots, ja? – und Sie können direkt hinfahren, so quasi als Showcase, da sehen Sie dann unser Sortiment in Aktion und ordern gleich vor Ort. Ist doch großartig, oder? Wenn ich mir das so ansehe, großes Kundeninteresse, wachsender Kundenstamm, ein maßgeschneidertes Sortiment, ordentliche Gewinnspanne, immer in den Medien mit kostenloser Werbung, als nachhaltig kann man das, was wir tun, ja auch irgendwie bezeichnen – mich beschleicht manchmal so der Gedanke, diese ganze Ausländerflut, die hier nach Deutschland kommt, ist die am Ende vielleicht doch ein Gewinn für uns?“








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