Mundschutz

6 04 2020

„Nächsten Donnerstag, lassen Sie mich gerade mal nachschauen, haben wir um halb zehn in Hannover, relativ zentral, einen Supermarkt, und dann um zwei Uhr eine Arztpraxis in Jena. Braunschweig ist jetzt nicht so weit weg, wir könnten so gegen zehn Uhr fünfundvierzig einen kurzen Termin im Heim reinquetschen, aber dann muss da alles steril sein. Und der Herr Bundespräsident bleibt auch maximal fünf Minuten.

Nein, wir koordinieren das ja nur. Dass Sie den Herrn Bundespräsidenten bekommen, liegt auch nur am Datum. Mittwoch könnten wir eventuell auch Herrn Scholz schicken, der hat ab Mittag frei und wäre im Großraum Berlin-Brandenburg verfügbar. Die Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch auf ihre Politiker, und Sie hatten eine amtierende Spitzenkraft angefordert, deshalb nehmen wir die auch zuerst. Wenn Sie beispielsweise bloß eine Müllverbrennungsanlage renoviert haben und jetzt wiedereröffnen, dann schicken wir Ihnen Lindner vorbei. Der darf dann an der Bar die Journalisten anpöbeln, danach zieht er sich die Birne dicht und Sie haben für den Rest des Tages ihre Ruhe. Wobei, Sie haben recht. Wozu lädt man sich die Knalltüte dann überhaupt ein.

Also wir sind keine Event-Agentur. Das dürfen Sie nicht verwechseln. Sie bezahlen ja nichts für die Politiker, das ist ihr Job. Dafür müssen Sie halt ein paar Abstriche machen, wenn es um Wichtigkeit und Verfügbarkeit geht. Wenn Sie einen Supermarkt betreiben, dann haben Sie unserer Ansicht nach ein vitales Interesse, dass Sie Ihr Personal so gut wie möglich in die Presse bringen. Bundespräsident und Bundeskanzlerin sind da angebracht, und wenn Sie ein Foto davon haben, wie Frau Merkel in der Schlange steht, Toilettenpapier kauft und Ihrer Kassenkraft Beifall klatscht, dann bringt Ihnen das wenigstens einen Monat, in dem Sie Ihre Löhne so mies auszahlen können wie bisher. Das ist auch in unserem Interesse. Stellen Sie sich in dieser Lage mal vor, das Lohngefüge verrutscht, wir haben bei den Sozialleistungen plötzlich höhere Sätze, es gibt auch viel mehr Aufstocker – das kann es nicht sein. Da holen Sie dann lieber alle paar Monate mal eine politische Figur, dann haben Sie Ruhe.

Von Herrn Heil möchten wir in dieser Lage ausdrücklich abraten, er sagt Sachen, die sollte man eigentlich nicht sagen. Er kündigt eine Überprüfung des deutschen Gesundheitssystems an – was erst einmal nichts heißt, aber große Erwartungen weckt – und verkündet dann, dass wir die Sozialstaat so lassen müssen, wie er jetzt ist. Zuletzt hatte er sich auch offen gezeigt, die von Karlsruhe angemahnten Gesetzeskorrekturen zu ignorieren, weil ihm Geld wichtiger ist als die Verfassung. Das wäre an sich eher ein Kandidat für die zweite Garnitur, aber bei der aktuellen Nachfrage lassen wir ihn lieber in der ersten. Es muss ihn ja keiner buchen, er hat sich das selbst ausgesucht, und wer nicht will, der hat schon.

À propos, Herr Spahn. Ungeeignet für Kliniken, für Arztpraxen, alles, was mit Gesundheitswesen zu tun hat. Wir hatten ihn neulich mal für einen Termin im Sanitätshaus, da waren wir alle erleichtert, dass er nach zwei, drei Minuten ohne lebensgefährliche Verletzungen wieder vom Gelände entfernt werden konnte. Bei ihm können Sie auch sicher sein, dass er nur mit Mundschutz auftritt. Nicht wegen der Infektion. Aber wenn er schon seine dumme Klappe aufreißt, dann müssen Sie nicht auch noch hören, was da rauskommt.

Gut, wir probieren es mal mit Herrn Söder, der ist auch noch frei. Gegen elf Uhr? Etwa eine halbe Stunde Programm, er nagelt in allen Räumen auch noch ein kostenloses Kruzifix an die Wand, wenn Sie ihn lassen. Andere schreiben halt Autogramme, er nagelt. Das wirkt komisch, aber Sie werden sich schnell an ihn gewöhnen. Möglicherweise so sehr, dass es Ihnen gar nicht auffällt, wenn er plötzlich Bundeskanzler ist.

Ja, Sie lachen, das Geschäft ist hart, und das hat nicht nur mit den Terminplänen dieser Damen und Herren zu tun. Das spiegelt die ganze Krise wider, vielmehr: die letzten zwanzig Jahre, die der Krise vorangegangen sind. Wir kriegen die Rechnung für die Fehlentwicklung präsentiert, die wir sehenden Auges unterstützt haben. Das politische Personal, das da seine Sonntagsreden unter sich lässt, ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist die Auslese dessen, was wir gewählt und damit in die Ämter befördert haben, in denen sie nun stur herumhocken, durch brechreizerregende Inkompetenz brillieren und mit dummem Gefasel auffallen. In den Ministerien sind die Leute doch vom Abteilungsleiter abwärts froh, wenn sie einen ganzen Tag lang diese Brüllaffen nicht zu sehen bekommen. Und da kommen wir ins Spiel. Wir briefen den Redner – Ort, Location, dann noch eine kurze Beschreibung, ob gerade zehn Personen vom AfD-Außendienst abgeknallt wurden oder mangelnder Infektionsschutz im Pflegeheim zu einer größeren Anzahl an Todesfällen geführt hat – und dann kriegen Sie warme Worte. Wäre ja auch doof, wenn da der Präsident steht und sagt: ‚Wir sind hier als Deutsche‘, oder: ‚Ich bin der festen Überzeugung, dass das Leben weitergeht, und das will ich Ihnen hier und heute, wo wir als Bürger dieses Staates, der sich auf Sie verlässt, auch und gerade in dieser Krise, die schwer ist, aber nicht nur, sondern auch ermutigend, für mich, für alle, die das heute, in diesem Lande, und das sind wir alle‘.

Klöckner? Gut, warum nicht. Natürlich mit Mundschutz. Wenn Sie eh bloß ein paar Minuten Gerede brauchen, ist es egal, ob Sie Spahn nehmen oder Klöckner. Kostenlos ist beides. Und umsonst.“





Anekdote aus der Zukunft

5 04 2020

für Erich Kästner

Es schwiegen die Waffen. Der Krieg war vorbei.
Sie lagen sich schnell in den Armen.
Die Völker, sie waren so friedlich und frei,
und jeder rief: weg mit der Tyrannei!
Der Menschheit ein Recht auf Erbarmen!

Sie schenkten sich alles. Man teilte und litt,
sie linderten Hunger und Nöte.
Wer fern von der Heimat, dem brachte man’s mit,
und keiner, der zankte und neidet und stritt.
Die Welt war so voll Morgenröte.

Dann wurde es anders. Sie ahnten es schon,
und leise begann es zu zittern,
das Wort macht die Runde: die Revolution,
sie stand vor der Tür. Endlich Brot für den Lohn,
und Blumenduft schien man zu wittern.

Da kriegten sie Angst, und die vorher noch schrieen,
begannen sich jäh zu entleiben.
So weit war die Gleichheit des Menschen gediehn.
Sie wollten’s nicht glauben. Sie wollten nur fliehn.
Wie sonst soll denn alles so bleiben?





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (CDLXXXVII)

4 04 2020

Es fragte sich Zygmunt in Böck:
„Wenn ich mal am Flaschenhals leck,
kann das dazu führen,
dass Desinfizieren
unnötig wird bei wenig Dreck?“

Für Rune ist in Ertebølle
als Schmuggler der Ort wie die Hölle.
Man findet seit Jahren
fast sämtliche Waren,
und darauf bezahlt man dann Zölle.

Es ging Franciszek in Corpellen
zum Baden grundsätzlich im Hellen,
denn mit bloßen Füßen
sind die, die sich stießen,
nicht besser als die, die sich prellen.

Fliest Mordecai in Ramat Rachel
ein Bad, gibt er acht, dass die Kachel
gar nichts darf zerkratzen,
nicht Hunde, nicht Katzen.
Nicht mal von einem Bienenstachel.

Man hört Paweł laut in Borntuchen
am Samstag im Vorratsraum fluchen,
vergaß doch der Bote
schon wieder die Brote.
So isst er den ganzen Tag Kuchen.

Kauft Majida sich in Ghomrassen
mal Schuhe, kann sie es nicht fassen,
wenn ganz auf die Schnelle
die schönsten Modelle
sofort nach der Anprobe passen.

Sticht Halina Spargel in Brünken,
besteht sie auf salzigen Schinken.
So kann sie beim Essen
fast alles vergessen:
sie will dazu ausreichend trinken.





Gernulf Olzheimer kommentiert (DVIII): Der Markt

3 04 2020
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Uga hatte manchmal das Glück, bei der Suche nach Buntbeeren auf den Großen Prickelpilz zu stoßen, der bei knapper Dosierung lustig machte. Ein mittelgroßes Exemplar reichte für einen recht gemütlichen Abend in der Einfamilienhöhle, und fand er mal zwei, so konnte er in durchschnittlichen Sommern eine gute Keule von der Säbelzahnziege für den Schwamm eintauschen. Natürlich half es, die Nester im kleinen Wäldchen bei der westlichen Felswand gut zu kennen. Kaulauch und Hasen hatte Rrt unter Kontrolle, diese Segmente schienen längst abgesteckt. Aber die Wirtschaftsteilnehmer wussten es schon damals, der Markt regelt alles.

Wenn man ihn denn lässt. In den meisten Fällen besteht er aus dreißig Bestattungsinstituten in einer Hundert-Seelen-Gemeinde, die sich karnickeloid vermehren und nach Staatshilfen plärren, weil ihnen keine verraten hat, dass mit Gewerbefreiheit nicht gemeint war, nach Belieben als Unternehmen am Markt aufzutreten, wenn dies keinen Erfolg zu versprechen droht. Manche schwenken sofort um auf Nagelstudio, Musikschule, Feng-Shui-Bude oder notfalls Unternehmensberatung, weil das jede Knalltüte hinkriegt – doch nicht jede Lücke, in die nach Motivationsgeplärr des Analysten Mut suppt, ist auch als Standort der Vernunft bekannt. Der voodooeske Betriebswirtschaftlerzauber, nach dem Nachfrage und Angebot vollkommen unabhängig voneinander im luftleeren Raum existieren, hier wird er Ereignis.

Wie sonst könnte es grundsätzlich gesteuerte Märkte geben wie den Arbeitsmarkt, auf dem sich die Anbieter degradieren lassen müssen, indem man sie als Arbeitnehmer bezeichnet. Nach unverdünnt aufgetragener Marktlogik könnten derzeit alle Kassierer im Einzelhandel, alle Gesundheits- und Krankenpfleger, Lkw-Fahrer sowie angeschlossene Branchen sich lässig zurücklehnen, ihre staubigen Tarifverträge mit mildem Lächeln in den Schredder kloppen und die verschwiemelten Ausflüchte der sogenannten Tarifpartner – outgesourcte Zwerge für russisches Roulette mit Lohnempfängern – schlicht ignorieren, denn was wäre dieses Land, würde nicht das zehnfache Brutto monatlich rüberwachsen. Aber wen kümmert schon die Definition, wenn man doch klarmachen kann, dass es überall geistig schwer gestörte Brechbeulen gibt, die nur da nach den Regeln spielen, wo sie sie nach Belieben ignorieren können.

Tatsächlich sehnen aufmerksamkeitsgestörte Hackfressen sich nur nach dem Scheinoligopol, in dem sie als arbeitsscheue Anteilsschmarotzer den Preis für systemrelevante Leistungen durch gezielte Verknappung so weit in die Höhe zwiebeln können, dass sie das Gleichgewicht halten: nicht zu geringe Erlöse unter Berücksichtigung aller vorsätzlich hinterzogenen Steuern und Abgaben, keine zu niedrigen Verluste in der Verbraucherschicht, um zu kompensieren, dass man nicht jedem, der wegen eines überteuerten Medikaments verstirbt, vorher noch ins Gesicht hat spucken können.

Sollten sie sich im Vollsuff einmal zu hart mit dem Gesichtsversuch in die Tischecke gelegt haben, so werden sie angenehm erfreut sein, dass es auch an Sonn- und Feiertagen einen Notdienst für die Esszimmerreparatur gibt. Eigennutz, wusste auch der geneigte Nazi, ohne es zugeben zu wollen, geht ja stets vor Gemeinnutz, und der Taxifahrer, der den letzten Zug am Bahnhof abwartet, tut dies nicht aus reiner Philanthropie: beide wollen ihren Kredit abbezahlen und schielen kalt auf die Zuschläge, die sich in einem ausgedünnten Angebot wie von selbst ergeben. Zuverlässig anwesende Hühner lachen bei Gelegenheit, wenn der Preis sich durch etwaige Kaufverweigerung einpendeln sollte – mit dem vereiterten Zahn hockt der Nanodenker freilich ein ganzes Quartal vor des Dentisten Tor, bis die Kasse ein Machtwort lispelt, und gibt es kein Brot, frisst der geneigte Kunde auf Befehl Kuchen.

Die komplett unsichtbare Hand, die sich nur in einem Paralleluniversum zeigt, regelt nur bei denen ihren Schlamassel, wo der Brägen auf Halbmast hängt. Auf einem perfekten Markt gäbe es keine Märkte, das Volumen wäre begrenzt, da es sich in einem abgeschlossenen Kreislauf befindet, das den Energieerhaltungssatz auch durch schamanisches Hüpfen nicht abschafft, und das religiös verehrte Wachstum wäre eine Folge von Lack on the rocks, den die im Oberstübchen verseiften Soziopathen zur Aufrechterhaltung ihrer Laberzirrhose nötiger haben als die Dünnluft zum Atmen. Kaum ist für sie der Spargel in Gefahr, plärren die Waschweiber im Chor nach Mammi, die ihnen die Windeln wechselt, weil sich diese verdammte Realität nicht an die Vorstellungen hält, die man nach einer Tüte Tanzdragees entwickelt. Sicher gibt es Wachstum, ungebremste Progression ohne Rücksicht auf alle anderen Faktoren, freie Entfaltung durch gezielte Zerstörung der Umgebungsvariablen. Im gut sortierten Fachhandel heißt das Zeug Krebs, und wer es sich selbst wegbeten will, kommt früher oder später zum Arzt. Und sei es, mit etwas Glück für alle anderen, zum Sterben.





Völkische Übernahme

2 04 2020

„… sich von allen trennen werde, die der Einheit der AfD derzeit in Frage stellten. Höcke sei fest entschlossen, auch nach der totalen Auflösung des rechtsextremistischen…“

„… disziplinieren müsse. Weidel habe die ganze Partei darauf hingewiesen, dass ohne eine weitere Finanzierung aus Bundesmitteln Boykotthetze und Verleumdung nicht mehr möglich seien und eine sachorientierte politische Arbeit drohe. Angesichts dieser lebensbedrohlichen Situation könne sich nun niemand mehr für eine weitere…“

„… nur nach dem bisherigen Schema vorgehen wolle. Auch die bisherigen Vorsitzenden seien aus der Führung gedrängt worden, deshalb sei eine Absetzung von Meuthen durch Höcke, Kalbitz und Junge durchaus als traditionelles…“

„… eine Neuorganisation unter veränderter Führung wegen des geltenden Kontaktverbots nicht möglich sei. Höcke dürfe dies nur alleine und ohne Rücksprache mit anderen entscheidend, weshalb er sich für eine völkische Übernahme des…“

„…bereits den saarländischen Landesvorstand abgesetzt habe. Meuthen werde von den anderen Mitgliedern der AfD inzwischen bezichtigt, mit Absicht die Auflösung der verfassungsfeindlichen Bestandteile der Partei zu betreiben, wodurch sich ein nicht mehr behebbarer Schaden für die…“

„… habe Poggenburg sich sofort als Mediator angeboten, da er sowohl unter Geldnot leide als auch bekennender Holocaustleugner sei. Er stehe für eine unbeugsamste Härte gegenüber allen Feindrassen und werde jeden Versuch des feigen Zurückweichens, beispielsweise die Parteiflucht, mit sofortiger Haft, Erschießung oder einem…“

„… mit Parteiausschluss drohe. Meuthen könne auf keines seiner Ämter verzichten, da er noch mehrere sehr kostspielige Privatkredite bei einer…“

„… versucht habe, Titelschutz für die Marke Alternative für Deutschland anzumelden. Höcke werde alle Unternehmungen des demokratieverseuchten Abweichlerflügels mit entschiedenster Entschiedenheit niederringen, um die Zernichtung des nationalen Erbes durch die…“

„… mit dem Verkauf von Staatsanleihen finanzieren wolle. Weidel fühle sich offiziell nicht dem Flügel zugehörig, müsse aber wegen einer größeren Bürgschaft für Magnitz, der seinerzeit von Mitbewerbern im osteuropäischen Menschenhandel an Verbindlichkeiten erinnert worden sei, mit einer Summe von einigen…“

„… versehentlich als Alternative für Deitschland angemeldet habe. Höcke habe zwar das Bundesverfassungsgericht als ‚verjudete Bude von Gasflüchtlingen‘ bezeichnet, erhebe aber den Anspruch, dass ihm als Retter der Deutscheit vor der rassisch minderwertigen Völkerflut die Bestimmungsgewalt über den…“

„… ein öffentlicher Aufruf zum Rücktritt von Meuthen als Vorsitzendem der AfD plötzlich aus dem Netz genommen worden sei. Es sei jedoch nicht gesichert, dass die von ihm selbst in Auftrag gegebene Arbeit durch einen geplatzten Scheck von der Agentur wieder…“

„… zahlreiche Mitglieder mit dem sofortigen Austritt drohen würden. Es sei noch nicht klar, warum Gauland mit der Übermittlung sämtlicher Mitgliederdaten an den Verfassungsschutz drohe, da aber die Anschriften des verfassungsfeindlichen Teils einschließlich seiner eigenen behördlich schon erfasst seien, könne es sich nur um eine…“

„… ein Angebot machen werde, das dieser nicht ablehnen könne. Bei Zuwiderhandlung sei Kalbitz jedoch auch entschlossen, die restliche Partei mit Schusswaffeneinsatz während einer Versammlung auf den Gelände des Nürnberger…“

„… werde Gauland bei einer Abspaltung aller anderen Parteigenossen die uneingeschränkte Führung des volksdeutschen Flügels der vereinigten identitären und arisch reinblütigen…“

„… die AfD nur noch im Westteil der BRD GmbH zulassen wolle. Petry habe sich bereits für ein Comeback in Stellung gebracht und wolle den…“

„… keine konstruktive Basis für einen Streit sehe. Höcke gehe also von einer Vernichtung der kommunistenfreundlichen Gruppe um Junge und seine rechtsextremistischen…“

„… weiter eingeschränkt sei. Die meisten Kreisverbände der AfD seien zwar aus eigenem Antrieb bestrebt, ihre Kosten zu minimieren, es sei jedoch durch unvorhergesehene Übergriffe der von der Bundesrepublik AG gesteuerten Lynchjustiz nicht möglich, die regional Verantwortlichen vor einem…“

„… werde Kalbitz bei einer Abspaltung aller anderen Parteigenossen die uneingeschränkte Führung des volksdeutschen Flügels der vereinigten arischen und identitär…“

„… eine Einigung mit dem Verfassungsschutz erzielt habe. Sollte Meuthen die Auflösung der Partei bis nach den Wahlen zum Deutschen Bundestag nicht durch interne Maßnahmen beendet habe, sehe Seehofer keine andere Möglichkeit, als innerhalb weniger Jahre die strafrechtlich relevanten…“





Hexenverfolgung

1 04 2020

„Also haben sie erst einen gesehen, noch einen, und dann noch einen. Aha. Gut. Aber da kann ich nichts machen, weil das drei einzelne Personen waren, und wenn Sie nicht mal wissen, um wen es sich dabei gehandelt haben könnte, dann weiß ich auch nicht, was ich jetzt noch dagegen tun könnte.

Stressfest, haben sie gesagt. Also ich habe schon eine ganze Menge gemacht, Beschwerdestelle bei der Bahn, technische Hotline für Geräte, die man eigentlich nur einschalten muss, aber das hier ist wirklich hart. Die Leute wollen mitarbeiten, was ja auch grundsätzlich erst mal in Ordnung ist, aber sie sind wie kleine Kinder, die alle Nummernschilder von den parkenden Autos aufschreiben und sie dann bei der Polizei abliefern, weil vielleicht ein Räuber darunter sein könnte. Es ist nicht zu fassen.

Infektionsschutzpolizei, womit kann ich Ihnen helfen? Ihre Nachbarin hält sich also im Park auf? Und was soll sie Ihres Erachtens nach sonst im Park tun, etwa die Bäume absägen? Sich bewegen? Das würde ja schon mal beinhalten, dass sie sich dort auch aufhält. Wenn Sie es nicht sehen konnten, dann waren Sie unter Umständen nicht dicht genug an ihr dran. Es ging nicht, weil Sie ja den Abstand einhalten mussten, aha. Gut. Und dann haben Sie keine Bewegung feststellen können. Sind Sie sich sicher, dass es sich nicht um Joga gehandelt hat? Aha, das macht man nicht im Park. Wusste ich auch noch nicht, aber wenn Sie das sagen, wird es wohl stimmen. Ja, behalten Sie die Sache ruhig im Auge.

Das ist Ihnen ja wohl klar, wie das hier läuft. Die einen liegen auf der Fensterbank und gucken nach, was die Nachbarn im Vorgarten machen, die anderen stehen hinterm Baum und verpfeifen, wen sie zu fassen kriegen. Das hatten wir alles schon, die Geheimpolizei hieß nur immer anders, und sie kam nicht mehr nach damit, die Denunziationen der braven Bürger abzuarbeiten. Schaffen Sie einen Polizeistaat, schaffen Sie rechtliche Grauzonen, in denen selbst die Polizisten nicht mehr wissen, was noch legal ist und was nicht, und schon kriecht das Heer der Schnüffler und Petzer aus allen Ritzen.

Infektionsschutzpolizei, womit kann ich Ihnen helfen? Zwei Personen? Nicht verheiratet? Ja, das soll vorkommen, und wenn Sie mir jetzt noch verraten, woher Sie wissen, was die beiden sonst so tun, dann… Das haben Sie falsch verstanden, wir nehmen hier keine Sittlichkeitsverbrechen auf, und ich kann Ihnen auch versichern, dass ein Abstand von unter einem halben Meter definitiv keine gemeingefährliche Körperverletzung darstellt, wie Sie das nennen. Mit Hund waren es schon drei? Sie sind sich ganz sicher? Haben Sie auch nachgesehen, ob vielleicht einer der beiden einen Hamster in der Hosentasche hatte? Hallo? Hallo?

Ich würde nicht sagen, dass wir als Deutsche hier ein Monopol haben, aber wir sind ganz gut im Training. Heutzutage müssen Sie noch nicht mal Systemkritiker sein oder Ausländer, es reicht, wenn Sie durch gesundheitsgefährdendes Verhalten eine Gefahr für das auf Kante genähte Finanzsystem eines Krankenhausbetreibers darstellen, weil sie ein Intensivbett belegen, in dem zur selben Zeit drei bis vier Senioren abkratzen und für bessere Rendite sorgen könnten. Das möchte der gute Staatsbürger natürlich nicht, aber das ist nur ein Motiv. In Wirklichkeit will er natürlich jemanden reinreißen und zusehen, dass der andere leidet. Da haben wir auch kein Monopol, aber in der Vergangenheit ganz gut vorgelegt.

Wenn Sie so wollen, können Sie die ganze Psychodynamik auf die Hexenverfolgung zurückführen. Die Gesellschaft war ein bisschen anders aufgebaut, aber nicht unbedingt besser dran als heute. Neid und Missgunst sind immer gute Triebfedern, das Verhalten mag damals noch ein bisschen irrationaler gewesen sein, weil Aberglaube als wissenschaftlich bestätigt galt, und wenn man persönliche Einschränkungen an einer sich ad hoc anbietenden Bevölkerungsgruppe abreagieren kann, dann macht man das halt. Was meinen Sie, wie oft ich hier Leute dran habe, die eine Hundertschaft anfordert, weil auf der Straße ein Chinese läuft.

Infektionsschutzpolizei, womit kann ich Ihnen helfen? Es hat gehustet. Aha. Gut. Und wo hat da wer gehustet? Wissen Sie nicht. Soll ich das jetzt etwa herausfinden, wer da wo gehustet hat? Und wann hat es gehustet? Gestern? Dann ist es ja gut, dass Sie uns gleich heute informieren. Das war, weil Sie keine Ansteckung riskieren wollten. Ja, das verstehe ich. Alle festnehmen? Kann man machen, aber wieso eigentlich? Bösartiges Husten? Es hat sich also bösartig angehört, interessant. Nein, mir war bisher noch nicht bekannt, dass man bösartig husten kann. Ist es möglich, dass es sich dabei um ein vorsätzliches Husten gehandelt haben könnte, und wenn ja, können Sie das auch beweisen? Aha, gut. Dann müssen wir das wohl als fahrlässiges Husten betrachten, unter Umständen könnte es eine leichte Fahrlässigkeit sein, und da würden wir es bei einer Ermahnung bewenden lassen, weil da auch keine Ordnungswidrigkeit vorliegt. Ja, aber immer vorausgesetzt, dass wir die Person auch eindeutig als tatbeteiligt identifizieren, sonst ist es schwierig, eine Ermahnung auszusprechen, das werden Sie sicher verstehen. Wissen Sie was? Sie finden heraus, wer das gewesen ist, und dann schicken Sie die Person zur Befragung zu uns.

Wissen Sie, wovor mir graut? Wenn dieser Zirkus noch monatelang weitergeht, ziehen sich diese Idioten irgendwann Karnevalsuniformen an und terrorisieren das ganze Land. Aber das ist nun mal die Krise: sie zeigt den Charakter eines ganzen Landes.“





Sicherheitsabstand

31 03 2020

„Der Mundschutz sitzt!“ Herr Breschke zupfte sich noch einmal den Schal zurecht und zog dann die Gummihandschuhe an. „Meine Frau hat sie zur Vorsicht vorhin noch mit Spiritus abgerieben, das hält bestimmt vor.“ Umständlich zog er einen Chip aus der Jackentasche und legte ihn in die kleine Mulde am Griff des Einkaufswagens. „Los geht’s!“

Der Supermarkt war menschenleer. Ich ging in großem Abstand hinter dem pensionierten Finanzbeamten her, wie es die Aufkleber auf dem Boden befahlen. „Das ist ja auch einzusehen“, gab er zu verstehen, „und Sie wissen, ich möchte keinen Ärger bekommen.“ Er hielt den Einkaufszettel in der Rechten und streckte die Hand weit von sich weg, da er seine Lesebrille im Auto vergessen hatte. „Dosen“, entzifferte er. „Schauen Sie mal steht hier tatsächlich ‚Dosen‘?“ Ich ging einige Schritte auf ihn zu, doch er zuckte sofort zurück. „Nicht“, rief Breschke, „keinen Schritt näher! Wir werden noch aus dem Laden geworfen!“ „Vorschlag zur Güte“, antwortete ich, „Sie legen den Zettel da aufs Regal, und ich schaue nach.“ Das leuchtete ihm ein. Wir brauchten also Bohnen. Immerhin in der Dose.

Einen Gang weiter, wo Konserven in Gläsern und Büchsen lagerten, wollte Horst Breschke just mit dem Wagen einbiegen, als er plötzlich wie angewurzelt stehen blieb. „Es geht nicht“, keuchte er. „Wir können da nicht rein.“ In der Tat stand eine Dame in der Mitte zwischen den Stellagen und begutachtete in aller Ruhe Erbsen und Möhren in extrafeiner Qualität, konnte sich jedoch offenbar nicht für eines der annähernd gleichen Produkte entscheiden. „Wir müssen da durch“, verkündete er, und es klang wie ein Schlachtruf. Er fuhr in gutem Tempo den Drahtwagen bis knapp vor die Kundin, bremste und fuchtelte mit der Faust. „Ich kaufe hier ein!“ „Das sehe ich“, antwortete sie ungerührt. „Ich will mich nicht einmischen“, brachte ich mich in Erinnerung, und gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich in diesem Augenblick genau das tat: ich mischte mich ein. „Meine Güte“, stöhnte sie, „dann fahren Sie halt vorbei, so schwer ist das doch nicht!“ „Ich will aber nicht vorbei“, quengelte Horst Breschke. „Ich will jetzt an dieses Regal, und nur Sie hindern mich daran!“ Die Dame warf einen mitleidigen Blick auf ihn, dann auf mich, und stellte die Erbsen-Möhren-Dose wieder zurück zu den anderen. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, versuchte ich vorsichtig, „ich hole Ihnen eine Dose grüne Bohnen aus dem Regal, lege sie in Ihren Wagen, und wir setzen ganz entspannt unseren kleinen Einkauf fort, ja?“ Die Kundin trat ein paar Schritte zur Seite, so dass ich zugreifen konnte – Herr Breschke war unterdessen zurückgewichen und beobachtete meinen Vorstoß skeptisch – und so stellte ich die Konserve zu den anderen Dingen. „Jetzt aber ganz schnell“, beeilte sich Breschke. „Wir halten auf keinen Fall den Sicherheitsabstand ein, und wir sind insgesamt drei Personen.“

Der kleine Zwischenfall hatte den alten Herrn sichtlich aufgeregt. Noch fahriger als zuvor nestelte er an dem Zettel und hielt ihn mir schließlich vor die Nase. „Da muss irgendwo auch Milch stehen“, sagte er gequält. „Ich weiß es, weil meine Frau heute morgen nach dem Frühstück gesagt hat, dass wir keine mehr im Kühlschrank haben.“ „Da steht Milch drauf“, bestätigte ich, „und meinen Sie nicht, wir sollten es uns ein bisschen leichter machen, indem Sie einfach mir den Zettel geben, statt ihn mir hinzuhalten?“ Man sah deutlich, wie Breschke nachdachte. „Es ist ja keine schlechte Idee“, gab er zurück. „Aber letztlich habe ich doch ein bisschen Angst, dass Sie sich anstecken könnten, wenn ich Ihnen den Zettel einfach so…“ „Herr Breschke“, unterbrach ich ihn, „Sie tragen desinfizierte Gummihandschuhe, und ich habe vorhin fast eine Viertelstunde lang neben Ihnen im Auto gesessen. Man muss doch mal realistisch bleiben.“ Kleinlaut legte er den Zettel in den Wagen, wo ich ihn schließlich aufnahm. „Sehen Sie“, beruhigte ich ihn, „jetzt kaufen wir ganz gemütlich die letzten Sachen ein. Auf der Liste steht Würfelzucker.“

Seine Neigung zu Süßem hatte in den letzten Jahren zugenommen, aber noch hielt es sich in Grenzen. Nur auf den Würfelzucker in seinem Morgenkaffee bestand er, drei Stück mussten sein, wobei er für die letzten Schlucke sogar noch einen vierten hinzufügte. Schwungvoll drehte er den Einkaufswagen nach links und wollte gerade in den Gang mit Backwaren einbiegen, da stieß er frontal mit der Gegnerin zusammen. „Eine Niedertracht“, schrie er. „Sie haben mir doch aufgelauert, damit ich den Sicherheitsabstand nicht einhalten kann!“ Sie tippte sich an die Stirn, doch Breschke war gar nicht mehr zu bremsen. „Das wird Folgen für Sie haben, darauf können Sie sich verlassen!“ „Gibt es hier ein Problem?“ Der Verkäufer, gut erkennbar an seinem himmelblauen Hemd mit dem grellroten Supikauf-Schriftzug, war unbemerkt an den Auflauf herangetreten. Das focht den Alten jedoch keineswegs an. „Sie hat außerdem damit angefangen“, ereiferte er sich. „Und jetzt fährt sie einfach so aus dem Gang heraus! Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie es zu tun haben!“

„Ich wusste es auch nicht“, bekannte ich und lud die Einkäufe in den Kofferraum. „Wie soll man wissen, dass sie Regionalleiterin ist und zufällig ein paar Besorgungen macht.“ Breschke zog zitternd die Handschuhe von den Fingern. „Das wird Folgen haben“, zischte er. „Das schwöre ich!“ Ich zog die Tür zu und schnallte mich an. „Wissen Sie was? Ab jetzt kaufe ich ein, oder noch besser: halten Sie den Sicherheitsabstand ein und lassen Sie einfach liefern.“