Samstag und kein Ende

31 01 2009

Wecker piept. Magen knurrt.
Katze auf dem Schreibtisch schnurrt.
Amsel pfeift himmelwärts.
Radio macht Ohrenschmerz.
Socke fehlt. Wasser kocht.
Hefter heftet, Locher locht.
Telefon klingelt schon.
Kaffee aus und Einkaufsfron.
Schuh ist zu. Mütze wärmt.
Katze schläft und Nachbar lärmt.
Senf und Wein. Brot und Hack.
Katzenstreu und Zwiebelsack.
Kasse zu. Schlange lang.
Kinderplärr und Müttersang.
Post kommt spät. Brief ist da.
Lieben Gruß aus Kanada.
Post geht weg. Dacht’s mir schon.
Kein Paket aus Iserlohn.
Nachbar lärmt. Katze pennt.
Kind auf einen Spielplatz rennt.
Nachbar lärmt. Schreit zu laut.
Langsam fahr ich aus der Haut.
Telefon. Freundin dran.
Nächste Woche? Ruf mich an.
Katze schnarcht. Käsebrot.
Jetzt ist gleich der Himmel rot.
Dose knackst. Katze sieht.
Korkenzieher zieht und zieht.
Nachbar lärmt. Hals wird dick.
Treppe runter, böser Blick.
Nachbar schreit. Türe kracht.
Das war Samstag. Gute Nacht.





Traumfrauenfernsehen

30 01 2009

Die große neue Gameshow Wow! Die TraumFrau wurde schon vor der ersten Folge als Hit gehandelt. Durch den Abend führt eine seltsam entspannte Sonja Zietlow. Der Vorteil ist, dass sie kein Konzept hat. So kann sie auch nicht rauskommen.

Tabea (26) hat just ihr Studium abgeschlossen (Soziologie und Publizistik). Die schlanke Blondine stammt aus Fulda, sie hat in Mainz ein Praktikum angetreten. Das vierte. Sandy (25) hat mal Erzieherin gelernt. Was man der quirligen Brünetten nicht anmerkt. Nicht beim Sprechen. Chantal (24) sieht aus wie Gülcan Kamps in dick. Zu dick. Mehr muss man nicht wissen.

Runde eins nimmt eine völlig neue Perspektive ein: die inneren Werte der Frau. Das Publikum, 350 männliche Gestalten zwischen 25 und 45, darf per Knopfdruck abstimmen. Tabea findet Ehrlichkeit und Humor wichtig. Chantal kontert mit dicken Dingern (die Regieassistentin kann sie gerade noch davon abhalten, das Oberteil abzulegen) und Sandy denkt, man brauche Problembewusstsein. Werbepause, Sparwaschmittel mit Apfelkuchenduft, die neue Frauenzeitschrift, Rücksprung, tätäää: Punkt für Chantal. Geht doch.

Die Frisette liegt in Führung, da kommt die Bildungsrunde. Hauptstadt von Norwegen? Tabea drückt den Buzzer. Schwermetall mit vier Buchstaben? Eine von dreien hatte mal Chemie in der Schule. Sandy hält Jim Knopf für den Außenminister, macht aber nix, dafür denkt sie ja auch, dass alle Kühe lila sind. Chantal setzt aus, sie versteht die Fragen semantisch nicht. Kein Problem für Sonja Zietlow. Mit schlechten Kandidaten kennt sie sich gut aus.

Jetzt wird gekocht. Während das notblondierte Mädel aus Ruhpolding bei den Zucchini noch den Reißverschluss sucht, haben die Kitamaus und die Akademikerin schon Leckeres gezaubert. Punkt für Sandys Gulasch aus der Dose, Tabeas Kürbisquiche ist fleischlos. Schade. Die Zwischenrunde, bei der die drei Damen ihre Punkt verdoppeln können, verlangt Geschmack: einer Schaufensterpuppe das passende Outfit fürs Bewerbungsgespräch anziehen. Sandy entscheidet sich für lockeren Lagen-Look, Grün ist das neue Pink, Tabea für den Hosenanzug in konservativem Blau, kombiniert mit einer eierschalenfarbenen Seidenbluse. Chantal ist beim Öffnen der Kabine etwas verwirrt. Die Presswurst in Hüfthosen mit Specksichtzone kommt ohne fremde Hilfe nicht mehr aus dem Paillettenbolero. Nie war eine Werbeunterbrechung so sinnvoll.

Jetzt wird getanzt. Zu lautstarker Housemusik müssen die angehenden Traumfrauen Beine samt Zubehör bewegen. Hier macht sich Körperbewusstsein bezahlt, Sandys ehemaliger Nebenjob als Gogo-Girl bringt ihr den Punkt. Ein paar Ausfallerscheinungen im Saal – mehreren Zuschauern war beim Anblick der Diskoretten auf einmal gar nicht mehr so wohl in der Magengegend – werden medikamentös weggezaubert, the show must go on. Sonja Zietlow moderiert den Stargast an. Diskussionsrunde mit Barbara Salesch. Die Hochdruckreinigerin der Moralvorstellungen lässt sich vernehmen. Tabea schießt den Vogel ab mit ihren Fragen. „Erstens, was tun Sie für das Demokratieverständnis Ihrer Zuschauer? Zweitens, halten Sie Ihre Antwort für witzig?“ Heftiges Wortgefecht, Abstimmung, Punktsieg für Sandy. Frage in die Runde. Wer hat für Sandy gevotet? Zaghafte Zeigefinger. Ein junger Mann mit roten Ohren bekennt freimütig: „Okay, isch hätt da ooch nix gsacht gehabt.“ Ja, das leuchtet ein.

Jetzt aber erst mal wieder ein bisschen heitere Unterhaltung. Alexandra Neldel führt im Einspieler durch ihre Lisa-Plenske-Garderobe, kriecht noch einmal in den Fettpolsteranzug und gibt Tipps für schicke Mode bei kräftigen Knochen. Werbung. Die neue Schonmargarine für die Frau von heute.

Selbstdarstellung ist auch Thema im Halbfinale. Die Kandidatinnen müssen in dreißig Sekunden sagen, wo sie sich in zehn Jahren sehen. Chantal stottert etwas von eigenem Nagelstudio, oder doch lieber die Frittenstation auf Malle? Also jedenfalls will sie sich mal im Playboy ausziehen. (Sonja Zietlow verkneift sich Scherze mit Ausklappen und Querformat, ist auch besser so.) Tabea greift weiter aus. Wenn nicht aus dem Verlagspraktikum ein Job rausspringt, kellnert sie eben weiter im Café und macht nebenher ihren Doktor. Alternativ geht’s in die Bundespolitik. Der Gong verhindert weitere Ausführungen, Sandy bringt es auf den Punkt. Kurz und trocken. Heiraten. Pattsituation. Stechen ist sinnlos, so wird der Schaumstoffwürfel ausgepackt und Sandy hat erneut die Nase vorn. Kein Protest im Publikum.

Denn jetzt verfünffachen sich die Punkte: Ausziehen! Ausziehen! Tabea haut der Moderatorin den Mikrofonsender in die Hand. Die Tonregie verhindert geistesgegenwärtig, dass schlimme Worte wie Elende Chauvikacke und Scheiß Pimmelsender über den Äther gehen. Was nun? Im psychologisch richtigen Moment reißt Chantal sämtliche Knöpfe auf und ab und zieht blank. Kein Silikon, beteuert sie, und trägt einen Riesensieg davon. Als Preis bekommt sie 10.000 Euro und darf sich einen Mann aus dem Publikum mit nach Hause nehmen. Die Bühne wird gestürmt. Panik bricht aus, durch das Studio zieht sich eine Spur der Verwüstung. Es wird Tage dauern, Sonja Zietlow unter den Trümmern zu lokalisieren. Aber was macht man nicht alles für die Einschaltquoten. Sogar Frauenfernsehen.





Und nichts als die Wahrheit

29 01 2009

Die Mitglieder der Volksbefreiungsfront hatten alles ganz genau geplant. Sobald sie ihre kleinen Kapseln in die dreihundert deutschen Trinkwasserbecken geworfen hatten, verschwanden sie unauffällig. Diese Gelatinepillen sollten einen Einschnitt in der Geschichte markieren. Ihr Inhalt war teuflisch. Es handelte sich um die Wahrheitsdroge. In einer Konzentration, die bis heute als technisch unmöglich gilt. Aber sie wirkte. Und ihre Wirkung setzte unmittelbar ein.

Als der Moderator im Frühstücksfernsehen die Zuschauer mit „Tach Ihr Sackgesichter, ich und die hässliche Schlampe, die nur hier sitzt, weil sie sich vom Produktionsleiter knallen lässt, werden Euch jetzt durch ein Programm führen, das genau so flach ist wie Ihr!“ begrüßte, hielten es die meisten noch für einen makabren Scherz. Doch das Serum zirkulierte in den Wasserleitungen. Der erste Schluck Morgenkaffee infizierte jeden.

Investmentbanker, die noch rasch Grüntee mit Akazienhonig to go aus dem Automaten gezogen hatten, riefen hektisch Anleger an und warnten vor dem Zeug, das sie ihnen noch tags zuvor angedreht hatten. Die Börse stand kopf. Der DAX sank auf den Nullpunkt. Frankfurt gefror.

Zeitgleich hatte man in der Oberfinanzdirektion gut zu tun. Selbstanzeigen hagelten auf die Beamten ein. Jeder Steuerhinterzieher bekannte reumütig seine Sünden und gab sein Einkommen in voller Höhe an. Die Glocken begannen zu läuten. Deutschland war saniert. Dankgottesdienste füllten die Kirchen bis zum letzten Platz.

In einer jener Andachten beging der Diözesanbischof den folgenschweren Fehler, über Ist die CDU christlich? zu predigen. Man fand bei der eilig anberaumten Haussuchung im bischöflichen Ordinariat unter den losen Dielenbrettern Schriften über Befreiungstheologie. Stapelweise. Der Gottesmann war nicht mehr zu halten. Rom ächzte leise.

Auf der Jahrespressekonferenz verplapperte sich Hartmut Mehdorn. So kam ans Tageslicht, dass er im Auftrag der Autoindustrie seit Jahren hektisch daran arbeitete, die Deutsche Bahn vor die Wand zu fahren. Der Tumult legte sich jedoch rasch. Geahnt hatte man es immer.

Der Kanzlerkandidat gab alles bereitwillig zu. Deutschland sei ihm eigentlich reißpiepenegal, für ihn zähle anderes: erstens sei er mediengeil, zweitens könne man als Kanzler mal so richtig die Puppen tanzen lassen. Die Umfragewerte seiner Partei schossen durch die Decke. Guido Westerwelle erlitt einen Nervenzusammenbruch und musste mit großen Mengen Leitungswasser beruhigt werden, um vor die Mikrofone zu treten.

Deutschland wurde schlagartig ein Stück weit weniger radikal. So rannten in zahlreichen Bezirken ehemalige Linke den Schreibstellen die Türen ein, um ihre Parteibücher abzugeben. Nur aus Sozialneid hätte man sich überreden lassen, diesem Verein anzugehören. Auf dem Potsdamer Platz kam es zu einer Massenkundgebung, auf der Jugendliche Bomberjacken und Kampfstiefel auszogen und daraus einen Scheiterhaufen errichteten, in dessen Flammen die eine oder andere Reichskriegsflagge und viel Propagandamaterial kokelte. Sprechchöre wie Wir wollen keine Mitläufer mehr sein und Pussies raus aus der NPD schollen gen Himmel. Abends verzeichneten die Nationaldemokraten eine Mitgliederzahl im hohen zweistelligen Bereich.

Im Bundesministerium des Innern schäumte der Behördenleiter. Drohte seinem Staatssekretär mit Entlassung, wenn nicht die Nazis wieder durch Deutschland marschierten. Man könne den Leuten so keine innere Sicherheit mehr verkaufen.

Die Dönerproduktion erlahmte. Auch Leberwurst gab es nicht mehr. Xavier Naidoo erklärte, er selbst fände seine Musik unerträglich.

Die Boulevardpresse griff begierig auf, wie Schmidt und Pocher sich an die Kehle gingen. Pocher nannte Schmidt einen notorischen Langweiler, dem man die Gags dreimal erklären müsse. Der nannte Pocher einen talentfreien Noob, dessen Namen er sich gar nicht erst gemerkt habe. So herrschte milder Friede.

Das Bundesministerium für Gesundheit löste sich selbst auf. In einem Bulletin hieß es, man wolle nicht den nunmehr ausgeglichenen Haushalt mit Milchmädchenrechnungen gleich wieder in Unordnung bringen. Zumal den Krankenversicherten dies Gesundheitssystem nicht länger zuzumuten sei.

Auf einer Kaffeefahrt im Sauerland schockte Wolf-Dieter K. sein Rentnerpublikum mit dem Bekenntnis, die Ginsengextrakt-Ampullen seien wirkungsloser Schund und die 400 Euro dafür zum Fenster rausgeschmissenes Geld. Der Materialwert der Kurpackung liege unter einem Euro, inklusive Karton und Cellophanhülle. Als K. dann auch noch das Raststättenpersonal angriff, den Schonkaffee als traurige Plörre und die Schinkenbrötchen als Sondermüll bezeichnete, drohte ein Eklat. K. beruhigte die Kellner mit Heizdecken, warnte aber zugleich vor deren mangelhafter Verarbeitung.

Nur bei BILD änderte sich nichts. Dort wurden zwar auch alkoholfreie Heißgetränke verzehrt, die Redakteure waren allerdings immun. Für sie waren Lüge und Wahrheit ein und dasselbe.

Die Mitglieder der Volksbefreiungsfront hatten das alles gewusst. Es war genau so gelaufen, wie sie es in ihrem Hauptquartier zuvor geplant hatten. Ein schöner Tag neigte sich seinem Ende zu. Der Tag der Wahrheit.





Hitparade der reitenden Leichen

28 01 2009

Wenn ich echt nichts zu tun habe, wenn außer der Katze niemand schnarcht und ich zwischen den Zettelbergen kein Buch mehr finde, dann schalte ich den Fernseher ein und zappe auf Kanäle, von denen keiner wissen darf, dass ich die überhaupt reinkriege. Inzwischen stellen sich die ersten Abnutzungserscheinungen ein. An mir liegt’s nicht. Jedes Mal, wenn ich mit meiner fernbedienbaren Fernbedienung (hochauflösendes Farbdisplay, wer kann sich denn siebenhundert Kanäle merken?) auf die drittunterste Ebene im Trash-Menü gerate, fängt das Grauen an. Gammelfleisch galore. Hat da wieder einer bei der Mülltrennung nicht aufgepasst?

Kinder, schnell! Opa ist im Fernsehen! Gus Backus (Jahrgang 1937) als alternder Häuptling. Peter Kraus (Jahrgang 1939) tanzt noch mal den Rock’n’Rollstuhl. Angejahrtes 80er-Material darf wieder auf die Bühne, um eine Kirmes-Rentnerband zu mimen. Diese Entsorgungsshow auf RTL reicht wohl nicht mehr, um dem grassierenden Jugendwahn Kontra zu bieten. Leichen pflastern ihren Weg. Aber warum muss der ausgerechnet in meinem Wohnzimmer enden?

Nun ist man in der Pop-Kultur genug Kummer gewohnt und hat inzwischen sogar geschnallt, warum die Leute immer noch zu den Stones pilgern. Wegen Satisfaction schon mal nicht. Sie warten einfach nur darauf, dass Mick Jagger beim Stechschritt plötzlich der finale Hexenschuss trifft. Manche Entertainer können es andererseits noch. Nichts gegen Paul Kuhn. Der bekommt immer noch einen eigenen Saal und den Saal voll, wenn er spielt. Könnte daran liegen, dass er das wirklich kann. Mit achtzig. Hut ab!

Doch ansonsten regiert die Verstörung der Totenruhe. Kurz vor der präsenilen Endablagerung werden die Stars von Vorvorgestern noch mal in die Galavorstellung gekarrt und zur Hitparade gezwungen. Wahrscheinlich eine Folge der Rentenlüge. Oder keiner von denen hat ausreichend geklebt und muss sich jetzt durch die öffentliche Leichenschändung treiben lassen, damit die nächste Kaltmiete reinkommt.

Statt, dass sie sich endlich aufs Altenteil zurückziehen und in Ruhe zur Legende zu werden, muss ich mir das wöchentlich zur Hauptsendezeit antun. Aber so ist das Leben, die Besten sterben jung – wer als Sieger aus dem Überlebenskampf hervorgeht, saß definitionsgemäß nie wirklich in der ersten Reihe. Ob das Zufall ist, dass in den Werbepausen nur Staubwedel und Inkontinenzbedarf am Start sind?

Himmel, wo kommen die alle her? Hat die Produktionsfirma das komplette Personal aus dem Seniorenstift entführt oder müssen sie schon langsam mit dem Exhumieren anfangen? Man hat ja direkt Angst, bei denen aus Versehen auf die Schnellvorlauftaste zu kommen, weil den Alten dabei frei flottierende Kalkpartikel die Arterien zerfetzen könnten. À propos Kalk, reicht da eigentlich Gebissreiniger intravenös oder sollte man nicht besser gleich den Geschirrspülmaschinenmann fragen, wie man das Zeugs für die Heizstäbe in die Druckinfusion reinkriegt?

Und wer denkt sich so etwas aus? Kontrollieren die Grauen Panther inzwischen die Pillenausgabe im Rundfunkrat? Ist das von irgendwelchen kirchennahen Redakteuren als Prophylaxe gegen Todesangst gedacht? Am Ostersonntag lässt man sich’s noch gefallen, von wegen Auferstehung des Fleisches. Aber bitte nicht mittwochs im Vorabendprogramm, wenn ich hinterher noch etwas essen will. Oder sitzen da die großen Medienmogule, die leitenden Reichen, und würfeln im Vollsuff aus, welche reitenden Leichen bei Silverado reloaded über die Prärie müssen?

Für welche Zielgruppe wird das überhaupt produziert? Habe ich schon wieder den Megatrend verpasst? Hocken da draußen Gichtgestalten im Rheumatikerstadl und lassen sich vom Zivi Grablaternen zum Wedeln anreichen, wenn die Kessler-Zwillingen alle ihre beiden größten Hits vorturnen? Meine Eltern schauen sich das jedenfalls nicht an. Die besuchen aber auch kein Senioren-Café, weil ihnen das ganze Dörrgemüse da so unsäglich auf den Sack geht.

Ich will auch gar nicht wissen, was da noch alles kommt. Madonna in Stützstrümpfen. Udo Jürgens wird von der aktuellen Freundin (Jahrgang 2011) am Gehwagen auf die Bühne eskortiert. Uschi Glas moderiert die Falte-des-Jahres-Gala und kürt das subtilste Lifting. Was stellen sie eigentlich in sechzig Jahren mit Johannes Heesters an? Fällt es auf, wenn er zwischendurch abnippelt? Oder plastinieren sie den zwischen zwei Gottschalk-Folgen?

Vermutlich ist das alles nur abgefeimte Guerilla-Taktik. Die Sender messen, was man dem Volk noch ungestraft vorsetzen kann, und die Bundesregierung korrigiert an den Einschaltquoten ihre Zumutbarkeitsregelungen nach oben. Sollte jedenfalls irgendeiner vorhaben, mich bei nächster sich bietender Gelegenheit in ein Pflegeheim einzuliefern, wo ganztägig Ted Herold live 2023 in Bad Salzdetfurth aus der Hausbeschallungsanlage quillt, dann verspreche ich, dass einer von uns beiden wenige Tage später unter großer Anteilnahme zur letzten Ruhe gebettet wird. Und ich bin es nicht.





Gib den Affen Pfeffer

27 01 2009

Hurra, endlich habe ich einen Pfefferstreuer! Dass man in meinem Alter noch mal durch die Küche tanzt und ein Stück Pressglas mit Aluminiumhut derart dolle hübsch finden kann!

Mein Drogenkonsum nimmt bedenkliche Formen an, sonst wäre das Ding schon längst aus dem Fenster geflogen. Wozu braucht jemand, der den aufrechten Gang ohne Gebrauchsanweisung beherrscht, einen Pfefferstreuer? Ganz nebenbei, ich habe bereits diverse Pfefferstreuer in die Pfefferstreuerhölle befördert – dass es für den Küchenspeck eine Abteilung im Himmel gibt, weigere ich mich standhaft zu glauben – wo sie vermutlich zwischen einer Milliarde Lachsmesser und doppelt so vielen Kapselhebern mit Ulmer-Münster-im-Hochnebel-Gravur auf Gelbgoldimitat vor sich hin schmoren. Einen erhielt ich als, hmnaja, Aussteuer. Horribile dictu. Es gibt Tanten, denen man nichts ausreden kann und die nichts annehmen, vor allem keine Vernunft. Die anderen kamen von der Kirmes, als in der Schießbude gerade die Papierblumen ausgegangen waren. Einer hat mich während eines Schweigemarsches für besseres Industriedesign angesprungen. Keine Ahnung. Interessiert mich aber auch nicht mal peripher. Bei mir kommt der Pfeffer aus der Mühle. Danke fürs Gespräch.

Was musste ich Narr mir auch eine Kundenkarte andrehen lassen. Einmal nicht aufgepasst, schon hat man wieder einen Identitätsnachweis mehr am Hut, den man der chronisch freundlichen, chronisch uninformierten Einzelhandelsfachkraft übers Kassenlaufband schiebt, wenn man nur mal eben Schnürsenkel holen wollte, bevor die Oper losgeht.

Aber hey, für jeden Euro gibt’s nun einen knuffeligen Kundenpunkt, den man nach Belieben einlösen kann, wenn man sowieso gerade am Shoppen ist. Kauf einhundertein Päckchen Rasierseife, bezahl nur einhundert. Der Untergang des Abendlandes findet nicht statt.

Dazu kann ich mir jetzt preisreduzierte Golfschläger aussuchen (sorry, ich brauche gerade keine, mein Neunereisen hat’s sogar überlebt, als ich der Drückerkolonne glaubhaft versichert habe, dass sie sich ihr Yps mit und ohne Gimmick sonst wo reinstopfen können) und kriege schon für einen knappen Hunderter Zuzahlung eine Super-Mini-Stereo-mit-MP3-drin-Anlage, auf der sich Thomas Quasthoff anhört, als hätte er die Polypen erfunden. Wenn ich stillhalte, mich nicht entscheiden kann oder den ganzen Unsinn schlicht vergesse, werde ich quartalsweise mit Schrott aus dem Paralleluniversum zwangsbeglückt. Unter anderem mit Pfefferstreuern, die offenbar mit meinem Kundenprofil sowie mit der Erklärung der Menschenrechte zu vereinbaren sind.

Denn sie wollen, Menschenrechte hin, Bürgerpflichten her, meinen Konsum kontrollieren, dass es seine Art hat. Alles wollen sie wissen. Ob ich, wann ich, wie viel ich, warum ich, wozu ich und ob ich überhaupt Zahnstocher, Fransengarn und Tafelbirnen kaufe. Signifikante Unterschiede in den Kombinationen Rotkohl/Lockenstab oder Katenrauchschinken/Heftpflaster treiben Marketingchefs und Statistiker zur Ekstase statt zur Einsicht und mich langsam in den Wahnsinn. Sollte mein Einkaufsverhalten jemals verfilmt werden, dann bitte unter der Regie von Terry Gilliam. Dafür komponiere ich gratis die Filmmusik und verlange keine Lizenzgebühr für die Kassenmaus als Plüschfigur. Aber vielleicht ist Der Process einfach kinotauglicher als meine Supermarktbesuche, da Kafka Reste von Realität enthält.

Dabei ist das längst ein Fall für den Datenschutzbeauftragten. Ich weiß schon, wie es endet. Kaum habe ich die Fischabteilung absolviert, schleimt sich der Ein-Euro-Jobber von hinten an, blättert hektisch in seinem PDA unter „Hecht“ und packt mir ungefragt eine halbtrockene Kerner-Spätlese in den Wagen. Soll ich mit so dem Laden-Hüter etwa auch noch ausknobeln, ob der Fisch in Specksauce mit Petersilienkartoffeln eventuell eher ein Pils verträgt? Mir langt’s schon, wenn ein von jeder Sachkenntnis ungetrübter Pseudo-Sommelier Stirnfalten zieht und mir vorschreiben will, was ich zu extraktreichen Saucen zu trinken hätte. Mit ein Grund, warum ich Restaurants vor allem dann meide, wenn das Personal mich im wahrsten Sinne des Wortes bevormundet. Mein Bauch gehört mir.

Nein, ich brauche das nicht. Ich will das auch nicht. Bisher habe ich mich als heterosexueller, weißhäutiger Europäer männlichen Geschlechts nicht ein einziges Mal diskriminiert gefühlt, nur weil ich keine Tampons-mit-ausklappbaren-Flügelchen-Produktprobe in meinem Briefkasten hatte. Echt nicht. Ehrlich. Glaubt es mir. Bitte.

Ich habe einfach meine Kundenkarte zurückgeschickt. Gleich rief der Krisenmanager an, um mir auf den Zahn zu fühlen. Netter Typ. In seinem Gesprächsleitfaden steht sicher, dass die Diskussion mit einem Renegaten nur wirklich gut läuft, wenn der sich dabei wie ein Erzbischof fühlt, der aus der Kirche austritt, um Satanist zu werden. Ich blieb hart und legte auf. Auch beim dritten Versuch.

Wenn mir jetzt bitte noch jemand erklären kann, warum mich der Filialleiter in diesem Discounter seitdem immer mit einem verschwörerischen Lächeln grüßt? Stecke ich etwa schon im Sympathisantensumpf?





Sturm der Schmetterlinge

26 01 2009

Sicher, Fernsehen ist wichtig. Wie soll man denn die Zeit zwischen den Werbeblöcken totschlagen? Woher stammt Bildung, wenn nicht aus der Mattscheibe? Und wohin mit den Erdnüssen? Was stört, ist das Programm.

Denn nichts ist wirklich. Auch nicht die Drehbücher, nach denen unsere Lieblingsserien über die Kanäle kreuzen. Was soll man denn da noch senden? Womit wollen sie alle berieselt werden, um dann Damenbinden und Schokoriegel zu kaufen? Fragen über Fragen, die Antwort folgt. Eine Catch-all-Telenovela, mit der man auf einen Schlag sämtliche Zielsplittergruppen reichweitenmäßig abdeckt und zu Suchtglotzern umerzieht. Die Mutter aller Straßenfeger. Einmal geguckt, immer geschluckt.

Und das geht so: Recycling aller Erfolgsfaktoren (never change a winning theme) und ganz viel Gefühl. Und das wahre Leben. Wie es sich Sofasitzer vorstellen. Oberbekleidungsfabrik, Werbeagentur, Poliklinik – out, vorbei, has-been. Nicht halbwegs hip und really real.

Schauplatz ist das sprachwissenschaftliche Institut einer aufstrebenden Privatuniversität in, sagen wir, Berlin. Die Protagonistin Anni (Nelly, Lotta, Evelyn, you name it) aus einer verarmten Zahnarztfamilie (Göberitz, Brandenburg) hat bisher nur Kurse an der Fernuniversität absolviert. Um ihre linguistischen Studien zum Abschluss zu bringen, schreibt sie sich an der Hauptstadt-Hochschule ein. Die Studiengebühren kann sie nur aufbringen, weil sie heimlich in einer Peepshow für Fußfetischisten auftritt. Nackt bis zu den Kniekehlen. Was sie nicht weiß: Seminarleiter Nils gehört zu den Stammgästen und wedelt sich beim Anblick ihrer orthopädisch korrekt geformten Fesseln regelmäßig einen von der Palme.

Ihre beste Freundin Hanni ist Diplombibliothekarin und kennt sich daher mit Büchern aus. Nur mit Büchern. Hanni ist zwar ein verträumtes Schnupperle und zu bräsig, um einen Nagel gerade in die Wand zu hauen, hat aber für Anni doch so manchen guten Rat bereit. Wie man Fußnoten korrekt formatiert. Wie man mit einem Schlagwortkatalog umgeht. Und wie schön so ein Sommerabend an der Spree sein kann, wenn man nur eine aktuelle Auswahlbibliographie für Teilchenphysik dabei hat.

Doch da kommt die Gegenspielerin. Rosalie legt nicht nur eine hinreißende Abhandlung über die Entfaltungstheorie unter besonderer Berücksichtigung des Buchenarguments vor, sie ist auch noch die Etagennachbarin von Norbert, dem Indogermanisten mit dem unglaublichen Hüftschwung. Düstere Wolken, drohendes Unheil. Wie soll Anni bloß ihre Abschlussarbeit verfertigen und dann auch noch die vertrackte Situation in ihrem Elternhaus lösen? Wie kriegt man Privatpatienten in eine Dentistenpraxis, die sich noch nicht auf Öko-Bleaching und repressionsfrei hergestellten Zahnschmuck umgestellt hat? Zumal ihr nicht nur Nils den Kopf verdreht. Auch der schüchterne Mathematiker Vincent, der an seiner Dissertation über Funktionalanalysis tippt, hat es ihr angetan – ein Mann, der gespannt zuhört, während sie ihn mit Quantorenfloating zutextet. Dass Vincent nur gerade über affine algebraische Varietäten nachdenkt und deshalb den Rand hält, das freilich merkt Anni nicht.

Retardierendes Moment: Norbert flüstert der bösen Blondine aus dem Hochparterre tückische Dinge zu. In Wahrheit sei Nils nämlich stockschwul, also viel zu mainstreamig, um Wissenschaftler des Jahres zu werden. Seine offizielle Biografie? Ha, welch eine Farce! Von rumänischen Scientologen gekidnappt und unter Wasser aufgezogen, mit einer Hausstauballergie infiziert und zum Soziologiestudium gezwungen – erstunken und erlogen! Tatsächlich kommt Nils aus Zwickau, hat seinen Grundwehrdienst bei den Panzergrenadieren abgeleistet, hört heimlich auf dem iPod Rondò Veneziano und hortet in seiner Wohnung Schuhe. Damenschuhe. Größe 40.

Nach gefühlten 460 Folgen mit Hanni und Anni schreiten wir zur allfälligen Auflösung des Knotens. Alles wird gut. Anni kriegt ihren Nils, der zwar irgendwo doch ein bisschen schwul ist, aber eigentlich doch auch wieder nicht so richtig. Sie gibt ihm regelmäßig Privatvorstellungen auf dem Küchentisch und trägt seine Pumps auf, weil sie rein zufällig Größe 42½ hat. Und was eine echte Frau ist, die lässt sich von Fleischsalat am Vorderfuß nicht abschrecken. Zum Dank dafür hilft Nils ihr auch beim Examen und verschafft ihr eine Doktorandenstelle.

Rosalie erhält zwar einen Ruf nach Princeton, bekommt aber nichts als Scherereien mit den Visa-Vorschriften der Bush-Administration und verschimmelt im Untersuchungsgefängnis, weil der evangelikale Wachmann sie für Paris Hilton hält und den Zellenschlüssel schluckt.

Norbert hängt die universitäre Karriere an den Nagel und wird das, was in Berlin alle irgendwann mal gewesen sein werden: Unternehmensberater. Es gelingt ihm, die Zahnarztpraxis von Annis Eltern in einen Wellnesstempel umzugestalten, der nach Steuern so viel Gewinn abwirft, dass er ab sofort als Hauptsponsor der Privatuniversität fungieren kann. Zum Dank dafür bekommt er einen Aufsichtsratsposten bei der Commerzbank.

Vincent richtet Hanni einen wunderfeinen Hilbert-Raum ein und sie kaut ihm dafür mit der Colon-Klassifikation täglich ein Ohr ab. So reden sie aneinander vorbei und führen eine mustergültige Beziehung.

Und sobald wir den ganzen Schrott einigermaßen verdrängt haben, wird er auf 9Live wiederholt.





Wintermittagsspaziergang

25 01 2009

Es ist so sehr viel Ungelebtes
hier in einem halben Tag,
wie Schmetterlinge munter schwebt es
auf und fliegt aus einem Hag.

Noch ist die Krume knochentrocken,
fröstelt vor sich selber hin,
vom Krokus ungebrochen, Brocken
auf dem Feldweg, wo ich bin.

Doch wärmen mich die Sonnenstrahlen
und der Himmel gibt ein Blau.
Damit will ich mir Wonnen malen,
die ich dreist beim Frühjahr klau.





Schlaflos (irgendwo zwischen Bad Hersfeld und Tuttlingen)

24 01 2009

Die Nacht ist dicht und dunkel,
voll Traum und Sterngefunkel
und ungezählten Schafen.
Im Garten gurren Tauben.
Die können sich’s erlauben,
die dürfen morgen länger schlafen.

Wie ich so lieg und schweige
und leicht das Köpfchen neige,
fällt mir Frau Breschke ein.
Ich müsste Essig kaufen.
Man soll nicht so viel saufen.
Das ganze Leben ist ein Schwein.

Was soll ich Anne schenken?
Ich muss an Bohnen denken,
die sind im Angebot.
Der Tag, der hält die Zügel
und lässt des nachts die Flügel
nicht los. Nicht bis zu meinem Tod,

wo ich dann endlich schlummer.
Wo war noch mal die Nummer
vom Karnevalsverein?
Verdammt! Wie dies Getöse
da unten nervt! Und böse
will ich… doch lass ich’s sein.
(Mein linkes Bein schläft auch schon ein.)





Krisenfinanzierung

23 01 2009

Das ist der Herr Breschke. Herr Breschke macht sich Sorgen. Er macht sich große Sorgen um Deutschland. Sein tief umwölktes Gesicht hatte mich bereits seit Tagen beunruhigt, jetzt hielt ich es einfach nicht mehr aus und stellte ihn zur Rede.

Es ist sein Garten, der Herrn Breschke vor eine schwere Entscheidung stellt. Auch ich hatte schon bei Grillwurst und Bier auf Breschkes Terrasse gesessen und über so vieles geplaudert, Schalke 04 und die Anatomie des Dr. Tulp, Webtypografie und Messtechnik. Worüber man sich so unterhält mit einem pensionierten Finanzbeamten. Nun wird die Abgrenzung morsch, man könnte behaupten: Herr Breschke hat nicht mehr alle Latten am Zaun.

Der anständige Deutsche, der sich zuallererst um die Außenwirkung seines Anwesens sorgt, wird nicht zögern, ins Gartencenter fahren und ein paar Meter Holz kaufen, um die Schranke zwischen öffentlichem Grund und der eigenen Scholle wieder nachdrücklich zu markieren. Denn Eigentum verpflichtet, und zwar zunächst zu Schutz und Trutz gegenüber Dackeln und Radfahrern. Der anständige Deutsche in der Finanzkrise allerdings blickt weiter, behält dabei die Volkswirtschaft im Auge und stellt die Frage: darf man das jetzt überhaupt? Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder täte?

Jägerzäune sind hin und wieder völlig umsonst, aber selten gratis. So ist das nun mal für uns Kapitalistenknechte. Kaum erblickst Du Blumentopf, Schießgewehr oder eine gut erhaltene Sitzgruppe, Neo-Biedermeier, Buche geflammt, leichte Lackschäden, schon musst Du ablaschen. Sonst reißt sich Dein Nächster die Ware unter den Nagel und Du gehst leer aus.

Finanzielle Gründe dürften es nicht sein. So bescheiden ist eine Finanzbeamtenpension nun auch wieder nicht, dass man sich neben zwei Urlaubsreisen pro Jahr und einem Jahreswagen auf achtzehn Monate kein Gatter mehr leisten könnte. Ist nicht der Fiskus seit jeher die Heimstatt des Kopfrechnens? Nein, Herr Breschke hatte alles längst durchschaut. Mit dem Erwerb von Zaunpfählen winkte uns der Untergang. Der monetäre Kollaps stand unmittelbar bevor, weil die Konjunkturblasen sich zu einem nationalökonomischen Urknall verdichten würden.

Um einen Zaun zu kaufen, braucht man Geld. Um über Geld zu verfügen, braucht man eine Bank. Schlagartig wurde mir klar, was den wahren Schrecken dieser Vorstellung ausmacht. Stellen Sie sich mal vor, wir alle – Herr Breschke, mein Ohrenarzt, Omi Müller, Angela Merkel und die Wrestling-Nationalmannschaft der Damen – wir alle gingen jetzt auf einmal zu den bitterste Not leidenden Banken und wollten unser Geld abheben, um Jägerzäune und Schleckeis zu kaufen. Alles auf einmal. Dann wäre spätestens innerhalb von drei Tagen gar nichts mehr da.

Stellen Sie sich das mal vor. (Also nur, wenn Sie wirklich dem Grauen ins Auge blicken wollen.) Die Supermärkte wären gesteckt voll, Tiefkühlspinat und Alpenrahmschokolade würden in den Auslagen verseifen, weil keine Sau mehr die Rücklagen hätte, um einzukaufen. (Verschonen Sie mich bitte an dieser Stelle mit irgendwelchen sozialromantischen Kommentaren, die Distributoren schmissen irgendwann aus reinem Mitgefühl Kuchen unters darbende Volk – so goldig kann’s dem Einzelhandel gar nicht gehen, dass sie Umsatzeinbußen bejammern, ohne vorher auch nur die Bilanz gegengerechnet zu haben.) Die Spirale dreht sich weiter abwärts, binnen weniger Wochen sitzen alle Verkäufer auf der Straße, weil sich ein Supermarkt ohne Kundschaft Personalkosten einfach nicht erlauben kann. Was das den Sozialstaat kostet, wollen Sie gar nicht wissen.

Und vergessen wir nicht die fatale Gruppendynamik. Herr Breschke kauft sich einen Jägerzaun. Gabelsteins von nebenan holen sich einen Carport. Doktor Finkel, frisch mit seiner Freundin von den Malediven zurück, ist samt Gattin bei Gabelsteins eingeladen, sieht den Jägerzaun, und tags darauf kontert der Parvenü mit einem fabrikneuen Konzertflügel. Herr Humbolt wird die Schweizer Franken aus dem Safe im Gartenteich kratzen und seiner Tochter ein zweites Reitpferd spendieren – doppelt frevlerisch, dass er einen Araber ordert und damit Devisen aus der EU schafft. Omi Müller hat auch noch nichts gemerkt und bringt Frau Humbolt ein paar Äpfel mit, damit sich die Industriellengattin zwischen ihren Guccitäschchen nicht zu Tode langweilt – der Supermarkt ist leer wie ein ägyptisches Grab nach dem Einfall der Archäologen, eine inzwischen vollbärtige, in abgerissene Kittelfetzen gehüllte Lagerkraft zeigt ihr den Weg zu den Obstresten – und gleich noch eine Dose Katzenfutter für Minka. Noch einmal zittert der Boden unter unseren Füßen, dann birst das dünne Eis.

Neiddebatte? Die Totalimplosion schaffen wir aus eigener Kraft. Sie haben es nicht anders gewollt. Aus den verwaisten Banken schauen Sie große, traurige Augen durch beschlagene Scheiben an, weil Sie keine Kredite mehr aufnehmen. Finanzminister schmeißen Aktien in ein brennendes Ölfass, um sich die Hände im Steuerwinter zu wärmen. Josef Ackermann wird in der Fußgängerzone sitzen und Sie um eine Million anschnorren. Wollen wir das wirklich?

Dank Herrn Breschke habe ich es nun endlich kapiert. Ich bin ja nicht blöd. Ich bin Deutschland.





Bourdieus Arschgeweih

22 01 2009

Großnichten haben Anspruch auf ein schönes Geburtstagsgeschenk. Da ich nur eine Großnichte habe und sie mein einziges Patenkind ist, können wir die Sache kurz machen. Sie wünscht. Ich schenke.

Nun ist Maja in einem Alter, in dem sich Erinnerungen langsam verklären. Bis heute steht sie zu ihrem Barbiepferd, ich hatte ihr damit einen Herzenswunsch erfüllt – dass ihr Vater mir darob jahrelang gram war, hat mich nie belastet. Denn womit spielte Maja, mit dem Plastikgaul oder mit Papas pädagogisch wertvollen Holzklötzen? 1:0 für den Erzfeind. Und es ist schmeichelhaft, wenn in der Fußgängerzone eine bildhübsche 15-Jährige sich jauchzend aus dem Rudel gleichaltriger Freundinnen löst, mich herzt und erklärt: „Das ist mein Großonkel, und der ist voll cool!“

Maja kam dann mal wieder vorbei. (Zufällig ist nächste Woche ihr Geburtstag.) Und fragte nach. Um die Verhandlungen zu straffen, stieß sie gleich zu. Ein Tattoo. Ich darf es finanzieren.

Alles. iPod, iPhone, eine Jahreskarte fürs Spitzenschneiden bei Udo Walz inklusive Taxishuttle nach Berlin et retour. Mit allem habe ich gerechnet. Nicht mit einer Körperverletzung an meinem Patenkind. Und nicht mit dem Milchbubi, der sich in meinen Charles-Eames-Relaxer fläzt und Anstalten macht, seine warzigen Chucks auf den saffianbezogenen Fußhocker zu legen. Aber Timo ist Majas neuer Freund und darf das bestimmt.

Zunächst erklärt er mir – wieso er, warum nicht sie? – dass eine Tätowierung unbedingt sein muss. Meinen Einwand, eine dauerhafte Hautzeichnung sei vor allem eins, nämlich dauerhaft, grinst er geradezu väterlich-milde weg. Das versteht ein Typ in meinem Alter nicht mehr. Das ist Gegenwart. Und Gegenwart ist Punk.

Nee, is klar. Kein Haar am Sack, aber mir verklickern wollen, was Punk ist… Freundchen, 1977 waren Deine Eltern jünger als Du heute. Und wenn Du noch einmal ungefragt meine Talking-Heads-Platten aus dem Regal griffelst und quer wieder reinsteckst, dann tobt hier der Pogo.

Ursprünglich waren Tätowierungen ja so eine Art Gruppenabzeichen. Fragt sich bloß, in welche Partei sie da eintritt. Vermutlich der Mainstream.

Also nichts, was semiotisch verfängt. Keine Namen, keine kulturell befrachteten Symbole. Eher so ein Tribal oder ein stilisiertes Tier. Sie ist da völlig offen, versichert mir Timo.

Welch ein Glück. In zwölf Monaten darf ich dann einen Kredit aufnehmen, wenn sie sich Jeanette Biedermann vom Bein weglasern lässt. Oder einen doppelbreiten Schlampenstempel von den Rücklichtern. Hatte die Kleiderschrank-Komplettumstellung auf bauchfrei nicht schon gereicht? Gibt es inzwischen Modekrankheiten, ohne die man sozial ausgegrenzt wird? Ist eine Nierenbeckenentzündung angesagter als Asthma oder kann man es auch mit einer Anorexie aus dem Gemischtwarensortiment noch bis zum D-Promi schaffen? Muss ich mir Skorbut mit Hirnödem im Doppelpack holen, weil ich ohne nicht mehr mitspielen darf?

Wie gut erinnere ich mich an dies Alter. Alle hatten sie fiese Vokuhilas wie Limahl, die so aussahen, als sei Muttis Geflügelschere mehrmals abgerutscht. Und Ohrlöcher. Buchstäblich jedes Nena-Lookalike, mit dem ich irgendwann mal geknutscht habe, musterte nach maximal drei Tagen meine Physiognomie und empfahl mir den Gang in eine Bijouterie, um mir einen Metallbolzen durch den Lobulus ballern zu lassen. Billiger kommt man nicht an eine Sepsis. Und was war das für ein entzückender Moment, als der schöne Micha, Basketballer, Mädchenschwarm und optisch haarscharf an der perfekten Schwuchtel vorbeigeschrammt, mit einem eiternden Blumenkohl an der Backe in die Schule kam, ab sofort die bevorzugte Zielscheibe meines Spotts wurde und die Reste seines kümmerlichen Egos in Vergessenheit gerieten. Heute sitzt er wohl als subalterne Schreibkraft im Bauamt, jeden verfügbaren Knorpel derart zugepierct, dass seine Gesichtsbaracke ein Hupkonzert in der Diebstahlsicherung von C&A aufführt, und ist einzigartig. Genau wie alle anderen.

Timo versucht, mir den kulturanthropologischen Diskurs näher zu bringen. Tattoos seien kein selbst gewähltes Stigma, sondern inzwischen eben auch gelebte Kunst. Wenn man so wolle, sei jede visuelle Steißbeinmodifikation eben auch Subtext, der sich nicht im Raum der Lebensstile festschreiben lasse, nein: gerade das Changieren zwischen Kulturdominanz und Kontrabewusstsein sei Teil einer sich immer neu entfaltenden Identitätsgenese im Flow der gesellschaftlichen Strukturen – Distinktionsprozesse seien dialektisch, dabei doch aber paradoxerweise auch integrativ und damit quasi ein Weiterdenken der sozialen Plastik in die autonome Körperlichkeit.

Nicht, dass diese halbgare Kinderportion auch nur je eine Zeile Bourdieu gelesen, geschweige denn gerafft hätte, und er drückte sich auch nicht ganz so klar aus, aber nach viertelstündigem Blabla hatte ich das mal als Botschaft herausgefiltert.

Wir einigten uns auf ein kleines Blumenmotiv am rechten Oberarm und ich ging Kaffee kochen. Dann legte ich noch eine Devo-Scheibe auf, hatte aber weniger den Eindruck, dass die hiesige gymnasiale Musikerziehung kultursoziologisch auf festem Boden steht. Was soll man da machen. Das Theater mit ihren Eltern packe ich dann auch noch.

Übrigens stand Maja ganze drei Tage später wieder vor meiner Tür. Verheult eröffnete sie mir, Timo habe mit ihr Schluss gemacht und sei jetzt mit Chantal (Arschgeweih, Intim- und Zungenpiercing) zusammen. Nein, sie wolle kein Tattoo mehr. Ich dürfe sie stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Essen einladen – und ich müsse unbedingt selbst kochen, damit dieses Systemgastronomieopfer endlich mal begreift, was gut ist. Und dass sie keinen auch nur annähernd so coolen Onkel hat.