Geschlossene Gesellschaft

14 01 2009

Es hätte schön werden können. Eine Kinderärztin und ein Physiotherapeut, der Versicherungsvertreter samt Strafverteidigerin, ein Lektor, ein Psychologe, in der Mitte ich. Wer nicht 48 Stunden in der Küche stehen will, um in mäkelige Gesichter zu blicken, weil Jonas seit letzte Woche kein Schwein mehr auf dem Teller duldet, sollte indes eine Karriere als Einsiedler oder Astronaut in Erwägung ziehen. Die sozialen Kontakte schwinden, aber mit ihnen auch Schweiß, Blut und Tränen.

Tun wir nicht so, es geht ums Wesentliche. Ab Mittwoch quält sich ein Remix aller Standards auf den Einkaufszettel, indessen von Notfallszenarien aufgemotzt. Risotto mit Forelle? Nicht mit Anne. Steinpilzsalat? Sabine wird mit ihrem Vortrag über die Ernährungssituation in den nordafrikanischen Krisengebieten allen den Appetit verderben und nicht wieder eingeladen. Mulligatawny?

Jonas isst keine Radieschen. Anne hasst Kalbfleisch. Reinmar mag Kalbfleisch, popelt aber mit der Gewissenhaftigkeit eines Neurochirurgen jedes Fitzelchen Salbei aus den Saltimbocce, bis ihm die beschwipste Gattin Senf empfiehlt, um die Hustensaftnote (O-Ton Reinmar) zu überdecken. Szenen einer Ehe. An meinem Esstisch.

Man kann’s auch dem Gast in die Schuhe schieben. Ein Tapeziertisch plus Campingzubehör zaubern jene Atmosphäre, die vage an einen Umzug erinnert. Leider lebt ein kaltes Büffet von der elften Kartoffelsalatvariation. Auch hier sortiert der Präparator ab Donnerstag und verteilt auf diverse Rote Listen. Pilze sind okay für Martin, aber keine Champignons, wenn Heike vor dem Dolce überhaupt etwas essen will. Kein Kalbfleisch, kein gekochter Schinken (den Anne im Geflügelsalat vorzüglich fand, bis Jonas ihr die Rezeptur enthüllte). Nur auf Fenchel und Bleichsellerie können sich alle einigen. Die will keiner. Von mir mal abgesehen.

Heike wird hektisch Nährwerte addieren, Anne mir zum Trost ein aufrichtiges Lob für die Vinaigrette aussprechen, die sie zwar nicht probiert hat, die aber meines alleinigen Wissens nach aus dem Fertigsortiment stammt – die Vinaigrette, nota bene – und für Jonas beschleicht mich der Gedanke, ihn mit Auflauf außer Gefecht zu setzen. Man kleide eine feuerfeste Form mit dem Abstrich des Kühlschranks aus, dann fege man die unterste Etage des Küchenbodens zusammen, Parmesan drüber, ab ins Rohr. Mit der richtigen pädagogischen Diktion und im Brustton der Überzeugung wird er mir den vitaminreichen Krebshemmer klaglos wegfuttern. Ein Wink, dass gute Cholesterine die Haut straffen und dem Bauch zur flacheren Optik verhelfen, und Anne wird Zucchini vom Teller picken, als sei’s gar nichts.

Was bleibt, wenn der Nervenzusammenbruch abgeklungen ist, wird der Abwasch sein. Im Schein einer Halogenlampe suche ich bis in den frühen Montagmorgen Salatreste unter der Chaiselongue und sauge Salzgebäck aus dem Stutzflügel. Ein Weinglas zeigt sich verhaltensauffällig und springt, eine Dessertgabel zeigt sich auffälligerweise gar nicht erst. Sic transit gloria mundi.

Dann lieber Brunch. Die ganze Palette für billig Geld, eingedeckter Tisch, Kaffee und neunzehn Sorten Tee in bodenlosen Mengen, dito Säfte und Wasser, Vollkornbrot und Räucheraal, Pasta neben Konfitüre, und Anne wird mir nicht in den Ohren liegen, dass ich wieder keinen Sekt im Haus habe. Jonas lobt die fabelhafte Salatbar, während er sich die dritte Portion Rührei mit Speck reinpfeift. Nebst Lebensversicherung, Persönlichkeitsprofilen und einer heiteren Auswahl an Schwänken aus dem Verlagsalltag beherrscht das Essen die Causerie. Ja, dieser Steinbeißer sei empfehlenswert, noch dazu die Wahl zwischen Wildreis und Tagliatelle. Ob man denn ein Stück von diesem Käse mal kosten dürfe, nur ein klitzekleines Stückchen? Wo Schimmelkäse ja doch etwas quasi Konfessionelles darstelle, man möge ihn oder eben nicht. Hach, damals in der Gironde – das sei schon her, aber so ein Cassoulet könne man nicht einmal selbst herstellen, die Chorizo hierzulande habe eben zu viel künstlichen Knoblauch intus. À propos intus, ob denn zu dieser Tageszeit etwas gegen ein Bierchen spräche?

So plätschern plaudernd die Stunden. Reinmar holt noch eine Kugel Eis, während Anne wieder beim Räucherschinken ist und Martin das Überangebot an Thai-Imbissen reflektiert. Einen vernünftigen Inder sollte es wieder geben, das waren Zeiten, als hier dieser Familienbetrieb – jaja, lange her – doch, sie haben Rote Grütze, bei den Apfelringen – also das Kalb war klasse. Im gefräßigen Schweigen durchmesse ich den Raum, lasse Käse Käse sein und sichte erkleckliche Reste auf einem Tablett. Heble sie flugs auf einen Teller, greife noch einmal zum Besteck. Anything goes. Man muss eine Mahlzeit nicht zwingend mit Obstkuchen beschließen.

Alles nascht, schlürft einen letzten Kaffee, schielt nach Digestifs. So heiter gelöst, dass man sich selbst Reinmars engstirnige Ansichten über die EU-Erweiterung gefallen lässt. Bis, ja bis das mähliche Verstummen bedrohliche Züge annimmt, da alles auf meinen Teller starrt, und Anne schließlich ihren emotionalen Grenzzustand in einem angewiderten „Sushi? Igitt!“ artikuliert.

Immerhin, ich musste nicht abwaschen.


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