Asche zu Asche

15 01 2009

So richtig spannend wird’s ja, wenn man interdisziplinär denkt. Also zwei durchaus disparate Perspektiven zusammen in einen Topf, kräftig hinterfragen, und dann fleißig betrachten, was da rauskommt. Nehmen Sie mal Biologie und Philosophie – schwupps, da haben Sie den schönsten Disput über die Ethik des Klonens und die Verantwortbarkeit von Qualzüchtungen. Alles sehr amüsant. Eine Umdrehung weiter treffen sich der Mediziner und der Volkswirt, um über die Vorzüge des sozial verträglichen Frühablebens zu debattieren. Da guckt doch der Musiksoziologe neidvoll zu und wünscht sich, er könne auch mal jemandem so richtig die Rübe eindellen. Chancenlos. Und wie grenzwertig surreal wird doch das wahre Leben im Falschen, wenn man wirklich schlechte Küchenpsychologie mit systematischer Theologie zusammen aufkocht. Passen Sie auf die Dosis auf, Sie landen in einem Menstruations-Workshop an der Volkshochschule, wo Sie sich im Fachbereich Gender Studies rechtfertigen müssen, weil Sie den Begriff Gender Studies verwenden, wahlweise: Sie sind seit Ihrer Geburt eindeutig weiblich und werden wegen mangelnder Reflexion ihrer sozialen Geschlechterrolle als Machosau apostrophiert, die den Körper einer Frau dauerpenetriere, was geradezu nach einer Teufelsaustreibung schreie. Bis jetzt alles in Ordnung. Steigern Sie die Dosis nicht. Sonst müssen sie Müll trennen.

Ja doch. Es gibt möglicherweise eine Form von Transzendenz, die sich in ihrer reinen Zeichenhaftigkeit bereits so weit aus den Bereichen der logisch akzeptablen Letztbegründung entfernt, die von ihr derart abgehoben ist, dass man der Sache mit therapeutischer Einfühlsamkeit genau so beikommen kann wie mit barbarischen Foltermethoden. Nämlich gar nicht. Stellen Sie sich vor eine Betonwand und schreien Sie, bis der letzte Brösel verwittert ist. Das geht verhältnismäßig schnell. Aber schauen Sie, dass kein Altglascontainer in der Nähe steht. Sonst sind Sie verloren.

Die Dogmen des Wertstoffrecyclings sind dem Deutschen derart ins Stammhirn eingefräst, dass er Ihnen als Häretiker in der Müllverbrennungsanlage einen eigenen Scheiterhaufen aufschichtet, sobald Sie auch nur ansatzweise seinen Quell des Glaubens trockenlegen. Lassen Sie es. Eher bringen Sie einen Fundamentaltheologen dazu, in der Innenstadt von Paderborn die Dreifaltigkeit als Killefit abzukanzeln, weil sich Kant schließlich auch nie wirklich darum gekümmert habe. Lassen Sie es einfach. Es ist besser so.

Versuchen Sie auch nicht, heidnische Bräuche wie das kollektive Autowaschen am Samstagmittag als Ritus zu deklarieren. Nicht alles, was der edle Wilde treibt, hat einen spirituellen Hintergrund – dies ist nur eine soziale Verhaltensweise irgendwo zwischen kollektiver Darmentleerung und gegenseitigem Lausen, man tut derlei nicht nur außerhalb des Ruhrgebiets, sondern auch jenseits der Hominidengrenze. Hätten Mäuse Autos, sie wüschen sie samstags.

Doch zurück zum Kernschrott. Da sind das Einwerfen von Flaschen in den Container, das Altpapierbündeln, die feierliche Monstranz von Gelben Säcken Riten, die an der Grenze zur Zwangshandlung lavieren. Nehmen Sie das nicht vernunftmäßig auseinander wie einen popeligen Rosenkranz. Kommen Sie nicht auf den Gedanken, den Nutzen der Wertstoffsammlung umweltrelevant gegen den Schadstoffausstoß von Müllwagen und den Stromverbrauch in der Wiederaufbereitungsanlage aufzurechnen. Stecken Sie sich die Bilanz an den Hut. Credunt quia absurdum.

Verfallen Sie nun nicht darauf, dies für faulen Zauber, für Aberglauben gar zu halten. Dass sich der tiefere Sinn von Stoßgebeten, Reliquienverehrung und dem Abknipsen des Restmetalls vom Hals einer Sojasaucenflasche erst in der Begrifflichkeit des guten Werks am Nächsten zeigt, mag Sie auf den ersten Blick überzeugen. Denn Sie haben noch nicht über reinen Glauben und Werkgerechtigkeit philosophiert. Erst in der Gläubigkeit des Tuns wurzelt das tiefe Geheimnis, das Sie einst erfahren, wenn Sie in die sensorische Tiefe des Hier und Jetzt geworfen werden. Beispielswiese durch eine im Kühlschrank vergessene Heringssalatpackung, die nach drei Wochen Mallorca ausgespült werden muss, bevor Sie sie zur letzten Ruhe betten.

Sicher lassen sich inzwischen auch andere konfessionelle Differenzen ausmachen, doch ein ökumenischer Dialog schließt die Lücken. Ob die Wiederkehr von Tageszeitungen und Pizzakartons in Gestalt von Recycling-Toilettenpapier (das nun selbst einen Stoffkreislauf symbolisiert) als Seelenwanderung, Reinkarnation oder Auferstehung zu begreifen ist, bleibt und wird heftig umstritten. Religiösen Fanatismus findet man nur vereinzelt. Allerdings gibt es Wohngebiete, in denen man einen Teebeutel samt der Heftklammer zwischen Baumwollfaden und Papieretikett nicht auf den Kompost bringen sollte, wenn man nicht mit einem Hanfstrick (nachwachsende Rohstoffe, Sie verstehen) um den Hals auf dem Parkplatz gesteinigt werden will.

Die Einheit der Schöpfung wird indes einhellig raum- und zeitlos betrachtet. Mag die Substanz von Weißglas auch durch Bordeauxflaschen nachhaltig in ihrem Karma gestört werden, es zählt die Idee des Glases an sich. Nicht einmal die Problematik des Downcycling, die eine immer weiter abfallende Qualität der Schmelze einkalkuliert und Polymere als per se stetig mieser werdenden Plasteschrott begreift, stört diese eschatologische Perspektive. Nichts ist eben für die Ewigkeit. Und ob nun irgendwann mal Jüngster Tag wird oder der ganze Krempel mit dem nächsten Urknall wieder von vorne losgeht, interessiert doch höchstens dialektisch angehauchte Skeptiker, die wahrscheinlich heimlich ihren Kaffeesatz im Brauchwasser versenken, statt ihn als Sekundärbrennstoff aufzuwerten. Denn alle Lust will bekanntlich Ewigkeit. Und was wären wir ohne solche Aussichten.

Aber ich bin sicher, es gibt ein Jenseits, und sei es noch so einfach strukturiert. Wir werden uns wiedersehen. Oder was glauben Sie, warum die Sojasaucenflasche, die Heringssalatpackung und der Pizzakarton auf irgendeiner Deponie in Namibia dreistimmig vor sich hinstinken?