Zweimal Lebenslänglich

16 01 2009

An Tagen wie diesen, wenn es mir so richtig gut geht und ich alles, aber auch wirklich alles verkrafte – deutschen Betroffenheitspop mit elf Prozent Schurwolle, Angela Merkels Klimaschutz-Limbo, rücksichtslose Rückstandsverwertung wie Grünkohl-Moussaka – an Tagen wie diesen gebe ich mir gerne die Kante. Aber so richtig.

Nun kann mich auf der Suche nach dem ultimativen Thrill ja nichts mehr richtig schocken. Big Brother, Dschungelcamp, Inhaltsangaben auf Tütensuppentüten, das mag man kaum noch einem hedonistisch veranlagten Vollzeitmasochisten anbieten. Schnupperkurs beim Workaholic-Seminar, Trendfrisurenraten auf 9Live, meine Güte, das war alles gestern. Oder die Vorstellung, irgendein ostasiatisches Möbelhaus pflasterte plötzlich die ganze Tiefebene mit Bambustelefonbeistelltischchen voll und ich könnte mir mein mühsam erlerntes Schwedisch komplett in die Haare schmieren. Das kickt nicht mehr.

Nein, dann kaufe ich mir eine Tageszeitung und lese die Geburtsanzeigen. Sobald die ersten Haare freiwillig ausfallen, fühle ich mich wieder wohl. Scheußlichkeit pur. Was zum Henker bringt zwei verhandlungsfähige Menschen dazu, ein wehrloses Bündel noch vor jeglichem Ansatz von Spracherwerb Fenja-Kaya oder Junis-Calvin zu benennen? Trendsurfen? Für solche Wellen-Sittiche reichen Udo und Andrea aus. Die Unser-Kind-soll’s-mal-besser-haben-Nummer? Warten Sie ab, bis das Blag in der Vorschule sein Frühstücksbrettchen beschriften soll. Danach können Sie sammeln, um den Therapeuten zu finanzieren. Höchstwahrscheinlich sind Quentin-Cedric und Noée-Elenya aber sowieso schon vorher zu anästhetischen Psychokrüppeln mutiert, die erst bei gröberen Schmerzreizen reagieren und sich ein Ei darauf backen, wenn Mammi die vollständige Stammhalternomenklatur durch den Supermarkt plärrt. Doppelt unangenehm, da derart getaufte Kleinkinder generell eher auf Durchzug schalten, wenn die semiotische Mustererkennung frei dreht, und mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Pflaumenmusglaspyramiden von Rotznasenaugenhöhe aus aufmischen.

Man kennt das doch. Nennt so einen Knaben Friedrich Wilhelm Viktor Albert, hinterher ist alles im Eimer und keiner will’s gewesen sein. Eher reagiert ein Guppy auf Zeichensprache.

Oder ist am Ende gerade dieser Adelsbrauch mit den zum individuellen Fingerabdruck komprimierten Stammbäumen verantwortlich? Nein, höchstens für die Flut an Doppelnamen. Ein wenig überkommt mich der Neid. Meine Familie ist so arm, wir können uns alle nur einen Vornamen pro Person leisten. Meine Visitenkarte ist eine einzige Flächenverschwendung. Ich fühle mich so eindimensional, altmodisch, schlimmer noch: ich fühle mich so fürchterlich normal. Verdammt, wo kriege ich preiswert eine Psychose her?

Denn die Natur macht keine Sprünge. Es ist alles ein Kreislauf. Das Rad des Schicksals dreht sich erbarmungslos. Diese Wechselbälger müssen ihren Nachwuchs ebenso schräg ins Taufregister reinquetschen, wie ihnen weiland selbsten widerfuhr. Da hilft kein Beten. Auf Erbsünde steht Lebenslänglich, das heißt bei Aaliyah-Shaleen also: zweimal Lebenslänglich. Wie Dreck, der unter den Fingernägeln haftet. Vom Kreißsaal bis zum Krematorium.

Kann man aus Sünje oder Jaël etwa einen Chromosomensatz identifizieren? Wen wundert’s, wenn Elihai und Mayu spätestens in der Namensselbsthilfegruppe das gegengeschlechtliche Pendant mit dem gleichen Gezumpel vorneweg kennen lernen. Was soll das noch geben? „Ja guten Tag, ich hätte da gerne mal die Frau bzw. den Herrn Luy Schmidt gesprochen.“ Ich kann so nicht arbeiten.

Und dann erst die Kombination mit dem unvermeidlichen Nachnamen. Mieke Luana Philine Schwörbelkötter – das klingt ähnlich harmonisch wie Brechdurchfall beim Drahtseilakt. Selige Zeiten, in denen ein Urbar noch einen Josef Schmied verzeichnen konnte und jedem klar war, dass der brave Mann sein Brot mit Hammer und Amboss verdiente. Und dass noch seine Kindeskinder nach seinem Urgroßvater getauft würden, der da hieß Josef, amen, aus.

Gepriesen seien auch die Isländer. Da heißt man dann mal eben Guðríður Þorbjarnardóttir und passt ein bisschen auf, bevor man dem Kind irgendeinen Unrat als Vornamen verpasst, weil es den unwiderruflich an die nächste Generation weiterreichen wird. Gut möglich, dass die Isländer ein archaisches Volk sind, weil sich die Nachnamen bei ihnen noch nicht durchgesetzt haben. Möglich auch, dass sie sie bei einem lange zurückliegenden Staatsbankrott an die Amerikaner verkauft haben. Vielleicht sind sie auch nur einfach ein bisschen klüger, weil sie ihren Kindern die Genealogie mitgeben und nicht ihre Profilneurosen.

Es wird Kreise ziehen. Nennen Sie ihren Abkömmling ruhig Shirin-Sharina. Aber wundern Sie sich nicht, wenn der Heimatschutz reinschneit und den Plattenbau nach Windeln mit Palästinenserfeudelmuster durchsucht.

Spätestens 2065 haben wir dann die passenden Bildunterschriften in der Regenbogenpresse. Prinzessin Kendra-Lilith von Spanien bei der Hochzeit mit König Damian-Tamino II. von Norwegen. Linnéa-Yara Kardinälin Michelsen (links) hielt die Predigt.

Heilige Mandy-Jacqueline von Bitterfeld, bitt für uns jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Sobald meine neue Kreditsachbearbeiterin mit Vornamen heißt wie die skandinavischen Leuchtmittel im Untergeschoss, werde ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen. Und vorher testamentarisch verfügen, mich hernach anonym zu kompostieren. Sicher ist sicher. Nicht, dass da jemand für die dreizehn Buchstaben auf meinen Grabstein noch Geld zum Fenster rauswürfe.