Als der rosa Elefant Hitler stahl

19 01 2009

Wer in Deutschland etwas verkaufen will, nimmt Kinder und Tiere. (Alternativ gehen Klimaschutz, Arbeitsplätze oder Steuersenkung, es kommt eben immer darauf an, wie schlecht das Produkt ist.) Den richtigen Durchsatz, die volle Aufmerksamkeit, das solideste Haltbarkeitsdatum ziehen Sie noch immer mit Nazi-Deutschland an Land. Aber passen Sie auf, dass den Deutschen nicht die Bildungsfalle über dem Köpfchen zuschnappt.

Da sind sie wieder, die Geschichtserzähler mit Befindlichkeitsbrei über Führers Frauen und die Vertreibung des deutschen Volks zurück in seinen angestammten Lebensraum. Da blinzeln sie aus dem Bunker, werben aus der Wolfschanze, und als sei es noch nicht genug, versorgen sie den Einzelhandel mit Zeitungsnachdrucken aus den Jahren 1933 bis 1945.

Zeitungszeugen, publiziert von Peter McGee, Erscheinungsweise wöchentlich, begrenzt auf 51 Ausgaben, 3,90 Euro pro Einzelnummer, im Jahresabonnement nur 3,30 Euro – mithin auch da noch ein gutes Geschäft. Jeweils drei Tageszeitungen der NS-Zeit faksimiliert im chronologischen Längsschnitt von der Machtergreifung bis zur Stunde Null. Tausend Pressejahrgänge tonangebend kommentiert von namhaften deutschen Historikern. Vorsichtshalber, mag man meinen. Aber ist das schon alles an Seitenaufprallschutz?

Wes das Herz voll ist, des entgleist die Einschätzung. Nachlesen, nachdenken, verstehen soll der Kunde, sagt die Gebrauchsanweisung auf dem Deckblatt. Die Botschaft ist lesbar, unglaubhaft doch. Nachdenken mit Vordenkern, Verstehen ohne Hermeneutik? Hat denn der Leser überhaupt Medienkompetenz, um NS-Propaganda nicht nur als solche zu entlarven, sondern – wo das Medium Botschaft und damit Sprachbarriere wird – die historischen Hintergründe in seinem Weltwissen einzuordnen? Wie Guido Knopp jede Komplexität mit Geschichte von oben zum Histotainment flach klopft und Tom Cruise mit dem bildgenauen Drehbuch alle Widersprüche und Lebenslügen, allen Führerglauben und Judenhass der Protagonisten seines 20. Juli kassenschonend ausblendet, so dampft der Zeitungsaufguss die Perspektive auf faltenlose Phrasen ein. Nachlesen kann man das. Darüber nachdenken nicht. Es verstehen schon gar nicht, wenn die Medienkompetenz einer breiten Zielgruppe noch immer im Big-Brother-Container hockt, BILD liest und sich Vorverdautes eintrichtern lässt. Sie kochen ihnen ein neues Süppchen auf alten Knochen, doch Vorsicht: es ist Blutsuppe.

Nun muss man nicht fürchten, ein paar Braune bekämen die Gelegenheit, ihren Propagandafundus mit Originalen aufzurüschen. Ob sich Neonationalsozialisten das Zeug als Erektionshilfe auf den Abort kleben, ist der deutschen Eiche gleichgültig. Wer aus der Geschichte so wenig gelernt hat, dass er dazu verurteilt ist, sie zu verurteilen, hat den härteren Stoff, hat Seinen Kampf neben dem Wackel-Adolf in der Schrankwand stehen, Reprint meist aus dem gründlich verhassten Amerika.

Aber schon im systematischen Sinn schielt der Blick in die Blätter. 1933 bis 1945, das ist viel zu eng gefasst, weil der Faschismus schon vorher begonnen hatte; ohne Kaisertreue, Republikfeindlichkeit und Klassenjustiz, ohne Versailles und Inflation sind Hitler und seine Hofschranzen nicht zu erklären. Wer da glaubte, die Deutschen seien am 30. Januar aufgewacht und hätten das Dritte Reich wie vom Himmel gefallen in den Schlagzeilen entdeckt, der glaubt falsch und spricht nicht wahrer. Dieser Glaube unterschlägt, wie der Gefreite zum Reichskanzler wurde – langsam und beharrlich, durch Protektion, auf legalem Weg und mit der Gunst von Millionen Deutschen, die schon damals nicht lesen konnten. Oder nicht verstehen wollten. 1933 bis 1945, das ergibt aber auch kaum eine verzerrungsfreie Optik, da die linken, liberalen, demokratischen Blätter im Zensurstaat nicht mehr erschienen und längst nicht jeder Deutsche genug Glück und Beziehungen hatte, Exilpresse in die Finger zu bekommen. Der gleichgeschaltete Deutsche las weiter Stürmer und Völkischen Beobachter und hörte zu, wie es aus dem Volksempfänger goebbelte. Er hinkte auf einem Bein. Heute gaukelt man dem Leser die Gnade der späten Ausgewogenheit vor. So also funktioniert Publizistik? Sie funktioniert.

Theodor Heuss hatte 1959 zur Abschreckung empfohlen, die Kampf-Schrift mit einem richtigen, heißt: republikanischen Kommentar neu aufzulegen. Der mündige Leser hätte vergleichsweise mehr Medien- und Geschichtskompetenz erlangt, wenn er die Ausführungen des Postkartenmalers aus Braunau angelesen hätte – allenfalls als Schlafmittel sind die langatmigen Schwafeleien zu gebrauchen, als LTI-Hack und als Fahrplan zum Untergang.

Der Schoß aber war und ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Fruchtbar für Produktvermehrung, wenn die Reizdissonanz Hitler anklingt. Tröstlich für den Nachtschlaf, weil sie plötzlich alle Gegner, Widerständler, Aufgeklärte wären. Wenn man sie denn nicht nur virtuell ließe.

Woran wärmt die Finger, wer Geschichten statt Geschichte erzählt? Torf, Stahlgewitter, Artilleriefeuer? Kaum. Es wird Kohle sein.


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