Dinner for anderthalb

20 01 2009

Man kann Silvester in illustrer Umgebung feiern, dem neuen Jahr sein sauer Erspartes ins Knie böllern oder auf Festivitäten erscheinen, bei denen Lauträume unter Alkoholika stehen. Ich bevorzuge das Illustre. Weshalb ich grundsätzlich zu Hause bleibe und koche. Dann aber richtig.

Denn haben wir nicht in der Vorweihnachtszeit schon die Geschmacksnerven austrainiert und dabei manches gespart – hier eine halbe Ente, dort ein Pfündchen Spekulatius auf Firmenkosten – dass man die restliche Barschaft in einen gründlichen Fünfgänger investieren könnte?

Nun fiel nach Fisch- und Filetexperimenten die Wahl auf ein Bœuf bourguignon. Nichts gegen die französische Küche. In richtigen Portionen ist sie genießbar. In großen nämlich. So wälzte ich Rezepte, verglich, besorgte Zutaten, maß, zählte, wog. Das letzte Jahreshoroskop muss mich betrogen haben. Weder bin ich dem Glück begegnet, noch habe ich eine nennenswerte Erbschaft angetreten. Und finden Sie mal Champignons, die nicht nach Matratze schmecken.

Nun gestehe ich, drei Stilbrüche begangen zu haben. Obendrein aus Absicht. Erstens habe ich den stereotyp durch die Rezepte geisternden Thymian verschmäht. Gut, das Kräutlein soll derart aphrodisierend wirken, dass sich die alten Römer vor dem gemeinsam wie öffentlich vollzogenen Verkehr davon kräftig auf die betreffenden Körperteile schmierten – noch heute behandelt man junges Geflügel ja vorwiegend an der Innenseite damit, was aber mit seiner halluzinogenen Wirkung nichts zu tun haben dürfte. In die Gans damit, meinetwegen. Selbst in der Bratwurst sei er wohlgelitten. Warum aber das Aroma des 3-(3,4-Dihydroxy-phenyl)-acrylsäure-1-carboxy-2-(3,4-dihydroxy-phenyl)-ethylesters nicht daher nehmen, wo es im Naturzustand rein und weihrauchähnlich duftet? Rosmarin ist die Antwort auf so gut wie jede Frage, die mit Rind beginnt.

Zweitens das Fleisch. Sicher doch, der Kenner wählt das marmorierte Nackenstück, freut sich am Fett und schwärmt, dass sich das Ding innerhalb einer Stunde mürbe schmurgeln ließe. Wozu aber? Hat er keine Zeit, kratzen die Gäste bereits an der Gartenpforte? Ich nahm ein Stück aus der Hesse, akkurat so mager wie Germany’s nächster Kleiderständer, nur besser zum Ossobuco geeignet als derlei Rippenbeilage. Es schmort länger, doppelt so lang gar – und hat dadurch mehr Zeit, wird nicht nur ungemein zart, sondern zeigt auch Einsicht im Dialog mit Knoblauch und Karotten.

Drittens der Burgunder. Ich fand keinen. Einen Grand Cru anzugießen bereitet mir keine ethischen Probleme, nur bin ich halt ein einfacher Mann. Pinot kann man inzwischen auch aus der Pfalz trinken, ohne von der Geschmackspolizei ausgepeitscht zu werden, und mit Bordeaux macht man nichts falsch, wenn man’s richtig macht. Nehmen Sie dazu eine durchschnittliche Studentin, gerne Jura bis Betriebswirtschaft, üblicherweise geschmacksneutral in Höhe des billigeren Merlot positioniert, stellen Sie sie vor ein Weinregal (nicht im Discounter, wenn Sie es schon nötig haben, Studentinnen anzuquatschen, dann kennen Sie gefälligst auch einen Weinhändler beim Vornamen) und lassen Sie sie einen verdammt guten Tropfen für Samstag auswählen, auf Ihre Kosten selbstverständlich – jetzt den Preis knapp verdoppeln, und es wird ein gemütlicher Abend. Wenn Sie die Studentin vorher irgendwo zwischen Käsetheke und Kurzwaren aussetzen.

Nun fand zusammen, was einfach zusammen gehört: Rind, Rosmarin, Wein. Ein Durdreiklang. Hingegen konnte ich dem Bordeaux nicht widerstehen, ich musste kosten. Der spätere Abend (oder was immer ich dafür hielt) bescherte mir eine improvisierte Unterhaltung, die durchaus geistreich gewesen sein könnte. Ich habe nur keine Erinnerung mehr daran.

Wie gesagt, der Rosmarin. Da er frisch war, griff ich zu. Und marinierte. Es geriet alles etwas schneidig. Kaum hatte ich den glasigen Speck wieder aus dem Topf gehebelt, angebraten, abgelöscht, da duftete die Küche wie eine Nachtapotheke beim Einbruch mit Glasschaden. Was sage ich, das Stockwerk stand unter olfaktorischem Sperrfeuer. Intensität ist eines, dies jedoch war ein ernsterer Fall von kulinarischem Neorealismus. Die bissfesten Strozzapreti milderten manches, auch wurde die Sauce nach zwei Stunden schon deutlich toleranter, was ihre Tendenz zur Amalgamierung anging. Aber wir wollen uns nichts vormachen, ich hatte ein Symbol von Nachhaltigkeit auf dem Teller. Der Gedanke von Magenbitter als Raumspray drängte sich auf.

Am Neujahrsabend jedoch ereignete sich ein Wunder, die Aromen begannen zu flirten – noch hielt sich der Bordeaux im Fleisch, noch neigten die Pilze deutlich zum Rosmarin, aber sie machten einander schon deutlich an. Am dritten Tage hatten sie hinterrücks einen Treueschwur hinter sich gebracht. Es hätte so bleiben können.

Sollte Sabine überraschend vor meiner Tür stehen und vehement das neulich versprochene Abendessen einfordern, ich würde ihr nichts abschlagen. Und schnell etwas aufwärmen. Was ja nun geradezu ein Zeichen von Wertschätzung darstellt, dialektisch betrachtet.


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