Meine lila Schrankwand

21 01 2009

Manchmal, wenn ich ganz nostalgisch werde – zwei Gläser Bordeaux, ein Käseigel, etwas Salzgebäck, Hildegard ist wieder zu ihren Eltern gefahren und bis übermorgen nicht erreichbar, so dass mir nur Katze, Glotze und Fotoalbum zum Kuscheln bleiben – also das ist ein Zustand, der die meisten Menschen in die Existenzkrise treibt. Ich verstehe das. Diese Suche nach der Befriedigung an sich. Wieder zurück in den Embryonalzustand, die Birne ausknipsen, Decke über den Kopf und Kopf in den Sand. Es graut einem dann vor gar nichts mehr. Man wünscht sich die Zeiten zurück, in denen Berti Vogts noch Bundestrainer war und die SPD noch die SPD. Als der Papst noch aus Polen kam und die Rennräder noch nicht aus der Apotheke. Und was würde man nicht alles billigend in Kauf nehmen, könnte man nur ein einziges Mal die Zeit zurückdrehen. Kohl als Kanzler, Nena und die Schlager-Süßtafel, Breitcordhosen und Milde Sorte aus dem Kippenkasten neben dem Schallplattenautomaten. Heute bekommt man das nur noch vorgekaut als Musical. Oder im Fernsehprogramm, gelobt sei dessen zyklische Wiederholung.

Aber das alles gilt nicht für disco, die Musiksendung aus dem Zeitalter, als eine Musiksendung „Musiksendung“ hieß und noch eine Musiksendung war. Als man noch „dufte“ sagen konnte, ohne gleich für originell zu gelten und bei Margarethe Schreinemakers entsorgt zu werden. Als es noch richtige Fernsehmoderatoren gab, die Conférence konnten und nicht eine eigene Show bekamen, nachdem sie sich vollendet talentfrei gezeigt hatten. Nein, disco war gut. Trotz allem. Und nicht nur, weil man damals noch jung war.

Über die Inneneinrichtung braucht man nicht groß zu debattieren, sie war ein Opfer der Siebziger. Weiß, Orange und eine massive Auswahl an Brauntönen zieren in der Gegend herumvegetierende Stellwände mit kreis- und wabenförmigen Durchbrüchen, die überraschend Sinn stiften, sobald Balladenbarden sich beim unmotivierten Durch-die-Kulisse-Mäandern dahinter verlaufen und wie durch Bullaugen in die Kamera singen. Jedenfalls glaubt man beim Anblick der Fernsehbilder sofort, dass es nach Bauhaus per definitionem keine brauchbaren Sitzmöbel mehr geben kann. Die versilberten Hockpilze gemahnen dunkel an Klosettbecken, die wie Schwammbefall an den Wänden entlang wachsenden Polsterstrecken sehen aus wie ein früher Kniefall vor der Molekularküche: Gelatine ist erst als Kubus genießbar. Und mal ehrlich, sahen nicht die Bühnenbilder genau so aus wie jedes unter Einsatz überbezahlter Innenarchitekten weitgehend geschmacksresistent eingerichtete Neubau-mit-Balkon-Wohnzimmer? (Oder Ron L. Hubbard hatte am Ende doch Recht und die Décors in westlichen Lichtspielhäusern wurden tatsächlich schon vor 75 Millionen Jahren von sadistischen Klingonen erfunden, um die ganzen Thetane preiswert in den Irrsinn zu treiben, weil es ja seinen Psycholaden damals noch nicht flächendeckend gab.)

Aber die Musik. Klar, es gab Glamrockgruppen, die in ihren Overalls aus Alufolie mit Strassbesatz einfach nur beknackt aussahen, höchstens zu toppen von Männern im brustfreien Schmetterlingskostüm und rhythmisch zuckenden Gogo-Girls auf Plateaustiefeln, die jede Diskussion über einen Ortswechsel im Keim ersticken; man hat sie vermutlich schon anlässlich der Stellprobe am Boden festgeschraubt, um Wadenbeinbrüche zu verhüten. Es gab Schlagersänger, die verbalen Sondermüll unter sich ließen und heute in mir spontan den Wunsch nach Verlust der Muttersprache auslösen. Es gab feine Abstufungen von Playback. Bei Frank Farians diversen Discotruppen wusste man das halt irgendwann und trug sein Los mit Fassung. Bei Barry Ryan sah das Antäuschen von ekstatischem Gesang eher aus wie der Halbfinal-Zieleinlauf bei der internationalen Meisterschaft der Grobmotoriker.

Immerhin hatte diese Inszenierung etwas Heimeliges. Da gab’s noch Schlagersänger, die sich fußläufig durch Kulissen bewegten (siehe oben), schmachtende Teenager in Polstergruppen (siehe oben) ansangen und überhaupt ein Gefühl verbreiteten von trauter Wohnzimmereinrichtung (siehe oben). Es hätte nicht viel gefehlt, und Katja Ebstein wäre aus der lila Schrankwand gestiegen. Machen Sie das mal im Jahr 2009. Sie bräuchten Ihre Nichte beim Tokio-Hotel-Konzert bloß etwas zu weit über die Sicherheitsabsperrung zu halten. Da gäb’s aber sofort richtig auf die Fresse.

Spot aus. Licht wieder an. Das lohnt heute gar nicht mehr. Was auf den Musikkanälen herumschwafelt und Filmchen ansagt, wäre damals maximal als Quotenknalltüte zu Lou van Burgs Butterfahrten eingeladen worden. Auch wenn ich auf die Les Humphries Singers längst verzichten kann. Auf Christian Anders sowieso. Und auf Juliane Werding erst mal. Aber ich bleibe trotzdem auf der Couch sitzen, trinke ein drittes Glas und hole noch Salzgebäck aus der Küche. Und gucke disco bis ganz zum Ende. Weil Ilja Richter damals schon Dreiteiler tragen konnte und darin einfach dufte aussah.


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5 responses

21 01 2009
M.

Ein hoch auf Illja Richter:-)

21 01 2009
bee

Yes! Und mal ehrlich, der Mann könnte heute noch lässig vor der Konkurrenz herschlendern, die ihm mit hängender Zunge nachjagt.

21 01 2009
M.

Rech haste, schau dir doch mal die ganzen Oli Geissen´s an…

21 01 2009
bee

Au nee, da wird man ja blind, bevor man die Fernbedienung findet.

Ich gucke nur noch „Brei bei Kallwass“, und das auch nur aus medienwissenschaftlichem Interesse 😉

14 01 2011
Tweets that mention Meine lila Schrankwand « zynæsthesie -- Topsy.com

[…] This post was mentioned on Twitter by Barbara S.. Barbara S. said: RT @zynaesthesie: „Licht aus – womm! Spot an – jaaaaaaa!“ http://wp.me/ppSXR-R #frueher […]

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