Bourdieus Arschgeweih

22 01 2009

Großnichten haben Anspruch auf ein schönes Geburtstagsgeschenk. Da ich nur eine Großnichte habe und sie mein einziges Patenkind ist, können wir die Sache kurz machen. Sie wünscht. Ich schenke.

Nun ist Maja in einem Alter, in dem sich Erinnerungen langsam verklären. Bis heute steht sie zu ihrem Barbiepferd, ich hatte ihr damit einen Herzenswunsch erfüllt – dass ihr Vater mir darob jahrelang gram war, hat mich nie belastet. Denn womit spielte Maja, mit dem Plastikgaul oder mit Papas pädagogisch wertvollen Holzklötzen? 1:0 für den Erzfeind. Und es ist schmeichelhaft, wenn in der Fußgängerzone eine bildhübsche 15-Jährige sich jauchzend aus dem Rudel gleichaltriger Freundinnen löst, mich herzt und erklärt: „Das ist mein Großonkel, und der ist voll cool!“

Maja kam dann mal wieder vorbei. (Zufällig ist nächste Woche ihr Geburtstag.) Und fragte nach. Um die Verhandlungen zu straffen, stieß sie gleich zu. Ein Tattoo. Ich darf es finanzieren.

Alles. iPod, iPhone, eine Jahreskarte fürs Spitzenschneiden bei Udo Walz inklusive Taxishuttle nach Berlin et retour. Mit allem habe ich gerechnet. Nicht mit einer Körperverletzung an meinem Patenkind. Und nicht mit dem Milchbubi, der sich in meinen Charles-Eames-Relaxer fläzt und Anstalten macht, seine warzigen Chucks auf den saffianbezogenen Fußhocker zu legen. Aber Timo ist Majas neuer Freund und darf das bestimmt.

Zunächst erklärt er mir – wieso er, warum nicht sie? – dass eine Tätowierung unbedingt sein muss. Meinen Einwand, eine dauerhafte Hautzeichnung sei vor allem eins, nämlich dauerhaft, grinst er geradezu väterlich-milde weg. Das versteht ein Typ in meinem Alter nicht mehr. Das ist Gegenwart. Und Gegenwart ist Punk.

Nee, is klar. Kein Haar am Sack, aber mir verklickern wollen, was Punk ist… Freundchen, 1977 waren Deine Eltern jünger als Du heute. Und wenn Du noch einmal ungefragt meine Talking-Heads-Platten aus dem Regal griffelst und quer wieder reinsteckst, dann tobt hier der Pogo.

Ursprünglich waren Tätowierungen ja so eine Art Gruppenabzeichen. Fragt sich bloß, in welche Partei sie da eintritt. Vermutlich der Mainstream.

Also nichts, was semiotisch verfängt. Keine Namen, keine kulturell befrachteten Symbole. Eher so ein Tribal oder ein stilisiertes Tier. Sie ist da völlig offen, versichert mir Timo.

Welch ein Glück. In zwölf Monaten darf ich dann einen Kredit aufnehmen, wenn sie sich Jeanette Biedermann vom Bein weglasern lässt. Oder einen doppelbreiten Schlampenstempel von den Rücklichtern. Hatte die Kleiderschrank-Komplettumstellung auf bauchfrei nicht schon gereicht? Gibt es inzwischen Modekrankheiten, ohne die man sozial ausgegrenzt wird? Ist eine Nierenbeckenentzündung angesagter als Asthma oder kann man es auch mit einer Anorexie aus dem Gemischtwarensortiment noch bis zum D-Promi schaffen? Muss ich mir Skorbut mit Hirnödem im Doppelpack holen, weil ich ohne nicht mehr mitspielen darf?

Wie gut erinnere ich mich an dies Alter. Alle hatten sie fiese Vokuhilas wie Limahl, die so aussahen, als sei Muttis Geflügelschere mehrmals abgerutscht. Und Ohrlöcher. Buchstäblich jedes Nena-Lookalike, mit dem ich irgendwann mal geknutscht habe, musterte nach maximal drei Tagen meine Physiognomie und empfahl mir den Gang in eine Bijouterie, um mir einen Metallbolzen durch den Lobulus ballern zu lassen. Billiger kommt man nicht an eine Sepsis. Und was war das für ein entzückender Moment, als der schöne Micha, Basketballer, Mädchenschwarm und optisch haarscharf an der perfekten Schwuchtel vorbeigeschrammt, mit einem eiternden Blumenkohl an der Backe in die Schule kam, ab sofort die bevorzugte Zielscheibe meines Spotts wurde und die Reste seines kümmerlichen Egos in Vergessenheit gerieten. Heute sitzt er wohl als subalterne Schreibkraft im Bauamt, jeden verfügbaren Knorpel derart zugepierct, dass seine Gesichtsbaracke ein Hupkonzert in der Diebstahlsicherung von C&A aufführt, und ist einzigartig. Genau wie alle anderen.

Timo versucht, mir den kulturanthropologischen Diskurs näher zu bringen. Tattoos seien kein selbst gewähltes Stigma, sondern inzwischen eben auch gelebte Kunst. Wenn man so wolle, sei jede visuelle Steißbeinmodifikation eben auch Subtext, der sich nicht im Raum der Lebensstile festschreiben lasse, nein: gerade das Changieren zwischen Kulturdominanz und Kontrabewusstsein sei Teil einer sich immer neu entfaltenden Identitätsgenese im Flow der gesellschaftlichen Strukturen – Distinktionsprozesse seien dialektisch, dabei doch aber paradoxerweise auch integrativ und damit quasi ein Weiterdenken der sozialen Plastik in die autonome Körperlichkeit.

Nicht, dass diese halbgare Kinderportion auch nur je eine Zeile Bourdieu gelesen, geschweige denn gerafft hätte, und er drückte sich auch nicht ganz so klar aus, aber nach viertelstündigem Blabla hatte ich das mal als Botschaft herausgefiltert.

Wir einigten uns auf ein kleines Blumenmotiv am rechten Oberarm und ich ging Kaffee kochen. Dann legte ich noch eine Devo-Scheibe auf, hatte aber weniger den Eindruck, dass die hiesige gymnasiale Musikerziehung kultursoziologisch auf festem Boden steht. Was soll man da machen. Das Theater mit ihren Eltern packe ich dann auch noch.

Übrigens stand Maja ganze drei Tage später wieder vor meiner Tür. Verheult eröffnete sie mir, Timo habe mit ihr Schluss gemacht und sei jetzt mit Chantal (Arschgeweih, Intim- und Zungenpiercing) zusammen. Nein, sie wolle kein Tattoo mehr. Ich dürfe sie stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Essen einladen – und ich müsse unbedingt selbst kochen, damit dieses Systemgastronomieopfer endlich mal begreift, was gut ist. Und dass sie keinen auch nur annähernd so coolen Onkel hat.


Aktionen

Information

15 responses

22 01 2009
M.

Ich dachte Tattos wären out? Und vorallem Arschgeweihe…

22 01 2009
bee

Sei Du mal jung und verliebt. Dann reden wir auch noch mal über Dein Zungenpiercing.

25 01 2009
M.

Das gibts schon ewig nimmer, nur noch das an der Nase, Braue, Ohren und n neues an der Oberlippe…Und was soll ich sagen? Mein Herr und Meister findet es scheisse:-)

25 01 2009
bee

Was soll ich da sagen… der Mann hat Geschmack 😀

25 01 2009
M.

Ich zitier da mal; Na Metalfresse*grinst*

25 01 2009
bee

Lass mich raten: als Du neulich im Flughafen durch die Sicherheitsschleuse musstest, verabschiedete sich die Induktionsspule melancholisch seufzend aus dem Diesseits und verursachte einen Kabelbrand im Herzschrittmacher des kleinen Fettklopses hinter Dir in der Schlange?

26 01 2009
M.

Nu so schlimm isset ja nun doch noch nich:-)

26 01 2009
bee

Hm. Gesichtspiercing, Ganzkörperkriegsbemalung, mir fällt da spontan jemand ein.

Andererseits glaube ich dann auch wieder nicht, dass ich der Dame einen eigenen Beitrag widmen müsste 😛

26 01 2009
M.

Wer denn?

26 01 2009
bee

Hammerbrooklyn.

27 01 2009
M.

*grinstsicheinen*

10 07 2009
Jean Stubenzweig

Sie scheinen keinen Punk zu mögen. Das ist doch eine legere Outdoor-Mode und gibt jungen Menschen Profil in dieser entindividualisierenden Zeit.

10 07 2009
bee

Mir graut einfach vor einer Welt, in der der ästhetische Protest – Nietenfrisuren und Irokesenhosen – versandfertig aus dem Fuck-the-System-Bestellkatalog kommt. Man kann das nur noch mit Monty Python kontern: „Ihr seid doch alle Individuen.“ – „Ja! Wir sind alle Individuen!“ – „Und ihr seid alle völlig verschieden!“ – „Ja! Wir sind alle völlig verschieden!“ – „Ich nicht!“

10 07 2009
Jean Stubenzweig

Ihnen graut’s? Ich bin bereits seit langem ergraut.

Es geschah in den frühen Achtzigern. Einem Punk namens Erdferkel war es gelungen, mich Freund der eher leisen Töne, geprägt wohl von einer ebensolchen Kindheit, zu einem seiner Konzerte samt Kumpels zu dirigieren. Die Kumpels gefielen mir – ihn mochte ich schon seit längerem – in ihrem Geradeausdenken, das damals bereits weitaus zivilisierter war als die Zivilisation. Dann gefiel mir auch noch die Musik. Zwar dauerte es eine Weile, bis ich sie durch ihren Krach hindurch hörte – wie bei dem Wein, den der Winzer selber trinkt, weil er anderen zu sauer ist, dieses köstliche Gesöff, das sich erst nach dem dritten Schluck, besser: dem zweiten petit ballon in seiner gesamten Eigenheit zu entfalten beginnt. Eigentlich unsagbar, aber ich tu’s: Nicht unbedingt mein Geschmack, aber irgendwie gefiel sie mir, die Musik. Und auch der folgende lange Abend. Vor allem aber hatte ich gelernt, was Punk ist. Als er dann einige Jahre später seinen Weg durch die Instanzen der Modehäuser antrat, fiel ich vom Glauben an das Gute in der Welt ab.

Und das mit dem Tatoo als «gelebte Kunst» – erinnern wir uns an das Ornament. Es als tot erklärt zu haben, hat überhaupt nichts gebracht. Es hat zwar als Bedeutungs- und somit Kommunikationsträger seit Ewigkeiten schon ausgedient, kann von niemandem mehr gelesen werden. Aber es wird immer öfter eingesetzt. Man muß sich die Häuser und Wohnungen mal anschauen. Nicht nur in Deutschland. Auch dort, wo nach meinem Wissen die Tatowierung herstammt, verstehen die Jungen sie nicht mehr, aber einige versuchen immerhin, diese alte Sprache wieder zu lernen, bevor sie sich der traditionellen, äußerst schmerzhaften Prozedur unterziehen. Hier läßt sich Ihre großnichtige Protagonistin oder ließ sich auch eine mir verwandschaftlich naheststehende junge Frau solch ein Kulturgeweih über den entzückenden Arsch verunzierend einmeißeln. Heute schüttle ich nicht mehr den Kopf, ich lache nur noch. Manchmal laut. Vor allem dann, wenn sie verschämt das Hemdchen hinunterzuziehen versucht, weil es ihr mittlerweile peinlich ist, dieses Bildnis fürn Arsch von Gemeinschaft. Denn jetzt ist sie diplomierte Biologin. Und traut sich irgendwie nicht mehr im Bikini an den Strand. Nicht weil sie unansehnlich geworden wäre (das Bildnis bleibt es). Nein, weil daraus eine gewisse Klassenzugehörigkeit erlesen werden könnte, die derjenigen mit dem herausgebrannten Gehirn nämlich. Aber das mit dem Weglasern ist auch nicht so einfach. Denn einer jungen Diplombiologin ohne eins plus und Frau Doktor zahlt man allenfalls das Gehalt einer Laborantin. Und das reicht nicht aus, um mal eben in einer dieser Schönheitsoperationsfarmen unterzuschlüpfen und sich, well, läutern zu lassen.

Oh weh, lang geworden. Aber es ist dennoch eine Kürzestfassung der Gedanken, die mir dazu (hoch-)kommen.

10 07 2009
bee

Punk ist heute schon zu ornamental. Was damals als Revolution startete, wird heute von den Kindern brav gefressen – ein Convenience-Produkt wie Schokoriegel, Tütensuppe, vorgefertigter Vogelschissklecks auf bunter Abziehfolie, um pseudocool-distanziert höchst prätentiösen Anti-Materialismus vor sich her zu tragen. Der Fleck ist wie ein Steißbeineinstich: ein Rangabzeichen und sozialer Marker, das geht nicht groß unter den Lack oder die Haut und prägt mehr das Image als die Rolle. Was sich zwischen No Future und Punx not dead aufspannt, ist eine amüsante Dialektik.

Aber vielleicht sehe ich es auch zu nostalgisch. 1977 ist ja lange her. Soziale Plastik wurde vor und nach Beuys versucht, und die Geister scheiden sich.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.




%d Bloggern gefällt das: