Krisenfinanzierung

23 01 2009

Das ist der Herr Breschke. Herr Breschke macht sich Sorgen. Er macht sich große Sorgen um Deutschland. Sein tief umwölktes Gesicht hatte mich bereits seit Tagen beunruhigt, jetzt hielt ich es einfach nicht mehr aus und stellte ihn zur Rede.

Es ist sein Garten, der Herrn Breschke vor eine schwere Entscheidung stellt. Auch ich hatte schon bei Grillwurst und Bier auf Breschkes Terrasse gesessen und über so vieles geplaudert, Schalke 04 und die Anatomie des Dr. Tulp, Webtypografie und Messtechnik. Worüber man sich so unterhält mit einem pensionierten Finanzbeamten. Nun wird die Abgrenzung morsch, man könnte behaupten: Herr Breschke hat nicht mehr alle Latten am Zaun.

Der anständige Deutsche, der sich zuallererst um die Außenwirkung seines Anwesens sorgt, wird nicht zögern, ins Gartencenter fahren und ein paar Meter Holz kaufen, um die Schranke zwischen öffentlichem Grund und der eigenen Scholle wieder nachdrücklich zu markieren. Denn Eigentum verpflichtet, und zwar zunächst zu Schutz und Trutz gegenüber Dackeln und Radfahrern. Der anständige Deutsche in der Finanzkrise allerdings blickt weiter, behält dabei die Volkswirtschaft im Auge und stellt die Frage: darf man das jetzt überhaupt? Wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder täte?

Jägerzäune sind hin und wieder völlig umsonst, aber selten gratis. So ist das nun mal für uns Kapitalistenknechte. Kaum erblickst Du Blumentopf, Schießgewehr oder eine gut erhaltene Sitzgruppe, Neo-Biedermeier, Buche geflammt, leichte Lackschäden, schon musst Du ablaschen. Sonst reißt sich Dein Nächster die Ware unter den Nagel und Du gehst leer aus.

Finanzielle Gründe dürften es nicht sein. So bescheiden ist eine Finanzbeamtenpension nun auch wieder nicht, dass man sich neben zwei Urlaubsreisen pro Jahr und einem Jahreswagen auf achtzehn Monate kein Gatter mehr leisten könnte. Ist nicht der Fiskus seit jeher die Heimstatt des Kopfrechnens? Nein, Herr Breschke hatte alles längst durchschaut. Mit dem Erwerb von Zaunpfählen winkte uns der Untergang. Der monetäre Kollaps stand unmittelbar bevor, weil die Konjunkturblasen sich zu einem nationalökonomischen Urknall verdichten würden.

Um einen Zaun zu kaufen, braucht man Geld. Um über Geld zu verfügen, braucht man eine Bank. Schlagartig wurde mir klar, was den wahren Schrecken dieser Vorstellung ausmacht. Stellen Sie sich mal vor, wir alle – Herr Breschke, mein Ohrenarzt, Omi Müller, Angela Merkel und die Wrestling-Nationalmannschaft der Damen – wir alle gingen jetzt auf einmal zu den bitterste Not leidenden Banken und wollten unser Geld abheben, um Jägerzäune und Schleckeis zu kaufen. Alles auf einmal. Dann wäre spätestens innerhalb von drei Tagen gar nichts mehr da.

Stellen Sie sich das mal vor. (Also nur, wenn Sie wirklich dem Grauen ins Auge blicken wollen.) Die Supermärkte wären gesteckt voll, Tiefkühlspinat und Alpenrahmschokolade würden in den Auslagen verseifen, weil keine Sau mehr die Rücklagen hätte, um einzukaufen. (Verschonen Sie mich bitte an dieser Stelle mit irgendwelchen sozialromantischen Kommentaren, die Distributoren schmissen irgendwann aus reinem Mitgefühl Kuchen unters darbende Volk – so goldig kann’s dem Einzelhandel gar nicht gehen, dass sie Umsatzeinbußen bejammern, ohne vorher auch nur die Bilanz gegengerechnet zu haben.) Die Spirale dreht sich weiter abwärts, binnen weniger Wochen sitzen alle Verkäufer auf der Straße, weil sich ein Supermarkt ohne Kundschaft Personalkosten einfach nicht erlauben kann. Was das den Sozialstaat kostet, wollen Sie gar nicht wissen.

Und vergessen wir nicht die fatale Gruppendynamik. Herr Breschke kauft sich einen Jägerzaun. Gabelsteins von nebenan holen sich einen Carport. Doktor Finkel, frisch mit seiner Freundin von den Malediven zurück, ist samt Gattin bei Gabelsteins eingeladen, sieht den Jägerzaun, und tags darauf kontert der Parvenü mit einem fabrikneuen Konzertflügel. Herr Humbolt wird die Schweizer Franken aus dem Safe im Gartenteich kratzen und seiner Tochter ein zweites Reitpferd spendieren – doppelt frevlerisch, dass er einen Araber ordert und damit Devisen aus der EU schafft. Omi Müller hat auch noch nichts gemerkt und bringt Frau Humbolt ein paar Äpfel mit, damit sich die Industriellengattin zwischen ihren Guccitäschchen nicht zu Tode langweilt – der Supermarkt ist leer wie ein ägyptisches Grab nach dem Einfall der Archäologen, eine inzwischen vollbärtige, in abgerissene Kittelfetzen gehüllte Lagerkraft zeigt ihr den Weg zu den Obstresten – und gleich noch eine Dose Katzenfutter für Minka. Noch einmal zittert der Boden unter unseren Füßen, dann birst das dünne Eis.

Neiddebatte? Die Totalimplosion schaffen wir aus eigener Kraft. Sie haben es nicht anders gewollt. Aus den verwaisten Banken schauen Sie große, traurige Augen durch beschlagene Scheiben an, weil Sie keine Kredite mehr aufnehmen. Finanzminister schmeißen Aktien in ein brennendes Ölfass, um sich die Hände im Steuerwinter zu wärmen. Josef Ackermann wird in der Fußgängerzone sitzen und Sie um eine Million anschnorren. Wollen wir das wirklich?

Dank Herrn Breschke habe ich es nun endlich kapiert. Ich bin ja nicht blöd. Ich bin Deutschland.