Sturm der Schmetterlinge

26 01 2009

Sicher, Fernsehen ist wichtig. Wie soll man denn die Zeit zwischen den Werbeblöcken totschlagen? Woher stammt Bildung, wenn nicht aus der Mattscheibe? Und wohin mit den Erdnüssen? Was stört, ist das Programm.

Denn nichts ist wirklich. Auch nicht die Drehbücher, nach denen unsere Lieblingsserien über die Kanäle kreuzen. Was soll man denn da noch senden? Womit wollen sie alle berieselt werden, um dann Damenbinden und Schokoriegel zu kaufen? Fragen über Fragen, die Antwort folgt. Eine Catch-all-Telenovela, mit der man auf einen Schlag sämtliche Zielsplittergruppen reichweitenmäßig abdeckt und zu Suchtglotzern umerzieht. Die Mutter aller Straßenfeger. Einmal geguckt, immer geschluckt.

Und das geht so: Recycling aller Erfolgsfaktoren (never change a winning theme) und ganz viel Gefühl. Und das wahre Leben. Wie es sich Sofasitzer vorstellen. Oberbekleidungsfabrik, Werbeagentur, Poliklinik – out, vorbei, has-been. Nicht halbwegs hip und really real.

Schauplatz ist das sprachwissenschaftliche Institut einer aufstrebenden Privatuniversität in, sagen wir, Berlin. Die Protagonistin Anni (Nelly, Lotta, Evelyn, you name it) aus einer verarmten Zahnarztfamilie (Göberitz, Brandenburg) hat bisher nur Kurse an der Fernuniversität absolviert. Um ihre linguistischen Studien zum Abschluss zu bringen, schreibt sie sich an der Hauptstadt-Hochschule ein. Die Studiengebühren kann sie nur aufbringen, weil sie heimlich in einer Peepshow für Fußfetischisten auftritt. Nackt bis zu den Kniekehlen. Was sie nicht weiß: Seminarleiter Nils gehört zu den Stammgästen und wedelt sich beim Anblick ihrer orthopädisch korrekt geformten Fesseln regelmäßig einen von der Palme.

Ihre beste Freundin Hanni ist Diplombibliothekarin und kennt sich daher mit Büchern aus. Nur mit Büchern. Hanni ist zwar ein verträumtes Schnupperle und zu bräsig, um einen Nagel gerade in die Wand zu hauen, hat aber für Anni doch so manchen guten Rat bereit. Wie man Fußnoten korrekt formatiert. Wie man mit einem Schlagwortkatalog umgeht. Und wie schön so ein Sommerabend an der Spree sein kann, wenn man nur eine aktuelle Auswahlbibliographie für Teilchenphysik dabei hat.

Doch da kommt die Gegenspielerin. Rosalie legt nicht nur eine hinreißende Abhandlung über die Entfaltungstheorie unter besonderer Berücksichtigung des Buchenarguments vor, sie ist auch noch die Etagennachbarin von Norbert, dem Indogermanisten mit dem unglaublichen Hüftschwung. Düstere Wolken, drohendes Unheil. Wie soll Anni bloß ihre Abschlussarbeit verfertigen und dann auch noch die vertrackte Situation in ihrem Elternhaus lösen? Wie kriegt man Privatpatienten in eine Dentistenpraxis, die sich noch nicht auf Öko-Bleaching und repressionsfrei hergestellten Zahnschmuck umgestellt hat? Zumal ihr nicht nur Nils den Kopf verdreht. Auch der schüchterne Mathematiker Vincent, der an seiner Dissertation über Funktionalanalysis tippt, hat es ihr angetan – ein Mann, der gespannt zuhört, während sie ihn mit Quantorenfloating zutextet. Dass Vincent nur gerade über affine algebraische Varietäten nachdenkt und deshalb den Rand hält, das freilich merkt Anni nicht.

Retardierendes Moment: Norbert flüstert der bösen Blondine aus dem Hochparterre tückische Dinge zu. In Wahrheit sei Nils nämlich stockschwul, also viel zu mainstreamig, um Wissenschaftler des Jahres zu werden. Seine offizielle Biografie? Ha, welch eine Farce! Von rumänischen Scientologen gekidnappt und unter Wasser aufgezogen, mit einer Hausstauballergie infiziert und zum Soziologiestudium gezwungen – erstunken und erlogen! Tatsächlich kommt Nils aus Zwickau, hat seinen Grundwehrdienst bei den Panzergrenadieren abgeleistet, hört heimlich auf dem iPod Rondò Veneziano und hortet in seiner Wohnung Schuhe. Damenschuhe. Größe 40.

Nach gefühlten 460 Folgen mit Hanni und Anni schreiten wir zur allfälligen Auflösung des Knotens. Alles wird gut. Anni kriegt ihren Nils, der zwar irgendwo doch ein bisschen schwul ist, aber eigentlich doch auch wieder nicht so richtig. Sie gibt ihm regelmäßig Privatvorstellungen auf dem Küchentisch und trägt seine Pumps auf, weil sie rein zufällig Größe 42½ hat. Und was eine echte Frau ist, die lässt sich von Fleischsalat am Vorderfuß nicht abschrecken. Zum Dank dafür hilft Nils ihr auch beim Examen und verschafft ihr eine Doktorandenstelle.

Rosalie erhält zwar einen Ruf nach Princeton, bekommt aber nichts als Scherereien mit den Visa-Vorschriften der Bush-Administration und verschimmelt im Untersuchungsgefängnis, weil der evangelikale Wachmann sie für Paris Hilton hält und den Zellenschlüssel schluckt.

Norbert hängt die universitäre Karriere an den Nagel und wird das, was in Berlin alle irgendwann mal gewesen sein werden: Unternehmensberater. Es gelingt ihm, die Zahnarztpraxis von Annis Eltern in einen Wellnesstempel umzugestalten, der nach Steuern so viel Gewinn abwirft, dass er ab sofort als Hauptsponsor der Privatuniversität fungieren kann. Zum Dank dafür bekommt er einen Aufsichtsratsposten bei der Commerzbank.

Vincent richtet Hanni einen wunderfeinen Hilbert-Raum ein und sie kaut ihm dafür mit der Colon-Klassifikation täglich ein Ohr ab. So reden sie aneinander vorbei und führen eine mustergültige Beziehung.

Und sobald wir den ganzen Schrott einigermaßen verdrängt haben, wird er auf 9Live wiederholt.


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