Gib den Affen Pfeffer

27 01 2009

Hurra, endlich habe ich einen Pfefferstreuer! Dass man in meinem Alter noch mal durch die Küche tanzt und ein Stück Pressglas mit Aluminiumhut derart dolle hübsch finden kann!

Mein Drogenkonsum nimmt bedenkliche Formen an, sonst wäre das Ding schon längst aus dem Fenster geflogen. Wozu braucht jemand, der den aufrechten Gang ohne Gebrauchsanweisung beherrscht, einen Pfefferstreuer? Ganz nebenbei, ich habe bereits diverse Pfefferstreuer in die Pfefferstreuerhölle befördert – dass es für den Küchenspeck eine Abteilung im Himmel gibt, weigere ich mich standhaft zu glauben – wo sie vermutlich zwischen einer Milliarde Lachsmesser und doppelt so vielen Kapselhebern mit Ulmer-Münster-im-Hochnebel-Gravur auf Gelbgoldimitat vor sich hin schmoren. Einen erhielt ich als, hmnaja, Aussteuer. Horribile dictu. Es gibt Tanten, denen man nichts ausreden kann und die nichts annehmen, vor allem keine Vernunft. Die anderen kamen von der Kirmes, als in der Schießbude gerade die Papierblumen ausgegangen waren. Einer hat mich während eines Schweigemarsches für besseres Industriedesign angesprungen. Keine Ahnung. Interessiert mich aber auch nicht mal peripher. Bei mir kommt der Pfeffer aus der Mühle. Danke fürs Gespräch.

Was musste ich Narr mir auch eine Kundenkarte andrehen lassen. Einmal nicht aufgepasst, schon hat man wieder einen Identitätsnachweis mehr am Hut, den man der chronisch freundlichen, chronisch uninformierten Einzelhandelsfachkraft übers Kassenlaufband schiebt, wenn man nur mal eben Schnürsenkel holen wollte, bevor die Oper losgeht.

Aber hey, für jeden Euro gibt’s nun einen knuffeligen Kundenpunkt, den man nach Belieben einlösen kann, wenn man sowieso gerade am Shoppen ist. Kauf einhundertein Päckchen Rasierseife, bezahl nur einhundert. Der Untergang des Abendlandes findet nicht statt.

Dazu kann ich mir jetzt preisreduzierte Golfschläger aussuchen (sorry, ich brauche gerade keine, mein Neunereisen hat’s sogar überlebt, als ich der Drückerkolonne glaubhaft versichert habe, dass sie sich ihr Yps mit und ohne Gimmick sonst wo reinstopfen können) und kriege schon für einen knappen Hunderter Zuzahlung eine Super-Mini-Stereo-mit-MP3-drin-Anlage, auf der sich Thomas Quasthoff anhört, als hätte er die Polypen erfunden. Wenn ich stillhalte, mich nicht entscheiden kann oder den ganzen Unsinn schlicht vergesse, werde ich quartalsweise mit Schrott aus dem Paralleluniversum zwangsbeglückt. Unter anderem mit Pfefferstreuern, die offenbar mit meinem Kundenprofil sowie mit der Erklärung der Menschenrechte zu vereinbaren sind.

Denn sie wollen, Menschenrechte hin, Bürgerpflichten her, meinen Konsum kontrollieren, dass es seine Art hat. Alles wollen sie wissen. Ob ich, wann ich, wie viel ich, warum ich, wozu ich und ob ich überhaupt Zahnstocher, Fransengarn und Tafelbirnen kaufe. Signifikante Unterschiede in den Kombinationen Rotkohl/Lockenstab oder Katenrauchschinken/Heftpflaster treiben Marketingchefs und Statistiker zur Ekstase statt zur Einsicht und mich langsam in den Wahnsinn. Sollte mein Einkaufsverhalten jemals verfilmt werden, dann bitte unter der Regie von Terry Gilliam. Dafür komponiere ich gratis die Filmmusik und verlange keine Lizenzgebühr für die Kassenmaus als Plüschfigur. Aber vielleicht ist Der Process einfach kinotauglicher als meine Supermarktbesuche, da Kafka Reste von Realität enthält.

Dabei ist das längst ein Fall für den Datenschutzbeauftragten. Ich weiß schon, wie es endet. Kaum habe ich die Fischabteilung absolviert, schleimt sich der Ein-Euro-Jobber von hinten an, blättert hektisch in seinem PDA unter „Hecht“ und packt mir ungefragt eine halbtrockene Kerner-Spätlese in den Wagen. Soll ich mit so dem Laden-Hüter etwa auch noch ausknobeln, ob der Fisch in Specksauce mit Petersilienkartoffeln eventuell eher ein Pils verträgt? Mir langt’s schon, wenn ein von jeder Sachkenntnis ungetrübter Pseudo-Sommelier Stirnfalten zieht und mir vorschreiben will, was ich zu extraktreichen Saucen zu trinken hätte. Mit ein Grund, warum ich Restaurants vor allem dann meide, wenn das Personal mich im wahrsten Sinne des Wortes bevormundet. Mein Bauch gehört mir.

Nein, ich brauche das nicht. Ich will das auch nicht. Bisher habe ich mich als heterosexueller, weißhäutiger Europäer männlichen Geschlechts nicht ein einziges Mal diskriminiert gefühlt, nur weil ich keine Tampons-mit-ausklappbaren-Flügelchen-Produktprobe in meinem Briefkasten hatte. Echt nicht. Ehrlich. Glaubt es mir. Bitte.

Ich habe einfach meine Kundenkarte zurückgeschickt. Gleich rief der Krisenmanager an, um mir auf den Zahn zu fühlen. Netter Typ. In seinem Gesprächsleitfaden steht sicher, dass die Diskussion mit einem Renegaten nur wirklich gut läuft, wenn der sich dabei wie ein Erzbischof fühlt, der aus der Kirche austritt, um Satanist zu werden. Ich blieb hart und legte auf. Auch beim dritten Versuch.

Wenn mir jetzt bitte noch jemand erklären kann, warum mich der Filialleiter in diesem Discounter seitdem immer mit einem verschwörerischen Lächeln grüßt? Stecke ich etwa schon im Sympathisantensumpf?