Hitparade der reitenden Leichen

28 01 2009

Wenn ich echt nichts zu tun habe, wenn außer der Katze niemand schnarcht und ich zwischen den Zettelbergen kein Buch mehr finde, dann schalte ich den Fernseher ein und zappe auf Kanäle, von denen keiner wissen darf, dass ich die überhaupt reinkriege. Inzwischen stellen sich die ersten Abnutzungserscheinungen ein. An mir liegt’s nicht. Jedes Mal, wenn ich mit meiner fernbedienbaren Fernbedienung (hochauflösendes Farbdisplay, wer kann sich denn siebenhundert Kanäle merken?) auf die drittunterste Ebene im Trash-Menü gerate, fängt das Grauen an. Gammelfleisch galore. Hat da wieder einer bei der Mülltrennung nicht aufgepasst?

Kinder, schnell! Opa ist im Fernsehen! Gus Backus (Jahrgang 1937) als alternder Häuptling. Peter Kraus (Jahrgang 1939) tanzt noch mal den Rock’n’Rollstuhl. Angejahrtes 80er-Material darf wieder auf die Bühne, um eine Kirmes-Rentnerband zu mimen. Diese Entsorgungsshow auf RTL reicht wohl nicht mehr, um dem grassierenden Jugendwahn Kontra zu bieten. Leichen pflastern ihren Weg. Aber warum muss der ausgerechnet in meinem Wohnzimmer enden?

Nun ist man in der Pop-Kultur genug Kummer gewohnt und hat inzwischen sogar geschnallt, warum die Leute immer noch zu den Stones pilgern. Wegen Satisfaction schon mal nicht. Sie warten einfach nur darauf, dass Mick Jagger beim Stechschritt plötzlich der finale Hexenschuss trifft. Manche Entertainer können es andererseits noch. Nichts gegen Paul Kuhn. Der bekommt immer noch einen eigenen Saal und den Saal voll, wenn er spielt. Könnte daran liegen, dass er das wirklich kann. Mit achtzig. Hut ab!

Doch ansonsten regiert die Verstörung der Totenruhe. Kurz vor der präsenilen Endablagerung werden die Stars von Vorvorgestern noch mal in die Galavorstellung gekarrt und zur Hitparade gezwungen. Wahrscheinlich eine Folge der Rentenlüge. Oder keiner von denen hat ausreichend geklebt und muss sich jetzt durch die öffentliche Leichenschändung treiben lassen, damit die nächste Kaltmiete reinkommt.

Statt, dass sie sich endlich aufs Altenteil zurückziehen und in Ruhe zur Legende zu werden, muss ich mir das wöchentlich zur Hauptsendezeit antun. Aber so ist das Leben, die Besten sterben jung – wer als Sieger aus dem Überlebenskampf hervorgeht, saß definitionsgemäß nie wirklich in der ersten Reihe. Ob das Zufall ist, dass in den Werbepausen nur Staubwedel und Inkontinenzbedarf am Start sind?

Himmel, wo kommen die alle her? Hat die Produktionsfirma das komplette Personal aus dem Seniorenstift entführt oder müssen sie schon langsam mit dem Exhumieren anfangen? Man hat ja direkt Angst, bei denen aus Versehen auf die Schnellvorlauftaste zu kommen, weil den Alten dabei frei flottierende Kalkpartikel die Arterien zerfetzen könnten. À propos Kalk, reicht da eigentlich Gebissreiniger intravenös oder sollte man nicht besser gleich den Geschirrspülmaschinenmann fragen, wie man das Zeugs für die Heizstäbe in die Druckinfusion reinkriegt?

Und wer denkt sich so etwas aus? Kontrollieren die Grauen Panther inzwischen die Pillenausgabe im Rundfunkrat? Ist das von irgendwelchen kirchennahen Redakteuren als Prophylaxe gegen Todesangst gedacht? Am Ostersonntag lässt man sich’s noch gefallen, von wegen Auferstehung des Fleisches. Aber bitte nicht mittwochs im Vorabendprogramm, wenn ich hinterher noch etwas essen will. Oder sitzen da die großen Medienmogule, die leitenden Reichen, und würfeln im Vollsuff aus, welche reitenden Leichen bei Silverado reloaded über die Prärie müssen?

Für welche Zielgruppe wird das überhaupt produziert? Habe ich schon wieder den Megatrend verpasst? Hocken da draußen Gichtgestalten im Rheumatikerstadl und lassen sich vom Zivi Grablaternen zum Wedeln anreichen, wenn die Kessler-Zwillingen alle ihre beiden größten Hits vorturnen? Meine Eltern schauen sich das jedenfalls nicht an. Die besuchen aber auch kein Senioren-Café, weil ihnen das ganze Dörrgemüse da so unsäglich auf den Sack geht.

Ich will auch gar nicht wissen, was da noch alles kommt. Madonna in Stützstrümpfen. Udo Jürgens wird von der aktuellen Freundin (Jahrgang 2011) am Gehwagen auf die Bühne eskortiert. Uschi Glas moderiert die Falte-des-Jahres-Gala und kürt das subtilste Lifting. Was stellen sie eigentlich in sechzig Jahren mit Johannes Heesters an? Fällt es auf, wenn er zwischendurch abnippelt? Oder plastinieren sie den zwischen zwei Gottschalk-Folgen?

Vermutlich ist das alles nur abgefeimte Guerilla-Taktik. Die Sender messen, was man dem Volk noch ungestraft vorsetzen kann, und die Bundesregierung korrigiert an den Einschaltquoten ihre Zumutbarkeitsregelungen nach oben. Sollte jedenfalls irgendeiner vorhaben, mich bei nächster sich bietender Gelegenheit in ein Pflegeheim einzuliefern, wo ganztägig Ted Herold live 2023 in Bad Salzdetfurth aus der Hausbeschallungsanlage quillt, dann verspreche ich, dass einer von uns beiden wenige Tage später unter großer Anteilnahme zur letzten Ruhe gebettet wird. Und ich bin es nicht.