Sport ist Selbstmord

5 02 2009

Ein ganz normaler Werktag. Ich fuhr den Rechner hoch, checkte kurz das Verhältnis von Viagra-Werbung zu den Drohungen, dass ich diese Woche nicht überleben würde, wenn ich ein bestimmtes Dingsda nicht weiterleite (es handelte sich diesmal überraschenderweise nicht um den farbenblinden Rashid ohne Füße, Ohren und Nasenlöcher, sondern um ein neunfingriges Kind aus Murmansk, das nur mit einem chirurgischen Eingriff eine erfolgreiche Laufbahn als Konzertpianist würde einschlagen können) und klickte die wenigen Mails an, die mich interessierten. Und ihnen befand sich eine persönliche Einladung meines PR-Beraters. Ich befände mich auf der Gästeliste einer Messe.

Eine Trendsport-Messe. Air-Surfing, Body-Flying, Snake-Boarding, Brain-Washing. Was habe ich mit Trendsport am Hut? Bin ich oben herum schon derart abgeflacht, dass ich mir Subjektivität aus der Tüte aufbacke? Vermutlich ist in diesem Land noch der letzte Rest Fun-Gesellschaft derart vom Leistungsdenken infiziert, dass man sich um die Wette und auf Zeit selbst verwirklichen muss – wer als erstes die perfekte Bruchlandung im Nirwana hinlegt, hat gewonnen und darf eine Inkarnation lang aussetzen. Dabei weiß man doch vom Schulabschluss an aufwärts, dass das Juvenal-Wort im Vollzitat orandum est, ut sit mens sana in corpore sano heißt, neudeutsch: Muskelmasse nutzt erst mit Großhirn etwas. Die Verschiebung ins Seichte verdanken wir Teutonen wohl unseren Turnvätern.

Nun sind Trends im Prinzip limitiert – früher oder später überlebt sich das von selbst – und damit ein klarer Beweis dafür, dass man als Imitator selbst ein bisschen limitiert sein muss, vulgo: beschränkt zu sein macht die Sache gleich einfacher. So ist das Zelebrieren von Trendsport längst wichtiger als der Sport selbst. Laufschuhe und Pulsmesser kaufen, nach Feierabend eine Runde durch den Wald joggen und zu Hause ein paar Dehnübungen nachlegen? Geschenkt. Aber gemeinsam am Wochenende erleben, wie Heinz, die dümmste Pocke aus der Registratur, beim House-Running aufs Pflaster klatscht, das ist cool. Sport ohne Sport. Gut, die Loveparade kommt auch komplett ohne Musik aus, produziert jede Menge Müll und ist trotzdem konsumtechnisch wichtig für die Befindlichkeit der Nation. Aber was ist damit bewiesen? Dass die junge Generation sich wieder gerne in Gottes freier Natur tummelt?

Der Trend, sinnfrei durch die Gegend zu hampeln und dabei möglichst beknackt auszusehen, macht längst nicht mehr halt vor Senioren. Oder was bitte soll das darstellen, wenn Rudel von Rentenempfängern in grellbunter Polyethylenpelle durch Mischwälder wackeln und dabei keuchend Kuchenrezepte austauschen? Nordic Talking? Dann schon lieber Nachtgolfen. Sollen sie ruhig weiter mit Blendlaternen am Helm auf dem Green herumkrabbeln und neongelbe Bälle in den Bunker dreschen. So kann ich wenigstens bei Tag in Ruhe an meinem Handicap arbeiten.

Man sollte überhaupt mehr Thermoplaste zur Produktion von Weltraumfahrstühlen einsetzen. Anders kriegt man diese ganzen Zappelphilippe gar nicht mehr aus dem Sichtfeld. Man traut sich ja kaum noch in den Stadtpark, wo Damen im Benjamin-Blümchen-Format aussichtslos vor sich selbst wegskaten. Ich verlasse das Haus schon lange nicht mehr ohne eine dieser formschönen Tütchen mit Kranich-Aufdruck. Nicht auszudenken, wie das städtische Grün ohne die Unterstützung meiner Airline aussähe.

Und wo wir gerade beim Mageninhalt sind, neben der Stilisierung als Gegenpol zum links-intellektuellen Milieu ist doch vor allem die Neigung zum Tiefen- und Drehschwindel der Kick-Faktor für trendsportive Lemminge. Mehr Speed, mehr Thrill, mehr Leben. Das sozial verordnete Tempo wird entvirtualisiert, wir gehen auf im diktierten Druckpuls: wenn es nicht Liebe ist, wird es die Bombe sein. Warum werfen die Idioten nicht gleich Speed ein? Dann ginge es noch ein Eckchen schneller, bis das Innenohr abschaltet.

Doch wo sind Alternativen? Man kann ja nicht gleich alle Profilneurotiker in die Politik schicken. Aufblasbare Inseln im Ozean, auf denen die Irren ungestört im Kreis radeln können? Das Zauberwort ist Ordalisierung. Die Ziellinie als Gottesurteil. Wer sich auf Rollschuhen an einen Rennwagen hängt oder über dem Matterhorn ans Mountainbike gefesselt aus dem Helikopter kippt, fordert sein Schicksal heraus: entweder den Rekord brechen oder das Genick. Eine der großen Kulturleistungen, wie Suizid sich zur olympischen Disziplin entwickelt. Sport ist Mord – Selbstmord wird Sport.

Und das gibt mir das sichere Gefühl, dass sich diese Sache früher oder später auf Darwins Art erledigen wird. Die Elite der Extrem-Biker, Extrem-Jumper und sonstiger Extrem-Torfschädel wird nach und nach gemütlich gegen Felswände prallen, sich gezielt die Birne zermatschen, notfalls alle vorrätigen Bandscheiben wegschmirgeln und nicht mehr die Öffentlichkeit belästigen. Hyperaktivität wird wieder eine normale Zivilisationskrankheit sein, die man Kindern austreibt, und mit einer psychiatrisch anerkannten Vollmeise kann man wieder Karriere als Neonazi machen.

Falls Sie fragen sollten, ich bin bei der Trendsport-Messe. Mit einem eigenen Stand übrigens. Angesagt, exklusiv und nur für Kenner. Oder sagen Sie bloß, Sie hätten noch nie etwas von Kunstrasenmähen gehört?