Quatsch mit Sauce

6 02 2009

So oft isst man ja nicht auf Firmenkosten, aber wenn mich Miehlke von der Agentur Partner Partner Friends & Partner einlädt, kann ich nicht ablehnen. Vorausgesetzt, ich habe die Wahl der Örtlichkeit. Und so musste ich mich diesmal wohl oder übel beugen, als Miehlke einen neuen Fresstempel in der Nobel-Preisklasse vorschlug. Mir schwante Schlimmes. Und wahrlich, es sollte noch schlimmer kommen.

Miehlke und ich, wir saßen vor dem Menü und suchten nach Präpositionen, um das Grauen anschaulich zu beschreiben. Ein Potpourri der Scheußlichkeiten im Dialog mit schlechtem Geschmack, hochgequirlt zu einem Crescendo von semantischem Vakuum an blassem Wasserdampf.

Eine schlechte Speisekarte ist wie der Gang zur Wahlurne. Vorher klingt noch alles vollmundig und grandios. Güldene Landschaften, blühende Berge werden dem Gast versprochen. Hinterher will’s dann keiner gewesen sein. Traurig weinen welke Strünke vom Teller, der Koch aber sagt: Wahl-Versprechen? Ich habe mich nicht versprochen. Da haben sich bloß alle verhört.

Weil wir die Speisekarte nicht verstehen. Diese Auslage zu lesen ist eine Kunstform für sich und hat mit der deutschen Sprache nur noch ganz am Tellerrand zu tun. Es klingt wie Eischnee, besteht zum überwiegenden Teil aus heißer Luft und sackt in sich zusammen, wenn man den Löffel falsch ansetzt. Der Gast ist der Dumme, und ein jüngstes Gericht folgt dem anderen.

So auch hier. Der Oberstkellner, ein schlecht gekämmter Haltungsschaden in Schürze mit einem Quartalslohn, der unserer Zeche knapp entsprach, empfahl uns arrogant die Tranche vom US-Filet mit Essiggemüse und Kartoffel-Baumkuchen. Wie ungünstig, nebenan wurde just eine dünne Scheibe toter Kuh mit Kürbiswürfeln und einem Klecks Püree aufgetischt. Wir dankten. Was nun der Menü-Majestät weder Umstand noch Beine machte: der Kunde ist König, aber regieren tut der Domestik.

Nichts gegen die gehobene Gastronomie. Nichts gegen den Kellner, der bei der Bestellung ganz unbeteiligt in die Gegend blickt und leise sagt: „Wir hätten da einen Zander auf der Karte. Allerdings erst morgen.“ Und irgendwie schafft es der Fisch dann auch auf den Tisch. Was an den Nerven sägt, ist dies „Dings an…“ und „Bums von…“ bis zum Unerträglichen und weiter. „Dialog von…“ – rhabarbert da der Spargel dem Spinat einen Blumenkohl an die Rübe? Igitt. Ich rede doch auch nicht mit vollem Mund.

Es geht damit los, dass man einfachste Zutaten bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ein klarer Verstoß gegen Vermummungs- und Verdummungsverbot. Die Bratkartoffeln sind inzwischen durch die Bank Pommes risolées und jedwede Bohne heißt Kenia mit Vornamen. Den Unterschied zwischen Karotte ist Möhre längst erfolgreich verdrängt. Alles Quatsch mit dünner Sauce.

Da wird tomatisiert und rosmariniert, was der Pfefferstreuer hergibt (der ganz nebenbei auf den Sondermüll gehört oder noch besser gleich in die Umlaufbahn). Maggi am Salat? Nennen Sie’s halt Imaginationen von Grünzeug. Welche Tricks lassen sich Kindertellerhersteller für ihre unverbrüchlichen Schnitzel mit Erbsen und Wurzeln noch einfallen? Jungmastsauenschnitte mit grünem Hülsengemüse und blanchierten Wilddoldensprossen an tomatisiertem Invertzuckersirup?

Dieses elende Kleinklein, um groß zu tun. Kostproben gefällig? Marinierte Kohlrabistreifen (drei Kinderdaumen unter Béarnaise, und wer weiß, was eine Marinade ist und tut und soll, legt kein Gemüse hinein), frische Feigen (wer das betont, hat auch sonst genug zu verbergen), Wildlachsdukaten (wir schneiden das klein, damit wir nicht am Gehalt sparen müssen), hausgemachtes Dressing (der Rest kommt aus der Tüte), doppelte Selleriekraftbrühe (erstens ist die stets auf Knochenbasis, zweitens ist eine Kraftbrühe immer doppelt), Fächer von der Dorade (der Beikoch hat zwar ein Messer, kann die Scheiben aber nicht auf dem Teller anordnen), Wachtelbrüstchen (im Gegensatz zu Truthahnbrüstchen schon im Naturzustand en miniature, wozu noch ein Diminutiv?), Riesenraviolone (hier das umgekehrte Verbrechen, moppelnd gedoppelt), Saisonsalate (die Radieschen kommen nicht aus TK-Land), Fischpralinée (sic, genau jetzt, Maître, rächt es sich, wenn man kein Französisch kann), österreichischer Kaiserschmarrn (ich nehme sonst immer chilenischen), Composition von Nougat, Chocolade und Vanille (bitte als Kontrapunkt im Seitensatz die Reiherfeder nicht vergessen). Geht der Kellner, ist der Gast bedient.

Man sollte zurückschlagen. Man sollte den Kellnern antworten in der Sprache, die sie verstehen. Wenn sie nicht verstehen, dürfen sie ruhig nachfragen. Wir sind da nicht so. Dialog von Seelachsmatsch und Paniermehl im Altfettbratbett? Hieß früher mal Fischfrikadelle. Variationen von Jagdwurst diverser Alterungsstufen an Sauce de Mahón mit Vinaigrette-Gurkoiden und Zwiebel-Haschee? Bitte um Fleischsalat. Man will ja der Küchenhilfe an und für sich nichts Böses, aber wer diese Speisekarten schreibt, hat den Intellekt einer Tüte Paniermehl, pardon: händisch Rindengebröseltem von der hausgemachten Weizenbackwarenkrume.

Beim nächsten Mal werde ich die Karte mit einem Knall zuklappen und sagen: „Bitte ein Schnitzel, und nageln Sie’s dem Koch ans Bein.“


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15 responses

6 02 2009
simetra

diesen beitrag unterschreibe ich sofort!

habe eine vergleichbare erfahrung im dezember in einem düsseldorfer schickimicki lokal machen dürfen. uaaah!
vorspeise „gänsetee“ = fleischbrühe von der gans, in der drei klößchen rumdümpelten
hauptspeise = „dreierlei vom schwarzfederhuhn auf orangenrisotto mit karamellisiertem chicoree“. klingt toll, aber das ergebnis war ernüchtern: drei hühnerfitzelchen auf einem kleks risotto; den chicoree konnte man darin nur erahnen.

der abend war insofern ein erlebnis, weil so sämtliche klischees bestätigt wurden, die man über so nobeltempel im kopf hatte.

6 02 2009
Felix

Und was das schlimmste ist: satt wird man von diesem Gourmetessen auch nicht. Für das Geld, dass man in so einem Nobeltempel lässt, kann man sich zwei Wochen den Bauch vollschlagen… und das ist die größte Sauerei dabei.

6 02 2009
bee

Ich bin ja schon lange der Meinung, diese ganze Erlebnisgastronomie mit Oben-ohne-Kellnerinnen auf Stelzen, exotischem Getier im Obstkorb und Zimmerfeuerwerk zum Nachtisch hat nur den Zweck, davon abzulenken, dass der Laden sich keinen ordentlichen Koch leisten kann.

Vermutlich dauert es auch nicht mehr lange, dann beschwert sich ein Fresstempelherr, dass das alles völlig übertrieben sei. Dabei habe ich diesen ganzen Krempel einfach nur 1:1 von den letzten Silvesterspeisekarten genommen. Alles original. Sogar diese lächerliche US-Tranche 8)

6 02 2009
Ivy

Als leidenschaftliche ehemalige Patissier muss ich ehrlich zugeben, dass meine Kreationen – die natürlich absolut aufsehend erregend waren – durchaus eigenwillige, wenn auch dem klassischen Küchenduktus unterworfene Bezeichnungen trugen…

Als ehemaliger schlechtfrisierter Haltungsschaden in der gehobenen Gastronmie kann ich verraten, dass diejenigen, die glauben gutes Essen müsse absonderlich klingen, wirren Zusammenstellungen folgen und vor allem auch so teuer sein, das es weh tut, genau das verdient haben, was sie bekommen

Die Menschen wollen betrogen werden… nur für die Klugen unter ihnen muss man sich mehr ins Zeug legen 😉

6 02 2009
bee

Mir würde es ja schon reichen, wenn man kein Philosophiestudium mehr bräuchte, um den Unterschied zwischen „Maggi an Salat“ und „Dialog von Salat und Maggi“ zu kapieren, bevor der Teller vor einem steht. Man wird so anspruchslos mit den Jahren.

6 02 2009
Tröte

Oh ja. Es war Anfang Dezember, als die Scheffen zur Weihnachtsfeier luden (wann auch sonst?). Es ging in ein neues Nobellokal, dessen Koch „Sterne“ hätte, lies der Oberchef stolz verlauten. Ich war eine der Dummen, die vorher Dienst hatten und direkt nach der Arbeit auf die Weihnachtsfeier latschten. Die Vorspeise war Wachtelkotelett. Wachtelkotelett. Dazu gab’s eine Gabel voll kaltem Rotkohl (direkt aus der Dose und die wiederum direkt aus dem Kühlraum) und ein Kuchengäbelchen Pommes irgendwas, was sich als Kartoffelbrei herausstellte, der verdächtig nach Tüte aussah und auch so schmeckte. So ging das weiter. Den Seeteufel an einem Dialog von irgendwas musste man mit der Lupe unter dem Dialog suchen, das anschließende Stück Rindfleisch (ungefähr halb handtellergroß, und ich habe wirklich kleine Hände) mit Klecks Soße und Babyportion Mischgemüse wurde auf einem Teller serviert, der so groß war, dass er bei mir zuhause als Servierplatte für 40 Paar Wiener Würstchen gedient hätte. Oder für einen ausgewachsenen Hecht mit Kopf und Schwanz – was der Lächerlichkeit der Portionsgröße dann wirklich die Krone aufsetzte.

Nach drei Stunden und vier Gängen überlegten wir an unserem Tisch halblaut, wer mal eben schnell zu Mäcces oder dem Burgerkönig fährt und was zu essen besorgt. Für dieses Jahr steht fest: Wer vor der Weihnachtsfeier Dienst hat und dadurch wirklich hungrig ist, der sollte lieber ’ne halbe Stunde zu spät erscheinen. Aber dafür vorher noch was essen gehen.

6 02 2009
bee

Aber das dient doch alles der Volksgesundheit! Gemüse und Salat und Fisch und Fleisch und Eier und Obst und Wasser und Getreide und Geflügel und Napfkuchen sind doch heutzutage derart verstrahlt, verseucht, verdorben, dass man sie nur noch in klitzekleinen Portionen essen darf!

Ich meinerseits komme eben von einem kalten Büfett (rein beruflich natürlich) und habe immer nur ganz kleine Portionen genommen. Stundenlang. Ich glaube, das war gesund 😉

6 02 2009
Schildmaid

Ich war noch nie bei den Noblessen essen. Meine gesunden Vorurteile hielten mich immer davon ab.
Und nun sehe ich sie hier alle bestätigt. Danke. 😀

6 02 2009
bee

Och, es gibt ja auch genug Restaurants, die man nicht besucht, um gesehen zu werden. Da isst man nicht nur gut, man wird auch nicht dabei gesehen 😉

6 02 2009
Felix

Wenn man das nächste Mal gezwungenermaßen in so einen Gourmettempel essen gehen muss, sollte man den „schlechtfrisierten Haltungsschaden“ vielleicht fragen, wer denn die Kinderportionen bestellt hätte.

6 02 2009
bee

Ich fürchte, das kapiert er nicht. Bei „Kinderportion“ denkt er automatisch an Schnitzel mit Erbsen, Möhren und Pommes.

Noch so ein Thema, über das ich mal Gift spritzen müsste.

6 02 2009
Björn Bornhöft

Wie singt Reinhard Mey doch gleich so überaus treffend? Ah ja: „Mit dem letzten Wechselgeld / Hab‘ ich mich bei der nächsten Bratwurstbude angestellt.“

6 02 2009
bee

Und da gab es dann hoffentlich eine ehrliche Currywurst.

Willkommen an Bord, Kollega 😀

6 02 2009
Suffsöckchen

Gehste inne Stadt / watt macht dich da satt … 😉

6 02 2009
bee

Auffe Hose… auffe Jacke… 🙄

Tante Edit sagt: Fast vergessen, dass der Text aus der Feder des leider viel zu früh von uns gegangenen Diether Krebs stammt.

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