Ohne Titel (Bleistift auf Papier)

9 02 2009

Im Wagen erteilte mir Anne Verhaltensmaßregeln. Am Sekt nur nippen, mit Unbekannten nur Trivialitäten tauschen, und auf gar keinen Fall dürfe ich von den Häppchen essen. Der Käse sei drei Wochen alte Discounterware. Am besten solle ich mich völlig unauffällig verhalten. Was schwierig genug wäre. Wie ich aussähe. Weißer Anzug, weißes Hemd, weiße Schuhe. Alle würden Schwarz tragen, wie es sich gehört. Nur sie müsse mit einem Clown auftauchen. Ich sei peinlich. Sie gewann erst wieder Contenance, als wir die Galerie betraten.

Ach du Schreck. Staatsanwalt Husenkirchen. Der hatte mir jetzt noch gefehlt. Der Mann hat mich in der Hand. Er wusste, dass ich damals gelogen hatte. Als Hildegard sich bewarb, hatte sie die Stelle nur bekommen, weil sie sich als meine Verlobte ausgab. Ich hatte nicht dementiert. Husenkirchens Tochter, die ebenfalls in den Schuldienst wollte, hatte das Nachsehen gehabt. Nur nicht auffallen. Was im weißen Anzug leichter gesagt ist als getan.

Ich stellte mich vor eines der Bilder. Ein leerer Bogen Papier mit einer Knickfalte am Rand und zwei schwarzen Kratzern. Dazu ein Schildchen. Ohne Titel (Bleistift auf Papier). Aha. Wieso Vernissage? War hier auch nur ein Tröpfchen Firnis angetrocknet? Also eine Sache für Blender und Idioten. Bekritzeltes Papier wie aus dem Kindergarten. Nur langweiliger. Was sollte ich hier?

„Sie interessieren sich?“ Mir sackten die Knie ein. Husenkirchen. Ich schwitzte. „Hmnaja, eher für die Arte Povera.“ Der Ankläger lächelte. „Oh, Sie sind Kenner? Ich habe einen frühen Mario Merz.“ Und jetzt? Freiheit oder Tod. „Ich sage ja immer, wenn schon Merzkunst, dann wenigstens Mario.“ Er prustete los. Umständlich fummelte er seine Karte hervor. „Pardon, ich hatte mich gar nicht vorgestellt. Husenkirchen, ich unterstütze das Haus, wenn es meine bescheidenen Mittel erlauben.“

Er hatte mich nicht erkannt. Gut. Spielen wir.

Ich begann vor einigen Gästen – eine dralle Blonde in Kunstfaser, ein Greis im Halbschlaf und ein Jüngling als Salatbeilage – Wissen abzusondern. „Mich erinnert das jetzt an Gustavo Skrabi. Diese Komposition, die im oberen Bilddrittel bewusst kippt – was für eine Parodie auf die Niederländer! Für mich definitiv das Bild heute. Obwohl, unter uns Pastorentöchtern, der Frans Hals, der konnte was.“ Sie nickten eifrig und fanden das auch.

Anne war erstaunt. „Seit wann kennst Du Dich mit Kunst aus? Und wer ist eigentlich Gustavo Skrabi?“ Ich griff zur nächsten Champagnerflöte. „Was weiß ich? Wurde mir noch nicht vorgestellt.“ Während mein Fanclub wuchs, dozierte ich vor mich hin über die wellenförmige Gestalthaftigkeit des Seienden. An und für sich. Und so.

Eine in Prada geklemmte Gattin machte darauf aufmerksam, das sei ja schon lange ihre Meinung. Nur hätte das seit Stassow keiner halb so treffend formuliert wie ich. Während ich mit der rostroten Raspelfrisur weiterschwatzte, höre ich, wie die Galeristin Husenkirchen anzischte: „Wer ist dieser Irre?“ Er flüsterte zurück: „Ich flehe Dich an, sei vorsichtig! Das ist der Kunstkritiker. Wenn wir diesmal nicht im Kulturteil sind, kann ich diese Klitsche endgültig dicht machen.“

So war das also. Rien ne va plus. Meine Regeln.

Schon kam die Hausdame auf uns zu. Lasse ich mich bitten? „Mir ist gerade nach einer ehrlichen Currywurst. Anne? Zwei also.“ Ich reichte ihr den Kelch. Bevor ich mich umdrehte, setzte ich hinzu: „Da hinten ist gerade jemand wichtiger als Sie.“ Und trat ihr wie unabsichtlich auf den Fuß.

Der Bedienung, wohl eine Studentin, steckte ich unauffällig einen Schein zu und fragte sie nach halbwegs trinkbarem Bordeaux. Ein wissendes Lächeln belohnte mich. Wenigstens ein liebes Gesicht an diesem Abend. Dann nahm ich einen Stapelstuhl und stellte ihn in eine Ecke.

Einen Vortrag über Pipilotti Rist und zweimal Currywurst später fühlte ich einen Drang nach Bewegung. Im Eck begann ich mit dem Gesicht zur Wand zu tanzen. Imaginäre Musik durchrauschte mich. Möglicherweise waren vier Gläser Wein auch etwas viel. So durchquerte ich den Raum in der Diagonale, tupfte mir den Schweiß ab und schmiss das Papiertaschentuch auf den Stuhl.

Anne hatte davon nichts bemerkt. Husenkirchen hetzte ihr Bänker und Baulöwen auf den Hals, die sie unter Komplimenten begruben. Wie individuell sie im schwarzen Kleid unter all den Schwarzkitteln doch aussah. Die Galeristin war, die Studentin steckte mir das, derweil mit einem Kreislaufkollaps beschäftigt. Der Maler sei nicht erschienen. Versteht sich, da droht die eine oder andere Komplikation. Unterdessen hatte sich eine kleine Schar in der Zimmerecke postiert und fotografierte das Ensemble Stapelstuhl mit Papiertaschentuch. Zeit zum Aufbruch. Sonst würden sie gleich den Boden in der anderen Ecke küssen. Wie vulgär.

Anne redete während des Heimwegs kein einziges Wort mit mir. Ich nahm mir vor, bei der nächsten Vernissage zwei Portionen Filetgulasch zu ordern. Mit handgeschabten Butterspätzle.

Anderntags schlug ich das Feuilleton auf. Nichts fehlte. Nicht Gustavo Skrabi und nicht die wellenförmige Gestalthaftigkeit des Seienden. Der in Blütenweiß gekleidete Künstler, schrieb der Rezensent, habe den Abend mit einer Performance bereichert, die das Auf-der-Stelle-Treten der Kunstszene visualisierte. Ich klappte das Blatt zu. Husenkirchen ist gerettet. Vorausgesetzt, er hält die Füße still.