Ein Puppenheim

12 02 2009

Jedes Mädchen hat diese Phase. Im Grunde ist an Barbie-Puppen ja nichts Schlimmes. Sie sehen auch entzückend aus. Da lernen unsere kleinen Lieblinge fürs Leben. Wie man sich schön runterhungert. Dass man ohne Stadthaus und Cabrio nichts taugt. Und dass bei den Frauen die Birne vornehmlich zum Frisieren da ist.

Millionen von Mädchen sind mit diesen Klonen aufgewachsen. Haben sie in rauschende Balltoilette gesteckt, sind mit dem Campingwagen über die Laminat-Prärie geheizt und haben mit Ken erste erotische Fantasien im elektrisch betriebenen Vollbad durchgespielt. Dann kam Shelly, Ken wurde schwul, brannte mit Action Man durch und ließ Barbie als allein erziehende Plastemutti im Diamantschloss zurück. So spielt das Leben.

Also eine Barbie für Annes Nichte. Unschlüssig stand ich vor dem Regal. Da fiel mein Blick auf das Spitzenmodell. Dieser sauer verkniffene Mund. Das struppige Haar. Die duckend nach oben gezogenen Schultern. Das billige Polyesterkostüm. Ich konnte es nicht fassen. „In der Tat“, lächelte der Verkäufer, „sie haben Angela Merkel täuschend ähnlich hingekriegt.“

Doch was spielt man mit dem Ding? Bügeln im Kanzleramt? Zu Pferd in die Uckermark? Der Verkäufer öffnete die Schachtel und knipste Angela an. Sie konnte sprechen! „Ja, meine Damen und Herren, das ist es doch, wonach wir suchen und streben – nach dem Miteinander unter den Völkern. Das war und ist doch auch das große Ziel der europäischen Einigung.“ Ich war hingerissen. Ob Mama für eine Geräuschpuppe nicht doch ausreichte? „Auf keinen Fall“, widersprach er, „sie kann nicht nur ganze Sätze auswendig, sie redet eigentlich ständig. Deshalb auch die Zwei-Gigabyte-Festplatte im Bauch. Da gibt’s lange Spielspaß.“ Ich hätte es mir denken können – sogar hier setzte das Klima-Supergirl auf Nachhaltigkeit.

Das Tollste zeigte er mir, indem er der CDU-Queen den Blondmopp vom Kopf nahm. „Die hat einen USB-Anschluss. Sie können Angie immer mit den neuesten Beispielen aus dem Internet füttern.“ Die Kanzlerin lag in meiner Hand. „Die Loyalität gehört dann dem deutschen Staat. Deshalb glaube ich, dass wir über das Integrationsverständnis schon auch mit dem türkischen Ministerpräsidenten noch weiter diskutieren müssen.“ Ich zuckte zusammen. Sofort bemühte sich der Verkäufer um Schadensbegrenzung. „Sie können das einstellen, schauen Sie mal.“ Er lüpfte den Hosenanzug und drückte auf einen Schalter am Rückgrat. „P für Parteipolitik, W für Wahlkampf, das Luxusmodell hat G für Grundsatzreden.“ „Was bedeutet S?“ „Sabbeln. Also die typische Sprachblase, wenn das Protokoll 45 Minuten Rederei vorsieht. Europa-Parlament und so Sachen halt.“

„Für mich, die ich mich als Christin zu den christlichen Grundlagen Europas ausdrücklich bekenne…“ War das jetzt Grundsatz oder schon Gewäsch? Oder Wahlkampf? Die Puppe verwirrte mich. „Meine Damen und Herren, mein ganzes Leben habe ich in Europa verbracht. In der Europäischen Union aber bin ich noch eine Jugendliche. Denn aufgewachsen bin ich in der ehemaligen DDR.“ Nein, kein Wahlkampf. Das war der Phrasenmodus. Zufrieden stellte ich Kohls Mädel auf den Ladentisch. Ob es da Zubehör gäbe?

„Na klar, der komplette Zimt. Wenn Sie mal die Hosenanzug-Kollektion sehen möchten? Oder dieses hübsche Sonntagsrednerpult.“ Sie war wieder angesprungen. „Ich meine, die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Die Freiheit ermöglicht unsere Vielfalt.“ „Lassen Sie sich nicht irritieren“, beruhigte er mich, „sie redet immer dazwischen.“ „Es ist die Toleranz. Europas Seele ist die Toleranz. Europa ist der Kontinent der Toleranz.“ „Sie hakt manchmal. Keine Sorge, das haben wir gleich.“ Und er klopfte Angela einmal unsanft auf den Hinterkopf. „Bitte um Entschuldigung. Das Modell ist noch recht neu, da können schon mal kleine Fehler passieren.“ Er drückte sie in Laberstellung zurück. Und sie funktionierte wieder. „Voneinander lernen führt zu neuer Erkenntnis. Heute sagen wir dazu Innovation.“

„Ich glaube, ich nehme erst mal nur die Puppe“, entschied ich mich, „einen Hosenanzug kann man ja zu Ostern immer noch nachkaufen, oder?“ Er gab mir Recht. „Natürlich. Das Zeug ist derart hässlich, das kommt nie aus der Mode.“ Und schon quakte sie wieder los. „Gleichzeitig dürfen wir dabei natürlich nicht die Fragen der Medien, der Bürgergesellschaft oder die Konflikte…“ „Darf ich sie Ihnen gleich als Geschenk verpacken? Sie werden sehen, die Kleine wird sich freuen!“ Ein letztes Mal meldete sich Angie, als mich der Verkäufer nach meiner Kundenkarte fragte. „Zu viel Bürokratie raubt Freiheit.“ Und selbst in der Schachtel hielt sie nicht die Klappe. „Deshalb, denke ich, sind wir hier noch nicht am Ende der Diskussion.“

Der Verkäufer reichte mir die Tüte. „Und Ihr Kundengutschein, bitte sehr!“ Ich stutzte. „Welcher Kundengutschein?“ „Als Käufer der Erstauflage schenkt Ihnen unser Haus einen Kundengutschein. Wenn Sie innerhalb der nächsten vier Wochen zwei weitere Teile aus unserem Angela-Sortiment kaufen, erhalten Sie 50% Rabatt auf die nächste Figur.“ Noch war ich unschlüssig. Doch er ließ nicht locker. „Nächste Woche kommt der Neue. Action Frank-Walter. Der kann richtig auf den Tisch hauen!“


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4 responses

12 02 2009
Felix

Man sollte sich bei Frau Merkel mal in eine Pressekonferenz setzen und Bullshit-Bingo spielen…

12 02 2009
bee

Und wer gewinnt, darf der Kanzlöse den USB-Stecker rausziehen 8)

12 02 2009
Schildmaid

Gibt es dann auch bald den Action-Waltz? Die Frisur muss ja sitzen, ne?

12 02 2009
bee

Immerhin gibt’s für die Plastekanzlöse ja schon die passenden Bündnispartner. Sarkozy als Knuddel-Monchichi fehlt noch. Staatstragende Frisetten kommen aber bestimmt in der nächsten Koalitionsausgabe.

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