Bananenrepublik Deutschland

25 02 2009

Ob nun Steinmeier oder Merkel auf die Idee gekommen war, wusste hinterher keiner mehr so richtig, fest stand jedoch: die Bundesregierung beschloss eine Wiedervereinigung. Mit Panama.

Denn was macht man, wenn die Außenpolitik auf der Stelle tritt und die Wirtschaft so richtig in den Abgrund taumelt. Wenn die Minister Mist bauen und das Volk wahlmüde, politikverdrossen und autoritätsunhörig wird. Da haut man mal eben fix so eine ordentliche Wiedervereinigung raus. Das hebt die Stimmung. Das ist besser als eine Fußball-WM im eigenen Land, Weihnachten und Sex. Auch für Katholiken, die nur zu Weihnachten Fußball sehen und nicht wissen, was Sex genau ist.

Die Bananen Republik Deutschland stand auf der Agenda. Weil es sich um Panama handelte. Denn damit legte die Bundesregierung ein Überraschungsei ins geopolitische Nest, wie es noch keins je gegeben hatte. Kolonien wurde im Zeitalter der Globalisierung wieder hoffähig – die Salutschüsse der Industrienationen ordneten die Geschichte der Plattentektonik neu. Dann wurde Deutschland zum ersten Mal in der neueren Wirtschaftsgeschichte autark und musste für seine Ölvorkommen keine langwierigen Angriffskriege mehr vorbereiten. Und es erfüllte sich der Traum aller wirklichen Patrioten. Es gab Hoffnung auf Bananen. Deutsche Bananen.

Die Christdemokraten stritten noch um Zusammen- oder Getrenntschreibung; Bundespräsident Köhler entschied, da es sich ja um eine Wiedervereinigung handelte, für den Völker verbindenden Trennstrich.

Natürlich feierte der Einzelhandel ein neues Zeitalter, und natürlich meinten die multinationalen Fruchtkonzerne, die Verantwortliche in die Zange nehmen zu müssen. Ein Stück Krummobst weniger im Monopol, und Merkel würde zermatscht wie eine Kiste überreifer Importware. Die eiserne Kanzlerin blieb, wie sie war: kompromisslos.

Natürlich hatte die Regierung sich mit der Opposition in den Haaren. Natürlich forderte die Bundestagsfraktion der Bündnisgrünen in einer Resolution, dass ausschließlich Bananen aus ökologischem Anbau ins Stammland verschifft würden – von Warnstreiks mal ganz abgesehen. Schon stiftete der Berufsverband Deutscher Südfruchterzeuger massiven Unfrieden, um sich gegen die Knebelverträge von Bahn und Post durchzusetzen, die mit ihrer neu gegründeten Transportgesellschaft ein hübsches Milliardenloch erzeugten. Der Bundestag segnete das als nationale Anstrengung natürlich ab und beschloss eine Abwrackprämie für mittelständische Unternehmen. Die Kanzlerin versprach ihrem Volk blühende Bananenfelder. Jubel scholl durch deutsche Gaue. Von Hessen bis Herrera.

Die Front Deutscher Äpfel ließ es sich nicht nehmen, auf einer Großkundgebung in Leipzig ihre entschiedene Ablehnung gegenüber dem Fremdobst zu unterstreichen. Bananen, so die Damen und Herren in frisch-fruchtigem Schwarz, seien auch in deutscher Produktion nicht für das deutsche Volk geeignet. Dem Gravensteiner vom deutschen Baum auf deutscher Scholle sei das Multikulti-Tuttifrutti nicht gewachsen. Panama ja – aber nicht die gelbe Gefahr! Und das wirkte. Von der NPD sprach keine Sau mehr. Mit ihr schon gleich gar nicht. Das allein war schon Gewinn für das Volk der Deutschen.

In den Beitrittsgebieten der ersten Wiedervereinigung tat sich nicht viel. Zwischen Rügen und Zwickau hatte sich das neudeutsche Volk einfach nie an die Schlauchbeeren gewöhnt. Erst tat der real existierende Sozialismus seins, um die flächendeckende Ausbreitung der Zonengurke scheitern zu lassen, dann verhinderte der Aufschwung die Kalzium-Überversorgung ganzer Landstriche.

Die Importeure ließen nicht locker. In den Fußgängerzonen verteilten sie Aufkleber und Anstecker mit dem Slogan Keine Macht dem Bogen. Rhabarber und Porree wurden zum neuen Nationalsymbol, die deutsche Geradlinigkeit ins Metaphysische zu heben. Der neue Wirtschaftsminister war verzweifelt. Merkel und Müntefering, Steinbrück und Seehofers Bauern machten ihm zu schaffen. Vier gegen Willi. Würde er mit der Banane die Biege machen müssen?

Nur die FDP nutzte die Gunst der Stunde. Sie machte den Bananen-Split in Gelb und Braun, mit neoliberalem und neokonservativem Flügel, dazwischen kein Rumpf für Höhenflüge. Sie wirkte trotzdem leicht abgehoben.

Mitten in der Diskussion meldete sich Panama. Man hatte doch glatt vergessen, seine mittelamerikanischen Bündnispartner zu fragen, ob ein Anschluss derzeit auf die innenpolitische Tagesordnung passe.

Die Nation spaltete sich selbsttätig. Hoffnung und Desolation breiteten sich aus. Den einen gefiel es, Hartz-IV-Empfänger als Bananenpflücker zur Zwangsarbeit in die Plantagen zu jagen, die anderen mokierten sich, dass man den Sozialschmarotzern, die schließlich auf Kosten der Allgemeinheit um die halbe Welt reisen dürften, noch Essensgutscheine gäbe. Schließlich stünden sie täglich achtzehn Stunden im Paradies, die Futteralfrucht in vollem Wuchs vor Augen.

Die Nation spaltete sich. Es war nun kein Bürgerkrieg, aber das Volk hatte sich in den Haaren. Lager drosch auf Lager ein. Eine vernünftige Debatte war schon lange nicht mehr zu führen.

Es war eine Wiedervereinigung, wie sie im Buche steht.


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6 responses

25 02 2009
+.

Mitte 2007 ergab die Google-Suche „Schwarz-Rot-Banane“ noch 0 Treffer, heute sind es bereits fast 26.000. Die Geschichte holt uns ein.

25 02 2009
weltdeswissens

Ich bin ein großer Freund der FdÄ. Aber eine Republik, die von oben bis unten nach Bananen riecht, hat auch was.

25 02 2009
bee

Doch, ja. Wer sich heute in Politik und Wirtschaft umschaut, findet allerdings meist nur Pflaumen.

25 02 2009
weltdeswissens

Da Tomaten ja auch Obst sind, könnte man die Pflaumen doch gut damit bewerfen…

25 02 2009
bee

Warum nicht? Wenn man immer schön auf den Kürbis zielt…

25 02 2009
weltdeswissens

Immer frisch und fruchtig voll auf die Zwölf, jawoll!

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