In vitro veritas

20 03 2009

Pappeln säumten den Weg. Die Sonne strahlte in den blauen Frühlingshimmel. Die endlose Chaussee entlang fuhr ich zwischen Korn- und Rapsfeldern, lange schon lag Bicklingen hinter mir, der Boden wurde lehmig, da erblickte ich das Gut Sophienhof. Majestätisch hob sich der Schlossbau in die ebene Landschaft. Kies knirschte unter den Rädern, als ich in den von Rosen bestandenen Hof rollte. Monsieur Dupont, der Schlossherr, erwartete mich bereits auf der Freitreppe. Er öffnete mir den Schlag.

„Wie ich mich freue, Sie zu sehen! Wunderbares Wetter haben Sie heute mitgebracht! Und ich verspreche Ihnen, es wird ein sehr interessanter Tag werden!“ Sein Diener Jean nahm mir den Mantel ab. Dupont zischte ihm zu: „Ah! C’con me tape sur les couilles!“ Aber es gibt eben Sonntage, an denen ich so gut wie kein Französisch verstehe.

Nach einem Gang durch den Garten – dort sah ich die Reiterstandbilder Eberhards des Prächtigen und Ludwigs des Begriffsstutzigen – führte mich Dupont in den Spiegelsaal. Jean kredenzte einige Häppchen. Durch die Fenster blickte ich auf den Gemüsegarten. Ich äußerte den Wunsch, mir zuerst einen Überblick über die Weinberge zu verschaffen. Ein mühsam unterdrücktes Prusten von Jean kam dem milden Lächeln des Hausherrn zuvor. „Lieber Freund“, antwortete er mir, „hat man Ihnen denn so gar nichts von meinem Weingut erzählt?“ Ich bedauerte. So begann ein wirklich interessanter Tag.

„Wein“, sagte Dupont, während er mir in den Schutzkittel half und Jean die Plastikhaube für den Kopf anreichte, „ist chemisch nicht sehr viel mehr als Wasser, Alkohol sowie eine wechselnde Anzahl von bestimmten Geschmacks- und Geruchsstoffen. Warum sollten wir uns die Mühe machen, das ganze Zeug aus Trauben herzustellen? Noch dazu mit einer solchen Unsicherheit, weil wir vom Wetter und ähnlichen Dingen abhängig sind?“ Ich begriff erst nicht. Dupont sprach es aus. „Wir stellen den Wein komplett synthetisch her. Bessere Qualität werden Sie auf dem ganzen Markt nicht finden.“

Das halbe Kellergeschoss nahm der Abscheider ein. Eine schäumende Flüssigkeit lief in langen Schläuchen an der Decke entlang. „Wir verwenden nur höchste Qualität. Billiges Bier können wir uns nicht leisten.“ Bier? „Natürlich Bier. Irgendwo muss der Alkohol herkommen. Diese Anlage trennt den Rohstoff in alkoholfreies Bier“ – hier zeigte er auf ein gewaltiges Fallrohr, das im Boden verschwand – „und bierfreien Alkohol.“

Die Räume im ersten Stock beherbergten eine ansehnliche Anzahl von Laboren. „Hier sehen Sie die Produktion von Shikimisäure. Dort drüben ist unsere Polyphenol-Abteilung. Und direkt vor Ihnen ist das Forschungslabor. Wir arbeiten gerade an gewissen Oxidationen, um Alkansäuren zu verestern. Das ist der letzte Pfiff, der den Weingeschmack wirklichkeitsgetreu macht.“ Ob das denn tatsächlich nach Wein schmecke? Dupont öffnete einen der in der Wand eingelassenen Zapfhähne und ließ die goldgelbe Flüssigkeit in ein Glas rinnen. „Zum Wohle! Sie verkosten gerade einen frischen Gewürztraminer, Herstellungsdatum: heute Vormittag.“ Es roch nach Mandel und bitterer Orange, Nelken und Anis. Ein köstlicher Tropfen.

„Bisher haben wir nur Weißweine hergestellt. Sie sind verhältnismäßig einfach. Gut drei Dutzend Aromen werden im Gaschromatographen analysiert und in der richtigen Menge zusammengesetzt. Aber wir experimentieren bereits an den ersten Rotweinen. Die sind chemisch viel komplizierter. Und sie schmecken auch noch ein bisschen kantig.“ Ich nahm ein zweites Glas, um mit meinem Gastgeber anzustoßen, doch er wehrte entschieden ab. „Wissen Sie, ich trinke keinen Alkohol. Um ehrlich zu sein, ich habe nicht die leiseste Ahnung von Wein. Aber müsste ich das auch?“ Pikiert fragte ich ihn, warum er als Chemiker sich nie mit Weinen beschäftigt habe. Wie überrascht war ich, als Dupont hell auflachte. „Ah non! Sie verkennen mich! Ich bin Philosoph. Gerade sitze ich an einem Werk zur Rezeption von Blaise Pascal. Ein Kapitel über Nietzsche ist fertig. Ich zeige es Ihnen gerne.“

Ob ich wollte oder nicht, es beschäftigte mich doch. „Monsieur“, fragte ich ihn, „halten Sie es als Philosoph für ethisch vertretbar, unreinen Wein einzuschenken?“ Er lächelte. „Wenn Sie mir erlauben, Moses Saphir zu zitieren: ‚Der Wein und die Wahrheit sind sich nur insofern ähnlich, als man mit beiden anstößt.‘ In Amerika sind künstliche Weine längst Normalität. Man panscht Chemikalien zu neuen Sorten zusammen oder kontrolliert den Output – keine charakteristischen Jahrgänge, dafür ein stereotyper Einheitsgeschmack, den dieses Volk so schätzt. Auch australische und neuseeländische Weine solcher Machart werden hier gehandelt, die EU hat nichts dagegen einzuwenden. Nur in Ihrem schönen Land werden die Weine noch nach natürlicher Methode hergestellt.“ „Dennoch verstehe ich den Aufwand nicht“, hakte ich nach, „dies Verfahren ist umständlicher und teurer, als Spitzenweine auf die übliche Art zu erzeugen.“ Dupont gab mir Recht. „Es kann also nur Ihr Ziel sein, dekadenten Weinnasen einen überteuerten Chemiecocktail zu verkaufen.“ „Ich sehe“, gab er zur Antwort, „Sie haben es verstanden. In der Tat, ein philosophisches Experiment. Ich bitte um Pardon, wenn ich mich vorhin etwas degoutant ausgedrückt haben sollte. Man ist so oft mit der Dummheit des Pöbels gestraft, der einfach nicht begreifen will, was er doch sieht.“

Jean begleitete uns ins Arbeitszimmer, wo ein Tischchen mit Räucherfisch und Salaten nebst frischem Weißbrot uns erwartete. Das Porträt des Schlossherrn hing über dem Kamin. Unter dem Fenster stand ein geräumiger Käfig, in dem zwei Wiesel sich um ein Stück Hühnerfleisch balgten. Monsieur Dupont öffnete eine Flasche Sophienbräu. „Ich erlaube mir? Meine Hausmarke. Sie müssen schließlich noch fahren.“


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15 responses

20 03 2009
weltdeswissens

Großartig! Ich bin begeistert! Vielen herzlichen Dank!

20 03 2009
weltdeswissens

Die Tags „Wahrheit, Wein, Wiesel“ sind auch zu schön 😀 !

20 03 2009
bee

Psssst… das ist die wirklich wahre und wahrhaftige Erklärung für WWW – Sie hängen jetzt mit drin 😉

21 03 2009
weltdeswissens

Ich kann schweigen 😉

21 03 2009
bee

Gut, darauf stoßen wir mit einem trockenen Riesling an… eine 2009-er Luftige Sophienhöhe mit ganz leichtem Vormöpseln, das aber durch ein ausgeprägtes Nachmöpseln völlig ausgeglichen wird 😀

20 03 2009
Richard Synn

Das liest sich wirklich gut, weil’s eine Stimmung erzeugt. Eine seltsame zwar, aber das soll ja (mit Sicherheit) so sein. Gefällt mir.

20 03 2009
bee

Danke 😀

Nebenbei beruht das alles auf tatsächlichen Experimenten; ich hatte das Thema vor einigen Wochen mal aufgeschnappt und in Erinnerung behalten, und nun wollte ich zusehen, wie sich die Geschichte entwickelt: finstere Weinpanscher in einer Räuberhöhle oder eine kleine, harmlose Causerie? Je öfter ich mich inzwischen übe, richtige Geschichten zu erzählen, desto mehr lerne ich über Dialoge und Stimmungen. Könnte sein, dass die besten Sachen erst noch kommen werden 😉

21 03 2009
weltdeswissens

Sehr zum Wohle, Herr Bee. Auf weitere fruchtbare Zusammenarbeit!

21 03 2009
bee

Fruchtige, Frau WdW, fruchtige! 😉

21 03 2009
weltdeswissens

Nein cremig! (auch lange zurückliegender Werbespotkonsum hinterlässt Spätfolgen)

21 03 2009
bee

Hm. Cremiger Riesling ist mir bisher noch nicht untergekommen. Aber ich werde das mal als Anregung weiterreichen. Es könnte eine Marktlücke sein.

21 03 2009
weltdeswissens

Kleiner Tip: Cremant 😀 !

21 03 2009
bee

Ah ja, stimmt. Ob man dazu ein bisschen Bierhefe abzapft oder die Mixtur gleich mit der Kohlensäure aus der Hopfenkaltschale zum Prickeln bringt? Ich glaube, ich muss demnächst mal wieder auf den Sophienhof 😉

21 03 2009
Silencer

Immerhin kommen Wiesel drin vor 🙂

Ganz ehrlich: Diese „Blende“-Weine, die mit jeder Menge Tricks produziert werden, nerven mich ähnlich wie die derzeitige „Dornfelder“-Manie unserer Landsleute. Hoffentlich ist diese Mode bald vorbei.

21 03 2009
bee

Keine Sorge, bald schlägt der Merlot zurück aus dem Plastikkanister zurück… dank seiner Oktanzahlen auch als Bio-Sprit zu verwenden 😉

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