Die fremde Zivilisation

25 03 2009

„Jetzt komm schon! Immer muss man auf Dich warten!“ Krkl schwang das dritte Bein aus dem Transitator und sprang auf den Boden. Wie ein Gummiball hopste er auf und ab. Dabei gab er helle Quietschlaute von sich. Doch wer sollte sie schon hören, mitten in der Nacht auf dem Parkplatz.

Ungehalten verschränkte Xtrp die Vorderarme. „Hör jetzt auf mit dem Unsinn! Wir sind ja nicht zum Spaß auf diesem Planeten. Außerdem haben wir nur Zeit, bis der Stern wieder leuchtet. Jetzt komm endlich!“ Krkl beruhigte sich. Obwohl er ein bisschen beleidigt war. Man hatte ihn ausgewählt, den Planeten zu erkunden, und jetzt dufte er nicht einmal die Schwerkraft ausprobieren? Sie machten sich noch ein bisschen schmaler und schlüpften unter der Tür durch. Der Supermarkt bekam den ersten außerirdischen Besuch seit seinem Bestehen.

Sie wanderten die Regalfronten entlang. Xtrp schaute auf Marmeladengläser und Knäckebrot. Unterdessen hatte sich Krkl vor der Kondensmilch postiert. „Es scheint zu stimmen, sie haben jede Menge Rohstoffe.“ „Woraus schließt Du das?“ „Ganz einfach“, antwortete Krkl, „sie verpacken ihr Plasma in leichten und schweren, durchsichtigen und undurchsichtigen Behältern. Sie vergeuden ihre Ressourcen.“ Es stimmte also, was man den Erdbewohnern nachsagte: dass sie unvernünftig, verschwenderisch und nachlässig mit ihren Stoffen umgehen. Schon hatte sich Krkl eine Packung mit Milchportionsdöschen gegriffen und die Folie entmaterialisiert. Er wog eine der runden Schalen in der Hand und drückte leicht auf den Deckel. Mit einem Schwall schoss die Milch in die Höhe. „Meine Güte!“ Xtrp wischte sich die Spritzer aus dem Auge. „Was für eine beschränkte Rasse! Sie setzen alles daran, das Plasma möglichst hässlich und unpraktisch zu verpacken, aber die Hülle schützt es gar nicht. Das ist ja katastrophaler, als ich gefürchtet hatte.“ Er griff sein Aufzeichnungsgerät und gab die Nachricht ein: „Technologisch völlig zurückgeblieben. Mangelhafter Umgang mit Rohstoffen.“

Schon waren sie in einer anderen Regalreihe. Es war Sommer, und sie fühlten die Hitze noch in der dunklen Umdrehungszeit. Einladend präsentierte sich ein Kugelgrill. Daneben stand eine Batterie von Grillkohlesäcken – schließlich war dies ein deutscher Supermarkt. Xtrp schnupperte. „Das scheint also ihre Nahrung zu sein.“ Er öffnete einen Sack und schob sich ein Stückchen Kohle in den Schlund. Krkl tat es ihm gleich. Kaum hatten sie nur ein bisschen davon an ihre Gaumenplatten gerieben, schüttelten sie angewidert ihre Zungen aus. „Bäh! Das ist ja scheußlich! Dagegen war ja der infrarote Schleim aus dem Sombreronebel direkt eine Delikatesse!“ Xtrp gab die nächste Nachricht ein: „Ernähren sich von Abfall. Niedriges Kulturniveau.“ Währenddessen beroch Krkl die Grillanzünder. „Auch nicht viel besser. Ich fürchte, ihr hohes Aggressionspotenzial hängt mit ihrer Nahrung zusammen.“ Xtrp zog die Augenbraue hoch. „Warum sollte hier ein Zusammenhang bestehen?“ „Überleg doch mal“, antwortete Krkl, „wenn Du den ganzen Tag dieses ekelhafte Zeug essen müsstest, würdest Du auch durchdrehen.“

Sie litten unter der Hitze. Was kein Wunder war, denn sie fühlten sich eher bei 270 Kelvin wohl. Stöhnend schleppte Xtrp sich über den Boden. Da erblickte Krkl ein großes Reservoir, das kaltes Gas auszuatmen schien. Mit allen Beinen gleichzeitig hüpfte er hinein. Jauchzend wälzte er sich zwischen Fischstäbchen und Spinat. „Hier ist es angenehm, komm rein!“ Xtrp beäugte vorsichtig das Behältnis. „Offenbar ein Sicherungsschrank. Möglich, dass sie einige spezielle Substanzen nur in temperierten Gasgemischen aufbewahren. Allerdings scheint mir diese Sache nicht sehr durchdacht – der Inhalt ist nicht vor mechanischer Belastung geschützt und es gibt nicht einmal eine Sicherungsschranke. Sehr merkwürdig, das Ganze.“ Krkl öffnete eine Tüte Mischgemüse. „Sie sind alle standardisiert geformt. Vielleicht sind es Medikamente?“ Xtrp stöhnte auf. „Das hat uns gerade noch gefehlt. Guck Dir bloß mal die Mengen an. Entweder sind diese Erdlinge alle chronisch krank oder einfach nur ständig am Pillenschmeißen. Völlig degeneriert.“

Endlose Reihen von Flaschen wanderten die beiden entlang. Krkl drehte einige von ihnen auf. „Alles leicht entzündliche Flüssigkeiten. Sagte das Amt nicht, dass sie hier Verbrennungsmotoren und ähnlich antiquierte Technik anwenden?“ „Dann muss es sich um Energieträger handeln.“ Xtrp versuchte die Sorten zu zählen, gab es aber schon nach kurzer Zeit auf. „Das ist doch reiner Unsinn. Schau Dir das an! So viele Sorten Treibstoff! Jede Maschine verlangt eine eigene Zusammensetzung. Wer hat sich denn diese Technik ausgedacht?“ „Lauter niedermolekulare Substanzen“ – hier goss Krkl gerade eine Flasche Weizenkorn auf den Boden – „mit einem sehr schlechten Wirkungsgrad. Selbst antike Verbrennungsmotoren kommen mit den Zeug nicht zurecht. Es verdunstet, bevor man die Maschine auch nur auf Touren kriegt.“ Es war niederschmetternd. Sie hatten mit allem gerechnet, aber das war wirklich eine herbe Enttäuschung.

Da hatte Xtrp einen silbernen Kunststoffklotz entdeckt. Mit zwei Händen hielt er ihn, mit zwei anderen untersuchte er die Steuerelemente. „Sei vorsichtig“, ermahnte ihn Krkl, „möglicherweise ist sie geladen.“ Doch da war es schon zu spät. Xtrp war mit einem seiner sieben Finger versehentlich auf die falsche Taste geraten. Mit voller Lautstärke quoll Hansi Hinterseers Stimme aus dem Kasten. Sie stopften sich alle verfügbaren Hände in die Membranen. Hektisch fummelte Xtrp an dem Kasten, bis er endlich den Drehknopf fand. „Das war aber in allerletzter Sekunde!“ Krkl schlenkerte aufgeregt mit den Armen. „Unglaublich – sie lagern ihre Massenvernichtungswaffen einfach so in einem öffentlichen Depot! Das ist ja unverantwortlich!“ Er konnte sich gar nicht wieder beruhigen.

Verstört trippelten sie zum Ausgang und strebten dem Transitator zu. Krkl fischte mit der vierten Hand ein kleines blaues Zettelchen von der Sichtkuppel. „Was soll das sein?“ „Keine Ahnung“, sagte Xtrp, „wahrscheinlich eine primitive Art der Kontaktaufnahme. Oder wir sind aus Versehen in einer Sicherheitszone gelandet.“ Und er zeigte auf die weißen Striche, die den Parkplatz überzogen.

Sie stiegen in den Transitator und aktivierten die Sensoren. Krkl lauschte dem leisen Sirren des Vibrationsfühlers. Es konnte losgehen. Ein letzter Blick auf das schwach beleuchtete Gebäude, dann drückte er den Taster. „Frzw, wir kommen wieder hoch. Das lohnt nicht. Auf diesem Planeten gibt es keine Spuren von intelligentem Leben.“


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9 responses

25 03 2009
weltdeswissens

Wie wahr! Beneidenswerte Aliens 😀 !

25 03 2009
bee

Ob ich mich jetzt geoutet haben sollte? Vielleicht sitze ich in Wirklichkeit in einer ganz entfernten Galaxie und stopfe mit den beiden anderen Händen die schwarzen Löcher in meinen Socken, während ich hier tippe 😉

25 03 2009
weltdeswissens

Das würde Sie nicht zwingend unsympathischer machen 😀 !

25 03 2009
bee

Hach, ich werde ganz infrarot kariert 😳

Ist so bei unserer Spezies… außerdem juckt dann die Hörmembran ein bisschen und es klingt sehr hochfrequent 😀

26 03 2009
weltdeswissens

Nano, nano!

27 03 2009
bee

Mindy, Sie hier? 😀

29 03 2009
weltdeswissens

Wo sonst 😉 !

28 06 2009
Sci-Fi

Vergiß nicht das Handtuch 😀

28 06 2009
bee

Keine Panik 😉

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