Leichte Kost

15 04 2009

Da half kein Schönreden mehr. Am Rande der Buchmesse gestanden sich die führenden deutschen Verlage ein, dass die Deutschen mehr und mehr vom Lesen abkämen. Woran es auch lag, Liquidität, Management oder schlicht die zu hohen Preise für schlechte Lektüre, es bahnte sich eine Krise an. Was sollte man machen? Auf neue Medien umsatteln, das Buch zum schnellen Shopping-Artikel aufbauen oder die Papierware mit aggressivem Kopierschutz und Selbstzerstörungsmechanismen ausrüsten? Wer würde da noch Weltliteratur kaufen? Und wo bliebe der Autorennachwuchs? Es war verzwickt.

Die rettende Idee kam an der Frittenbude, wo den Verlagsleitern nicht zufällig beim Verzehr schneller Sattmacher ein Potenzial ins Auge fiel: scharenweise bekannte Gesichter – davon manche berühmt, weil sie eben bekannt, andere wieder nur bekannt, weil sie berühmt waren – boten sich als Zugpferde an, um dem deutschen Publikum seine Lieblingslektüre zu präsentieren. Das Kochbuch nämlich, es erfreute sich seit Jahrzehnten stetiger Wertschätzung als Sammlerobjekt und Dekoration für die Einbauküche. Denn wurde in Deutschland auch trotz inflationärer Medienpräsenz der Mälzers und Wieners nur selten gut gekocht, die Küchenbullen hatten dem kulinarischen Fußvolk ihre Mission mit dem Fleischklopfer eingehämmert: mehr Schwein als Sein. Sie gingen ans Werk.

Mancher Versuch wäre besser unveröffentlicht geblieben. So weckte Thilo Sarrazins Sparkochbuch für die soziale Hängematte spontanes Missfallen bei den Rezensenten und Sortimentern. Der Verlag verteidigte die billige und nachlässige Produktion, zahlreiche inhaltliche Fehler und die fehlenden Mengenangaben. Es handele sich schließlich um ein von der Bundesregierung mit Steuergeldern finanziertes Projekt, das dem Buchhandel als Schlüsselbranche unter die Arme griffe. Auch sei, wie der Kanzlerkandidat anmerkte, der Vertrieb des Rezeptheftchens auf drei oder auch sechs Monate, vielleicht ein, maximal aber fünf Jahre beschränkt, und man würde aus dem Ramschverkauf noch manches erzielen, um den Produzenten – eine japanische Zeitungsdruckerei – zu bezahlen.

Der Durchbruch erfolgte mit Hella von Sinnens Kompendium der rheinischen Küche. Über 200 Seiten lang ließ Nie wieder schlank Flönz und Krüstchen Revue passieren und schuf einen Prototyp des neuen kulinarischen Ratgebers: viel Sauce, wenig Gehalt, und die Kocherei wird zur Nebensache. Das Publikum kaufte, und darauf kam es ja schließlich an. Dirk Bachs Abriss der Insektenküche wurde dagegen eher als Kuriosum gehandelt. Die Leser waren seinen Interpretationen von Rezepten wie Schabefleisch und Bienenstich nicht unbedingt zugetan. Auch Günter Grass’ gesammelte Butt-Rezepte mit Originalradierungen wurden nur in bibliophilen Haushalten angeschafft.

Nun konterte der Bundesgastwirtschaftsminister mit seiner Offensive direkt in den Mainstream. Das Programm enthielt nicht viel mehr als Bratwurst und Sauerkraut, eine Erweiterung des Horizonts stand also nicht zu befürchten. Auch der gewohnte Einsatz von Fertigprodukten lag auf dieser Linie. Altes und Älteres, mehr oder weniger ästhetisch aufgepeppt, das beruhigte die Gemüter. Man musste so gar nichts vom Kochen verstehen und hatte ein nettes, salzloses Buch mehr im Schrank. Dass etliche Vorworte, die Johannes B. Kerner in Serie vom Stapel gelassen hatte, versehentlich vertauscht wurde, fiel nicht auf. Keiner hatte sie gelesen. Es stand ohnehin immer dasselbe drin.

Da durfte nun auch die Kanzlerin nicht fehlen. Schlank, optisch ansprechend, ganz dem modernen Zeitgeist zugewandt, voller Esprit und neuer Anregungen – der Leser sollte nichts davon in der behäbigen Schwarte finden, die insgesamt durch den schwerfälligen Duktus den Appetit verdarb, den die Auswahl der Speisen noch gelassen haben könnte. Doch auch hier gab es nicht viel zu holen. Merkels gut- und mitbürgerliche Küche beschränkte sich auf 89 europäische Kohlgerichte. Mehr Wirkung bei durchschlagendem Erfolg wurde Eva Hermans national gesinntem Nährstandsratgeber Mein Mampf zuteil. Das Buch, in wehrhaft braun gehaltenem Lederoleinband und alter Rechtschreibung auf dem Markt, wurde zum Kassenschlager. Gewisse Kreise nahmen nicht nur schmackhafte Rezepturen wie das Stalingrader Kesselgulasch zum Eintopfsonntag begeistert auf, auch die Einkaufstipps der blonden Küchenfee veränderten entschieden das Konsumverhalten. Allenthalben fragte das Volk nach deutschen Bananen und Zitronen und wurde sich seiner Rohstoffsituation aufs Neue schmählich bewusst. So zierte das Werk beim Sonnenwendfest und zu Führers Geburtstag manchen Gabentisch.

Irgendwann lief der Trend ins Leere. Die letzten Zuckungen wurden kaum noch wahrgenommen. Der Buchmarkt war nicht nur überfüttert, das Angebot ließ auch spürbar nach – weder Verona Pooths Rahmspinat-Fibel noch Gülcan Kamps’ aufwändig inszenierte Backwaren-Broschüre, die lediglich ein einziges Rezept für belegte Brote enthielt, konnten sich verkaufen. Allein Verlage und Handel waren zufrieden. Nur eines wurmte die Verleger, dass nämlich keiner Obamas Yes we can cook hatte lizenzieren dürfen, das einzige Handbuch, das tatsächlich eine neue Zielgruppe hätte befriedigen können: hungrige Vollidioten mit dem Drang, alles selbst zu machen. Denn die, so befand man, gäbe es auch hier reichlich.


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