Seniorenakademie

21 04 2009

Während der Fahrt hatte ich noch einmal den Prospekt angesehen und danach ein wenig gedöst; Kilometer um Kilometer war die Autobahn an mir vorüber gezogen. Als ich aufwachte, befanden wir uns in einem Gewerbegebiet. Ich fragte den Chauffeur, ob dies wirklich der richtige Ort sei. „Sicher“, bestätigte er, „ich fahre die Tour doch nicht zum ersten Mal.“ Warum aber sollte ein Bildungszentrum weit außerhalb der Stadt liegen? Warum steuerte der Wagen auf ein Bürogebäude zu? Wo war ich hier bloß gelandet?

Mein PR-Berater Seyboldt war schon vor mir gekommen. Offenbar hatte man ihm die Adresse einfach mitgeteilt und ihn nicht, wie mich, mit dem konspirativen Fahrzeug durch halb Deutschland kutschieren lassen. Er stellte mich Doktor Cordula Dahlmann vor, der Leiterin des Instituts. „Warum so weit draußen? Die alten Leutchen sind doch meist nicht gut zu Fuß.“ „Wir bieten“, erläuterte sie, „neben den Kursen auch Pensionszimmer mit Vollverpflegung an. Im Durchschnitt sind unsere Teilnehmer drei Wochen bei uns, bis sich die ersten Erfolge zeigen. Man muss dranbleiben, im Alter ist die Lernfähigkeit nun mal nicht so ausgeprägt.“ Das war mir klar, aber ob man nun gerade für Häkeln und Gymnastik gleich einen Verein gründen und mehrwöchige Therapieangebote aushecken müsse? Sie runzelte erstaunt die Stirn. Sehr erstaunt. „Häkeln? Verein? Was reden Sie denn da?“ „Nun, ich dachte, e. V. stünde für die übliche Abkürzung?“ „Nicht ganz“, korrigierte Dahlmann, „es bedeutet ‚erster Versuch‘. Wir arbeiten noch ein bisschen am Feinschliff.“ Und sie führte mich ins geschmackvoll eingerichteten Konferenzzimmer.

„Wie Sie der Broschüre entnehmen konnten“, begann Dahlmann, „ermöglichen wir Senioren, ihre Kenntnisse gesellschaftlich einzubringen. Denken Sie an das verwandte Wort Senat: den lebensälteren Mitbürgern wurde schon immer auf Grund Ihrer größeren Erfahrungen zugetraut, verantwortungsvolle Positionen zu bekleiden. So auch hier. Wir wollen die Zukunft der deutschen Bundespolitik sicherstellen.“ Ob das schon mit Häkeln getan sei? „Was haben Sie immer mit Ihren Handarbeiten? Schauen Sie sich die Sache an, dann begreifen Sie auch endlich, was das hier ist.“

Mit blankem Entsetzen sah ich, wie Otto Graf Lambsdorff auf sein Silberstöckchen gestützt in einem Raum saß und Klötzchen sortierte. „Sagen Sie mir, dass das nicht ernst gemeint ist! Sie wollen doch dieses Fossil nicht wieder in die Tagespolitik einschleusen?“ Dahlmann kniff die Augen scharf zusammen. „Ihnen ist es also lieber, wenn man das Bundeskabinett mit Ministerbübchen auffüllt, die mit Phrasendreschen ihre Inkompetenz beweisen? Hintergrundrauschen von Hintergrundfiguren? Wo sind denn die Praktiker mit dem Sachverstand? Dann doch lieber der Graf. Er wird Sozialminister. Mit Kürzungen in dem Ressort kennt er sich aus. Notfalls übernimmt er die Geldbeschaffung.“

So gingen wir durch die Flure. Hier trainierte der kommende Gesundheitsminister Roman Herzog für die Berechnung der Kopfpauschale. Ihm fehlten konstante 38 Millionen – aber darum ging es ja gar nicht. Dort wurde Friedrich Zimmermann als Innenminister reanimiert. Fleißig übte er Schwören. Am anderen Ende des Korridors mühte sich eine Pflegerin, Wolfgang Schäuble ein Buch in die Hand zu drücken. Er warf es wieder und wieder von sich. Wie ein kleines Kind quengelte er vor sich hin. „Er ist unser Sorgenkind“, seufzte Dahlmann, „er will und will einfach kein Grundgesetz. Manchmal könnte man an ihm verzweifeln.“ „Sie bilden über Bedarf aus“, wandte ich ein, „schließlich haben Sie doch schon den Zimmermann im Haus.“ Dahlmann korrigierte mich. „Der hier wird Bundespräsident.“

„Ich beneide Sie nicht um Ihre Aufgabe.“ Dahlmann wiegelte ab. „Es gibt auch leichtere Fälle. Die Herren Riesenhuber und Lahnstein – der angehende Kulturstaatsminister – haben exzellente Fachkenntnisse. Beide bekamen Bestnoten.“ Ob es Hoffnung für Ulla Schmidt gäbe? Die Psychologin verdrehte die Augen. „Um Gottes Willen… wir sind doch froh, wenn die Frau endlich verschwindet!“

Zwei alte Bekannte trafen gerade ein. Theo Waigel, der mit freundlicher Unterstützung der Atomlobby auf Umweltminister umschulte, reichte Manfred Kanther die Hand. „Ein Musterschüler. Er lügt, aber er lügt ohne jegliches Schuldbewusstsein. Sehr verschwiegen. Ein idealer Außenminister.“ Da war auch Klaus Kinkel. „Der Mann ohne Eigenschaften. Er verfügt über kein nennenswertes Vorwissen, deshalb arbeitet er sich leicht in jedes Thema ein. Als Minister ohne Geschäftsbereich ein Glücksfall. Oder er bekommt ein Ressort, für das man lediglich einen Anzugträger benötigt. Bildung, Entwicklungshilfe, die klassischen Abstellgleise.“

Von nebenan drang cholerisches Geschrei. Wir waren gerade noch rechtzeitig gekommen, um zu sehen, wie Christian Pfeiffer von zwei stämmigen Männern gepackt und zum Ausgang geschleift wurde. Ironisch lächelte ich. „Lassen Sie mich raten: Verteidigung?“ Dahlmann blickte gequält. „Er ist hier überhaupt nicht eingeschrieben. Er hat hier auch nichts zu suchen. Aber er belästigt uns alle drei Tage und fordert vehement, die Leitung des Instituts zu übernehmen.“ Sie blätterte in ihren Akten. „Meistens bekommt er dann seine Spritze.“

Während wir dem Ausgang zustrebten, fiel mir auf, dass der Posten des Kabinettschefs gar nicht besetzt war. „Ja, wir haben alles versucht, aber er will einfach nicht. Da half kein Bitten und kein Betteln.“ „An wen“, fragte ich, „haben Sie sich denn gewandt?“ „An Helmut Schmidt natürlich.“


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