Geld oder Leben

22 04 2009

Jonas hielt das leere Glas in die Höhe und nickte Kalle zu. Während der Wirt eine neue Runde zapfte, nestelte Jonas in seinen Jackentaschen und griff schließlich zu meinen Zigaretten. „Wie jetzt“, wunderte ich mich, „Du rauchst wieder?“ Dem Husten nach schien er bis vor Kurzem tatsächlich dem blauen Dunst entsagt zu haben, und doch sog er mit tiefen Zügen am Glimmstängel. „Meine Altersvorsorge“, paffte er, „man muss ja schließlich auch an seine Angehörigen denken.“

Er zog einen Prospekt des Versicherungsbüros Bronnstatter hervor. Riesige Geldsummen wurden dort geboten. „Und genau deshalb“, erklärte Jonas, „muss ich jetzt wieder rauchen. Als Vorleistung, Du verstehst?“ Ich verstand gar nichts, und Jonas erklärte es mir. „Du hast doch bestimmt von der amerikanischen Witwe gehört, die vom Obersten Gerichtshof der USA 145 Millionen zugesprochen bekommen hat, weil ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war, oder nicht? Genau das ist meine Lebensversicherung.“ „Du willst damit andeuten, dass Du auf eine Entschädigung spekulierst, wenn Du Dir jetzt die Bronchien zuteerst? Entschuldige mal, wie krank ist das denn?“ „Irgendwas muss man doch machen. Wer weiß, wie sich die Branche in den nächsten Jahren entwickelt.“ Das glaubte ich ihm sofort. Schließlich hatte er als Heilpraktiker den Überblick über das Versicherungswesen.

Bronnstatter hatte es ganz genau ausgerechnet. Wer nachweisen könnte, dass er an den Folgen des Rauchens verstorben sein würde, bekäme volle fünf Millionen Euro. Eine Menge Geld, auch wenn man selbst nicht mehr viel davon sähe. Ich lächelte ironisch. „Das ist ja mal eine innovative Form von Menschenfreundlichkeit.“ „Nicht wahr“, antwortete Jonas, „und er selbst dürfte bei der Höhe der Entschädigung immer noch einen guten Schnitt machen. Allerdings ist das mit gewissen Auflagen verbunden. Ich muss mich regelmäßig untersuchen lassen.“ Gut, wandte ich ein, das müsse man ja inzwischen auch bei einer ganz normalen Krankenversicherung, warum nicht also auch bei einer Kapitallebensversicherung? „Falsch, es ist ein Risikomodell – man muss immer noch damit rechnen, dass der Supreme Court nur die üblichen 800.000 Dollar ausspuckt, dann rechnet es sich natürlich nicht.“ Und dann? Schon malte ich mir aus, wie seine Hinterbliebenen für Jahrzehnte gegen die Tabakindustrie prozessieren würden, um seinen verschwenderischen Lebenswandel zu bezahlen. „Das stört mich weniger, immerhin haben wir mit diesem Urteil einen Präzedenzfall. Es dürfte nicht ganz so lange dauern. Aber wie gesagt, die Summe könnte niedriger ausfallen, und deshalb haben wir die Anlage ein bisschen gestreut.“

Das Faltblatt aus dem Hause Bronnstatter gab mir Auskunft. Jonas hatte zusätzlich eine Nikotin-Alkohol-Kombination abgeschlossen. „Ich bin jetzt bei einem 50-zu-50-Modell, das heißt, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen bekomme ich dieselbe Rendite wie jeweils für Lungenkrebs oder Leberzirrhose. Toll, oder?“

Kalle stellte uns die beiden Pilstulpen auf den Tisch und zückte seinen Kugelschreiber. Da erst fiel mir auf, dass der Deckel bereits mit Strichen übersät war.

„Aber die laufenden Kosten! Stell Dir vor, Du bekommst einen Herzinfarkt, die Bypass-Operation würde Dich ruinieren!“ „Ach was“, lächelte Jonas, „alles halb so schlimm. Das Paket enthält natürlich eine günstige Krankenversicherung. Wer so gezielt ungesund lebt, spart richtig Geld. Je früher weg vom Fenster, desto weniger teure Intensivmedizin – ein Friedhof ist billiger als ein Pflegeheim. Ich muss nur durch regelmäßige Tests nachweisen, dass ich mich an die Bedingungen halte.“ Und er fischte sich die nächste Kippe aus meinem Päckchen.

„Jetzt wird mir auch klar, warum Du mit dem Joggen aufgehört hast.“ „Doch, schon“, gab er zu, „aber ich gleiche das durch die Zusatzversicherung für Sport aus.“ „Du treibst Sport? Wie kann das ungesund sein?“ Er druckste herum. „Ein bisschen schwierig war es schon, aber schließlich kann ich damit bis zu einem Drittel der Beiträge sparen. Es war etwas schwierig wegen meiner Höhenangst, aber ich habe mich für Gleitschirmfliegen entschieden.“ Und er orderte die nächste Runde.

Was würde uns da noch drohen? Preisnachlässe für Junkies? Raserrabatt? Ein Bonusprogramm für termingerechten Suizid? Andererseits hatte auch ein deutscher Amtsrichter bereits, wenngleich erfolglos, geklagt, weil er nach der lebenslangen Mastkur mit Schokoriegeln fett und diabetisch geworden war; das Geschäftsmodell hatte offensichtlich bereits gesellschaftliche Akzeptanz erlangt, zwar vorerst nur in Juristenkreisen, aber der geistig gesunde Teil der Bevölkerung würde schon noch nachziehen. Das also würde die Zukunft des Sozialstaats sein: wir alle würden uns aufopferungsvoll um unsere Versicherungen kümmern und die Vorsorge in die eigene Hand nehmen, statt untätig auf die Rente zu warten.

Ein Piepsen riss mich aus meinen Überlegungen. Jonas drückte eine Taste auf seinem Telefon und streifte hastig seine Jacke über. „Verdammt, fast hätte ich es verpasst – ich muss unbedingt sofort zwei halbe Hähnchen essen. Man weiß ja nie, ob die einen nicht doch kontrollieren!“


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