Hexenjagd

23 04 2009

Die ersten Verhaftungen waren nahezu unbemerkt geschehen, da sie keiner erwartet hatte. Insgesamt verlief die Sache eher ruhig. Scheiterhaufen waren diesmal unnötig gewesen, der Verwaltungsapparat erledigte es verschwiegen, präzise und ohne nach den Gründen zu fragen. Nach dem Hintergrund schon gar nicht.

Der erste Index enthielt neben den Schriften von Kurt Tucholsky und Karl Marx auch Heinrich Heine, wobei sich das Ministerium nicht zu eng an die Aktion wider den undeutschen Geist anzulehnen bemüht war. Allein um manche Autoren entbrannte ein erbitterter Streit, persönliche Abneigungen und fundiertes Nichtwissen gingen Hand in Hand. So gelangte Erich Kästner trotz heftiger Gegenrede des PEN-Zentrums doch in das Verzeichnis; gerade von seiner vor dem Kriege entstandenen Erzählprosa gehe eine enorme jugendgefährdende Wirkung aus, teilte die Ministerin mit.

Zunächst waren nur der unmittelbare Besitz von Büchern unter Strafe gestellt oder die Lektüre derselben. Der Beamtenapparat hatte alle Hände voll zu tun, um die Verordnungen durchzusetzen. Aufwändige Schulungsmaßnahmen gingen dem Einsatz voran, denn die Ordnungshüter mussten mit dem Material vertraut gemacht werden. So saßen Tausende in ihren Behörden und wühlten sich durch Berge von Schmutz und Schund.

Eine Welle von Festnahmen überrollte das Land, als eine Kopie der aktuellen Büchersperrliste in die Öffentlichkeit gelangt war. Auf ihr befanden sich unter anderem eine Publikation Joseph Ratzingers, die aus Versehen verzeichnet worden war. Doch es kam nicht auf den Inhalt an. Die Liste zu besitzen stellte bereits einen hinreichenden Grund für eine empfindliche Strafe dar.

Natürlich reichte das alles nicht aus. Bücher, die sie einmal gelesen hatten, gingen den Menschen nicht mehr aus den Köpfen. Zudem erkannten die zuständigen Stellen, dass Bücher, wiewohl sie dem Urheberrechtsschutz unterliegen, von mehr als einem gelesen werden, ganze Lesezirkel existierten, ja sogar nicht abschließbare Bücherschränke. Man einigte sich darauf, bereits beim Verdacht zuzuschlagen, ein indiziertes Buch gelesen oder es, gelesen oder nicht gelesen, weitergegeben oder die Weitergabe nicht verhindert zu haben.

Das Ministerium war zufrieden. Die Zahlen stiegen explosionsartig an, allein die Vertreibung der Autoren hatte sich verdoppelt.

Die Gegenöffentlichkeit war bereits organisiert, bevor die Folgen der Zensur trafen. Bookcrossing wurde ein subversives System, verbotene Schriften weiter zirkulieren zu lassen. Man ließ einfach ein inkriminiertes Buch im Schutzumschlag liegen, im Straßencafé oder auf einer Parkbank. Die Methode, ausgediente Aktentaschen neben Papiercontainern zu deponieren, etablierte sich innerhalb weniger Wochen. Schaute ein Ordnungshüter etwa einem Verdächtigen über die Schulter, konnte der immer noch angeben, er habe die untersagten Druckwerke just in diesem Moment gesetzeskonform entsorgen wollen. Manche Idee entwickelte sich in der Szene hinter den Hauptbahnhöfen, wo Jugendliche ihre erste Berührung mit nobelpreisgekrönter Prosa und dem Gesamtwerk Sigmund Freuds machten. Die Druckindustrie boomte. Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit erschien in den Innenbögen einer Anleitung zum Nassrasieren, wo es nicht weiter auffiel. Mein Kampf erfreute sich großer Beliebtheit und lagerte in so manchem Schreib- oder Nachttisch. Je nach Wahl enthielt die braune Schwarte Döblin, Kochrezepte oder Pornografie.

Selbstverständlich wurden dabei öffentliche Bibliotheken verschont. Das Ministerium verwahrte sich dagegen, eine Bevormundung der Büchereien anordnen zu wollen. Auch Hochschulbibliotheken waren nicht betroffen. Die Zensurbehörde forderte vom deutschen Studenten Wille und Fähigkeit zur selbständigen Erkenntnis und Entscheidung.

Internationale Besserungen stellten sich ein. Nicht nur die diplomatischen Kontakte zum Iran und zu Nordkorea entspannten sich, auch innerhalb der EU wuchs die Zustimmung. Die Kommission zeigte sich zuversichtlich, auf der Grundlage der existierenden Gesetze ein komplettes Verbot von Papierwaren erwirken zu können, welche Konsequenzen das auch immer haben möge.

Dennoch bleib der Buchhandel unbehelligt. Da weder Druck noch Verlagswesen von der Zensur gegängelt wurden – man musste ja auch an die wirtschaftlichen Interessen von Drittstaaten denken – erschienen unvermindert viele Bücher, lagen bei den Sortimentern aus, durften verkauft, rezensiert und im Leihverkehr besorgt werden. Es handele sich, so das Ministerium, nicht um ein generelles Buchverbot. Unterdessen rief ein anderes Referat des Ministeriums nach wie vor zum Lesen auf und propagierte – sicher nicht aus Berechnung, eher aus Dilettantismus – die verbotenen Bücher. Sie waren ja auch leicht zu erhalten, wenigstens auszugsweise. Der Nachdruck in Schulbüchern hielt nach wie vor an. Manche Pädagogen kritisierten die Haltung der Ministerin. Sie gab jedoch zu verstehen, man habe Wichtigeres zu tun, als sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern, hier handele es sich um Fragen der nationalen Sicherheit.

Als eifrige Buchprüfer die Bibel auf den Index setzen wollten, da sie die Anarchie im Lande zu befördern geeignet schien, merkten sie, dass diese Schrift längst nicht mehr hergestellt wurde. Billige Massenauflagen im Dünndruck hatten das Land überschwemmt.