Gernulf Olzheimer kommentiert (IV): Verkäufer

24 04 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Evolution mag Tiefpunkte haben – Amöben, Braunalgen und West-Highland-Terrier – bringt aber größtenteils lebensfähiges Zeug zustande, das sich artig in der jeweiligen ökologischen Nische verpisst und fortan tut, was der Arterhaltung dient: Fressen und Poppen. Leider schuf die Natur auch eine Spezies, die in nachgerade suizidaler Absicht neben Nahrungsaufnahme und Revierverteidigung ihre Existenz durch Tragen von weißen Socken zu brechreizfarbigen Sandalen und fortgesetztes Hören von volkstümlicher Schunkelscheiße in Zweifel zieht. Dieses Modell neigt zu Mutationen, die die Widerstandsfähigkeit der Amöbe mit dem Intellekt einer Braunalge harmonisch verbinden. Durch Zuchtunfälle mendelte sich eine Bauform heraus, welche die komplette Nutzlosigkeit der Modetöle zu integrieren vermag: der Verkäufer.

Während die Alge an sich noch von gewissen Völkern als schwiemeliger Salatersatz verschluckt oder zu Biodiesel verklappt werden kann, ist der Nutzen des gemeinen Verkäufers untrennbar auf die Nulllinie eingehämmert. Der durchschnittliche Ladenhüter ballt sich zu amorphen Klumpen, aus denen vereinzelt Grunzlaute dringen, mit denen je ein Amöbenaspirant Fress- und Poppaktivitäten des vorangegangenen Wochenendes zu artikulieren sucht. Verbale Kommunikation ist den Klumpen fremd; alle Experimente, den Schleimbestandteilen zu entlocken, wo man in einem dieser in die Landschaft geklatschten Betonbrocken den per Sonderangebot beworbenen Kauersatz aus verwestem Eingeweide finden kann, ist sinnlos. Eher könnte man einen Grammatiknazi dazu bringen, Dieter Bohlen den Literaturnobelpreis für grenzdebiles Gefasel in die hinterwärts gelegene Körperöffnung zu schieben. Der Verkäufer ist eine Illusion aus irgendeinem Paralleluniversum, das aus Reststoffen, Antimaterie und Abgasen entstanden ist. Auch wenn man ihn sieht, er ist abwesend.

Diese Abwesenheit manifestiert sich körperlich und geistig. Fragt man im Elektrofachgeschäft den bewegungslos vor einer Batterie Geschirrspüler herumvegetierenden Brunzdödel nach Aufpreis und Lieferzeit zusätzlicher Besteckkörbe, gibt er durch grobmotorische Aktivität und gutturales Gurgeln zu verstehen, er sei lediglich für Rasenmäherzubehör kompetent. Alternativ bringt er zum Ausdruck, die Leiterin des Küchengeräte-Segments habe beim Erfahrungsaustausch über Fortpflanzungstätigkeiten versehentlich vergessen, sich nebenbei aufs Atmen zu konzentrieren; ihre Wiedereingliederung in den Betrieb sei, die erfolgreiche Transplantation eines Amöbengroßhirns vorausgesetzt, schon in wenigen Jahrzehnten zu erwarten. Beide Antworten treten gerne so eng verschwistert auf wie beispielsweise Schuhsohle und Hundescheiße.

Eine der gefährlichsten Waffen, die manische Aggressivität der Haarwurst an der Hundeleine perfekt imitierend, ist das schwachsinnige Grinsen, mit dem der Verkäufer jegliche Frage seitens eines Leichtsinnigen kontert, der nur eben das Endlager für Regenrinnen und Türdrücker betreten wollte und noch unter der Wahnvorstellung litt, der ganze in Regalsysteme gekotzte Dreck stünde hier zum Verkauf. Mitnichten. Das Pack verteidigt fanatisch Tiefkühlgekröse und Buntmetallrückstände vor der heimtückisch anvisierten Verschleppung an den Kassenschalter, dass man sich sicher sein kann, wäre in den allerletzten Kriegstagen eine Herde von ihnen aus dem Führerbunker ausgebrochen, der Russe wäre vor Entsetzen im Rückwärtsgang bis hinter den Ural zurückgerollt. Wenn der Kampf Mann gegen Mann nicht erfolgreich ist, lockt man den Feind hinter die eigenen Reihen und schickt ihn zur Erkundung in den sechsunddreißigsten Gang links, Auslegeware und Klebstoff, um ihn nach kieferorthopädischem Zubehör fahnden zu lassen. Alljährlich zieht dann eine Spezialeinheit durch die Katakomben zwischen verseiftem Schnittbrot und Damenmüllsäcken aus lila Schießbaumwolle und kärchert die mumifizierten Leichen vom Boden.

Taktische Vorteile verspricht sich der Kunde von einem exakt formulierten Angriffsziel; dennoch wurde noch kein Mensch gesichtet, der in einem Gartencenter mit dem Wunsch, eine schriftlich fixierte Menge von ikebanatauglichem Knetgummi zu erwerben, sein Ziel tatsächlich erreicht hätte. Die wild lebenden Bekloppten halten dem Eindringling so lange Torfmullsäcke und elektrisch betriebene Heizpilze unter die Nase, bis er, dem Russen gleich, die Hinterseite des nächstgelegenen Mittelgebirges aufsucht und den Tag seiner Geburt verflucht.

Auf den ersten Blick erscheint der Verkäufer als besonders widerliche Form von Sondermüll, der zur Ausübung von körperlicher Gewalt zu seinem Nachteil das Tragen von Schutzkleidung zwingend erfordert. Dies täuscht; zwar ist er nicht biologisch abbaubar, aus seinen Überresten lassen sich auch keine Brennstoffe gewinnen wie aus den ihm weit überlegenen Algen, doch kann man ihn zu einem Massenvernichtungskampfstoff resynthetisieren: zur Fachkraft in der Gastronomie. Ein tödliches Erfolgsmodell des evolutionären Niedergangs.


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2 responses

24 04 2009
Johnny Yen

Sehr schön… Hab Dein Blog gerade erst entdeckt – dann hab ich ja endlich wieder was zu lesen, wenn in der WP schon BEE-lose Zeiten angebrochen sind. Grüße,

24 04 2009
bee

Hossa, lieber Besuch 😀

Keine Sorge, hier administriert der Chef selbst. Täglich neu 😉

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