Links gedreht

27 04 2009

Nachbarn sind ein merkwürdiges Phänomen. Man sieht und hört sie bisweilen monatelang nicht, dann wieder legt man den Gegenwert eines gut erhaltenen Öltankers für Nachnahmesendungen aus, während man zu späterer Stunde zusieht, wie der Putz ob der Beschallung von nebenan rhythmisch von der Decke bröckelt. Bestimmte Menschen parken ihren Drahtesel passgenau vor die Tür, um sicherzustellen, dass er einem beim Öffnen entgegenfällt. Andere wieder lagern ihre Habe – meist das, was in Gestalt von Altglas, ausgelesenen Zeitungen und löffelrein ausgeschabten Fischsalat-Verpackungen davon übrig bleibt – containerartig aufgetürmt auf dem Treppenabsatz, so dass man beim Ersteigen der Stockwerke früher oder später sich Stelzen wünscht, um schwerkraftinduzierten Folgen eines Fehltritts entgehen zu können.

Was wäre alles das aber gegen Sigune, die mit einem sanften Lächeln ausgestattet ist. Zartfühlende Gemüter nennen sie eine zum Individualismus neigende Enddreißigerin, die ihren Lebensalltag spirituell zelebriert. Bodenständige halten sie für eine Öktrulla mit esoterisch verursachter Vollmeise. Ich gehöre, wie gesagt, zur eher bodenständigen Fraktion. Und so stört mich ihre Existenz auch nicht, wenn ich nur nichts davon bemerke. Sie spricht mit ihrer Rohkost, ich hingegen erspare dem Schnitzel die Monologe beim Braten.

Wie es der Teufel wollte, schob sie mir ihren Einkaufswagen in die Hacken, als ich gerade an der Käsetheke stand und mir reichlich mittelalten Holländer abschneiden ließ. Ein Blick in meinen Wagen genügte, schon starrte sie mich aus schreckgeweiteten Augen an, als hätte ich kandierte Schuhsohlen und Quallengelee darin. „Wie, Sie essen noch Käse? Das ist ja widerlich!“ Entsetzt schüttelte sie sich. „Diese gefährlichen Bazillen, die in der Rinde hocken, die können ungeborene Kinder umbringen, das wussten Sie nicht?“ Was soll man darauf antworten? Dass es sich beim Gouda entgegen grassierender Vermutungen nicht um Schimmelkäse handelt und ich in den vergangenen Jahren so gut wie gar nicht schwanger war? Man sagt am besten gar nichts, lächelt freundlich und setzt seinen Einkauf fort.

Oder man hat es mit Sigune zu tun, die komplett schmerzfrei ist und wie ein kleines Hündchen quer durch den Laden folgt, während sie wirre Monologe hält. So war es beim Gang ans Brotregal auch nur eine logische Folge, dass sie zum nächsten Hieb ausholte. „Das kann man ja gar nicht essen, da sind doch bestimmt Konservierungsstoffe drin. Außerdem geht doch ganze Korn beim Erhitzen kaputt, da ist so gut wie kein Magnesium mehr drin! Alles verbrannt!“ Da sie selbst nicht müde wird, jedem ungefragt zu erzählen, dass sie ihr Brot selbst backt, hätte es mich schon interessiert, wie sie das mit dem Magnesium handhabt – nein, ich verkniff es mir und schwieg eisern. Diese Frau ist höchstens als Türstopper zu verwenden und außerstande, bis Drei zu zählen, ohne sich ernsthaft zu verletzen. Außerdem hatte ich an diesem Tag noch etwas vor.

Kandis. Anne bevorzugt ihren Tee mit Kandis, und da ich keinen mehr im Haus hatte, griff ich sorglos zu einem Päckchen. Was an Menschen wie Sigune so stört, ist die vollständige Abwesenheit von Selbstzweifeln. Ihren Vortrag über die negativ schwingende Kristalldrehung ließ ich über mich ergehen, genauer gesagt: ich versuchte es. Offenbar hatte sie gerade eine Synapsenverklebung erlitten und assoziierte ungehemmt drauflos. Unterdessen fiel mir auf, dass Sigunes Wagen noch komplett leer war. Wozu hatte sie dies Geschäft überhaupt betreten? Für kariertes Nähgarn wahrscheinlich.

Nicht viel besser erging es mir mit der Schokolade. „Das ist eine Droge! Und die hat zu viel Zucker! Und Konservierungsstoffe!“ Natürlich enthält Schokolade Zucker, unter anderem als Konservierungsstoff, aber wie macht man das jemandem klar, der gerade eine Diät mit Nüssen und selbst hergestelltem Apfelsaft abgebrochen hat, weil der Zeiger der Waage jeden Tag ein bisschen mehr nach rechts kippelte. „Außerdem macht sie dick, und Sie bekommen davon Pickel! Ich bitte Sie, in Ihrem Alter…“ Da hielt ich es nicht mehr aus. „Wie Sie sicherlich wissen“, belehrte ich sie, „enthält Schokolade dreimal so viel Eisen wie Spinat.“ Das tat zwar hier nichts zur Sache, aber Sigune war doch perplex genug, um für einen Augenblick den Mund zu halten. „Und was den Zucker betrifft“, fuhr ich ungerührt fort, „Kakao hat einerseits die Eigenschaft, Karies hemmend zu wirken, und andererseits macht nicht der Zucker dick, sondern der Fettgehalt. Aber Sie kennen sich da sicher aus.“ Was ihre Figur betraf, war hier kein Zweifel möglich.

Während sie noch einige Halbwahrheiten über ungesättigte Fettsäuren zum Besten gab, zog sie im Vorbeigehen eine Nudeltüte aus dem Regal. Das war der richtige Moment; ich riss von blankem Entsetzen gepeinigt die Augen auf. „Igitt! Sie essen noch Spaghetti?“ Der Boden schwankte unter meinen Füßen. „Links drehende Pasta?“ Ich musste mir die Hand vor den Mund halten und schob in dieser Verfassung eilig den Drahtkorb zur Kasse. Wer weiß, wie lange sie noch als fliegendes Spaghettimonster da stand, ich sah es nicht mehr.

Nein wirklich, jeder vernünftige Mensch dreht Spaghetti rechts. Die Saucenflecke bekommt man doch sonst nie wieder aus dem Hemd.


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4 responses

27 04 2009
wortteufel

Ja, Sigune. Jeder sollte eine haben.

(Ich glaube, ich mag kariertes Garn.)

27 04 2009
bee

Ich gäbe meine freiwillig her. Jederzeit. Garn inklusive 😉

27 04 2009
Johnny Yen

Deine Angelika heisst also Sigune. 😉 Schöne Geschichte. Jefällt ma.

27 04 2009
bee

Ich fürchte, diese Spezies vermehrt sich durch Knospung und schleicht sich durch Schlüssellöcher ein, anders ist ihr Vorkommen nicht zu erklären…

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