Tiefergelegt

30 04 2009

„Guten Morgen! Behalten Sie ruhig Platz. Auch einen Kaffee? Ja, dann zwei Kaffee, danke. Ich will nur eben Ihre Bewerbungsmappe vom Schreibtisch holen, dann können wir auch schon beginnen.

Sie wollen sich also als neue PR-Managerin bei der Schräuble & Co. Tuning GmbH bewerben. Wollen mal sehen. Große Familie? Ja, da hat man natürlich immer ein schwarzes Schaf dazwischen, aber solange man selbst nicht… Ich sage ja immer: wenn man noch nicht im Knast gesessen hat, kann man die größten Schweinereien machen, hahaha! Eben, geht mir auch so. Man nimmt doch immer die eine oder andere Anregung aus dem Elternhaus mit, ob man’s will oder nicht. Mein Vater war ja auch schon völlig versessen auf Fahrzeuge, ich habe das Benzin quasi mit der Muttermilch in mich eingesogen. Wissen Sie, was mein Vater damals immer gesagt hat? ‚Tieferlegen ist keine Frage der Moral.‘ Das hat mein Vater immer gesagt, und er hat doch Recht? Eben, sehen Sie!

Wir arbeiten an einem völlig neuen Konzept. Früher, da konnte man eben dem normalen Fahrer noch Stoßdämpfer in die Hand drücken, da ruckelte es nicht ganz so arg auf dem beschissenen Pflaster, und für den Rest hat sich keiner interessiert. Heute geht’s anders zu. Stoßdämpfer? zur Werterhaltung des Fahrzeugs Stoßdämpfer verkaufen? damit man recht lange Freude an seinem Automobil hat? Gott bewahre, in welchem Jahrhundert leben Sie denn? Es geht hier nicht um rationale Argumentation, was denken denn Sie? Wie bitte, Vernunft? Logik, verstandesmäßig nachvollziehbare Entscheidungen auf Mehrheitsbasis? Wollen Sie mich veralbern? Hier geht es um Tuning! Einen Spoiler verkaufen Sie nicht mit Vernunft! Je durchgeknallter die Leute sind, desto mehr Spoiler setzen wir ab! Rausch, Hysterie, das sind unsere Marketingbegriffe. Hier zählen keine Tatsachen, hier zählt, was wir wollen: den Konsumenten kontrollieren, schikanieren, terrorisieren. Ja, terrorisieren, drücke ich mich etwa undeutlich aus? Was sonst macht man denn im Konsumterror, um Machtansprüche durchzusetzen? Eben! Zimperlich sind die anderen.

Wir kriminalisieren passende Marktsegmente. Ob das geht? Ja sicher, sonst würden wir es doch nicht machen. Wir stellen jeden Tag eine neue Liste mit verbotenen Zubehörteilen auf, mit dem Zubehör der Konkurrenz. Börsenkurse? Viel zu anstrengend. Das wird ausgewürfelt. Wer sich mit der falschen Frontschürze erwischen lässt oder mit Rallye-Scheinwerfern, die uns gerade nicht in den Kram passen, hat halt Pech gehabt. Die Autobahntruppen holen die Leute aus dem Wagen heraus, dann wird ein bisschen geprügelt, die Karre geht in Flammen auf, und die Fronten sind geklärt.

Jetzt hören Sie mal gut zu. Macht und Gewalt, genauer: Machtanspruch und Gewaltausübung sind zwei Seiten derselben schmutzigen Medaille. Die Wirtschaftsgeschichte fragt nicht nach den Opfern, das sind bedauerliche Einzelschicksale, die mir bitte nicht auf den Sack gehen. Wir operieren rein erfolgsorientiert und ohne Ansehen der Faktenlage, der Rest ist mir persönlich übrigens gleichgültig.

Wozu? Damit die Kunden ausschließlich das tun, was wir ihnen befehlen: unsere Produkte kaufen. Alles andere hat keinen Platz mehr auf dem freien Markt. Bedaure, so funktioniert eben asoziale Marktwirtschaft. Ich kann’s ja nicht ändern.

Unsere eigenen Produkte vom Markt nehmen? Einmal bisher. Ein Zulieferer wurde von einem jüdischen Produzenten übernommen, da mussten wir auch die eigenen Kunden bestrafen. Ich weiß nicht, wie es ausgegangen ist, interessiert mich auch nicht großartig. Sind doch nur Kunden.

Automechaniker? Karosseriebauer? Sie wissen, dass bei den vielen Kunden, die es gibt, rund 80 Prozent die ganz normalen Kraftfahrer sind. Und jeder kann eigentlich sich selber fragen, wen kenne ich, der die inoffizielle Konsumterrorregelung aktiv umgehen kann. Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Kriminelle. Die bewegen sich auf ganz anderen Straßen. Die sind versierte Fahrer, natürlich auch geschult im Laufe der Jahre in diesem widerwärtigen Geschäft.

Natürlich nicht an Polizeiwagen, ich bitte Sie! Mal muss ja auch Schluss sein. Also nichts gegen die Polizei – nützliche Idioten halt, billig zu haben – aber irgendwo ist eine natürliche Grenze. Ob die mit aufgemotzter Karosserie aus Behördeneigenbau durch die Gegend kacheln oder sich einen Turbo mit Lachgaseinspritzung in den Streifenwagen montieren, das ist mir schnurzpiepenegal. Können die auch gerne alles selbst aufbohren, kümmert mich rein gar nicht. Auch nicht, wenn es gegen die Straßenverkehrszulassungsordnung verstößt. Ich bin ja nicht der Justizminister. Und was ich nicht weiß, muss mich ja auch nicht heiß machen, habe ich Recht? Na also. Ich sehe, wir verstehen uns.

Diejenigen, die sich strafbar machen, also das aktive Anbauen von Teilen, das merken Sie, wenn jemand immer wieder versucht, die einschlägigen Fachhändler aufsucht für Tuningteile, und natürlich der Besitz, der Vertrieb, der Erwerb dieser Teile, da machen sie sich strafbar. Das ist unsere Philosophie. Begreifen Sie es jetzt?

Machen wir mal einen Praxistest, damit ich sehe, ob Sie sich auch in der Mitarbeiterführung zurechtfinden. Wir haben zu viele Mitarbeiter, die Dividende rächt sich. Die müssen weg. Die stehen aber an den Stanzmaschinen. Wie kriegen Sie die so raus, dass sie erledigt sind? Na? Sie stellen Stoppschilder an den Maschinen auf und bestrafen die Leute, die gemäß Arbeitsvertrag immer noch weiter Teile stanzen? und wer entlassen wird, bestimmt die Geschäftsführung je nach Lust und Laune? Und am Wochenende kann man jeden feuern, weil er weder nachweisen kann, dass er am Montag wiederkommen, noch, dass er der Arbeit fernbleiben wollte? Ich sehe, wir beide ziehen an einem Strang! Herzlich willkommen bei der Schräuble & Co. Tuning GmbH! Ah, da ist ja endlich der Kaffee. Darf ich vorstellen? Unsere neue PR-Kraft, Frau von der Leyen.“


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