Volle Checkung

6 05 2009

„Bitte beurteilen Sie ihn nicht nur nach der äußeren Erscheinung. Die mag gewöhnungsbedürftig sein, aber der junge Mann ist nicht uninteressant.“ Ich nahm mir einen Becher Kaffee und setzte mich zu Röblichhausen in einen Regiestuhl. Schon nach wenigen Augenblicken betrat er die Szene: die typische Rapper-Uniform mit Müllsackhosen, viel Bling-Bling und silbernen Basketballstiefeln ohne Schnürsenkel. Das also war King Mike.

Er nahm auf der Couch Platz und ließ sich von der Visagistin noch einmal das Gesicht abpudern, dann kam der Moderator. „Passen Sie auf, er geht sicher gleich in die Offensive.“ Und so war es auch. Die erste Frage nahm der jugendliche Gast zum Anlass, einiges richtig zu stellen. „Ey pass auf, was Du sagst, Alda! Was ich sag, is konkret Gesetz! Grundgesetz Artikel 3!“ „Und dieser Typ soll jetzt hier der nächste Superstar werden, was? Krass, Alda!“ Doch Röblichhausen achtete gar nicht auf meinen Spott. „In gewissem Sinne. Wir wollen ihn langfristig zum Kanzlerkandidaten aufbauen.“ Zum Kanzlerkandidaten? Ich traute meinen Ohren nicht. „Doch, Sie haben das richtig verstanden. Michael Hruzlek – sein bürgerlicher Name – hat Potenzial, die Politikverdrossenheit bei vielen Jugendlichen zu überwinden. Hören Sie mal zu.“ Und King Mike fuhr fort: „Artikel 3, hastu Checkung? Deine Mudda macht Job, gleiche wie Vadda, zahlt gleiche Lohnsteuer. Deine Mudda kriegt nicht gleiche Kohle! Guckstu Grundgesetz, is das voll krass verfassungsfeindlich!“ „Wo haben Sie denn den entdeckt?“ „Mike wurde auf der Hauptschule als verhaltensauffällig eingestuft“, informierte mich Röblichhausen, „er schrieb nur Einsen, hatte keinen einzigen Fehltag und bekam drei Ausbildungsplätze angeboten. Erst sollte er deshalb von der Schule fliegen, inzwischen macht er sein Abitur nach.“

Ich blieb skeptisch. „Wenn Sie mich fragen, der Junge hat keine Chance.“ Röblichhausen nickte mit leidender Miene. „Sie könnten Recht haben, leider. Wir schaffen es einfach nicht – er reibt den Leuten die unangenehmen Zusammenhänge ständig unter die Nase. Wenn Sie wüssten, was wir schon alles versucht haben…“ Das verwunderte mich doch. „Im Grunde ist er für eine politische Karriere völlig ungeeignet: er sagt jedem die nackte Wahrheit ins Gesicht. Da!“ Und schon hatte der Junge wieder die Stimme erhoben. „Bistu blöd oder was? Machstu Polizei scheiße Job, machstu Kohle für Polizei weg, glaubstu Kriminalität wird konkret besser? Machstu mehr Kohle, kommen die korrekte Leute zu Polizei, wird innere Sicherheit besser!“ Ich stimmte Röblichhausen zu. Mike würde es schwer haben.

Und da begann er auch schon mit einer Attacke auf die Wirtschaftspolitik. „Abwrackprämie is doch voll krank! Bin ich Spast oder was? Verlager ich Konsum in nächste Legislaturperiode, hab ich dann Problem mit Nachfrage einfach in die nächste Legislaturperiode. Mach ich Handel mit korrekte Gebrauchtwagen kaputt, mach ich Kfz-Werkstätten kaputt, mach ich Schrotthandel kaputt, hab ich konkret weniger Steuereinnahmen, verstehstu?“ Es war offensichtlich, er hatte den Durchblick.

„Und wenn man ihn einfach mal eine Etage niedriger anfangen ließe? Als Bundesminister hätte er die besten Voraussetzungen.“ Röblichhausen winkte ab. „Durchaus, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte sich auch sehr bald interessiert gezeigt – unter uns, sie würden statt der von der Leyen inzwischen auch ein dressiertes Äffchen hinstellen, das sieht wenigstens lustig aus, und Tiere lügen ja doch höchst selten – aber irgendwie…“ Er schwieg, denn Mike legte wieder los. „Scheiß Arbeitnehmeranteil, bistu blöd oder was? Arbeitgeberanteil, Arbeitnehmeranteil, is alles Teil von Brutto, verstehstu? Kannstu sagen ‚Nebenkosten‘, trotzdem voll behindert, weißtu? Ey pass auf, Du musst die Checkung haben – wenn Du sagst, dass Arbeitnehmeranteil is zu hoch, heißt das: die Asis, wo in Fabrik schuften, kosten konkret zu viel Kohle für Unternehmer, verstehstu?“ Da verstand ich, was er gemeint hatte. Röblichhausen nickte mir zu. „Sie sehen, es wird ein Glücksspiel, ihn unterzubringen. Er macht es uns schwer.“ „Ich gestehe“, gab ich zurück, „dass man mit dieser Art kaum überleben kann.“ Er sah mich bedrückt an. „Genau das ist es. Das nackte Überleben.“ Wie sollte ich das verstehen? Röblichhausen neigte seinen Kopf an mein Ohr. „Vor ein paar Tagen“, flüsterte er, „waren hier ein paar Lobbyisten von der Pharmaindustrie. Sie haben ihm eine Rolex geschenkt, falls er die Gesundheitsreform nicht angreift. Er hat sie vor ihren Augen zertreten. Seitdem kann er nicht mehr ohne Personenschutz aus dem Haus.“

Und das war noch nicht alles. Denn jetzt kam Mike erst richtig in Fahrt. „Weißtu Bescheid, wenn Schule Sinn machen soll, musstu haben die Lehrer mit Checkung. Is konkret wie mit Polizei und öffentlicher Dienst: machstu Pädagogik voll das Loser-Fach, kriegstu eben Loser. Machstu Lehrer scheiße Job, kriegstu scheiße Schule. Kriegstu konkret krass Bildungspanne, verstehstu? Machstu Pädagogik voll das geile Fach, machstu Kohle für Schulen, machstu Numerus clausus so hoch wie in Medizin, hastu die geilen Leute, verstehstu?“

Röblichhausen atmete schwer. „Ich hoffe, dass er das überlebt. Morgen schreibt er eine Deutsch-Klausur.“