Gernulf Olzheimer kommentiert (VIII): Mehrzweckhallen

22 05 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Am Anfang menschlicher Nutzbauten befand sich das Plumpsklo, jener von einem Herzloch in der Tür veredelte Rückzugsraum für menschliche Geschäftigkeit, die aus ästhetischen Gründen nicht in unmittelbarer Nähe des Brotbackautomaten stattfinden sollte. Schnell kam der Hominide auf den Geschmack und schwiemelte sich funktionale Immobilien zurecht, die jeweils einer bestimmten Sinnhaftigkeit gewidmet waren: das Schlachthaus zur Erzeugung der beliebten Nackensteaks seit dem Beginn steinzeitlichen Grillwesens, Hallenbäder zur Ertüchtigung des Volks im wehrfähigen Alter sowie zur kontrollierten Nachzucht von Fußpilz und Filzläusen, schließlich Sakralbauten in diversen Formen, Farben und Höhen, um möglichst viele Mitglieder der Gesellschaft das Menschenopfer am Feierabend simultan erleben zu lassen, begleitet von frommem Singsang und güldenem Gerät. Die Völker in ihrer Mannigfaltigkeit waren’s zufrieden und widmeten sich fortan ihrem eingewurzelten Drang, die Einfamilienhütten am Kralrand durch Jägerzäune, Klinkerfassaden und Walmdächer in den Zustand ultimativer Widerlichkeit zu hieven. Ohne Sinn und Verstand hockten die Architekten in ihren Erdlöchern; da schuf einer von ihnen die grausame Rache des bauenden Menschen an der Zivilisation – die Mehrzweckhalle. Der Niedergang des Planeten beschleunigte sich zusehends.

Seitdem der erste Mehrzweckbau den arglosen Benutzern zum Ausüben vielfältiger Bestimmungen übergeben wurde, hat sich nichts geändert. Seit der mittleren Eisenzeit reichen sich die Atmosphäre einer Klärgrube, der Geruch von Fleischproduktion und die Akustik einer Schwimmhalle lustig die Hände, was nicht weiter auffällt, wenn man sich zwischen Eingang und Ausgang verläuft, weil jene in die Hügellandschaft gehauenen Buden meist das Fassungsvermögen einer spätgotischen Kathedrale besitzen, was sich an vergleichbaren Temperaturen während der Heizperiode bemessen lässt.

In der Gegenwart hat der aufgeklärte Mensch den Priesterkönig, der neben Regenzauber und Wahrsagerei meist die Menschenopfer zu betreuen hatte, durch den gemeinen Bekloppten im Bauamt ersetzt. Das macht die Sache nicht besser, sofern der architektonisch arbeitende Behämmerte nur eine Tür weiter sitzt und weisungsgebunden den Beton in Brechreiz erregende Gestaltungen quält. Derart abhängig von Bauplan, Bezahlung und öffentlichem Druck greift die Grundrisshebamme ein ums andere Mal beherzt ins Klo, um sicherzugehen, dass die Steuergelder auch restlos darin verschwinden.

Bereits die frühe Planungsphase sieht eine Vollauslastung mit symphonischem Konzertbetrieb vor; dessen ungeachtet sind die Architekten auf der Klosetthäuschenstufe stehen geblieben und passen die Garderobengröße dem Rauminhalt eines WCs an, so dass hauptberuflich spielende Orchester Mehrzweckhallen auf dem Tourplan automatisch mit Totenkopfaufklebern markieren oder gleich von der Reiseroute eliminieren. Einen handelsüblichen Konzertflügel auf die Bühne zu verlasten scheitert daran, dass die Zugänge aus Holzfaserplatte in den Maßen zwei zu eins bestehen: zwei Meter hoch, ein Meter breit, Anschlag innen, damit man die Klinke dem Tuttigeiger in der letzten Reihe ergonomischer in den Hinterkopf rammen kann. Vermutlich war der Vollidiot, der der Bauaufsicht vorgesessen hatte, davon ausgegangen, dass der Saalbau mit derselben abnehmbaren Dachkonstruktion ausgerüstet sein würde wie das Balsa-Modell im Maßstab 1:150.

Doch auch der Bekloppte, der freiwillig seinen Fuß in die Arena setzt, kriegt sein Fett weg. Das einzige im Spannbeton verbaute Büfett ist an der Schmalseite – das zweite Drittel der zahlenden Gäste erhält zum Pausenende seichwarmen Schaumwein, die restlichen Alkoholiker müssen sich mit dem Orchesterpersonal solidarisieren, das meistens nicht einmal Kühlschränke zur rapiden Pegelangleichung vorfindet.

Nach zwei Jahren hat sich das erledigt. Die Kommune kürzt die Subventionen auf Null, weil sie festgestellt hat, dass die für den Kosten deckenden Betrieb erforderlichen elf Millionen Besucher pro Monat nicht mit legalen Mitteln zu schaffen sind. Ab dann werden drittklassige Liedermacher, Fußpflegerkongresse und Mannschaftssportturniere für die Einnahmen herangezogen, so dass noch Tage nach der Meisterschaft im Klötenrutschen das Parkett während Beethovens Tripelkonzert nach Altherrenausdünstung stinkt. Rockbands wären gerne gesehene Gäste, doch ist die Ausstattung mit Steckdosen in jeder Reihenhausgarage sinnvoller, von der Dachkonstruktion angesehen, die bereits bei einer Taschenlampe der Schwerkraft nachgeben und den fachgerechten Anbau kompletter Traversen zum Machtkampf mit der Versicherungsgesellschaft werden lassen. Kammermusik fällt weg, da die formschönen Schallsegel aus handgekauter Alufolie nicht höhenverstellbar sind. Startenöre stehen fortan dicht an der Rampe und kreischen wie krebsrote Vollversager auf dem NPD-Parteitag, um in der ersten Reihe gehört zu werden.

Und so wird früher oder später die Schutthalde ihrer eigentlichen Bestimmung übereignet und dient als Austragungsort obskurer Massenbespaßungen mit Thomas Gottschalk, bei denen im Schweißgeruch nicht weiter auffällt, wenn sich bei Johannes Heesters vor Ekel die Leichenstarre zu lösen beginnt.


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Eine Antwort

31 05 2009
CH-3555 Trubschachen: Röschti und es Chacheli Gaffee « lamiacucina

[…] voll und verraucht, wir nehmen Platz im Nichtraucherlokal mit dem Charme einer schweizerischen Mehrzweckhalle: darin alles was dazugehört, Fahnenkasten, Töggelikasten, Platz für einen Reisebus. Am Tisch […]

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