Der Blutfleck auf der Wendeltreppe

27 05 2009

Das nackte Grauen stand ihr auf dem Gesicht. Anne zitterte am ganzen Leib. Ich war so schnell, wie es nur möglich war, zu ihr geeilt und fand sie ratlos auf den Koffern sitzen. Drei Wochen war sie in der Toskana gewesen, aber die Erholung war schon jetzt dahin. Ein Bild des Jammers. Ich erschrak.

„Da! Guck genau hin! Auf der Treppe!“ Die Wendeltreppe, auf die Anne mit dem Finger zeigte, verband das Erd- mit dem Obergeschoss, wo sich Schlafzimmer, Balkon und diverse Räume voller Schuhschränke befanden – ich und vor allem meine Bandscheiben kannten dies Obergeschoss nur zu gut, hatte ich doch selbst kistenweise Pumps, Sandaletten, Stiefel, Sneaker, Tanz-, Lauf- und Badeschuhe aus aller Herren Länder, Material, Form, Farbe, Schnitt und Absatzhöhe diese Stufen hinauf getragen, von den Teilen ihrer Schlafstatt zu schweigen. Mutig schritt ich wieder auf die Treppe zu, doch blieb ich kurz zuvor an der Kante hängen, an der Kante der kleinen Perserbrücke nämlich, die ich oft schon mit der Schuhspitze touchiert hatte, so dass Anne mit höhnischen Bemerkungen wie „Gib Dir ruhig die Kante“ oder „Bleib doch auf dem Teppich“ meinen Zorn angestachelt hatte. Immerhin sorgte der Perser dafür, dass sie zum Jahresabschluss wieder auf dem Heiratsmarkt war; ihrem Lebensabschnittsbegleiter, dem Staatsanwalt Doktor Pöppel, der über den Flusenfänger gestrauchelt war und sich am Geländer besagter Wendeltreppe böse die Nase aufgeschlagen hatte, empfahl sie, kichernd nach zu viel Sekt, Nachhilfe zu nehmen, wie man am Silvesterabend ein Eisbärenfell überhüpft. Seitdem ist Ruhe, was den Bodenfeudel angeht.

Es war Blut. Ihr geübtes Auge hatte es eindeutig identifiziert, so dass meine Widerrede zwecklos blieb. Wer sollte sich auch in ihrer Abwesenheit Zutritt verschaffen, um den Teppichbesatz auf der untersten Treppenstufe mit mysteriösen Flecken zu markieren? Noch dazu, wo doch nur die unterste Stufe einen Fleck aufwies? Was war hier komplett ausgeblutet? Eine Zwergspitzmaus? „Sei nicht kindisch“, wies ich Anne zurecht, „dafür muss es eine logische Erklärung geben.“ „Dann schieß mal los, Sherlock Holmes!“ Anne verschränkte die Arme vor der Brust und nahm wieder auf den Koffern Platz. „Hier ist ein Verbrechen geschehen, ich weiß es!“ Man soll mit einer Juristin nicht streiten, wenn sie eine Kausalkette aufwickelt – vor allem nicht mit einer, die in einem verbrannten Brötchen sogleich fünf Minuten Abwesenheit des Bäckers wittert, in denen sich Mord und Totschlag begehen lassen. Ich seufzte ergeben.

„Gehen wir logisch vor“, begann ich, „wer war in den vergangenen Wochen hier?“ „Du hast einmal die Blumen gegossen – keine Widerrede, sie sind völlig verwelkt! Mehr als einmal war das nicht!“ Ob mich die Abwesenheit verdächtig machte? Sie überging es. „Ja, und natürlich Tamara.“ Wer war Tamara? „Das ist doch die Putzfrau, diese… also es ist die eingeheiratete Schwester… vielmehr die Schwippcousine… also jedenfalls hat sie mir der Hausmeister empfohlen.“ Mir war neu, dass sie eine Raumpflegerin beschäftigte. „Frau Tamara Asgatowna“, bestätigte Anne, „sie verdient sich etwas dazu. Sag jetzt nicht, dass Du etwas gegen eine Russin hast!“ Scharf sah sie mich an. Dabei hatte ich gar nichts gegen Tamara. Ich kannte sie ja nicht einmal. „Das wird ja immer schöner“, keifte Anne, „Du kennst Sie nicht, aber Du hast etwas gegen sie!“ „Wenden wir uns lieber dem Fleck zu“, beschwichtigte ich, „das ist doch kein Blut.“ Der braune Farbton ließ manche Interpretationen zu. Sicher hatte jemand Nägel auf dem Teppichabsatz liegen lassen und es hatte durch die Decke geregnet.

Tamara würde noch heute Abend zurückkehren. Es bestand Gefahr im Verzuge. Fluchend schleppte ich den Paravent aus Annes Schlafzimmer – auch wenn das Fenster unmittelbar auf eine Mauer ging, es hätte sich ja ein Einbrecher am Efeu hochziehen und ihre Walkürenfigur bei der Morgentoilette in Augenschein nehmen können – und baute ihn vor der Wand auf, wo wir uns unsichtbar machten.

Mucksmäuschenstill war es, bis Tamara kam. Zuerst hörte man sie, wie sie kreuzfalsch ein Lied pfiff, dann stapfte sie breitbeinig ins Wohnzimmer und verteilte ihre Utensilien auf dem Tisch: einen verdächtig braungrauen Staubwedel, ein Putztuch, Allzweckreiniger, ein Rettich und eine Flasche. „Lass mal sehen!“ Anne drängte mich vom Spalt weg und betrachtete, wie die Raumkosmetikerin die Scheiben kreuz und quer abpuschelte und hernach feucht nachwischte. „Wenn sie nur nicht meinen Schmuck raubt!“ Doch Tamara dachte gar nicht daran. Träge summte sie ihr Liedchen weiter, ab und zu unterbrochen von einem herzhaften Biss in den Rettich. Uns tränten schon die Augen.

Eben hatte sie noch hingebungsvoll die Bilder an den Wänden abgestaubt – der Bauer Serjoscha hatte in ihrem Lied inzwischen dem Gutsverwalter kräftig in den Hintern getreten – da nahm sie die Flasche vom Tisch, hieb den Kronkorken mit den Zähnen ab und wollte gerade einen tiefen Zug nehmen, als sie an der Teppichkante hängen blieb. Der Inhalt spritzte quer durch den Raum. „Ёлки-палки“, fluchte Tamara, „Чёрт побери! Опять не повезло!“ Wie besessen tupfte sie auf der Treppenstufe herum.

Anne roch und roch. „Tomatensaft?“ Ich kam gar nicht erst zu Wort. „Wer wollte mir einreden, hier sei ein Schwerverbrechen passiert? Du und Deine ausschweifende Fantasie!“ Sie war gar nicht zu bremsen. „Dafür wirst Du bluten!“ Grimmig sah sie mich an. Ich fletschte die Zähne. „кайфово!“


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