Die Kirschen der Freiheit

28 05 2009

Das Auto hielt mit quietschenden Reifen neben mir. „Warten Sie mal!“ Herr Grieschmann stieg aus dem Wagen und lief zur Heckklappe, wo er einen Korb hervorholte. „Wegen der Gartenmöbel. Und weil es letzte Woche so wenig Eier gab. Und überhaupt!“ Da stand ich nun am Straßenrand, auf dem Weg zum Wochenmarkt, und hielt einen Spankorb voller Kirschen in der Hand.

Zuerst hatte ich nur Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht – in der Linken die frischen Früchte, in der Rechten den Einkaufskorb – und dann lief mir Herr Breschke über den Weg. Natürlich hatte er sich als pensionierter Oberamtsrat vom städtischen Hundeverbot nicht aufhalten lassen, Bismarck mit auf den Markt zu bringen, den dümmsten Dackel im weiten Umkreis, der auch prompt seine Leine zwischen Breschkes Beinen verhedderte und den schwer schnaufenden Alten zum Stehen brachte. Neugierig beäugte er die Steinfrüchte. „Das sind ja mal schöne Kirschen!“ Lag ich etwa mit meinem Gichtverdacht richtig und der Inhalt meines Korbs könnte ihn für gut zwei Wochen vom Zipperlein befreien? Weit gefehlt. „Wir haben doch die Tage unsere Tochter zu Besuch, und Kirschmichel war doch immer ihr Höchstes.“ Schon glommen weitere Begehrlichkeiten in seinen Augen; gäbe ich ihm eine Handvoll, bekäme er sofort lebensbedrohlichen Appetit auf Schwarzwälder Torte und würde noch Doktor Klengel vorschützen. Oder seine Frau, die ohne Kirschsuppe mit Grießklößchen nicht mehr leben will. Ich verabschiedete mich hastig.

Anscheinend hatte sich der ganze Umkreis zum Stelldichein verabredet. Anne und Jonas. Sonst beäugten sie einander leicht skeptisch, jetzt aber waren sie ein Herz und eine Seele. Bis auf die Art, wie sie meinen Korb ansahen. „Also wenn Du mal Marmelade machst“, sprach Jonas aufs Geratewohl, „ich würde Dir ja ein paar Gläser abnehmen. So viel kann man doch gar nicht auf einmal essen, und ich würde mich da durchaus opfern. Durchaus!“ Anne sah es pragmatischer. „Bierbowle. Kirschen rein, fertig. Bevor sie weich werden.“ Törtchen warf der eine in die Unterhaltung, Rumtopf die andere. Ich stand dazwischen und kam gar nicht erst zu Wort. „Wobei ich auch einen Flan nicht schlecht fände. Von der Grütze mal abgesehen – ich bringe dann auch ein bisschen Vanilleeis mit.“ „Ach was, in Kirschwasser einlegen und dann eine ordentliche Schwarzwälder Torte. Man kann das gute Obst doch nicht verkommen lassen.“

Meine Laune war getrübt, verschlechterte sich aber stetig. Waren das noch die Kirschen der Freiheit oder schon die Früchte des Zorns?

Einigen Wünschen nach Törtchen, Clafoutis und Pfannkuchen wich ich noch aus, bevor mich wichtige Erledigungen weiterzogen. Ein Pfund Schalotten hatte ich erstehen können und ein Bund Petersilie, dann stieß ich auf erbitterten Widerstand für den gesunden Menschenverstand. Sigune, die Frau, die mit dem Gemüse spricht und Topfblumen mit Mondwasser beträufelt. „Oh, wie schön!“ Ich verstand nicht. „Wenn man die durchpassiert hat, kann man sie als Maske…“ Da verstand ich. Wobei ein Kilo Kirschmatsch auf ihrem Gesicht sicher ebenso wenig ändern würden wie ein kompletter Wal im Speckmantel. Man sagt Fisch ja hartnäckig zu, intelligent zu machen.

„Ah, Sie interessieren sich für die Partei der radikalen Diffusität?“ Ein beschlipster Geck hatte mich von hinten angefallen. „Schauen Sie, wir brauchen mehr Interessen in diesem Land. Jeder kriegt sein eigenes Wahlprogramm – für Sie Nummer 263 mit etwas Steuern runter und hinten wieder rauf, Sicherheitsfetischismus und Original-Freiheit, und dann der Clou: alles bleibt, wie es ist, und Sie dürfen sich beschweren, weil wir nichts hingekriegt haben. Na, ist das nicht sensationell?“ Flüchtig blickte ich auf das Wahlplakat: ein pickeliger Schmierlappen grinste und verkündete mehr Brutto für Steuerhinterzieher. Was empfiehlt man solchen Leuten? Windbeutel?

Kaum war ich vor den Fleischstand getreten, da hatte die Verkäuferin auch schon ihre Gabel beiseite gelegt. Ich zeigte auf die Lammschulter. Doch das kümmerte sie gar nicht. „Nehmen Sie am besten Schweinefilet dazu. Können Sie einfach in Bratfolie zubereiten. Aber bloß nicht das Fett abschneiden, um Gottes Willen! Erst vor dem Servieren, sonst geht der ganze Geschmack verloren! Und für die Kirschsauce nehmen Sie ein wenig Chilipfeffer, das harmoniert ausgezeichnet.“ Ich wurde deutlicher. Doch sie wies mich einfach ab. „Lammschulter mit Kirschen? Das kann man doch nicht essen!“ Und ob man das könne. Erst Recht ohne die vermaledeiten Kirschen. Sie war regelrecht beleidigt. Hatte sie einen Grund dazu? Schließlich hatte sie mich bevormundet, und das im wahren Wortsinn.

Angewidert wandte ich mich ab. Jetzt wird man auf dem Wochenmarkt schon von querverkaufenden Fleischmarketing-Fachkräften genervt. Was würde als nächstes kommen? Der Biobauer versuchte es mit Hard Selling und einem Obst-Upgrade. „Ich würde Ihnen Blattsalat mit Kirschen und Orangen empfehlen. Bei der Menge an Kirschen würde sich für Sie natürlich eine größere Menge lohnen, sagen wie 50 bis 60 Köpfe? Ich lasse beim Preis auch mit mir reden. Und eine Kiste Orangen dazu?“

Nachdem mir der Käseverkäufer im Flüsterton ein Geheimrezept für Kirschkompott mit gegrilltem Ziegenkäse verraten hatte – dasselbe, das ich vor Jahresfrist auf dem Schreibtisch von Tante Elsbeth entdeckt hatte, die seit 50 Jahren jede Küchensache aus der Apothekenzeitschrift ausreißt – trat ich den Rückzug an. Den Rest des Tages verbrachte ich auf dem Sofa. Ich stopfte Kirschen in mich hinein, eine nach der anderen und voller Ingrimm.

Den Rest würde ich einkochen. Später. Sehr viel später. Sobald ich wieder Kirschen sehen könnte.