Tequila Sundown

30 06 2009

„Das werden Sie gar nicht mehr kennen, die jungen Leute trinken ja heutzutage ganz andere Sachen. Aber ein richtiges Gartenfest ist einfach keins ohne eine Bowle.“ Herr Breschke trug eine karierte Schürze und unterstrich den Schwung seiner Worte mit einer gewaltigen Schöpfkelle. „Aber dieses neumodische Zeug, wenn Sie mich fragen, das ist ja nichts. So eine Feier sollte doch in Erinnerung bleiben. Am Samstag können die jungen Leute ja wieder Flaschenbier trinken.“

Die jungen Leute, das waren die Gäste von Breschkes Tochter, die nun auch schon ihren 43. Geburtstag feierte. Das halbe Liegenschaftsamt, die Helferinnen von Doktor Klengel, das Personal der Gemüsehandlung, die halbe Hindenburgstraße – die ungeraden Hausnummern – sowie Staatsanwalt Husenkirchen samt Gattin hatten simultan abgesagt, so dass die Party überschaubar bleiben würde. Wie in jedem Jahr. Sogar Olaf Tünnekieper, der etwas unbeholfen auftretende Oberamtsrat aus dem Landesamt für Denkmalpflege, der sich eigentlich aus naheliegenden Gründen für sie hätte erwärmen müssen, hütete das Bett mit einer Sommergrippe, die seiner Mutter Sorge bereitete; der Junge hatte fast 38 Grad gehabt und die ganze Nacht nach Kamillentee verlangt. Auch er würde nicht ändern können, dass Breschkes Tochter den Spitznamen Raumkapsel weiter trägt. Sie kreiste ja schon seit Jahren unbemannt durchs All.

Ich hatte lediglich die große Kristallschüssel für den Nudelsalat vorbeibringen wollen und hatte am Abend noch genug zu tun. Aber es half nichts. Herr Breschke nötigte mich zum Bleiben. Er filetierte die Orangen, vielmehr: er versuchte es. Die Sache sah eher aus, als wollte er die Südfrüchte mit dem Messer in der Hand auspressen. Saft tropfte auf den Küchentisch, umspielte die Außenseite der Schüssel und bahnte sich seinen Weg auf die Dielenbretter. Das spitze Schneidgerät rutschte gefährlich ab, fast hätte Breschke Blutorangensaft produziert. Das konnte ich nicht mehr mit ansehen und nahm ihm das Messer ab. „Halten Sie besser die Frucht nur mit Daumen und Mittelfinger“, erklärte ich ihm, die Prozedur am Objekt zeigend, „und schneiden Sie mit einer leichten Kreisbewegung die Filets heraus. Dann ein bisschen drehen, schon sind sie draußen.“

Schnitz um Schnitz fiel in die Bowlenschüssel, er sah mir bewundernd zu. „Was Sie alles können!“ Er griff nach der Flasche auf der Anrichte. „Den hat meine Tochter mitgebracht aus dem Urlaub. Wir trinken ja selten, aber für die Früchte sollte das gehen.“ Ein halbes Dutzend Orangen lagen noch an – eine Bowle ohne gehörig Fruchteinlage sei gar keine Bowle, schärfte mir der pensionierte Finanzbeamte ein – und ich widmete mich dem Schälen. Breschke kippte und kostete. Die Sache würde in weniger als einer Viertelstunde erledigt sein, danach plante ich die sofortige Flucht. Schon des Nudelsalats wegen.

Da steckte Frau Breschke den Kopf in die Küche herein. Sie wies auf den Sirup hin, der noch immer auf dem Küchentisch stand. „Beim letzten Mal hat er nämlich wieder die Hälfte vergessen, und der Sekt war auch nicht kalt!“ „Jetzt aber raus hier“, herrschte Breschke sie an, „siehst Du nicht, dass wir hier arbeiten? Und überhaupt, was hast Du damit zu tun? Bowle ist schließlich Männersache!“

Die Früchte waren fertig. Ein weiteres Mal goss der Küchenmeister vom Grenadine ins Gefäß und schmeckte hingebungsvoll ab. Einige Male hustete er. Er musste sich verschluckt haben. Schnaufend blickte er auf. „Sie können doch schon mal den Sekt aus dem Keller heraufschaffen. Wir haben extra lieblichen Schaumwein kommen lassen. Frau Tünnekieper hat da so eine Quelle. Recht preiswert und durchaus wohlschmeckend, das Zeug.“ Und er senkte erneut den Suppenlöffel in die Schüssel.

Die Kellertür klemmte ein wenig. Mit der Schulter stemmte ich sie auf. Von oben hörte ich Frau Breschke Unverständliches rufen. Sie stieg die Treppe herab und zeigte mir die Sektvorräte. „Nehmen Sie lieber den hier, das ist ein trockener. Ich kann das süße Zeug ja nicht so ab, aber mein Mann muss immer dieses Zuckerwasser von der Tünnekieper kaufen. Der macht immer so Flecke.“ Und wo wir gerade so nett am Plaudern waren, versprach ich auch gleich noch, den Klapptisch in den Garten zu tragen, nachdem ich alle zwanzig Stühle dorthin geschleppt hätte. Ich tupfte mir den Schweiß ab. „Ein Glas Wasser, das kühlt“, riet mir Frau Breschke und begleitete mich in die Küche.

Bismarck, der dümmste Hund im Umkreis, hatte seine Leine um Breschkes Beine gewickelt, was eine enorme Leistung gewesen sein muss. Denn der lag auf den linken Arm gelehnt in voller Länge auf dem Küchenboden, den Schöpflöffel noch in der Hand. Um ihn herum waren Orangenfilets drapiert, die der Dackel aus unerfindlichen Gründen nicht anrührte. Frau Breschke warf sich mit einem Schrei auf den Ohnmächtigen. Er hob den Kopf. „Scha… schdassis allllss… hick!“, lallte er und plumpste wieder auf die Dielen. Ich nahm die ominöse Flasche von der Anrichte. Añejo verkündete das Etikett, und: 100% Azul. Der Agavenschnaps musste 55 Volumenprozent Alkohol enthalten haben. Ich krempelte die Hemdsärmel wieder auf.

„Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben“, schluchzte Frau Breschke, „und Sie meinen, er schläft jetzt erst mal?“ „Sicher, morgen früh ein paar Eiswürfel zur äußerlichen Anwendung, dann dürfte es gehen. Aber geben Sie ihm bloß keinen Nudelsalat!“





Zur Sicherheit

29 06 2009

Er knöpfte sehr sorgfältig sein Jackett auf, bevor er hinter dem Schreibtisch Platz nahm. Die Sonne war schon weit gestiegen, Malloukh saß seit Stunden im Vorzimmer, als al-Abbassi ihn endlich hineinbat. Mit gewinnender Geste hieß er den jungen Anwalt Platz nehmen. Die Luft war stickig. Staub tanzte vor den Scheiben, die auf den Innenhof gingen.

„Ich habe mir die Akte noch einmal kommen lassen“, begann der Sekretär das Gespräch, „aber es gibt für mich keinen Grund, Ihren Mandanten freizulassen. Es entspricht nicht der Gesetzeslage.“ Malloukh sackte unmerklich in sich zusammen. „Das sagen Sie mir, wo ich seit Wochen immer wieder darauf hinweise, dass er suizidgefährdet ist? Haben Sie nicht gehört, was sein Bruder getan hat?“ „Oh doch, das ist es ja. Wie können wir einen Mann freilassen, dessen Bruder versucht hat, sich an seinem Gürtel aufzuhängen. Am Ende begeht Ihr Mandant wirklich Selbstmord – nein, das kann sich unser Land derzeit nicht erlauben. Denken Sie an die Presse. Es geht nicht.“ Und er spitzte die Hände vor der Brust, als wolle er den jungen Juristen aus dem Weg schießen.

„Stellweger ist unschuldig. Was werfen Sie ihm vor? Die Ermittlungen haben ergeben, dass Sie ihm nichts vorwerfen können. Warum halten Sie ihn im Internierungslager…“ „Es gibt keine Internierungs- und keine Straflager“, schnitt ihm der Beamte das Wort ab, „merken Sie sich das endlich! Er ist Gast unseres Landes. Wenngleich ich zugeben muss, dass wir ihn lieber früher als später loswerden wollen.“ „Sein Verbrechen ist also, dass er noch kein Verbrechen begangen hat!“ Malloukh hatte sich in Rage geredet. Mit zitternden Fingern hob er das Teeglas an. „Sein Verbrechen, wie Sie es zu nennen belieben, ist die Tatsache, dass er deutscher Staatsbürger ist und in dieser Hinsicht zu fast allem fähig.“ Kalt wie ein Fallbeil sah al-Abbassi ihn an. „Er zeigt alle Anzeichen eines Gefährders. Wir können uns kein Sicherheitsrisiko leisten. Noch dazu ein halbes Jahr vor den Parlamentswahlen.“

Malloukh blätterte die Akte durch. Sie hatten Stellweger den Telefonanschluss abgeklemmt, damit er sich nicht am Kabel erhängen könne; dann hatte man seine Internetverbindung gekappt, ihm das Mobiltelefon weggenommen, schließlich hatten sie die ganze Wohnung nach Papier und Bleistiften durchsucht. Sie hatten ihn unter Hausarrest gestellt, er wäre wegen einer Panne fast verhungert, weil der Verbindungsoffizier der Miliz seinen Urlaub angetreten hatte, ohne seinen Stellvertreter davon in Kenntnis zu setzen. Stellmacher hatte tagelang gegen die Tür gehämmert, bis der Polizeioffizier bemerkt hatte, dass er verzweifelt nach Brot schrie.

„Natürlich haben wir ihm das Mobiltelefon abgenommen. Es erhärtete den Verdacht, den wir in diesem Augenblick bekamen. Lauter ausländische Namen waren darin gespeichert, Meyer, Müller, Huber. Es klang bedrohlich. Da merkten wir das erste Mal: es könnte sich um jemanden handeln, gegen den wir vielleicht in naher Zukunft würden ermitteln müssen. Wir wissen nicht, was er mit den Ausländern besprochen hat, wir wissen auch nicht, ob er überhaupt mit ihnen gesprochen hat, aber wir können auch nicht ausschließen, dass er – rein theoretisch – mit ihnen hätte sprechen können.“

„Sie werfen ihm die Mitgliedschaft in einer Sekte vor. Darf ich wissen, worauf sich Ihr Urteil gründet?“ „Aber natürlich“, entgegnete al-Abbassi, „der Mann hat in seiner Vernehmung ausführliche Angaben zur Person gemacht. Er ist Mitglied der römisch-katholischen Kirche.“ „Und das reicht ihnen?“ „Das reicht uns. Er ist außerdem Konvertit. Früher war er evangelisch. Und Sie wissen, die Konvertiten sind die Schlimmsten.“

Der Sekretär goss Tee nach und steckte sich eine Zigarette an. Tief sog er den Rauch ein, der sich im Lichtstrahl der staubmatten Luft kräuselte. „Was Sie immer mit Ihrer Isolationsfolter haben in der Oppositionspresse. Haben wir ein Guantanamo? Er ist noch immer in seiner Wohnung. Keiner wird ihn abholen bei Nacht und Nebel. Und das wissen Sie ganz genau.“ „Aber Sie sperren ihn in seiner Wohnung ein“, begehrte Malloukh auf, „und Sie reden von Abschiebung, obwohl nicht der geringste Grund dafür vorhanden ist. Stellweger ist Techniker an einem Hochbauprojekt. Die Regierung selbst hat ihn vor drei Jahren ins Land geholt.“ „Wir können auch nicht ausschließen, dass er sich bei diesem Projekt beworben hat, um den neuen Parteipalast für einen Terroranschlag auszukundschaften.“

Eine Weile herrschte eisiges Schweigen. Keiner der Männer ließ sich etwas anmerken. Malloukh brach die Stille. „Die Gesetze sehen vor, dass er abgeschoben wird. Sollte Stellweger tatsächlich ein unerwünschter Ausländer sein, dann müssen Sie ihn abschieben. Warum halten Sie ihn weiterhin fest?“ Al-Abbassi drückte die Zigarette aus. „Wir können doch nicht zulassen, dass er sich in Luft auflöst. Stellweger ist längst ein Symbol geworden. Er ist berühmt. Das Internationale Rote Kreuz, die UNO, amnesty international, alle wollen Sie sich um ihn kümmern. Der deutsche Außenminister ist schon dreimal gekommen, um ihm Mut zuzusprechen.“ „Im Gegenteil“, antwortete der Anwalt mit rauer Stimme, „er ist ein Symbol für unseren Staat. Sie brauchen ihn, um die Opposition in Schach zu halten. Sie wollen an ihm ein Exempel statuieren.“ Lächelnd lehnte sich al-Abbassi zurück. „Unsinn. Seit dem Sicherheitsermächtigungsgesetz lebt es sich in Deutschland nicht mehr so angenehm wie früher. Sie sind nur etwas verärgert, dass wir ihre westlichen Standards so perfekt kopieren. Aber was soll man machen in einer globalisierten Welt?“





Es gibt da Dinge

28 06 2009

Und Sachen. Also alles, was man so sucht. Mit den Maschinen. Und so. Auch wenn ich es mal wieder nicht verstanden haben sollte, die letzten zwei Wochen haben einmal mehr den Born des unnützen Fragens in diesen Blog gelenkt. Als da wären:

  • flut einsturz haus bilder: Die Toskana ist inzwischen wieder aufgeräumt, Sie können Ihren Urlaub ungestört weiterplanen.
  • voricht vor systemgastronomie: Ein Ess-Ausfall? Klingt logisch.
  • zoophil fisch: Esst mehr Fisch – gerne auch andersherum.
  • dauerwellen fotos: Löckchen mit Entwicklerflüssigkeit?
  • vertrauensbruchs, vertrauen missbrauchen: Im September ist es ja wieder so weit.
  • zahnschmuck kaufen: Eines der Produkte, bei denen Sie auf Neuware unbedingt Wert legen sollten…
  • geräusch haarschneidemaschine: Kann beim Trimmen einer Drahtbürste unangenehm laut werden.
  • metalltreppe: Nicht feucht wischen. Die Rostflecken gehen nie mehr aus dem Teppich.
  • scheibenwaschanlage: Heißt bei uns Hildegard. Immer samstags.
  • ausländer klischees bei barbara salesch: Ihnen war das auch schon aufgefallen?
  • sinnhaftigkeit integration kindergarten: Das frage ich mich auch manchmal. Ganz manchmal.
  • grübelzwang haare: Wenn Sie über Ihre Alopezie philosophieren, wächst das Zeug auch nicht schneller. Aber Sie haben wenigstens etwas zu tun.
  • nachmöpseln: Wird durch ein ausgeprägtes Vormöpseln so gut wie ausgeglichen.
  • abgeführt intim untersucht geschichten: Kommt noch. Lassen Sie dem Schäuble noch einzwei Comebacks.
  • ikea slätthult auf auto: Gibt’s jetzt auch im klassischen Vogelschissdesign.
  • sonja die schlampe: Wechseln Sie einfach den Sender.
  • lockenbob frisur: Und ich dachte, das sei eine Hunderasse. So kann man sich irren.
  • zahnschmerz ludwig ii.: Nach der nächsten Gesundheitsreform werden auch die Besserverdienenden keine Beißer mehr haben.
  • „grünen periode“ picasso: Kann man auch schön durch die rosa Brille angucken.
  • schweinkram: Kaufen Sie gleich ein ganzes halbes, lässt sich auch besser an die Wand lehnen.
  • gülcan füßchen: Jaja, die jungen Gänse.
  • ewigkeitsglühlampen: Lohnt sich nur, wenn Sie eine Grabstelle in mehreren Metern Höhe zu pflegen haben.
  • wo bekomme ich in leipzig erbsensuppe fü: Sicher beim Tischler. Sonst mal den Ohrenarzt fragen.
  • dinkelschwarzbrot: Überknetet sich zu schnell. Nehmen Sie Roggenvollkorn.
  • til schweiger banana bungalow: Sind Sie sicher, dass Manta Manta steigerungsfähig ist?
  • grazile tattoos: Ich bevorzuge dann doch eher die großflächigen, einfarbigen. Da sieht man schneller, wo man weggucken muss.
  • im frühtau zu berge interpretation: So einen Deutschlehrer hatte ich auch mal.
  • alternativen zu medizin: Jura? Betriebswirtschaft? Soziologie?
  • klatschende pantoletten: Sagen Sie der Schwester, sie soll Strümpfe tragen.
  • abkürzung für besprechungszimmer: BesprZ.
  • krokodil cd wandregal verkauft: So einfach kann schöner Wohnen sein.
  • kristiane allert- wybranietz parodie: Was wollen Sie an den Unfug noch groß parodieren?
  • basteln mit kupferarmband: Nehmen Sie’s lieber ab, sonst bleiben Sie mit der Schere darin hängen.
  • lustige bilder halskrause: Prangern Sie sich selbst an, dann ist hier Ruhe.
  • bedeutendsten deutsche kohl helmut: Schließlich kam der Anstreicher aus der Ostmark. So ein Pech aber.
  • kinder haar frisuren: Was wollen Sie sonst frisieren? Zähne? Fußnägel?
  • lustig anrufbeantworter: Finde ich auch immer sehr lustig, vor allem bei der Deutschen Bahn.
  • kaffeereim: Haferschleim.
  • gebrauchs anweist brotautomat: Ganze Laibe bitte nur längs einführen.
  • kreative technologie: Das erzählen Sie mal dem Schäuble, der würde glatt aufwachen.
  • lebenslang für mauerschützen: Nicht zu machen, die Linken brauchen einfach ihre Fraktionsstärke.
  • kleine braune falter: Mag meine Katze auch sehr gerne.
  • zungenpircing bei der bundeswehr: Was dachten Sie denn, wofür die Jungs so viel Manövermunition haben?
  • minderjähriger+schußwaffen+odenwald: Der Strobl soll ja schon halb Hessen untertunnelt haben. Als Waffenversteck.
  • revolver laden geräusch: Sollte es das letzte sein, was Sie hören, befinden Sie sich möglicherweise in einem deutschen Jugendsportverein.
  • unterschied gewinderohr zu konstruktions: Ich würde nicht unbedingt ein Gerüst aus Wasserrohren bauen. Sieht einfach irgendwie unprofessionell aus. Da fangen die Nachbarn dann an zu reden.
  • wo bekomme ich eine mastkur: Lassen Sie sich in den Deutschen Bundestag wählen.
  • das sparkochbuch: Ich habe mir die Neuauflage erspart.
  • geruch entfernen von zahnspange: Einlegen in Essig und Knoblauch lässt andere Gerüche schnell verfliegen.
  • „sie lutschte“: Haben Sie Ihre Zahnspange verliehen?
  • lärmende nachbarn: Rächen Sie sich. Lernen Sie Klarinette.
  • egozentrisches weltbild: Mir doch egal…
  • peruecke echthaar: Ja, was denn nun!?
  • in schutzhaft sitzen: Wenn Sie noch sitzen können, kann’s ja so schlimm nicht sein.
  • marktpreis für kirschen: Im Dezember etwas höher.
  • liedtext ave maria: Das von Schubert oder die Version mit der Blondine?
  • gedicht zur heirat: Hauptsache, Sie müssen das nicht selbst aufsagen.
  • erklären brüderlich mit herz und hand: Dafür haben wir ja auch die Große Koalition: alleine kriegt man so viel Unsinn gar nicht zustande.
  • dirndl barfuss: Obenrum?
  • danke für das schulschluss ende …lied: Dass dann die Schule wieder losgeht, war Ihnen aber schon aufgefallen, gell?
  • grünspanflecken: Kriegen Sie mit etwas Rotwein und Tinte schnell wieder aus dem Teppich.
  • schnarchen rosa dübel: Weiß ich nicht, aber wenn Sie Ihre Dübel schon lackieren, wundert mich gar nichts mehr.
  • pudel nacktfotos: Wenigstens eine Badehose würde ich dabei tragen. Sonst ist das Würstchen weg.
  • hautjucken: Gegenfrage: Was juckt bei Ihnen sonst?
  • handel mit verbotenen asiatischen kaross: Ach, Sie haben auch so einen Reiskeks auf Rädern?
  • annemarie eilfeld slip durchsichtig: Das war Sarah Connor.
  • lagerung bei proktologische untersuchung: Kühl und trocken.
  • steghosen antwort: Dann war wohl die Frage falsch.
  • bursa subtendinea musculi gatrocnemici m: Ah, ein Schleimbeuteldesigner! Gibt’s da Fachzeitschriften?
  • herzblut gebete: Der Papst Ihres Vertrauens weiß da bestimmt mehr.
  • schmetterlingskostüm selbst gemacht: Nerven Sie hier nicht herum. SPD-Parteitag war schon.
  • maere: Ich hätte noch ein Schneekind im Kühlschrank.
  • kasperletheaterstücke: Nehmen Sie die SPD-Version, da hat’s mehr Krokodile als Schutzmänner.
  • alter falter: Mein Gott, Walter…
  • klein pudelzüchter im raum 89: Auch Pudel aus dem Raum 56 sind zunächst erstaunlich klein. Echt.
  • heißt jeanette biedermann mit vornamen g: Nein, so heißen nur Frau Fahr und Herr Schrei.
  • „sparkochbuch“ rezept aus: Herd aus spart Kohlen.
  • inhaltsstoffe aalrauchwurst: Aal, Rauch und Wurst. Und nächste Woche unterhalten wir uns über Hundekuchen.
  • hakenkreutz koppel: Ihre intellektuellen Defizite werden langsam lästig.
  • deandl or deandlkleidl or diandl or dian: Das Leben besteht aus Entscheidungen.
  • zensursula: Hausverbot.
  • der unterschicht alkoholfrei bier und marihuana: Herr Mißfelder hat die Preisliste.
  • hamster hervortretendes auge: Quetschen Sie das Tier nicht so!
  • mit dem schwinden der scham stellt sich: Manche hingegen werden schon als Behämmerte geboren.
  • gedicht zum lied danke: Wenn man unmusikalisch ist, sollte man besser nur den Text singen.
  • nachbar schnarcht wecken den nun auf: Ich leihe Ihnen gerne meinen Hammer.
  • damalige pudelzucht: Und jetzt brüten Sie Überraschungseier aus?
  • kirschen straßenrand: Vor dem Verzehr gründlich waschen.
  • egozentrisches weltbild: Und meins erst mal.
  • inkontinenz hose: Nehmen Sie Baggypants, da geht mehr rein.
  • bauplan+ großbildkamera: Industriespionage?
  • kirschen kirschwasser einlegen: Bei Reisschnaps würde ich vorher die Körner leicht garen.
  • sonnenwendfest ns zeit: Gab’s schon vorher. Wie die Autobahnen.
  • entengedichte: Alle. Meine.
  • kunstharz giessen 1 meter: Wenn Sie das als Breitensport andenken, sollten Sie lieber Wurfübungen mit dem ausgehärteten Material machen.
  • baupläne für klärgrube: Der Sanitärfachhandel hat formschöne Dreikammermodelle zum Selbstbasteln.
  • prosatexte zu: zu glück und erfolg gibt: Guido, Du nervst.
  • lustige verse auf grabsteinen: Hier ruhen meine Gebeine, ich wollt, es wären Deine.
  • proktologe in kairo: Ihre Reisekrankenversicherung zahlt das garantiert nicht.
  • waschmaschine bauplan: Mörtelmischer und Duschschlauch sollten für den Anfang ausreichen.
  • lemminge: Stimmt, im Singular gibt’s die Viecher selten.
  • bandscheibenvorfall bei hund: Führt bei Achondroplasie zu spastischer Parese.
  • gitarrenakkorde conny kramer: d F B d F d B d B F d B d B F d G – F d B F d F e d B F d F d G B
  • porzer ferkelchen: Immer noch besser als die Kalker Ratten.
  • vorsicht steinschlag: Ist wie der Jamba-Frosch. Wenn Sie’s hören, ist es schon zu spät.
  • alleswisser: Weiß ich.
  • gedicht zum schulabschluß: Schule aus, Micky Maus.
  • kirschen der freiheit: Das Postheroische war schon immer leicht verderbliche Ware in Deutschland.
  • schiebetüren leichtbauweise: Ich bevorzuge ja immer noch geschmackvollen Gussstahl zwischen Küche und Flur. Wegen des Knoblauchs.
  • justav: Hack nich jesehn.
  • name für alleswisser: Wenn Sie’s nicht wissen, fragen Sie doch den Alleswisser.
  • friseur haarverfärbung: Ist das als Berufskrankheit anerkannt?
  • dauerwellenflüssigkeit günstig: Bei der Menge gelten Sie leider schon als Terrorist.
  • kirschmichel drehscheibe: Rühren Sie das in der Mikrowelle?
  • liedtext ave maria: Ost- oder Westversion?
  • anrufbeantworter kanzleramt: Läuft rund um die Uhr. Merkel liefert genug Sprechblasen.
  • vertrauen gegen vertrauen ephraim kishon: Las ich jüngst im Schein einer zauberhaften Stehlampe.
  • lyrik kühlschrank: Gibt’s neu schon ab 19,00 Euro.
  • konzertpianist ylang ylang: Ist gerade mit einem Duftorgel-Solo beschäftigt.
  • zynästhetisch: Bin ich schon im Duden?
  • kishon schulabschluss: 1948 am Berzsenyi-Realgymnasium Budapest.
  • barbie shelly: Erst mal wird hier das Diamantschloss aufgeräumt!
  • autositz reparatur: Ziehen Sie beim nächsten Mal die Hackenschuhe aus, bevor Sie sich aus dem Schiebedach lehnen.
  • nestler wachregiment: Das war so geheim, davon wusste nicht einmal Mielke.
  • sucht bill immer noch eine freundin juni: Die letzte hatte er versehentlich im Tourbus vergessen. Das war aber schon im April.
  • kann dauerwellenflüssigkeit sein wirkung: Sie hätten Michael Jackson fragen sollen. Zu spät.
  • erstattung abwrackprämie: Nix da, die wird nach der Wahl wieder zurückgezahlt!
  • glückwunsch zum richtfest: Danke, aber wir sind erst bei der Baugenehmigung.
  • rollmops zauberer glotze lied spiel mal: Vielleicht sollten Sie doch nicht immer drei Sender gleichzeitig gucken.
  • gedicht zum abitur: Audio, video, disco.
  • was taugen kupferarmbänder: Immerhin gut zum Erden bei Elektrobasteleien.
  • schablone vorlagen basteln für bikinizon: Vorsicht, sonst schmurgelt Ihnen die Pappe im Epidermistoaster weg.
  • kongoneger schuhplattler: Immer noch besser als Hula im Mutantenstadl.
  • siebenbürger sachsen handarbeiten: Ich dachte immer, die Jungs würden maschinell hergestellt – bei dem Auftrieb zu Pfingsten…
  • schöne bilder vom murmeltier: Meins ist fotoscheu.
  • quecksilberpreis: Wird alle fünf Jahre an den schlechtesten Entertainer ever verliehen. Und Florian Silbereisen räumt immer ab.
  • salamo ohne: Omonelasa. Fett Fett. Brat Brat.
  • brünette traumfrauen: Kann ich nicht beurteilen. Hildegard ist blond.
  • erstickung durch trocknungsgeräte: Halten Sie Ihren Rüssel gefälligst nicht in alles rein, was nicht weglaufen kann.
  • suchtdruck bekämpfung: Wenn ich als Sabine Bätzing aufwachen würde, bräuchte ich auch erst mal sehr viel Schnaps.
  • abiturverse: Liebe Lehrer, gebt gut acht, ich habe Abitur gemacht. Hab ich im Leben dann kein Glück, kehr ich alsbald zu Euch zurück.
  • nackte küchenhilfen: Sie sagen Friteuse zu Ihrem Solarium, soso.
  • kontinuierliche denkschwäche: Das kann bei Ihnen keine Eigendiagnose sein.
  • sprachunabhängig speisekarte: Ich nehme dann auch mal die 37 und die 93 und Käse.
  • glückwunsch zum abitur 2009: Damit kommen Sie bei mir Jahrzehnte zu spät. Trotzdem Danke.
  • geschichten von kasperl: Gerade vom Krokodil verschluckt. Alle.
  • georg ringsgwandl neoliberal: Das glauben Sie ja wohl selber nicht.




Gebrauchsanweisung zum Strammstehen

27 06 2009

für Erich Kästner

Nehmt zur Kenntnis, dass Ihr dumm sein.
Strapaziert nicht die Geduld.
Lebt gefälligst in der Dummheit,
schließlich seid Ihr selbst dran Schuld.

Mischt Euch nicht in alle Sachen,
manches ist für Euch zu hoch.
Lasst die Sache mit Euch machen.
Protestiert nicht. Sie kommt doch.

Ehrt und achtet die da oben.
Ob sie dumm sind? oder faul?
ob sie lügen? Sie zu loben
ziemt Euch. Haltet sonst das Maul.

Haltet überhaupt die Klappe.
Stört nicht. Duldet. Hungert. Steht.
Nehmt zur Kenntnis, dass Ihr schlappe
Würstchen seid, die man verbrät.

Du bist nichts. Dein Volk ist alles.
Haltet Euch daran gut fest,
weil im Falle eines Falles
Dummheit gut Soldat sein lässt.





Gernulf Olzheimer kommentiert (XIII): Geländewagen

26 06 2009

Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer


Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Alles im Leben ist irgendwann Geschichte, die erste Liebe, der erst Kuss, der erste Fußpilz. Gerade noch Gegenwart, jetzt schon vorbei und verweht. Was für die Ewigkeit sein soll, muss in Stein gemeißelt sein. Oder wenigstens so dauerhaft wie eine solide Impotenzneurose. Hauptsache, es kratzt so richtig tief ins Selbstbewusstsein rein und verursacht dauernde Schmerzen. Dagegen helfen nur massivere Therapieansätze. Von hier nahm der Siegeszug des Geländewagens seinen Ausgang.

Ein abgefeimtes Komplott aus Autoherstellern, Werbeagenturen und gerissenen Händlern versucht jeden noch so schmutzigen Trick, um dem motorisierten Möchtegern einen Blechsarg mit vierschrötigem Getriebe unter den Hintern zu schwatzen. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Kein Stenz traut sich mehr ohne eine Karosse im schmucken Panzerhaubitzendesign in die feindliche Außenwelt, in der miese Machos in Mittelklasselimousinen ihnen den Schneid abzukaufen drohen. Den Behämmerten mit der Ego-Atrophie reicht zum bescheidenen Glück sogar ein von Beulen übersäter Lada aus dem Baujahr 1980, um aufkeimendes Leben in der Hose zu spüren: hier ist er Mann, solange das Sperrdifferential ordentlich über die Krume hobelt. Versteift sich erst der Antriebsstrang, wird der Rest von alleine hart.

Der geschulte Beobachter erkennt den Vollgas-Idioten am Komplettausfall seiner ästhetischen Fähigkeiten. Anders ist es nicht zu erklären, wie sich herdenweise gestandene Schlappschwänze aus freien Stücken in Wagen setzen, deren Karosserie anmutet wie mit der Axt aus einem Block Altmetall gekloppt. Die Kiste dankt es einem mit einfachster Technik aus wenigen Bauteilen, die im Falle eines Falles am Stück verreckt, und mit der Aerodynamik eines durch die Landschaft gurkenden Garagentors. Hei, wie hübsch lässt sich aus dem Hubraum eines Flugzeugträgers der Sprit in die Gegend blasen! Jeder Schaltvorgang wird zum knarzigen Erlebnis, jedes röhrende Anfahrmanöver an der Ampel gibt einem das gute Gefühl, die Weltgeschichte mit ausreichend Abgasen versorgt und das Klima ein Stück kuscheliger gemacht zu haben! Abgesehen von diesen Produktvorteilen ist die Karre einfach nur die perfekte Fortbewegungsmöglichkeit in den letzten Rollen, die ein echter Mann auf der dünnen Asphaltdecke seiner beschissenen Existenz noch spielen kann: Daktari und Krieg. Ihre Synthese ist unmöglich, wird aber beharrlich versucht, zumal im Habitat des Geländewagens: im Stadtverkehr.

Denn nirgends offenbart sich die Sinnlosigkeit der Präriepanzer tiefer als auf dem langen, entbehrungsreichen Weg von der Doppelhaushälfte zur Videothek und zurück. Der Weg ist das Ziel, und der führt durch Tücke und Fährnis. Nur die wahre Mannestat kann hier bestehen. Tatternde Rentner, die im Rollator den Fließverkehr stocken lassen, holt der heroische Kombattant ebenso von der Straße wie sorglose Kinder auf dem Kickboard: mit dem Stoßfänger. Ist es etwa seine Schuld, dass in Wesel-Ginderich das gemeine Nashorn schon vor Jahrmillionen die Biege gemacht hat und Bwana mit dem groben Reifenprofil nun mutterseelenallein den Burnout vor dem Zigarettenautomaten hinlegen muss? Die Welt ist herzlos, die Frontschürze auch.

Den fließenden Übergang von Safari und Waffengang markiert der obere Drehzahlbereich, in dem der Bescheuerte das Getriebe noch einmal kurz aufröhren lässt, bevor er mit sattem Geräusch eine Einheit Kleinwagen an der Leitplanke in die Zweidimensionalität überführt. Nach erfolgreicher Materialkaltverformung begreift er, wie sein Altruismus nicht nur die Rentenkassen zu entlasten hilft; er ist zugleich der Erfüllungsgehilfe der Todessehnsucht ungezählter Winzkraftwagen, die es alleine dank ABS, ESP und Airbag nie aus eigener Kraft über den Jordan geschafft hätten. Dafür nimmt er es gerne hin, dass seine eigenen Chancen im Ernstfall schwinden; sein orthogonal geformter Bolide macht es dem Elch leicht und legt sich im Schleudergang elegant auf die Seite, weil der Grip unten nicht mit dem Schwerpunkt oben korreliert. Aber wer würde schon gerne mit Karacho fahren und dann unspektakulär in die Grasnarbe beißen?

Denn letztlich dient die hohe Bodenfreiheit nicht der Einsatzbereitschaft in Gegenden, wo die kasachische Regierung gerade neue Geröllhalden in der Hungersteppe anlegt, der Motormane erklimmt seine rollende Plateausohle mit der Trittleiter wie der Märchenprinz sein Ross, um der Schönen am Bordstein von oben zuzuwinken und simultan einen Blick in die sekundären Geschlechtmerkmale zu werfen. Er hofft, das Aufziehen von Breitschlappen heile ihn endlich von seiner Profilneurose und will endlich die rohe, animalische Sinnlichkeit, wie er sie seit seinen verschwiemelten Pubertätsträumen mit sich herumschleppt. Da steht die Traumfrau, bereit zum Äußersten, und nur die Böschung fühlt sein Beben. Ende vom Lied: der Trottel schmirgelt sich in der Eierfeile die letzten Bandscheiben weg und erleidet beim Aufritt einen Hexenschuss. Sanitäter heben ihn von der Alten. Die poppt nun mit dem Studenten, der die rostige Ente fährt. Aus der Traum. Scheißleben.





Um jeden Preis

25 06 2009

„Meine Güte! Immer regst Du Dich gleich so auf!“ Hildegard fuhr mich an und fast einem parkenden Wagen in die Seite. Dabei hatte gar nichts gesagt, als sie verkündete, dem neuen Einkaufszentrum einen Besuch abzustatten. Sie muss mein langes Schweigen – ich hatte gut eine halbe Sekunde Zeit gehabt, ihr zuzustimmen – als passive Aggression aufgefasst haben. „Außerdem brauchen wir noch ein paar Sachen, am Wochenende kommen wir wieder zu nichts.“ Meine vorsichtige Andeutung, es sei Montag und kurz nach halb zehn, überging sie.

Gegen Mittag fanden wir einen Parkplatz. Der Sprit würde, so überschlug ich im Kopf, gerade noch bis zur nächsten Tankstelle reichen. Ein gutes Omen. Wir passierten die Eingangstore und fanden uns in einem wirren Getümmel. Das erforderte eine sofortige Strategiediskussion. „Wir brauchen zwei Wagen“, befahl Hildegard, „sonst schnappen sie uns alles weg.“ So bewegte ich zwei Drahtkörbe durch das Chaos, schiebend wie ziehend.

Hildegard blieb wie angewurzelt stehen. Ihre Augen ruhten auf dem Schild über dem Kühlregal. „Fruchtquark“, stammelte sie, „und nur 49 Cent!“ Ich machte sie zaghaft darauf aufmerksam, dass sie weder Frucht- noch Kräuter- noch sonstigen Quark zu essen pflegte, doch sie hörte nicht. „30 Cent pro Packung! Weißt Du, wie viel wir hier sparen?“ Sie stemmte Quarkschälchen, bis der erste Wagen leise knackte. Mit Mühe konnte ich das schwere Gefährt in Bewegung setzen. „Da! Kiwis!“ Dass die Strahlengriffelfrüchte bereits überreif bis matschig waren, musste ihr entgangen sein, doch rief ich Hildegard in Erinnerung, dass ich auf die grünen Beeren allergisch reagiere. Eine Scheibe genügt, mir den Hals zuschwellen zu lassen. Ob sie mich überhaupt verstand? Schon war sie in die Bananen eingefallen und wuchtete eine Staude empor. „Was wir da sparen!“ Da knickte ihr Absatz – oder war sie auf einer der Schalen ausgerutscht, die den Boden bedeckten? – und sie landete mitsamt der bräunlich-gelben Schläuche im kippelnden Korb. „Und Birnen! Und Äpfel! Und noch Birnen!“ Es gab keinen Zweifel, Hildegard hatte den Verstand verloren. Ein akuter Anfall von Kaufrausch hatte sich ihrer bemächtigt.

Zwei Schichten Nüsse – Haselnüsse, Walnüsse, Erdnüsse, Paranüsse, Kokosnüsse, Pekannüsse, Cashewnüsse sowie Nüsse – später ging Hildegard dazu über, Teebeutel in den Trolley zu schaufeln. Ich trinke keinen Beuteltee. Nicht einmal der Hibiskus-Brennnessel-Mischung mit der feurigen Blutorange auf dem Päckchen konnte ich etwas abgewinnen. Sie auch nicht. Aber bei 89 Cent pro Schachtel sind Kompromisse unausweichlich.

Wahrscheinlich würde sie vom Ersparten ein Lustschloss in Südfrankreich erwerben. Oder gleich einen Hotelkomplex in Dubai. Man soll nicht kleinlich sein in solchen Angelegenheiten.

Lautstarkes Keifen riss mich aus der süßen Träumerei. Eine feiste Endvierzigerin, deren Antlitz krebsrot und verschwollen aussah, hieb Hildegard rhythmisch eine Putenoberkeule in den Rücken, während sie mit den Hackenschuhen verzweifelt Halt suchte in der Kühltruhe voller Geflügelfleisch. „Das ist meine Entenbrust“, schrie sie, „ich habe sie zuerst gesehen!“ Entsetzt sah ich, wie sie mit dem Truthuhnbollen zum finalen Hieb ausholen wollte, da hatte Hildegard eine Gans zu fassen bekommen. In letzter Sekunde schleuderte sie den steinhart gefrorenen Vogel der Kontrahentin ins Gesicht, dass diese ins Hühnerklein grätschte. Chicken-Nuggets flogen in alle Himmelsrichtungen. Ein Suppenhuhn für 1,99 begrub ihre Überreste zwischen Putenbrust Handelsklasse A und Hähnchengebein in Pappe. Hildegard erhob sich. Genugtuung stand ihr ins Gesicht geschrieben. „Ich habe die Grillspaß-Hähnchenschenkel gerettet“, rief sie triumphierend, „die letzten Packungen! Das Kilo zu 3,69!“ Während sie die Monatsproduktion einer mittleren Geflügelzuchtfarm in den Karren verfrachtete, fielen mir die Damenhygieneartikel auf, die aus dem Gitterboden in die Freiheit drängten. Hildegard hatte nie Binden benutzt, nicht einmal mit Kamille und Pfefferminz. Das war nicht unser Wagen. „Weiß ich ja“, keuchte sie und stapelte panierte Vogelbeine, „aber da ist die Mehrfruchtkonfitüre drin, die vorhin schon vergriffen war.“ Ich war gerührt. Sie würde ab jetzt jeden Morgen mit mir frühstücken. Auch wenn sich nach elf Jahren Mehrfrucht auf dem Brötchen möglicherweise eine gewisse Monotonie einstellen würde.

Was folgte, waren verhältnismäßig geringe Mengen an Raps-, Oliven-, Maschinen- und Sesam- und Diesel- und Schmier- und Sonnenblumenöl, Vollkornbrot und Schwarzbrot und Weißbrot und Graubrot, Schmierkäse, Schnittkäse, Schimmelkäse und Fleischkäse, Schnittlauch, Lauchzwiebeln, Zwiebelmett, Mettwurst, Wurstsalat, Salatköpfe, Kopfwehpulver, Pulverseife, Seifenkraut, Krautwickel, Wickelkinder, Kinderwagen, Wagenheber und einige Dinge, die nicht mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen waren wie der Industriestaubsauger und die Tischtennisplatte.

Der Bezahlvorgang wurde jäh unterbrochen, als die Kassiererin, unermüdlich die Waren über den Scanner schleifend, mit einem Schmerzensschrei zusammensackte. Der Arzt diagnostizierte einen ausgekugelten Arm. Ich zückte die Kreditkarte und stutzte. Doch Hildegard griff ein. Das Auto, meinte sie, würden wir nie wieder so günstig los wie jetzt.

Erschöpft saßen wir auf dem Parkplatz. In den Strahlen der sinkenden Sonne sahen wir ein letztes Mal das gleißende Metallic der Karosse, die die Lageristen in die Halle des Kauftempels schoben, wo sie sicherlich ein Sonderangebotsschild tragen würde. Ich spürte meine Beine kaum noch. Es wurde auch langsam empfindlich kalt. Doch ich fühlte mich geborgen und blickte in eine rosige Zukunft, Seite an Seite mit Hildegard. Sie würde immer Mehrfruchtkonfitüre für mich haben.





Schild-Bürger

24 06 2009

Warum hätte ich nicht Grothefehrs Wagen nehmen sollen. Das Fahrzeug war dienstlich zugelassen, und das Bauamt hatte mir eigens den Auftrag erteilt, die Ausschachtungsarbeiten im neuen Einkaufszentrum zu besichtigen. Pflichtgemäß hatte ich vor, das Auto nur bis zum Bauhof zu fahren und von dort aus den Heimweg zu Fuß anzutreten. Einerseits war das Wetter sonnig und trocken, andererseits zieht man als gesetzestreuer Bürger und Steuerzahler etwas anderes gar nicht in Erwägung. Bedächtig gondelte ich die Hindenburgstraße hinunter und bremste vor dem Stoppschild ab, um mich in den Verkehr auf dem Horneberger Damm einzufädeln. Da stand ich.

„Halt! Motor aus! Legen Sie die Hände aufs Lenkrad!“ Der Polizist blickte mich grimmig an. Er machte keine Anstalten, sich von der Fahrertür wegzubewegen, also ließ ich zunächst die Scheibe herunter. „Darf ich fragen, was Sie von mir wollen, Herr Obermeister?“ Der Ordnungshüter grollte noch immer. „Führerschein und Fahrzeugpapiere!“ Ich griff ans Handschuhfach. Sofort tastete der Schutzmann hektisch nach seiner Dienstwaffe. „Ich habe Ihnen gesagt“, schrie er, „Sie sollen Ihre Hände aufs Lenkrad legen!“ Man darf von manchen Menschen nicht zu viel verlangen, daher bat ich ihn, Prioritäten zu setzen: entweder die Hände am Steuer oder die Fahrzeugpapiere. Beides zusammen ginge nun mal nicht. Nach Erwägung aller in Betracht kommenden Möglichkeiten entschied er, mich aus dem Wagen aussteigen zu lassen.

„Sie wissen, warum ich Sie angehalten habe?“ Ein abschätziger Blick traf mich. „Nein, wieso?“ „Na“, sagte er süffisant, „da wollen wir mal ganz scharf nachdenken. Was sehen wir hier?“ „Was Sie da sehen“, erwiderte ich, „entzieht sich meiner Kenntnis. Ich für meinen Teil sehe hier Zeichen 206 und halte deswegen an der Linie an, um dem Verkehr in jedem Fall Vorfahrt zu gewähren.“ Drei Sterne oder nicht, er war sichtlich überfordert und musste sich erst mal sortieren. „Sie geben es also zu? Das geben Sie auch noch zu? Ach, Sie haben es zugegeben?“ „Halten Sie mich nicht länger auf“, knurrte ich, „lesen Sie die Straßenverkehrsordnung und lassen Sie mich mit Ihrem Stoppschild in Ruhe. Ich kann auch anders.“ Unvermittelt brüllte er mir ins Gesicht. „Ich auch! Sie brauchen wohl mal ’ne kleine Abreibung, Freundchen! Jetzt werde ich hier andere Saiten aufziehen! Führerschein und Fahrzeugpapiere, jetzt mal ein bisschen plötzlich!“

Wer auch immer diesen Hilfssheriff in die Wildnis entlassen hatte, musste ohne Ansehen der Person geurteilt haben. Krebsrot und schnaubend pflanzte er sich vor mir auf, bereit zum Sprung. „Sie sehen also dieses Stoppschild und geben es auch noch zu und mir wollen Sie weismachen, dass Sie nicht wissen, warum ich Sie angehalten habe?“ „Der Wagen steht, wie Sie sehen, vor der Haltelinie. Ich habe sie nicht überfahren. Sämtliche vier Räder standen still. Was also regen Sie sich hier künstlich auf? Ist Ihnen das bisschen Schulterbewuchs zu Kopf gestiegen?“ Noch immer verlangte er die Papiere und verbot mir dann wieder, sie aus der Fahrgastzelle zu holen. Da bog plötzlich ein Kleinlaster aus dem Horneberger Damm ab und fuhr vorschriftswidrig in die Einbahnstraße ein. Wenige Meter entfernt parkte der Wagen. Der Fahrer stieg aus und machte sich an der Heckklappe zu schaffen. „Los“, pfiff ich den Obermeister an, „tun Sie etwas! Sie sind im Dienst und es ist Ihre Pflicht, einen derart groben Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung sofort zu ahnden!“ „Das geht mich nichts an.“ „Ich werde mich über Sie beschweren. Ihren Namen bitte.“ „Der geht Sie nichts an.“ „Sie sind“, gab ich ihm mit gefährlich leisem Unterton zu verstehen, „verpflichtet, sich jederzeit ohne Aufforderung auszuweisen, und das würde ich an Ihrer Stelle genau jetzt tun, sonst kann ich für nichts garantieren.“ Er riss zornig die Augen auf. „Stecken Sie Ihre Nase gefälligst nicht in Angelegenheiten, die Sie nichts angehen!“

Der Kleinlaster touchierte beim Zurücksetzen noch kurz einen Laternenpfahl und war dann wieder verschwunden. Ohne, dass der Gesetzeshüter Anstalten gemacht hätte, das Gesetz zu hüten. Weiter bestand er auf die Zulassungsbescheinigung.

Eine Limousine raste mit quietschenden Reifen an uns vorbei. Der Fahrer riss im allerletzten Moment das Steuer herum und schoss auf den Damm, so dass ein Schulbus in voller Fahrt abbremsen musste. Fast hätte es einen Unfall gegeben. „Da sehen Sie es“, warf ich dem Dienstmützenträger vor, „das Stoppschild steht nicht umsonst hier. Aber anscheinend kümmern Sie sich lieber um Schilder, statt Raser und Rowdys aus dem Verkehr zu ziehen.“ „Das Schild steht nicht umsonst da“, belehrte er mich, „und wenn Sie es trotzdem überfahren, ist mir das ziemlich egal. Das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich.“ Das machte mich fassungslos. „Sind Sie eigentlich noch ganz bei Trost? Haben Sie gesehen, was hätte passieren können? Ein Bus voll mit Kindern? Jetzt drehen wir den Spieß mal um, mein Lieber. Dienstausweis, Schichtnummer, und gehen Sie davon aus, dass das nicht mit einer Beschwerde getan sein wird.“

Während der Politesserich noch an seiner Replik feilte, hatte ich auch schon durch das offene Fenster in den Wagen gegriffen und die Papiere auf die Motorhaube geklatscht. Er klappte den Fahrzeugschein auf und wurde totenbleich. „Das muss ein Irrtum sein, Herr“, stammelte er, „ich konnte ja nicht wissen, dass Sie im Dienstwagen unterwegs sind.“ „Soll das heißen“, fragte ich entgeistert, „dass Ihre dämlichen Vorschriften nicht für Dienstfahrzeuge gelten?“ „Ich mache doch diese Gesetze nicht“, jammerte er, „ich verstehe doch selbst nicht, was das soll!“ Verärgert setzte ich mich ins Auto und zog die Tür ins Schloss. Er klopfte mit der flachen Hand aufs Dach. „Dann mal nichts für ungut. Und fahren Sie vorsichtig! Man weiß ja nie, was einen alles erwartet.“





Wo der Pfeffer wächst

23 06 2009

„Der Herr Minister wäre dann da.“ Ich zupfte mir noch einmal die Schleife zurecht und sah nach den Frackschößen. Schließlich wird man nicht alle Tage von einem hochrangigen Staatsmann empfangen. Tröngg Sutschibubilay, im Hauptberuf Lektor für karutschische Sprache und Literatur, gab mir noch einige letzte Hinweise. „Unbedingt verbeugen, und sprechen Sie auf keinen Fall, hören Sie? auf gar keinen Fall den Grenzkonflikt an.“ Zwei Diener öffneten die Türflügel und ließen uns in den Saal.

Die Delegation aus Karutschistan war leicht zu erkennen. Es handelte sich um drei dicke Männer in grauweißen Kitteln. „Verbeugen Sie sich“, zischte Sutschibubilay, und so machte ich einen artigen Diener. Missmutig schauten sie einander an. „Tiefer verbeugen! Noch mal!“ Wieder knickte ich in der Hüfte ein, und diesmal wurde ihr Blick milde. „Sie haben den falschen Winkel gewählt“, belehrte mich der Dolmetscher, „beim ersten Mal waren es nur 30 Grad, was der Begrüßung eines Chefs oder des Vaters entspricht. Beim zweiten Mal waren es 45, und das war zu viel.“ „Was hätte ich denn machen sollen?“ Ich erfuhr, dass 40 Grad durchaus genügt hätten und beschloss, beim nächsten Treffen mit einem Minister einen Ballettmeister mitzunehmen.

„Kadaa-udödu? Maköö, maköö!“ So nahmen wir Platz. „Der Minister fragt, ob Sie nicht nach Landessitte eine Kleinigkeit zu speisen wünschen. Nha, x’üü maköö.“ So ging es hin und her, ein ums andere Mal. „Wir müssen natürlich zuerst ablehnen und uns nötigen lassen, sonst gelten wir als habsüchtig. Allerdings darf man auch nicht öfter als sieben Ablehnungen aussprechen, gesellschaftlich wichtige Gastgeber vertragen manchmal nur sechs.“ „Maköö!“ Endlich wurden wir handelseinig. Die Kellner, die bereits mit Tellern und Schüsseln um den Tisch gestanden hatten, durften nun auftragen.

„Hüün’hurrihuu“, rief der Minister, sekundiert von seinen Begleitern, die röchelnde Geräusche von sich gaben. „Ist ihnen nicht gut?“ Es war ein altes Ritual, wie es der Landeskundige beschrieb: der Gastgeber pflegt zunächst mit einigen derben Worten – ungefähr „Was für ein widerlicher Fraß!“ – die Aufmerksamkeit der bösen Geister von der Mahlzeit zu lenken, was die Gäste durch Geräusche des Abscheus bekräftigten. Ich würgte ein wenig, und der Minister war’s zufrieden.

Der blütenweiße Reis sah recht appetitlich aus. Alles begann, wild mit den Löffeln in den kleinen Schüsselchen herumzurühren. „Rühren Sie! Los, schneller!“ Warum nur? „Es ist ein symbolisches Zählen der Reiskörner. Wenn Sie zeigen, dass Sie dazu außerstande sind, haben Sie genug Reis und der Gastgeber verliert nicht sein Gesicht. Nhüü-go! Maköö-ta’a?“ Der nächste Gang war kochend heiße Suppe. Manierlich hob ich den Löffel und quirlte, was das Zeug hielt – betretene Gesichter starrten mich an. Der kleine Dicke mit dem Glatzkopf richtete angestrengt den Blick an die Zimmerdecke. Der Minister trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch. „Nicht die Suppe“, flehte der Übersetzer, „das heißt, dass Sie nachschauen wollen, ob auch genug Fleischstücke darin sind. Man darf das nur, wenn man jemandes Wohlwollen mit einem großherzigen Geschenk auf sich gezogen hat.“ „Aber genau das hatte ich doch vor“, begehrte ich auf. Zehntausend batteriebetriebene Taschenrechner und drei Traktoren, die den Zwanzigjahresplan der Volksrepublik Karutschistan noch besser erfüllen würden als die letzten beiden, für die allerdings bislang noch keine offizielle Statistik vorlag. Aber es gab nur noch einen Generalstreik pro Woche, es schien sich also bereits zu bessern. Der Übersetzer übersetzte und ich setzte über auf die andere Seite der unüberbrückbaren Differenz. Liebenswürdig erhob der Minister sein Glas, um mir zuzuprosten. „Chara’a-dhöö! Maköö, maköö!“

Gibt man Norbert Elias Recht, so sind die Sitten bei Tisch ein Korsett aus fremden Zwängen, das wir uns allmählich selbst überstreifen; haben wir erst einmal gelernt, uns in dieser steifen Hülle frei zu bewegen, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir feinste Unterschiede feststellen und die Menschen in Klassen einteilen. Nichts anderes hatte der alte Freiherr von Knigge moniert, wenngleich es ihm mehr um Sitten als um den Tisch ging. Ich nieste. „Hüün’ta-dhöö?“, ließ sich der Dicke vernehmen. „Man pflegt“, diktierte ich meinem Dolmetsch, „in unserem Lande seiner Wertschätzung für einen Gast durch ausgiebiges Niesen bei Tisch Ausdruck zu verleihen. Je öfter, desto mehr Verehrung wird dem Gegenüber zuteil, wobei man mit dem Niesen erst dann beginnen darf, wenn der Gast begonnen hat.“ Und nochmals schnaubte ich durch die Nase.

Kein Zweifel, die außenpolitische Zukunft der karutschischen Regierung stand auf dem Spiel. Ebenso gut hätte man sich einer Diskussion über den Grenzkonflikt stellen können. Wenn jetzt nichts geschähe, würde die Chance auf zehntausend Taschenrechner für immer verstrichen sein.

Der Minister selbst, ein Mann der Tat, rettete die Situation. Beherzt griff er zum Pfefferstreuer – ein nutzloses Gerät, in dem das gemahlene Gewürz allmählich seinen Geschmack los wird – und puderte die Stücke des gebratenen Lamms auf dem Teller großflächig ein. Sie rangen nach Atem, sie schnappten nach Luft. Dann brach eine wahre Explosion los, sie niesten und keuchten und niesten. Ihnen tränten die Augen. Der Minister japste sich die Seele aus dem Leib. „Maköö, maköö!“ „Der Minister ist sehr erleichtert“, teilte der Interpret mit.

Ich werde ihnen eine Dose Schnupftabak nach Karutschistan senden. Zur Völkerverständigung.





Die Welle

22 06 2009

Der Raum war schwarz ausgeschlagen, Tische und Sessel mit schwarzem Samt bedeckt. Madame Scudéry schob den Schleier über die grauen Locken und blickte mit glasigen Augen in die Kristallkugel. „Ich sehe eine gewaltige Welle“, begann sie mit monotoner Stimme, „sie bricht über alles herein und reißt es mit sich fort in den düsteren Abgrund.“ Die Kerzen flackerten unruhig.

„Und jetzt mal Schluss mit der Show. Der ganze Hokuspokus mit Patschuliduft und Käuzchenschrei aus der Konserve ist ja lächerlich. Was machen Sie wirklich?“ Erika Pröppler reckte abrupt den Kopf. „Ich beobachte die Dinge, wie sie sind“, gab sie trocken zurück, „und zähle dann eins und eins zusammen.“ So war das also. Dem hüstelnden Mütterchen bei Regenwetter in die entzündeten Augen blicken und dann eine Erkältung weissagen. Selbst erfüllende Prophezeiungen. Sie begehrte auf. „Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sehe die Wahrheit genau so wie Sie. Aber ich kann sie den Menschen sagen. Mir glauben sie nämlich.“

War sie also tatsächlich keine Hellseherin? „Eher eine Schwarzseherin. Ich sehe schwarz für dieses Land. Aber die Deutschen wollen es ja so. Die Deutschen sind nur zufrieden, wenn sie leiden. Erst dann stehen sie auf und unternehmen etwas. Sie haben eine Woche lang höllische Schmerzen und wimmern sich in den Schlaf, um am Sonntag endlich zum Zahnarzt zu gehen. Der Leidensdruck ist groß genug. Vorher passiert nichts.“ „Sie denken also“, fragte ich, „dass die Deutschen nur auf den Startschuss warten?“ Ihr Gesicht verfinsterte sich. „Der ist schon gefallen. Doch ich sehe noch mehr. Es ist ein Tsunami. Es sieht friedlich aus, weil man kaum eine Veränderung bemerkt. Der Boden hat sich bewegt, es ist etwas weggebrochen. Die Welle läuft nur an der Oberfläche – unten merken Sie zunächst nichts. Nur die Geschwindigkeit, mit der sich die Bewegung Bahn bricht, sollte Sie stutzig machen. Sie sehen es nur, wenn Sie genau wissen, was Sie beobachten. Doch wenn Sie es registriert haben, ist es schon zu spät.“

Was war denn schon? Sie haben versucht, den Schuldenberg ins Hauhaltsloch kippen, um einen Ausgleich vorzutäuschen. Sie haben die Krise, die sie befördert haben, auf dem Höhepunkt noch beschworen und tun alles, damit sie nicht zu schnell vorüber ist – das wollen die Deutschen doch. Was hat sich bewegt? „Der Boden ist ausgehöhlt“, erklärte Madame Pröppler, „und gibt der Last nach. Den Gesetzen zum großen Lauschangriff, zur Telekommunikationsüberwachung, zur Online-Durchsuchung, zur Rasterfahndung, zur Vorratsdatenspeicherung, jetzt der Internet-Zensur. Der Druck, der immense Druck.“ Hätte man die Abgeordneten nicht noch besser auf Stasi-Kontakte überprüfen sollen? „Das ist ja nicht die Frage; die Geschichte muss so oder so umgeschrieben werden, früher, später, was spielt das noch für eine Rolle.“

Ein Tsunami rast mit der Geschwindigkeit eines Passagierflugzeuges still und leise über den Ozean. Erst dann, wenn sich das Meer weit zurückzieht, wird man gewahr, dass sich etwas Unheimliches ereignet. Aber dann? „Das haben wir jetzt schon. Sie haben die Menschen nicht nur aus der Politik vertrieben – Politikverdrossenheit, was für ein Unsinn, es ist Politikerverdrossenheit, sie können den Sums und Brums nicht mehr hören – sondern auch aus dem Staat. Was entwurzelt ist, bewegt sich schneller. Sie haben das Tempo vorgegeben mit den Medien, die sie gekauft zu haben dachten. Die Knallpresse hat alles bejubelt, weil sie es nicht besser verstand. Dieselbe Journaille, die sich im letzten Sommer maßlos aufgeregt hat, weil China das Internet zensiert, frohlockt über den offenen Verfassungsbruch in Berlin. Sie weichen zurück und scheinen das Problem dadurch gelöst zu haben: man muss sie nicht mehr sehen, man kann einfach weiter auf ihnen herumregieren.“

Das Wasser trifft mit ungeheurer Wucht auf das Land, einmal, zweimal, oft. Warum dieser Ausbruch und was würde er verursachen? „Jede andere Welle brüllt einmal auf vor Gischt und sinkt nach ihrem Zerstörungswerk zurück. Hier kommunizieren die Energien. Eine halbe Million haben sie gegen sich – ein Pappenstiel, nicht wahr? Eine halbe Million Kommunikatoren sind es in Wirklichkeit. Sie dürfen sie nicht einfach nur zusammenzählen, Sie müssen die Kräfte multiplizieren. An jedem Tag entsteht mehr Energie als an allen Tagen zuvor.“

Ich lächelte. „Sie hatten die Beharrungskraft des Deutschen schon angesprochen – meinen Sie nicht, dass es mit ein paar internen Wellen gut sein wird? Die Grenzfläche zwischen Politik und Wirklichkeit wird ein wenig aufschäumen, gut, aber dann?“ Sie widersprach mir heftig. „Und bis dahin werden sie bloggen und twittern und demonstrieren und sonst nichts? Obama ist damit gerade zum mächtigsten Mann der Welt geworden.“

Ja, Amerika… und hier? „Sie haben dem Wasser den Krieg erklärt. Sie sitzen an der Küste und sagen dem Meer, es habe zu gehorchen. Die Flut wird ihnen etwas husten. Sie ersaufen jämmerlich. Ein Rollstuhl wird als Treibgut angeschwemmt, dann ist es vorbei. Sie mögen anonym sein und nicht die Macht, sie sind mehr: sie sind die Gewalt. Sie sind das Volk.“ Ich sah versonnen in die Kugel, in der sich die Wellen zu kräuseln schienen, harmlos wie an einem Sommertag. „Ja, das kann sein. Ich weiß es nicht. Aber wem werden sie die Schuld geben? Einer muss es ja sein.“ Madame Scudéry senkte ihr Haupt. „Ich werde es sein, ich. Sie haben in diesem Land schon immer die Mahner gestraft. Die Täter? Wer weiß schon, wer alles dazugehört.“





Justav

21 06 2009

für Kurt Tucholsky

Justav, komm, nu sahre mal:
is det würckich liberal?
Haste det selbs anjeschohm?
Sinn wer ennlich uffjeklärt,
sach: wer hat uns dit beschert?
Justav, det wer ick nich jloom!

Is die Karre inner Jrütze,
kriegste erstma uff de Mütze.
Rumms! det hat a jut jejehm.
A wenn eener jahnischt dhut,
is det ooch für jahnischt jut.
So is dit, von wejen: Lehm.

Justav, ick wer nich vastehn,
soll det imma weita jehn?
Machste nich mehr mit’n Aweck?
A ick seh, det zu vasuchen –
jrüß die Waschfrau. Is ja Kuchen.
Is ja Deutschland. Hat keen Zweck.