Kant, Kishon, Kasperle

1 06 2009

Viereinhalb Monate zynæsthesie. Viele Fragen kamen seitdem in vielen E-Mails. Viele wollten wissen: was macht der eigentlich? Und wie und warum? Was denkt der? Und womit?

Also habe ich Fragen gesammelt, statt immer dasselbe zu schreiben, und sie von einem Freund stellen lassen. Heraus kam ein Werkstattgespräch für alle die, denen ich sehr herzlich danke: die Leserinnen und Leser dieses Blogs, die sich meinen Kopf zerbrochen haben.

Wie schreibst Du eigentlich?

Das ist unterschiedlich. Die eine Hälfte von mir ist Karikaturist. Also klopfe ich wie ein Karikaturist die Medien ab – Zeitungen, Internet, Radio, Fernsehen – und suche aktuelle Themen. Das, worüber man spricht. Das, womit die Menschen etwas anfangen können und wo ich nicht viel erklären muss, weil man schon im Thema drin ist. Zum Beispiel Texte wie diese Papst-Satire oder der Text über die Schweinegrippe-Hysterie. Das wird nach ein paar Tagen bis Wochen unaktuell, aber in dem Augenblick trifft es eben den Nerv des Lesers.

Und die andere Hälfte?

Die andere Hälfte arbeitet wie ein Cartoonist, nur eben mit Sprache; ich mache mit Sprache, was ein Cartoonist mit grafischen Mitteln macht: eine oder mehrere Pointen finden und dann den Rahmen dazu gestalten. Ein Cartoonist würde drei Piraten zeichnen, mit Holzbein, Kopftuch und Ohrring, darüber ein Schild Piraten-Kongress 2009, dann hat der erste Pirat einen Papageien auf der Schulter sitzen, und der zweite sagt zum dritten: „Der Alte hat doch echt einen Vogel!“ Aus der Situation mache ich dann eine Pointe, spinne den Faden der Handlung usw. Ich will eine groteske, hintergründige, doppeldeutige oder einfach paradoxe Situation finden und sie dann zu Ende denken. Und zu Ende denken heißt ja, wie wir seit Dürrenmatt wissen, einer Geschichte ihre schlimmstmögliche Wendung geben.

Also das Absurde interessiert Dich?

Grotesk heißt nicht unbedingt absurd, das ist ein Unterschied. Ich kann eine völlig groteske Situation wie in der Geschichte mit der Wahrheitsdroge erzählen, aber sie läuft ganz konsequent weiter, bis sie ihr Ziel erreicht: die Leute stehen kopf, alle wissen jetzt, was sie schon immer geahnt hatten, und die „Terroristen“ haben ihr Ziel erreicht. Natürlich ist das unmöglich, weil es keine Wahrheitsdroge gibt. Aber wenn es sie gäbe und wenn sie jemand anwenden würde, dann wäre das Ergebnis genau das, was ich hier beschrieben habe. Das ist also nicht eigentlich absurd. Es ist Fantastik; ein Text entwirft sein eigenes Regelwerk und schöpft die Möglichkeiten innerhalb dieser Fiktion aus.

Das Absurde interessiert mich eher, wenn ich meine Themen suche. Aber da bin ich relativ nüchtern. Wenn man täglich mit Reality-TV und BILD gefüttert wird, ist man schon ziemlich desillusioniert und weiß, dass einem alles Sinnwidrige schon begegnet ist und dass es von der Wirklichkeit noch überholt wird.

Das sind auch die roten Tücher für Dich?

Ja, das sind die Zielscheiben, auf die ich immer draufhalten kann, weil es nie einen Unschuldigen trifft. Diese ganze Verlogenheit, diese Maschinerie. Es geht, grob gesagt, um Dummheit, die ich für die gefährlichste Bedrohung der Menschheit halte.

Im Deutschunterricht haben sie uns früher etwas über den herrschaftsfreien Diskurs erzählt, an der Uni haben sie uns mit Kant und Popper und Jaspers gefüttert, und wenn Du rauskommst, steht da der Personalchef und sagt: denken Sie mal nicht so laut. Da frage ich mich doch echt, ob diese bürgerliche Gesellschaft sich nicht mal langsam Sterbehilfe verordnen sollte. Stell Dich hier einmal hin und erzähl was von Vernunft. Da hast Du Glück, wenn keine Bierkrüge gesegelt kommen. Das geht mir am meisten auf den Zeiger, dass die, die oben angekommen sind und mitmischen wollen, außer Halbbildung und Machtstreben nichts im Kopf haben und dann diejenigen für dumm verkaufen wollen, denen sie intellektuell nicht das Wasser reichen können.

Gerichtsshows… ich habe das auch schon gesehen, sonst könnte ich ja nicht mitreden. Aber man weiß als vernünftiger Mensch, dass es nichts mit der Wirklichkeit der Strafprozessordnung zu tun hat. Und das ist gefährlich, wie hier die so genannte „Unterschicht“ zur Dummheit konditioniert wird, das alles für echt zu halten, was ihnen eingetrichtert wird. Das ist brandgefährlich, es unterminiert das demokratische Bewusstsein. Es gibt gute Arbeiten über das Thema – Kultivierung durch Gerichtsshows von Barbara Thym (München 2003) und Die Gerichtsshow als kommunikative Gattung von Jana Scheerer (Potsdam 2007) finde ich lesenswert – und mir graut es, wenn ein Strafrichter sagt, dass Zeugen auf die Rechtsbelehrung verzichten würden, weil sie das schon von Barbara Salesch kennen. Es geht ja gar nicht darum, dass Justiz als Thema auftaucht; in jedem Krimi wird Polizeiarbeit spannend dargestellt, und dabei ist das in Wirklichkeit Papierkram und die Kripo-Beamten arbeiten zu 99% vom Schreibtisch aus. Das ist aber okay. Was nicht okay ist, ist die Inszenierung von Justiz als moralische Instanz, die sich einen autonomen Diskurs schafft. Das wird gemacht, damit ein System nicht hinterfragt wird. Angst sollen die Leute haben, dass an jeder Straßenecke ein Raubmord passiert, und die moralische Instanz sollen sie verinnerlichen statt einer normativ-ethischen. Da wundern wir uns, wenn die sagen: Grundgesetz? Drauf geschissen, lass mal Nazis wählen. Ich sehe da eine eklatante Parallelität zur Maxime des Präventivstaates, der Menschen entrechtet unter dem Vorwand der Verbrechensbekämpfung.

Oder eben BILD. Das ist so absurd, das ist eine ernsthafte Konkurrenz für Titanic. Nur, für Titanic brauchst Du halt einen Schulabschluss.

Stellst Du das Politische in Deinen Aussagen immer in den Vordergrund?

Gibt es unpolitische Aussagen? Wenn ich mich hinstelle und sage, die Leute kaufen Tütenbratkartoffeln und reagieren den Frust darüber mit Trendsport ab, dann heißt das, dass Politik, Wirtschaft und Medien ein ganzen Volk verblöden. Ich halte mich da nicht raus. Wenn jemand den Text über Trendsport für ein politisches Statement hält: prima, Groschen gefallen. Extremsportler sind Profilneurotiker, die wollen keinen Sport machen, sonst würden sie laufen oder schwimmen oder das Geld, das ein trendy Ganzkörperfluganzug kostet, in Golfschläger investieren. Die wollen, dass man ihnen beim Ausleben der Profilneurose zusieht. Der Haken an der Sache ist, dass diese ganzen Typen, die sich auf Rollerblades an Autos bei 100 km/h hängen, mir auf der Tasche liegen, weil es bloß eine Frage der Zeit ist, bis sie sich die Gräten brechen. Die treiben meine Krankenkassenbeiträge in die Höhe. Wenn so einer bei Vollgas auf die Nase fällt und im Wachkoma liegt, kann ich hinterher seine Pflege finanzieren. Meiner Ansicht nach sollte man solche Experimente überhaupt erst von 300 km/h an aufwärts machen dürfen. Ohne Schutzhelm. Die könnte man beim ersten Versuch direkt von der Straße kratzen und fertig. So viel auch zur Frage, wie Zynismus funktioniert: denk den Gedanken zu Ende – bis ganz zu Ende.

Aber die Leute müssen das machen, die Medien müssen das propagieren, die Industrie muss das Zubehör herstellen. Und ich muss das finanzieren, wenn ein Profilneurotiker sich an ein Seil hängt und vom Kran hopst, weil er Potenzstörungen hat, und hinterher unter Inkontinenz leidet – das ist übrigens kein Witz, das kommt viel häufiger vor, als man es für möglich hält. Extremsport belastet die Gesellschaft. Das ist politisch, genau wie Gammelfleischproduktion oder der Skandal, dass man als Hartz-IV-Empfänger schon froh sein kann, dass man noch keine farbigen Markierungen auf die Jacke nähen muss. Es gibt nichts, was nicht mit Politik zusammenhängt, weil es nichts gibt, was im luftleeren Raum stattfindet. Auch nicht, wenn sich Jonas, dieser Gutmensch, Turnschuhe kauft und keinen Extremsport macht – Gutmensch, weil er damit einer südostasiatischen Familie das Überleben sichert, deren zwölf Töchter ganz ohne Kinderprostitution in einem Monat in der Turnschuhfabrik so viel verdienen, wie einer von den beiden Schuhen kostet. Du musst nur immer weiter fragen, der Raum ist nicht luftleer.

Das ist der Grund, warum Du im Blog-Untertitel sagst: die Welt erklären, wie sie wirklich ist?

Ja. Wir leben in einer Gesellschaft, in der keiner mehr fragt, weil er die Oberfläche für das Wesen hält. Wenn Du Dich mit Kants Definition von Aufklärung beschäftigst, wirst Du ganz von selbst anfangen, immer weiter zu fragen. Das Staunen als philosophischer Akt – θαυμα – ist der Ausgangspunkt für Aristoteles, von einer reinen Meinung – δόξα – zu objektivierbarem Wissen – αλήθεια – zu gelangen. Es ist die Triebfeder des Menschen, Dinge verstehen zu wollen. Wer nachdenkt, hat mehr vom Leben. Wer denken will, ist klar im Vorteil.

Kann Satire denn politisch etwas bewirken?

Kann Satire überhaupt etwas bewirken? Die Frage muss sich jeder Kabarettist stellen, wenn er sagt, dass Nazis scheiße sind. Die, die bezahlt haben, um sich das anzuhören, wussten das schon vorher, und die Nazis hören sich keine Kabarettisten an, die Nazis scheiße finden. Der Knackpunkt ist, dass Du immer wieder einen Leser hast, der aufwacht und zu denken beginnt. Der Arbeitslose liest dann eine Geschichte über Blumengießen mit levitiertem Wasser, schlägt sich auf die Schenkel, und dann zappt er ins Online-Tageshoroskop rein, Steinbock, Stier, egal: „Im Job haben Sie heute keine Probleme, wenn Sie sich konzentrieren.“ 40 Millionen EU-Bürger sind Waage, Wassermann, was immer, und haben genau heute ein Erlebnis, das ihre bisherigen Erfahrungen in Frage stellt – passt perfekt, wenn Du an dem Tag stirbst. Der Mensch ist ja nicht per se doof geboren, er wird nur doof gemacht, doof gehalten, und er unterstützt das auch noch nach Kräften.

Wenn Du irgendwo in den Nachrichten hörst, dass ein Minister das Kriegsrecht einführen will und Konzentrationslager für Leute, denen er eine noch nicht näher definierte Straftat immerhin zutrauen würde, dann solltest Du aufwachen und Dich fragen: ticke ich eigentlich noch ganz sauber, weil ich den gewählt habe? Dieselben Leute, die gegen Schäuble auf die Straße gehen und gegen Genmais und gegen Atomstrom, dieselben Leute bestellen sich im Internet levitiertes Wasser in Vollmondabfüllung. Für acht Euro pro Liter. Die nehmen das Wort kritisch in den Mund. Die glauben nicht, wenn ein Wirtschaftsnobelpreisträger denen vorrechnet, dass die Staatsverschuldung Kleinkram ist, die glauben, was BILD sich dazu aus den Fingern saugt. Aber wenn Du ihnen erzählst, dass Edelsteine mit senkrechter Nanostruktur wegen der kosmischen Strahlung die Tuberkulose in Tibet wegmachen, dann sind sie dabei. Da frage ich mich permanent, ob in der Klapsmühle Tag der offenen Tür war.

Die haben eine Chance. Die dürfen sich vor den Spiegel stellen und sagen: ja, ich bin doof. Ich bin das Problem. Ich selbst. Wenn die Leute alle nach diesen neuralgischen Punkten in sich selbst suchen würden, anstatt immer nur mit dem Finger auf die anderen Volleulen zu zeigen, wir hätten eine Mustergesellschaft, wie sie sich Kant in seinem kategorischsten Imperativ nicht hätte träumen lassen.

Wie findest Du die Ideen für Deine Texte?

Bei den aktuellen Themen schaue ich in die Medien, bei den anderen ist das manchmal reiner Zufall. Die Vernissage wurde z. B. durch einen Pressetext angeregt, der bei mir herumlag, dann habe ich eine völlig abwegige Handlung zusammengesponnen, die aber rein theoretisch wirklich jeden Tag so passieren könnte. Der Witz ist, dass es eben so absurd ist, dass es schon wieder „wahr“ wird.

Um noch mal auf die Cartoons zurückzukommen, ich habe sehr viele Ideen beim Kritzeln. Charles M. Schulz, der Schöpfer der Peanuts, schrieb einmal, seine besten Einfälle habe er gehabt, wenn er sich am Anfang eines Arbeitstages im Studio mit Bleistift und Papier „warm zeichnete“ – die Ergebnisse sind keine richtigen Cartoons, eher gerade so hingekrickelt, die Figuren sind kaum erkennbar, es gibt noch keine Handlung, aber man entdeckt Konstellationen. Mir geht das auch oft so. Die Geschichte über das sprechende Navigationsgerät entstand aus der Notiz „Navi antwortet“ auf einem Schmierzettel. Nach und nach kamen mehr Details hinzu, Til Schweiger, Annes Wagen usw., und dann hatte ich ein Grundgerüst für eine Story. Oder nimm diese Geschichte zum Valentinstag, das war so: ich gehe an den Hausbriefkasten, jeder Schlitz vollgepfropft mit Prospekten, und die sind ja mittlerweile schmerzfrei, Datenschutz ist denen völlig wurst, wenn am Briefkasten ein einzelner Frauenname steht, kriegst Du pro Woche einen Festmeter Kosmetikreklame. Ich stelle mir vor, was der Super-GAU wäre, und zack! da ist das Thema: Handcreme zum Valentinstag. Jede Frau würde ihren Mann kreuzigen. Die Story in der Parfümerie ging dann ganz schnell, da habe ich einfach das Klischee ironisiert, dass Männer dumm sind, nichts von Frauen verstehen usw.

Sind Dir eigentlich manche Geschichten wirklich so passiert?

Sagen wir mal, es gab für einige durchaus Anhaltspunkte in meinem wirklichen Leben. Ich habe schon in einem überkandidelten Restaurant mit hochnäsigen Kellnern und einer Pseudo-Speisekarte gesessen, ich habe auch schon mit einer eher schwierigen Begleiterin eine kulturelle Veranstaltung absolviert, und ich habe auch schon mit rücksichtslosen Nachbarn gelebt. In manchen Geschichten steckt ein Körnchen Wahrheit.

Du bist Texter, hilft Dir das beim Schreiben?

Ja, ich bin da wie ein Mechaniker, der in seinem Berufsleben aktuelle Autos repariert und in seiner Freizeit Liebhaberstücke restauriert. Werkzeug und Technik sind dieselben, man hat nur am Feierabend die Freiheit, seine Fähigkeiten auf einem anderen Gebiet zu zeigen. Man ist nicht der Uhr unterworfen, man muss nicht nach Plan arbeiten, man ist einfach freier und hat dann wieder Spaß an seiner Arbeit.

Als Texter ist man in der Sprache zu Hause. Man kennt seine Pappenheimer: welches Wort gibt mit einem anderen eine merkwürdige Verbindung? Welche Missverständnisse können aufkommen, wenn man sich falsch ausdrückt, und wie kann man Doppeldeutigkeiten gezielt nutzen? Und dann hilft einem natürlich auch die Dramaturgie, also wie man Themen entfaltet oder plötzlich von einem ganz entlegenen Ort ins Zentrum kommt.

Das heißt jetzt weder, dass man sich perfekt mit seiner Sprache auskennen muss, um Humor zu produzieren, noch dass man automatisch einen Nerv für Humor entwickelt, wenn man seine Sprache professionell kennt. Es gibt aber einige, auf die das zutrifft. Ephraim Kishon war schon als Jugendlicher aufgefallen, weil er seine ungarische Muttersprache meisterhaft beherrschte. Eric Idle, der Wort- und Sprachspieler unter den Pythons, hat Englisch studiert.

Um mal ein Beispiel aus der Dramaturgie zu nehmen: die Titelzeile lautet Der Meteorit in meinem Wohnzimmer, und dann liest man erst mal ellenlang, wie ich meine Zierfische füttere – jetzt denkt der Leser: hat der den Faden verloren? Was soll das, worum geht’s hier eigentlich? Und zack! knallt der Meteorit durch die Decke. Das sind natürlich Sachen, die man auf vielen Ebenen macht, Satzbau, Wortwahl, Ausdrucksweise – bin ich heute schnoddrig, lieb oder der arrogante Besserwisser? – und damit gestaltet man die Dramaturgie genau so wie in einem Werbetext, mit dem man einem Kunden eine Waschmaschine verkauft oder einen Pappsarg. Das sind eben die Basics.

Kann man die lernen?

Ja und nein. Sicher kann man vieles vermitteln. Es muss aber Neigung da sein, eine Veranlagung. Man kann ein sehr musikalischer Mensch sein, man kann hart trainieren und den besten Gesangslehrer wählen, aber man wird nie auf der Opernbühne stehen, weil man nicht das Talent dazu hat, die Stimme professionell auszubilden. Das soll jetzt aber nicht demotivierend sein, trotzdem hast Du von Deiner Ausbildung etwas. Du wirst mehr Verständnis für Musik haben als die anderen, Du wirst vielleicht in Deiner Freizeit in einem Chor singen und die anderen werden Dich bewundern, weil Du die schwierigsten Passagen beherrschst, und hast das Zeug zum kompetenten Kritiker, weil Du hörst, ob jemand gut ist oder nur so tut.

Seit einiger Zeit hast Du den Charakter Gernulf Olzheimer entwickelt. Wer ist das? Du selbst?

Gernulf Olzheimer ist zunächst eine Hommage an Dietmar Wischmeyer – in der Einleitung zitiere ich die einschlägige Passage aus dem Logbuch – und ist meine Figur für den subjektiven, gehässigen Rant zwischendurch. Das schreibe ich nicht mit dem Präparierbesteck, sondern mit der Kettensäge.

Ich habe nach einem Alter Ego gesucht, dem ich eine eigene Sprache geben kann. Auf die Logbuch-Texte hatte mich ein guter Bekannter gestoßen, ich habe das genau gelesen und als Anregung genommen. Daraus wurde eine Kolumne, die nun – bis auf weiteres – jeden Freitag erscheint. Da muss ich keine Geschichten erzählen, das ist zwischendurch auch mal ganz gut, wenn man dem Leser eine Sache direkt vermitteln kann.

Hast Du jemals darüber nachgedacht, Deine Texte auch als Kabarettist vorzutragen?

Ganz ehrlich: ich könnte es nicht. Vielleicht könnte ich es doch, aber ich will es einfach nicht.

Gags produziert habe ich, auch schon Bühnentexte für Comedy, Theater und Kabarett geliefert, also wüsste ich ungefähr, wie das dramaturgisch geht. Aber ich bin keine Rampensau. Und man muss in der Regel für die Bühne mit breiterem Pinsel arbeiten als bei Lesetexten, es fielen etliche Nuancen weg. Das möchte ich nicht aufgeben.

Ephraim Kishon hattest Du schon angesprochen. Ein Beispiel dafür, dass die Deutschen gerne Satire lesen?

Weil man ihnen sonst immer Humorlosigkeit nachsagt? Ich habe auch schon Franzosen und Dänen gehört, die sagten, ihr Volk sei das humorloseste der Welt.

Ich habe, was Kishons Erfolg betrifft, zwei Theorien. Zum einen denke ich, dass er in der richtigen Zeit und durch diese Zeit populär wurde. Deutschland hatte in den Sechzigern gerade eben die Katastrophe der Hitlerbarbarei verkraftet und die Kriegstrümmer weggeräumt. Die Deutschen waren wieder wer und kriegten wieder eins auf den Deckel, und zwar von dem, was Adorno als die verwaltete Welt bezeichnet hat. Man musste wieder mal überall Nummern ziehen, um Passierschein A 38 zu kriegen. Die deutsche Pest, nur viel perfekter als je zuvor. Und dann kam da dieser Satiriker aus Israel, aus dem Land, das die Juden quasi über Nacht in der Wüste aufgebaut hatten, aus einer Gesellschaft, die sich gerade formierte. Und der schoss scharf auf die ganze Bürokratie und auf den Wasserkopf von Parteipolitik und Gewerkschaften, und die Deutschen stellten auf einmal fest: die haben ja genau dieselben Probleme. Wenn Ephraim Kishon gegen den bürokratischen Wahnsinn in Israel geschrieben hat, konnte man sich als Deutscher sofort damit identifizieren.

Zum anderen ist der Erfolg in Deutschland im Wesentlichen den Übersetzungen von Friedrich Torberg geschuldet. Auch wenn sich Kishon manchmal ironisch über ihn geäußert hat, er wusste ganz genau, dass Torberg einer der brillantesten deutschsprachigen Stilisten des 20. Jahrhunderts war. Welcher Humorist kann schon für sich in Anspruch nehmen, dass ein erstklassiger Schriftsteller für ihn als Übersetzer arbeitet?

Dazu hat Kishon das Musikalische in seinen Texten betont.

Was ich auch für sehr wichtig halte – ein guter Text funktioniert durch kleinste Nuancen, durch die Rhythmik der Sprache, durch Abtönungen des Wortklangs und des semantischen Materials. Er funktioniert durch die Übergänge. Man muss das komponieren. Dann wird ein Text auch organisch, im besten Fall spielerisch.

Mit Georg Ringsgwandl gefragt: Kasperl oder Genie?

Sicher kein Genie, sondern nur ein Handwerker, der sehr akribisch arbeitet. Kasperl bin ich auch nicht, sondern eher der, der sich die Kasperletheaterstücke ausdenkt und sie dann vorspielt. Satire ist Kasperletheater für Erwachsene.

Sind die Figuren in Deinen Texten real?

Ja und nein. Es gibt schon Charakterzüge bei einigen Menschen, die kenne, aber man kann daraus keine 1:1-Relation machen wie: das ist Jonas, das ist Doktor Klengel. Ich vermische auch Dinge, die die realen Menschen sagen oder tun, und baue mir daraus eine Figur, also X plus Y ergibt dann Jonas. Oder ich sehe gewisse Eigenschaften und denke: dies könnte Heike sagen, das lege ich Reinmar in den Mund, weil es besser zur Story passt.

Grundsätzlich bin ich auch da wie ein Cartoonist, der sich sein kleines Universum baut. Doktor Klengel, Herrn Breschke, Anne und Hildegard. Das gibt mir dann auch Sicherheit, dass ich mich auf sie verlassen kann. Auf ihr Eigenleben. Wenn ich Hildegard Rosen schenke, weiß ich, dass sie mir die um die Ohren hauen wird.

Sicherheit auch in dem Sinne, dass ich mich in meinem kleinen Universum nicht so schnell verlaufe. Ein Schriftsteller – ich meine, es war Cees Nooteboom – beklagte einmal die Zumutung, sich ständig in anderer Leute Köpfe reinzudenken und aus deren Perspektive schreiben zu müssen. Das unterschreibe ich sofort. Es ist anstrengend, wenn man es wirklich gut machen will, und daran scheitert auch mancher, der es nicht schafft, einen Dialog authentisch rüberzubringen. Deshalb wähle ich erstens grundsätzlich meine eigene Optik als Perspektive (wenn ich mich nicht ganz raushalte und auktorial erzähle), und zweitens bewege ich mich in einer Umgebung, die mir vertraut ist. Herr Breschke gibt mir Halt. Auch wenn der Typ einen gewaltigen Sprung in der Schüssel hat.

Um noch mal auf das Kasperletheater zu kommen: ein Text und seine Dramaturgie funktionieren einfacher, wenn man weiß, welche Rolle man wie besetzen kann. Und wenn ich es wirklich mal absurd machen will, dann lasse ich Kasperl die Sachen sagen, die normalerweise das Krokodil sagt.

Das hört sich nach Perfektionismus an.

Natürlich. Ich möchte keine schlechten Texte auf die Leser loslassen. Auch wenn es sie nichts kostet, weil es ein Blog ist, sie opfern Zeit. Die Leser könnten in der Zeit viel bessere Sachen machen, sich um andere Menschen kümmern oder gegen Dummheit demonstrieren. Die müssen hier jeden Tag rumhängen und ihre Sucht befriedigen. Dann sollen sie doch auch das Beste lesen, was sie kriegen können. Also sprachlich.

Und Du drückst Dich gerne sehr exakt aus.

Ja. Nächste Frage.

Manchmal wirkt das etwas steif, ich denke da an die Konjunktive.

Ich wüsste jetzt nicht, was man gegen Konjunktive haben sollte. Wenn einer sagen würde: „Ich würde sagen“, würde ich sagen: sag’s doch!

„Bin ich da so am Machen, weil das ist Montag, kommt da der Kalle.“ Bring mal einem Ausländer bei, der formvollendet Hölderlin vorlesen kann, das sei Deutsch. Das funktioniert vielleicht auf dem Schrottplatz nach einer Kiste Bier, aber sobald mich mein Kundenberater bei der Bank so anquatscht, ist mein Konto da Geschichte.

Die meisten Menschen denken doch, man habe einen Dachschaden, wenn man seine Muttersprache beherrscht. Ist denn Deutsch so schwierig? Im Lateinunterricht lernt man, dass ein kompletter Satz in die Grütze geht, wenn man den falschen Konjunktiv nimmt. Im Altgriechischen gibt es Verbformen, die haben sie im Althochdeutschen schon aus Gnade abgeschafft. In den slawischen Sprachen gibt es ein komplett ausgebautes Aspektsystem, in den semitischen Sprachen – Hebräisch, Arabisch – ist das sogar entscheidend für die Zeitstufe. Im Englischen, das jeder moderne Deutsche so perfekt spricht, dass er inzwischen zu Denglisch konvertiert, sind I do und I am doing zwei völlig unterschiedliche Aussagen – so kommen die großen Klopper der Kulturgeschichte, so kommt von den Scorpions I’m still loving you, das heißt übersetzt: „Ich bin immer noch auffe Alte am Machen“. Und ich soll mich fragen lassen, ob ein korrekter Konjunktiv steif klingt? Haben wir sonst keine Schmerzen?

Warum ein Blog? Warum nicht ein Buch oder eine Kolumne?

Da kommt wieder der Karikaturist zum Vorschein: weil es aktuell ist. Weil ich hier jeden Tag eine andere Sache beschreiben kann. Auf der anderen Seite ist das auch meine elektronische Fußfessel an die Sprache und mein heimliches Trainingslager, in dem ich meine schrägen Ideen auslebe.

Außerdem bekomme ich hier schnell Feedback von den Lesern, die ihre eigene Meinung zu meinen Themen haben. Das dauert bei einer Zeitungskolumne oder Buchveröffentlichung ja doch seine Zeit, bis jemand über die Medienbrücke geht und mal eine Mail schreibt.

Noch ein Vorteil ist, dass das Internet nicht an Landesgrenzen gebunden ist. So habe ich von überraschend vielen Lesern aus der Schweiz Resonanz bekommen. Natürlich liest man deutsche Medien auch in der deutschsprachigen Schweiz, in Österreich oder anderswo. Ich kann mir hier ja auch den Standard oder die Neue Zürcher Zeitung kaufen. Aber wenn ich erfahren will, was gerade auf dem Buchmarkt speziell in Österreich passiert, komme ich in einer Buchhandlung meistens nicht weit. Das finde ich höchstens im Internet. Insofern ist das schon eine gute Sache, dass die Kanäle nicht an irgendwelchen Staats- oder Vertriebsgrenzen plötzlich enden.

Aber Dein Blick geht nicht so oft über die Grenze.

Weil das eine Frage der Kompetenz ist. Ich lese auch Dinge aus dem Ausland, aber wenn ich jetzt etwas schriebe über Christoph Blocher oder Doris Fiala, würden die Leser in der Schweiz vielleicht sagen: der hat gar nicht den Hintergrund, das kann man doch noch viel besser schreiben. Da bin ich nicht kompetent. Bei Berlusconi geht das im Karikatur-Modus, weil er in ganz Europa beobachtet wird, sonst wäre es auch nicht möglich.

Ich könnte fabulieren, wie Westerwelle mit 89% Kanzler wird, weil er einen Obama-Wahlkampf inszeniert, und wie die Deutschen ihm den Traum von einem politischen Wechsel ins Zeitalter des neoliberalen Messianismus abkaufen. Ich kann aber Obamania nicht erschöpfend beschreiben, weil mir die politischen, soziologischen, medialen und kulturellen Hintergründe der USA nicht hinreichend präsent sind. Ich muss fühlen, wo der Unterschied zwischen sauberer Beweisführung und Klischee ist, und ich kann es in diesem Fall eben nicht so festschreiben, dass es für eine Argumentation auf meiner Seite reicht. Und dann lasse ich die Finger davon, weil man gegen Polemik nicht mit Gefasel angehen darf. Das wäre nicht zielführend.

Ganz davon abgesehen ist es auch eine Frage der Medienkompetenz: wenn ich in eines meiner Nachbarländer ginge, nach Dänemark oder Polen, Tschechien oder Frankreich, wer wüsste da über die deutsche Innenpolitik Bescheid? Ich kann das nicht verlangen. Ich weiß genauso wenig über Frankreich und Polen.

Letzter Punkt: die Gedichte. Wie passt Lyrik in einen satirischen Blog?

Satire ist und war immer schon Verdichtung, Lyrik ist dasselbe. Das hat eine lange Tradition, für die deutsche Sprache möchte ich nur Heine, Morgenstern, Tucholsky und Kästner nennen oder Ringelnatz, Erhardt, Gernhardt. Dazwischen ist eine große Spannweite, sie finden sich aber alle irgendwo wieder. Lyrik ist nur eine andere Gattung als Prosa. Sie nutzt andere Stilmittel, eine andere Dramaturgie, und sie kann damit andere Inhalte erschließen.

Kann ein Gedicht Satire sein?

Ja, auch im engeren Sinne, technisch und inhaltlich. Die klassischen Mittel wie Parodie oder romantische Ironie und alle Mittel der Brechung sind in der Lyrik präsent, niemand käme zum Beispiel auf den Gedanken, Kurt Tucholskys Verse wie Rosen auf den Weg gestreut nicht als Satire aufzufassen. Ein Gedicht ist eine andere Form als ein Prosatext, aber keine Schablone. Da ist im Deutschunterricht bei einigen etwas schief gelaufen und sie halten nun Gedichte oder das Wort „lyrisch“ für irgendeine pathetische Sache, die man schön findet und dann auswendig lernt. Das ist Unsinn. Das Gedicht, sagt Robert Gernhardt, kann alles. Manchmal auch schärfer, weil es einen größeren Interpretationsspielraum bietet.

Finale: Wünsche für die Zukunft?

Viele Ideen. Viele Leser, die sich positiv oder negativ äußern, vor allem: dass sie kommentieren. Dass der Wunschzettel immer mal wieder Geistesblitze abkriegt. Dass wir der Dummheit die Zähne zeigen. Dass Denken nach wie vor erlaubt ist, weil es nach wie vor geboten ist.

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