Schlabberkappes

2 06 2009

Die Feiertage hatten es wirklich in sich gehabt. Der Lammbraten, den mir Breschkes aufnötigten, war nicht weniger anstrengend gewesen als die Fische in Bücklers Landgasthof. Kuchen und Süßspeisen taten Ihres, abgesehen von Tante Elsbeths Eiersalat. Mit Mühe überstand ich das Meeting, Plätzchen und belegte Brötchen geflissentlich ignorierend. Es war nichts zu machen, es ging nichts mehr rein.

Doch irgendwann verlangt die Natur ihr Recht. Der Teufel ist ein Eichhörnchen, und so bemerkte ich das leise Magenknurren erst nach drei Stunden Sitzung. Alle kalten Platten waren längst geräubert, vom Feingebäck blieben nur Krümel übrig. Als hätte sich alles gegen mich verschworen, lief ich aus der Drehtür des Bürogebäudes geradewegs in die Fänge des Schnellrestaurants. Imaginäre Fritten stapelten sich vor meinem inneren Auge. „Es ist, was es ist“, kicherte die Unvernunft, „Du hast Hunger.“ Ich konzentrierte mich auf fettige Klopse, sah südamerikanischen Regenwälder in Flammen aufgehen und schmeckte bereits das sägemehlartige Aroma der labberigen Brötchen, doch es half nichts. Ich liebte es nicht, es war nur stärker.

Systemgastronomie ist die kulinarische Antwort auf den Horrorfilm; man weiß zwar vorher, dass man die Sache nur mit einer Magenverstimmung übersteht, wenn dann aber tatsächlich ein Zombie aus dem Wäscheschrank kippt, ist man nicht mehr ganz so angewidert. Ich öffnete die Schwingtür und trat in den Hamburger-Tempel.

Seltsamerweise trugen die Angestellten alle eine Art blau gestreifter Kittelschürzen und karierte Kopftücher. War die Putzmannschaft nicht zeitig genug fertig geworden? Eine dickliche Verkäuferin klatschte Papier auf das Tablett und begrüßte mich: „Lütket bierden tou iäten, woll?“ Unter meinem skeptischen Blick errötete sie leicht. „Ich kriege diesen Dialekt einfach nicht hin, tut mir Leid. Aber ich habe es versucht.“

Ich zählte auf. „Einen Cheeseburger, einen Salat mit Putenstreifen…“ Sie fiel mir ins Wort. „Haben wir nicht.“ Warum nicht? „Sehen Sie sich doch um. Westfälische Wochen.“ Jetzt erst fiel es mir auf. Die Kassiererin trug Pantoletten. Strohhalmspender, Kunststoffpalmen und Aluminiumtischchen waren stilreinem Gelsenkirchener Barock gewichen. Ich starrte sie an. „Meine Güte, wenn Sie hier schon westfälischen Budenzauber machen, könnten Sie wenigstens einen Hamm-Burger anbieten. Oder Datteln. Was haben Sie denn?“ Sie wies auf die Tafel. McPanhas. Was in Teufels Namen ist ein Big Möppkenbrot? „Ja also, Schweineblut, bisschen Instant-Brühe, klein gehackte Fleischreste, Schlachtabfälle, Speckstücke, so Zeugs halt.“ Angewidert schob ich das Tablett von mir, doch sie zog nur eine Augenbraue mokant in die Höhe. „Und was befindet sich Ihres Erachtens nach in einem Cheeseburger? Wenn Sie das wüssten, würden Sie mit Sicherheit keinen mehr essen wollen.“ Sie mag ja durchaus Recht gehabt haben, aber wenn das Essen sein sollte, was wäre dann Kotzen?

„Und eine mittlere, nein: geben Sie mir eine große Tüte Pommes frites dazu.“ „Haben wir nicht.“ „Keine Pommes“, echote ich, „soll ich das Zeug etwa trocken runterwürgen?“ Mit stoischer Ruhe wies die Burgerfee auf das illuminierte Menü. „Wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben. Entweder mit Pumpernickel oder mit McKnabbels. Staubt beides.“ „Knabbels?“ „Knabbels. Weizenbackware in Stücken, im Ofen ausgehärtet.“ Sie beugte sich über den Kassentresen und flüsterte mir vertraulich zu: „Unter uns, wir lassen die alten Sesambrötchen eine Woche lang an der Luft liegen. Dröge wird das Pappzeug von alleine. Und passen Sie bloß auf Ihre Zähne auf!“

Es sah auch entsprechend aus, vermutlich just aus Brockhausen eingeflogen. „Nehmen Sie doch einen Becher Schlabberkappes dazu. Dann werden die Dinger beim Stippen wieder weich.“ Ironisch fragte ich, ob sie das nicht gleich im Ensemble als Senior-Tüte verkaufen könnte, doch sie blieb völlig unbeeindruckt. „Senioren-Meal ist mit Knockepott. Oder Sie nehmen eine Mantaplatte, dazu servieren wir dann Pommes schranke.“ Und die Getränke? „Wir haben da etwas, aber ich weiß nicht, ob Sie das unbedingt trinken wollen. Es ist doch sehr speziell.“ Ich wollte es unbedingt wissen. So füllte sie vor meinen Augen einen Styroporbecher mit einer schalen, gelblichen Flüssigkeit. Altbier. Ich schüttelte mich.

„Bisschen was Süßes für hinterher?“ Sie ließ nicht locker. „Jan im Sack vielleicht?“ Das hörte sich ja nicht gerade transparent an. „Na und“, gab sie gleichmütig zurück, „in die Apfeltaschen können Sie ja auch nicht reingucken.“ Da reichte es mir. Der Appetit war mir längst vergangen. Ich verließ den Laden und beschloss, Potthucke und Stippgrütze so schnell wie möglich zu verdrängen. Wenigstens so lange, bis der nächste Bratwurststand in Sichtweite käme. Zwischen Nierentischchen und Schalke-04-Aufstellern hindurch lavierte ich mich zum Ausgang.

„Kommen Sie unbedingt übernächste Woche wieder“, rief mir die Frittenschauflerin nach, „Maultaschen-Nuggets und McSpätzle-mit-Linsen! Mir habet schwo… schwee… also schwäbische Küche!“

Los Kehrwochos. Das hatte mir gerade noch gefehlt. Nie wieder Systemgastronomie!